Narnia vor dem Lesen
Hier will ich niemandem die Spannung nehmen, sondern nur ein paar Fragen
klären, wie C.S. Lewis auf die Idee kam, die Chroniken von Narnia
zu schreiben, in welcher Reihenfolge man sie lesen sollte, was er eigentlich
damit bezweckte, auf einmal Kinderbücher zu verfassen, und vieles
mehr. Ein anderer Abschnitt auf der Karl-Leisner-Jugend-Seite wird ein
paar Fragen behandeln, die ich mit Kindern und Jugendlichen besprochen
habe, die alle das Buch kannten, bevor wir uns den Film angesehen haben.
Der dritte Abschnitt zu Narnia ist die Filmkritik, aber nur für die,
die schon das Buch gelesen und/oder den Film gesehen haben.
Also hier kann jeder lesen, ohne dass ihm die Geschichte verraten
wird.
Sind die Narnia Chroniken gefährlich für
Kinder?
Gefährlich sind bestimmt nicht die offensichtlich humorvoll gemeinten
Seitenhiebe auf die Schule, die in den Narnia-Chroniken vorkommen, wo
z.B. ein guter Herrscher - ich sage nicht, wer und in welcher Geschichte
- seine Gerechtigkeit dadurch beweist, dass er den jungen Faunen und Zwergen
die Schulpflicht erläßt.
Aber es hat vor ein paar Tagen eine Mutter, die ich nicht weiter kenne,
ihrem achtjährigen Sohn - vermutlich zurecht - verboten, eins der
Kapitel aus dem "König von Narnia" zu lesen, weil es zu
grausam sei. Mal sehn, wie der Film wird. Er ist anscheinend erst ab 12
Jahren zugelassen. Andere Leute haben andere Gründe, ein Buch für
gefährlich zu halten....
Einige fromme Leute habe die Harry Potter Bücher aus den Pfarrbüchereien
und Kinderzimmern verbannen wollen, weil sie glaubensfeindlich seien und
zum Satanismus verführten. Die Kindern würden dazu angeleitet,
Zaubersprüche zu murmeln und sich dämonische Kräfte anzueignen.
Merkwürdigerweise werden von denselben Leuten die phantastischen
Geschichten von J.R.R. Tolkien gelobt und für Kinder und Jugendliche
als erbaulich empfohlen.
Kommen da nicht genauso grauenvoll-dämonische Gestalten, gute und
böse Zauberer sowie verzauberte Gegenstände vor? Ist das Ende,
ob das Gute oder das Böse die Oberhand gewinnt, nicht ziemlich offen
bis zum Schluß? (Eine tiefergehende Diskussion über die Thema
findest Du in "Unter Theologen")
Ich vermute, dass Tolkien und Lewis an dem Verdacht anti-christlich zu
sein nur deshalb vorbeigekommen sind, weil jeder halbwegs Informierte
wissen kann, dass der eine überzeugter Katholik und der andere überzeugter
Christ, mit anglikanischem Hintergrund, war. Dieses Wissen ist aber, im
Falle von Jack Lewis zumindest, auch ein Problem.
Es gibt viele unterschiedliche Gründe, warum bisher in Deutschland
kaum jemand die Chroniken von Narnia kennt, dagegen im englischsprachigen
Raum seit Jahrzehnten jedes Kind von ihnen gehört hat.
Zwei Gründe, die auch mich zunächst davon abgehalten haben,
möchte ich nennen. Der erste hat mit dem Christsein des Autors zu
tun, der andere mit seiner Phantasie.
Christliche Literatur mit erhobenem Zeigefinger?
"Ich hab' gedacht, da kommt andauernd Jesus drin vor", sagte
eine Jugendliche, der ich das Buch gegeben hatte. "Das ist bestimmt
so'n frommes und sterbenslangweiliges Buch, wenn der mir das in die Hand
drückt", hat sie wohl gedacht, aber freundlicherweise nicht
gesagt. Nach dem Lesen war sie angenehm überrascht. Aber gelesen
hat sie es nur, weil ich allen Jugendlichen, die das Buch lesen würden,
eine Freikarte für den Film versprochen hatte.
Ich kann ihre Befürchtung übrigens nachvollziehen. Obwohl mir
ein Freund die Bücher empfohlen hatte, und obwohl ich die philosophischen
Bücher von C.S. Lewis kannte und sehr gut fand, konnte ich mich nicht
überwinden, die Chroniken von Narnia zu lesen. Entweder eine spannende
und gute Geschichte, sagte ich mir, oder eine mit christlich erhobenem
Zeigefinger, die langweilig und moralinsauer ist. Ich bin übrigens
noch heute der Überzeugung, dass eine gewollt christliche Erzählung
literarisch nicht funktioniert. Zumindest ist mir noch kein interessantes
Buch in die Hand gekommen, das von Helden handelt, die sich als Christen
verstehen und demonstrativ die Bibel in ihrem Leben umsetzen - außer
das Scheitern dieses Unternehmens wird humorvoll dargestellt (wie z.B.
bei Adrian Plass) - aber dann ist es auch keine Heldengeschichte mehr.
