1. Teil: Einführung
Liebe Gemeinde!
Ich habe lange darüber nachgedacht, ob es nicht vielleicht
sinnvoll sein könnte, unser Glaubensbekenntnis einmal
näher in den Blick zu nehmen. Ich meine, ja, und darum
möchte ich hiermit eine Predigtreihe hierüber ankündigen.
Sie wird schon einige Wochen beanspruchen, aber Sie können
mir ja jederzeit mitteilen, ob ich Ihnen damit auch etwas
sage, was Sie interessiert und was Ihnen hilft.
Zunächst der Hintergrund dieser Idee. Ich beobachte
schon seit langem, wie schwer es vielen Christen in der heutigen
Zeit fällt, am überlieferten Glauben festzuhalten.
Da gibt es gleich mehrere Anfechtungen und Schwierigkeiten.
Ich zähle zunächst einmal die wichtigsten auf:
Da ist das Problem, wie der Glaube der Kirche sich in unser
Weltbild einfügt. Ist er vielleicht überholt oder
gar von den Wissenschaften widerlegt?
Dann gibt es eine Spannung zwischen dem Glauben als persönlicher
Bindung an Gott und dem Glauben, so wie er von der Kirche
vorgelegt wird. Viele sehen den kirchlichen Glauben als Problem
und ziehen sich gern auf einen subjektiven Glauben zurück.
Des weiteren werden viele, besonders ältere Menschen
verunsichert durch die Veränderungen, die unsere Kirche
in den letzten 35 Jahren erfahren hat. Wenn so Vieles anders
ist, gelten dann überhaupt noch die Katechismuswahrheiten,
die man früher auswendig gelernt hat? Kann und muß
nicht alles neu ausgelegt werden?
Damit hängt ein weiteres zusammen: In jeder Gemeinde
leben Menschen nahe zusammen, die durchaus gegensätzliche
Meinungen haben. Es gibt kaum einen Konsens, auch nicht in
religiösen Fragen. Das war aber vor einer Generation
keineswegs der Fall. Da war gerade der gemeinsame Glaube das
Verbindende. Jeder konnte sich getragen fühlen vom Glauben
der anderen. Wenn nun diese Sicherheit weggefallen ist, bedeutet
das aber, daß der einzelne sich ständig angefochten
fühlt vom Unglauben der Anderen oder von ihren Zweifeln
und kritischen Fragen.
Über all diese Schwierigkeiten wird kaum geredet. Sie
stehen nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit, aber sie sind
der beständige Untergrund für so manches Unbehagen
und die Krise unserer Kirche. Die Kirche, d.h. die Bischöfe
und mehr noch die Priester zusammen mit den ehrenamtlichen
Mitarbeitern haben auf dieses Unbehagen bisher weitgehend
reagiert, indem sie einzelne Aktivitäten der Kirche besonders
in den Vordergrund gestellt haben und darauf vertrauten, daß
sich so die Glaubenspraxis indirekt bewährt: Wenn so
viel Gutes im Namen Gottes und seiner Kirche geschieht, dann
muß da ja etwas dran sein!!
Der Gedanke ist sicher richtig, aber er genügt nicht,
jedenfalls nicht mehr. Die Erfahrung hat gezeigt, daß
trotz der vielen Bemühungen der Glaube immer diffuser
wurde und mittlerweile in der jungen Generation fast verdunstet
ist. Ich meine, das liegt daran, daß man das eigentliche
Problem nicht ehrlich erkannt oder benannt hat: die oben gestellten
Fragen werden nur ganz selten und meistens ausweichend angesprochen.
Es wird ein Optimismus verbreitet, dem eine realistische Wahrnehmung
fremd ist.
Darum möchte ich heute und an den kommenden Sonntagen
explizit die Fragen aufgreifen. Freilich spreche ich damit
erst einmal den Verstand an; ich weiß, daß der
Mensch mehr ist als sein Verstand, aber nur ein Glaube, der
vor der Vernunft verantwortet ist, kann auf Dauer Bestand
haben.
Die Frage, wie sich unser Glaube mit dem wissenschaftlichen
Weltbild verträgt, werde ich am übernächsten
Sonntag erörtern. Heute möchte ich das kleine Sätzchen
Ich glaube an Gott" analysieren und fragen, was
wir eigentlich tun, wenn wir so etwas aussprechen.
Wie es scheint, gibt es in der Bundesrepublik immer noch eine
Mehrheit, die das sagt: Ich glaube an Gott." Für
viele besagt dies aber nicht eben viel; sie haben eine diffuse
Vorstellung, daß es jenseits der sichtbaren Welt noch
etwas Anderes geben muß, eine Macht, die darüber
steht. Wenn sie sagen Ich glaube...", dann sagen
sie nicht mehr als: Ich nehme an, ich könnte mir
vorstellen...." Für ihr Leben hat das weiter keine
Bedeutung. Sie werden auch nicht beunruhigt durch Menschen,
die sagen: Ich nehme das nicht an, ich glaube nicht oder ich
glaube nur, was ich sehe. In ähnlicher Weise können
zwei Mediziner verschiedener Meinung darüber sein, ob
ein bestimmtes Krankheitssymptom durch einen unbekannten Erreger
ausgelöst wird oder durch eine interne Ursache. Wenn
der eine sagt: Ich glaube an einen externen Erreger",
dann nimmt er an, daß man diesen vielleicht nachweisen
wird; aber wenn man es nicht kann, dann ist es für ihn
auch okay.
Offensichtlich ist dieses Modell für den Glauben absolut
unpassend. Ich glaube nicht so an Gott wie ein Mediziner einen
noch unbekannten Erreger vermutet. Im Gegenteil: Mein Glaube
setzt eine gewisse Bekanntschaft mit Gott voraus. Er ist eine
Antwort auf eine Offenbarung, die Gott uns gemacht hat. Ich
glaube an Gott" ist keine sachhafte Aussage, sondern
ein persönlicher Akt, der auf eine Person, nämlich
Gott gerichtet ist. Ich meine damit: Ich glaube dir,
Gott, und ich glaube das, was du mir sagst. Ich baue auf dich,
ich setze mein Leben auf dich." Und wenn ich das
so verstehe, dann werde ich allerdings doch sehr beunruhigt,
wenn andere Menschen in meiner Nähe diesen Glauben nicht
mit mir teilen.
Wahrscheinlich spüren einige von Ihnen jetzt Widerstand
aufkommen. Lassen Sie diesen Widerstand zu, aber bitte in
der Offenheit, meine Gründe für das Gesagte zu verstehen.
Ich will ja gern die Zweifel aus dem Weg räumen, die
sich diesem Verständnis vom Glauben entgegensetzen. Der
Hauptzweifel besteht vermutlich darin, wie das zugehen soll,
daß wir Gott schon kennen müssen, um an ihn zu
glauben. Glauben heißt doch gerade nicht wissen, oder?
Das stimmt, aber so ausgedrückt, bleibt es noch
mißverständlich. Man könnte es so verstehen,
als wäre der Glaube fehlendes oder unvollständiges
Wissen, eine Theorie, deren letzte Vergewisserung noch aussteht.
Aber so ist es gerade nicht: Glauben ist eine andere, vom
Wissen unterschiedene Weise, der Wirklichkeit zu begegnen,
und zwar der Wirklichkeit, von der alles andere abhängt,
der Wirklichkeit Gottes. Ich kann nämlich durchaus etwas
über Gott wissen, ohne an ihn zu glauben, so ähnlich
wie ich einen Menschen recht gut kennen kann, ohne an ihm
interessiert zu sein.
