Suche: 
V. Die Gebote - eine Gewissenserforschung

Wer sich vor einer Beichte (oder einfach nur einmal im Jahr als "seelische Inventur") die Zehn Gebote vornimmt und überprüfen möchte, wie es mit seinem "Sündenkonto" aussieht, ist oft relativ schnell fertig.

1. Ich bin der Herr, Dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.

"Andere Götter? Ich kenne ja kaum den einen..."

2. Du sollst den Namen Gottes nicht verunehren.

"Namen Gottes... Jehova? Habe ich nicht verunehrt. Ich benutze ihn ja auch nie."

3. Gedenke, dass Du den Sabbat heiligst.

"Sabbat? Was ist das? Zumindest habe ich ihn nicht entheiligt, ist doch auch schon was."

4. Du sollst Vater und Mutter ehren.

"Hab ich. Ich habe immer schön 'Danke' gesagt und Geschenke gekauft. Ich bin lieb zu ihnen. Meistens."

5. Du sollst nicht morden. - 6. Du sollst nicht die Ehe brechen. - 7. Du sollst nicht stehlen.

"Gemordet? Fremd gegangen? Gestohlen? Na, das wüsste ich aber!."

8. Du sollst kein falschen Zeugnis geben über Deinen Nächsten.

"Zeugnisse stelle ich sowieso nicht aus..."

9. Du sollst nicht die Frau Deines Nächsten begehren.

"Ich finde die Frau meines Nachbarn überhaupt nicht attraktiv. Was will ich mit der?! Die kann der gerne behalten. Obwohl... gucken muss doch wohl erlaubt sein, oder?"

10. Du sollst nicht das Hab und Gut Deines Nächsten begehren.

"Das gleiche gilt für sein Haus und Auto. Allerhöchstens seinen Swimmingpool... aber, der macht auch nur Arbeit."

Klar - das führt zu nichts, und wir wissen: Die Gebote sind anders gemeint. Irgendwie umfassender und grundlegender. Irgendwie...

Das Problem ist, dass wir, wenn wir die Gebote nicht wörtlich nehmen, schnell dabei sind, ein Gebot nur noch als Symbol zu sehen (so wird unter dem 6. Gebot alles zusammengefasst, was irgendwie mit Sex zu tun hat - und überhaupt nicht mehr im Zusammenhang mit Ehebruch steht). Das führt dann auch wieder zu nichts - dann fassen wir unter die Gebote doch nur wieder die Moralvorstellungen unserer Zeit; die Gebote sind dann nichts als ein Ordnungssystem.

Wahrheit liegt mal wieder in der Mitte: Jedes Gebot drückt schon eine grundlegende Versuchung des Menschen aus; und gleichzeitig sind die Gebote sehr viel realer gemeint, als wir zunächst glauben.

 

 

PDF-Datei zum Drucken oder Download dieser Katechese

Diese Katechese ist auch als gedrucktes Heft (Nr. 059) erhältlich: Kostenlose Bestellung

1. Ich bin der Herr, Dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.

Es geht bei diesem Gebot nicht nur vordergründig darum, in einen fremden Tempel gegangen zu sein und dort heimlich einer fremden Gottheit ein kleines Opfer dargebracht zu haben. Obwohl das heutzutage auch oft vorkommt - dann aber meistens aus folkloristischen Gründen; aus Jux bei der letzten Kegeltour auf den Malediven... aber damit versündigt man sich eher gegen die andere Religion, die man lediglich als bunte Kulisse versteht.

Der erste Platz und der letzte Sinn

Nein, die Frage, die das erste Gebot an uns richtet, ist eine andere. Gott ist schließlich der, der den ersten Platz in meinem Leben einnimmt. Er hat mich geschaffen, Ihm verdanke ich alles. Er erwartet mich nach diesem Leben, auf Ihn hin lebe ich. Er ist mein Gott, meine Kraft, mein Leben: Er lässt mich leben.

So formuliert klingelt es schon: So gesehen habe ich vermutlich schon öfter mal gegen dieses Gebot verstoßen.

Im Film "Glauben ist alles" antworte die Möchte-gern-Frau des Rabbis auf die Frage: "Lieben Sie Aerobic?" mit einem vorwurfsvollen Blick und Ton: "Lieben? LIEBEN?? Aerobic ist mein Leben!" Als Rabbi sollte man hier sofort an das 1. Gebot denken...
Aber nicht nur, wenn wir sagen, dass irgendeine weltliche Sache "mein Leben" ist, "meinem Leben einen Sinn gibt" oder "mich am Leben erhält", sündigen wir gegen das Erste Gebot - sondern noch viel mehr, wenn wir so handeln.

Verheimliche ich meinen Glauben? Bete ich nicht vor anderen? Ist es mir peinlich, beim Beichten gesehen zu werden? Gestehe ich - z.B. auf Wochenendfahrten oder -veranstaltungen - dass ich gerne am Sonntag zur Messe möchte?

Wem will ich gefallen?

Im Grunde steckt in jeder x-beliebigen Sünde ein Verstoß gegen das Erste Gebot. Denn bei jeder Sünde spielt das Motiv eine Hauptrolle - und wir sündigen ja meistens, weil wir andere Dinge oder Personen über Gott stellen.

