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Das Bittgebet - Hat Bitten einen Sinn?

Wir tun es wie selbstverständlich. Die Gläubigen, die Zweifler und sogar auch die, die vermeintlich an nichts glauben. Manche bitten Gott, manche suchen bei Maria Zuflucht oder bei den Heiligen; einige geben «Bestellungen beim Universum» auf, andere murmeln nur so vor sich hin. Irgendwann hat es jeder einmal getan: Eine Bitte in ein Gebet gekleidet.
Auf den ersten Blick gehört das Bittgebet zur DNA einer jeden Religion. Aber wer als Christ ein wenig länger darüber nachdenkt, kommt ins Grübeln: Glauben die Christen denn nicht an einen Gott, der von Grund auf gut ist? Warum müssen wir Ihn dann noch um etwas bitten? Heißt es nicht selbst im Evangelium, dass Gott schon längst weiß, was wir brauchen? Warum es Ihm dann noch sagen? Bitten wir Gott vielleicht nur deshalb, weil es alle tun - sogar die, die nicht an Gott glauben?
Es ist gut, so zu fragen; denn so können wir noch besser verstehen, was das bittende Gebet wirklich bedeutet.

Vorbemerkung: Das Problem

Wenn jemand Schwierigkeiten mit unserem katholischen Glauben hat, so lösen sich diese oft bei näherem Hinsehen. Bei der Frage nach dem Bittgebet ist es eher umgekehrt: Für Fernstehende ist es das Normalste der Welt, dass Leute, die an Gott glauben, sich mit ihren Bitten an diesen wenden. Erst für Glaubende, die im Gebet wachsen, stellt sich das Bittgebet als ein Problem dar: Wenn ich doch an einen guten, allwissenden und liebenden Gott glaube, warum soll ich Ihn dann noch meine Bitten sagen? Er weiß doch viel besser als ich, was ich brauche! Er weiß es schon, bevor ich es selbst überhaupt merke. Und Er weiß besser, was ich wirklich brauche; während ich noch um Geld bitte, führt er mir vielleicht den Menschen zu, den ich mehr als alle Reichtümer dieser Welt nötig habe. Warum sollte ich also einen allwissenden und guten Gott überhaupt noch bitten?

Wie gesagt, diese Schwierigkeit hat erst derjenige, der wirklich davon überzeugt ist, dass Gott gut und allwissend ist. Menschen, die davon noch nicht ganz so überzeugt sind, bitten Gott oft und gerne. Ohne Probleme. Sie befürchten insgeheim, Gott wüsste nicht so wirklich, was sie wünschen. Sie möchten Gott also informieren - so, wie wir es auch oft tun, wenn wir nicht um etwas bitten, sondern nur mitteilen: «Du, ich habe Hunger!» - «Ich bin nun wirklich zu müde für ein Gespräch...» - «Das würde mich wirklich glücklich machen!» - Oder sie wollen mit einem eindringlichen Gebet Gott bewegen, Ihn drängen oder zumindest anstupsen. Damit er nicht nur Seine Pläne, sondern auch meine Bedürfnisse vor Augen hat. Vielleicht kann ich ihn sogar etwas bestechen? Oder gar erpressen?

Wer fest auf die Güte Gottes vertraut, kann gelegentlich sich und sein eigenes Bittgebet in Frage stellen: «Gott ist doch ohnehin schon gut - was soll ich ihn dann bitten? Ist das nicht eher Ausdruck meines mangelnden Glaubens an Seine Güte? Ich muss Gott ja nicht dazu drängen, Gutes zu tun; ebensowenig muss ich Ihn mit meinem Gebet daran erinnern, dass ich Seine Hilfe brauche.» Und höre auf zu beten.

Ja, manchmal werden die Gedanken regelrecht abstrus: «Wenn Gott doch gut und allmächtig ist, dann muss er doch auch ohne meine Aufforderung alles tun, damit es mir gut geht. Im Grunde habe ich einen Anspruch auf Gottes Güte!» Mit dem Ergebnis, dass nicht der Mensch Gott um Hilfe bittet, sondern Gott sich vor dem Menschen rechtfertigen muss, warum er nicht in jeder Hinsicht zu Diensten war. «Was, bitteschön, hast du dir dabei gedacht!?!»
Warum also sollten wir Christen, die doch an die Güte und Allmacht Gottes unbedingt festhalten, Gott weiterhin bitten?