Machen wir mal ein Gedankenexperiment: Nehmen wir an, es gebe
einen Wissenschaftler, der soviel Wissen gesammelt hat, daß
er mit absoluter Gewißheit sagen kann, daß diese
Welt von einem jenseitigen Gott geschaffen worden ist; und
weiter: daß kein Dokument treffender als die Bibel über
diesen Gott spricht. Dieser Wissenschaftler weiß damit
eine ganze Menge über Gott mehr als alle Theologen
zusammen, aber das heißt nicht, daß für ihn
der Glaube sich in Wissen aufgelöst hat; es heißt
noch nicht einmal, daß er ein gläubiger Mensch
sein muß. Es kann sein, daß er mit seinem Wissen
eine ganze Menge Geld verdient oder sich hohes Ansehen verschafft,
und es kann sogar sein, daß er einst, wenn er stirbt
und Gott begegnet, vor Gott flieht, weil es ihm unangenehm
ist, eine so enge Bekanntschaft mit IHM einzugehen.
Natürlich weiß keiner von uns soviel von Gott wie
dieser Mann im Gedankenexperiment. Und dennoch behaupte ich,
daß jeder von uns Gott so weit kennt oder jedenfalls
kennen könnte, daß der Glaube an ihn nicht völlig
blind ist. Negativ ausgedrückt heißt das: Wer Gott
in keiner Weise erfahren hat, kann auch nicht an ihn glauben.
Aber, und darauf kommt es an: Diese Erfahrung ist selbst noch
nicht der Glaube, sondern nur seine Voraussetzung.
Doch nun stellt sich mit Macht die Frage: Wie und wo kann
ich etwas von Gott erfahren und Gott so kennenlernen?
Ich antworte: Jeden Tag, wenn man will. Ich erfahre Gottes
Nähe im Gebet, im Gottesdienst, in der Lesung der Heiligen
Schrift, im Dienst am Anderen, in der Liebe, die andere mir
schenken, in der Schönheit der Schöpfung usw. Nicht
zuletzt erfahre ich Gott auch in den vielfältigen Aktivitäten
der Kirche.
Aber, so könnten Sie mir entgegenhalten: das sind doch
keine echten Erfahrungen der Nähe Gottes, ich deute sie
vielleicht so; ich könnte sie auch ganz anders deuten.
Das gebe ich zu. Die genannten Erfahrungen können
so und so gedeutet werden. Aber nicht jede Deutung ist gleich
angemessen, im Gegenteil: manche Deutungen sind ganz und gar
unangemessen. Wenn mich ein Mensch z.B. anlächelt, ist
das eine Erfahrung, die ich etwa so deuten kann: dieser Mensch
will mir wohl, er teilt mir etwas von seiner Freundlichkeit
mit. Ich könnte auch so deuten: Dieser Mensch verstellt
sich, er will mich unterschwellig manipulieren. Ebenso kann
ich eine religiöse Erfahrung nachträglich verschieden
deuten: Beim Weltjugendtag in Rom machten viele Jugendliche
eine Erfahrung der Nähe Gottes; manche von ihnen sagen:
hier hat sich mir Gott von einer seiner vielen gütigen
Seiten gezeigt. Andere dagegen erwecken den Zweifel: Warum
läßt sich Gott nicht immer so unmittelbar erfahren?
Und sie kehren in den Alltag zurück, ob als nichts gewesen
wäre...
Als die Jünger am Ostertag Jesus wiedersahen, war auch
dies eine Erfahrung, die einer Deutung bedurfte. Das sehen
wir am deutlichsten an der Reaktion des Thomas. Er sagt nämlich
zu Jesus: Mein Herr und mein Gott!" Das war sein
Glaubensbekenntnis: Du, Jesus, bist es, auf den ich
fortan mein Leben setze. Dir will ich glauben." Und Jesus
entgegnet ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du.
Selig, die nicht sehen und doch glauben." Offensichtlich
ist diese Bemerkungen auf uns gemünzt, die wir Jesus
nicht sehen können. Gott ist unsichtbar, und auch die
Apostel haben Gott nicht gesehen, sondern nur Jesus, der von
sich gesagt hat: Wir mich gesehen hat, hat den Vater
gesehen." Diesem Wort haben sie Glauben geschenkt, und
so waren sie die ersten gläubigen Christen. Wir aber
sehen nicht einmal Jesus. Sind wir also in einer schlechteren
Lage als die Apostel? Ja und nein. Einerseits schon:
Denn die Persönlichkeit Jesu war offensichtlich überaus
strahlend und vertrauenerweckend, und insofern mußte
der Umgang mit IHM den Glauben erleichtern. Andererseits aber
auch nicht: Denn auch heute gibt es strahlende und überzeugende
Christen, die wir sehen können und die zum Mitglauben
einladen. Ja, in gewisser Weise sind wir sogar in einer besseren
Lage als die Apostel, weil wir die ganze Kette der Zeugen
kennen, die Jesus in 2000 Jahren glaubend gefolgt sind. Wir
sehen, was die Jünger nicht sahen: Wie sich sein Gleichnis
vom Senfkorn bewahrheitet hat, wie aus einer winzigen Schar
eine riesige Kirche gewachsen ist. Wir haben viel weniger
Zweifel als die ersten Christen, ob Jesus vielleicht bloß
ein Spinner oder Träumer war.
Gewiß: Uns bedrängen andere Zweifel als die Menschen
damals. Über einige werde ich an kommenden Sonntagen
sprechen. Aber was ich für heute festhalten möchte,
ist dies: Diese Zweifel sind überwindbar. Wir haben ausreichend
positive Erfahrungen, die uns helfen, an Gott zu glauben,
als den, der sich in Jesus offenbart hat. Mehr als die möglichen
Zweifel bedrängt uns heute aber eine allgemeine Unentschlossenheit
und Gleichgültigkeit gegenüber der Frage nach der
Wahrheit.
Wenn junge Menschen in einem solchen Klima aufwachsen, haben
sie kaum eine Chance, den Glauben zu erwecken und zu bewahren.
Ihnen wird vielmehr die Angst vermittelt, man werde sich verlieren,
wenn man sich bindet. Und so bleiben viele bei den wechselhaften
Erfahrungen stehen und gehen nicht über sie hinaus, fragen
nicht nach ihrem Grund und kommen so gar nicht erst zum Glaubensakt
wie Thomas: Mein Herr und mein Gott!"
2. Teil: Glaube befreit"
(Weltmission)
Liebe Gemeinde!
Der heutige Weltmissionssonntag bietet sich förmlich
dazu an, die Predigtreihe über das Glaubensbekenntnis
fortzusetzen. Am letzten Sonntag habe ich das kleine Sätzchen
Ich glaube an Gott" näher analysiert und dabei
u.a. dargelegt, daß der Glaube eine Antwort auf Gottes
Offenbarung ist, die Bejahung seiner freien Mitteilung an
uns Menschen. Heute steht das Motto des Weltmissionssonntages
im Mittelpunkt meiner Ausführung: Glaube befreit".
Wenn ein Christ aus Indien, aus dem Sudan oder aus Lateinamerika
diesen Satz hört Glaube befreit", dann wird
er wahrscheinlich kräftig zustimmen und allerlei Erfahrungen
aufzählen können, die den Satz bestätigen.
Ein moderner Westeuropäer hingegen wird vermutlich den
Kopf schütteln und denken: Was soll denn der Blödsinn?!"
Wie kann man diese unterschiedliche Reaktion begreiflich
machen?
Fast alle Menschen verbinden mit dem Begriff Freiheit u.a.
die Befreiung von Unterdrückung. Wir Westeuropäer
haben jedoch die Befreiungskämpfe schon lange hinter
uns: In vielen tränenreichen und teilweise blutigen Auseinandersetzungen
hat sich Westeuropa von seinen Unterdrückern befreit:
von den absolutistischen Fürsten, später von den
kapitalistischen Ausbeutern, schließlich sogar von den
sexistischen Männern. Die modernen Demokratien sind die
Errungenschaft Jahrhunderte langer Bemühungen und Kämpfe.
Dieser Freiheitskampf stand im Zeichen der sog. Aufklärung,
die Kant kurz definiert hat als den Ausgang des Menschen
aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit"; wobei
er Unmündigkeit als Unfähigkeit, sich seines
Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen", erklärte.
Im 18. und 19. Jahrhundert wurde im Zuge dieses Aufklärungsdenkens
auch die Befreiung von der Kirche propagiert, weil auch sie
anscheinend die Unmündigkeit förderte. Der Glaube
schien nicht zu befreien, sondern die Befreiung eher zu verhindern.