"Ich weiß, man soll nicht lügen... aber was soll mein Chef von mir denken, wenn ich jetzt die Wahrheit sage?" "Ich weiß, ich sollte jetzt noch nicht mit meinem Freund schlafen... aber nachher ist er enttäuscht von mir oder denkt, ich habe ein Problem mit ihm."
"Ich weiß, ich habe meinen Eltern versprochen, jetzt nach Hause zu gehen... aber es ist gerade so schön hier."
Ich weise im nächsten Kapitel darauf hin, dass wir uns nicht nur deshalb an ein Gebot halten sollen, weil Gott es erlassen hat - wir sollen es auch verstehen. Und eigentlich sollen wir uns an die Gebote halten, weil wir erkennen, dass sie nicht nur Gottes Wille sind - sondern sehr gut und heilsam für uns.

Aber dennoch ist jede Sünde auch eine Ab-setzung Gottes; obwohl ich die Sünde kenne, ist mir wichtiger, dass mein Freund (Freundin, Ehepartner, Lehrer, Chef...) mit mir zufrieden ist, als die Zufriedenheit Gottes.

Fremde Religionen

Aber natürlich gehört in das Erste Gebot die Zuwendung zu anderen Religionen. Natürlich gehen wir nur selten wirklich "fremd", indem wir Mitglied anderer Religionen werden. Aber wir "räubern" dort gerne: Etwas Seelenwanderung aus dem Buddhismus, etwas Yoga aus dem Hinduismus...

Aber seien wir auch nicht überkritisch: Nicht alles, was in anderen Religionen praktiziert wird, ist schlecht. "Prüfet alles und behaltet das Gute!" sagt Paulus, und deshalb dürfen wir uns in fremden Religionen und Kulturen gerne umsehen und Gutes übernehmen.
Aber oft heben wir lieber fremde Schätze und verwerfen das eigene Gold. Und oft finden wir etwas nur deshalb interessant, weil es eben nicht christlich, sondern exotisch ist. Vor allem verdrängen diese Praktiken und Übungen häufig unser Gebet oder ersetzen das Gespräch mit Gott. Viele dieser Dinge gaukeln uns vor, wir könnten uns selber heilen und retten und bräuchten keinen Gott mehr.

Das gilt auch für den Aberglauben: Ob wir in Edelsteinen eine verborgene Kraft vermuten, in schwarzen Katzen einen Vorboten für nahendes Unheil oder in Erdstrahlen einen triftigen Grund, das Schlafzimmer umzuräumen - ob das Aberglauben ist oder nicht, ist nicht immer einfach zu entscheiden. Sobald aber der Mondkalender nicht nur eine praktische Alltagshilfe wird, sondern eine Droge und mir wichtiger als mein Gottvertrauen - dann habe ich mir einen anderen Gott gewählt.

Das Bilderverbot

Manche christliche Konfessionen haben eine andere Zählung der Gebote; sie sehen im Verbot, sich von Dingen auf der Erde oder im Himmel Bilder zu machen, ein eigenes Gebot und nehmen dann die letzten beiden Gebote wieder als eines. Und die Anhänger dieser Konfessionen werfen uns Katholiken dann oft vor, wir hätten das Bilderverbot bewusst unterschlagen.
Das stimmt natürlich nicht: Wir haben es nicht unterschlagen, es gehört mit zum Gebot: "Du sollst keine anderen Götter neben mir haben." - Aber vielleicht haben die Kritiker der alten Zählweise der Gebote ein berechtigtes Anliegen: Es besteht die Gefahr, dass wir zwar überzeugt sind, keine Bilder an die Stelle Gottes zu setzen - es aber unbemerkt doch tun.
Hüten wir uns also davor, den Schutz Gottes für uns davon abhängig zu machen, ob wir eine Medaille oder ein Kreuz tragen - die Zeichen für Gott sind nicht Gott selbst. Hüten wir uns davor, nur dem Gebet vor einem bestimmten Gnadenbild Macht und Erhörung zuzusprechen - Gott hört jedes Gebet, das mit dem Herzen gesprochen wird.
Hüten wir uns davor, über richtige oder falsche Bilderverehrung zu streiten - ein Bild ist immer nur eine Hilfe für uns zum Gebet - nicht für Gott.

2. Du sollst den Namen Gottes nicht verunehren.

Auch im Zweiten Gebot geht es nicht allein um ein Wort, das den Namen Gottes benennt (ob nun "Jehova", "Jahwe", Jesus, oder nur Gott oder Allmächtiger). Der Name Gottes ist für das Alte Testament gleichbedeutend mit Gott oder mit Gottes Ansehen.

Redewendungen und Flüche

So dürfte es keine Sünde sein, gelegentlich "Oh Gott!" zu sagen (oder: "Gott sei dank!" - oder: "Um Gottes Willen!" - das kann im Gegenteil sogar Ausdruck einer guten Beziehung zum Herrgott sein). Wer aber im Namen Gottes flucht oder Schlechtes gutheißt, missbraucht sowohl den Namen Gottes, als auch Gott selbst.

"Gottverdammter Idiot!"
"Dass Du mal Abitur machst, möge Gott verhüten!"
"Dafür möge Gott Dich strafen!"
"So ein gottloses Ding!"
"Ich bete zu Gott, dass N.N. endlich das Zeitliche segnet...!"

auch:

"Möge Gott uns beistehen" - wenn man gerade etwas Sündiges vorhat.
"Gott wird schon nichts dagegen haben..." - dito.
"Sieht so aus, als wenn Gott mich mag..." - wenn man mal nicht erwischt wird.
Achte auf Deine Sprüche! Meistens sind sie gedankenlos - aber deswegen oft auch respektlos. Gott hat mehr verdient.

