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Die historischen Vergehen der Kirche

Für viele Kritiker der Kirche - und manchmal auch für die, die das gesamte Christentum oder sogar jede Religion ablehnen - sind die Vergehen der Kirche im Laufe der Geschichte gern angeführte Gründe, sich zu distanzieren. Warum soll man auch einem Verein beitreten, der so offensichtlich Dreck am Stecken hat?
Die Antwort, die wir hier als erstes geben, mag etwas überraschen: Ja, wir haben Dreck am Stecken; die katholische Kirche ist eine Kirche von Sündern. Nichts, was es an Bösem und Verwerflichen in der Welt gibt, macht vor den Toren der Kirche halt. Auch, wenn die Theologie zwischen der "heiligen Kirche" und den "sündigen Kirchenmitgliedern" unterscheidet, so ist doch offensichtlich, dass die Gemeinschaft der Christen in Teilen und auch als ganzes Schuld auf sich geladen hat. Das ist nicht etwa ein Trick (nach dem Motto: "Gib den Kritikern recht und Du hast Ruhe!"). Es ist vielmehr eine ganz wesentliche Eigenschaft der katholischen Kirche und der christlichen Gemeinschaft, dass wir gerade diejenigen, die Schuld auf sich geladen haben und auch weiterhin mit der Sünde kämpfen, in unseren Reihen aufnehmen. Demjenigen, der der Kirche ihre moralische Autorität absprechen will und deshalb auf ihre Schattenseiten verweist, können wir deshalb nur eine Antwort geben: "Wir können keine moralische Autorität beanspruchen, die auf unseren eigenen Verdiensten beruht, deshalb können wir durch unsere Fehler auch keine Autorität verlieren. Jede Autorität in der Kirche ist allein die Autorität Jesu Christi."
Ja, es ist für uns Christen sogar heilsam, auf die großen historischen Fehler der Kirche hingewiesen zu werden; diese Fehler zu leugnen, ist weder möglich noch hilfreich.

Warum aber dann dieses Heft (und ähnliche Hefte zu den anderen historischen Themen)? - Zum einen, weil es auch nicht fair gegenüber den früheren Christen, Katholiken, Päpsten, Bischöfen und Heiligen wäre, ihnen einfach alle Schuld anzulasten. Außerdem ist die Geschichte der Kirche für uns heutige Christen nur dann lehrreich, wenn wir genau hinschauen, was denn in den jeweiligen Epochen schief gelaufen ist. Während einige die historischen Vergehen als Vorwand nehmen, der Kirche als Ganzes den Rücken zu kehren, fragen wir, was wir für die Kirche und uns selbst aus der Vergangenheit lernen können. Wir können aber nur dann lernen, wenn wir redlich sind und nach der Wahrheit suchen.

Die Kreuzzüge

Im Laufe der Zeit ist der Begriff "Kreuzzug" zu einem Sammelbegriff geworden, unter dem alles das zusammengefasst wird, was irgendwie mit religiös motivierter Gewalt zu tun hat. Was aber waren die historischen Kreuzzüge wirklich? Das Zeitalter der Kreuzzüge erstreckt sich über 200 Jahre, genauer von 1095 bis 1291; ein kurzer Blick in die Geschichte wird zeigen, dass die damaligen Kreuzzüge keineswegs kriegerische Auseinandersetzungen zur Zwangsbekehrung von Muslimen waren; ebensowenig der Versuch, das christliche Herrschaftsgebiet auf die arabische Welt auszudehnen (so eine Art christlicher "Dschihad"). Aber auch ein realistischer Blick auf die damaligen Ereignisse wirft Fragen auf: Wie konnten gläubige Christen im Namen Gottes andere Menschen töten? Warum hat der Papst damals zu einem Krieg aufgerufen? Wie konnten Menschen überhaupt glauben, es gebe einen gerechten oder heiligen Krieg?

 

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Die Vorgeschichte

Wie wir aus dem Neuen Testament wissen, gehörte Palästina zur Zeit Jesu als Provinz zum (Ost-)Römischen Reich. Im Jahr 325 lies Kaiser Konstantin über dem Grab Jesu die Grabeskirche erbauen. Unter Kaiser Theodosius (+395), der das Christentum zur Staatsreligion des Römischen Reiches erhob, wurde Jerusalem zum wichtigsten Wallfahrtsziel der gesamten Christenheit.