Während viele Jahrzehnte lang nur die Intellektuellen
so gedacht haben, hat sich in den letzten 30 Jahren dieses
Denken auf die breite Bevölkerung der Industrieländer
ausgedehnt. Der mündige Zeitgenosse ist davon überzeugt,
daß die Kirche eine hoffnungslos veraltete Institution
ist, deren Demokratisierung schon allzu lange aussteht und
leider immer wieder von ein paar alten Männern verhindert
wird. Auch viele engagierte Christen denken so oder wissen
jedenfalls nichts dagegen zu sagen; der Glaube ist ihnen meistens
noch wichtig als Privatsache, aber ihnen fällt wenig
zum Thema ein, daß der Glaube gerade als eine kirchliche
Praxis eine befreiende Kraft ist.
Bevor ich mehr dazu ausführe, noch mal ein Blick auf
die ganz andere Wahrnehmung der Menschen in der sog. Dritten
Welt: Sie empfinden die Kirche als die große Stütze
für ihr oft sehr bescheidenes Leben, als Ort der Hoffnung
und Zuversicht und als Gegenkraft gegen die Mächte der
Ausbeutung und Unterdrückung. Ganz ähnlich nahmen
übrigens die Katholiken in Polen die Kirche wahr; ohne
sie hätte es keine Befreiungsbewegung Solidarnocz gegeben.
Doch kaum kam dieses Land in den Genuß" des
kapitalistischen Wohlstands, änderte sich die Wahrnehmung
der Christen dort zusehends.
Wie soll man diesen Sinneswandel einordnen? Hat die Konsum-
und Glitzerwelt des Westens die geistigen Augen der Kirchentreuen
verklebt? Oder war die Begeisterung für die Kirche ein
gedanklicher Kurzschluß, ein Irrtum, der durch den emanzipatorischen
Fortschritt notwendig korrigiert werden mußte? Ist vielleicht
gar der Glaube nur ein gewisses Opium des unterdrückten
Volkes, von dem es befreit wird, sobald die Unterdrückung
überwunden ist? Ich möchte dazu anmerken, daß
eine nicht geringe Portion Hochmut in dieser Ansicht steckt,
nämlich die Unterstellung, daß unsere westliche
- aufgeklärte - Sichtweise die fortschrittlichere ist,
während die anderen noch ein wenig zurückgeblieben
sind im Denken.
Freilich scheint heute sehr viel für eine solche Sichtweise
zu sprechen das ist ja gerade der Grund für unsere
derzeitige Glaubenskrise. Aber der Schein trügt, und
das wurde interessanterweise ausgerechnet von den Aufklärungsphilosophen
selbst entdeckt. Kein Geringerer als Theodor Adorno, der Mitbegründer
der Frankfurter Schule, hat bereits im Jahre 1947 überzeugend
dargelegt, daß die Aufklärung eine heimtückische
Dialektik" birgt: Anstatt zu befreien, unterdrückt
die schrankenlose Vernunft den Menschen, denn sie stürzt
ihn in eine abgrundtiefe Entfremdung zur Natur und zu sich
selbst. Dies wird bestätigt durch die Rede unseres Bundespräsidenten
auf dem Paderborner Forum (vgl. FAZ vom 21. 10. 2000, S. 1),
in der er eine Äußerung des Nobelpreisträgers
Watson angreift, der gesagt hat, man dürfe Embryonen
unter gewissen Umständen töten. Wann solche Umstände
gegeben sind, können jedoch nur die Experten feststellen.
Doch eine solche Einstellung führe dazu, daß eine
Minderheit von Experten letztlich festlegt, was für die
Mehrheit der betroffenen Nichtfachleute gut sei. Im Namen
der Vernunft wird eine Herrschaft über die Massen ausgeübt,
die nur eine neue Form der Unterdrückung ist!
Adorno ist 1969 gestorben. Seine Diagnose war so hellsichtig,
daß die neueren Entwicklungen nur als Bestätigung
seiner Thesen angesehen werden können. Adorno würde
uns heute zurufen: Ja, seht ihr denn nicht, wie ihr betrogen
werdet? Wie man euch unter der Hand versklavt, während
man euch einlullt mit Phrasen, die euch suggerieren, ihr wäret
frei? Wie die Medien euch in einem Ausmaß kontrollieren,
daß ihr überhaupt nicht mehr zu einem eigenständigen
Urteil fähig werdet? Wie der Kapitalismus, der einst
mit Blut und Tränen in die Schranken gewiesen wurde,
nun fröhliche Urständ feiert, und nicht nur die
Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer macht,
sondern noch dazu allen, ob reich oder arm, einredet, nur
im Konsum sei das Heil zu finden? Wie dadurch die Menschlichkeit
aus der Gesellschaft auszieht und ein Ungeist in die Herzen
der Menschen einzieht, der schlimmer ist als alles, was je
dagewesen ist? Wie könnt ihr die Menschen in der
Dritten Welt verachten, die doch in jeder Hinsicht fröhlicher
sind als ihr selbst, obwohl sie in bitterster Armut leben?
Und denen wollt ihr nun auch den westlichen Fortschritt
aufdrängen?
Aber Adorno war ein Atheist, und so konnte oder wollte er
nicht sehen, daß der Unterdrückung, die durch die
Vernunft selbst ausgeübt wird, die Befreiung durch den
Glauben angeboten ist. So wie Jesus sagt: Wenn euch
der Sohn befreit, dann seid ihr wirklich frei." (Joh
8,36)
Aber, so fragen Sie jetzt vielleicht, wie soll ich das verstehen,
daß der Glaube mir Freiheit schenkt? Was soll ich meinem
Arbeitskollegen antworten, wenn er sagt: Du bist ja
dumm, wenn du zur Kirche gehst. Das ist ja wie Gehirnwäsche.
Werde selbständig und befreie dich von dieser Bevormundung!"
Ja, was könnte man darauf antworten? Man könnte
zum Beispiel die Gegenfrage stellen: Gibt es überhaupt
keine Gruppe oder Gemeinschaft, zu der du regelmäßig
hingehst und von der du dir u.a. Orientierung erhoffst?
Ich jedenfalls empfinde die Kirche als eine Gemeinschaft,
die mich stärkt, aber mich nicht bevormundet." Oder
man könnte zum Gegenangriff übergehen und fragen:
Wieviel Geld hast du letztes Jahr für wohltätige
Zwecke gespendet?" Und wenn er verblüfft zurückfragt,
was diese Frage denn zu bedeuten habe, kann man durchaus auf
einer ehrlichen Antwort bestehen. Ich bin sicher, daß
er weniger gespendet hat als der angeblich dumme Kirchgänger.
Und dann kann man fragen, wer denn wohl freier ist: der Geizige
oder der Freigebige?
Man könnte auch so entgegnen: Hast du Angst vor
dem Tod?" Auch hier sollte man nicht so leicht ausweichende
Antworten akzeptieren. Vermutlich hat auch der Christ noch
ein wenig Angst vor dem Tod, aber der Gläubige ist doch
ein gutes Stück von dieser Angst befreit. Glaube befreit!
Oder man könnte fragen: Wie lange siehst du fern?
Kannst du es eine Stunde allein ohne Musik und andere Ablenkungen
in deinem Zimmer aushalten?" Auch hier muß
der normale Christ wahrscheinlich zugeben, daß auch
ihm die stille Einsamkeit zu schaffen macht: Aber sie läßt
sich besser aushalten, wenn man an Gottes Gegenwart glaubt
und mit Gott sprechen kann. Das ist übrigens ein Punkt,
der in unserer Zeit immer mehr Bedeutung gewinnt; ich denke
an die vielen einsamen alten Menschen. Wenn sie keinen Glauben
haben, wer befreit sie dann aus ihrer Hoffnungslosigkeit?