Gott schlecht machen

Aber es geht nicht nur um den Namen, sondern auch um den "Ruf" Gottes. Den können wir auf ganz leicht ruinieren: Indem wir als Christen und Kinder Gottes so handeln, als gäbe es diesen Gott nicht. Das ist schneller getan als darüber nachgedacht. Aber auch Gedankenlosigkeit ist eine Sünde.
Aber auch wenn wir im Namen Gottes Böses tun: Menschen diskriminieren, weil sie nicht "gottgefällig" leben (vielleicht gefallen sie Gott viel mehr als unserem persönlichem Geschmack); Sündern nicht vergeben; Fehler anderer angeblich "um der Gerechtigkeit willen" öffentlich machen - usw. Das sind subtile Sünden - oft oberflächlich gesehen nicht schlimm; aber da sie im Namen Gottes geschehen sehr, sehr abgründig.

Gott verzwecken

Sobald wir Gott für unsere Ziele einspannen, benutzen wir den Namen Gottes, um uns selbst zu sanieren. Das beginnt beim Gebet für den Sieg des eigenen Sportvereins - oder dass die eigene Firma den umkämpften Auftrag erhält - oder die eigene Partei bei der nächsten Wahl gewinnt - und endet schnell beim Gebet, das ein Konkurrent doch einen kleinen Unfall haben möge...!

Helmut Kohl wurde einmal vor der Bundestagswahl gefragt, ob er für den Sieg der CDU beten würde. Er antwortete: "Ich bete für Gesundheit und persönliche Dinge. Für einen Wahlsieg bete ich nicht - dafür arbeite und kämpfe ich!"
Auch in der Erziehung kann Gott verzweckt werden: Wir drohen mit Gott und Seiner Strafe, um Kindern Angst zu machen und uns Gottes Autorität zu leihen. Bedenken wir, was wir in den Kindern damit auslösen können - oft rauben wir den zukünftigen Jugendlichen und Erwachsenen durch diese Erziehungsbequemlichkeit schon in der Kindheit die Beziehung zu Gott.

3. Gedenke, dass Du den Sabbat heiligst.

Während die Juden damit tatsächlich den Samstag meinten, ist seit der Auferstehung Christi der "Heilige Tag" auf den Sonntag verschoben worden. Und damit hat er auch eine neue Bedeutung bekommen: Der Sonntag soll ein Tag des erneuerten Lebens in Gott sein - und ein Tag der Auferstehungsfeier.

Der vertrödelte Sonntag

Der Sonntag wird nicht nur durch unnötige Arbeit entwürdigt (auch wenn die zunehmende Egalisierung des Sonntag als Werktag auch schon ein Problem in unserer Gesellschaft ist), sondern viel häufiger durch das Degradieren des Sonntags als "Schlaftag". Samstag - da geht die Post ab! Und am Sonntag regiert der Kater...
Wie schnell wird der Sonntag zum "Tag des Nichts-Tuns" und vor dem Fernseher verbracht. Bevor man sich aufrafft und sich etwas Schönes überlegt, das man sich gönnen will, ist der Sonntag schon wieder rum. Deshalb braucht ein guter Feiertag wie der Sonntag auch eine Vorbereitung und Einstimmung: Der Samstag sollte (unter anderem) dazu dienen, lästige Arbeit vom Sonntag fernzuhalten, für Ordnung und Feierlichkeit zu sorgen, sich einzustimmen - und zu überlegen, wie man den Sonntag heiligen kann.

Die Heiligung des Sonntags

Zur Heiligung des Sonntags gehört vor allem der Gottesdienst, das Gebet und die Ruhe, um Gottes Nähe zu spüren. Der Sonntag ist schon so etwas wie ein Wellness-Tag - aber eben für unsere Seele, und nicht nur für den Leib (wobei das eine oft zum anderen führt). Und was ist für unsere Seele besser als Gott?

Klar - dazu muss man sich manchmal aufraffen. Aber allein die Tatsache, dass man sich überwinden muss, darf kein Hindernis sein. Wer sich einen schönen Tag in der Wellness-Abteilung gönnen will, muss sich auch erst einmal aufraffen, Sachen packen und auf den Weg machen.
Der Sonntag wird darüber hinaus geheiligt, indem wir nicht nur uns selbst freuen, sondern auch Freude bereiten. Besuche, Geschenke, Kino und Theater, festliches oder gute Essen, Familienausflüge und gute Gespräche sind Geschenke, die wir auch Gott machen.

4. Du sollst Vater und Mutter ehren.

Dieses Gebot ist so eine Art "Generationen-Vertrag": zu der Zeit, als es noch keine Rente und Krankenversicherung gab, war es eine Pflicht der Kinder, für ihre Eltern dazusein. Es ist darüber hinaus ein Gebot zur grundsätzlichen Dankbarkeit: Denn viele Menschen sind zusammen mit unseren Eltern daran beteiligt gewesen, dass es uns heute so gut geht.

Der Sozialstaat

Heute glauben wir oft, dass der Sozialstaat uns diese Pflicht abgenommen hat. Unsere Eltern sind gut versorgt - doch auch ohne unser Zutun. Oder?
Ja - deshalb heißt es ja auch nicht, "Du sollst Vater und Mutter versorgen", sondern ehren. Dankbarkeit erschöpft sich nicht in Geldzuwendungen. Vor allem sollten wir Dankbarkeit zeigen; unseren Eltern bis zuletzt zeigen, dass sie erwünscht und geliebt sind (und nicht lästig, teuer und störend). Auch dann, wenn sie ihre Macken und Kanten haben - gerade im Alter kommt keiner daran vorbei.

