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Neu-Evangelisierung

Das Wort «Neu-Evangelisierung» ist schon seit ein paar Jahrzehnten im katholischen Jargon unterwegs. Damit ist wohl irgendetwas gemeint, das den ermüdeten Glauben in den Ländern der Westlichen Welt wieder beleben soll. Aber was genau? Worin besteht der Unterschied zwischen «evangelisieren», «missionieren» und «neu-evangelisieren»? Ist «Neu-Evangelisation» das gleiche wie «Katechese»?
In dieser Katechese gebe ich diesen Begriffen ein jeweils eigenes Gepräge und setze sie in Beziehung zueinander. Ich gebe aber zu, dass man «Mission» und «Evangelisation» auch anders definieren kann (was auch munter getan wird). Dem will ich nicht entgegenwirken; mir geht es vor allem um die unterschiedlichen Erwartungshaltungen und wie man ihnen begegnet. Die Begrifflichkeiten sind dann eher zweitrangig.
Wenn wir das Spezifische an der Neu-Evangelisation umschrieben haben (und welcher Mechanismus dahinter wirkt), verstehen wir die besonderen Herausforderungen. Und erst dann können wir damit wirklich beginnen.

Erster Schritt: Veränderte Sprache
Gott wird nicht mehr genannt...

Alles beginnt mit der Falle des «Das kann man so nicht mehr sagen!». Theologen, Prediger, Priester, Katecheten und Eltern wollen den antiquierten Glauben moderner ausdrücken und damit weniger Widerstand hervorrufen. Was an sich eine gute Absicht ist (wir von der Karl-Leisner-Jugend versuchen uns auch daran), führt aber oft dazu, den Glauben zu verkürzen. Denn meist sind es nicht bestimmte Formulierungen, die zu Widerspruch führen, sondern bestimmte Wahrheiten. Also lässt man diese einfach unerwähnt. Erstmal, ohne sie direkt zu leugnen. Begriffe werden neu definiert und Rituale mit neuem Inhalt aufgefrischt.
Gespräche der Neu-Evangelisation leiden nun oft darunter, dass die Gesprächspartner zwar die gleichen Begriffe verwenden, diese aber jeweils anders gefüllt werden.

Fast immer wird dabei aus dem ursprünglichem Begriff jeder Bezug auf Übernatürliches, Gnade und Göttliches getilgt - übrig bleibt zwar Richtiges, aber rein Innerweltliches.

Hier nur ein paar Beispiele:

Der Seelsorger: Gnade durch Sakramente oder Wirksamkeit der Person? - Die katholische Kirche versteht unter einem «Seelsorger» eigentlich einen Diakon, Priester oder Bischof. Unter «Seelsorge» verstand man nämlich die sakramentale Sorge um das «ewige Heil der Seelen«, ergänzt durch Segnungen und Sakramentalien. - Heute meint «Seelsorge» das Kümmern um das Wohlbefinden des Menschen, z. B. durch Gespräche, Aufmerksamkeit, Krisenintervention oder aktivem Zuhören. Das Problem ist zunächst nur, dass die übernatürliche Sorge (um das Heil) und die übernatürlichen Mittel (Sakramente, Gebete und Segnungen) ignoriert werden. Letztlich wird damit aber auch das «Allgemeine Priestertum» und schließlich überhaupt jedes «Priesteramt» überflüssig. Also ist im Grunde jeder ein «Seelsorger» (oder sollte es zumindest sein); weil jeder kann sich kümmern und sich sorgen. - Siehe Priester - Das unbekannte Wesen

Die Sünde: Übernatürliche Beziehungsstörung oder Charakterfehler? - Die katholische Kirche versteht unter «Schuld» und «Sünde» die ganz normale Verfassung, in der sich der Mensch nach dem Sündenfall befindet: Nämlich in einem mehr oder weniger distanziertem Verhältnis zu Gott. Schuld, Sünde und daran anschließend Beichte und Vergebung ergeben christlich nur einen Sinn, wenn sie von Gott her gedacht werden. - Heute wird die Feststellung, eine bevorzugte Handlung eines bestimmten Menschen sei «Sünde», schon als eine Diskriminierung und Verletzung der Menschenwürde verstanden. Fehler, Defizite und kleine Mängel hat zwar jeder; aber wer sie als «Schuld» und «Sünde» bezeichnet, und zudem noch eine Bitte um Vergebung erwartet, diffamiert. Die Devise heißt jetzt vielmehr: Mach's wie Gott, sei einfach etwas mehr relaxed. - Siehe Brief an einen homosexuellen Freund

