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Predigtreihe über das Glaubensbekenntnis

gehalten vom 15. Oktober 2000 – 2. März 2002 in St. Bartholomäus

auch als pdf-Datei erhältlich

1. Teil: Einführung

Liebe Gemeinde!

Ich habe lange darüber nachgedacht, ob es nicht vielleicht sinnvoll sein könnte, unser Glaubensbekenntnis einmal näher in den Blick zu nehmen. Ich meine, ja, und darum möchte ich hiermit eine Predigtreihe hierüber ankündigen. Sie wird schon einige Wochen beanspruchen, aber Sie können mir ja jederzeit mitteilen, ob ich Ihnen damit auch etwas sage, was Sie interessiert und was Ihnen hilft.

Zunächst der Hintergrund dieser Idee. Ich beobachte schon seit langem, wie schwer es vielen Christen in der heutigen Zeit fällt, am überlieferten Glauben festzuhalten. Da gibt es gleich mehrere Anfechtungen und Schwierigkeiten. Ich zähle zunächst einmal die wichtigsten auf:

Da ist das Problem, wie der Glaube der Kirche sich in unser Weltbild einfügt. Ist er vielleicht überholt oder gar von den Wissenschaften widerlegt?
Dann gibt es eine Spannung zwischen dem Glauben als persönlicher Bindung an Gott und dem Glauben, so wie er von der Kirche vorgelegt wird. Viele sehen den kirchlichen Glauben als Problem und ziehen sich gern auf einen subjektiven Glauben zurück.

Des weiteren werden viele, besonders ältere Menschen verunsichert durch die Veränderungen, die unsere Kirche in den letzten 35 Jahren erfahren hat. Wenn so Vieles anders ist, gelten dann überhaupt noch die Katechismuswahrheiten, die man früher auswendig gelernt hat? Kann und muß nicht alles neu ausgelegt werden?
Damit hängt ein weiteres zusammen: In jeder Gemeinde leben Menschen nahe zusammen, die durchaus gegensätzliche Meinungen haben. Es gibt kaum einen Konsens, auch nicht in religiösen Fragen. Das war aber vor einer Generation keineswegs der Fall. Da war gerade der gemeinsame Glaube das Verbindende. Jeder konnte sich getragen fühlen vom Glauben der anderen. Wenn nun diese Sicherheit weggefallen ist, bedeutet das aber, daß der einzelne sich ständig angefochten fühlt vom Unglauben der Anderen oder von ihren Zweifeln und kritischen Fragen.

Über all diese Schwierigkeiten wird kaum geredet. Sie stehen nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit, aber sie sind der beständige Untergrund für so manches Unbehagen und die Krise unserer Kirche. Die Kirche, d.h. die Bischöfe und mehr noch die Priester zusammen mit den ehrenamtlichen Mitarbeitern haben auf dieses Unbehagen bisher weitgehend reagiert, indem sie einzelne Aktivitäten der Kirche besonders in den Vordergrund gestellt haben und darauf vertrauten, daß sich so die Glaubenspraxis indirekt bewährt: Wenn so viel Gutes im Namen Gottes und seiner Kirche geschieht, dann muß da ja etwas dran sein!!

Der Gedanke ist sicher richtig, aber er genügt nicht, jedenfalls nicht mehr. Die Erfahrung hat gezeigt, daß trotz der vielen Bemühungen der Glaube immer diffuser wurde und mittlerweile in der jungen Generation fast verdunstet ist. Ich meine, das liegt daran, daß man das eigentliche Problem nicht ehrlich erkannt oder benannt hat: die oben gestellten Fragen werden nur ganz selten und meistens ausweichend angesprochen. Es wird ein Optimismus verbreitet, dem eine realistische Wahrnehmung fremd ist.
Darum möchte ich heute und an den kommenden Sonntagen explizit die Fragen aufgreifen. Freilich spreche ich damit erst einmal den Verstand an; ich weiß, daß der Mensch mehr ist als sein Verstand, aber nur ein Glaube, der vor der Vernunft verantwortet ist, kann auf Dauer Bestand haben.

Die Frage, wie sich unser Glaube mit dem wissenschaftlichen Weltbild verträgt, werde ich am übernächsten Sonntag erörtern. Heute möchte ich das kleine Sätzchen „Ich glaube an Gott" analysieren und fragen, was wir eigentlich tun, wenn wir so etwas aussprechen.

Wie es scheint, gibt es in der Bundesrepublik immer noch eine Mehrheit, die das sagt: „Ich glaube an Gott." Für viele besagt dies aber nicht eben viel; sie haben eine diffuse Vorstellung, daß es jenseits der sichtbaren Welt noch etwas Anderes geben muß, eine Macht, die darüber steht. Wenn sie sagen „Ich glaube...", dann sagen sie nicht mehr als: „Ich nehme an, ich könnte mir vorstellen...." Für ihr Leben hat das weiter keine Bedeutung. Sie werden auch nicht beunruhigt durch Menschen, die sagen: Ich nehme das nicht an, ich glaube nicht oder ich glaube nur, was ich sehe. In ähnlicher Weise können zwei Mediziner verschiedener Meinung darüber sein, ob ein bestimmtes Krankheitssymptom durch einen unbekannten Erreger ausgelöst wird oder durch eine interne Ursache. Wenn der eine sagt: „Ich glaube an einen externen Erreger", dann nimmt er an, daß man diesen vielleicht nachweisen wird; aber wenn man es nicht kann, dann ist es für ihn auch okay.

Offensichtlich ist dieses Modell für den Glauben absolut unpassend. Ich glaube nicht so an Gott wie ein Mediziner einen noch unbekannten Erreger vermutet. Im Gegenteil: Mein Glaube setzt eine gewisse Bekanntschaft mit Gott voraus. Er ist eine Antwort auf eine Offenbarung, die Gott uns gemacht hat. „Ich glaube an Gott" ist keine sachhafte Aussage, sondern ein persönlicher Akt, der auf eine Person, nämlich Gott gerichtet ist. Ich meine damit: „Ich glaube dir, Gott, und ich glaube das, was du mir sagst. Ich baue auf dich, ich setze mein Leben auf dich." – Und wenn ich das so verstehe, dann werde ich allerdings doch sehr beunruhigt, wenn andere Menschen in meiner Nähe diesen Glauben nicht mit mir teilen.