Verzeihen

Eltern müssen ihren Kindern viel verzeihen - vom abgebrannten Teppich bis hin zur gezielten Beleidigung, weil man so früh zuhause sein muss. Das gilt dann sehr früh auch schon umgekehrt: Die Kinder sollten auch damit leben lernen, dass ihr Eltern nicht perfekt sind. Manche sogar sehr fehlerhaft und in ihren Augen vielleicht sogar schlechte Eltern...

Verantwortung abschieben

Den Eltern zu verzeihen ist nicht einfach; wir haben immer noch den Anspruch, perfekte Eltern verdient zu haben; und viele unserer Fehler schieben wir auf unsere Erziehung (obwohl wir schon längst selbst dafür verantwortlich sind).
Und wenn wir dann irgendwann unsere Eltern als Oma und Opa erneut mit der Erziehung betrauen - diesmal der Enkel - dürfen wir auch nicht alles Schlechte unserer Kinder den "veralteten Erziehungsmethoden der Großeltern" anlasten.

Loslassen

Kinder erziehen von Anfang auch ihre Eltern - Erziehung ist immer ein wechselseitiges Geben und Nehmen. Kinder, die erwachsen werden, müssen sich dann (manchmal) den Weg aus der Obhut der Eltern freikämpfen, damit ihre Eltern sie loslassen und ihre eigenen Wege gehen lassen. Aber das gilt auch umgekehrt: Kinder müssen ihre Eltern auch loslassen und ihnen zugestehen, nun an sich selbst denken zu können. Wir haben kein Anrecht auf ihre fortgesetzte Dienste!

Dankbarkeit

Der Gedanke "Ich sage mit meinem Leben Danke für das, was mir geschenkt wurde." gilt natürlich primär für die Eltern. Aber unsere Dankbarkeit sollte nicht so enge Grenzen haben: Im Vierten Gebot dürfen wir sehr wohl auch eine Anregung sehen, unseren Lehrern, Tanten, Onkeln und Nachbarn ebensoviel Dankbarkeit zu zeigen wie unseren Schulkameraden, Ausbildern oder Professoren - den Fahrlehrer nicht zu vergessen.

Pflege

Nicht jeder hat die Zeit und Möglichkeit, die eigenen Eltern am Ende ihres Lebens zu Hause zu pflegen und zu versorgen. Manche aber schrecken einfach nur vor dieser Belastung zurück; vielleicht hilft in diesem Fall zu bedenken, dass man am Ende des Lebens den Eltern die Liebe zurückgeben kann, die man selber am Anfang des eigenen Lebens erhalten hat - darin kann großes Glück verborgen liegen.

5. Du sollst nicht morden.

"Ich habe doch niemanden ermordet...!" ist eine der Standard-Entschuldigungen, wenn wir uns vor der Beichte drücken wollen. Hm... stimmt das?

Abtreibungen

Darüber brauche ich hier keine große Diskussion anfangen: Abtreibung ist Tötung von unschuldigen Menschen. Vielleicht bin ich selbst daran schuldig geworden; vielleicht habe ich eine Abtreibung befürwortet, dazu geraten oder sogar erzwungen. Vielleicht habe ich mich aber auch nur der "unterlassenen Hilfeleistung" schuldig gemacht, weil ich weder Hilfe angeboten habe - und auch nicht das gesellschaftliche Schweigen zu dieser Massentötung brechen wollte?
Aber auch so kleine Bemerkungen "Boah, ist die blöd - mit 15 schon schwanger!" können dazu führen, dass scheinbar ganz Unbeteiligte sich nicht mehr trauen, ihr Kind zur Welt zu bringen - weil sie Kommentare wie den Deinen fürchten.

Verkehrstod

Aber auch unser Verhalten im Straßenverkehr kann Leben kosten - nicht nur, wenn wir am Steuer sitzen und zu schnell fahren. Wir können ein solches Verhalten auch provozieren, indem wir uns über die "lahme Schnecke" vor uns fröhlich aufregen oder begeistert sind, wenn jemand einen neuen "Streckenrekord" aufstellt.
Aber auch die Angst, den Raser mit mahnenden Worten zur Spaßbremse zu werden; die netten Worte, die den Autofahrer noch zu einem letztem Glas Bier ermuntern; das schlechte Vorbild, das wir Fahranfängern geben, "um mal zu zeigen, wie gut ich bin"... alles das tötet. Auch Kinder.

Selbstmord

Tatsächlich sterben in Deutschland jährlich doppelt soviel Menschen durch Selbstmord wie im Straßenverkehr - aber wir reden nicht so gern darüber. Aber: Schweigen kann tödlich sein; die Probleme, die den Selbstmordkandidaten über den Kopf gewachsen sind, hätten vielleicht nur ein paar aufbauender Worte und aufrichtiger Anteilnahme bedurft.