Das Kreuz: Zeichen der Erlösung oder göttliches Folterinstrument? - Das Kreuz, Zeichen der Erlösung, erinnert uns an die große Liebe, die Gott zu uns Sündern gehabt hat, dass er seinen eigenen Sohn hingegeben hat. So groß ist seine Liebe! - Heute hört man dagegen öfter, dass das Kreuz ein schreckliches Zeichen eines rachsüchtigen Gottes ist, der seine Rachelust an seinem eigenen Sohn auslässt. «Was ist das für ein schrecklicher Gott, der ein solches Opfer fordert? Muss denn immer Blut fließen, damit dieser Gott wieder friedlich wird?» - Von einem solchen Gott will doch keiner mehr reden. Viel schöner ist es, wenn das Kreuz bunt angemalt, mit Blumen und lachenden Kindern nur einen geometrischen Rahmen für eine Bilderbuchszene ist. Dass da jemand für Sünden sterben musste, kann man Kindern doch nicht erzählen! - Am besten redet man gar nicht mehr davon.
Dagegen gilt für den, der nicht nur das Irdische vor Augen hat, dass das Kreuz ein Siegeszeichen ist: Jesus war wie Gott, und doch hat er bis zuletzt an seiner Menschwerdung festgehalten und uns nicht verlassen, als es ans Kreuz ging. Er hat den Tod erlitten, den wir alle verdient hatten - so dass wir nun auch alle an seiner Auferstehung teilhaben können. Denn seit dem Tod Jesu am Kreuz trennt uns nichts mehr von der Liebe Gottes! - Siehe Erlösung - Oder: Ist Hitler im Himmel

Die Kommunion: Himmlische Arznei oder Gemeinschaftsmahl? - Bei einem Gespräch über Missstände in der Kirche beschwerte sich ein Pastoralreferent, dass der Pfarrer ihrer Gemeinde sie regelmäßig als Christen zweiter Klasse herabsetze, indem er in jeder Messe zuerst selbst kommuniziere, bevor er dann die Kommunion an die «Übrigen» austeile. So ein hochmütiges Verhalten! - Das mag ja bei einem weltlichen Mahl wirklich ein Fehlverhalten sein: Erst kommen die Gäste, zuletzt der Gastgeber. - Die unsichtbare, aber übernatürliche Wahrheit ist verdunstet: (1) dass nicht der Priester in der Gemeinde, sondern Christus in seiner Kirche der Geber aller Gaben ist, und (2) dass der Leib des Herrn eine Arznei ist, die die Seele heilt - und nicht etwa die Gemeinschaftserfahrung der Kommunion, die Flügel verleiht.
So verglich ein Priester die Kommunion mit den Sauerstoffmasken im Flugzeug: Zuerst solle man sich selbst die Sauerstoffmaske aufsetzen, und dann erst den Kindern oder bedürftigen Menschen. Er meinte dazu: «Der Priester kann nur austeilen, was er selbst zuvor empfangen hat. Das ist eine Pflicht der Demut!»
...dafür aber das Innerweltliche betont

Wenn weder der Priester, noch die Kirche (oder überhaupt jemand) über ein übernatürliches Instrumentarium verfügt, dann ergibt sich seine Aufgabe eben aus seinen menschlichen Fähigkeiten und den diesseitigen Aufgaben. Er wird nicht über die Spendung von Sakramenten, sondern über seine sozialen Aufgaben definiert.
Ich bin manchmal versucht, das als «Kategorienfehler» zu bezeichnen. Der Begriff «Kategorienfehler» stammt aus der Philosophie und der Rhetorik und meint, das jemand die Ebenen verwechselt. Für die Neu-Evangelisation bedeutet das zum Beispiel, dass der eine Gesprächspartner über den Glauben als etwas spricht, das er übernatürlich geschenkt bekommen hat, während der andere damit meint, dass er etwas aus eigenen Entschluss zur Wahrheit erhebt. Zum Beispiel:

