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Sexualität - nur in der Ehe?

«Katechesen» nennen wir unsere Texte zum katholischen Glauben. Weil wir durch sie in ein grundlegendes Verständnis von Glaubensinhalten führen möchten. Wir nennen unsere Texte nicht «Streitschriften» oder «Verteidigungen», weil wir uns nicht mit der Widerlegung von anderweitigen Glaubensauffassungen aufhalten möchten. Denn diese Verzerrungen sind unüberschaubar in ihrer Zahl, und wir würden an kein Ende kommen, wollten wir sie alle aufgreifen, durchleuchten und korrigieren.
Dennoch habe wir genau dieses gelegentlich getan (so zum Beispiel in einer Antwort auf Peter Singers «Praktischer Ethik», auf Richard Dawkins «Gotteswahn» oder Dan Browns «Da Vinci Code»); aber immer nur mit der Absicht, im Kontrast zu den verqueren Ansichten das Schöne und Gute unseres Glaubens besonders deutlich hervorheben zu können.
Ebenso wollen wir an dieser Stelle zwar einen Vortrag aufgreifen, den Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff am 13. März 2019 in Lingen vor den deutschen Bischöfen gehalten hat. Aber Intention dieses Textes ist nicht eine Polemik gegen die Schwächen des Vortrages (obwohl ich dann im Anhang doch noch darauf eingehe - das sei mir verziehen); in Anlehnung an seinen Vortrag möchten wir vielmehr die kirchlichen Sexualmoral in Bezug auf die eheliche Sexualität herausarbeiten.
Grundsätzliches haben wir schon zur Ehe und Sexualmoral der Kirche gesagt. Auch zur Frage der Verhütung haben wir ausführlich geschrieben. Das Hauptaugenmerk dieser Katechese liegt nun auf dem Zusammenhang von Sexualität und Ehe.

I. Die moderne Kritik der Sexualmoral
1. Sexualität und Ehe

Gehen wir direkt in medias res: Der Hauptvorwurf der heutigen Kritik an der Sexualmoral der katholischen Kirche richtet sich gegen die starre und unlösbare Verbindung zwischen Sexualität (in ihrer höchsten Form) und Ehe. Das schließt einen sehr hohen Anspruch ein, denn mit dem katholischen Ehebegriff sind gleich vier Eigenschaften unlösbar verbunden: Treue, Unauflöslichkeit, Wohlwollen und die Offenheit für Nachkommenschaft. Sie gehören fest zur Ehe. Daraus folgt, dass nur die Paare, die diese Wesenseigenschaften für ihre Partnerschaft bejahen, Sexualität (d.h. Geschlechtsverkehr) ausüben dürfen. Heftig!
Ja, die Kirche geht noch einen Schritt weiter und erkennt im Geschlechtsverkehr sogar den «ehelichen Akt»: In und durch diese Form der Sexualität wird eine Ehe (zusammen mit dem öffentlichen Versprechen) begründet und verwirklicht.

Aus diesem starken Zusammenhang von Sexualität, der Eheschließung und den Eheeigenschaften leiten sich fast alle Positionen ab, die von modernen Menschen als unerträglich bezeichnet werden: Die Ablehnung von vorehelichen Sex, die Weigerung, eine homosexuelle Verbindung als Ehe anzuerkennen und homosexuelle Handlungen zu tolerieren, die Ablehnung von künstlichen Empfängnismitteln - und noch so einiges mehr.

Bestrebungen, die Sexualmoral der Kirche zu reformieren, müssen daher versuchen, den inneren Zusammenhang von ehelichem Akt, Ehe und Eheeigenschaften zu lösen und dann für die sexuelle Betätigung einen anderen Rahmen zu etablieren - nach dem Motto: es muss ja nicht immer gleich die Ehe sein.

Ganz ohne Rahmen geht es nicht: Wenn der Rahmen der Sexualität beliebig wäre, braucht es überhaupt keine Sexualmoral mehr. (Klingt gut: Keine Moral! Keine Verbote!) Aber dann wären auch Prostitution, erzwungener Geschlechtsverkehr und Pädophilie mögliche Rahmen. (Klingt gar nicht gut: Tor und Tür stehen offen für großes Leid!) Es geht also nicht darum, jeden Rahmen zu verwerfen, sondern nach dem richtigen Zusammenhang der Sexualität (in seiner höchsten Form) zu fragen. Aber: Muss dieser Rahmen denn ausschließlich die Ehe sein?
2. Einzelne Werte reichen doch, oder?

Wenn Kritiker der klassischen Sexualmoral die alte Bindung von Sexualität an einen rituellen Rechtsakt (der Eheschließung) ablehnen, setzen sie anstelle der formalen Ehe eher inhaltliche Ansprüche. So schreibt beispielsweise Schockenhoff: «Beziehungsformen, in denen Werte wie Liebe, Freundschaft, Verlässlichkeit, Treue, gegenseitiges Für-einander-Einstehen und Solidarität gelebt werden, verdienen in moralischer Hinsicht Anerkennung und Respekt – unabhängig davon, unter dem Vorzeichen welcher sexuellen Orientierung sie gelebt werden.» Liebe, Freundschaft und eine tragfähige Beziehung verdienen selbstverständlich Respekt - aber sind sie deshalb allein schon der ideale Rahmen für die Sexualität? Schockenhoff scheint das zu glauben, sogar wenn in den Beziehungen nicht alle Werte gleichzeitig und gleichermaßen verwirklicht werden.