Glaube befreit, aber nur ein Glaube, der eine starke Gemeinschaft
hinter sich hat. Alleine kann keiner glauben. Vielleicht täte
es uns gut, wenn ein paar Missionare aus den Entwicklungsländern
zu uns kämen und uns deutlich machten, wieviel Freiheit
ihnen der Glaube geschenkt hat und wie entsetzlich langweilig
dagegen unsere westliche Kultur ist. So langweilig, daß
die Langeweile mittlerweile der größte Horror der
Jugendlichen geworden ist und sie somit unter dem Druck stehen,
immer etwas Neues und immer noch Abgefahreneres zu erleben,
das ihnen dann (für einen Moment freilich nur) den Kick
gibt. Glaube befreit auch von Langeweile und diesem Druck,
dieser Unter-drückung.
Ich bin sicher, daß es nicht mehr lange dauern wird,
bis die Mehrheit unseres Volkes sich nach solcher Befreiung
wieder sehnen wird. Einstweilen werden wir darauf wohl noch
warten müssen und uns damit begnügen, daß
wir selbst die befreiende Botschaft bewahren und uns gegenseitig
helfen, sie nicht geringzuschätzen oder zu vergessen.
3. Teil: Glaube und Wissen(schaft)
Liebe Gemeinde!
Im dritten Teil meiner Predigtreihe möchte ich, wie angekündigt,
darauf eingehen, wie sich unser Glaube mit dem wissenschaftlichen
Weltbild verträgt.
Unsere moderne Welt wird zunehmend von den Erfolgen der Naturwissenschaften
und ihrer Technik bestimmt. Das Wissen der Menschheit vergrößert
sich von Jahr zu Jahr immer schneller, so daß der Eindruck
entsteht, es sei nur eine Frage der Zeit, bis schließlich
alle Wissenslücken geschlossen sein würden. Gleichzeitig
wächst bei vielen Zeitgenossen der Verdacht, daß
damit auch Glaube und Religion im Rückzug begriffen seien.
Wo man früher göttliche Mächte am Werk sah
z.B. beim Gewitter, bei kosmischen Himmelserscheinungen,
bei der Geburt und beim Wachstum neuen Lebens , da sehen
wir heute ganz nüchtern das Walten der verschiedenen
Naturgesetze, die eben immer besser bekannt werden und zur
Erklärung der besagten Phänomene völlig ausreichen.
So sagte schon der Physiker Laplace auf die Frage Napoleons,
wo denn in seiner kosmologischen Theorie Gott vorkomme: Ich
bedarf der Hypothese Gott nicht."
Nicht wenige Lehrer und Schüler halten den religiösen
Glauben durch den Fortschritt der Wissenschaft für überholt.
Wer nur ein wenig auf seine Bildung zugute hält, der
rühmt sich zugleich, wenn nicht Atheist, dann doch jedenfalls
ein Skeptiker zu sein.
Nur ein Beispiel aus der populärwissenschaftlichen Literatur:
In der Vorrede zu Jacques Monods Buch Zufall und Notwendigkeit"
(München 1975) schreibt der Nobelpreisträger Manfred
Eigen: Die Molekularbiologie hat dem Jahrhunderte aufrecht
erhaltenen Schöpfungsmystizismus ein Ende gesetzt, sie
hat vollendet, was Galilei begann."
Viele Christen werden durch solche scheinwissenschaftlichen
Aussagen in ihrem Glauben stark angefochten, besonders wenn
sie schon in der Schule damit konfrontiert werden. Die Wissenschaft
erscheint da als ein Feind der Religion; Religion und Glaube
werden als Unmündigkeit, letztlich als Dummheit dargestellt.
Wenn ich hier einige Wissenschaftler namentlich nenne, die
sich in Feindschaft zum christlichen Glauben stellen, möchte
ich vorher ausdrücklich betonen, daß sie eine Minderheit
in den eigenen Reihen darstellen; eine wachsende Zahl gerade
unter den Physikern bekennt sich in neuerer Zeit zum Glauben
an einen Schöpfergott oder sogar zum Gott Jesu Christi.
Dennoch ist es angesichts der Popularität des atheistischen
Gedankenguts und um der Klarheit willen nötig, gerade
die extremen Positionen zu erwähnen. Wie soll man also
auf deren Angriffe reagieren?
Zwei Reaktionsweisen halte ich für falsch. Die erste
ist, sich ins Ghetto zurückzuziehen, die Augen und Ohren
vor den Erkenntnissen der Wissenschaft zu verschließen.
Besonders in Amerika ist diese Einstellung weitverbreitet
bei den sog. Fundamentalisten. Die zweite besteht darin, das
moderne Weltbild als Maßstab für unseren Glauben
zu nehmen; dann werden alle Glaubenssätze daran angepaßt,
und wenn das nicht geht, werden sie eben zum alten Eisen geworfen.
Eugen Drewermann ist ein bekannter Vertreter dieser Richtung.
Vor sechs Jahren ist ein Physiker namens Frank Tipler mit
einem ähnlichen Ansinnen aufgetreten. In seinem Buch
Physik der Unsterblichkeit" wollte er alle Glaubensinhalte
als Möglichkeiten der Physik nachweisen. Dafür mußte
er sie aber in zum Teil abenteuerlicher Weise umdeuten. So
versteht Tipler z.B. unter Unsterblichkeit nicht das persönliche
Weiterleben nach dem Tod, sondern die Speicherung persönlicher
Erinnerung in gigantischen Großrechnern.
Mit solchen gutgemeinten Harmonisierungen wird uns ein Bärendienst
erwiesen. Darum müssen wir nach einem dritten Weg suchen.
Hierzu gilt es zunächst einmal, festzustellen, daß
viele Anfragen an den Glauben von vornherein einen falschen
Begriff vom Glauben haben: da wird der Glaube so verstanden,
als sei Gott nur der Lückenbüßer für
uns unbekannte Ursachen. Doch diese Sicht ist unangemessen,
wie ich in meiner ersten Predigt dargestellt habe. Gott offenbart
uns keine naturwissenschaftlichen Daten und Fakten, sondern
sein eigenes Wesen, den Sinn unseres Lebens und den Weg, wie
wir zum Ziel kommen können. Diese Dinge aber sind in
keiner Weise menschlicher Wissenschaft zugänglich und
können folglich auch nicht in Konflikt mit der Wissenschaft
geraten, können aber auch genauso wenig mit ihr harmonisiert
werden. Es handelt sich um transzendente Gegenstände,
die alles menschliche Wissen übersteigen.
Es gibt aber gewisse Grenzbereiche, in denen die göttliche
Offenbarung Aussagen enthält, die naturwissenschaftlich
oder historisch Erforschbares berühren. Hier überschneiden
sich gleichsam Glauben und Wissen, hier haben beide einen
gemeinsamen Gegenstand und darum auch einen möglichen
Konflikt. Hierzu gehören die geschichtlichen Tatsachen,
die heilsbedeutsam sind: besonders die Geburt, das Leben,
den Tod und die Auferstehung Jesu. Würde die Archäologie
z.B. Material finden, das diese geschichtliche Grundlage unseres
Glaubens aus den Angeln hebt, dann wäre unser Glaube
nicht nur in Gefahr, sondern er wäre dadurch zum bloßen
Mythos oder Märchen abgestuft, das man nicht ernst nehmen
muß. Aber solches Material wurde nie gefunden, sondern
ganz im Gegenteil wurden ausschließlich Dokumente entdeckt,
die die geschichtlichen Aussagen des Neuen Testamentes sehr
gut bestätigen. Wenn dennoch in der Bestseller-Literatur
immer wieder auch Gegenteiliges behauptet wird, wie z.B. in
dem Buch Verschlußsache Jesu" von 1991, dann
basieren solche Behauptungen auf völlig haltlosen Spekulationen,
die allesamt von der seriösen Wissenschaft widerlegt
worden sind.
Besonderes Interesse findet immer wieder auch der Berührungspunkt
von Glaube und Wissenschaft im Hinblick auf die Schöpfung.
Das Zitat von Manfred Eigen zu Beginn zeigt das Problem: Die
Molekularbiologie hat dem Jahrhunderte aufrecht erhaltenen
Schöpfungsmystizismus ein Ende gesetzt, sie hat vollendet,
was Galilei begann." Was hat Galilei begonnen?