Glaubwürdige Lehrer - oder glaubwürdige Lehre? - Manche Religionslehrer müssen sich dafür rechtfertigen, dass sie bestimmte katholische Lehren vertreten. Diese «mittelalterlichen Dogmen» (so wird ihnen dann vorgeworfen) seien längst überholt und widerlegt. Oder zumindest nicht angemessen. Manche Religionslehrer ändern deshalb schon in vorauseilendem Gehorsam ihren Unterricht und streichen aus den Unterrichtsreihen alles Übernatürliche, um so jeder Kritik aus dem Weg zu gehen.
Tatsächlich müssen sich katholische Religionslehrer aber nicht für das rechtfertigen, was die katholische Kirche lehrt! Ein Geschichtslehrer muss sich ja auch nicht für das rechtfertigen, was Napoleon gesagt hat. Die Aufgabe eines Religionslehrers ist, den Schülern die Inhalte des katholischen Glaubens zu vermitteln - so, wie die katholische Kirche ihn lehrt. Rechtfertigen muss sich also ein Lehrer im Zweifelsfall dafür, dass er diesen Glauben nicht im kirchlichen Sinne korrekt darstellt. Weil er ihn zum Beispiel modernisiert, glättet oder neuinterpretiert. Ein Geschichtslehrer, der versucht, die Taten Napoleons so darzustellen, dass sie akzeptabel und politisch korrekt erscheinen, hat seinen Beruf verfehlt!
Natürlich sollte ein Religionslehrer in Deutschland sich auch zu dem bekennen, was er lehrt. Richtschnur für seinen Unterricht ist aber nicht sein eigener Glaube, sondern sein Lehrauftrag, Lehrer für katholischen Religionsunterricht zu sein.

Der Ton macht die Musik - «Mag sein, dass Frauen nicht Priester werden können. Aber muss man das so hart formulieren?» Nein, das muss man nicht. Aber Vertreter von katholischen Wahrheiten können diese noch so liebenswert und vorsichtig vermitteln; dem Vorwurf der mangelnden Empathie, Kaltherzigkeit und pastoralen Unfähigkeit entgehen sie dadurch nicht. Weil die Wahrheiten so unbequem sind. Nicht deren Vertreter. Oder deren Tonfall.

Kann denn Liebe Sünde sein? - «Alles ist gut, wenn es doch aus Liebe geschieht. Wer Sexualität außerhalb der Ehe verbietet, verurteilt Menschen, die sich lieben.» Ein klassischer Kategorienfehler: Liebe ist eine Haltung, keine Handlung. Aber nicht jede Handlung ist deshalb auch schon gerechtfertigt, weil sie in einer guten Haltung wurzelt. Das weiß jeder, der schon mal einen guten psychologischen Krimi gelesen hat: Fast jeder Mörder hat ein aus seiner Sicht ehrenhaftes Motiv. - Liebe, die für den Geliebten nicht mehr den Himmel wünscht, sondern nur noch eine gute Zeit hier auf Erden, ist christlich gesehen immer eine Liebe, die zu kurz greift. Eine Verkündigung, die aber nicht mehr vom Himmel spricht, kann auch zur Liebe nichts wirklich Christliches sagen.

Liebe den Sünder, hasse die Sünde! - Gleiches gilt für die Unterscheidung zwischen «Sünder» und «Sünde». Wer als Prediger eine bestimmte Handlung als Sünde bezeichnet, ruft oft auch beim verantwortlichen Sünder ein ungutes Gefühl hervor. Dieser mag sich dann herabgesetzt fühlen. Aber letztlich hat er sich selbst zum Sünder gemacht, als er gesündigt hat. Den Fehler begeht nicht derjenige, der ihn darauf hinweist. - Wenn es aber nicht mehr um Heil sondern um Wohlbefinden geht, dann erscheint schnell derjenige, der auf Sünden, Fehler, Missstände, moralische Erkenntnisse oder mangelnden Glauben hinweist, als der eigentliche Übeltäter. Ich erlebe es immer wieder.
Zweiter Schritt: Veränderte Wahrnehmung
Jenseitiges wird ignoriert...

