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Kirche 2.0

Nein, es ist kein Zufall, dass der Titel dieser Katechese an die Bewegung «Maria 2.0» erinnert, die 2019 ins Leben gerufen wurde und zu einer Erneuerung der Kirche von oben beitragen wollte. Allerdings will diese Katechese sich nicht damit begnügen, eine Antwort auf diese Initiative zu geben. Deshalb werden wir uns mit der Frage, warum Frauen keine Priester werden können, hier nicht beschäftigen (dazu haben wir bereits vor Jahren eine eigene Doppel-Katechese geschrieben. Wir wollen die entsprechenden Forderungen (zum Beispiel der kfd: «Frauen in alle Weiheämter!») vielmehr zum Anlass nehmen, über die Struktur der katholischen Kirche nachzudenken. Denn manchmal, wenn wir unseren Fragen wirklich ganz auf den Grund gehen, kommen wir zu Gedanken, die tiefer führen und eine neue Einsicht ermöglichen.
Neu? - Naja. Die Erkenntnisse, zu denen wir in dieser Katechese kommen wollen, sind nicht wirklich neu. Mit ziemlicher Sicherheit handelt es sich bei der Entdeckung dieser Erkenntnisse um «Wiederentdeckungen» vergessener Wahrheiten. Vielleicht sind sie, wie L. Evely glaubt, schon seit der Reformation vergessen worden; spätestens aber seit ca. 100 Jahren wurden sie zunehmend ins Bewusstsein gerufen. Zuletzt wurden diese im II. Vatikanischen Konzil formuliert und waren zumindest in den ersten Jahren nach dem Konzil in aller Munde. Leider ist dieser Aufbruch (zumindest in Deutschland) wieder verloren gegangen, weshalb wir dieser Katechese auch einen anderen Titel geben könnten:

Wir fordern eine veränderte Kirche!

Setzt endlich das II. Vatikanische Konzil um!

I. Es gibt ein Problem mit der Kirche

Viele Menschen haben ein Problem mit der Kirche. Das verwundert eigentlich nicht: Denn es gibt ja auch viele Menschen, die nicht an Gott glauben. Die wundern sich selbstverständlich über vieles, was in der Kirche passiert.

Aber es gibt auch Menschen, die an Gott glauben, aber trotzdem Probleme mit ihrer eigenen Kirche haben. Auch das ist normal: Denn in jeder Kircheengemeinschaft (ob evangelisch, orthodox, freikirchlich, anglikanisch oder katholisch) gibt es Menschen, die Fehler haben und falsche Entscheidungen treffen.

Schwierig wird es, wenn in einer Kirche Menschen glauben, dass nicht die Menschen in der Kirche sich ändern müssen, sondern dass die Kirche selbst sich ändern muss. Aber genau das tun heute viele Menschen, die in, vor und gegen die Kirche protestierten. Sie meinen, die Kirche müsse sich ändern.

Wir finden, sie haben Recht. Die Kirche muss sich ändern! Sie muss endlich das, was schon vor vielen Jahrzehnten auf einem Treffen aller Bischöfe der Welt (dem «Zweiten Vatikanische Konzil») gelehrt wurde, in die Tat umsetzen!

1. Das Problem: Die Hierarchie

Das Problem hat einen Namen: Die Hierarchie. So nennen wir die Struktur der Kirche, so, wie sie aufgebaut ist. Die Hierarchie der Kirche besteht aus Ämtern, die oft mit einer Weihe verbunden sind: Diakon, Priester und Bischof wird man durch eine Weihe (der Papst dagegen wird nicht geweiht, sondern «eingesetzt»). Deshalb sprechen viele, wenn sie die «Hierarchie» meinen, von der «Amtskirche».

Unterhalb der «Amtskirche» (manche sagen «Kirche» und meinen damit nur die «Amtskirche») gibt es dann noch die Laien. Zumindest wird das so von den meisten Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche gesehen.

2. Wie die Hierarchie der Kirche oft gesehen wird

Der Papst. - Ganz oben, an der Spitze der katholischen Kirche steht der Papst. Der Papst ist der Chef der Kirche. Er wird zwar von einigen Bischöfen gewählt, danach bleibt er aber bis zu seinem Lebensende im Amt (wenn er will). In diesem Amt kann er so gut wie alles allein entscheiden, auch ganz unbequeme Dinge. Normale Politiker können das nicht; sie wollen ja beliebt bleiben, damit man sie wieder wählt. Der Papst braucht aber keine Angst zu habe, dass er nicht wiedergewählt wird - er ist ja Papst auf Lebenszeit.

Die Bischöfe. - Die Bischöfe hören auf den Papst und befehligen die Priester. Sie sind sozusagen «regionale Chefs», wobei ihre Region das Bistum ist, dem sie vorstehen. So ähnlich wie der Papst sind sie einmal zum Bischof ernannt worden und bleiben das dann für eine lange Zeit. Normalerweise aber nicht bis an ihr Lebensende, sondern nur bis sie 75 Jahre alt werden. Manche auch länger.
Die Bischöfe sind relativ selbstständig. Wenn sie nicht gerade einen Befehl des Papstes ausführen, können sie ziemlich frei bestimmen, was in ihrem Bistum geschieht.

Die Priester. - Die Priester wiederum hören auf den Bischof und bestimmen, was die Gläubigen tun müssen. Sie werden vom Bischof geweiht und in eine Pfarrei geschickt. Manchmal bleiben sie dort lange Zeit, manchmal wechseln sie öfter. Das entscheidet der Bischof. Solange sie Pfarrer sind, entscheiden sie, was in der Gemeinde passiert.

Die Gläubigen. - Die Gläubigen (also alle, die getauft sind, aber nicht geweiht wurden) sind die Untersten in der Kirche und müssen denen da oben gehorchen.

So verstehen die meisten Menschen die der Kirche. Sie denken also, dass in der katholischen Kirche ganz oben der Papst steht und nun die Kirche von oben nach unten (über die Bischöfe und die Priester) regiert wird.