Zum Selbstmord kann vieles führen: Mobbing, Lästern, Konkurrenzdenken, Witze übers Aussehen, Leistungsdruck, Liebeskummer, Arbeitslosigkeit, Depressionen, Schulden, Sucht... und an all diesen Dingen sind wir immer - mehr oder weniger - beteiligt. Vieles davon können wir nicht verhindern; aber doch einigermaßen entschärfen, dass es nicht zum Tode führen muss.
Wohlgemerkt: Einen Selbstmord nicht verhindern zu können - oder sogar ein Rädchen in der Todesmaschinerie gewesen zu sein - heißt nicht, dass wir deshalb Mörder sind. Viele Hinterbliebenen eines Selbstmörders haben mit schweren Schuldgefühlen zu kämpfen, oft ohne wirklich Schuld zu haben. Aber gerade der Blick auf diese Nöte sollte uns mahnen, im Vorfeld nicht gleichgültig an fremden Nöten vorüberzugehen.

Das Vorfeld

Sowohl Abtreibung, Verkehrstote als auch Selbstmorde haben viele Ursachen. Wir sind daher nicht erst gefragt, wenn Erste Hilfe geleistet werden muss - sondern schon in der Verhinderung dieser Ursachen. Warum nicht kostenlos Babysitten? Sich an Kindern freuen? Jugendlichen Müttern tatkräftig helfen? Ferienlager organisieren? Gruppenstunden leiten? - Das macht werdenden Müttern Mut.
Warum nicht ruhig bleiben, wenn sich jemand verspätet? Sich selber mehr Zeit lassen? Nicht so hektisch leben, Verständnis haben, Verantwortung zeigen, Verzichten können? - Das nimmt den Stress aus Straßenverkehr und ermuntert zur Vorsicht.
Sich Zeit nehmen, auf Außenseiter zugehen, Arbeitslose ermuntern anstatt zu verurteilen, Obdachlosen und Bettlern freundlich zu begegnen und etwas zu spenden... warum nicht?

Wissenschaft und Forschung

Manchmal kleidet sich das Töten in wohlgeformte Worthülsen... "Schwangerschaftsunterbrechung" suggeriert zum Beispiel, dass nur eine "Pause" eingelegt wird - obwohl ein Mensch getötet wird. "Verbrauchende Embryonenforschung" ist ein anderes Beispiel - Embryonen werden geopfert und dienen so der medizinischen oder biologischen Forschung.
Neben den Worthülsen, die das Töten kaschieren, werden auch die dadurch anvisierten Forschungsziele als Legitimation angeführt. Oft wird der Kritiker der Tötung menschlichen Lebens zu Forschungszwecken als der dogmatische Fanatiker dargestellt, der scheinbar Hunderte - vielleicht sogar Tausende oder Millionen - Menschen lieber an Krebs sterben lässt. Angeblich würde die Entwicklung eines genialen Heilmittels nur deshalb verhindert, weil ein paar unbedeutende und "überzählige" Embryonen nicht zu Testzwecken verwendet werden dürfen.
Abgesehen davon, dass die verheißenen Ziele mehr als unsicher sind und oft nicht mehr als ein Fantasieprodukt: Selbst wenn wir Tausende Menschen retten könnten, ist es uns deshalb nicht erlaubt, dafür andere unschuldige Menschen zu ermorden.
Nun wirst Du vielleicht nicht zu den wenigen Menschen gehören, die an Embryonen forschen. Aber Du kannst diesem Skandal politisch gleichgültig oder engagiert begegnen und so Entwicklungen mitsteuern. Wie leicht boykottieren wir Tankstellen, Lebensmittel oder Tierprodukte, um gegen andere Fehlentwicklungen zu protestieren? Warum aber ist das Wohlbefinden von eingepferchten Legehennen soviel wichtiger als das Leben von ungeborenen Babys?

6. Du sollst nicht die Ehe brechen.

Bei diesem Gebot geht es nicht in erster Linie um Sex - sondern um die Ehe. Das vergessen sowohl die Verfechter der Sexualmoral oft - und ebenso die, die sich nicht an dieses Gebot halten. "Es schadet ja niemanden" höre ich oft. Doch, es schadet. Vor allem der Beziehungsfähigkeit.

Die Sexualmoral - Das Nicht-Verstehen-Wollen

Eine Diskussion über die einzelnen Normen der Sexualmoral will ich mir an dieser Stelle ersparen - es geht hier um eine Gewissenserforschung und nicht um eine Rechtfertigung der kirchlichen Moral. Allerdings gebe ich zu, dass viele Menschen überhaupt nicht verstehen, warum die Kirche gegen vorehelichen Sex, künstliche Empfängnisverhütung, homosexuelle Praxis, Pornographie (und sogar Erotik), Selbstbefriedigung, Prostitution oder einen "kleinen Seitensprung" ist.
Das eigentliche Problem liegt aber nicht im "Nicht-Verstehen", sondern im "Nicht-Verstehen-Wollen". Deshalb wird die Kirche und deren Vertreter (das sind nicht nur die Priester - sondern auch Du!) nicht gefragt werden. Lieber nicht fragen, lieber nicht bohren - es könnte sich ja eine gute Begründung auftun!

Die Sexualmoral - Das Nicht-Erklären-Können

Genauso schuldig machen sich aber auch die Priester (und auch die Bischöfe), die die Sexualmoral der Kirche nicht erklären - oder sogar nicht erklären können. Ich gebe zu, das ist unter den heutigen gesellschaftlichen Umständen eine Kunst. Aber auch eine Notwendigkeit!
Allerdings sollten wir auch hier nicht nur auf die Priester schimpfen: Kirche sind alle Getauften, und sie sehen sich oft nicht im Geringsten in der Verantwortung, sich für die Sexualmoral der Kirche einzusetzen. Aber wir alle sind aufgefordert zu Verstehen und zu Verkündigen. Und dabei unsere ganze Fantasie und Sympathie für die liebenden Menschen einfließen zu lassen, dass verstanden wird, wie gut die Kirche es mit ihren Kindern meint.