Es leuchtet ja auch ein: Warum soll eine Beziehung nicht in Ordnung sein, wenn sich beide Partner für eine gewisse Zeit keine Kinder wünschen? Und ist die geschenkte Sexualität unpassend, wenn der Wille zur Treue nur momentan vorhanden ist? Kann nicht auch eine Verbindung gut sein, selbst wenn sie nicht «für immer und ewig» geschlossen wird?

Anstelle eines rein rituellen-institutionellen Rahmens wie zum Beispiel der kirchlichen Eheschließung gilt (für Schockenhoff) sogar schon die Erfahrung von «Begehren und Begehrtwerden» oder das «sexuelle Erleben als Vergewisserung der eigenen Identität» als eine gute Voraussetzung, sexuell aktiv zu werden.
Dieser neu definierte Rahmen für die Sexualität (oder auch ein erweiterter Ehebegriff) hat darüberhinaus den Charme, das alte und lästige Problem der «verbotenen künstlichen Verhütung» zu entsorgen (Verhütung ist dann okay, wenn sie in eine liebende Beziehung eingebettet ist, die vorübergehend keine Kinder wünscht); die Wiederverheiratung denkbar werden lässt (eine Ehe muss nicht unbedingt lebenslange Treue beinhalten); Sexualität hat ebenfalls einen legitimen Platz in einer homosexuellen Beziehung (für die Schockenhoff zwar nicht den Begriff Ehe anwenden will - aber das kann man ja auch noch diskutieren) und auch in einer Beziehung, die sich selbst noch nicht den Ehe-Status geben möchte. Sogar die Masturbation (nett tituliert als self-sex oder als «lustvolles Erleben des eigenen Körpers«) könnte moralisch aufgewertet werden.

3. Ehe für alle? Oder Ehe als Leuchtturmprojekt?

Ehe für alle: In der aktuellen politischen Landschaft gibt es zahlreiche Vertreter, die den Ehebegriff auf alle Beziehungen anwenden wollen, die zumindest einen Teil der klassischen Eheeigenschaften leben. Darunter zählen dann auch gleichgeschlechtliche Verbindungen, Ehen auf Zeit - oder, in anderen Kulturen auch Verbindungen zwischen mehr als zwei Personen.

Leuchtturmprojekt: Gemäßigte Kritiker (so auch Schockenhoff) legen dagegen Wert darauf, dass die Ehelehre der Kirche nicht aufgegeben wird. Sie schlagen einen erweiterten Rahmen vor, der zwar noch keine Ehe im kirchlichen Sinne ist, aber in dem dann ganz natürlich und selbstverständlich jede menschliche Sexualität ihren Platz habe; ohne dass immer und alle Eigenschaften einer Ehe erfüllt sein müssen.
Die Ehe solle demnach weiterhin der ideale Ort für Liebe & Partnerschaft, Hingabe & Sexualität sein. Aber Ideale sind manchmal unerreichbar; weshalb die Ehe keineswegs der einzige Ort für die Sexualität in ihrer höchsten Form sein darf.

Die Reform der Sexualmoral besteht dann darin, dass «die Alleingeltung der Ehe durch ihre Höchstgeltung abgelöst wird». Mit anderen Worten: Sexualität darf nicht mehr allein («exklusiv») auf die Ehe beschränkt bleiben; auch in anderen, nicht- ehelichen Verbindungen hat die Sexualität ihren berechtigten Platz. Die höchste Form der Sexualität habe aber nach wie vor ihren angemessensten (aber nicht mehr einzigen) Rahmen in der Ehe: «Danach ist die monogame, auf Dauer eingegangene und mit dem festen Willen zur lebenslangen Treue geschlossene Ehe der beste biographische und institutionelle Rahmen, innerhalb dessen menschliche Sexualität ihren optimalen Entfaltungsraum finden kann.»
Das klingt nicht ganz so modern. Tatsächlich legt Schockenhoff hier ein paar traditionelle Ansichten offen: So definiert er die Ehe als Gemeinschaft von Mann und Frau (er möchte eine homosexuelle Beziehung zwar für die Sexualität öffnen, diese Beziehung aber nicht Ehe nennen). Und auch in der die Ablehnung der Transgender-Gedanken entspricht Schockenhoff nicht den modernen Erwartungen. Vielleicht sind diese Vorbehalte den Zuhörern geschuldet (immerhin wurde der Vortrag von den Bischöfen, also den offiziellen Inhabern des Lehramtes in Deutschland gehalten).

Die Ehe ist dann wie ein Leuchtturm: Der muss selbstverständlich leuchten, um Orientierung zu geben. Das tut er, weil Menschen eine echte und wirkliche Ehe führen. Aber der Leuchtturm leuchtet eben für die, die noch auf dem Weg sind - und auch für die, die ihn nie erreichen - das Ideal also nicht verwirklichen. Muss ja auch nicht, oder?