Wer ein bisschen bewandert ist in der Theologie, wird den Zusammenhang mit der sogenannten Theodizee-Frage bereits erkannt haben. (Theodizee ist die Frage nach einem guten und zugleich allmächtigen Gott angesichts des Leids in der Welt). Beide Fragen (die Theodizee-Frage ebenso wie die Frage nach dem Bittgebet) stellen sich erst dann, wenn man sowohl an einen guten als auch einen allmächtigen Gott glaubt.
Deswegen dürften alle Religionen, die Gott für «nicht unbedingt gut» halten oder etwas «beschränkt», das Bittgebet für völlig unproblematisch halten. Ein weniger guter Gott muss halt immer neu dazu bewegt werden, Gutes zu tun. Notfalls bringt man ihm Opfer, die er nicht abschlagen kann. Und ein etwas schwerhöriger Gott versteht eine Bitte vielleicht erst bei der zwanzigsten Wiederholung.
Die Frage nach der Theodizee und nach dem Bittgebet setzt also eine besondere Religion voraus, die ein dem Christentum ähnliches Gottesbild hat. Und, soviel sei schon einmal verraten: Auch die Antwort auf diese beiden Fragen ist im Grunde die gleiche. Dazu aber später mehr.
I. Das Bittgebet
1. Gebet verändert nicht Gott, sondern den Beter

Eine erste Antwort scheint dem Anliegen eines Bittgebet direkt entgegengesetzt sein: Gott ist so perfekt und vollkommen, dass es in Ihm keine Veränderung gibt. Unser Gebet verändert also Gott nicht - es informiert und motiviert Ihn nicht. Dennoch verändert sich jemand beim Beten: Nämlich der Betende! Und das gleich in mehrfacher Hinsicht:

Abhängigkeit zugeben: Es ist eben kein wirkliches Bittgebet, wenn wir unsere Bitten nur als Info-Botschaft an Gott formulieren; so wie ein Kind sagt: «Mama, ich habe Hunger!» Das ist keine Bitte. Wer wirklich bittet, macht sich abhängig. Oder, besser gesagt: Er gesteht seine Abhängigkeit ein. «Gott, ich bitte Dich, weil allein Du es vermagst: Bitte, gib mir die nötige Kraft und Geduld!» Das fällt deutlich schwerer - auch dem kleinen Kind, das seine Mama wirklich zu bitten versucht.

Begrenztheit eingestehen: Wer wirklich bittet, stellt keine Forderung: «Wenn Du mich gern hast, Mama, dann gibst Du mir jetzt die Schokolade!» Wer wirklich bittet, gesteht dem Adressaten ein größeres Wissen zu und rechnet damit, dass er es vielleicht besser weiß. «Gott, ich wäre jetzt wirklich gerne reich und berühmt. Weil ich gerne glücklich sein möchte. Aber ich gebe zu, dass Du, Gott, besser weißt, was mich wirklich glücklich macht!»

Frei werden - Sorgen abgeben: Ich gebe zu, dass ich bestimmte Sorgen und Wünsche habe, ich gebe diese Bitten aber wie einen Wunschzettel in die Hände Gottes. Ich vertraue darauf, dass er mir die Wünsche, die mich eher ins Unglück stürzen würden, nicht erfüllt. «Den Wunschzettel abgeben» ist dabei ein ganz entscheidender Vertrauensakt: Ich überlasse die Sorgen um das, was ich denn nun wirklich will, ganz Gott. Ich formuliere meine Bitte - von mir aus auch ganz konkret - und beende damit mein Grübeln. Das macht frei!

Vertrauen: Wenn ich «meinen Wunschzettel schreibe und dann abgebe», ist meine große Sorge, ob ich denn vielleicht gar nichts von dem bekomme, was auf dem Zettel geschrieben steht, nur dann beendet, wenn ich volles Vertrauen habe, dass nun das geschehen wird, was mir gut tut. Dieses Vertrauen ist allerdings nicht etwa Voraussetzung für mein Gebet - sondern eventuell erst die Frucht davon. Das ist typisch katholisch: Das Tun als solches verwirklicht manchmal erst die damit verbundene Absicht. - Okay, das muss ich erklären: Ob ich wirklich das vollständige und unzerstörbare Vertrauen in Gottes Pläne habe und ihm deshalb vorbehaltlos meine Bitten anvertraue, ist nicht entscheidend. Vermutlich habe ich dieses Vertrauen nämlich nicht. Und wenn doch, bin ich mir dessen vielleicht nicht sicher. Aber: Indem ich mir dieses Vertrauen für mich selber wünsche und deshalb meine Bitten in Gottes Hände lege, wird überhaupt erst Platz für dieses Vertrauen. Das Zutrauen, dass meine Bitten in Gottes Hände gut aufgehoben sind, wird mir geschenkt - und zwar erst, indem ich loslasse.

Das ist deshalb typisch katholisch, weil mein Tun und Gottes Tun so ununterscheidbar miteinander verschmelzen. Glaube und Vertrauen sind ganz und gar Geschenk Gottes. Und dennoch abhängig von meinem Tun: Gott gibt, indem er mein Tun mit seinen Gaben erfüllt.
Und das ist auch deshalb (zweitens) typisch katholisch, weil es sich auch um ein körperliches Tun handeln kann. Wir Katholiken mögen die leiblich-geistigen Symbolhandlungen. Ein Bittgebet mit dem Anzünden einer Kerze abzuschließen, Gebetszettel symbolträchtig zu verbrennen, ein «Amen!» laut sagen - alles das hilft wirklich, frei von Sorgen und offen für Gottvertrauen zu werden.
2. Gott bitten heißt, Verantwortung zu übernehmen

Wenn wir Gott unsere Bitten anvertrauen, dann sind wir in diesem Augenblick nicht von allen Pflichten befreit! Es wäre ein Missbrauch von Gott und Religion, Verantwortung einfach abzuschieben. Gottseidank kenne ich kaum jemanden, der so denkt.