Anfangs wird Jenseitiges, Übernatürliches und Göttliches lediglich nicht genannt, und nur selten ausdrücklich verschwiegen. Aber schon nach nur kurzer Zeit erscheinen Riten, Symbole, Bräuche und Formulierungen tatsächlich hohl: Ihr Ursprung und ihre Bedeutung scheinen nicht nur unbekannt; man glaubt irgendwann, dass sie nie existiert haben. Klar: Wenn Wissen um die tiefere Bedeutung verschwiegen wird, verbreitet sich die Ansicht, es hätte sie nie gegeben.
Klug wäre es nun, neu nach den inneren Aussageabsichten der Zeichen und Symbole zu fragen; ebenso nach den inneren Zusammenhängen zwischen den Glaubensaussagen, den moralischen Normen und den Grundwahrheiten unseres Glaubens. Genau das aber geschieht nicht, denn es gilt inzwischen als ausgemacht, dass die Kirche Traditionen nur blind und gehorsam weiterführt und diese entweder hohl und leer sind - oder, schlimmer, diskriminierend. Da braucht man gar nicht mehr nach fragen.

In meiner Kaplanszeit fragte mich ein Messdiener, warum ich nach der Kommunion den Kelch erst mit Wein und danach mit Wasser reinige. Bevor ich mit einer Erklärung antworten konnte («Ich reinige das Kostbare mit dem weniger Kostbaren: Den gewandelten Wein mit normalen Wein, den normalen Wein mit Wasser.») antwortete an meiner Stelle ein anderer Priester: «Der Kaplan ist nunmal konservativ. Und das hat man früher halt so getan!»

Nicht wenige glauben, die einzige Begründung für die Moralvorstellungen der Kirche in sexuellen Fragen sei, dass es immer schon so gewesen ist. Fragen braucht man da nicht: Wo es keinen Grund gibt, gibt es auch nichts zu verstehen.
...und Diesseitiges absolut gesetzt...

Irgendwann ist dann die heutige Zeit davon überzeugt, dass sie es in fast jeder Hinsicht besser weiß als alle anderen, früheren Generationen. Der Verlust der größeren Erkenntnis wird als Gewinn bejubelt: Frühere Generationen haben ja noch an Göttliches in der Welt geglaubt und deswegen die Welt und den Menschen (und die Kirche und den Glauben) nicht so gut verstanden wie wir, die wir jetzt unseren Glauben abgelegt haben. Wir seien dadurch klüger geworden. Glaubt man.
Nun, es mag sein, dass wir manche Dinge wirklich besser verstehen als früher; aber frühere Zeiten deshalb zu verurteilen, weil sie noch einen Sinn für das Übernatürliche hatten, ist ein ernsthaftes Anzeichen von Arroganz.

Die alte Liturgie - Ich höre immer wieder, dass vor der Liturgiereform das gläubige Volk bewusst von der Feier der Messe ausgeschlossen wurde - zum Beispiel, indem man einfach alles auf Latein feierte. Dabei wird übersehen, dass es vor den 1950-er Jahren (und in den vielen Jahrhunderten davor) in den Kirchen keine Lautsprecher, Verstärker und Mikrofone gab und sowieso niemand verstehen konnte, was der Priester aus dem Messbuch las. Aber das war in früheren Zeiten für die Gottesdienstbesucher auch nicht entscheidend: Sie selbst beteten, genauso, wie der Priester betete. Und in allem war Gott anwesend. Das reichte völlig an Kommunikation!
Lediglich die Predigt war akustisch im ganzen Kirchenraum verständlich. Dank der Predigtkanzel. Diese ist eben kein Relikt der priesterlichen Selbst-Erhöhung, sondern ein akustisches Wunderwerk zur Volksverständigung. - Auch die prunkvolle Ausstattung zum Beispiel barocker Kirchen wird heute als ein Verbrechen an den in Armut lebenden Menschen zur Zeit des Kirchenbaus gewertet. Das mag für einzelne Bauten auch gelten; aber überwiegend war und ist kirchliche Kunst immer Kunst für das Volk - und oft auch vom Volk selbst gewollt und gefördert. Während ein Schloss wie Versailles für immer dem Volk entzogen war, war kirchlicher Prunk immer und jedem im Volk zugänglich.
Wer nicht nur die liturgischen Bräuche früherer Zeiten untersucht, (selbst, wenn er die technischen Möglichkeiten der jeweiligen Zeit bedenkt), aber nicht das Vertrauen in eine übernatürliche Liturgie und deren Auswirkung auf das Alltagsleben, der fällt mitunter Urteile, die man getrost als Vorurteile bezeichnen kann.