II. Der Kern des Problems: Ehe und Sexualität entkoppeln?

Den eigentlichen, entscheidenden Fehler macht nicht nur Schockenhoff, sondern im Grunde jeder, der mit einer «erneuerten, modernen Sexualmoral» die Entkopplung von Ehe und Geschlechtsverkehr meint. Denn ein solcher Gedanke setzt irgendwie voraus, dass die verschiedenen Dinge wie Ehe, Liebe und Geschlechtsverkehr irgendwann mal von irgendwem «gekoppelt» wurden. Na, dann muss man sie heute halt wieder «entkoppeln».
Entscheidend ist die Erkenntnis, dass niemand Liebe, Ehe und Sexualität gekoppelt hat. Die höchste Form der Liebe ist die Ehe; die Ehe ist der praktische Erweis höchster Liebe; der «eheliche Akt» heißt so, weil der die Ehe auch innerlich begründet, sie fördert und vertieft und ihr ureigenster Ausdruck ist. Insofern stimmt die Lehre der Kirche mit dem «neuen Vorschlag» Schockenhoffs überein: Der Rahmen der Sexualität ist die Liebe. Liebe aber ist nicht nur ein Gefühl, ein Haltung oder eine Emotion; Liebe ist ein Entschluss. Liebe ist nur dann Liebe, wenn sie in Entscheidungen, Handlungen und gelebte Beziehungen überführt wird. Insofern ist die Ehe als Bundesschluss und Versprechen eine Form konkretisierte Liebe. Die Ehe ist der Rahmen einer entschiedenen Liebe, deren Ausdruck die die Höchstform der Sexualität ist.

III. Sexualität ist dynamisch

Ja, es klingt schon gut, wenn jemand sagt: «Was, wenn ich die christliche Ehe zwar als Ziel ansehe, aber auf dem Weg dahin schon die Sexualität als einen Weg zur Höchstform, der Ehe, praktiziere?» Das klingt sympathisch! Ich vermute, dass eine solche Aussage ziemlich gut beschreibt, wie manche junge Menschen in der heutigen Gesellschaft denken - und leben.

Was aber bedeutet hier das Wort «Sexualität»?

1. Was ist eigentlich «Sexualität»?

Es ist wichtig, dass wir unter dem Begriff «Sexualität» nicht nur das verstehen, was im eigentlichen Sinne mit «Geschlechtsverkehr» umschrieben wird. Vielmehr ist Sexualität eine Sprache, die bereits non-verbal mit Blicken anfängt, über Lächeln und Körperhaltungen wächst und irgendwann unser ganzes Sein umfasst. Die vielfältigen Formen der Sexualität spielen sich sowohl vor als auch neben der Ehe ab.

So ist zum Beispiel das Flirten eines Kellners und einer Kundin ein «sexuelles Verhalten» - aber deshalb allein sicherlich nicht sündig! So ist das verlegene Lächeln eines pubertierenden Jugendlichen beim ersten Blickkontakt mit einem attraktiven Mädchen schon «sexuell». Aber niemand würde erwarten, dass das erst in der Ehe geschehen darf! Und selbst eine verheiratete Frau, die einem Arbeitskollegen angesichts seines höflichen Verhaltens anlächelt, verhält sich in einer Sprache der Beziehung. Nichts anderes ist Sexualität im weitesten Sinne.

Wenn wir also Sexualität in diesem weiteren Sinne verstanden wissen, trifft die Kritik unserer Moral-Erneuerer nicht. Denn die exklusive Zuordnung von Sexualität und Ehe bezieht sich auf die Höchstform der Sexualität, den ehelichen Akt. Nur dann ergibt eine Kritik an der Sexualmoral der Kirche einen Sinn, und nur so ist eine Neufassung der Sexualmoral (z. B. von Schockenhoff) eine Alternative.

Die Forderung, Sexualität müsse auch Platz in vor- und außerehelichen Beziehungen haben, können wir uns also ganz und gar zu eigen machen. Und auch die modernen Erkenntnisse der Humanwissenschaften haben hier Platz: Sexualität ist eine Sprache, Ausdruck der Liebe und der Personalität - wenn wir Sexualität nicht nur als einzelne Handlung verstehen! Sexualität ist nicht nur (wie die Verwendung vor allem bei Schockenhoff suggeriert) der Geschlechtsverkehr, sondern eine Vielzahl von abgestuften Äußerungen verbaler und non-verbaler Art.

2. Sexualität ist so dynamisch wie die Beziehung

Die liebende Beziehung ist allerdings nicht nur der Rahmen für die Sprache der Sexualität. Die vielen Stufen der Sprache der Sexualität stiften überhaupt erst die Beziehungen und damit den Rahmen! Gerade die neuesten humanwissenschaftlichen Erkenntnisse legen nahe, diesen Zusammenhang nicht zu trennen, sondern die Sexualität als eine Sprache fein-abgestufter Nuancen mit der Beziehung wachsen lassen; oder, noch besser: durch die Sexualität die Beziehung Stück für Stück tiefer werden zu lassen. Alles andere wäre eine Zerstückelung des ganzheitliche-personalen Charakters der Sexualität.
Wenn Schockenhoff und andere den Wunsch äußern, «Sexualität» müsse auch schon in den wachsenden Beziehungen eine Rolle spielen, meinen sie damit entweder das weite Feld der Sexualität als Sprache der Beziehung - dann stimmen wir ihm mit Begeisterung zu. Aber dann sagt er auch nichts, was die Sexualmoral reformieren würde.
Wenn Schockenhoff und andere mit «Sexualität» nur die Höchstform der Sexualität, den Geschlechtsverkehr meinen, rauben die «Befreier von der engen kirchlichen Sexualmoral» aber der Sexualität den dynamischen Charakter: Sexualität ist dann immer nur Sex. Da aber eine Dynamik der Beziehung auch von wachsenden sexuellen Ausdrucksformen abhängt, dann verhindert die Engführung der Sexualität auf nur die eine, höchste Ausdrucksform jede Lebendigkeit. Die vermeintlichen Befreier erweisen sich so als Vermittler von Enge.