Das Bittgebet befreit mich nur um die Sorgen um die Dinge, die ich nicht selbst in der Hand habe. Diese Sorgen sind besonders schrecklich, weil wir oft nichts, aber auch gar nichts tun können, damit entweder das eine oder das andere eintritt. Was wir nicht beeinflussen können, sollten wir abgeben. Dafür ist das Gebet da!

Das Bittgebet befreit mich aber nicht von der Verantwortung für mein eigenes Handeln (und Unterlassen). Ich kann mich nicht herausreden, wenn ich meine Pflichten vernachlässigt habe, ich hätte doch anstatt dessen ein intensives Bittgebet gesprochen!
Im Gegenteil: Das Bittgebet hilft mir, die mir zukommenden Verantwortungen zu tragen. Aus zwei Gründen: Es ist nicht immer ganz einfach zu unterscheiden, wo meine Verantwortungen tatsächlich liegen - und wo ich (oder andere) sie mir aufbürden. Wenn ich meine Bitten formuliere, fange ich an, die beiden Bereiche zu sortieren. Das ist schon einmal gut. Und wichtig!

Der zweite Grund, weshalb ich nach einem Bittgebet meine Verantwortung besser tragen kann, liegt in der Konzentration auf die Dinge, die ich nun angehen will. Wer im Bittgebet wirklich abgeben konnte, kann nun seine Kräfte genau auf das richten, was er nicht abgeben durfte.

So steht es schon in einem alten Gebet: «Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann; den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann; und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.» (Reinhold Niebuhr, 1942).

Natürlich kann auch die Übernahme von Verantwortung und die Erfüllung von Pflichten Teil des Bittgebetes sein; zum Beispiel wenn jemand um Kraft und Ausdauer bittet, seinen Aufgaben gerecht zu werden. Das ist keine Flucht aus der Verantwortung, denn Kraft und Ausdauer selbst sind nicht Frucht des eigenen Willens. Was aber allein von meinem Willen abhängt, kann nicht Teil des Bittgebetes sein.

3. Worum es Gott und mir eigentlich geht

Nach diesen Ausführungen könnte nun der Eindruck entstehen, ein Bittgebet sei so etwas wie psychologische Selbst-Motivierung. Denn die soeben geschilderten Früchte des Bittgebetes würden ja auch dann eintreten, wenn es gar keinen Gott geben würde. Natürlich: Man sollte an die Wirkmächtigkeit Gottes glauben, sonst bewirkt ein Gebet zu Gott keine Entlastung. Aber ich bin ganz entschieden der Ansicht, dass das Gebet überhaupt und insbesondere das Bittgebet sehr wohl auch übernatürliche Früchte trägt.

Aber eben nicht aus den in der Einleitung schon skizzierten Gründen: Weil Gott über unsere Nöte informiert werden oder aber zur Hilfe bewegt werden muss. Nein, Gott weiß schon, was wir brauchen, und er will uns auch unverzüglich helfen. Und der erst Schritt auf dem Weg zum Glück des Menschen ist, dass er betet.

Gott möchte unser Glück, ebenso wie wir selbst. Allerdings sind sich die Menschen nicht immer im Klaren darüber, was sie denn zum Glücklichsein brauchen. Während viele Menschen glauben, Gesundheit reiche aus («Hauptsache gesund!»), weiß Gott, dass auch gesunde Menschen sehr unglücklich sein können. Der ein oder andere Mensch strebt vielleicht nach Reichtum - Gott weiß, dass ein gut gefüllter Sparstrumpf zuhause oft genug Anlass für großes Unglück ist. Wieder ein anderer wünscht sich Ruhm, Karriere oder Einfluss - und doch begehen auch Reiche, Berühmte und Mächtige Selbstmord aus Verzweiflung. Gottes klare Absicht ist daher, unseren Willen auf das zu lenken, was uns wirklich glücklich macht. Nämlich in erfüllten und beständigen Beziehungen zu leben; glücklich zu machen und dadurch glücklich zu werden. Schlicht: beziehungsfähig zu sein.

Ein betender Mensch ist ein beziehungsfähiger Mensch.
Gott möchte, dass wir beten!

Das mag vielleicht sogar der Kernsatz dieser Katechese sein. (Vielleicht sollte ich einen roten Rahmen darum zeichnen?) Gott möchte nicht, dass wir beten, damit er erfährt, wie wir glücklich werden wollen. Gott möchte, dass wir beten, weil das der Beginn unseres Glücks ist!
Gott weiß, was wir brauchen und was wir uns wünschen. Aber vielleicht gewährt er es uns nicht sofort, sondern wartet auf unser Gebet. Er möchte, dass wir beten - und deshalb wartet er auf unsere Aufmerksamkeit für Ihn, das Eingestehen unserer Abhängigkeit und unser Vertrauen in Seine Güte.