Er hat das Programm verkündet, zu messen, was meßbar
ist, und meßbar zu machen, was zunächst nicht meßbar
ist." So weit, so gut. So hat er zum Beispiel ein Fernrohr
gebaut und damit allerlei Entdeckungen am Himmel gemacht,
insbesondere eine Bestätigung der schon von Kopernikus
vertretenen These, daß sich die Erde um die eigene Achse
dreht und nicht die Sonne um die Erde. Er widersprach damit
der herrschenden theologischen Meinung, daß die Erde
der Mittelpunkt der Welt sei und daß dies auch im exakt
naturwissenschaftlichen Sinne verstanden werden müsse.
Die Theologen meinten, die Bibel mache exakte Aussagen über
astronomisch-physikalische Sachverhalte, und irrten mit dieser
Auffassung. Die Verurteilung Galileis im Jahre 1633 war aus
dieser Sicht ein Fehler.
Von einer anderen Warte betrachtet, befand sich aber auch
Galilei im Irrtum. Sein Programm, auch das nicht Meßbare
meßbar zu machen, lief darauf hinaus, die Natur insgesamt
der Wissenschaft und der Technik zu unterwerfen und den Glauben
an den Schöpfer wenn nicht überflüssig, so
doch bedeutungslos zu machen. Heute merken viele wache Zeitgenossen,
daß Galileis Programm inzwischen derart konsequent betrieben
wurde, daß die Ehrfurcht vor der Schöpfung in der
Gefahr steht, ganz auszusterben. Wenn die Molekularbiologen
und Gentechniker im Namen der Vernunft die Herrschaft über
Leben und Tod an sich gerissen haben, welche katastrophalen
Folgen haben wir dann zu erwarten? Schon jetzt müssen
wir sehen, daß die Mehrzahl der Menschen mehr über
den Fortschritt der toten Technik ins Staunen gerät als
über das Geschenk des Lebens. So staunen wir darüber,
daß es Wissenschaftlern gelungen ist, das menschliche
Genom zu analysieren, anstatt angesichts der Kenntnis dieser
ungemein komplizierten Struktur über deren Schöpfer
zu staunen. Das ist der Galileische Irrtum! Gegen diesen Irrtum
müssen die Theologen gerade heute den Glauben an den
Schöpfer verteidigen, welcher die Ehrfurcht vor dem Geheimnis
des Lebens einschließt, besonders des Menschen selbst;
dieses Geheimnis ist nicht meßbar und kann niemals meßbar
gemacht werden. Oder würden Sie zustimmen, wenn man Ihnen
sagte, die von Ihnen empfundene Liebe zu Ihrem Partner oder
zu Ihren Kindern sei nichts anderes als eine meßbare
Menge von Hormonen in Ihrem Gehirn?
Sicher müßte ich den Sachverhalt viel ausführlicher
besprechen, aber dafür bietet eine Predigt nicht die
Gelegenheit. Einen Ausspruch des großen Physikers Werner
Heisenberg möchte ich Ihnen aber nicht vorenthalten.
Er hat gesagt: Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft
macht atheistisch; aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott."
Und John Henry Newman erinnert uns: Man kann sich der
Wahrheit nicht nähern ohne Huldigung".
4. Teil: Die Allmacht Gottes
Liebe Gemeinde!
Im Glaubensbekenntnis beginnen wir mit dem Satz: Ich
glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen."
Dem alten Israel wurde Gott in mehreren Schritten offenbart.
In einem frühen Text heißt es: Höre,
Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig. Darum sollst
du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer
Seele und mit ganzer Kraft." (Dtn 6,4-5) Hier wird Gott
mit dem geheimnisvollen Namen JHWH benannt. Wir kennen die
Stelle, in der Moses dem Herrn im brennenden Dornbusch begegnet
und zu hören bekommt: Ich bin der Gott deines Vaters,
der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs."
(Ex 3,6) Doch Mose möchte einen Namen erfahren: Gut,
ich werde also zu den Israeliten kommen und ihnen sagen: Der
Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt. Da werden
sie mich fragen: Wie heißt er? Was soll ich ihnen darauf
sagen? Da antwortete Gott dem Mose: Ich bin der Ich-bin-da".
Und er fuhr fort: So sollst du zu den Israeliten sagen: Der
Ich-bin-da" hat mich zu euch gesandt. ... Das ist
mein Name für immer, und so wird man mich nennen in allen
Generationen." JHWH als Name Gottes bedeutet: Ich
bin der ich-bin." Dieser Name benennt das Geheimnis Gottes,
seine Verborgenheit und zugleich seine Nähe und seine
Treue zu den Menschen.
Wenn ein Mensch Gott begegnet, erfährt er seine Kleinheit.
Moses zieht seine Sandalen aus und verhüllt sein Gesicht.
Der Prophet Jesaja ruft aus: Weh mir, ich bin verloren,
denn ich bin ein Mann mit unreinen Lippen!" (Jes 6,5)
Doch ist diese faszinierende und erschreckende Heiligkeit
Gottes immer verbunden mit einer unendlichen Güte, die
den Menschen umfängt und aufrichtet. Im 1. Johannesbrief
heißt es deshalb: Wir werden unser Herz in seiner
Gegenwart beruhigen. Denn wenn das Herz uns auch verurteilt
Gott ist größer als unser Herz, und er weiß
alles." (1 Joh 3,19f)
Die Erfahrung des gütigen und vergebenden Gottes hat
es möglich gemacht, Gott als Vater anzusprechen. Das
Alte Testament kennt diese Anrede, z.B. im Psalm: Ein
Vater der Waisen, ein Anwalt der Witwen ist Gott in seiner
heiligen Wohnung." (Ps 68,6) Aber erst im Neuen Testament
wird die Rede von Gott, dem Vater, geradezu zur kennzeichnenden
christlichen Anrede Gottes. Denn Jesus hat Gott seinen Vater
genannt, ja in liebevoll zärtlicher Weise seinen Abba.
Und er hat uns gelehrt, Gott auch als unseren Vater anzurufen:
So sollt ihr beten: Unser Vater im Himmel, dein Name
werde geheiligt, ..." (Mt 6,9) Diese Anrede ist eine
so großartige und gewagte Angelegenheit, daß die
Kirche das Vater-Unser-Gebet in der Liturgie einleitet mit
den Worten: Dem Wort unseres Herrn und Erlösers
gehorsam und getreu seiner göttlichen Weisung wagen wir
zu sprechen: ..."
Allerdings sollten wir uns beim Beten bewußt halten,
daß wir den Vater nicht unmittelbar kennen, denn niemand
kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren
will". (Mt 11,25) Und wir sollten vorsichtig sein, unsere
Vatervorstellungen, die wir aus unserer Kultur gewonnen haben,
einfach auf Gott zu übertragen. Gott steht über
den Begriffen dieser Welt, er ist nicht Mann und nicht Frau,
und sein Verhältnis zu uns ist nur aus den biblischen
Vergleichen zu bestimmen, nicht aus den Erfahrungen, die wir
mit unseren irdischen Eltern machen. Darum führt auch
der Streit, ob wir Gott genauso gut Mutter wie Vater nennen
sollten, in die Irre des Götzentums, denn dieser Streit
tut so, als ob wir den geschlechtlichen Gegensatz in Gott
hineintragen könnten, und dann messen wir Gott mit menschlichem
Maß, anstatt seine überirdische und unbegreifbare
Realität anzuerkennen.