3. Frauen in der Kirche

Wenn jemand nun sagt: «Frauen können in der katholischen Kirche nicht Priester, Bischof oder Papst werden!», dann ist das hart. Manche sagen, man soll das doch vielleicht nicht so hart sagen, der Ton mache die Musik. Aber ich kann den Satz «Frauen können nicht Priester werden!» noch so nett sagen. Die Leute werden es immer noch hart finden. Am Ton liegt es nämlich nicht, dass sich viele ärgern. Sondern daran, dass der Inhalt so endgültig klingt. Das Problem ist: Der Inhalt ist endgültig.

Papst Johannes Paul hat 1994 in einem Schreiben erklärt, dass die Kirche niemals das Recht haben wird, Frauen zu Priestern zu weihen. Dabei benutzt er Formulierungen («Als Nachfolger des Hl. Petrus erkläre ich...»), die ein Papst nur benutzt, wenn er ein Dogma verkündet. Weil manche nicht glauben wollten, dass es sich dabei um eine endgültige Entscheidung handelt, hat die Glaubenskongregation auf Anfrage erneut erklärt, dass es sich dabei um eine verbindliche und endgültige Lehre der Kirche handelt. In verschiedenen Äußerungen wurde das von den nachfolgenden Päpsten (also Benedikt XVI. und Franziskus) mehrfach bestätigt.

Das ist ja auch wirklich ungerecht, dass Frauen damit jede Art von Entscheidung in der Kirche verwehrt wird. Und jede Leitungsaufgabe! Und jede Möglichkeit, eigene Initiative zu entwickeln; Dinge anzustoßen und Neues zu versuchen!
Aber die Hoffnung auf eine Änderung ist gering. An der Struktur (also der Hierarchie) der Kirche wird sich in dieser Frage nicht viel ändern.

Aber was wäre eigentlich gewonnen, wenn neben den Männern nun auch Frauen und Verheiratete Chef werden? Also Bischöfinnen und Päpstinnen? Es würde dann nach wie vor von oben nach unten regiert. Auch in einer gleichberechtigten Kirche (zwischen den Männern und Frauen in den Ämtern) sagen immer noch «die da oben» denen «da unten», was diese zu tun haben. Nur, dass oben und unten jetzt neben Männern auch Frauen (und vielleicht auch noch Verheiratete) das Sagen haben.

Vielleicht müssen wir die Kirche noch viel gründlicher ändern.

II. Ein Konzil stellt die Kirche auf den Kopf

Das, was die Bischöfe auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil gelehrt haben, ist tatsächlich eine noch größere Änderung als die geforderte Öffnung der Weiheämter für alle (also für Männer und Frauen). Sie haben die Kirche im wahrsten Sinne auf den Kopf gestellt!
Oder, besser: Sie haben die Kirche wieder so beschrieben, wie Jesus sie haben wollte. Ohne einen Befehlshaber an der Spitze. Sondern mit allen getauften Menschen an der Spitze, die mit dem Heiligen Geist beschenkt wurden: Männer, Frauen, Ledige, Verheiratete, Kinder, Alte, Jugendliche, Lehrer, Arbeiter, Bauern und Handwerker - und so weiter. Ein ziemliche breite Spitze.

Wie Jesus die Kirche eigentlich wollte

Die Spitze der Kirche: Die Laien. - Oben, als Chef, sollte nicht der Papst stehen. Dort ist Platz für jeden Christen, jeden Getauften. Sie alle haben den eigentlichen Auftrag Jesu bekommen, «Sauerteig für die Welt» zu sein. Sie verkünden der Welt, sie verändern die Welt, sie sind Hoffnungszeichen für alle.
Die Gläubigen leben fast immer in Familien, stammen aus Familien oder gründen welche. So kann man sagen, dass das Herz der Kirche die Familie ist und das diese ganz oben an der Spitze der Kirche steht.

Deren Diener: Die Priester. - Die Priester sind nun nicht diejenigen, die den Familien zu sagen haben, was sie tun sollen. Im Gegenteil! Die Priester (auch die Pfarrer) sind die Diener der Familien und der Gemeinden. Sie spenden die Sakramente, damit die Gläubigen ihre Fähigkeiten möglichst bunt entfalten können. Vielleicht gründen die Getauften auch Vereine, Gruppen oder Bewegungen. Für alles, was sich die Laien ausdenken, steht der Priester zur Verfügung; erzählt ihnen vom Evangelium und stärkt sie.

Priester sind keine Bischöfe. - Dabei sind die Priester keine wirklichen Leiter der Ortskirchen. Das sind nämlich die Bischöfe. Bischöfe können unter Umständen Lehrentscheidungen treffen und auch mal Personen aus der Kirche entlassen. Priester können das nicht; sie sind echte Diener (und ihr Amt ein Dienstamt). Sie leiten zwar die Gemeinde - aber nur insofern, damit niemand die Getauften behindert, ihre Gaben zu entfalten. Wie ein Hirte eben.

Bischöfe sind Leiter der Ortskirche. - Wenn es heißt, dass die Bischöfe Leiter der Ortskirche sind, dann klingt das doch wieder nach Chef. Aber die haben ein fest umschriebenes Ziel: Sie sollen alles tun, um die Laien und Getauften in ihrer Berufung zu stützen - ohne ihnen in ihre Aufgabe hineinzureden. Bischöfe können Priestern zwar Befehle erteilen (wir nennen es lieber «Anordnungen»), aber alle Bischöfe und Priester können den Laien nicht befehlen, was sie zu tun haben. Das entscheiden die Laien selbst!
Bischöfe sind nämlich nur «Lehrer und Bewahrer der Freiheit der Getauften». Das heißt, sie können dem Volk Gottes zwar nicht vorschreiben, was sie zu tun haben; aber ab und zu müssen sie Grenzen aufzeigen. Der Auftrag der Bischöfe ist es, «richtig von falsch» zu unterscheiden und das zu verkünden - wenn es der Erhaltung der Freiheit der Getauften dient. Ich bin sicher, ihr könnt alle Bischöfe fragen: Das ist keine schöne Aufgabe. Aber sehr wichtig!