Eroberung Jerusalems durch den Kalifen Umar

Dies blieb so bis zur großen Expansion des Islam im 7. Jahrhundert. Im Jahr 638, nur sechs Jahre nach dem Tod Mohammeds, wurde Jerusalem von Kalif Umar erobert. Die christlichen Bewohner leisteten keine Gegenwehr, denn der Kalif garantierte ihnen schriftlich »absolute Sicherheit für Euer Leben, Euren Besitz und Eure Kirchen«. Sie wurden lediglich - wie alle »Ungläubigen« - zu einer Religionssteuer verpflichtet. Doch im Laufe der Zeit änderte sich die Stimmung: Als 966 ein Heer des oströmischen Reiches von Byzanz aus Teile des von den Muslimen besetzten Syriens zurückeroberte, rächten sich diese an den Christen in Jerusalem. Unter anderem wurde das Dach der Auferstehungskirche in Brand gesetzt.

Eroberung Jerusalems durch die Fatimiden

Kurze Zeit später fielen die Fatimiden in Palästina ein, muslimische Berber aus Marokko (Abstammung von Mohammeds Tochter Fatima), und eroberten 979 unter Kalif Ibn Moy Jerusalem. Jetzt wurde die Auferstehungskirche völlig niedergebrannt, die Kuppel stürzte ein, der Patriarch kam ums Leben. Als Ibn Moys weiterer Angriff auf das byzantinische Reich scheiterte, rächte er sich an den Christen in seinen besetzten Ländern, also auch in Palästina: Prozessionen wurden verboten, man drängte die Christen aus allen öffentlichen Ämtern oder zwang sie zur Annahme des muslimischen Glaubens, rund 30.000 Kirchen wurden damals enteignet oder geplündert, die heiligen Stätten in Jerusalem geschändet. 1009 befahl der Kalif, die Reste der Auferstehungskirche »zu zerstören, ihre [christlichen] Symbole zu entfernen und alle Spuren von ihr und die Erinnerung an sie zu beseitigen.« Die Kirche wurde bis auf die Grundmauern geschleift, »mit Ausnahme dessen, was nicht zerstört werden konnte oder nur mit Mühe auszugraben und fortzuschaffen war«. Das Heilige Grab selbst sollte weggemeißelt werden. Der Augenzeuge Ademar von Jerusalem berichtet: »Da sie nicht imstande waren, ihn zu zerschlagen, setzten sie den Felsen einem mächtigen Feuer aus.« Das Feuer wurde mit kaltem Wasser gelöscht, der brüchig gewordene Stein abgebrochen. Nur die Steinbank, auf der einst der Leichnam Jesu lag, trotzte der gewaltsamen Verwüstung. Die westliche Christenheit war über diese Vorgänge entsetzt. Trotzdem verschärfte sich die Unterdrückung der Christen noch weiter: 1056 wurden zahlreiche Christen aus Jerusalem ausgewiesen und europäische Pilger durften die Örtlichkeiten der Grabeskirche nicht mehr betreten. Nach einem Bericht von Berthold von Reichenau waren Pilgerfahrten nur noch unter militärischer Begleitung möglich.

Eroberung Jerusalems durch die Seldschuken

Im Jahr 1077 wurde das von den Fatimiden beherrschte Jerusalem von den Seldschuken, einem ebenfalls muslimischen Steppenvolk aus dem heutigen Turkmenistan, unter der Führung von Emir Atsiz bin Uwaq erobert. Damit wurde die Situation der wenigen Christen vor Ort nochmals schwieriger. In der Folgezeit überrannten die Seldschucken ganz Anatolien und errichteten ihre Hauptstadt in Nizäa, weniger als 100 km vor Konstantinopel. Damit waren Kaiser Alexios I. Komnenus, der in Konstantinopel residierte, und das ganze Oströmische Reich ernsthaft bedroht. Die Lage war so brisant, dass sich der Kaiser, der sich zusammen mit seinem Reich einige Jahre zuvor (1054) von der römischen Kirche getrennt hatte, gezwungen sah, den Papst um Hilfe zu bitten.

Die Situation von Papst Urban II.