Wahrscheinlich spüren einige von Ihnen jetzt Widerstand aufkommen. Lassen Sie diesen Widerstand zu, aber bitte in der Offenheit, meine Gründe für das Gesagte zu verstehen. Ich will ja gern die Zweifel aus dem Weg räumen, die sich diesem Verständnis vom Glauben entgegensetzen. Der Hauptzweifel besteht vermutlich darin, wie das zugehen soll, daß wir Gott schon kennen müssen, um an ihn zu glauben. Glauben heißt doch gerade nicht wissen, oder? – Das stimmt, aber so ausgedrückt, bleibt es noch mißverständlich. Man könnte es so verstehen, als wäre der Glaube fehlendes oder unvollständiges Wissen, eine Theorie, deren letzte Vergewisserung noch aussteht. Aber so ist es gerade nicht: Glauben ist eine andere, vom Wissen unterschiedene Weise, der Wirklichkeit zu begegnen, und zwar der Wirklichkeit, von der alles andere abhängt, der Wirklichkeit Gottes. Ich kann nämlich durchaus etwas über Gott wissen, ohne an ihn zu glauben, so ähnlich wie ich einen Menschen recht gut kennen kann, ohne an ihm interessiert zu sein.

Machen wir mal ein Gedankenexperiment: Nehmen wir an, es gebe einen Wissenschaftler, der soviel Wissen gesammelt hat, daß er mit absoluter Gewißheit sagen kann, daß diese Welt von einem jenseitigen Gott geschaffen worden ist; und weiter: daß kein Dokument treffender als die Bibel über diesen Gott spricht. Dieser Wissenschaftler weiß damit eine ganze Menge über Gott – mehr als alle Theologen zusammen, aber das heißt nicht, daß für ihn der Glaube sich in Wissen aufgelöst hat; es heißt noch nicht einmal, daß er ein gläubiger Mensch sein muß. Es kann sein, daß er mit seinem Wissen eine ganze Menge Geld verdient oder sich hohes Ansehen verschafft, und es kann sogar sein, daß er einst, wenn er stirbt und Gott begegnet, vor Gott flieht, weil es ihm unangenehm ist, eine so enge Bekanntschaft mit IHM einzugehen.

Natürlich weiß keiner von uns soviel von Gott wie dieser Mann im Gedankenexperiment. Und dennoch behaupte ich, daß jeder von uns Gott so weit kennt oder jedenfalls kennen könnte, daß der Glaube an ihn nicht völlig blind ist. Negativ ausgedrückt heißt das: Wer Gott in keiner Weise erfahren hat, kann auch nicht an ihn glauben. Aber, und darauf kommt es an: Diese Erfahrung ist selbst noch nicht der Glaube, sondern nur seine Voraussetzung.

Doch nun stellt sich mit Macht die Frage: Wie und wo kann ich etwas von Gott erfahren und Gott so kennenlernen? – Ich antworte: Jeden Tag, wenn man will. Ich erfahre Gottes Nähe im Gebet, im Gottesdienst, in der Lesung der Heiligen Schrift, im Dienst am Anderen, in der Liebe, die andere mir schenken, in der Schönheit der Schöpfung usw. Nicht zuletzt erfahre ich Gott auch in den vielfältigen Aktivitäten der Kirche. –


Aber, so könnten Sie mir entgegenhalten: das sind doch keine echten Erfahrungen der Nähe Gottes, ich deute sie vielleicht so; ich könnte sie auch ganz anders deuten. – Das gebe ich zu. Die genannten Erfahrungen können so und so gedeutet werden. Aber nicht jede Deutung ist gleich angemessen, im Gegenteil: manche Deutungen sind ganz und gar unangemessen. Wenn mich ein Mensch z.B. anlächelt, ist das eine Erfahrung, die ich etwa so deuten kann: dieser Mensch will mir wohl, er teilt mir etwas von seiner Freundlichkeit mit. Ich könnte auch so deuten: Dieser Mensch verstellt sich, er will mich unterschwellig manipulieren. Ebenso kann ich eine religiöse Erfahrung nachträglich verschieden deuten: Beim Weltjugendtag in Rom machten viele Jugendliche eine Erfahrung der Nähe Gottes; manche von ihnen sagen: hier hat sich mir Gott von einer seiner vielen gütigen Seiten gezeigt. Andere dagegen erwecken den Zweifel: Warum läßt sich Gott nicht immer so unmittelbar erfahren? Und sie kehren in den Alltag zurück, ob als nichts gewesen wäre...

Als die Jünger am Ostertag Jesus wiedersahen, war auch dies eine Erfahrung, die einer Deutung bedurfte. Das sehen wir am deutlichsten an der Reaktion des Thomas. Er sagt nämlich zu Jesus: „Mein Herr und mein Gott!" Das war sein Glaubensbekenntnis: „Du, Jesus, bist es, auf den ich fortan mein Leben setze. Dir will ich glauben." Und Jesus entgegnet ihm: „Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig, die nicht sehen und doch glauben." Offensichtlich ist diese Bemerkungen auf uns gemünzt, die wir Jesus nicht sehen können. Gott ist unsichtbar, und auch die Apostel haben Gott nicht gesehen, sondern nur Jesus, der von sich gesagt hat: „Wir mich gesehen hat, hat den Vater gesehen." Diesem Wort haben sie Glauben geschenkt, und so waren sie die ersten gläubigen Christen. Wir aber sehen nicht einmal Jesus. Sind wir also in einer schlechteren Lage als die Apostel? – Ja und nein. Einerseits schon: Denn die Persönlichkeit Jesu war offensichtlich überaus strahlend und vertrauenerweckend, und insofern mußte der Umgang mit IHM den Glauben erleichtern. Andererseits aber auch nicht: Denn auch heute gibt es strahlende und überzeugende Christen, die wir sehen können und die zum Mitglauben einladen. Ja, in gewisser Weise sind wir sogar in einer besseren Lage als die Apostel, weil wir die ganze Kette der Zeugen kennen, die Jesus in 2000 Jahren glaubend gefolgt sind. Wir sehen, was die Jünger nicht sahen: Wie sich sein Gleichnis vom Senfkorn bewahrheitet hat, wie aus einer winzigen Schar eine riesige Kirche gewachsen ist. Wir haben viel weniger Zweifel als die ersten Christen, ob Jesus vielleicht bloß ein Spinner oder Träumer war.

Gewiß: Uns bedrängen andere Zweifel als die Menschen damals. Über einige werde ich an kommenden Sonntagen sprechen. Aber was ich für heute festhalten möchte, ist dies: Diese Zweifel sind überwindbar. Wir haben ausreichend positive Erfahrungen, die uns helfen, an Gott zu glauben, als den, der sich in Jesus offenbart hat. Mehr als die möglichen Zweifel bedrängt uns heute aber eine allgemeine Unentschlossenheit und Gleichgültigkeit gegenüber der Frage nach der Wahrheit.