Der Papst ist wie ein Feuerwehrmann. - Und welche Rolle spielt der Papst nun? Interessanterweise erstmal fast keine. Er kommt immer dann ins Spiel, wenn sich die Bischöfe nicht einigen können. Dann wenden sie sich an den Papst. Er kann sie um Geduld bitten. Er kann sie auffordern, weiter miteinander zu reden. Im Zweifelsfall entscheidet er, welcher der strittigen Wege der richtige ist. Aber das tut er eigentlich ziemlich selten.
Dafür kann der Papst aber viele Anregungen geben; er spricht mit den Bischöfen und versucht, sie für verschiedene Ideen zu begeistern. Er kann zwar auch Anordnungen erteilen und (zum Beispiel über das Kirchenrecht) die Strukturen der Kirche gestalten. Aber auch ihm sind da enge Grenzen gesetzt. Deshalb geschieht das, wie gesagt, sehr selten.

Der Papst ist der «Diener der Diener» (so übrigens auch ein alter, oft gebrauchter Titel des Papstes); die Bischöfe sorgen sich um die Freiheit der Gnadengaben, die Entfaltung der Taufgnade; dazu senden sie Priester in die Gemeinden. Die Getauften aber sind die Spitze der Kirche - ihre ureigenste Verwirklichung. In den Getauften wird die ganze Kirche zu einer dienenden Kirche: Im Dienst an der Welt.

Die ganze Hierarchie, die Ämter und die Weihestufen - das alles ist nur Support. Alles dient der Freiheit der Getauften und Gefirmten. Und sie dienen der Welt. Und, vor allem: sie entscheiden selbst, wie sie das am besten können.

1. Das Entscheidende sind die Familien

Dabei sind es noch nicht einmal die Priester (oder Bischöfe oder Päpste), die sich als erstes darum kümmern, dass die Laien den Glauben bewahren, ihre Berufung entdecken und auf vielfältige Weise der Welt das Evangelium verkünden. Das geschieht alles fast immer in der Familie. Was dort geschieht, ist nicht Aufgabe des Priesters (gottseidank!), sondern aller Familienmitglieder.

Wir haben manchmal den Eindruck, so richtig dient jemand nur Gott, wenn er ins Kloster geht. Oder wenn er Missionar oder Priester wird. Ich gebe zu, in der Kirchengeschichte gab es immer wieder Stimmen, die einen solchen Eindruck verstärkt haben. Viele hatten deshalb den Eindruck, als wenn allein schon die Bezeichnung «Laie» eine Zurücksetzung ist. Deshalb spreche ich hier lieber von den «Getauften».

In Wirklichkeit ist es eine vollkommene Verwirklichung der Taufgnade, Mutter oder Vater einer Familie zu werden; bei der Leitung einer Familie wird nicht nur der Glaube, sondern auch die Fantasie, Klugheit, Weisheit und Mut, Kraft und Stärke gebraucht. Ebenso beim Dienst der Getauften an der Welt: In den Krankenhäusern, Fabriken, Werkstätten, Kindergärten, Schulen, Büro und Schaltzentralen der Wirtschaft - und so weiter. Davon haben wir Priester, Bischöfe und Päpste oft wenig bis überhaupt keine Ahnung. Da helfen viel besser die anderen Familienmitglieder, die Freunde, Bekannten und Kollegen. Dort wirkt der Geist, der die Welt erneuert!

2. Der Dienst der Kirche ist der Dienst der Getauften

Vor einiger Zeit habe ich gelesen, dass die Kirche schon seit Jahrzehnten sprachlos geworden sei, wenn es um eine angemessene Verkündigung des Glaubens auch im Hinblick auf Freundschaften, Liebe und Sexualität geht. Dabei habe ich ganz viele (und auch gute) Bücher im Regal stehen, die sich damit beschäftigen und von guten Christen geschrieben wurden. «Ja, aber die offizielle Kirche sagt dazu nichts!» bekomme ich dann zur Antwort.
Sorry: Aber die «offizielle Kirche» sind die Getauften. Und zwar alle. Auch die, die solche Bücher schreiben. Auch die Eltern, die ihre Kinder erziehen und ihnen ein gesundes Verhältnis zu ihrer Sexualität vorleben. Wer behauptet, die Kirche würde dazu nichts sagen, hat offensichtlich ein falsches Verständnis von denen, die tatsächlich Kirche sind!

Wir müssen uns das vielleicht erst wieder angewöhnen: «Die da oben» sind zwar auch Kirche, aber in Wirklichkeit sind sie nur die «untere Schicht», das Dienstpersonal. Die eigentliche Kirche - das sind die Getauften. Das, was die Getauften aus ihrer Taufbefähigung heraus tun, ist das Tun der Kirche.

Wenn in meiner Gemeinde die Menschen einen kranken Nachbarn besuchen, so ist das ein Tun der Kirche! (Weshalb die Beschwerde ziemlich seltsam ist, die Nachbarn wären zwar da gewesen, aber die Kirche noch nicht - nur weil weder der Pfarrer noch der Pfarreiratsvorsitzende bisher zu Besuch waren. Die Nachbarn sind auch Kirche!).
3. Der Dienst der Leitung

Aber, so werden bestimmt einige einwenden: Der Pfarrer ist doch dazu verpflichtet, die Gemeinde zu leiten? Also doch! Er ist der Chef.
Nun, darauf ist zweierlei zu antworten: Zum einen leitet der Pfarrer die Gemeinde nicht wie ein Bischof. Er hat also keine Befugnisse, jemand Befehle zu erteilen oder ihn aus der Gemeinde hinauszuwerfen. (Manche Priester tun beides trotzdem, aber das sind dann keine guten Gemeindeleiter.)
Zum anderen ist das Amt der Leitung nur eines von drei Ämtern (die im Kirchenrecht festgeschrieben sind): Der Bischof hat das dreifache Amt der Verkündigung, der Heiligung und der Leitung inne - und gibt es in abgeschwächter Form als Aufgabe an die Priester.