Vielleicht aber erfüllt Gott hier und dort auch ganz unwesentliche Wünsche (um einen Parkplatz - oder schönes Wetter für das nächste Wochenende), weil er uns schon allein dafür belohnen will, dass wir gebetet haben.
Vielleicht...! Was genau sich im Beziehungsgeschehen zwischen dem Beter und Gott abspielt, entzieht sich dem Blick von Außen. Aber eines ist sicher: Wir gehen nicht in die Schule des Gebets, um eine Technik zu erlernen - und um dann durch perfektes Gebet zum Schmied unseres eigenen Glückes zu werden. Sondern wir lernen im Gebet, unser Glück im Anderen zu finden. Sowohl in Gott als auch in der Liebe zu seinen Geschöpfen.

II. Gebet für andere

Wie wir gerade gesehen haben, ist es unmöglich, das Beziehungsgeschehen zwischen mir und Gott in Gänze aufzuschlüsseln. Noch schwieriger wird es, wenn wir nun noch eine weitere Person mit hineinnehmen: Jemanden, für den wir beten. Kann es sein, dass das Glück dieser Person davon abhängt, dass ich für ihn bete? Ist der andere dann nicht nur ein Spielball meines Beziehungsgeschehens mit Gott? Kann es wirklich sein, dass jemand sich Gott und damit seinem Glück zuwendet, weil ich für ihn gebetet habe? Oder hat mein Gebet keine Auswirkungen auf andere? Weil die Freiheit jedes Anderen unantastbar ist? Auch für Gott?
Klar: Wir können das genaue Beziehungsgeschehen zwischen Gott und den unzähligen betenden Menschen nicht einmal im Ansatz nachvollziehen. Aber wir können ein paar Gedanken formulieren:

1. Gott möchte, dass wir für andere beten

Wenn Gott kein anderes Ziel verfolgt, als die Menschen wieder zurück in ihr Glück zu führen - und dieses Glück in ihren erfüllten Beziehungen zueinander und zu Gott besteht -, dann dürfte es nahliegend sein, dass Gott möchte, dass wir füreinander beten. Es kann ja wohl kaum unseren Beziehungen untereinander förderlich sein, wenn Gott nur Gebete wünscht und zulässt, die jeder für sich selbst formuliert! Also: Es gibt kein schöneres Gebet, als für das Heil eines anderen Menschen zu beten. Weil es so absolut selbstlos ist und gleichzeitig das tiefste Glück für den Anderen wünscht.

Aber kann es sein, dass ein anderer Mensch sein Glück nur deshalb findet, weil ich darum gebetet habe? Heißt das dann nicht im Umkehrschluss, dass unter Umständen ein anderer Mensch sein Glück nur deshalb nicht findet, weil ich noch nicht darum gebetet habe? - Dieser Gedanke widerstrebt uns: So ist Gott nicht. Er nimmt niemanden in Geiselhaft, um uns auf eine höhere Stufe der Spiritualität zu führen.

Deshalb müssen wir sehr wohl unterscheiden: Ja, Gott lässt mich an Seinem Werben um das Heil eines Anderen teilhaben lässt. Ich darf mit-erlösen! Es ist ein Geschenk zu erfahren, dass Gottes Liebe und meine Zuneigung ein gemeinsames Ziel haben. - Das heißt aber eben im Umkehrschluss nicht, dass das Heil des anderen von mir abhängt! Gott kennt viele Wege, einen Menschen zu umwerben, zu heilen, heimzuholen und zu heiligen. Er ist dabei nicht auf mein Wirken angewiesen (das entlastet mich ungemein!), aber er freut sich über meine Mitwirkung durch mein Tun und mein Beten (das freut dann auch mich!).

Gott lässt mich mitwirken an einem unendlichen Geflecht von Verbindungen natürlicher und übernatürlicher Art, das uns alle in der Freiheit und Liebe wachsen lassen kann. Gott kann das Glück des Einen im Auge behalten ohne das Glück des Anderen aus den Augen zu verlieren. Er kann Beziehungen in der Freude und im Leid zu tragfähigen Beziehungen machen. Und jemanden, der noch nicht beten kann, an der Gebetsfreude des anderen teilhaben lassen. Gott kann! Denn: Bindungen zwängen nicht ein, sondern sind die Erfüllung jeder Freiheit; und wenn Gott uns und unser Gebet miteinander verknüpft, wird unser Glück größer, nicht kleiner.

Dass wir miteinander verbunden sind, wird auch ohne Gott deutlich - allerdings oft auch leidvoll. Gerade im Leid sehen wir zum Teil tragische Verbindungen quer durch die Welt und die Zeit. Was der eine für sein Glück hält, fügt dem anderen Leid zu. Aber das ist unser Wirken, nicht das Wirken Gottes! Wenn Gott Verbindungen zwischen den Menschen stiftet, stärkt und heiligt, dann sind es gute Verbindungen. Verbindungen, die aus dem Leid befreien und nicht in neues Leid stürzen.