Wenn junge Menschen in einem solchen Klima aufwachsen, haben sie kaum eine Chance, den Glauben zu erwecken und zu bewahren. Ihnen wird vielmehr die Angst vermittelt, man werde sich verlieren, wenn man sich bindet. Und so bleiben viele bei den wechselhaften Erfahrungen stehen und gehen nicht über sie hinaus, fragen nicht nach ihrem Grund und kommen so gar nicht erst zum Glaubensakt wie Thomas: „Mein Herr und mein Gott!"

2. Teil: „Glaube befreit" (Weltmission)

Liebe Gemeinde!

Der heutige Weltmissionssonntag bietet sich förmlich dazu an, die Predigtreihe über das Glaubensbekenntnis fortzusetzen. Am letzten Sonntag habe ich das kleine Sätzchen „Ich glaube an Gott" näher analysiert und dabei u.a. dargelegt, daß der Glaube eine Antwort auf Gottes Offenbarung ist, die Bejahung seiner freien Mitteilung an uns Menschen. Heute steht das Motto des Weltmissionssonntages im Mittelpunkt meiner Ausführung: „Glaube befreit".

Wenn ein Christ aus Indien, aus dem Sudan oder aus Lateinamerika diesen Satz hört „Glaube befreit", dann wird er wahrscheinlich kräftig zustimmen und allerlei Erfahrungen aufzählen können, die den Satz bestätigen. Ein moderner Westeuropäer hingegen wird vermutlich den Kopf schütteln und denken: „Was soll denn der Blödsinn?!" – Wie kann man diese unterschiedliche Reaktion begreiflich machen?

Fast alle Menschen verbinden mit dem Begriff Freiheit u.a. die Befreiung von Unterdrückung. Wir Westeuropäer haben jedoch die Befreiungskämpfe schon lange hinter uns: In vielen tränenreichen und teilweise blutigen Auseinandersetzungen hat sich Westeuropa von seinen Unterdrückern befreit: von den absolutistischen Fürsten, später von den kapitalistischen Ausbeutern, schließlich sogar von den sexistischen Männern. Die modernen Demokratien sind die Errungenschaft Jahrhunderte langer Bemühungen und Kämpfe.

Dieser Freiheitskampf stand im Zeichen der sog. Aufklärung, die Kant kurz definiert hat als den „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit"; wobei er Unmündigkeit als „Unfähigkeit, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen", erklärte. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde im Zuge dieses Aufklärungsdenkens auch die Befreiung von der Kirche propagiert, weil auch sie anscheinend die Unmündigkeit förderte. Der Glaube schien nicht zu befreien, sondern die Befreiung eher zu verhindern.

Während viele Jahrzehnte lang nur die Intellektuellen so gedacht haben, hat sich in den letzten 30 Jahren dieses Denken auf die breite Bevölkerung der Industrieländer ausgedehnt. Der mündige Zeitgenosse ist davon überzeugt, daß die Kirche eine hoffnungslos veraltete Institution ist, deren Demokratisierung schon allzu lange aussteht und leider immer wieder von ein paar alten Männern verhindert wird. Auch viele engagierte Christen denken so oder wissen jedenfalls nichts dagegen zu sagen; der Glaube ist ihnen meistens noch wichtig als Privatsache, aber ihnen fällt wenig zum Thema ein, daß der Glaube gerade als eine kirchliche Praxis eine befreiende Kraft ist.
Bevor ich mehr dazu ausführe, noch mal ein Blick auf die ganz andere Wahrnehmung der Menschen in der sog. Dritten Welt: Sie empfinden die Kirche als die große Stütze für ihr oft sehr bescheidenes Leben, als Ort der Hoffnung und Zuversicht und als Gegenkraft gegen die Mächte der Ausbeutung und Unterdrückung. Ganz ähnlich nahmen übrigens die Katholiken in Polen die Kirche wahr; ohne sie hätte es keine Befreiungsbewegung Solidarnocz gegeben. Doch kaum kam dieses Land in den „Genuß" des kapitalistischen Wohlstands, änderte sich die Wahrnehmung der Christen dort zusehends.

Wie soll man diesen Sinneswandel einordnen? Hat die Konsum- und Glitzerwelt des Westens die geistigen Augen der Kirchentreuen verklebt? Oder war die Begeisterung für die Kirche ein gedanklicher Kurzschluß, ein Irrtum, der durch den emanzipatorischen Fortschritt notwendig korrigiert werden mußte? Ist vielleicht gar der Glaube nur ein gewisses Opium des unterdrückten Volkes, von dem es befreit wird, sobald die Unterdrückung überwunden ist? Ich möchte dazu anmerken, daß eine nicht geringe Portion Hochmut in dieser Ansicht steckt, nämlich die Unterstellung, daß unsere westliche - aufgeklärte - Sichtweise die fortschrittlichere ist, während die anderen noch ein wenig zurückgeblieben sind im Denken.

Freilich scheint heute sehr viel für eine solche Sichtweise zu sprechen – das ist ja gerade der Grund für unsere derzeitige Glaubenskrise. Aber der Schein trügt, und das wurde interessanterweise ausgerechnet von den Aufklärungsphilosophen selbst entdeckt. Kein Geringerer als Theodor Adorno, der Mitbegründer der Frankfurter Schule, hat bereits im Jahre 1947 überzeugend dargelegt, daß die Aufklärung eine heimtückische „Dialektik" birgt: Anstatt zu befreien, unterdrückt die schrankenlose Vernunft den Menschen, denn sie stürzt ihn in eine abgrundtiefe Entfremdung zur Natur und zu sich selbst. Dies wird bestätigt durch die Rede unseres Bundespräsidenten auf dem Paderborner Forum (vgl. FAZ vom 21. 10. 2000, S. 1), in der er eine Äußerung des Nobelpreisträgers Watson angreift, der gesagt hat, man dürfe Embryonen unter gewissen Umständen töten. Wann solche Umstände gegeben sind, können jedoch nur die Experten feststellen. Doch eine solche Einstellung führe dazu, daß eine Minderheit von Experten letztlich festlegt, was für die Mehrheit der betroffenen Nichtfachleute gut sei. Im Namen der Vernunft wird eine Herrschaft über die Massen ausgeübt, die nur eine neue Form der Unterdrückung ist!