a. Verkündigung

Der Bischof und der Priester sind dazu berufen, das Evangelium zu verkünden. Aber vor allem an die Getauften und Gefirmten, nicht an die Welt. Die Getauften sind berufen, das Evangelium der Welt zu verkünden. Sie verkünden nämlich der Welt das Evangelium viel punktgenauer, wenn sie es so tun, wie sie es für richtig halten. Der Priester erklärt den Getauften das Evangelium, den Glauben und die Moral (das ist seine Aufgabe), damit diese es dann so weitergeben können. Die Getauften können nicht über den Inhalt des Glaubens entscheiden; aber das können die Priester und Bischöfe auch nicht. Aber die Getauften sind frei in der Art und Weise, wie sie verkünden - z. B. womit sie anfangen, was sie betonen und welche Beispiele sie wählen. Das können die auch viel besser entscheiden, immerhin leben sie in der Welt, wirken in ihr und sind ihr vielfältig verbunden. Dabei hilft ihnen der Heilige Geist in ihrer eigene Verbindung zu Gott und im Wissen darüber, wie es in der Welt zugeht.

b. Heiligung

Der Dienst der Heiligung geschieht in der Spendung der Sakramente. Das will ich hier nicht näher ausführen - zu allen Sakramenten haben wir oft mehr als eine eigene Katechese geschrieben.

Man kann bemängeln, dass die Sakramente nur von Priestern (oder Bischöfen) gespendet werden dürfen; weshalb das doch auch wieder eine Benachteiligung der Getauften sei. Aber erstens gilt, dass der Priester eben genau dafür da ist: Zum Dienst an den Getauften. Das ist eben seine Aufgabe, nicht die Aufgabe aller Getauften.

Und zweitens gibt es zwei wichtige Ausnahmen. Die Taufe kann (im Notfall) nämlich auch von einem Getauften, der nicht Priester ist, gespendet werden. Was eine vernünftige Konsequenz der Regel ist, dass die Priester zum Dienst an den Getauften zuständig sind, alle aber zum Dienst an den Nicht-Getauften. Taufen kann also jeder, nach der Taufe ist für alle anderen Sakramente der Priester zuständig.

Die andere wichtige Ausnahme von der «Nur-Priester-spenden-Sakramente- Regel» ist das Ehesakrament. Das spenden sich die Eheleute nämlich gegenseitig, der Priester (oder Diakon, Bischof oder Papst) ist nur qualifizierter Zeuge. Die Gründung einer Familie durch die Schließung des Ehebundes ist nämlich Aufgabe der Laien, nicht der Priester. Und da haben die Priester auch nicht reinzureden: Sie nehmen das Eheversprechen nur entgegen und bestätigen es.

c. Leitung

Besonders interessant ist es nun, sich die Aufgabe der «Leitung» anzuschauen. Denn alles, was ich bisher gesagt habe, wäre ruck-zuck unwirksam, wenn der Priester glaubt, mit der Leitung müsse er nun doch wieder klar regeln, wer was in seiner Gemeinde tun darf. Oder, noch schlimmer: Wer was in der Gemeinde tun muss.

Nein, die Leitung der Gemeinde beschränkt sich wirklich erst einmal nur auf das Gemeindeleben - und bezieht sich nicht auf das Leben der Getauften im Ganzen. Aber auch in der Gemeinde ist es die Aufgabe des Priesters (und des Bischofs), vor allem zu verhindern, dass sich die Getauften gegenseitig behindern, exkommunizieren und ihre Kraft beim Streit über den Glauben verausgaben. Sie dienen also der Freiheit der Getauften, für sie halten die Gemeindeleiter den Raum möglichst groß und offen.

Vielleicht hilft hier ein Beispiel. Vielleicht aus dem Sport: Wie ist es im Fußball?

Wie beim Fußball

Im Fußball gibt es nämlich zwei Arten von Leitung: Die Leitung, die ein Trainer in einer Mannschaft übernimmt. Und die Leitung des Spiels durch den Schiedsrichter. Ganz klar: Der Pfarrer hat als Leiter der Gemeinde nur die Rolle des Schiedsrichters - nicht die des Trainers!
Mit anderen Worten: Wer wo und wie zu spielen hat, entscheidet der Trainer. Trainer aber kann jeder werden, der dazu in der Lage ist: Weil er kompetent ist, kommunikativ, begeisterungsfähig und erfahren. Das ist keine Aufgabe, die an ein Amt gebunden ist. Auch nicht im übertragenen Sinne an das Priesteramt.

Nein, das Amt des Priesters ist mit der Leitung durch den Schiedsrichter zu vergleichen: Der hat klare Befugnisse - durch sein Amt. Weil er ernannt wurde und diese Aufgabe übernommen hat. Nicht unbedingt, weil er dazu kompetent ist (wobei die, die Schiedsrichter ernennen, schon darauf achten sollten, dass die Schiedsrichterkandidaten geeignet erscheinen). Schiedsrichter brauchen nicht die Eigenschaften eines Trainers; im Notfall reicht es, wenn sie wenigstens die Regeln kennen, auch wenn sie sonst keine Ahnung von Taktik und Personenführung haben. Ein Schiedsrichter kann den Spielern keine taktischen Anweisung geben: «Jetzt spielt mal schneller! Nicht so lahm! Mehr nach vorne! Hinten dicht machen! Jetzt mal nicht so stürmisch!» und so weiter. Aber ein Schiedsrichter muss schon einschreiten, wenn jemand eine Regeln verletzt hat und andere behindert. Aber dazu muss er offiziell beauftragt sein.

Wenn wir im Bild des Fußballspiels bleiben wollen, dann besteht die Aufgabe der Verkündigung, die Priester und Bischof haben, vor allem in der Erinnerung an den Sinn des Spiels, dessen Regeln und der alten Spielweisheiten. Aus den konkreten Überlegungen zur Mannschaftsaufstellung hält sich der Schiedsrichter tunlichst heraus. Die Verkündigung umfasst eben vor allem die Erinnerung an den göttlichen Heilsplan, das Wachhalten der biblischen Aussagen und eben nicht aus konkreten Anweisungen zu Weltgestaltung.
Und, zum Dritten: Der sakramentale Dienst des Amtes ist Heiligung - im Fußball durch die medizinische Abteilung des Veranstalters.

III. Das Problem heute

Nun, ich habe im letzten Abschnitt zwar inhaltlich die Neubestimmung des Wertes der Laien durch das II. Vatikanische Konzil beschrieben, dieses Konzil aber kein einziges Mal zitiert. Ich verzichte auch weiterhin darauf, weil ich davon ausgehe, das wir uns in dieser Feststellung einig sind.