3. Dynamisch sind nicht die Werte - aber alles andere

Eine wachsende Beziehung (auch das lehrt uns ein Blick in die moderne Weise, Sexualität zu leben) wächst nicht in der Anzahl der verwirklichten Werte. Wir werden der Ernsthaftigkeit selbst von pubertären Freundschaften nicht gerecht, wenn wir sie nur als eine schwächere oder ärmere Version von «Treue, Unauflöslichkeit, Liebe und Offenheit für das Leben» - oder auch «Freundschaft, Verlässlichkeit, Treue, gegenseitiges Für-einander-Einstehen und Solidarität» bezeichnen. Man versteht die Jugendlichen und die jungen Menschen nicht (und sie uns nicht), wenn wir ihre Beziehungen kleinreden und nur als «wachsende Anzahl von Werten» oder als eine «zunehmende Verwirklichung von Idealen» verstehen. Eine «schwache Form von Verlässlichkeit» ist nichts anderes als «Unzuverlässigkeit»; eine schwache Form der Treue ist zunehmende Untreue. Dabei will die Ehe genauso wie für die erste Liebe im Teenager-Alter das Ganze - das ganz Große.

Insofern trügt die Hoffnung, mit einer modernen, liberalen Sexualmoral die Jugend wieder für die Kirche zu gewinnen. Wir würden sie im gleichen Augenblick verlieren, weil wir ihr Hoffnungen, Ängste, Leiden und Freuden in ihren ersten und anfänglichen Beziehungen nicht ernst nehmen. Denn selbst die ersten Beziehungen in der Jugendzeit stehen unter dem subjektivem Anspruch, alle Werte im vollen Sinne verwirklichen zu wollen (wenn auch oft nur implizit und unreflektiert). Zumindest mich hat die Sorge beim Lesen des Schockenhoff-Textes regelrecht umgetrieben, die Jugendlichen auf diese Weise nicht mehr ernerst zunehmen und sie deshalb doppelt zu verlieren: Weil die Erneuerer die Größe ihres Anspruches als nicht nötig werten - und ihnen zusätzlich die Motivation nehmen, diesem Anspruch auch in späteren Beziehungen entgegenzustreben.

Also, nicht die Inhalte werden in den verschiedenen abgestuften Beziehungen mit ihren abgestuften sexuellen Ausdrucksformen mit der größer werdenden Beziehung zunehmen, sondern die Verbindlichkeit des Versprechens und die Tiefe der Lebenswirklichkeit, auf die sich dieses Versprechen bezieht. Nicht die Quantität oder die Qualität der Beziehung nimmt zu, sondern das Versprechen gewinnt Klarheit und Ausdrücklichkeit. Und die höchste Form der Beziehung mit der höchsten Form der sexuellen Betätigung besteht eben in der höchsten Verbindlichkeit des Willens und einer Erklärung vor der größtmöglichen Öffentlichkeit. Also in der Ehe - weil das Eheversprechen der angemessenen Rahmen für eine sexuellen Betätigung ist.
Die Behauptung: «In einer anfänglichen Beziehung reicht eine abgestufte Anzahl von Beziehungs-Aspekten, um die volle Bandbreite der Sexualität zu praktizieren!», entspricht nicht der Lebenswirklichkeit junger Menschen: Jede ganzheitliche Beziehung wächst in der Verbindlichkeit und in der sexuellen Sprache.

IV. Einwände gegen diese Form der Erneuerung
1. Einwand: Alle Werte wollen? Überforderung!

Die genannten Kritiker meinen es gut: Von allen heutigen jungen Leuten zu verlangen, sie müssten erst alle Werte der christlichen Ehe gleichzeitig akzeptieren, danach streben und verwirklichen, sei doch eine restlose Überforderung. Wer kann das schon? - Deshalb erscheint dieser Ansatz wie eine Erlösung: «Ihr müsste nicht alle Werte gleichzeitig verwirklichen; ein guter Rahmen für eine sexuelle Beziehung besteht auch dann, wenn man immerhin einzelne Werte mit seinem Partner lebt!»
Aber: Das gilt ja sowieso, selbst für die Ehe im idealen Sinn. Ob eine sexuelle Beziehung zwischen zwei Menschen eine Ehe ist, hängt ja auch nicht davon ab, wie die momentane Intensität der Liebe ist; ob aktuell Fruchtbarkeit gegeben ist und die Ehepartner explizit zur Zeugung von Nachkommen bereit sind - und auch nicht von der tatsächlich gelebten Treue in Gedanken und Taten. Wäre das der Fall, denn wäre jede Ehe mal mehr und mal weniger eine Ehe.
Nein, die katholische Sexualmoral versteht die Ehe als ein umfassendes Versprechen zur personalen, einmaligen und ganzheitlichen Begegnung zwischen Mann und Frau. Und dieses Versprechen geschieht leibhaft-wirklich. Eben in einem wahrnehmbaren Ritus. Nicht erst die Verwirklichung dieses Versprechens ist die Ehe (wie Schockenhoff es meint, wenn er von der Ehe als «Höchstform» einer Beziehung spricht). Vielmehr gilt: Wenn Partner sich das Ehe-Versprechen geben, verändert sich ihre Beziehung. Und Ausdruck und Bestätigung dieser neuen Beziehung ist das, was die Kirche den «ehelichen Akt» nennt.
Damit entlastet die Kirche mehr, als es eine Erneuerung der Sexualmoral täte: Anstelle des Versuches der Moral-Erneuerer, die Anzahl der gelebten Werte nach und nach zu reduzieren, bis sie als «lebbar» erscheinen, erwartet die Kirche nur das gegenseitige Versprechen, diese Werte verwirklichen zu wollen.