Ohne Harry Potter kein Narnia! - ein Erlebnisbericht
Da sind wir schon beim nächsten Grund: Heldengeschichte! Nach allem,
was ich gehört hatte, kämen in den Chroniken von Narnia einsame
edle Helden und allerhand merkwürdige Mischwesen vor, die sprechen
können, und entweder gut oder böse sind, also mit oder gegen
die Helden kämpfen.
Mein Deutschlehrer war ein hartgesottener Skeptiker, offen für alles
Neue, aber Feind aller eindeutigen Zuordnungen (heute noch ein junggebliebener
68er). Der Lehrplan und alles was in unserer Schule als Lesestoff "in"
war, kannte keine Helden und Fabelwesen. Die wenigen, die Wagner-Opern
hörten und Tolkien lasen, galten - nicht nur mir - als wenig intellektuelle
oder sogar äußerst merkwürdige Typen oder sie nahmen sich
selbst dafür auf die Schüppe und ketzerten weiter mit, sobald
sie ihren Herrn der Ringe zur Seite legten.
Außerdem kann ich mir noch heute kein Startrek oder Ähnliches
ansehen, ohne geistige Übelkeitsgefühle beim Anblick all der
Mutanten zu bekommen. Science-fiction fand ich schon kindisch, wie soll
das erst bei Kinderbüchern werden?
Und dann, bei einer unserer Wanderungen durch die sauerländischen
Wälder, als wir uns wieder einmal vom ständigen Regen durchweichen
ließen, um abends bei Bier und Zigaretten die Trockenheit und Wärme
zu genießen und bis in die Nacht zu diskutieren, da erzählte
einer - völlig begeistert - von Harry Potter: Ja, ich weiß,
es ist eine Kindergeschichte, aber es ist geschrieben wie ein Krimi, und
die Dialoge, und die Personen, nein nicht kindisch, ja, Zauberei, aber
nicht wie Du meinst, sprechende Tiere, Mischwesen, ja, aber - ach das
verstehst Du so nicht - das mußt Du lesen.
Und da es regnete und regnete, kaufte ich mir den ersten Band, las und
konnte gar nicht mehr aufhören, so vollkommen begeistert war ich:
ein Kind als Held, aber nicht kindisch; sprechende Tiere, Zauberei, die
Auseinandersetzung mit Leben und Sterben, übermenschliche Gutheit
und Bosheit, aber nicht mit moralinsaurer Plattheit als Aushängeschild
für das gebraucht, was uns der Autor immer schon mal sagen wollte,
weil er ein so guter Christ ist und will, dass wir es auch werden.
Der Damm war gebrochen, ich konnte versuchen, die Bücher von C.S.
Lewis zu lesen, von denen Joanne K. Rowling selbst so angetan ist, dass
sie ihre Nähe zu den Narnia-Chroniken in keinem der bislang erschienen
6 von 7 Bänden (auch in Interviews nicht) verleugnet. Aber dazu später
mehr. (s. Kein Harry Potter ohne Narnia)
Vielleicht ging es den Verfilmern von Narnia ähnlich: Erst als sie
an den Harry Potter Filmen sahen, wie erfolgreich die Star-Wars Tricktechnik
für eine gute Geschichte eingesetzt werden kann, ließ sich
an eine Geschichte denken, in denen z.B. ein Löwe Hauptdarsteller
ist, ohne an den Löwen Clarence bei Daktari zu erinnern.
Hab' ich mich jetzt als Grufti geoutet, weil kein Jugendlicher die Serie
kennt, die mich als in Angst und Schrecken, Herzschmerz und Triumph versetzte?
- Gefolgt natürlich von Flipper, dem klugen Delphin, und Lassie!