Beziehungsfähigkeit

Entscheidend für die Vermittlung eines verantwortlichen Umgangs mit unserer Sexualität ist zu erkennen, dass Sexualität eine Sprache ist - die unserer Beziehungsfähigkeit dient. Wir sollten diese Sprache nicht verhunzen und entleeren - und das geschieht oft: in Witzen, Anspielungen und Redewendungen; dagegen sollten wir durch die Art, wie wir Beziehungen pflegen und ausdrücken, durch jeden Respekt und jede Liebenswürdigkeit die Freude am Niveau pflegen.

Ehe schützen

Das Sechste Gebot dient dem Schutz der Ehe und der Familie. Eine Ehe kann heutzutage durch viel Dinge bedroht und zerstört werden - nicht nur durch eine verirrte Sexualität. Was tun wir, um eine kriselnde Beziehung zu stärken? Helfen wir, indem wir Mut machen, aufbauen, zuhören, Zeit haben? Leben wir vor, dass jede Beziehung auch durch Verzicht, Versöhnung und Hingabe lebt?
Erwarte ich von dem Arbeitskollegen, der Kassiererin, dem Handwerker oder Händler, dass sie ihren Job 100-prozentig erfüllen - auch wenn ihre Familie sie brauchen? Gestehe ich jedem Familienvater und -mutter auch mal das Recht auf ein bisschen schlechte Laune zu? Arbeite ich gelegentlich (vielleicht sogar unbemerkt) für gestresste Eltern oder krisengeschüttelte Ehepartner mehr, als von mir verlangt wird? Lasse ich beim Arzt - im Geschäft - im Restaurant Familien den Vortritt (auch, wenn sie nerven)?

7. Du sollst nicht stehlen.

Ja, wir stehlen - öfter, als wir es wahrhaben wollen. Denn der Diebstahl ist oft genauso verdeckt und indirekt, wie das Töten oder die Lüge (s.u.). Wir stehlen, indem wir Versicherungen betrügen oder ungerechte Wirtschaftsentwicklungen fördern. Wir stehlen, indem wir unseren oft absolut unnötigen Konsum denen überordnen, die auf unsere Hilfe angewiesen sind, indem wir illegal Musik oder Filme downloaden oder unberechtigt weitergeben.

Gerechtigkeit für ferne Länder

Manchmal steckt der Teufel im Detail und im System; indem wir uns daran beteiligen, unterstützen wir die Ausbeutung der Natur und die Ausbeutung der Menschen in Ländern der so genannten Dritten Welt. Dass skrupellose Wirtschaftsbosse den Arbeitern in den Kaffee- oder Teeplantagen keinen angemessenen Lohn zahlen, ist natürlich nicht schon unser Problem. Aber wenn wir davon bewusst profitieren, indem wir uns gerade über diese Tiefstpreise freuen und unbedacht kaufen, machen wir uns mitschuldig.

Das ist nicht immer leicht zu durchschauen, und wir müssen auch nicht bei jedem Produkt wochenlange Recherchen anstellen, bevor wir es kaufen. Aber oft liegen die Ausbeutungssysteme offen zutage oder werden durch die Medien angeprangert - und wir vergessen alles, wenn wir erst wieder im Supermarkt stehen.

Gerechtigkeit bei uns

Aber das passiert uns nicht nur in unüberschaubaren wirtschaftlichen Verflechtungen. Wir lassen uns gerne vom kompetenten Einzelhändler vor Ort beraten - und kaufen dann doch im Internet beim Großhändler. Das ist genauso Diebstahl, wie die Unterstützung von Firmen, die bekannt dafür sind, dass sie ihre Mitarbeiter nicht angemessen bezahlen, die Konkurrenz mit Gerichtsverfahren in die Pleite treiben oder unlauteren Wettbewerb praktizieren. Beim Blick auf das Preisschild vergessen wir schnell jede Moral.

Versicherungen und Behörden

Auch bei Versicherungen sind wir großzügig mit der korrekten Angabe von Umständen oder Schäden. Wir glauben, ein anonymes Großunternehmen stört es nicht, wenn es betrogen wird. Oder wir sind davon überzeugt, dass wir doch eigentlich ein Recht auf Entschädigung haben - obwohl die Versicherungsbestimmungen auf unseren Fall nicht zutreffen. Ja, wir freuen uns oft, dass wir einen Trick gefunden haben, noch mehr Geld zu erhalten, doppelt abrechnen oder Zuschüsse und Subventionen "kreativ" zuordnen.
Auch bei Behörden, beim Arbeitsamt oder dem Sozialamt geht es uns oft nicht darum, ehrlich zu bleiben - sondern möglichst viel zu erhalten. Uns geht es weniger um den Sinn der Gesetze, sondern mehr um den Effekt für unseren Geldbeutel.