Das gilt nicht nur für unser betendes Wirken. Gott möchte auch, dass wir einander helfen, gute Worte sprechen, uns füreinander einsetzen. Das Leid dieser Welt heilt Gott auch durch unser Wirken. Das heißt selbstverständlich nicht, dass Gott erst Leid wirkt, damit wir dann anschließend Gelegenheit haben, helfende Beziehungen zu knüpfen. Das Leid kommt nicht von Gott. Er ist vielmehr auf der Seite derer, die sich um die Überwindung des Leids bemühen. Und er verbindet unser Bemühen mit Seinem Wirken. Er kann um das Leid herum Heil wirken. Gottes webt mit unserer Beteiligung ein «World Wide Web« der heilenden Beziehungen, das unser Denken, Handeln, Reden und Beten einbezieht! Er ist der große, gute und liebende Webmaster.

2. Andere spüren, dass wir beten und gebetet haben

Manchmal ist es uns möglich, einen kleinen Teil dieses unendlichen Beziehungsnetzes zu erkennen. Da erfahren wir erst Jahre später, dass jemand schon seit langem für mich betet oder gebetet hat. Und ich erkenne, dass darin der Grund liegen könnte, warum ich mich so von Gott getragen weiß. Vielleicht kann ich das dem Beter zurückmelden; dann wird er umso freudiger und zuversichtlicher weiter beten. Das stärkt ihn - und freut mich!

Es stärkt meine Beziehung zu Gott, wenn ich erfahre, dass mein Gebet zu Ihm Früchte trägt. Und wenn ich erlebe, dass ich Anderen auf diese Weise Gutes tun kann. Es bewahrt mich vor der Verzweiflung in der Machtlosigkeit, wenn ich auch dann Zuflucht im Gebet nehmen kann, wenn alle anderen Hoffnungen aufgegeben werden mussten.

Mein Vertrauen in die Güte Gottes und in Seine Liebe zu mir wächst, wenn ich weiß, dass mein stilles und verborgenes Tun auch über weite Entfernungen wirksam sein kann. Nicht, weil das Tun selber magisch wäre, sondern weil Gott mir diese Gnade schenkt.

Dass das Gebet zu den Heiligen, die ich um ihre Fürsprache gebeten habe, oft überraschend und unglaublich fürsorgend beantwortet wird, bestärkt mich in der Gemeinschaft mit allen Heiligen, nimmt mir die Angst vor Einsamkeit und Verlassenheit. Es vergrößert meine Hoffnung auf ein Leben in der gemeinsamen Anschauung Gottes - und es nimmt mir meine Ängste, in der kommenden Welt außer Gott keinen meiner Liebsten wiederzusehen.

Dass Gott auch Gebet um scheinbare Nichtigkeiten erhört (um das Wiederfinden der verlorenen Euro-Münze, für das pünktlichen Erscheinen eines geliebten Menschen, gutes Wetter beim kommenden Familienausflug usw.), zeigt mir, dass er wahrhaft ein «menschgewordener Gott» ist, der um Kleinigkeiten des Lebens weiß. Und der mich auch auf diese Weise mit einer Wolke von Wundern umhüllen möchte. Ich darf Gott auch um diese kleinen Nebensächlichkeiten bitten! Hüten wir uns aber davor zu meinen, dass das Gebet selbst rein psychologisch wirksam ist und das fürbittende Gebet nur eine besondere Art der Gruppendynamik. Manche der Wege Gottes können wir nachvollziehen (so bekehrt sich Bruce im Film «Bruce allmächtig» durch das Gebet seiner Freundin - weil er es hört und sich deshalb verändert). Aber Gott kennt auch andere Wege, übernatürliche und natürliche. Ich glaube fest an die Macht des Gebetes, dafür muss ich nicht jede Querverbindung kennen. Ich glaube daran, ohne Beweis dafür nötig zu haben. Ich bin davon überzeugt, weil jedes Gebet (ob fürbittend, bittend, lobend oder anbetend) eine Form der Liebe ist. Und Gott keine Liebestat vergeblich sein lässt.

3. Noch ein Problem: Der freie Wille

Im Gebet für andere tut sich aber noch ein weiteres Problem auf. Denn wenn wir um das Heil eines geliebten Menschen beten - hebeln wir dann nicht dessen Freiheit aus? Es ist doch die unantastbare Freiheit eines jeden Menschen, sich frei für oder gegen Gott zu entscheiden. Wie kann ich da mit meinem Gebet helfen, ohne diese Freiheit zu beschädigen?

Wenn ich zum Beispiel einen guten Freund habe und immer wieder für seine Bekehrung bete - was macht Gott dann? Zwingt er ihn? - Wenn verzweifelte Eltern, deren Sohn von zuhause weggelaufen ist, um dessen Rückkehr bitten: Lässt er ihn dann gegen dessen Willen zurückkehren? Weil die Eltern gebetet haben?