Die Kirche weiß: Dieses Versprechen immer und vollständig zu erfüllen, wird schwer. Das ist wohl eine Lebensaufgabe. Eine lebenslange Aufgabe. Aber der Wille, sich an dieser Aufgabe mit allen Kräften zu versuchen, ist bereits Ehe. Von Gott gesegnet. Und ein wunderbarer Rahmen für jede Form der Sexualität.

Der Rahmen für die höchste Form der Sexualität ist eben nicht «Liebe, Freundschaft, Verlässlichkeit, Treue, gegenseitiges Für-einander-Einstehen und Solidarität», sondern das unbedingte und unbegrenzte Versprechen von «Liebe, Freundschaft, Verlässlichkeit, Treue, gegenseitiges Für-einander-Einstehen und Solidarität».

2. Einwand: Inhalt gegen Ritus: Ein Gegensatz?

Natürlich klingt die Darstellung der alten Sexualmoral ziemlich verstaubt: «Du darfst erst Sex haben, wenn Du verheiratet bist. Zur Ehe gehört nämlich der Nachwuchs, und der braucht einen stabilen rechtlichen Rahmen!» - Das ist legalistisches Denken (und übrigens in dieser simplen Darstellung nicht Lehre der Kirche). «Davon müssen wir uns befreien, indem wir nicht auf den Ritus, sondern die Werte schauen!»
Aber der Gegensatz «Ritus gegen Werte» ist falsch gestellt: Es gibt eine dritte Ebene, die in dieser Gegenüberstellung nicht bedacht wurde: Nämlich der geäußerte Wille im Versprechen. Der Rahmen für die Sexualität ist nämlich nicht das bloße Rechtsinstitut der Ehe, sondern deren innerer Kern: Das öffentliche Versprechen, mit dem sich die Eheleute aneinander binden.

Das mag ein wenig verwundern, wenn wir dem Vorurteil glauben: Die Kirche der letzten Jahrtausende legte doch nur Wert auf Äußerlichkeiten wie zum Beispiel den Eheritus als Voraussetzung fürs Kinderkriegen (wofür man nunmal die Sexualität braucht). Also (so das Vorurteil) brauchen wir eine moderne Theologie, die eine gesunde und reiche Innerlichkeit der Ehe predigt. Wer will, kann diese Fülle der Beziehungsfreuden mit einem schönen Ritual krönen. Muss man aber nicht.

Die kirchliche Ehelehre geht davon aus, dass Ritual und Inhalt nicht zwei aufeinanderfolgende Einzelheiten sind, sondern zwei Seiten der einen Medaille. Das katholische Eheritual ist das Versprechen; das Versprechen ist der Rahmen und der Inhalt der Sexualität. Innerlichkeit und Äußerlichkeit sind zwar nicht identisch, sondern komplementär. Das heißt aber gerade, dass eine Innerlichkeit erst real wird, wenn sie sich in einer wahrnehmbaren Handlung verwirklicht. Der innere Wille zur Liebe, Freundschaft, Partnerschaft und Sexualität wird erst real, wenn er sich im unbedingten und unbegrenztem Versprechen der Ehe ausdrückt.
Nicht der rechtliche Status, sondern diese unbedingte Versprechen, ist der unverzichtbare stabile Rahmen, in dem Kinder (falls sie aus der Beziehung hervorgehen) die nötige Geborgenheit finden.

3. Einwand: Nicht alles gleichzeitig wollen? Keinen Kernbereich ausschließen!

Den Gegensatz: «Entweder alle Inhalte sind gleichzeitig zu wollen - oder es ist keine Ehe!» haben wir nun als Unterstellung entlarvt. Es geht nicht darum, immer alles zu wollen und mitzudenken - es geht darum, es zu versprechen. Erst das ausdrückliche Versprechen bezeugt, dass kein Kernbereich der Beziehung aktiv ausgeschlossen wird. - Wenn aber der Vorschlag eines «erweiterten Rahmens für die Sexualität» bedeutet, die Möglichkeit eines aktiven Verweigerns von Beziehungselementen zuzulassen, stellt sich die Frage: Ist es wirklich noch Liebe, wenn ein Paar sich zwar zusammenfindet, aber zugleich bestimmte Zusagen für den Partner ausblendet?

Die Streichung einer angstmachenden Norm («Alles wollen - oder auf Sex zu verzichten!») mag befreiend wirken; unbemerkt versetzt sie aber zahlreichen Beziehungen einen tödlichen Stoß. Es ist nämlich etwas anderes, nicht die ganze Tiefe einer wahren Liebesbeziehung auszuloten und präsent zu haben - oder diese Tiefendimension aktiv zu verneinen.
Auch anfängliche (oder gar pubertierende) Beziehungen, die sich als Liebesbeziehung verstehen, schließen Treue, Ewigkeit, Liebe und Offenheit für Nachkommen nicht ausdrücklich aus. Genau auf diese oder ähnliche Beziehungen bezieht sich Schockenhoff: auf Partnerschaften, die in bestimmter Hinsicht noch nicht allen Eheeigenschaften zustimmen; weil sie zum Beispiel darüber in gewissen Phasen einer Beziehung einfach noch nicht nachdenken.
Das ist aber etwas ganz andere, als wenn der Partner sagen würde: «Ich mag Dich zwar, aber mit Dir will ich auf keinen Fall Kinder haben!» - Das «nicht ausdrücklich wollen« unterscheidet sich fundamental vom «ausdrücklich ablehnen»! Und vor allem: Dieser Unterschied kann Beziehung zerstören, wenn ein Beziehungsaspekt von einem Partner «noch nicht» und vom anderen «nicht mehr» bejaht wird.