Die kaiserliche Delegation aus Konstantinopel traf Papst Urban II. auf einer Synode in Piacenza in Italien und übermittelte ihm den Hilferuf des Kaisers. Der Papst fand sich nun in folgender Situation:

  1. Die ursprünglich von den Muslimen zugesicherten Garantien für die Christen in Palästina wurden seit langem nicht mehr eingehalten: Kirchen wurden verwüstet, Christen unterdrückt, Pilgerfahrten zu den hl. Stätten bedroht.
  2. Zusätzlich hatte nun das Oströmische Reich - zwar seit 1054 von Rom getrennt, aber immer noch ein christliches Bruderland - gegen die Bedrohung durch die Seldschuken um Hilfe gebeten.
Vor diesem Hintergrund versprach Papst Urban II. Hilfe und rief am 27. November 1095 in Clermont feierlich zum Kreuzzug für die Rettung Konstantinopels und der heiligen Stätten in Palästina auf.

Die Kreuzzüge

Am 27. November 1095 forderte Papst Urban II. seine Zuhörer - sowohl einfache Leute als auch Adelige – auf, gemeinsam nach Osten zu ziehen, um der Bedrohung durch den Islam zu begegnen und Outremer (so wurde damals das Heilige Land von den Europäern genannt) für die Christen zu sichern.

Doch was mit diesem Aufruf angestoßen wurde, hatte selbst der Papst nicht erwartet: Menschen aller Stände folgten dem Aufruf und wollten in Richtung Jerusalem ziehen. Einige organisierten sich selbst, andere schlossen sich den Heeren des Herzogs Gottfried von Bouillon und seinem Bruder an. Mit dem Leitspruch „Gott will es“ und einem weißen Stoffkreuz auf der Kleidung begann der erste Kreuzzug.
Aber die Situation geriet außer Kontrolle: Wanderprediger radikalisierten die Massen, vor allem Bettler, Bürger und Bauern, die ausschließlich Kriegsbeute machen wollten. Auf ihrem Weg nach Konstantinopel (heute Istanbul) wendeten sie sich gegen jeden, der kein Christ war und verfolgten Juden in Trier, Mainz und Köln. Noch auf dem Weg wurde dieser „wilde Haufen“, wie diese Gruppe schon von Zeitgenossen genannt wurde, von Bulgaren und Seldschucken aufgehalten.

Der erste Kreuzzug

Die geordneten und disziplinierten Ritterheere dagegen sammelten sich 1097 in Konstantinopel. Zusammen mit italienischen und französischen Truppen bereiteten sich ca. 60.000 Krieger auf die Rückeroberung des Heiligen Landes vor. Neben den Truppen fanden sich zudem mindestens genauso viele Zivilisten ein.
Nach einer ganzen Reihe heftiger Schlachten und Belagerungen erreichte Gottfried von Boullion zwei Jahre später im Juni 1099 Jerusalem - mit nur noch 13.000 Mann, die durch den Krieg erschöpft waren. Dennoch gelang es ihm, die Stadtmauern in langen Kämpfen zu überwinden und die Stadt zu erobern. Dabei wurde allerdings fast die gesamte muslimische und jüdische Bevölkerung Jerusalems von den Kreuzrittern ermordet.

Jerusalem, Edessa, Tripolis und Antiochia wurden die Hauptstädte der vier christlichen Reiche, die nun gegründet wurden. Den ursprünglichen Planungen entsprechend wurden die heiligen Stätten für Pilger zugänglich gemacht. Von ihren Burgen aus beschützten besonders die Ritterorden der Templer und Johanniter die Pilgergruppen vor Übergriffen durch Räuber oder den sporadischen Angriffen benachbarter muslimischer Reiche. Die wichtigsten Anlaufstellen der Pilger waren der Hafen von Akkon und natürlich Jerusalem.
Das gesicherte Gebiet der Christen erstreckte sich über 800 Kilometer an der Mittelmeerküste entlang. Aber schon 1144 erobert ein muslimisches Heer Edessa und vernichtet damit den nördlichen Staat Outremers.