Adorno ist 1969 gestorben. Seine Diagnose war so hellsichtig, daß die neueren Entwicklungen nur als Bestätigung seiner Thesen angesehen werden können. Adorno würde uns heute zurufen: Ja, seht ihr denn nicht, wie ihr betrogen werdet? Wie man euch unter der Hand versklavt, während man euch einlullt mit Phrasen, die euch suggerieren, ihr wäret frei? Wie die Medien euch in einem Ausmaß kontrollieren, daß ihr überhaupt nicht mehr zu einem eigenständigen Urteil fähig werdet? Wie der Kapitalismus, der einst mit Blut und Tränen in die Schranken gewiesen wurde, nun fröhliche Urständ feiert, und nicht nur die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer macht, sondern noch dazu allen, ob reich oder arm, einredet, nur im Konsum sei das Heil zu finden? Wie dadurch die Menschlichkeit aus der Gesellschaft auszieht und ein Ungeist in die Herzen der Menschen einzieht, der schlimmer ist als alles, was je dagewesen ist? – Wie könnt ihr die Menschen in der Dritten Welt verachten, die doch in jeder Hinsicht fröhlicher sind als ihr selbst, obwohl sie in bitterster Armut leben? – Und denen wollt ihr nun auch den westlichen Fortschritt aufdrängen?

Aber Adorno war ein Atheist, und so konnte oder wollte er nicht sehen, daß der Unterdrückung, die durch die Vernunft selbst ausgeübt wird, die Befreiung durch den Glauben angeboten ist. So wie Jesus sagt: „Wenn euch der Sohn befreit, dann seid ihr wirklich frei." (Joh 8,36)

Aber, so fragen Sie jetzt vielleicht, wie soll ich das verstehen, daß der Glaube mir Freiheit schenkt? Was soll ich meinem Arbeitskollegen antworten, wenn er sagt: „Du bist ja dumm, wenn du zur Kirche gehst. Das ist ja wie Gehirnwäsche. Werde selbständig und befreie dich von dieser Bevormundung!"

Ja, was könnte man darauf antworten? Man könnte zum Beispiel die Gegenfrage stellen: „Gibt es überhaupt keine Gruppe oder Gemeinschaft, zu der du regelmäßig hingehst und von der du dir u.a. Orientierung erhoffst? – Ich jedenfalls empfinde die Kirche als eine Gemeinschaft, die mich stärkt, aber mich nicht bevormundet." Oder man könnte zum Gegenangriff übergehen und fragen: „Wieviel Geld hast du letztes Jahr für wohltätige Zwecke gespendet?" Und wenn er verblüfft zurückfragt, was diese Frage denn zu bedeuten habe, kann man durchaus auf einer ehrlichen Antwort bestehen. Ich bin sicher, daß er weniger gespendet hat als der angeblich dumme Kirchgänger. Und dann kann man fragen, wer denn wohl freier ist: der Geizige oder der Freigebige?

Man könnte auch so entgegnen: „Hast du Angst vor dem Tod?" Auch hier sollte man nicht so leicht ausweichende Antworten akzeptieren. Vermutlich hat auch der Christ noch ein wenig Angst vor dem Tod, aber der Gläubige ist doch ein gutes Stück von dieser Angst befreit. Glaube befreit!

Oder man könnte fragen: „Wie lange siehst du fern? Kannst du es eine Stunde allein ohne Musik und andere Ablenkungen in deinem Zimmer aushalten?" – Auch hier muß der normale Christ wahrscheinlich zugeben, daß auch ihm die stille Einsamkeit zu schaffen macht: Aber sie läßt sich besser aushalten, wenn man an Gottes Gegenwart glaubt und mit Gott sprechen kann. Das ist übrigens ein Punkt, der in unserer Zeit immer mehr Bedeutung gewinnt; ich denke an die vielen einsamen alten Menschen. Wenn sie keinen Glauben haben, wer befreit sie dann aus ihrer Hoffnungslosigkeit?

Glaube befreit, aber nur ein Glaube, der eine starke Gemeinschaft hinter sich hat. Alleine kann keiner glauben. Vielleicht täte es uns gut, wenn ein paar Missionare aus den Entwicklungsländern zu uns kämen und uns deutlich machten, wieviel Freiheit ihnen der Glaube geschenkt hat und wie entsetzlich langweilig dagegen unsere westliche Kultur ist. So langweilig, daß die Langeweile mittlerweile der größte Horror der Jugendlichen geworden ist und sie somit unter dem Druck stehen, immer etwas Neues und immer noch Abgefahreneres zu erleben, das ihnen dann (für einen Moment freilich nur) den Kick gibt. Glaube befreit auch von Langeweile und diesem Druck, dieser Unter-drückung.
Ich bin sicher, daß es nicht mehr lange dauern wird, bis die Mehrheit unseres Volkes sich nach solcher Befreiung wieder sehnen wird. Einstweilen werden wir darauf wohl noch warten müssen und uns damit begnügen, daß wir selbst die befreiende Botschaft bewahren und uns gegenseitig helfen, sie nicht geringzuschätzen oder zu vergessen.

3. Teil: Glaube und Wissen(schaft)

Liebe Gemeinde!
Im dritten Teil meiner Predigtreihe möchte ich, wie angekündigt, darauf eingehen, wie sich unser Glaube mit dem wissenschaftlichen Weltbild verträgt.
Unsere moderne Welt wird zunehmend von den Erfolgen der Naturwissenschaften und ihrer Technik bestimmt. Das Wissen der Menschheit vergrößert sich von Jahr zu Jahr immer schneller, so daß der Eindruck entsteht, es sei nur eine Frage der Zeit, bis schließlich alle Wissenslücken geschlossen sein würden. Gleichzeitig wächst bei vielen Zeitgenossen der Verdacht, daß damit auch Glaube und Religion im Rückzug begriffen seien. Wo man früher göttliche Mächte am Werk sah – z.B. beim Gewitter, bei kosmischen Himmelserscheinungen, bei der Geburt und beim Wachstum neuen Lebens –, da sehen wir heute ganz nüchtern das Walten der verschiedenen Naturgesetze, die eben immer besser bekannt werden und zur Erklärung der besagten Phänomene völlig ausreichen. So sagte schon der Physiker Laplace auf die Frage Napoleons, wo denn in seiner kosmologischen Theorie Gott vorkomme: „Ich bedarf der Hypothese Gott nicht."

Nicht wenige Lehrer und Schüler halten den religiösen Glauben durch den Fortschritt der Wissenschaft für überholt. Wer nur ein wenig auf seine Bildung zugute hält, der rühmt sich zugleich, wenn nicht Atheist, dann doch jedenfalls ein Skeptiker zu sein.