Zum Beispiel das Wechselgeld

Aber wir stehlen auch im klassischen Sinne. Selbstverständlich gehen wir nochmal zur Kassiererin zurück und beschweren uns, wenn wir zuwenig Wechselgeld erhalten haben. Aber wenn es zuviel ist...? Wer geht nochmal zurück zur Kasse? Oder meldet sich am nächsten Tag noch? Wer weist darauf hin, dass ein Artikel nicht berechnet wurde?
Ich habe es selbst einmal erlebt, dass ein Tankautomat an einem Sonntag außerhalb der Geschäftszeit defekt war und jeder frei Tanken konnte. "Selbstverständlich" freuten sich alle, riefen ihre Freunde per Handy an und luden noch Fremde von der Straße ein... aber keiner machte sich die Mühe, den Besitzer anzurufen oder am nächsten Tag das getankte Benzin zu bezahlen. Das, was da geschah, war Diebstahl.

8. Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen über Deinen Nächsten.

Wir lügen gerne - jeden Tag mehrfach. Das Lügen ist sozusagen die Lieblingssünde der Menschen. Das Achte Gebot richtet dabei sein Augenmerk auf den, der geschädigt wird - der wird oft komplett vergessen.

Wir retten uns - vor wem?

Häufig lügen wir, um uns Unannehmlichkeiten zu ersparen. Wir sagen bewusst die Unwahrheit, um zu verheimlichen, dass wir etwas nicht wissen, dass wir einen Fehler gemacht haben, dass wir etwas nicht können, nicht aufgepasst haben, (vermeintlich) dunkle Seiten in der Vergangenheit haben oder um einfach nur lästigen Situationen aus dem Weg zu gehen. Soweit ist das ja alles gar nicht böse - sondern getragen von einem guten Willen.
Aber wir lügen ja immer jemanden an. Und das Vergessen wir oft: Wir unterstellen dem anderen durch unsere Lügen, dass er uns dann weniger mögen wird; dass er kein Verständnis hat; dass er vielleicht (oder ganz sicher) unangemessen reagiert; dass er mit der Wahrheit nicht umgehen kann... und so weiter. Immer sind die sogenannte "Notlügen" Beweise von Misstrauen und Geringschätzung des anderen.
Schlimmer noch: Durch diese "Notlügen" verstärken wir das Misstrauen; wir nehmen dem anderen die Möglichkeit zu zeigen, dass er sehr wohl angemessen reagieren kann. Wir schützen uns vor dem Belogenen - und nehmen ihm damit einen großen Teil seiner Würde, weil wir ihn zur Bedrohung erklären.

Die Übertreibung ist die kleine Schwester der Lüge

Komisch - es lacht keiner, als ich von dem Missgeschick meines Freundes erzähle? Dann muss ich es wohl noch etwas dramatisieren? Ein wenig pointierter darstellen?
Wir sind schnell dabei, die Reaktion unserer Zuhörer zu einem wichtigeren Maßstab zu erheben als den guten Ruf derjenigen, über die wir gerade reden. Dabei wird aus der Übertreibung schnell die lästernde Lüge - die unangenehmste Variante dieser Sünde.
Und der Geschädigte hat noch nicht einmal die Chance, sich zu wehren. Das nennt man hinterhältig.

Eine Gewohnheit ablegen

Lügen ist wie das Rauchen... wenn es stressig wird, ist flugs die Zigarette angezündet, noch ehe das Gehirn "Stop!" rufen kann. Weil wir so oft geflohen sind, lügen wir schon aus Gewohnheit. "So bin ich nunmal, ich kann mich auch nicht ändern."
Doch, das kannst Du. Und das ist notwendig; denn es gibt immer wieder Situationen, da weiß selbst Dein bester Freund oder Deine beste Freundin nicht, was wahr und falsch ist - und ist allein darauf angewiesen, Dir zu glauben. Schade wäre, wenn sie das nicht mehr vorbehaltlos können.
Deshalb: Kämpfe gegen diese Gewohnheit. Du kämpfst um Deine liebsten Menschen!

Lügen ohne Worte

Nicht nur ausgesprochenen Sätze können gelogen sein. Auch Dein Verhalten kann unehrlich sein: es gilt Versprechen einzuhalten, treu zu sein, niemanden zu blamieren, aber auch Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Sparsamkeit können Aspekte von wahrhaftigem Verhalten sein.

Die höfliche Lüge

Ehrlichkeit besteht auch darin, niemanden etwas vorzuspielen, was nicht stimmt. Wenn es Dir schlecht geht, musst Du das nicht verstecken; wenn Dich jemand fragt, wie es Dir geht, darfst Du auch ehrlich antworten: "Schlecht."
Natürlich solltest Du andere nicht belästigen; der Übergang von Höflichkeit und Rücksicht zur Lüge und Unehrlichkeit ist fließend. Wenn Du Dir nicht sicher bist, ob ein bestimmtes Verhalten noch höflich ist - oder schon verlogen -, dann entscheide Dich für die Ehrlichkeit. Sie ist wertvoller.

9. Du sollst nicht die Frau Deines Nächsten begehren.

... und ...

10. Du sollst nicht das Hab und Gut Deines Nächsten begehren.

...sind nicht einfach nur die Wiederholung des 6. und 7. Gebotes. Sie sind auch nicht einfach nur als Hinweis zu verstehen, dass Du Dich in Gefahr begibst, wenn Du Dich nach Dingen sehnst, die Dir nicht gehören (oder die sich nicht gehören). Das "Begehren der Frau des Nächsten und seines Hab und Gut" ist nicht der Beginn der Sünde - sondern bereits Sünde im vollen Sinn.

Das ist revolutionär für das frühe Moralverständnis - in archaischen Kulturen war nur das Böse, was anderen Schaden zufügte. Mit diesen beiden letzten Geboten wird deutlich, dass Gott uns mit den 10 Geboten auch vor dem Schaden bewahren will, den wir uns selbst zufügen.