Der zweite Kreuzzug

Daraufhin rief Papst Eugen III. zu einem weiteren Kreuzzug auf und erreichte damit noch mehr Menschen als Urban zuvor. Der deutsche und der französische König folgen dem Aufruf: Sie waren die mächtigsten Herrscher Europas und stellten große Heere auf, um in den Nahen Osten zu ziehen.
Ohne auf die Unterstützung der Franzosen zu warten, zog Konrad III. nach Edessa und musste eine schwere Niederlage einstecken. Als die Franzosen eintrafen, war die Stadt bereits völlig zerstört und unbewohnbar, also zogen sie nach Damaskus. Hier wurde das Heer aber 1148 in eine Falle gelockt; König Konrad III. musste den Kreuzzug abbrechen, ohne etwas erreicht zu haben.
Dennoch schafften es die Muslime nicht, auch die anderen Kreuzfahrerstaaten zu zerschlagen: Sie bekämpften sich stattdessen untereinander. Schließlich gelang es Sultan Saladin 1169 siegreich aus den Machtkämpfen hervorzugehen und die muslimische Welt unter seine Herrschaft zu zwingen. Mit dieser neugewonnenen Macht wendete sich Saladin nun den Kreuzfahrerstaaten zu.
Den Angriff eines französischen Ritters 1187 auf eine Karawane nahm er als Anlass für einen Eroberungszug; sein Heer hatte eine Stärke von 30.000 Mann.

Die Fürsten von Jerusalem, Antiochia und Tripolis sammelten nun ebenfalls ihre Truppen, rund 20.000 Mann. Bereits zehn Jahre zuvor war es zu einer Schlacht zwischen Saladins Truppen und einem christlichen Heer gekommen, die die Christen gewonnen hatten. Nun trafen die Heere 1189 bei Hattin erneut aufeinander. Doch die Europäer wurden auf einer Hochebene eingekreist; mehrere Stunden harrten die Armeen aus, und die Wasservorräte der Christen erschöpften sich. Beim Angriff der Muslime in glühender Hitze brachen die Linien der durstigen Kreuzfahrer, nur etwa 1.000 Christen überlebten die Schlacht von Hattin, die so den Wendepunkt in der Geschichte der Kreuzzüge darstellte.
Saladins Heer zog nun weiter Richtung Norden und eroberte Burgen und Städte. Viele ergaben sich kampflos, darunter auch Jerusalem. 88 Jahre nach der Eroberung durch die Christen wurde die Stadt nun wieder von Muslimen beherrscht.

Der dritte Kreuzzug

In Europa erregte diese Nachricht für Aufsehen, und so rief Papst Gregor VIII. zum dritten Kreuzzug auf, doch da war bereits das gesamte Königreich Jerusalem bis auf die Stadt Tyros gefallen.
Die Könige von England (Richard Löwenherz) und von Frankreich (Philipp II.) und der römisch-deutsche Kaiser Friedrich Barbarossa machten sich auf den Weg nach Outremer. Barbarossa aber stirbt unterwegs und sein Heer zerfällt. Auch der französische König musste sich nach der Rückeroberung Akkons wieder zurückziehen, da er um seinen Thron fürchtete. So lag es schließlich nur noch in Richards Hand, Jerusalem zu erobern. Allerdings verfügten weder er noch Saladin, der enorm an Einfluss verloren hatte, über die notwendigen Mittel, einander offen zu bekämpfen. So schlossen beide einen Waffenstillstand über einen Zeitraum von drei Jahren und die Vereinbarung, dass christliche Pilger unter muslimischem Schutz die heiligen Stätten besuchen dürfen.

Der 4. Kreuzzug

Papst Innozenz III. wollte über Ägypten, dem Machtzentrum der Muslime, Jerusalem zurückerobern. Er sammelte ein großes Heer und vereinbarte mit der Seemacht Venedig eine Überfahrt nach Ägypten sowie die Verpflegung der Truppen für ein Jahr. Auf alles weitere hatte der Papst keinen Einfluss mehr, aber gerade dieser Kreuzzug entwickelte sich zur größten Katastrophe:
Zum Überfahrtstermin hatten nur erst ein Drittel der Truppen Venedig erreicht. Die Venezianer wollten jedoch nicht warten und beriefen sich auf die Bestimmungen des Vertrages. Sie nutzten die missliche Lage der Kreuzfahrer und boten ihnen einen Handel an: Die Überfahrt würde so lange verschoben werden, bis die gesamte Armee eingetroffen sei, wenn sie im Gegenzug die ungarische Hafenstadt Zadar für Venedig erobern würden. Die Kreuzfahrer nahmen das Angebot an, und obwohl die Bewohner von Zadar Christen waren, plünderten sie die gesamte Hafenstadt.
Wütend exkommunizierte der Papst die gesamte Armee, doch das Unglück nahm weiter seinen Lauf. Angestachelt von Venedig und einem hochrangigen byzantinischen Adeligen, der den Truppen viel Geld versprach, zog das Heer 1204 gegen Konstantinopel - die Hauptstadt der oströmischen Christen. Drei Tage lang wurde die Stadt grausam geplündert. Entgegen dem ursprünglichen Kreuzzugsgedanken, das byzantinische Reich zu schützen, wurde es nun völlig zerschlagen.