Uneinig sind wir wahrscheinlich eher in der Frage, wie es soweit kommen konnte, dass die «Amtskirche» als «eigentliche Kirche» missverstanden wurde. Haben die Laien selbst Angst vor ihrer hohen Berufung gehabt und das dann alles schön den Priestern überlassen? Oder haben die Kleriker den Laien ihre Freiheiten nicht zugetraut und wollten lieber doch alles selbst in der Hand behalten?

1. Ursachen

Die Frage, wer eigentlich Schuld daran hat, dass in der jetzigen westlichen Kirche die Priester alles und die Laien fast nichts entscheiden (falls dem wirklich so ist), ist nicht mit «entweder-oder» zu beantworten. Ich möchte an dieser Stelle einen Text zitieren, der das Problem gut auf den Punkt bringt - und der direkt aus der Zeit des Konzils stammt. Von 1971. Dort heißt es:

Seit einem halben Jahrhundert läuft das ganze Bemühen der Päpste darauf hinaus, eine Laienschaft zu schaffen - neu zu schaffen.
Seit der Reformation hatte man derart nachhaltig die Rechte, die Machtbefugnisse und die Bedeutung der Hierarchie betont, dass man schließlich die Kirche mit ihr identifizierte. Im 20. Jahrhundert entdeckte man, dass die Geistlichen im Dienst der Laien stehen und dass es ohne diese überhaupt keine Kirche gibt.
Doch es dauerte lange, bis einmal angenommene Gewohnheiten überwunden werden, und die entklerikalisierten Kleriker stehen nicht selten Laien gegenüber, die katholischer sind als der Papst und klerikaler als ihr Pfarrer.
Wenn man den Laien von ihrer «Berufung» (vgl. Eph. 1, 3-6) spricht, so werden sie gleich annehmen, man wolle sie ins Kloster treiben. Sie haben keine Ahnung von ihrer eigenen christlichen Berufung, die bedeutend wesentlicher ist als die Berufung zum Ordensleben.
Fragt sie, wie es um ihr religiöses Leben steht, und wie werden zur Antwort geben: «Ich bete jeden Abend und kommuniziere jeden Sonntag», was ungefähr das gleiche ist, als wenn jemand, den wir nach seiner Arbeit fragen, uns antwortet, er nehme vier Mahlzeiten am Tag zu sich. Denn das religiöse Leben des Laien ist sein Berufsleben, sein Familienleben und sein Leben in seinem engeren Lebensraum. Dort lebt er seinen Glauben und seine Liebe. In der Kirche aber holt er sich nur sein Nahrung. (Luis Evely, «beten - aber wie"», Aschaffenburg 1971, S. 61)

Da ist die Rede von der Entmachtung der Laien durch die Kleriker - schon seit 500 Jahren. Aber auch von den Bemühungen der vorkonziliaren Päpste, die Entmachtung zurückzunehmen - und den Schwierigkeiten, die dieser Versuch mit sich bringt. Denn es gibt nicht nur Kleriker, die den Laien nur wenig zutrauen (wollen); es gibt offensichtlich auch Laien, die dieses Vertrauen als Zumutung verstehen - und ablehnen.

2. Gefesselte und geknebelte Laien

Offensichtlich sind auch diejenigen noch im vorkonziliaren Kirchenbild verhaftet, die verlangen, Anteil an den Weiheämtern zu bekommen - weil sie ansonsten nichts in der Kirche zu sagen hätten.

Die Aussagen moderner Vorkämpfer für das Frauenpriestertum über die vielen Menschen, die keinen Anteil am Weihepriestertum haben (davon sind ungefähr 50 % Frauen), sind so offensichtlich vorkonziliar, dass man sich wundert, dass heutige Reformbewegungen sich nicht schämen, diese auf ihre Fahnen zu schreiben: «Frauen haben in der Kirche nichts zu sagen» - «Frauen haben in der katholischen Kirche keine Stimme, keine Freiheit, keinen Platz.» - «Die Männerkirche will die Frauen einfach nur unmündig halten» - «Wir Frauen lassen uns nicht länger den Mund verbieten!» - «Die Zeit ist reif, dass Frauen endlich gleichberechtigt die Kirche mitgestalten.» (kfd, Homepage) - «Ich wünsche mir, dass Laien stärker in die Kirche mit eingebunden werden... Wir müssen dringend über die Weiheämter reden!» (Barbara Hendricks im Domradio)) - «Frauenlob wird gerne von Kirchenmännern gesungen, die aber allein bestimmen, wo Frauen ihre Talente in der Kirche einbringen dürfen.» (Maria 2.0, Online-Petition) - Immer ist mit Kirche die «Hierarchie« gemeint, das Dienstpersonal. Wer nicht Amtskirche ist, hat nichts zu sagen? Hallo?! Dabei haben doch die Laien die eigentliche Macht in der Kirche - und die größte Freiheit!

Das Bild vom gefesselten und geknebelten Laien besticht - hat aber mit der Realität nicht viel zu tun. In der katholischen Kirche gibt es eine Pressefreiheit wie eine Meinungsfreiheit; und diese wird auch von etablierten katholischen Vereinen, bücherschreibenden Laien, Professoren und christlichen Politikern eifrig genutzt, auch nicht-katholische Ansichten zu verbreiten. Im Gegenteil: Getaufte und Gefirmte, die nicht in die Hierarchie eingebunden sind (wie eben Diakone, Priester und Bischöfe), sind viel freier als diese, selbst zu bestimmen, was sie aus ihrem Glauben heraus tun wollen - oder eben nicht.

3. Frauen in der Kirche

Damit sind wir beim oben angekündigten Thema «Maria 2.0». Aber, bitte nicht missverstehen: Die bisherigen Ausführungen sind mir (und der ganzen Kirche) ein eigenständiges, dringendes Herzensanliegen!

Man möge mir bitte glauben (auch wenn ich wegen der Bedeutung, die diese Gedanken für die Diskussion um Maria 2.0 hat, auf Kritik stoßen werde), dass mein ganzen Wirken als getaufter Christ und Priester sich um nichts anderes dreht, als die Berufung aller Getauften und Gefirmten zu fördern und zu schützen!
a. Verzweckt nicht die Frage nach der Frauenweihe!