Entscheidend für einen angemessenen Rahmen für Sexualität ist nicht, ob das Paar die Eigenschaften der Ehe im höchsten Grade verwirklicht. Wichtig ist vielmehr, ob die Exklusivität der Beziehung - oder das Unauflöslichkeitsversprechen - oder die Offenheit auf Nachkommenschaft - oder die Hinordnung auf das beiderseitige Wohl verweigert wird.
Das gilt auch schon für Beziehungen, die sich noch weit im Vorfeld von ehelichen Beziehungen befinden. Und das gilt auch für Aspekte, die nicht notwendig zur Ehe dazugehören. Sobald einzelne Aspekte der Ehe ausdrücklich isoliert werden (als aktiv von anderen Aspekten getrennt werden), ist Sexualität fehl am Platz: die Isolierung zum Beispiel des «Begehrens und Begehrtwerdens» führt dazu, Sexualität nicht mehr als Begegnung von Personen auf Augenhöhe zu verstehen. Letztlich bedeutet «Isolierung» (eigentlich immer) Verzweckung.

Wenn ich Sexualität nur noch im Hinblick auf einzelne Aspekte (Fortpflanzung, Vergnügen, Stärkung des eigenen Selbstwertes etc.) praktiziere, darf man ruhig von einer Entleerung der Sexualität sprechen. Dabei ist es letztlich gleichgültig, ob jemand Sexualität nur zu einem isolierten Zweck (zum Beispiel der Zeugung eines Kindes) praktiziert, oder ob er vielleicht sogar zwei oder drei Aspekte einschließt (also bei der Zeugung eines Kindes auch noch das Vergnügen und die Stärkung des Selbstwertgefühles mitmeint).

Alle Erneuerer der Sexualmoral haben durchaus Recht, dass letztlich nur die Liebe davor bewahrt, in der Sexualität das umfassende Wohl des Partners aus den Augen zu verlieren. Allerdings gibt es verschiedene Formen der Liebe. Welche Liebe ist hier gemeint? Welche Art von Liebe ist eine gesunde Voraussetzung für die Höchstform der Sexualität? Auch eine Liebe, die wesentliche Aspekte einer Beziehung nicht will?

V. Anhang
Spezialfragen zum Schockenhoff-Text

Eigentlich möchte ich an dieser Stelle schließen. Aber vielleicht hat der eine oder andere Leser inzwischen einen Blick in den Vortrag von Schockenhoff geworfen (immerhin steht er online auf der Seite der deutschen Bischofskonferenz - www.dbk.de). In seinen Hauptgedankengang, den ich hoffentlich angemessen wiedergegeben habe, fügen sich allerdings auch Ungenauigkeiten ein, die ich nun im Nachgang anfragen möchte. Ich möchte sie nicht wirklich «kritisieren«, so als wenn ich es besser wüsste als Prof. Schockenhoff; eher möchte ich auf die manchmal versteckten Unlogiken «hinweisen». Denn ich bin leider davon überzeugt, dass Schockenhoff diese Fehler nicht nur versehentlich unterlaufen sind. Gerade, weil ich mich der schmerzlichen Überzeugung nicht erwehren kann, dass er sich absichtsvoll unfair verhält, möchte ich auf diese Schlussbemerkungen nicht verzichten. Es folgt also das «Kleingedruckte».

1. Das Naturrecht, gestützt durch die Offenbarung, als Immunisierung?

Schockenhoff stellt die Naturrechtslehre der Päpste bis hin zu Johannes Paul II. so dar, als wäre sie nur der Versuch, sich gegen Kritik zu immunisieren. Wenn Schockenhoff meint, Johannes Paul habe mit der Feststellung, die Sexualmoral sei Bestandteil des Naturrechts und von der Offenbarung bestätigt, eine Kritik unmöglich gemacht, so ist er nicht fair: Zu behaupten, die Sexualmoral sei ein Teilgebiet des Naturrechts und habe ihre Legitimation aus dem Wesen (der Natur) des Menschen -bestätigt durch die Offenbarung-, heißt nicht, die einzelnen Normen der Sexualmoral einer Diskussion zu entziehen. Schockenhoffs Unterstellung, Offenbarung könne sich nicht auch in einzelnen Sätzen der Lehre und Moral niederschlagen, entzieht letztlich der gesamten Theologie die Grundlage. Was dann bleibt, wäre keine Moraltheologie mehr, sondern nur noch Moralphilosophie. Wozu brauchen wir dann aber Moraltheologen? Das weiß nur ein Professor Schockenhoff.

2. Die Theologie des Leibes: Ein «netter Versuch»?

Desweiteren diskreditiert Schockenhoff die «Theologie des Leibes» von Johannes Paul II. bloß als den Versuch, die Sexualmoral der Kirche zu «unterfüttern». Natürlich: Wenn wir davon ausgehen, dass alles, was zur Bestätigung der kirchlichen Lehre führt, nur aus diesem Grunde gesagt wird, dann werden wir darin immer einen Grund zur Ablehnung finden (falls wir die Lehre der Kirche sowieso als falsch erachten). Einer so groß angelegte Theologie wie die Theologie des Leibes ist fairerweise nur durch eine saubere Argumentation zu begegnen - und nicht, indem man dem Vertreter einer solchen Theologie unlautere Motive unterstellt.