Nun, Gott respektiert den Willen eines jeden Mensch immer und überall. Schon deshalb, weil er uns als freie Menschen geschaffen hat und unsere Liebe möchte. Eine erzwungene Liebe ist dagegen keine Liebe mehr. Deshalb sprechen wir sinnvoll auch vom «Werben Gottes» um die Liebe eines jeden Menschen. Wenn wir nun für die Bekehrung eines Menschen beten, dann können wir von Gott natürlich nicht erwarten, dass er dem Beter zuliebe gegen sein eigenes Wesen handelt, seine Güte außer Kraft setzt und den verlorenen Sohn zur Rückkehr zwingt.
Vielmehr wirkt mein Gebet genauso, wie auch schon Gott wirkt: werbend, tröstend, mutmachend. Gott freut sich über das fürbittende Gebet um die Bekehrung bestimmter Menschen, weil er dies in Sein Werben mit einbezieht. Vielleicht ganz offensichtlich: Indem er den «verlorenen Sohn» erfahren lässt, dass nicht nur Gott, sondern auch besorgte Menschen ein Interesse an dessen Glück haben und deshalb für ihn beten. Vielleicht nur indirekt: Indem sich die betenden Menschen selbst verändern und somit Hindernisse ausräumt, die einer Bekehrung im Wege gestanden haben. Oder vielleicht ganz im übernatürlichen Sinne: Dass derjenige, für den gebetet wurde, die Liebe der Betenden spürt und deshalb «heimkehren» kann, ohne dass er sich bewusst ist, woher diese gespürte Liebe kommt.

Natürlich könnte Gott in Seiner Allmacht einem jeden dieses «Gefühl» geben, auch wenn dieser in Wirklichkeit von niemanden auf der Erde geliebt und vermisst wird. Aber dann wäre dieses «Gefühl» eine Lüge, und keine Offenbarung. Gott lügt aber nicht. Gott wird keinem Menschen eine Illusion von sorgenden Betern ins Herz senken, wenn es diese in Wirklichkeit nicht gibt. Das ist der Unterschied zwischen dem «Gefühl», dass jemand für mich betet - und dem «Gespür», dass die Liebe des Beters real ist.

Ja, es kann sogar sein, dass unsere Liebe von größerer Wirksamkeit ist als die Liebe Gottes. Das klingt seltsam? Ist es auch, denn natürlich ist Gottes Liebe immer größer und reiner als unsere menschliche Zuneigung. Klar. Aber es kann durchaus sein, dass manche Menschen sich Gott erst öffnen, wenn sie erfahren, dass ein ganz konkreter Menschen für sie betet und hofft. Vielleicht sind wir dieser Mensch?! Am Ende all dieser Überlegungen über das fürbittende Gebet und dessen Wirksamkeit müssen wir aber auch zugestehen, dass der freie Wille des Menschen selbst für Gott eine Grenze ist, die er nicht durchbricht. Ein Brechen des Willens käme einer Zerstörung des Menschen gleich. Gott will uns Menschen aber nicht vernichten, sondern heilen. Deshalb wird sogar Gott unter Umständen auf die freie Ablehnung all Seines Werbens stoßen. Und damit kommt auch unser Bittgebet an eine Grenze.

Allerdings: Solange ein Mensch lebt, gibt Gott ihn nicht verloren. Solange dürfen wir nicht nur hoffen und beten, wir sollen es sogar!

III. Das weite Herz des Gebetes
1. Heilsame Verbindungen, die Gott gewährt

Im Grunde unterscheidet sich das Gebet für unsere Verstorbenen kaum vom Gebet für die Lebenden. Wer einen Menschen wirklich liebt, wird dafür beten, dass dieser sein Glück bei Gott findet - ob das nun in dieser oder in der jenseitigen Welt ist. Beten können wir also auch für unsere Verstorbenen. Und auch dieses Gebet ist, wie jedes Gebet, keine Magie, sondern ein Werben. - Aber, so könnte man fragen, müssen wir denn noch für unsere Verstorbenen um eine Bejahung Gottes werben? Ist mit dem Tod nicht schon längst alles klar?
Nun, um diese Frage zu beantworten, brauchen wir ein kleinen Exkurs in die sogenannte «Eschatologie», die Lehre von den «Letzten Dingen». Wer möchte, kann dazu in der entsprechenden Katechese nachlesen. Als Ergebnis eines solchen Blicks in den Glauben der katholischen Kirche können wir festhalten, dass die unsterbliche Seele eines Menschen nach der Trennung vom Leib (das nennen wir «Tod») in drei grundsätzlichen Zuständen gedacht werden kann. Für zwei dieser Zustände bedarf es keines Gebetes mehr: Wer nach dem Tod mit seiner Seele in einem «himmlischen Zustand» ist, braucht kein Gebet der noch Lebenden mehr (aber er wird sich dennoch darüber freuen!). Und wer seine Seele in die endgültige Ablehnung Gottes geführt hat, den erreicht kein Gebet mehr. Wer so verschlossen ist, dass selbst Gott ihn nicht mehr berühren kann, ist sicherlich auch den menschlichen Gebeten entzogen.