Der Kinderkreuzug

1212 behauptete ein Hirtenjunge in Paris, eine Botschaft von Gott für den König erhalten zu haben: Er solle sich auf einen Kreuzzug begeben und Jerusalem erobern. Aber der König ignorierte den Jungen und dessen Gefolgschaft, weswegen diese beschlossen, selbst nach Jerusalem zu ziehen. Unterwegs entstand aus der Erkenntnis, dass sich Jerusalem nicht mit Gewalt erobern lasse, ein fataler Aberglaube: Gott werde allerdings die Tore für Kinder öffnen und den friedlichen Kindern die Stadt überlassen.
Auf ihrem Weg nach Italien, wo sie mit Schiffen nach Jerusalem segeln wollten, schlossen sich tausende Kinder und Jugendliche dem Kreuzzug an. Nach einer beschwerlichen Reise über die Alpen erreichten 7000 ausgehungerte Kinder die Hafenstadt Genua. Was dann mit ihnen geschah, ist nicht überliefert, wahrscheinlich aber wurden sie als Sklaven verkauft.

Das Ende der Kreuzzüge

Noch drei weitere 3 Kreuzzüge wurden ausgerufen - offiziell zählt man sieben. Aus Ägypten rückten schließlich ab 1250 die Mameluken vor, für den Krieg ausgebildete Sklaven. Sie töteten ihren Sultan und leiteten danach ihre eigene Herrschaft ein. Schritt für Schritt eroberten sie Outremer.
1291 fiel die letzte Stadt der Christen, Akkon, nach sechs Wochen Belagerung. Alle anderen Burgen und Festungen ergaben sich darauf. Die letzten Templer zogen 1303 ab.

Einige Jahre später wurde der Orden grausam vom französischen König zerschlagen. Die genauen Motive des Königs für diese Entscheidung sind heute noch umstritten. Entweder glaubte er, die Templer seien Ketzer, oder er hatte es auf ihren Besitz abgesehen.
Überlegungen
Waren die Kreuzzüge berechtigt?

Der geschichtliche Hintergrund zeigt, dass man die eigentliche Absicht der Kreuzzüge grundsätzlich als berechtigt ansehen kann. Es ging hier weder um Imperialismus noch um Zwangsbekehrung der Muslime. Auch die These, die Kreuzzüge hätten lediglich der persönlichen Bereicherung der Teilnehmer gedient (landlose jüngere Söhne des europäischen Adels seien auf diese Weise zu Besitz und Titeln gekommen), ist zu einfach. Die Anführer des ersten Kreuzzuges, Gottfried von Bouillon, Robert von der Normandie, Bohemund von Tarent, Raimund IV. von Toulouse und Robert von Flandern waren alle erstgeborene Söhne und Erben bedeutender Herzogtümer und Grafschaften. Teilweise mussten sie sogar ihren eigenen Besitz verkaufen bzw. verpfänden, um das Unternehmen zu finanzieren. Von Seiten der Kirche stellte man auf der Synode von Clermont von Anfang an klar: »Nur wer aus Frömmigkeit und nicht zur Erlangung von Ehre und Geld zur Befreiung der Kirche Gottes nach Jerusalem aufgebrochen ist, dem soll die Reise auf jede Buße angerechnet werden.«

Außer Kontrolle

Der Papst konnte zwar zu einem Kreuzzug aufrufen, aber auf den Ablauf hatte er kaum einen Einfluss. Er residierte im fernen Rom, und seine Botschafter wurden häufig von den Herrschern übergangen.
Die weltlichen Herrscher dagegen nutzten den Aufruf zum Kreuzzug auch für ihre Zwecke. So fanden nicht nur im Nahen Osten Kreuzzüge statt; die iberische Halbinsel (heute Spanien und Portugal) befand sich z.B. fast vollständig in muslimischer Hand. Die durch den Aufruf zum Kreuzzug gewährte Verstärkung aus ganz Europa ermöglichte den spanischen Königen, die Muslime immer weiter zurückzudrängen. Und auch in Osteuropa kämpften Ritter gegen heidnische Slawen und Wikinger.