Gerade weil mir die eigenständige Berufung aller Getauften ein so großes Herzensanliegen ist, raufe ich mir bei der Forderung «Frauen in alle Weihämter!» so sehr die Haare: Anstelle die Berufung der Laien zu schützen, glaubt man offensichtlich, dass eine Berufung nur gewürdigt wird, wenn sie ins Weiheamt führt. Deshalb an dieser Stelle drei Gedanken aus dem bisher Gesagten für die Diskussion:

Attraktivität der katholischen Kirche: «Wenn wir die Frauen nicht zum Priesteramt zulassen, laufen uns die Katholiken massenhaft davon!» - Nun, ein Blick in die evangelische Kirche zeigt, dass das Gegenteil der Fall ist. In allen Jahren seit Beginn der Zählung (im Jahr 1990) hat die evangelische Kirche eine weitaus größere jährliche Austrittszahl als die katholische Kirche in Deutschland (mit lediglich zwei Ausnahmen im Jahr 2010 und 2013). Die Menschen laufen offensichtlich der evangelischen Kirche in größeren Scharen davon - obwohl es dort eine Frauenordination, verheiratete Pfarrer und eine gesunde Basisdemokratie in den Gemeinden gibt. - Eine noch deutlichere Sprache sprechen die Kirchenbesucherzahlen in der evangelischen Kirche.

Gleichberechtigung auch in der Kirche: Aber es gibt auch Menschen, die nicht mit der Akzeptanz bei den eigenen Gläubigen, sondern mit der grundsätzlichen Gleichberechtigung argumentieren: «Eine Kirche, die eklatant gegen das Gleichberechtigungsprinzip verstößt, verdient den Namen 'christlich' nicht!» - Nun, das mag gelten, wenn das Weiheamt ein Machtamt wäre. Wenn das Weiheamt aber ein Dienst ist (zudem verbunden mit dem Verzicht auf zahlreiche Rechte - wie z. B. die Heirat und die freie Wohnortwahl), dann ist die Zulassung von nur wenigen Kandidaten (aus theologischen Gründen) keine Beschneidung von Rechten.
Im Gegenteil: Alle Bemühungen, das Amt als reines Dienstamt wieder zum Leuchten zu bringen, wäre durch nichts stärker gefährdet, als durch die Entscheidung, es deshalb für alle zu öffnen, weil «sonst die Macht nicht gerecht verteilt wäre». Jede Forderung nach Gleichberechtigung offenbart, dass es dabei um Rechte geht - und nicht um die Bereitschaft zum Dienst.

Bremse: Der Wille zum Machterhalt der Männer: Aber warum hält die Kirche nach wie vor am reinen Männer-Priestertum fest? Nun, abgesehen von theologischen Gründen, die viele «für wenig überzeugend» halten, wird immer wieder behauptet, dass die Männer ihre Macht nicht mit den Frauen teilen wollen. Ein absurdes Argument: Dann müsste jeder Priester ja ständig darauf hin wirken, dass möglichst keine Priester mehr geweiht werden - weil er sonst seine Macht teilen müsse?! Eine Frau mit mir im Priesteramt wäre für mich nicht im Geringsten eine Bedrohung (warum auch?). Die größte Beschneidung der Macht eines jeden Pfarrers ist der Bischof, dem er Gehorsam versprochen hat - und nicht ein weiblicher Priester an seiner Seite oder in der Nachbarpfarrei.

b. Frauen in der Kirchengeschichte

Manchmal liest man eine wunderbare Zusammenstellung über beeindruckende Frauen, die in der gesamten Kirchengeschichte Großartiges geleistet haben. Angefangen bei Maria Magdalena und den frühchristlichen Märtyrerinnen, den ersten Christen in Rom (namentlich die Schwestern Praxedis und Pudentia), über die Heilige Scholastika, die Heilige Klara, Hildegard von Bingen, die große und die kleine Theresa bis hin zu den großen christlichen Kaiserinnen, Königinnen oder Fürstinnen (wie z. B. Elisabeth von Thüringen), den Beraterinnen von Päpsten wie (z. B. Brigitta von Schweden, Katharina von Siena), Theologinnen (z. B. Edith Stein) und noch viele mehr.

Etwas verstörend ist dann, wenn mit Verweis auf diese großartige Riege von selbstbestimmten und selbstbewussten Frauen der Ruf nach der Weihe der Frauen kommt. Diese Frauen waren groß in IHRER Berufung; die haben in vorbildlicher Weise die Berufung der Getauften gelebt und verwirklicht (und sind damit auch den Männern in der Kirche ein bleibendes Vorbild). Es wäre sicherlich ein Verrat an ihrer Größe, wenn man von ihnen oder der Kirche verlangen würde, diese durch Weihe in die Hierarchie einzuordnen und gefügig zu machen.
Der Verweis auf die Größe von Frauen in der Kirchengeschichte bis in die heutige Zeit ist ein gutes Argument für die Kirche 2.0 und gegen die Frauenweihe: Gerade weil es in der Kirche zu allen Zeiten und an allen Orten bewundernswerte weibliche Berufungsgeschichten gegeben hat, ist der Schluss, Frauen wären wegen der verweigerten Weihe mundtot gemacht, offensichtlich falsch.

c. Frauen in der Kirche heute

«Ohne Frauen liefe in der Kirche doch gar nichts mehr! Die Mehrzahl der Angestellten, der Gottesdienstbesucher und der Ehrenamtlichen sind doch die Frauen!» Genau! Diese Frauen sind (genauso wie die etwas weniger präsenten, aber dennoch genauso wichtigen Männer) nicht nur die Stütze der Kirche - sie sind die Kirche. Sie zeigen, wie lebendig die Kirche in jeder Hinsicht ist - sowohl im Einsatz für die Armen, in die Weitergabe des Glaubens als auch für die Spiritualität der Kirche.

Diesen Einsatz mit der Weihe zum Kleriker «zu krönen», ist Klerikalismus pur: Wer den Einsatz und das Wirken eines Menschen würdigen will, der macht ihn nicht zum Diener.