Aber es gibt da noch den mittleren Weg: Der Mensch, der zwar sicher erlöst ist (und das auch weiß), aber sich noch nicht ganz von allen weltlichen Bindungen, von allen Zweifeln und von aller Schuld hat lösen können. Dieser Mensch braucht noch Zeit, und in dieser Zeit können wir, die wir noch auf Erden sind, sehr wohl mit unseren Gebeten helfen: Jedes Gebet ist letztlich Liebe, gelebte Beziehung und Hingabe - und das ist genau das, was den Seelen im «Zwischenzustand» fehlt. Sie sind noch nicht bereit zur wahren Liebe, zur ganz freien Beziehung und gelösten Hingabe. Da würde es uns auf Erden auch schon helfen, wenn wir an betenden Menschen sehen, wie schön das ist, was ich noch nicht ganz zulassen kann. So glaube ich fest, dass Gott es diese Seelen sehen lässt, dass wir für sie beten. Weil es ihnen hilft.
Früher nannte man dieses «Gebet für die armen Seelen». Eigentlich keine schlechte Bezeichnung: Wir können mit unserem Gebet die «armen Seelen» reicher machen, ihnen Sicherheit verleihen und ihnen unsere Liebe zeigen. Natürlich wird ein solches Gebet diese Menschen nur erreichen, wenn Gott es will. Das Gebet für die Verstorbenen ist also wiederum keine Magie oder ein seelenloser Zauber, sondern eine Bitte an Gott, unsere Liebe denen zukommen zu lassen, die davon im Jenseits nicht genug haben. Es gibt natürlich keinen Grund, warum Gott diese Bitte abschlagen sollte - im Gegenteil, Gott und die Kirche laden uns dazu ein, für unsere Verstorbenen zu beten (siehe 2 Makkabäer 12,40-45).

Das bittende Gebet für die Verstorbenen ist also in dreifacher Hinsicht beschränkt: Es ist immer nur fürbittendes Gebet, das nur über Gott ankommen kann. Und es ist nicht nötig bei denen, die bereits ganz offen sind für Gott - und vergeblich bei denen, die sich Gott für immer verschlossen haben.

Aber das Gebet für die Verstorbenen ist auch für die Beter heilsam, denn es mildert die Ohnmacht - die größten seelischen Not eines Menschen in der Trauer. Wer einen geliebten Menschen verliert, ist erstens nicht wirklich von ihm getrennt: Er kann noch beten, helfen, heilen und lieben. Und er ist nicht zur Untätigkeit verdammt: Er wird noch gebraucht! Von Gott und vom Verstorbenen!

Das ist vielleicht der größte Trost, den wir einem trauernden Menschen geben können. Oder genauer: Den Gott einem trauernden Menschen schenkt.

2. Opfer: Mehr, als wir verstehen

Zuletzt möchte ich mich noch einer oft verpönten Art des Gebets widmen, die oft als eine Art «Gebetsverstärker« missverstanden wird: Das Opfern.

Ganz am Anfang haben wir davon gesprochen, dass Menschen, die nicht so ganz von der Güte Gottes überzeugt sind, zu diesem Mittel greifen, um Gott zu zwingen. Sie bringen zusätzlich zu ihrem Gebet noch Opfer, in der Hoffnung, Gott so zu beeinflussen («Wenn du meinen Wunsch erfüllst, spende ich 10.000 Euro an arme Kinder!»), eventuell einen Handeln zustande zu bekommen («Du rettest meine Firma - und ich rette einen insolventen Kindergarten, okay?») oder gar Gott zu erpressen («Wenn du meinen Wunsch nicht erfüllst, trete ich aus der Kirche aus!»).
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Das geht natürlich gar nicht. Wir sollen Gott lieben - und Liebe feilscht nicht und lässt sich nicht bezahlen.
Aber nicht jedes Opfer, das jemand bringt, ist ein Handel oder ein Erpressungsversuch. Im Gegenteil. In unserer Zeit und unserer Gegend reagieren gerade moderne Christen zwar allergisch auf diesen Begriff; sie verleugnen damit aber das große Geschenk, das mit dem Opfergedanken verbunden ist. Sie vergessen, dass Gebet immer ein Opfer ist - ein Abgeben. Und zwar mit Leib und Seele.
Das macht letztlich unsere menschliche Existenz aus: Dass wir leib-seelische Geschöpfe sind. Schon allein, wenn wir beim Gebet die Hände falten, die Augen schließen oder vielleicht in die Knie gehen: Wir beten auch mit unserem Leib. Andere zünden eine Kerze an - als Ausdruck ihres Betens. Wieder andere fasten (was Jesus uns ausdrücklich empfiehlt: Mk 9,28; so auch in Apg 14,23) oder unterstreichen ihr Gebet mit zusätzlichem Verzicht.
Als Ausdruck meines Betens ist das gut. Gefährlich wird das erst, wenn ich den abwegigen Gedanken habe, Gott würde erst dann meine Bitten erhören, wenn ich eine bestimmte Anzahl an Kniebeugen, Fastentagen oder Opfern bringe. Dann ist aber mein Gottesbild verzerrt - das Fasten, Opfern und Beten mit Leib und Seele bleibt dennoch gut.

Letztlich tritt das Gebet (und damit verbunden das Opfern, Fasten und Verzichten) stellvertretend an die Stelle meiner Sorge - weil es Ausdruck meiner Liebe ist. Gott mag den Gedanken der Stellvertretung - er hat ihn quasi erfunden. Lassen wir nicht zu, dass uns dieser Schatz ausgeredet wird; bemühen wir uns aber auch, ihn nicht zu verlieren, indem wir den äußerlichen Formen mehr Aufmerksamkeit schenken als dem, worauf es im Gebet wirklich ankommt: Auf meine Liebe - und den, dem diese Liebe gebührt. Gott.