Worauf es vielmehr ankommt, ist im Glauben anzuerkennen,
daß Gott uns in seine persönliche Beziehung zu
Jesus Christus mit hineingenommen hat, daß wir also
in einer Gemeinschaft mit ihm stehen dürfen, die unaussprechlich
und unvorstellbar ist. Wenn wir dies beachten, dann wird das
Gebet zum Vater zum besten Ausdrucks unseres Gottesverhältnisses,
so wie ein großer Theologe einmal gesagt hat:
Das Vaterunser ist ein Aufblick zu Gott allein, ein
großes Feuer der Liebe. Die Seele schmilzt dahin, versinkt
in die heilige Liebe und unterhält sich mit Gott wie
mit dem eigenen Vater, sehr vertraut, in ganz besonderer,
zärtlicher Kindesliebe." (Johannes Cassian)
Im Glaubensbekenntnis wird Gott der Vater als der Allmächtige
näher bestimmt. Das erscheint seltsam, denn es könnten
da genauso gut andere Attribute stehen, z.B. der Gerechte,
der Heilige oder der Unendliche. Gottes Allmacht bedeutet,
daß für IHN nichts unmöglich ist, daß
er alles vollbringt, was ihm gefällt, daß es nichts
gibt, was ihm widerstehen könnte. Doch besagt die Allmacht
nicht, daß Gott nach blinder Willkür handelt, denn
Gott ist allmächtig und zugleich allgütig. Wenn
wir Gott allmächtig nennen, haben wir die Gewißheit,
daß nichts uns scheiden kann von der Liebe Christi.
Weder Bedrängnis oder Not noch Verfolgung, Hunger oder
Kälte, Gefahr oder Schwert." (Röm 8,35) Doch
die Erfahrung von Leid und Bedrängnis kann auch zur Probe
des Glaubens werden. Wir fragen uns, warum Gott, wenn er denn
allmächtig ist, nicht eingreift, wenn Schlimmes geschieht,
wenn Menschen ihre Macht mißbrauchen und das Leben anderer
brutal auslöschen.
Manchmal kann es so aussehen, als wäre Gott ohnmächtig
oder als interessiere er sich gar nicht für die von ihm
geschaffene Welt der Menschen. Diese Frage treibt die Menschen
um und wird immer wieder zur existentiellen Anfechtung. Kein
Mensch kann hierauf eine umfassende Antwort geben denn
wir haben nicht die Übersicht über den Zusammenhang
aller Dinge, aber einige Hinweise kann ich vielleicht doch
geben. Wir müssen uns bewußt halten, daß
die Allmacht von Gott ausgesagt wird, insofern er Vater ist,
d.h. uns in Liebe zugewandt. Liebe aber gibt es nur in Freiheit.
Letztlich geht es Gott darum, daß wir uns ihm in Freiheit
zuwenden. Und wenn ich sage Wir", dann müßte
ich sofort hinzufügen: wir Menschen, insofern wir Sünder
sind, d.h. insofern wir erst noch bekehrt werden müssen
zu Gott. Bekehrung aber geht nicht mit Gewalt. Gott kann uns
nicht retten, indem er uns mit Gewalt vom Bösen abhält,
sondern nur, indem er aus uns die Gegenliebe hervorlockt.
Würde Gott das böse Tun der Menschen einfach durch
den Einsatz seiner Allmacht verhindern, dann hätte er
sie noch nicht bekehrt, sondern nur handlungsunfähig
gemacht.
Gott aber handelt anders. Er läßt das Böse
in seinem Sohn an sich selbst geschehen. Er läßt
die Bösen sich an ihm quasi austoben und vergibt ihnen
sterbend mit den Worten: Vater, vergib ihnen, denn sie
wissen nicht, was sie tun." (Lk 23,34) Und die Frucht
dieser sich bis zur Ohnmacht erniedrigenden Liebe ist z.B.
das Wort des Hauptmanns am Kreuz: Wahrhaftig, dieser
Mensch war Gottes Sohn!" (Mk 15,39)
Darum heißt es bei Paulus: Denn das Törichte
an Gott ist weiser als die Menschen, und das Schwache an Gott
ist stärker als die Menschen." (1 Kor 1,25)
Gottes Allmacht geht geheimnisvolle Wege, die wir einzig im
Glauben annehmen können. Maria, die Mutter Jesu, gibt
hier das leuchtendste Beispiel, denn unter dem Kreuz hielt
sie ihr JA zu Gottes Willen durch und wurde so zur Mutter
der Glaubenden".
5. Teil: Die Schöpfung
Liebe Gemeinde!
Wenn ich in den Nachthimmel schaue, bin ich jedesmal überwältigt
von der Schönheit des Kosmos, des Weltalls. Ich weiß,
daß die Sterne, die da funkeln, Lichtjahre weit entfernte
riesige Sonnen sind, nur ein minimaler Teil aller Sterne,
die es überhaupt gibt, nämlich 100 Milliarden mal
100 Milliarden. Dazwischen ein unermeßlicher leerer
Raum, Abbild der Unendlichkeit Gottes.
Die moderne Astronomie und Kosmologie hat uns gezeigt, daß
alle bisherigen Ahnungen von der Größe des Weltalls
weit zurückgeblieben sind hinter der Wirklichkeit. Es
ist viel, viel größer, als wir uns vorstellen können.
Selbst wenn der Mensch Raketen bauen könnte, die sich
fast so schnell wie das Licht fortbewegen, bliebe es unmöglich,
jemals zu allen Sternen, die es gibt, vorzudringen. Nur in
Gedanken ist es uns möglich.
Und da fragen sogar die Kinder schon: Wenn ich immer weiter
und weiter fliegen könnte, käme ich dann an den
Rand des Weltalls? Und was liegt hinter dem Rand? Das ist
eine Frage nach der räumlichen Ausdehnung des Weltalls.
Genauso könnte ich nach der zeitlichen Ausdehnung fragen:
Wie weit reicht die Zeit unserer Welt zurück? Hat sie
einen Anfang? Gab es einen Urknall, in dem alles entstand?
Endgültig wissen wir über diese Fragen nichts.
Aber es gibt gute Gründe für Annahme, daß
unser Weltall sich seit etwa 20 Milliarden Jahren in einer
ständigen Expansion befindet. Und man muß nur in
Gedanken die Zeit zurückgehen, um an einen Moment zu
gelangen, an dem alles anfing. Die Physiker nennen dies den
Urknall oder technischer: die Singularität. Was vor diesem
Anfang war, läßt sich nicht sagen. Mit der Entstehung
der Materie sind zugleich die Zeit und der Raum entstanden.
Jenseits unserer räumlich-zeitlichen Welt gibt es kein
Vorher und Nachher, kein räumliches Neben oder Dahinter.
Unser Weltall ist zwar nur endlich groß, aber es hat
keine räumliche Grenze. Es hat eine endliche Dauer, aber
kein zeitliches Davor.
Der Theologe kann freilich noch ein wenig mehr sagen: Jenseits
dieser Welt gibt es die Welt Gottes, des Schöpfers. Gott
existiert nicht in Raum und Zeit, er existiert in der Ewigkeit.
Raum und Zeit sind von Gott geschaffen, er ist nicht daran
gebunden. Er steht darüber. Er braucht nicht abzuwarten,
was geschieht, denn die ganze Zeit und der ganze Raum sind
ihm ewig gegenwärtig, unsere fernste Vergangenheit wie
auch unsere Zukunft. Ich meine, die unermeßliche Größe
Gottes leuchtet uns gerade in unserer Zeit auf, wo die Wissenschaft
begonnen hat, die Größe der von Gott geschaffenen
Welt zu erfassen. Und doch ist diese endlich, während
Gott unendlich ist. Aber was Unendlichkeit besagt, kann kein
Mensch positiv begreifen; nur im Modus der Verneinung können
wir uns der Wirklichkeitsfülle Gottes nähern. Gott
hat keinen Anfang, kein Ende, keine Dauer, keine Ausdehnung,
kein Maß, in ihm ist keine Veränderung, keine Begrenzung
seiner Macht, keine Differenz von Teilen, absolute Einfachheit
und Vollkommenheit!
Und doch hat dieser in sich unendlich vollkommene Gott eine
Welt geschaffen, eine riesige Welt sogar (verglichen mit der
Größe unserer Erde). Er ist der Schöpfer des
Himmels und der Erde. Warum hat Gott das gemacht? Es gibt
nur eine Antwort: Weil ER es so wollte, weil es IHM gefiel,
weil er seine Vollkommenheit verströmen wollte
oder: aus reiner Liebe. Gott braucht die Welt nicht, ER ist
sich selbst genug. Nichts Endliches kann den Unendlichen ergänzen.