4. Klerikalismus

Einen gewichtigen - wahrscheinlich den gewichtigsten - Einwand gegen die jetzige Kirche teilen sich Maria 2.0 und Kirche 2.0 gemeinsam: Es gibt tatsächlich einen Klerikalismus in der Kirche, den es zu überwinden gilt. Menschen mit einer Weihe sind eben nicht mehr Wert als andere, haben keine höhere Berufung als die Getauften und auch keine größere Würde. Im Gegenteil: Menschen mit einer Weihe verzichten auf einen großen Teil ihrer Freiheit und ihrer Rechte und stellen sich ganz in den Dienst der Kirche und ordnen sich ein in eine heilige Ordnung des Gehorsams.

Und dennoch - das ist die Fortführung des Einwandes - gewinnt man einen ganz anderen Eindruck, wenn man von außen auf die Kirche schaut: Da trägt der Priester (und der Bischof, der Kardinal und der Papst) besondere Gewänder, hebt sich ab von den anderen, steht auf der Kanzel und wird von den Gemeindemitglieder überschwänglich hofiert. Er genießt hohes Ansehen, wird «Hochwürden» genannt und profitiert von zahlreichen Privilegien. Mein Onkel hat sogar einmal gesagt, dass man «geweihte Häupter nicht kritisieren darf».

Das muss sich ändern! Das Amt des Priesters darf nicht mit so vielen verführerischen Privilegien verbunden sein, dass junge Menschen in die Versuchung kommen, nur wegen dieser «Sekundärgewinne» Priester werden zu wollen. Dabei ist das sowohl Mahnung an die Priester, sich möglichst von diesen Privilegien frei zu machen; als auch Anspruch an die Gemeinden, den Priester nicht genau mit diesen Dingen in Versuchung zu führen.

Und Versuchungen gibt es - vor allem für mich als Pastor auf dem Land - in Hülle und Fülle. Ich werde zu allen Festen eingeladen und darf immer am wichtigsten Tisch sitzen, ich soll das Büffet und das Schützenfest eröffnen; dem Pastor schenkt man gerne mal eine Torte, eine gute Flasche Wein oder auch (in meinem Fall) Schokolade... ... und so weiter.

Sich von den unnötigen und gefährlichen Annehmlichkeiten eines Priesters frei zu machen, ist eine bleibende Lebensaufgabe. Nicht nur, weil der Priester damit die Versuchungen zurückweist, sondern weil er so den Blick immer wieder auf das lenken kann, was sein Amt ist: Der Dienst.
Aber dieser Dienst ist nunmal ein besonderer Dienst («besonders» heißt nicht besser, höher oder würdiger). Dafür nimmt sich der Priester besonders zurück - erinnert sich und andere aber auch immer wieder durch äußere Zeichen an diese Besonderheit: So trägt der Priester (je nach Weihestufe) ein besonderes Gewand; aber vom richtigen Selbstverständnis her ist das eher ein Gewand, das die individuelle Person überdeckt und zurücktreten lassen soll. Er trägt es, weil er ein Amt hat - und nicht, weil er ein besserer Christ wäre. So ähnlich, wie auch das Gewand einer Nonne oder eines Mönches kein Ehrenzeichen ist, sondern ein Zeichen der Zurücknahme und des freiwilligen Verzichts auf persönliche Ehre.
Vergleichen wir ruhig den Priester mit einem Diener eines Hotels oder am Königshof: Die Könige seid Ihr alle! Die Diener erkennt man zwar an ihre spezielle Kleidung (die manchmal hochwertig und farbenfroh ist); aber das erhebt sie nicht über die Könige! Natürlich soll man das Dienstpersonal (und die Amtsträger in der Kirche) schon mit Wertschätzung behandeln. Wie jeden Menschen!
Gerade der letzte Gedanke sollte uns vor dem anderen Extrem bewahren: Der Priester (und Bischof und Papst) ist nicht höherwertiger als ein Laie, aber eben auch nicht minderwertiger. Es ist immer wieder lobenswert, wenn Getaufte sich zu diesem Dienst bereitfinden. Aber nicht deshalb, weil sie eine größere Berufung haben als die Laien, sondern weil sie sich freiwillig in den Dienst an den Getauften begeben. Eine Wertschätzung für den Priester ist durchaus angebracht! Vergessen wir das nicht und lassen wir uns nicht zu einem allgemeinen Priester-Bashing hinreißen.

Bedenken wir aber gleichzeitig, dass die Hochachtung vor dem Dienst des Priesters nicht größer sein darf als die Hochachtung vor dem Dienst einer christlichen Mutter, Vaters oder Firmengründers. Wir haben Respekt vor dem Opfer, das der Priester bringt, genauso wie vor dem Verzicht eines christlichen Politikers und einer katholischen Großmutter.

Als enorme Verstärkung des Klerikalismus erachte ich dagegen die Intiative Maria 2.0 mit der Forderung, auch Frauen in den Klerikerstand zu erheben. Wir bauen die unnötige Erhöhung und die verführerischen Privilegien der Kleriker nicht ab, indem wir noch mehr Menschen zum Kleriker weihen (wer kommt eigentlich auf so eine Idee?!) - vor allem nicht, wenn diese Weihe als eine «Belohnung für den unermüdlichen Einsatz» oder eine «Verleihung von Macht» gedacht ist. Im Gegenteil: Das stärkt und zementiert den Klerikalismus.