Die Vergiftung der Seele

Früher hätten aufrechte Christen die Aufgabe ihres Lebens mit der Floskel umschrieben, dass sie "ihre Seele retten wollen." Bei allem, was sie taten, ging es darum, das ewige Heil nicht zu verlieren. Inzwischen gilt diese Einstellung als "Heils-Egoismus" - und wir definieren Moral fast nur noch über das, was unsere Taten für Folgen für andere haben.
Dazu gehört scheinbar nicht das, was sich lediglich in unseren Gedanken abspielt - oder was wir ganz allein für uns im stillen Kämmerlein tun. Rache-Fantasien? Gewaltvideos? Machtgelüste? Schadet doch keinem...

Natürlich schrecken wir auf, wenn einzelne Menschen aus scheinbar heiterem Himmel ihre perversen Fantasien in die Wirklichkeit umsetzen und zum Amokläufer oder Terroristen werden.

Aber es geht bei den letzten beiden Geboten nicht allein darum, solche Auswüchse zu verhindern. Sondern das Gift, das bei einzelnen Menschen zur Katastrophe führt, ist schließlich ein Gift für jede Seele. Und was wir unseren Körper nicht zumuten, das sollten wir noch viel weniger unserer Seele antun.

Der Verlust des Gewissens

Wir schaden unserer Seele, wenn wir "Gut" und "Böse" nicht mehr von unserer Intuition abhängig machen. Indem wir die Handlungen, die wir anderen gegenüber selbstverständlich als verwerflich einstufen würden, uns selbst gegenüber (oder in uns selbst) zulassen, verlieren wir aber das Gefühl für das, was gut und schön ist.
Wer sich z.B. häufiger ausmalt, wie er seinen Feinden auf möglichst hinterhältige Weise deren Ungerechtigkeiten und Fehlverhalten "heimzahlt", findet vielleicht darin einen Ausgleich für seinen Frust. Aber ganz leise verschieben sich seine Wertmaßstäbe, sein Empfinden für Schadenfreude wird feinfühliger, seine Bereitschaft, auch seinen "Feinden" zu Hilfe zu eilen, sinkt.
Schlimm ist dabei nicht nur, dass er vielleicht wirklich weniger hilfsbereit wird - oder gehässiger. Schlimm ist auch, dass er bald nicht mehr zwischen Freude und Schadenfreude, zwischen Hilfsbereitschaft und Rache unterscheiden kann. Er verliert sein Gewissen - und irgendwann auch seine Seele.

Das eigentlich Ziel der Gebote

Außerdem wird durch diese letzten beiden Gebote abschließend hervorgehoben, dass die Zehn Gebote nicht einfach eine "Sozialordnung" sind oder gewähren. Man hört und liest oft davon, dass die Zehn Gebote die Grundlage einer jeden Gesellschaft - oder zumindest unserer Gesellschaft - sind. Das scheitert schon allein an den ersten drei Geboten, die so ausdrücklich auf Gott ausgerichtet sind, das wir sie nicht zur Zugangsbedingung für unsere Gesellschaft machen können. Auch Atheisten sind uns als Nachbarn oder Kollegen herzlich willkommen.

Nein, die Zehn Gebote sind weder Grundlage für mein Verhältnis zum Staat und auch nicht Skizze eines gelungenen Verhältnisses zum Nächsten. Die Zehn Gebote sind die Bundesbedingungen für mein Verhältnis zu Gott.

In Amerika ist es üblich, zur Eheschließung sogenannte "Eheversprechen" in ein kleines Büchlein zu schreiben und es dem Ehepartner feierlich zu überreichen. Darin stehen dann Dinge wie "Ich werde Dich niemals an Deiner Berufsausübung hindern", "Ich werde niemals Deinen Geburtstag vergessen", "Ich werde Dir zu Liebe nicht mehr Alkohol trinken, als ich vertrage", "Ich werde niemals schlecht über Dich reden" - und so weiter.

Das ist der tiefere Sinn der Zehn Gebote: Sie sind Eheversprechen. Korrekt übersetzt müssten sie also nicht heißen: "Du sollst...", auch nicht "Du wirst...", sondern "Weil ich Dich, Gott liebe, werde ich niemals lügen, niemals stehlen und die Ehe heilig halten; ich werde keinen anderen Gott neben Dir haben, denn ich liebe Dich doch; ich werde Deinen Namen ehren und Deinen Wochentag...."

Der Gedanke, dass der Bundes-Schluss am Sinai dem Ehebund gleicht, ist keine neue Erkenntnis. Für die Juden war die Form des Bundesschlusses immer schon eindeutig als Ehevertrag erkennbar; nur für uns Christen ist diese Erkenntnis mit der Zeit etwas in den Hintergrund geraten.

Und nur in diesem Sinne ergeben die beiden letzten Gebote ihren tiefen Sinn. Einem Polizisten-Gott ist es egal, ob wir uns danach sehnen, über die rote Ampel zu fahren - Hauptsache, wir tun es nicht. In einem Eheversprechen ist aber die innere, unsichtbare Gedanken- und Herzenswelt viel wichtiger als das äußerliche Tun: "Weil ich Dich liebe, werde ich auch meine Gedanken hüten und nichts von dem begehren, was Dich traurig macht...."

...weil ich Dich liebe.

Möchtest Du mir schreiben? Für diese Katechese ist Peter verantwortlich.