»Private« Kreuzzugsprediger

Papst Urban II. hatte offiziell zum Kreuzzug aufgerufen, und namhafte Vertreter des Adels folgten seiner Bitte. Gleichzeitig sahen sich aber auch selbsternannte Kreuzzugsprediger ermutigt, auf eigene Initiative Volk und Ritter zu mobilisieren. So berief sich der Mönch Peter von Amiens auf eine Vision Christi, der ihn mit der Befreiung Jerusalems beauftragt habe. Es gelang ihm, rund 20.000 Menschen zu sammeln, »Keusche und Unkeusche, Ehebrecher, Mörder, Diebe, Meineidige, Räuber; die ganze Christenheit, ja selbst das weibliche Geschlecht«, wie sein Chronist Albert von Aachen schreibt. Von Frankreich kommend, fielen sie im April 1096 im Rheinland ein, waren aber dort schon so mittellos, dass sie auf Lebensmittelspenden der Kölner Bevölkerung angewiesen waren. Zusätzliche Geldmittel wurden durch Gewaltandrohung erpresst. Noch bevor sie die eigenen Landesgrenzen überschritten hatten, kam es zu ersten Massakern und Plünderungen. Die Heerhaufen des Peter von Amiens sollten ihr Ziel nie erreichen. Als sie im Oktober 1096 in Konstantinopel ankamen, stießen sie mit den Seldschuken zusammen und wurden blutig niedergemacht. Nur 3000 Menschen entkamen und schlossen sich dem offiziellen Kreuzfahrerheer an.

Die blutige Eroberung Jerusalems

Nach fünfmonatiger Belagerung nahm das erste Kreuzfahrerheer am 15. Juli 1099 Jerusalem ein. Der Chronist berichtet: »Man musste sich einen Weg über Leichen von Menschen und Pferden bahnen… In Salomons Tempel und in der königlichen Halle ritten die Soldaten bis zu den Knien und dem Zaumzeug in Blut«. Hier wird ein Massaker beschrieben, wenngleich freilich bewusst eine drastische Sprache gewählt wurde. Auch die Zahlen der Opfer, die arabische Quellen angeben (teilweise über 100.000 Tote), dürften übertrieben sein. Wie man heute weiß, hatte Jerusalem zu jener Zeit höchstens 10.000 Einwohner. Außerdem war den Bewohnern vor dem Sturm erlaubt worden, die Stadt zu verlassen. Nur die verbliebenen Kämpfer wurden (nach mittelalterlichem Kriegsrecht) ohne Pardon niedergemacht. Aber natürlich bleiben die Geschehnisse bei der Eroberung der Stadt, auch wenn sie psychologisch erklärbar sind, ein Massaker und sind als solches nicht entschuldbar.

Christliche Ritterorden - Mönche mit Schwertern

Schon nach dem ersten Kreuzzug wurden neue Mönchsorden gegründet. Einige von ihnen kümmerten sich um die heiligen Stätten, andere um die Versorgung der Pilger und wieder andere beschützten die Pilger auf ihrem Weg durch das Heilige Land. Besonders die Orden der Templer und Johanniter erlangten eine enorme Bedeutung. Sie wurden zu den Elitekämpfern der Christen und erhielten viele Güter, sowohl in Outremer als auch in Europa. In Schlachten waren sie häufig für den Sieg ausschlaggebend. Die Ordensritter waren um einiges disziplinierter und standhafter als die Ritter im Dienst der Fürsten.
Wieso Mönche zum Schwert greifen und in den Krieg ziehen, wo sie doch in der Nachfolge Christi stehen sollten, ist heute schwer nachvollziehbar, damals aber war dies für notwendig und selbstlos erachtet, um die Christen im Nahen Osten vor den vielen Gefahren zu schützten.

Heiliger Krieg - Gerechter Krieg

Die Begriffe "Heiliger Krieg" und "Gerechter Krieg" mögen im alltäglichen Sprachgebrauch nicht unterschieden werden, tatsächlich stellen sie jedoch zwei ganz verschiedene Sachverhalte dar:
Kein Christ kann und darf einen heiligen Krieg führen: Unter "heiligem Krieg" versteht man nämlich einen von Gott befohlenen Angriffskrieg; einen Gewaltakt, der im Namen Gottes geführt wird. Im Gegensatz zum gerechten Krieg, bei dem jede Gewalt ein (notwendiges) Übel ist und bleibt, versteht man unter "Heiligem Krieg" Gewalt und Tod als von Gott gewollt und befohlen. Doch das ist für einen Christen Blasphemie: Gott ist ein Gott der Liebe und nicht der Gewalt; wir Christen sind sowohl zur Nächstenliebe als auch zur Feindesliebe verpflichtet.