Konkrete Vorschläge

Wenn die Zulassung des Frauenpriestertums keine Minderung des Klerikalismus bedeutet, sondern sogar eine Vergrößerung: Was könnte man dann sonst tun?

a. Leitung ohne Amt. - Selbstverständlich müssen alle Leitungsämter der Kirche, die nicht an ein Amt gebunden sind, auch Frauen offenstehen. Ohne notwendige Bindung an das Amt gilt das Prinzip der besten Eignung. Wer über das Weiheamt hinaus jede Leitungsfunktion in der Kirche nur den Männern vorbehalten will, ist tatsächlich unfair den großen Begabungen der Frauen gegenüber. Ebenso muss dann natürlich auch geprüft werden, welche Leitungsfunktionen in der Kirche auch für Nicht-Priester geöffnet werden können. Muss die Leitung des Seelsorgeamtes, des Kirchenvorstandes, der Kirchen- und Bistumsverwaltung, des Personalbeauftragten usw. mit einem Priester besetzt werden?

b. Die priesterlichen Aufgaben. - Viele Priester verzetteln sich in Aufgaben, die gar nicht zu den ureigensten Aufgaben des Priesters gehören (z. B. im Bau von Kindergärten und Pfarrheimen), andere Gemeinden verlangen nach einem Priester, ohne wirkliches Interesse an der Spendung der Sakramente zu haben. Wir tun sowohl den fähigen Laien als auch den überarbeiteten Priestern keinen Gefallen, wenn wir den Priester nicht mehr wegen seiner priesterlichen Aufgaben schätzen; das aber setzt voraus, dass wir (zusammen mit den Priestern) immer wieder neu begreifen, was Aufgabe alle Getauften - und was Aufgabe des Priesters ist.
Manche Priester stöhnen darüber, dass sie aufgrund der großen Gemeinden nur noch «Reisende in Sachen Sakramente» seien. Aber - genau das sind sie! Aufgabe des Pfarrers ist zunächst (und nicht viel mehr als) die tägliche Feier der Eucharistie, die Spendung der Sakramente, die Sakramenten-Katechese (vor allem zur Taufe, Firmung, Eucharistie und Ehe), Beerdigungen und Segnungen; dazu die Predigt zur Auferbauung der Gemeinde und die Leitung der Gemeinde (wie gesagt: als «Schiedsrichter-Leitung»). Alles andere ist als großes Terrain der freien Gestaltung durch die Getauften überlassen!

c. Gegenseitiger Respekt. - Alle Inhaber eines Dienstamtes sollten immer mit Wärme, Wertschätzung und Ermutigung vom Amt der Getauften sprechen. Zu ihrer Aufgabe gehört es selbstredend, die Getauften an ihre Aufgabe und ihre Befähigung zu erinnern. «Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid, welchen Reichtum die Herrlichkeit seines Erbes den Heiligen schenkt!» (Eph 1,18).
Die Getauften mögen dagegen den Amtsträgern Respekt und Anerkennung entgegenbringen, für die Entfaltung der Taufgnade das Dienstamt zu übernehmen. Gleichzeitig mögen sie aber auch in aller Freiheit die Kleriker daran erinnern, dass sie nicht Herren des Glaubens, sondern Diener der Freude sein sollen: «Wir sind nicht Herren über euren Glauben, sondern wir sind Mitarbeiter eurer Freude; denn im Glauben steht ihr fest.» (2 Kor 1,24). Und Petrus schreibt: «Seid nicht Beherrscher der Gemeinden, sondern Vorbilder für die Herde!» (1 Petrus, 5,3)

IV. Die große Berufung der Laien

Wir haben eine eigene, sehr ausführliche Katechese zur Berufung aller Getauften zum allgemeinen Priestertum geschrieben - und können sie immer noch jeden empfehlen, der glaubt, er sei als Laie weniger Kirche oder weniger wert.

Ich kann an dieser Stelle nur mit einer Auflistung schließen, welche Freiheiten sich die Getauften zutrauen sollten - und auch gegen den Widerstand vorkonziliar denkender Priester (und Laien) bewahren müssen.

  • Alle Getauften haben das kirchenrechtlich verbriefte Recht, sich jederzeit in Vereinen, Gemeinschaften und Gruppen zu organisieren: «Den Gläubigen ist es unbenommen, Vereinigungen für Zwecke der Caritas oder der Frömmigkeit oder zur Förderung der christlichen Berufung in der Welt frei zu gründen und zu leiten und Versammlungen abzuhalten, um diese Zwecke gemeinsam zu verfolgen.» – can. 215 CIC

  • Alle Getauften haben jede Freiheit, sich zu Gebeten zusammenzufinden, Andachten abzuhalten und Wallfahrten oder Pilgerfahrten zu organisieren!

  • Alle Getauften haben jede Freiheit, sich in der Verbreitung des Glaubens zu engagieren, nicht nur in der Familie und dem privaten Umfeld (obwohl das ihre erste und ureigenste Kompetenz ist). Sie können Glaubensgesprächskreise bilden, Referenten einladen und selbst Vorträge halten - usw.!

  • Zu diesem Zweck muss (!) die Kirche (damit sind hier die Priester bzw. Pfarrer vor Ort gemeint) ihnen in jeder Hinsicht eine Hilfe und Unterstützung sein - sowohl in der Öffnung der Kirchen, der liturgischen Unterstützung, der fachlichen Beratung, der zur Verfügungstellung von Pfarrheimen oder anderer Räumlichkeiten!
    -> Ich weiß, dass hier zum allergrößten Teil «der Hund begraben ist»: Viele meiner Mitbrüder tun sich schwer, «ihr Pfarrheim» oder «ihre Kirche» vertrauensvoll den Getauften zu öffnen. Erinnern wir diese Kleriker daran: Der Kirchenraum ist «Raum der Kirche»; und das Gemeindezentrum «Haus der Gemeinde»: Und damit sind immer alle Getauften gemeint! Das ist Euer Haus!

Abschließend drei Empfehlungen zum Weiterlesen (auch als Wink mit dem Zaunpfahl, dass uns das neue Selbstbewusstsein aller Getauften schon lange vor Maria 2.0 ein Anliegen war):

It's a long way

Es ist so wichtig, die Kirche im Ganzen an die größte Berufung zu erinnern, die ihr geschenkt worden ist: Die Berufung zum neuen Leben in der Taufe! Deshalb ist es so schade, dass wir uns nicht über die unendlichen Möglichkeiten austauschen, die die Entfaltung dieser Gnade ermöglichen, sondern nur über die Flucht vor dieser Berufung in die viel engere Berufung zum Priester oder Bischof.

Aber nur, weil es ein langer und ein steiniger Weg ist, heißt es nicht, dass wir ihn nicht im Vertrauen auf das Wirken des Geistes gehen sollten! Es wird dringend Zeit, dass die Kirche sich ändert!