Aber vielleicht mußte ich auch so alt werden, um wieder Freude
an Kindergeschichten zu haben. C.S. Lewis scheint so etwas im Sinn gehabt
zu haben:
Die Weisheit der verschwundenen Widmung
"Liebe Lucy,
Diese Geschichte habe ich für Dich geschrieben. Doch als ich damit
begann, habe ich nicht wirklich bedacht, dass kleine Mädchen schneller
wachsen als Bücher. So muß ich feststellen, dass Du inzwischen
schon zu alt für "fairy tales" bist, und dann, wenn dies
gedruckt und gebunden ist, noch älter sein wirst. Doch eines Tages
wirst Du alt genug sein, um wieder mit dem Lesen von "fairy tales"
zu beginnen. Du kannst das Buch dann von einem abgelegenen Regal nehmen,
entstauben und mir sagen, was Du davon hälst. Wahrscheinlich werde
ich dann zu taub sein, um auch nur ein Wort zu verstehen, was Du sprichst,
doch eins werde ich dann immer noch sein,
Dein Dich liebender Patenonkel,
C.S. Lewis"
Warum der deutsche Verlag diese liebevolle Widmung nicht abgedruckt hat,
obwohl sie so viel über die Chroniken von Narnia verrät, ist
mir ein Rätsel.
Vielleicht hatte man Angst, dass die Jugendlichen, die sich nicht mehr
zu den Kindern zählen, aber auch noch nicht zu den Erwachsenen, das
Buch wieder zur Seite legen. Ich zweifle aber daran, dass Jack Lewis wirklich
von einer langen Zeitspanne zwischen den fairy tale-Phasen eines Menschen
geglaubt hat. Denn er selbst hat als Kind natürlich diese Geschichten
zuhauf gelesen und sehr gemocht. Vielleicht hatte er eine kurze Phase,
wo er sie beiseite geschoben hat. Aber spätestens als 16-Jähriger
hat er mit dem "Phantastes" von George MacDonald wieder Freude
an dieser Art von Geschichten gefunden.
Auf jeden Fall war er - wie die Widmung zeigt - der Meinung, dass auch
Erwachsene einen Geschmack haben können für fairy tales, d.h.
"fantastische Geschichten", wobei nicht Science fiction gemeint
ist, sondern "Fairy fiction": erfundene Wesen und Welten, in
die Menschen hineingeraten, die dann Erfahrungen machen, spannende Erlebnisse
haben, in Konflikte verwickelt werden, die in unserer Welt zwischen Menschen
allein ausgetragen werden.
Wie kam Jack Lewis auf den Gedanken, die Narnia Chroniken zu schreiben?
Lucy, das Patenkind, ist die Namensgeberin für das jüngste
der vier Kinder im ersten Band der Chroniken von Narnia. Lange vor 1951,
als der erste Band erschien, hat C.S.Lewis offensichtlich damit begonnen.
Wahrscheinlich war das während des Zweiten Weltkriegs, als (wie im
"König von Narnia") vier Kinder, bei ihm, seinem Bruder
und Mrs. Moore in "The Kilns" seinem Haus auf dem Land vor den
Toren von Oxford evakuiert waren. In dieser ersten Fassung hießen
sie übrigens nicht Peter, Susan, Edmund und Lucy, sondern Ann, Martin,
Rose und Peter. Beim abendlichen Geschichtenerzählen für diese
Kinder hat er eine Idee ausgesponnen, die ihm einmal beim Tagträumen
- machte er gerne und hielt es für sehr wichtig - plötzlich
vor Augen stand: ein merkwürdiges Wesen, halb Mensch, halb Ziege,
das einen Regenschirm in der Hand hält und unter einer Laterne steht.
Aber er hätte seinem Patenkind Lucy natürlich etwas anderes
schenken können. Warum hat er gerade eine Geschichte geschrieben?
Nun er war Literaturprofessor, also Profi für das geschriebene Wort
in Gedichten, Romanen, kurzen und langen Erzählungen usw.. Die meisten
dieser Leute schreiben selbst aber nur über die Bücher anderer
Leute, die der Schriftsteller. Das ist einfacher und ungefährlicher,
denn ein Schriftsteller hat es nicht leicht: er stellt seine Schrift in
die Öffentlichkeit und dann kann alle Welt darüber herfallen.
Jack Lewis hatte das alles hinter sich, bevor die Chroniken von Narnia
veröffentlicht wurden. Denn er hatte einen Kreis von Freunden, die
Inklings, die sich einmal in der Woche beim Bier vor dem Kamin trafen
und einander aus ihren neuesten Werken vorlasen, um zu hören, was
die andern davon hielten. Einer im Freundeskreis war J.R.R. Tolkien. Er
hielt nicht viel von den Narnia-Chroniken: er meinte und hat es auch offen
gesagt, diese Geschichten wollten zuviel bedeuten.
Und genau das war es, was Jack Lewis wollte: Lucy und alle anderen Kinder,
auch die erwachsenen Leser, sollten etwas lernen durch seine Geschichten,
aber nicht wie in der Schule. Im Unterricht ist Lernen anders gemeint........
wird fortgesetzt
In welcher Reihenfolge sollte man die Narnia-Chroniken lesen?
Kann die Verfilmung gelingen?
Kein Harry Potter ohne Narnia
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P.
Marian verantwortlich.