Nur ein Beispiel aus der populärwissenschaftlichen Literatur: In der Vorrede zu Jacques Monods Buch „Zufall und Notwendigkeit" (München 1975) schreibt der Nobelpreisträger Manfred Eigen: „Die Molekularbiologie hat dem Jahrhunderte aufrecht erhaltenen Schöpfungsmystizismus ein Ende gesetzt, sie hat vollendet, was Galilei begann."
Viele Christen werden durch solche scheinwissenschaftlichen Aussagen in ihrem Glauben stark angefochten, besonders wenn sie schon in der Schule damit konfrontiert werden. Die Wissenschaft erscheint da als ein Feind der Religion; Religion und Glaube werden als Unmündigkeit, letztlich als Dummheit dargestellt. Wenn ich hier einige Wissenschaftler namentlich nenne, die sich in Feindschaft zum christlichen Glauben stellen, möchte ich vorher ausdrücklich betonen, daß sie eine Minderheit in den eigenen Reihen darstellen; eine wachsende Zahl gerade unter den Physikern bekennt sich in neuerer Zeit zum Glauben an einen Schöpfergott oder sogar zum Gott Jesu Christi.

Dennoch ist es angesichts der Popularität des atheistischen Gedankenguts und um der Klarheit willen nötig, gerade die extremen Positionen zu erwähnen. Wie soll man also auf deren Angriffe reagieren?

Zwei Reaktionsweisen halte ich für falsch. Die erste ist, sich ins Ghetto zurückzuziehen, die Augen und Ohren vor den Erkenntnissen der Wissenschaft zu verschließen. Besonders in Amerika ist diese Einstellung weitverbreitet bei den sog. Fundamentalisten. Die zweite besteht darin, das moderne Weltbild als Maßstab für unseren Glauben zu nehmen; dann werden alle Glaubenssätze daran angepaßt, und wenn das nicht geht, werden sie eben zum alten Eisen geworfen. Eugen Drewermann ist ein bekannter Vertreter dieser Richtung. Vor sechs Jahren ist ein Physiker namens Frank Tipler mit einem ähnlichen Ansinnen aufgetreten. In seinem Buch „Physik der Unsterblichkeit" wollte er alle Glaubensinhalte als Möglichkeiten der Physik nachweisen. Dafür mußte er sie aber in zum Teil abenteuerlicher Weise umdeuten. So versteht Tipler z.B. unter Unsterblichkeit nicht das persönliche Weiterleben nach dem Tod, sondern die Speicherung persönlicher Erinnerung in gigantischen Großrechnern.

Mit solchen gutgemeinten Harmonisierungen wird uns ein Bärendienst erwiesen. Darum müssen wir nach einem dritten Weg suchen. Hierzu gilt es zunächst einmal, festzustellen, daß viele Anfragen an den Glauben von vornherein einen falschen Begriff vom Glauben haben: da wird der Glaube so verstanden, als sei Gott nur der Lückenbüßer für uns unbekannte Ursachen. Doch diese Sicht ist unangemessen, wie ich in meiner ersten Predigt dargestellt habe. Gott offenbart uns keine naturwissenschaftlichen Daten und Fakten, sondern sein eigenes Wesen, den Sinn unseres Lebens und den Weg, wie wir zum Ziel kommen können. Diese Dinge aber sind in keiner Weise menschlicher Wissenschaft zugänglich und können folglich auch nicht in Konflikt mit der Wissenschaft geraten, können aber auch genauso wenig mit ihr harmonisiert werden. Es handelt sich um transzendente Gegenstände, die alles menschliche Wissen übersteigen.

Es gibt aber gewisse Grenzbereiche, in denen die göttliche Offenbarung Aussagen enthält, die naturwissenschaftlich oder historisch Erforschbares berühren. Hier überschneiden sich gleichsam Glauben und Wissen, hier haben beide einen gemeinsamen Gegenstand und darum auch einen möglichen Konflikt. Hierzu gehören die geschichtlichen Tatsachen, die heilsbedeutsam sind: besonders die Geburt, das Leben, den Tod und die Auferstehung Jesu. Würde die Archäologie z.B. Material finden, das diese geschichtliche Grundlage unseres Glaubens aus den Angeln hebt, dann wäre unser Glaube nicht nur in Gefahr, sondern er wäre dadurch zum bloßen Mythos oder Märchen abgestuft, das man nicht ernst nehmen muß. Aber solches Material wurde nie gefunden, sondern ganz im Gegenteil wurden ausschließlich Dokumente entdeckt, die die geschichtlichen Aussagen des Neuen Testamentes sehr gut bestätigen. Wenn dennoch in der Bestseller-Literatur immer wieder auch Gegenteiliges behauptet wird, wie z.B. in dem Buch „Verschlußsache Jesu" von 1991, dann basieren solche Behauptungen auf völlig haltlosen Spekulationen, die allesamt von der seriösen Wissenschaft widerlegt worden sind.

Besonderes Interesse findet immer wieder auch der Berührungspunkt von Glaube und Wissenschaft im Hinblick auf die Schöpfung. Das Zitat von Manfred Eigen zu Beginn zeigt das Problem: „Die Molekularbiologie hat dem Jahrhunderte aufrecht erhaltenen Schöpfungsmystizismus ein Ende gesetzt, sie hat vollendet, was Galilei begann." – Was hat Galilei begonnen? Er hat das Programm verkündet, zu „messen, was meßbar ist, und meßbar zu machen, was zunächst nicht meßbar ist." So weit, so gut. So hat er zum Beispiel ein Fernrohr gebaut und damit allerlei Entdeckungen am Himmel gemacht, insbesondere eine Bestätigung der schon von Kopernikus vertretenen These, daß sich die Erde um die eigene Achse dreht und nicht die Sonne um die Erde. Er widersprach damit der herrschenden theologischen Meinung, daß die Erde der Mittelpunkt der Welt sei und daß dies auch im exakt naturwissenschaftlichen Sinne verstanden werden müsse. Die Theologen meinten, die Bibel mache exakte Aussagen über astronomisch-physikalische Sachverhalte, und irrten mit dieser Auffassung. Die Verurteilung Galileis im Jahre 1633 war aus dieser Sicht ein Fehler.