Die historischen heißen Eisen - aus der Zeit heraus bewerten! - Ähnliches gilt auch für die klassischen historischen Streit-Themen wie Inquisition, Hexenwahn, Kreuzzüge, Ablasshandel usw. Diese Phänomene allein aus heutigem (das heißt innerweltlichen) Blickwinkel zu verurteilen, führt zu krassen Fehlurteilen. Zielführender ist schon die Frage, wie die (nicht-christlichen) Zeitgenossen geurteilt haben. Entscheidend ist aber, welche moralischen Maßstäbe damals herrschten (und ob sie nicht vielleicht reichhaltiger und weitsichtiger waren, weil sie über diese Welt hinausdachten), und wieviel Wissen man damals hatte (vielleicht weniger Naturwissenschaftliches Wissen, vielleicht mehr Glaubenswissen und Gnadendenken?). Natürlich wird immer noch viel Schatten in der Geschichte der Kirche vorhanden sein. Aber vielleicht auch weniger, als wir bislang dachten.

Biblische Erzählungen - Besonders empfindlich sind Nicht-mehr-Glaubende, wenn sie im Gottesdienst mit Erzählungen oder Berichten aus biblischer Zeit oder, noch viel schlimmer, aus dem Alten Testament konfrontiert werden. Da erscheint der Gott, der Abraham die Opferung Isaak aufträgt, als unerträglich; ein anderer sorgt sich um die armen Ägypter, die erst unschuldig von Plagen heimgesucht werden und dann - als Soldaten - elendiglich ertrinken. Und so weiter. Erklärungsbedürftige Texte aus der Bibel gibt es genug.
Das Problem ist nun, dass diese schwierigen Texte nicht als Herausforderung betrachtet werden, dem Geheimnis des guten Gottes und seiner unbedingten Liebe näher zu kommen. Sondern als Grund, sich diesem Gott und dieser Bibel nicht weiter zu widmen. «Wer solche Geschichten im Gottesdienst verliest, ist selber schuld, wenn keiner mehr kommt.»

Die Uninformiertheit über frühere Lebensgewohnheiten führt zu einer größeren Abscheu über die angebliche moralische Verwerflichkeit der damaligen Kirche. Das rechtfertigt wiederum, sich damit erst gar nicht zu beschäftigen. Und schließlich die zu verdächtigen, die es dennoch tun.

Dritter Schritt: Veränderte Wirklichkeit
Jenseitiges wird verdächtigt...

Wenn jemand das Übernatürliche und Jenseitige benennt und vielleicht sogar daran glaubt, wird er schnell verdächtigt, das (immer noch gute, aber unvollständige) Diesseitige zu diskriminieren.

Menschen, die noch an Übernatürliches glauben, werden gerne «konservativ» oder «rückwärtsgewandt» genannt. Weil «früher» der Glaube ganz klar etwas Übernatürliches und Göttliches zum Gegenüber hatte.
Menschen, die das abgelegt haben, bezeichnen sich gerne als «progressiv» oder «liberal», weil ein «moderner Mensch» so etwas nicht mehr glaubt.
Doch diese Begriffe taugen nicht wirklich. Zudem haben sie eine fatale Wirkung (man nennt diesen Effekt «Framing»): So mag ein Mensch modern und aufgeschlossen, froh und lebendig an einen persönlichen Gott glauben. Sobald er auch an die Selbstwirksamkeit der Sakrament glaubt, gilt er als «konservativ». Schluss. Aus. Vorbei.

Es bleibt nicht beim Verdacht: Wer immer noch an Übernatürliches glaubt, stellt eine «konservative» Bedrohung dar: Er relativiert das Diesseitige! Er verrät die Errungenschaften des modernen Glaubens! Damit ist natürlich sofort die ganze neugewonnenen Menschlichkeit der Kirche in Gefahr!
Wer unter einem solchen Verdacht steht, wird nicht nur argwöhnisch beäugt. Wenn man nicht sicher ist, wie er etwas gemeint hat, dann geht man erst einmal davon aus, dass er (oder sie, die Kirche) es böse meint. Sicher ist sicher. Wenn so aus Unwissenheit immer neu ein Vorwurf wird, sprechen wir von «Malevolentia». Böswilligkeit.