Und doch sagt Gott: Meine Freude war es, bei den Menschen
zu sein." (Spr 8,31)
Letztlich hat Gott die ganze Welt um des Menschen willen
erschaffen. Das mögen wir erstaunlich finden oder sogar
anstößig, aber wir können es nicht anders
sagen. Auf uns Menschen kam es Gott an, um unseretwillen wurde
ER sogar selber Mensch (aber das soll später betrachtet
werden).
Zunächst sieht freilich alles danach aus, als wäre
der Mensch nur eine zufällige Begleiterscheinung der
gigantischen Evolutionsgeschichte, ein Zigeuner am Rande
des Universums, das für seine Musik taub ist und gleichgültig
gegen seine Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen" (J. Monod).
Doch gibt es in der Physik seit einiger Zeit einen merkwürdigen
Zweig, der dieses Bild korrigiert. Dieser Zweig untersucht
gewisse Anzeichen, die darauf hindeuten, daß Vieles,
ja fast alles in der unbelebten Natur auf das menschliche
Leben hingeordnet ist. Man nennt diese Sichtweise das anthropische
Prinzip. Um dies zu verstehen, muß man wissen, daß
es eine ganze Reihe von Naturkonstanten gibt, deren Größe
prinzipiell jeden Wert annehmen könnte, aber genau einen
bestimmten Wert hat. Und das Seltsame ist, daß diese
Naturkonstanten allesamt solche Werte besitzen, daß
menschliches Leben gerade möglich ist. Wären die
Werte nur ein klein wenig anders, dann hätte es nie zur
Entstehung des Lebens kommen können.
Viele Physiker sehen darin einen starken Hinweis auf die
verborgene Absicht des Schöpfers. Denn ER hat die Gesetze
gemacht und die Konstanten festgelegt. ER wollte eine Welt,
in der menschliches Leben entstehen kann, er hat die Welt
auf den Menschen hin erschaffen. Und er wollte, daß
die Menschen in seiner Schöpfung immer wieder seine Handschrift
entdecken können. Unaufdringlich, aber doch eindeutig.
Damit der Mensch einstimmt in Gottes Zustimmung zur Welt:
Und er sah, daß es gut war."
6. Teil: Christus König
und Herr
Liebe Gemeinde!
... Ich glaube an Jesus Christus, seinen eingeborenen
Sohn, unsern Herrn..."
Bei diesem kleinen Wort Herr" möchte ich
heute stehenbleiben und es nach verschiedenen Seiten aufschließen.
Es entspricht dem Titel König", den wir Jesus
geben und welcher Gegenstand des heutigen Hochfests ist: Christkönig".
Zunächst einmal eine Vorbemerkung zum biblischen Wortgebrauch.
In der griechischen Übersetzung des Alten Testaments
wird der Name Jahwe, den kein Jude aussprechen durfte, mit
KYRIOS, der Herr, wiedergegeben. Somit wird Herr"
zur häufigsten Bezeichnung Gottes, fast 3500 mal findet
sich dieses Wort im AT. Im Neuen Testament wird diese Bezeichnung
für Gott aufgenommen, so daß auch hier mit Herr"
oft Gott, der Vater, gemeint ist. Zugleich aber wird Jesus
mit Herr" angeredet, und zwar, je nach dem Kontext,
einerseits im gewöhnlichen Sinne des höflichen Respekts
(so wie man im Englischen Sir" sagt) und andererseits
im Sinne einer Hoheitstitels, ähnlich wie man im Englischen
einen König mit Lord" anspricht. Diese Hoheitsanrede
leitet sich letztlich von der Auferstehung Jesu her. So heißt
es in dem wunderbaren Christushymnus im Philipperbrief:
Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm
den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen,
damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre
Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: Jesus
Christus ist der Herr" - zur Ehre Gottes, des Vaters."
Ähnlich sagt Petrus zu den geistlichen Führern
der Juden: Er (Jesus) ist der Stein, der von euch Bauleuten
verworfen wurde, der aber zum Eckstein geworden ist. Und in
keinem anderen ist das Heil zu finden. Denn es ist uns Menschen
kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir
gerettet werden sollen." (Apg 4,11f) Und nochmals im
selben Sinne stellt Paulus fest:
Und selbst wenn es im Himmel oder auf der Erde sogenannte
Götter gibt - und solche Götter und Herren gibt
es viele -, so haben doch wir nur einen Gott, den Vater. Von
ihm stammt alles, und wir leben auf ihn hin. Und einer ist
der Herr: Jesus Christus. Durch ihn ist alles, und wir sind
durch ihn." (1 Kor 8,5f)
Jesus als Herrn bekennen heißt an seine Gottheit glauben:
Keiner kann sagen: Jesus ist der Herr!, wenn er nicht
aus dem Heiligen Geist redet." (1 Kor 12,3)
Mit dem Königstitel ist es etwas komplizierter. Das
hängt damit zusammen, daß menschliches Königtum
seit Menschengedenken mit Machtmißbrauch verbunden gewesen
ist, auch zu Jesu Zeiten. Darum gibt es ausgesprochen königskritische
Passagen im Neuen Testament, z.B. Jesu Zeugnis für Johannes
den Täufer: Was habt ihr sehen wollen, als ihr
hinausgegangen seid? Einen Mann in feiner Kleidung? Leute,
die fein gekleidet sind, findet man in den Palästen der
Könige." (Mt 11,8)
Besonders wichtig ist seine Lehre über das Dienen: Die
Könige herrschen über ihre Völker, und die
Mächtigen lassen sich Wohltäter nennen. Bei euch
aber soll es nicht so sein, sondern der Größte
unter euch soll werden wie der Kleinste, und der Führende
soll werden wie der Dienende." (Lk 22,25f)
Und doch hat Jesus vor Pilatus den Königstitel in Anspruch
genommen. Aber erst sozusagen am Schlußpunkt seiner
Selbstoffenbarung. Wenn wir das Johannesevangelium genauer
anschauen, sehen wir, daß Jesus sich den Königstitel
nicht gern anhängen ließ. Nach der Brotvermehrung
sagen die gesättigten Menschen: Das ist wirklich
der Prophet, der in die Welt kommen soll. Da erkannte Jesus,
daß sie kommen würden, um ihn in ihre Gewalt zu
bringen und zum König zu machen. Daher zog er sich wieder
auf den Berg zurück, er allein." (Joh 6,15) Und
auch das überschwengliche Bekenntnis des Natanaël
läßt Jesus nicht ohne weiteres stehen: Rabbi,
du bist der Sohn Gottes, du bist der König von Israel!
Jesus antwortete ihm: Du glaubst, weil ich dir sagte, daß
ich dich unter dem Feigenbaum sah? Du wirst noch Größeres
sehen." (Joh 1,49f)
Der Grund für diese Zurückhaltung besteht schlicht
darin, daß Jesus nicht in die überlieferten Königserwartungen
hineinpaßt, weil er sie alle übertrifft. Viele
Juden hatten sich damals vorgestellt, daß Jesus mit
seiner Wundermacht das ungerechte Joch der Römerherrschaft
abschüttelte und das alte davidische Königtum wieder
einführte. Aber das war voreilig und zu sehr in den Bahnen
menschlicher Macht gedacht. Deshalb lehnte Jesus den Königstitel
solange ab, bis er selber vor dem Richter stand - äußerlich
machtlos und zu Boden getreten. Aber dann sagte er es mit
Bestimmtheit: Ja, ich bin ein König." Aber
eben ein König ganz anderer Art, nicht nach menschlicher
Vorstellung. Der Allmächtige Gott selbst, der Seine Macht
in der Ohnmacht der leidenden Liebe versteckt, der göttliche
König, der dadurch herrscht, daß er bis zum Äußersten
geht mit seiner dienenden Liebe.
Aber was hilft uns so ein König? könnten wir fragen.