Von einer anderen Warte betrachtet, befand sich aber auch Galilei im Irrtum. Sein Programm, auch das nicht Meßbare meßbar zu machen, lief darauf hinaus, die Natur insgesamt der Wissenschaft und der Technik zu unterwerfen und den Glauben an den Schöpfer wenn nicht überflüssig, so doch bedeutungslos zu machen. Heute merken viele wache Zeitgenossen, daß Galileis Programm inzwischen derart konsequent betrieben wurde, daß die Ehrfurcht vor der Schöpfung in der Gefahr steht, ganz auszusterben. Wenn die Molekularbiologen und Gentechniker im Namen der Vernunft die Herrschaft über Leben und Tod an sich gerissen haben, welche katastrophalen Folgen haben wir dann zu erwarten? Schon jetzt müssen wir sehen, daß die Mehrzahl der Menschen mehr über den Fortschritt der toten Technik ins Staunen gerät als über das Geschenk des Lebens. So staunen wir darüber, daß es Wissenschaftlern gelungen ist, das menschliche Genom zu analysieren, anstatt angesichts der Kenntnis dieser ungemein komplizierten Struktur über deren Schöpfer zu staunen. Das ist der Galileische Irrtum! Gegen diesen Irrtum müssen die Theologen gerade heute den Glauben an den Schöpfer verteidigen, welcher die Ehrfurcht vor dem Geheimnis des Lebens einschließt, besonders des Menschen selbst; dieses Geheimnis ist nicht meßbar und kann niemals meßbar gemacht werden. Oder würden Sie zustimmen, wenn man Ihnen sagte, die von Ihnen empfundene Liebe zu Ihrem Partner oder zu Ihren Kindern sei nichts anderes als eine meßbare Menge von Hormonen in Ihrem Gehirn?

Sicher müßte ich den Sachverhalt viel ausführlicher besprechen, aber dafür bietet eine Predigt nicht die Gelegenheit. Einen Ausspruch des großen Physikers Werner Heisenberg möchte ich Ihnen aber nicht vorenthalten. Er hat gesagt: „Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch; aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott."

Und John Henry Newman erinnert uns: „Man kann sich der Wahrheit nicht nähern ohne Huldigung".

4. Teil: Die Allmacht Gottes

Liebe Gemeinde!

Im Glaubensbekenntnis beginnen wir mit dem Satz: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen."

Dem alten Israel wurde Gott in mehreren Schritten offenbart. In einem frühen Text heißt es: „Höre, Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft." (Dtn 6,4-5) Hier wird Gott mit dem geheimnisvollen Namen JHWH benannt. Wir kennen die Stelle, in der Moses dem Herrn im brennenden Dornbusch begegnet und zu hören bekommt: „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs." (Ex 3,6) Doch Mose möchte einen Namen erfahren: „Gut, ich werde also zu den Israeliten kommen und ihnen sagen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt. Da werden sie mich fragen: Wie heißt er? Was soll ich ihnen darauf sagen? Da antwortete Gott dem Mose: Ich bin der „Ich-bin-da". Und er fuhr fort: So sollst du zu den Israeliten sagen: Der „Ich-bin-da" hat mich zu euch gesandt. ... Das ist mein Name für immer, und so wird man mich nennen in allen Generationen." JHWH als Name Gottes bedeutet: „Ich bin der ich-bin." Dieser Name benennt das Geheimnis Gottes, seine Verborgenheit und zugleich seine Nähe und seine Treue zu den Menschen.

Wenn ein Mensch Gott begegnet, erfährt er seine Kleinheit. Moses zieht seine Sandalen aus und verhüllt sein Gesicht. Der Prophet Jesaja ruft aus: „Weh mir, ich bin verloren, denn ich bin ein Mann mit unreinen Lippen!" (Jes 6,5) Doch ist diese faszinierende und erschreckende Heiligkeit Gottes immer verbunden mit einer unendlichen Güte, die den Menschen umfängt und aufrichtet. Im 1. Johannesbrief heißt es deshalb: „Wir werden unser Herz in seiner Gegenwart beruhigen. Denn wenn das Herz uns auch verurteilt – Gott ist größer als unser Herz, und er weiß alles." (1 Joh 3,19f)

Die Erfahrung des gütigen und vergebenden Gottes hat es möglich gemacht, Gott als Vater anzusprechen. Das Alte Testament kennt diese Anrede, z.B. im Psalm: „Ein Vater der Waisen, ein Anwalt der Witwen ist Gott in seiner heiligen Wohnung." (Ps 68,6) Aber erst im Neuen Testament wird die Rede von Gott, dem Vater, geradezu zur kennzeichnenden christlichen Anrede Gottes. Denn Jesus hat Gott seinen Vater genannt, ja in liebevoll zärtlicher Weise seinen Abba. Und er hat uns gelehrt, Gott auch als unseren Vater anzurufen: „So sollt ihr beten: Unser Vater im Himmel, dein Name werde geheiligt, ..." (Mt 6,9) Diese Anrede ist eine so großartige und gewagte Angelegenheit, daß die Kirche das Vater-Unser-Gebet in der Liturgie einleitet mit den Worten: „Dem Wort unseres Herrn und Erlösers gehorsam und getreu seiner göttlichen Weisung wagen wir zu sprechen: ..."

Allerdings sollten wir uns beim Beten bewußt halten, daß wir den Vater nicht unmittelbar kennen, denn „niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will". (Mt 11,25) Und wir sollten vorsichtig sein, unsere Vatervorstellungen, die wir aus unserer Kultur gewonnen haben, einfach auf Gott zu übertragen. Gott steht über den Begriffen dieser Welt, er ist nicht Mann und nicht Frau, und sein Verhältnis zu uns ist nur aus den biblischen Vergleichen zu bestimmen, nicht aus den Erfahrungen, die wir mit unseren irdischen Eltern machen. Darum führt auch der Streit, ob wir Gott genauso gut Mutter wie Vater nennen sollten, in die Irre des Götzentums, denn dieser Streit tut so, als ob wir den geschlechtlichen Gegensatz in Gott hineintragen könnten, und dann messen wir Gott mit menschlichem Maß, anstatt seine überirdische und unbegreifbare Realität anzuerkennen.