Benevolentia und Malevolentia - Benevolentia (Wohlwollen): Eine junge Frau bedankte sich bei mir dafür, dass sie bei der Austeilung der Kommunion ein Stück der Priesterhostie erhalten hat. Sie wäre vorher so unsicher gewesen, aber da hätte sie gewusst, dass sie von Gott geehrt wurde!
Malevolentia (Böswilligkeit): Nicht einmal acht Wochen später beschwerte sich ein älterer Mann, der nun schon mehrere Jahre nicht mehr in der Kirche war und dann vor Kurzem doch noch einmal zur Messe ging, dass er sich deutlich zurückgesetzt fühlte: Immerhin hätte er zur Kommunion «bloß so ein abgebrochenes Stück Hostie» erhalten. «Da gehe ich nicht mehr hin!»

Kaltherziges Sechs-Wochenamt - Ein junges Ehepaar erzählte, dass sie aus Liebe zum gläubigen Großvater zu dessen kirchlicher Beerdigung gegangen seien («...die war ja noch in Ordnung!»), und danach zum Sechs-Wochen-Amt: Welche Enttäuschung! «Dort wurde Opa nur einmal kurz in den Fürbitten und im Hochgebet erwähnt. Keine Predigt über ihn, kein Bild von ihm am Altar. Welche Kaltherzigkeit!» - Wenn einer Messe keine übernatürliche Wirkung mehr zugetraut wird, muss sie eben diesseitig wirken. Ich gebe zu: Da zu wirken ist nicht ihr erstes Anliegen.

Das Wichtigste bei der Trauung - Ein anderes Paar erzählte von den Schwierigkeiten, die sie mit einem Priester in der Vorbereitung der kirchlichen Trauung gehabt haben. So glaubten sie schließlich, dass der böse Priester aus Rache und purer Gehässigkeit einfach das Wichtigste in der Trauung weggelassen: Die Aufforderung «Nun können Sie die Braut küssen!». Meine Erklärung, eine solche Aufforderung wäre gar nicht vorgesehen, wurde nur als kläglich gescheiterter Entschuldigungsversuch belächelt. «Das weiß doch jeder, dass das in jede Eheschließung der Höhepunkt ist!»
...weil Diesseitiges gerettet werden muss!

Wenn jemand nicht aufgibt, den guten Glauben ins Unmenschliche zu verdrehen, und er sich auch nicht durch gutgemeinte Diskussionen und Argumente belehren lässt, dann muss man ihn letztendlich daran hindern, seine Thesen weiter zu verbreiten. In dieser Haltung sind sich alle Strömungen der Kirche (und der Gesellschaft) einig. Nur die Definition von dem, was zur «Unmenschlichkeit» führt, sieht jeweils anders aus. Für diejenigen, die die Übernatürlichkeit des Glaubens abgelegt haben wie einen alten, abgetragenen Mantel, haben die «rückwärtsgewandten» Übernatürlichkeitsfanatiker die Grenze des Aushaltbaren deutlich überschritten. Sie zerstören die mühsam errungene neue Menschlichkeit der Kirche! - Dass man nun zu den Mitteln greift, die man noch gerade den konservativen Kräften in der Kirche als typisch mittelalterlich vorgeworfen hat, scheint niemandem aufzufallen: Dialogverweigerung und Machtgehabe.

Der Institution Kirche wird gerne und immer wieder angelastet, sie wäre nur auf ihre Macht bedacht und scheue deshalb jeden Dialog. Interessanterweise kann ich nicht umhin, den Kritikern der Kirche genau das Gleiche zu attestieren: Dialog und Gespräche sind nicht gewünscht. Um eine Argumentation zu verhindern und die eigene Position durchzusetzen, wird deshalb gerne auch mal die Machtkeule geschwungen:

«Ich bin dagegen, will aber nicht darüber reden!» schallt es mir in verschiedensten Situationen (in Gemeinden, in der Schule oder im Gespräch mit anderen Priestern) entgegen. Für eine gewisse zeitliche Not im Augenblick hätte ich ja noch Verständnis, aber nicht für eine grundsätzliche Ablehnung von Inhalt und Diskussion gleichzeitig. Da wird auch gerne mal ein Konferenzbeschluss anstelle des Gespräches erwirkt. Macht statt Dialog.

Anstatt mit der Beratungsstelle von «Pro femina» in Abtreibungsfragen zu diskutieren, hat die Berliner SPD auf ihrem Parteitag 2019 beschlossen, sie zu verbieten. Macht statt Dialog.