Und so fragten sie auch, die Juden, die damals Jesus ursprünglich
nachgefolgt waren und jetzt, von ihm enttäuscht, in den
Ruf einstimmten: Ans Kreuz mit ihm! So einen König
wollen wir nicht. Dann lassen wir uns lieber von dem Kaiser
beherrschen und ausnutzen." -
Liebe Mitchristen! Wir stehen damit vor dem Geheimnis des
Kreuzes, das wir niemals restlos verstehen können. Jesus
ist nicht anders König, unser König, als durch das
Kreuz hindurch. Alle unsere Vorstellungen von Königtum
und Macht sind im wahrsten Sinne des Wortes durchkreuzt. Wir
sträuben uns dagegen - verständlich -, aber wenn
wir die Botschaft vom Kreuz nicht annehmen, dann bleibt uns
nur übrig, auf die Seite derjenigen überzuwechseln,
die Jesus gekreuzigt haben - mit der Konsequenz, daß
wir dann den Kaiser wählen statt Jesus, d.h. die weltliche
Form von Macht und Machtausübung mit allen ihren Schattenseiten.
Und dann gibt es keine Erlösung, sondern es bleibt alles
beim Alten.
Wählen wir aber Jesus als unseren König, dann verzichten
wir zwar darauf, in diesem Leben im Spiel der Mächtigen
mitzureden, aber dann und nur dann haben wir die Hoffnung,
endgültig aus dem Teufelskreis der menschlichen Bosheit
auszusteigen und einzusteigen in eine neue erlöste Welt,
in der Christus allein herrscht. Mein Reich ist nicht
von dieser Welt", sagt Christus. Das heißt auch,
daß wir nicht in dieser Welt erwarten können, die
Herrlichkeit Christi zu sehen, sondern erst in der zukünftigen.
Aber dort werden wir sie sehen, und dort wird auch alles Unrecht
vergolten, jede Träne getrocknet und alle Trauer in Freude
verwandelt werden. Durch Christus, unseren König.
Das All durchtönt ein mächtiger Ruf: Christ
A und O der Welten!' Das Wort, das sie zu Anfang schuf, wird
bis ans Ende gelten", haben wir im Eingangslied gesungen.
Vor allem im Jahr 2000 dürfen wir spüren, daß
unserem Leben in Christus und durch Christus und mit Christus
eine unerschütterliche Hoffnung geschenkt ist, die uns
in allem Unglück begleitet.
Wir feiern Christkönig, weil Jesus Christus diese Welt
durch sein Leben, durch seinen Tod und seine Auferstehung
erlöst hat. Wir brauchen unsere Welt nicht zu erlösen,
dies hat Christus bereits getan!
7. Teil: Empfangen durch
den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria
Liebe Gemeinde!
In der Reihe über das Glaubensbekenntnis bedenken wir
heute den adventlichen Artikel: Empfangen durch den
Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria!"
Unsere Schwierigkeiten damit sind nicht größer
als die Marias selber. In einem Punkt aber haben wir es doch
schwerer: denn die heutige Zeit hat kaum noch ein Verständnis
für die frei gewählte Jungfräulichkeit um des
Himmelreiches willen.
Da treten sogar Theologen im Fernsehen auf, allen voran Uta
Rancke-Heinemann und Eugen Drewermann, die den Glauben an
die Jungfräulichkeit Marias lächerlich machen. Sie
behaupten, man müsse den Glaubensartikel symbolisch verstehen:
Die Jungfräulichkeit Marias meine ihre Reinheit des Geistes,
also ihre uneingeschränkte Offenheit für Gott. Das
meint sie in der Tat, genauer gesagt: der jungfräuliche
Leib Marias ist ein Ausdruck, ein Realsymbol für ihre
geistige Haltung vor Gott. Ein symbolisches Verständnis
ist angemessen, aber es muß auch etwas da sein, das
als Symbol dient. Ein Symbol ist immer etwas Sichtbares, das
in sich verweist auf etwas Unsichtbares. Eine Denkerstirn
ist ein Zeichen für einen tiefsinnigen Geist. Aber ich
kann doch von einem Menschen nur sagen, er habe eine Denkerstirn,
wenn ich eine solche auch sehen kann. Wenn das sichtbare Zeichen
fehlt, kann der Mensch sehr wohl tiefsinnig sein, aber eine
Denkerstirn hat er dann nicht.
So ist es auch mit der Jungfräulichkeit. Verheiratete
Menschen mit Kindern können sehr wohl für Gott offen
und tiefgläubig sein. Aber von ihnen zu sagen, sie seien
deshalb Jungfrauen, tut unserer Sprache und dem, was wir mit
Symbolik meinen, Gewalt an. Wenn die Jungfräulichkeit
Marias symbolisch zu verstehen ist, dann kann das nur heißen,
daß sie wahrhaft Jungfrau war und daß dieses leibliche
Merkmal ein Ausdruck ihrer geistigen Hingabe an Gott ist.
So ist es ja mit jedem Christen, der den evangelischen Rat
der Jungfräulichkeit befolgt. Indem eine Ordensfrau,
ein Ordensmann oder ein Priester um des Himmelreiches willen
auf die Ehe verzichtet, setzt er oder sie ein Zeichen für
den je größeren Gott, um dessentwillen es sich
lohnt, auf die geschlechtliche und familiäre Einheit
zu verzichten. Und es wäre der größte Unsinn,
Maria als Königin der Jungfrauen" anzurufen,
wenn sie nicht selbst Jungfrau gewesen wäre.
Natürlich ist die Jungfräulichkeit Marias nicht
der eigentliche Stein des Anstoßes, sondern daß
sie zugleich Mutter gewesen ist. Wie soll das möglich
sein? Nun, so fragt Maria selbst, denn es ist natürlich
biologisch unmöglich; aber Maria bekommt zur Antwort:
Für Gott ist nichts unmöglich." Das heißt:
Gott kann ausnahmsweise etwas geschehen lassen, was sonst
nie geschieht.
Die Frage ist nun die: Warum sollte Gott das tun, warum sollte
er Dinge bewirken, die den normalen Naturgesetzen widerstreiten?
Doch die Antwort ist nicht so fernliegend, wenn wir bedenken,
welch unerhörtes und ungeheuerliches Ereignis den Kern
unseres Glaubens ausmacht: daß Gott Mensch geworden
ist.
Gott tritt wahrhaft in unsere Welt, in unsere Geschichte
ein ist das nicht noch viel erstaunlicher als die Erschaffung
der Welt aus dem Nichts? Wie sollte die Natur aus sich selbst
das zuwege bringen? Nur Gott selbst konnte dieses Wunder aller
Wunder vollbringen und das ist der Grund, warum Jesus,
der Sohn Gottes, nicht auf natürliche Weise gezeugt wurde,
so wie er auch nicht der natürlichen Verwesung unterworfen
war, sondern von den Toten auferstehen konnte. Die jungfräuliche
Empfängnis und Mutterschaft Mariens ist nicht eine mythologische
Legende, wie Eugen Drewermann ohne überzeugende Begründung
meint, sondern das einzigartige Symbol für die staunenswerte
Tatsache, daß der Mensch Jesus zugleich der ewige Sohn
Gottes ist.
Wäre Josef der leibliche Vater Jesu gewesen, dann hieße
er mit demselben Recht Vater Gottes, wie Maria Mutter Gottes
genannt wird. Da dies absurd ist, bliebe nur die andere Möglichkeit,
überhaupt zu bestreiten, daß Jesus Gott ist, daß
also weder Josef Vater noch Maria Mutter Gottes ist, und Jesus
wäre ein bloßer Mensch wie du und ich.
Wir können nicht einfach nach unserem Geschmack oder
nach unserer begrenzten Einsicht Teile des Glaubensbekenntnis
beliebig umdeuten. Alles hängt mit allem zusammen. Wenn
wir bestreiten, daß Maria die jungfräuliche Mutter
Jesu ist, dann haben wir zugleich den Glauben an die Menschwerdung
Gottes in Frage gestellt, und wo bleibt dann die Hoffnung,
von Sünde und Tod erlöst zu werden?