Worauf es vielmehr ankommt, ist im Glauben anzuerkennen, daß Gott uns in seine persönliche Beziehung zu Jesus Christus mit hineingenommen hat, daß wir also in einer Gemeinschaft mit ihm stehen dürfen, die unaussprechlich und unvorstellbar ist. Wenn wir dies beachten, dann wird das Gebet zum Vater zum besten Ausdrucks unseres Gottesverhältnisses, so wie ein großer Theologe einmal gesagt hat:

„Das Vaterunser ist ein Aufblick zu Gott allein, ein großes Feuer der Liebe. Die Seele schmilzt dahin, versinkt in die heilige Liebe und unterhält sich mit Gott wie mit dem eigenen Vater, sehr vertraut, in ganz besonderer, zärtlicher Kindesliebe." (Johannes Cassian)

Im Glaubensbekenntnis wird Gott der Vater als der Allmächtige näher bestimmt. Das erscheint seltsam, denn es könnten da genauso gut andere Attribute stehen, z.B. der Gerechte, der Heilige oder der Unendliche. Gottes Allmacht bedeutet, daß für IHN nichts unmöglich ist, daß er alles vollbringt, was ihm gefällt, daß es nichts gibt, was ihm widerstehen könnte. Doch besagt die Allmacht nicht, daß Gott nach blinder Willkür handelt, denn Gott ist allmächtig und zugleich allgütig. Wenn wir Gott allmächtig nennen, haben wir die Gewißheit, daß nichts „uns scheiden kann von der Liebe Christi. Weder Bedrängnis oder Not noch Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert." (Röm 8,35) Doch die Erfahrung von Leid und Bedrängnis kann auch zur Probe des Glaubens werden. Wir fragen uns, warum Gott, wenn er denn allmächtig ist, nicht eingreift, wenn Schlimmes geschieht, wenn Menschen ihre Macht mißbrauchen und das Leben anderer brutal auslöschen.

Manchmal kann es so aussehen, als wäre Gott ohnmächtig oder als interessiere er sich gar nicht für die von ihm geschaffene Welt der Menschen. Diese Frage treibt die Menschen um und wird immer wieder zur existentiellen Anfechtung. Kein Mensch kann hierauf eine umfassende Antwort geben – denn wir haben nicht die Übersicht über den Zusammenhang aller Dinge, aber einige Hinweise kann ich vielleicht doch geben. Wir müssen uns bewußt halten, daß die Allmacht von Gott ausgesagt wird, insofern er Vater ist, d.h. uns in Liebe zugewandt. Liebe aber gibt es nur in Freiheit. Letztlich geht es Gott darum, daß wir uns ihm in Freiheit zuwenden. Und wenn ich sage „Wir", dann müßte ich sofort hinzufügen: wir Menschen, insofern wir Sünder sind, d.h. insofern wir erst noch bekehrt werden müssen zu Gott. Bekehrung aber geht nicht mit Gewalt. Gott kann uns nicht retten, indem er uns mit Gewalt vom Bösen abhält, sondern nur, indem er aus uns die Gegenliebe hervorlockt. Würde Gott das böse Tun der Menschen einfach durch den Einsatz seiner Allmacht verhindern, dann hätte er sie noch nicht bekehrt, sondern nur handlungsunfähig gemacht.

Gott aber handelt anders. Er läßt das Böse in seinem Sohn an sich selbst geschehen. Er läßt die Bösen sich an ihm quasi austoben und vergibt ihnen sterbend mit den Worten: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun." (Lk 23,34) Und die Frucht dieser sich bis zur Ohnmacht erniedrigenden Liebe ist z.B. das Wort des Hauptmanns am Kreuz: „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn!" (Mk 15,39)

Darum heißt es bei Paulus: „Denn das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen, und das Schwache an Gott ist stärker als die Menschen." (1 Kor 1,25)
Gottes Allmacht geht geheimnisvolle Wege, die wir einzig im Glauben annehmen können. Maria, die Mutter Jesu, gibt hier das leuchtendste Beispiel, denn unter dem Kreuz hielt sie ihr JA zu Gottes Willen durch und wurde so zur „Mutter der Glaubenden".

5. Teil: Die Schöpfung

Liebe Gemeinde!

Wenn ich in den Nachthimmel schaue, bin ich jedesmal überwältigt von der Schönheit des Kosmos, des Weltalls. Ich weiß, daß die Sterne, die da funkeln, Lichtjahre weit entfernte riesige Sonnen sind, nur ein minimaler Teil aller Sterne, die es überhaupt gibt, nämlich 100 Milliarden mal 100 Milliarden. Dazwischen ein unermeßlicher leerer Raum, Abbild der Unendlichkeit Gottes.

Die moderne Astronomie und Kosmologie hat uns gezeigt, daß alle bisherigen Ahnungen von der Größe des Weltalls weit zurückgeblieben sind hinter der Wirklichkeit. Es ist viel, viel größer, als wir uns vorstellen können. Selbst wenn der Mensch Raketen bauen könnte, die sich fast so schnell wie das Licht fortbewegen, bliebe es unmöglich, jemals zu allen Sternen, die es gibt, vorzudringen. Nur in Gedanken ist es uns möglich.

Und da fragen sogar die Kinder schon: Wenn ich immer weiter und weiter fliegen könnte, käme ich dann an den Rand des Weltalls? Und was liegt hinter dem Rand? Das ist eine Frage nach der räumlichen Ausdehnung des Weltalls. Genauso könnte ich nach der zeitlichen Ausdehnung fragen: Wie weit reicht die Zeit unserer Welt zurück? Hat sie einen Anfang? Gab es einen Urknall, in dem alles entstand?

Endgültig wissen wir über diese Fragen nichts. Aber es gibt gute Gründe für Annahme, daß unser Weltall sich seit etwa 20 Milliarden Jahren in einer ständigen Expansion befindet. Und man muß nur in Gedanken die Zeit zurückgehen, um an einen Moment zu gelangen, an dem alles anfing. Die Physiker nennen dies den Urknall oder technischer: die Singularität. Was vor diesem Anfang war, läßt sich nicht sagen. Mit der Entstehung der Materie sind zugleich die Zeit und der Raum entstanden. Jenseits unserer räumlich-zeitlichen Welt gibt es kein Vorher und Nachher, kein räumliches Neben oder Dahinter. Unser Weltall ist zwar nur endlich groß, aber es hat keine räumliche Grenze. Es hat eine endliche Dauer, aber kein zeitliches Davor.

Der Theologe kann freilich noch ein wenig mehr sagen: Jenseits dieser Welt gibt es die Welt Gottes, des Schöpfers. Gott existiert nicht in Raum und Zeit, er existiert in der Ewigkeit. Raum und Zeit sind von Gott geschaffen, er ist nicht daran gebunden. Er steht darüber. Er braucht nicht abzuwarten, was geschieht, denn die ganze Zeit und der ganze Raum sind ihm ewig gegenwärtig, unsere fernste Vergangenheit wie auch unsere Zukunft. Ich meine, die unermeßliche Größe Gottes leuchtet uns gerade in unserer Zeit auf, wo die Wissenschaft begonnen hat, die Größe der von Gott geschaffenen Welt zu erfassen. Und doch ist diese endlich, während Gott unendlich ist. Aber was Unendlichkeit besagt, kann kein Mensch positiv begreifen; nur im Modus der Verneinung können wir uns der Wirklichkeitsfülle Gottes nähern. Gott hat keinen Anfang, kein Ende, keine Dauer, keine Ausdehnung, kein Maß, in ihm ist keine Veränderung, keine Begrenzung seiner Macht, keine Differenz von Teilen, absolute Einfachheit und Vollkommenheit!