3. Die Theologie des Leibes: «Einseitige Warnungen»?

Das gilt auch für das «Argument», die Theologie des Leibes sei deshalb nicht relevant, weil Papst Johannes Paul sich durch Einseitigkeit seiner «Warnungen vor Missbrauch der Sexualität» als nicht ernsthaft an den Freuden der Sexualität interessiert verrät. Ein gefährliches Argument: Verrät sich denn auch derjenige, der vor den Gefahren des Straßenverkehrs «einseitig» warnt, als Feind jeder Fortbewegung?
Und was, bitte, versteht Schockenhoff unter der «Einseitigkeit, mit der Johannes Paul II. diese Warnungen regelmäßig vortrug»? Also, ich habe zumindest so einige Mittwochskatechesen des Papstes gelesen, in denen Johannes Paul II. sehr einseitig von der Schönheit der Sexualität spricht. Reicht das, um Johannes Paul II. zumindest «Zweiseitigkeit» zu attestieren? Oder ist mit «Einseitigkeit» irgendein anderes (quantitatives, qualitatives oder sonstiges) Urteil gemeint? – Ich tippe ja eher darauf, dass Schockenhoff unter «Einseitigkeit» nur seine gefühlsmäßige Einschätzung der Theologie des Leibes zusammenfasst - was dann aber leider kein Argument wäre.

4. Wenn Schockenhoff Latein zitiert

Schockenhoff charakterisiert die ganze Position der Kirche, den Rahmen der Sexualität mit den unbegrenzten und unbedingten Versprechen zur Liebe und Treue zu verbinden, als allein aus einem Axiom begründet: bonum ex integra causa, malum ex quodlibet defectu. Er versteht es offensichtlich folgendermaßen: «Gut ist das, was vollständig ist; wenn irgendetwas fehlt, ist das Ganze schlecht». Nur versteht er da etwas falsch: Dieses Axiom wird vom Pseudo-Aeropagiten und von Thomas von Aquin (in seiner Handlungslehre) mehrmals zitiert, dient aber eben nicht der Begründung der Sexualmoral, sondern bezieht sich auf die Frage, wodurch eine menschliche Handlung gut oder schlecht wird:

Nach Thomas muss eine Reihe von Faktoren zusammenkommen, damit man eine Handlung als gut bezeichnen kann, zum Schlechtwerden genügt hingegen ein korrumpierender Faktor. Wenn dieser Faktor in-sich-schlecht ist, kann er durch keinen noch so positiven Anteil neutralisiert werden.
So kann ein Plan sehr viele gute Elemente enthalten. Wenn aber eines der Elemente die Bezeichnung «Mord» verdient, mögen noch so viele andere äußerst wertvolle Elemente enthalten sein - der Plan insgesamt ist aufgrund des einen Elementes verwerflich.

Schockenhoff stellt das Axiom so dar, als müsste eine Einzelhandlung (die Sexualität) für alle denkbaren Sinnwerte offen sein, um sie als gut bestimmen zu können. Es geht aber in diesem Axiom gar nicht darum, dass alle positiven Faktoren erfüllt sein müssen, sondern nur darum, dass bestimmte negative Faktoren nicht vorliegen dürfen, die die Handlung schlecht machen.

Nach seiner Darstellung müsste die Kirche etwa Eheleuten, die unfruchtbar sind und um ihre Unfruchtbarkeit wissen, den Geschlechtsverkehr untersagen.

Die sinngemäße Übersetzung müsste also lauten: «Gut ist, was aus reinen Ursachen entspringt; schlecht ist eine Handlung, wenn in den Ursachen irgendetwas Verwerfliches ist.»

Schlimmer als Schockenhoffs zweiter Kategorienfehler, der einen Grundsatz der scholastischen Morallogik in einen unpassenden Zusammenhang stellt, ist die Dreistigkeit zu behaupten, das allein sei die Begründung der kirchlichen Moral. Das ist kein theologischer Lapsus eines ansonsten redlichen Theologen. Das ist willentliche Irreführung.

5. Angeblich verboten: Familienplanung

Dass Schockenhoff die Lehre der Kirche nicht richtig kennt, ist unwahrscheinlich. Deshalb überrascht es, dass er behauptet, das Lehramt der Kirche hätte ausnahmslos jede nicht auf die Fortpflanzung hin offene Betätigung innerhalb der Ehe verboten. Eine seltsame Behauptung, da doch die katholische Kirche ein Vorreiter in der Unterrichtung von «Natürlicher Familienplanung» (NFP) ist, in der gerade die unfruchtbare Zeit der Frau zur sexuellen Betätigung empfohlen wird, wenn die Eltern aus guten Gründen im Augenblick die Zeugung eines Kindes wollen. - Und was ist mit Sex im Alter? Sorry, das kann kein Versehen sein.
Meinen Schülern geschieht es noch gelegentlich, dass sie in Referaten auf die im Internet immer noch zu finden Behauptung hereinfallen, innerhalb der katholischen Kirche dürfe man «nur Sex haben, wenn man Kinder bekommen will». Ich weise sie dann darauf hin, dass sich diese Aussage nicht in den Texten der Kirche wiederfindet, sondern nur in den Verzerrungen ihrer Kritiker. Dass Schockenhoff es besser wissen müsste als meine Schüler, lässt nur den Schluss zu, dass er auch zu dieser wenig sympathischen Gruppe gehört.