Der Grundsatz, dass wir uns in der Kirche möglichst tolerieren; und wenn dies nicht möglich ist, einen Dialog miteinander führen müssen, um Argumente auszutauschen, findet keine Anwendung: Was ich nicht mehr tolerieren möchte, möchte ich noch viel weniger diskutieren.
IV. Was nun?

Ich weiß, dass ich nach dieser Bestandsaufnahme von Hürden, Schwierigkeiten und Missständen in der Pflicht stehe, konstruktive Konzepte einer erfolgreichen Neu-Evangelisierung vorzustellen. Aber das kann ich nur ansatzweise. Und vor allem gibt es schon andere, die es deutlich besser können als ich. Initiativen gibt es genug; das ist keine meiner Sorgen.

An dieser Stelle möchte ich zum Beispiel auf die Initiativen von Nightfever, Alpha-Kurse, Divine Renovation, Rebuild und andere verweisen. Ebenfalls stehe ich positiv den Impulsen aus dem Gebetshaus Augsburg gegenüber, den neuen geistlichen Gemeinschaften, den Erneuerungen durch Jugendgruppen und charismatischen Bewegungen und deren Gebetsfestivals. Und nicht zuletzt deren Musik!

Aber mit den spezifischen Problemen der Neu-Evangelisierung haben auch diese Initiativen zu kämpfen. Deshalb erlaube ich mir, abschließend den Blick zu heben und unsere Hoffnung grundsätzlich zu beschreiben:

Gegen die Gottvergessenheit: Gottvertrauen! Pfingsten überwindet Babel!
Eine babylonische Sprachverwirrung wurde schon einmal aufgehoben: Am Pfingsttag vor mehr fast 2000 Jahren. Was dort geschah war nicht das Wirken eines mit allen Wassern gewaschenen Redners. Was damals die Zuhörer über alle Sprachgrenzen hinweg untereinander und mit Gott verbunden hat, war der «Undercover Agent Gottes», der Heilige Geist. Vertrauen wir in all unseren Bemühungen darauf, dass es immer noch Gott selbst ist, der seine Kirche lebendig erhält und durch seinen Geist in allen Herzen wirkt!

Gegen die Dialogverweigerung und Machtgehabe: Zeugen sein!
Mission, Evangelisierung und Katechese leben vom Gespräch. Aber auch hier gilt schon: Nicht nur! Den größeren Schatz, den wir Christen bewahren, ist der in Zeichen, Sakramenten und Gottesdiensten anwesende Gott selbst. Und was dort schon Zentrum unseres Glaubens ist, muss gerade in der Neu-Evangelisierung Mittelpunkt sein. «Mystagogisch» nennen Experten diese Glaubensvermittlung: Nicht nur das Erzählen vom Geheimnis, auch das Erleben und gemeinsam Erfahren wirkt an den Barrikaden der nicht-mehr-Glaubenden vorbei direkt in ihr Herz. Einladungen an ungewohnten Orten und zu unerwarteten Zeiten (wie zum Beispiel beim «Nightfever») können solche Erfahrungen ermöglich. Verstecken wir uns und unsere Schätze nicht!

Gegen jede Verdächtigung: Die Strahlkraft der Absichtslosigkeit
Und noch ein Letztes: Nichts ist denen, die in jeder Glaubensvermittlung ein manipulatives Geschehen vermuten, suspekter, als groß angelegte «Öffentlichkeitsoffensiven». Das riecht ja förmlich schon nach Überwältigungsstrategie!
Es mag sein, dass Werbestrategen mit großen Plakaten und witzigen Sprüchen doch den einen oder anderen Menschen erreichen. Für uns einfach und normale Christen gilt aber eher: «Seht, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. Daher seid klug wie die Schlangen, aber arglos wie die Tauben!» (Mt 10, 16) Seid arglos wie die Tauben: Heiligen wir uns also zunächst selbst, beten wir wirklich, vertiefen wir unseren Glauben! Keine Stadt, die auf dem Berg liegt, kann verborgen bleiben (Mt 5, 14); das heißt: Wer in sich das Licht des Glaubens entfacht, der betreibt immer irgendwie Mission.
Es nützt nichts, wenn wir die Mission oder Evangelisierung als unangenehme Aufgabe und Pflicht akzeptieren; erst wenn wir die «Freude an der Weitergabe der Freude» entdecken, sind wir glaubwürdig. Dann ist die Strahlkraft am Größten!