Im Islam dagegen ist der Heilige Krieg (Dschihad) ein Bestandteil des Glaubens und auch ein ausschlaggebender Grund, warum sich der Islam so schnell verbreitet hat.

Augustinus von Hippo, ein wichtiger Heiliger und Kirchenlehrer, hat dagegen als erster die Frage nach dem gerechten Krieg untersucht. Ihm zufolge kann ein Krieg notwendig sein, obwohl er ein Übel ist und bleibt. Wer aber z.B. ungerecht angegriffen wird, ist unter Umständen zur Verteidigung der Schwachen und Bedrohten verpflichtet, wenn es nicht anders geht, auch mit Schwert und Krieg. Ein Krieg allerdings, der gerechtfertigt sein soll, muss ganz bestimmte, eng gefasste Bedingungen erfüllen (z.B. darf er nur zur Verteidigung und Wiederherstellung des Friedens geführt werden; er darf erst als letztes Mittel gewählt werden, wenn angesichts eines ungerechtfertigten Angreifers kein anderes Mittel mehr greift; er darf nur geführt werden, wenn Aussicht auf Erfolg besteht... - und noch einiges mehr.) In der Katechese zum 5. Gebot - "Du sollst nicht töten" findest Du ausführlichere Informationen dazu. Auf keinen Fall sind Eroberungskriege oder Kriege zum Eigennutzen erlaubt; außerdem dürfen nur die rechtmäßige Autoritäten darüber entscheiden, wann und ob ein Krieg notwendig ist.

Papst Urban hielt sich also an die Kirchentradition, als er den ersten Kreuzzug ausrief, um im Osten für Sicherheit zu sorgen. Damit, dass die europäischen Herrscher dies als Vorwand nehmen würden, um Eroberungen zu machen - und radikale Wanderprediger dann doch einen heiligen Krieg ausrufen würden -, hatte er nicht gerechnet.

Fazit

Das Thema »Kreuzzüge« ist ein vielschichtiges Kapitel der Kirchengeschichte. Es lässt sich nicht leugnen, dass von einzelnen Teilnehmern unter dem Banner des Kreuzes Unrecht und Grausamkeiten verübt wurden. Allerdings steht genauso fest, dass die Kreuzzugsidee an sich ihre Berechtigung besaß, da die militärischen Einsätze ursprünglich nicht mit imperialistischen Absichten geführt wurden, sondern als Hilfsaktion für Glaubensbrüder gedacht waren, die unterdrückt wurden.

Zwar lässt sich zunächst sagen, dass zum Schluss der Ära der Kreuzzüge mehr verloren als gewonnen war. Jerusalem befand sich nur gut 90 Jahre in christlicher Hand, die mühsam errichteten Kreuzfahrerstaaten waren wieder verloren und das byzantinische Reich zerschlagen.

Allerdings dürfen wir nicht übersehen, was das ursprüngliche Ziel der Kreuzzüge war. Egon Flaig (Professor für Alte Geschichte an der Universität Greifswald) fasst die eigentliche Bedeutung der Kreuzzüge wie folgt zusammen: »Urban II. sah richtig. Wäre Konstantinopel schon 1100 gefallen, dann hätte die enorme militärische Kraft der türkischen Heere Mitteleuropa vierhundert Jahre früher heimgesucht. Dann wäre die vielfältige europäische Kultur wahrscheinlich nicht entstanden: keine freien städtischen Verfassungen, keine Verfassungsdebatten, keine Kathedralen, keine Renaissance, kein Aufschwung der Wissenschaften: Denn im islamischen Raum entschwand das freie - griechische! - Denken eben in jener Epoche. Jacob Burckhardts Urteil "Ein Glück, dass Europa sich im Ganzen des Islams erwehrte", heißt eben auch, dass wir den Kreuzzügen ähnlich viel verdanken wie den griechischen Abwehrsiegen gegen die Perser.« (Aus einem Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 2006).

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