3. Gott ist größer als unser Herz

Ob unser Gebet ein wirkliches Vertrauensgebet war, zeigt sich oft erst im Danken. Mehr oder weniger nur «ins Leere» gesprochene Bitten ohne echtes Vertrauen münden ganz selten im Dank. Warum auch? Im Zweifelsfall danken wir dann doch den Ärzten, den Helfern, den Umständen oder dem Glück. Dass wir vorher Gott um seine Hilfe angerufen haben, war dann vielleicht nur ein Reflex. So, wie man immer mal wieder «Oh mein Gott!» ausruft, ohne an ihn zu glauben.

Wer aber nach der Erhörung eines Gebetes sich auch noch dankend an Gott wendet, der traut Ihm wohl einen echten Einfluss auf die Ereignisse zu. Und der hat wohl auch schon die Bitte mit echtem Gottvertrauen gesprochen. Vielleicht gibt es deshalb auch den inneren Wunsch mancher Beter, schon bei der Formulierung der Bitte einen Dank zu versprechen. «Lieber Gott, wenn du mich jetzt rettest, dann gehe ich jeden Sonntag in die Kirche!» - Oder, wie Martin Luther angeblich gebetet haben soll: «Mutter Anna, wenn ich das Gewitter hier überlebe, werde ich Mönch!»
Wir nennen diese Form des Bittgebetes auch «Gelöbnis»; und auch, wenn diese Form scheinbar selten geworden ist (viele alte Kirchen und Kapellen sind durch Gelöbnisse gebaut worden), liegt die Wurzel dafür tief im Menschen verankert. Auch das gehört zum Beten mit der ganzen Faser unser Existenz.

Das Bittgebet als Gelöbnis ist nicht ganz frei von Einwänden. Vermutlich, weil diese Form deutliche Kennzeichen von «Handel» hat. Und wir sind natürlich nicht davon überzeugt, dass es angemessen ist, mit Gott um die Erfüllung von Wünschen zu feilschen. Das wahre Gebet legt sich, seine Wünsche und die eigene Existenz in die Hand Gottes.
Aber - wer sagt denn, das Gott nicht auch unvollständige Bitten erhört? Und warum soll sich Gott nicht auf einen Handel einlassen, wenn der Beter sich damit noch fester und tiefer an Gott bindet? Schon Abraham hat mit Gott gehandelt (Gen 18, 16-33); und es gibt keinen vernünftigen Grund, ein solches Gebet als unwirksam zu bezeichnen. Natürlich: Gott ist größer als es ein solches Gebet annimmt. Aber wir haben einen Gott, der auch auf das Gebet der Kleinen und Einfachen achtet, es hört und erhört. Und er hört auch auf das kleine Gebet, das einfache und sehr menschliche. Auch daraus kann Großes erwachsen!

Halten wir zwar fest, dass es alle Arten von Gebeten gibt - vertrauensvolle und dahingehauchte, gedankenlos formulierte und gelegentlich sogar erpresserische Handelsangebote und echte Übergaben von Wunsch und Willen an Gott. Hüten wir uns aber davor, daraus abzuleiten, welche Gebete Gott erhört - und welche Seiner nicht würdig sind. Das ist allein Seine Angelegenheit. Vertrauen wir vielmehr darauf, dass Gott auch auf das hört, was in unseren eigenen Augen noch gar kein richtiges Gebet war... Denn, so heißt es schon im ersten Johannesbrief: «Wenn unser Herz uns auch verurteilt, Gott ist größer als unser Herz!» (1 Joh 3,20).

Vor einigen Jahren lief einem jungen Mann sein geliebter Hund weg. Wochen lang gab es kein Lebenszeichen von dem Hund, der «Leo» hieß. Nach vier Wochen wusste sich der verzweifelte Besitzer keinen Ausweg, als im Gebet Gott zu versprechen, wenn der Hund wieder zu ihm zurück käme, verspreche er, Priester zu werden.
Noch einmal vier Wochen gingen ins Land, und der junge Mann wurde sich bewusst, dass er zuviel versprochen hat - selbst, wenn der Hund heil und wohlbehalten heim kommen würde: Deshalb Priester zu werden, war doch etwas zu vollmundig gewesen. In seiner Not rief er mich an und bat mich, ihn von diesem Gelöbnis zu entbinden. Ich als Priester - so meinte er - könne das im Namen Gottes sicherlich tun. Er hatte Angst, wenn er das Versprechen selbst zurückziehen würde, wäre eventuell der unschuldige Hund der Leidtragende seiner Schwäche.
Ich tat ihm den Gefallen und beruhigte ihn: Wenn das Versprechen zu groß gewesen ist, dann wird Gott das schon immer gewusst haben - und sich keinesfalls auf irgendeine Weise rächen.
Und - ich erzähle Euch keine Märchen - am gleichen Abend tauchte der Hund lebendig und unversehrt wieder auf. Nicht aufgrund des Gelöbnisses - sondern zusammen mit der Einsicht, dass Gott größer ist als unser Herz.