6. Der Grund für die Ablehnung der Verhütung: Lebensfeindlichkeit?!

Dass Schockenhoff zumindest behauptet, eine verantwortete Familienplanung und eine «reproduktive Autonomie» sei nicht bereits Bestandteil der katholischen Lehre, sondern müsse erst noch durch die von ihm geforderte «Erweiterung der Sexualmoral» implementiert werden, ist ebenso unverständlich. Denn selbstverständlich gesteht die Kirche allen Eltern zu, in verantworteter Elternschaft die Anzahl und den Zeitpunkt der Kinder selbst zu bestimmen - das schreibt Paul IV. in der berühmten Enzyklika «Humanae vitae» bereits 1968. Kann es wirklich sein, dass Schockenhoff das nicht mitbekommen hat?

Der zweite Grund zum Fremdschämen bei Schockenhoffs Text ist die Behauptung, die Ablehnung der künstlichen Empfängnisverhütung würde von der Kirche (angeblich von «lehramtlichen Verurteilungen unterstellt») als lebensfeindlicher Akt verboten. Dass die Begründung der Kirche für die Ablehnung von «Pille & Co.» nicht mit dem Lebensrecht zu tun hat, will Schockenhoff entweder nicht wissen - oder er stellt die Lehre der Kirche bewusst übertrieben dar.

Schließlich erklärt Schockenhoff, dass die «Verantwortete Elternschaft» (ein Begriff, den er auch aus der Enzyklika humane vitae übernimmt) nun auch die freie Wahl der Mittel (also auch die künstliche Empfängnisverhütung) beinhalten muss - ohne eine Begründung dafür anzuführen. Das ist interessant: Schockenhoff möchte die künstliche Verhütung, die humanae vitae als nicht erlaubt betrachte, nicht neu bewerten und als moralisch unbedenklich etablieren. Nein: Er wirft die Frage nach der moralischen Qualität der Methode zur Geburtenregulierung gar nicht mehr auf, sondern fordert, die «Wahl der Mittel» gehöre in die «reproduktive Autonomie» der Eltern. Ein Professor für Moraltheologie, der die Frage nach der moralischen Qualität einer Handlung nicht mehr erhebt, ist schon faszinierend. Will Schockenhoff mit der «reproduktiven Autonomie» der Eltern etwa auch zulassen, dass diese sich in ihrer «freien Wahl der Mittel» eventuell auch für Abtreibung, vor- oder nachgeburtliche Kindstötung bedienen? Wohl kaum. Also endet die Freiheit der Wahl der Mittel durch die Eltern doch an der Erlaubtheit der Mittel. Diese Frage zu stellen lehnt Schockenhoff aber in Bezug auf die künstliche Verhütung ab. Ist es wirklich zu harsch, wenn ich diesen Gedankengang als peinlich bezeichne?

Vielleicht nennt Schockenhoff die Argumentation für die Erlaubtheit der künstlichen Verhütungsmittel zwar nicht ausdrücklich, leitet sie aber dennoch aus seiner «neuen Sexualmoral» ab - ein Gedankengang, der sich uns also nur sehr indirekt erschließt:

  • Schockenhoff bleibt dabei, dass eine Ehe auch die Offenheit für die Nachkommen beinhalten soll. Das gehöre zur sozialen Verantwortung der Ehe.

  • Schockenhoff gesteht allerdings auch anderen Beziehungen eine sexuelle Betätigung zu. Da in diesen ehe-ähnlichen Beziehungen nicht alle Aspekte der Ehe verwirklicht sein müssen, geht es vielleicht auch ohne Kinderwunsch.

  • Schockenhoff behauptet, die Verhütung sei laut Kirche nur deshalb in einer Ehe nicht erlaubt, weil sie den sozialen Charakter der Ehe beeinträchtigt.

  • Außerhalb der Ehe mag aber eine Verhütung in Ordnung gehen, da ja einzelne Aspekte der Ehe fehlen können, solange die Liebe den Rahmen für die Sexualität bietet.

Diese Begründung (sie findet sich nicht direkt im Vortrag, das sei ausdrücklich bemerkt!) ergibt nur einen Sinn, wenn es keinen anderen Grund für das Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung gibt, als die Offenheit der Ehe für die Nachkommen. (Das gilt dann ja eben nicht für die Sexualität außerhalb der Ehe).

Nun ist diese Begründung aber nicht korrekt. Die Offenheit der Ehe für Nachkommenschaft ist NICHT der Grund für die Ablehnung der künstlichen Verhütung (wie gesagt: Sonst dürfte ja auch keine natürliche Familienplanung und keine Eheschließung zwischen Ehepartnern in fortgeschrittenem Alter erlaubt sein).

Vielmehr ist nicht der Geschlechtsverkehr bei dauerhafter oder zeitweiliger (auch absichtlich herbeigeführter) Unfruchtbarkeit verboten, sondern das «Herbeiführen von Unfruchtbarkeit» (durch die Sterilisation, der Einnahme der Pille oder das Anlegen des Kondoms). Da die Fruchtbarkeit der Eheleute ein hohes Gut ist, ist die bewusste Zerstörung (auch zeitweilig) der Fruchtbarkeit ein Übel, das von der Kirche als moralisch abzulehnen angesehen wird. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Sexpartner verheiratet, lediglich befreundet oder nur flüchtig bekannt sind. Die Entkopplung der Sexualität von der Ehe hat also keine - in Worten: KEINE - Auswirkung auf die moralische Bewertung der künstlichen Empfängnisverhütung. Weder positiv noch negativ.