Und doch hat dieser in sich unendlich vollkommene Gott eine Welt geschaffen, eine riesige Welt sogar (verglichen mit der Größe unserer Erde). Er ist der Schöpfer des Himmels und der Erde. Warum hat Gott das gemacht? Es gibt nur eine Antwort: Weil ER es so wollte, weil es IHM gefiel, weil er seine Vollkommenheit verströmen wollte – oder: aus reiner Liebe. Gott braucht die Welt nicht, ER ist sich selbst genug. Nichts Endliches kann den Unendlichen ergänzen. Und doch sagt Gott: „Meine Freude war es, bei den Menschen zu sein." (Spr 8,31)

Letztlich hat Gott die ganze Welt um des Menschen willen erschaffen. Das mögen wir erstaunlich finden oder sogar anstößig, aber wir können es nicht anders sagen. Auf uns Menschen kam es Gott an, um unseretwillen wurde ER sogar selber Mensch (aber das soll später betrachtet werden).

Zunächst sieht freilich alles danach aus, als wäre der Mensch nur eine zufällige Begleiterscheinung der gigantischen Evolutionsgeschichte, ein „Zigeuner am Rande des Universums, das für seine Musik taub ist und gleichgültig gegen seine Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen" (J. Monod). Doch gibt es in der Physik seit einiger Zeit einen merkwürdigen Zweig, der dieses Bild korrigiert. Dieser Zweig untersucht gewisse Anzeichen, die darauf hindeuten, daß Vieles, ja fast alles in der unbelebten Natur auf das menschliche Leben hingeordnet ist. Man nennt diese Sichtweise das anthropische Prinzip. Um dies zu verstehen, muß man wissen, daß es eine ganze Reihe von Naturkonstanten gibt, deren Größe prinzipiell jeden Wert annehmen könnte, aber genau einen bestimmten Wert hat. Und das Seltsame ist, daß diese Naturkonstanten allesamt solche Werte besitzen, daß menschliches Leben gerade möglich ist. Wären die Werte nur ein klein wenig anders, dann hätte es nie zur Entstehung des Lebens kommen können.

Viele Physiker sehen darin einen starken Hinweis auf die verborgene Absicht des Schöpfers. Denn ER hat die Gesetze gemacht und die Konstanten festgelegt. ER wollte eine Welt, in der menschliches Leben entstehen kann, er hat die Welt auf den Menschen hin erschaffen. Und er wollte, daß die Menschen in seiner Schöpfung immer wieder seine Handschrift entdecken können. Unaufdringlich, aber doch eindeutig. Damit der Mensch einstimmt in Gottes Zustimmung zur Welt: „Und er sah, daß es gut war."

6. Teil: Christus König und Herr

Liebe Gemeinde!

„... Ich glaube an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn..."

Bei diesem kleinen Wort „Herr" möchte ich heute stehenbleiben und es nach verschiedenen Seiten aufschließen. Es entspricht dem Titel „König", den wir Jesus geben und welcher Gegenstand des heutigen Hochfests ist: „Christkönig".

Zunächst einmal eine Vorbemerkung zum biblischen Wortgebrauch. In der griechischen Übersetzung des Alten Testaments wird der Name Jahwe, den kein Jude aussprechen durfte, mit KYRIOS, der Herr, wiedergegeben. Somit wird „Herr" zur häufigsten Bezeichnung Gottes, fast 3500 mal findet sich dieses Wort im AT. Im Neuen Testament wird diese Bezeichnung für Gott aufgenommen, so daß auch hier mit „Herr" oft Gott, der Vater, gemeint ist. Zugleich aber wird Jesus mit „Herr" angeredet, und zwar, je nach dem Kontext, einerseits im gewöhnlichen Sinne des höflichen Respekts (so wie man im Englischen „Sir" sagt) und andererseits im Sinne einer Hoheitstitels, ähnlich wie man im Englischen einen König mit „Lord" anspricht. Diese Hoheitsanrede leitet sich letztlich von der Auferstehung Jesu her. So heißt es in dem wunderbaren Christushymnus im Philipperbrief:

„Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: „Jesus Christus ist der Herr" - zur Ehre Gottes, des Vaters."

Ähnlich sagt Petrus zu den geistlichen Führern der Juden: „Er (Jesus) ist der Stein, der von euch Bauleuten verworfen wurde, der aber zum Eckstein geworden ist. Und in keinem anderen ist das Heil zu finden. Denn es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen." (Apg 4,11f) Und nochmals im selben Sinne stellt Paulus fest:

„Und selbst wenn es im Himmel oder auf der Erde sogenannte Götter gibt - und solche Götter und Herren gibt es viele -, so haben doch wir nur einen Gott, den Vater. Von ihm stammt alles, und wir leben auf ihn hin. Und einer ist der Herr: Jesus Christus. Durch ihn ist alles, und wir sind durch ihn." (1 Kor 8,5f)

Jesus als Herrn bekennen heißt an seine Gottheit glauben: „Keiner kann sagen: Jesus ist der Herr!, wenn er nicht aus dem Heiligen Geist redet." (1 Kor 12,3)

Mit dem Königstitel ist es etwas komplizierter. Das hängt damit zusammen, daß menschliches Königtum seit Menschengedenken mit Machtmißbrauch verbunden gewesen ist, auch zu Jesu Zeiten. Darum gibt es ausgesprochen königskritische Passagen im Neuen Testament, z.B. Jesu Zeugnis für Johannes den Täufer: „Was habt ihr sehen wollen, als ihr hinausgegangen seid? Einen Mann in feiner Kleidung? Leute, die fein gekleidet sind, findet man in den Palästen der Könige." (Mt 11,8)

Besonders wichtig ist seine Lehre über das Dienen: „Die Könige herrschen über ihre Völker, und die Mächtigen lassen sich Wohltäter nennen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern der Größte unter euch soll werden wie der Kleinste, und der Führende soll werden wie der Dienende." (Lk 22,25f)

Und doch hat Jesus vor Pilatus den Königstitel in Anspruch genommen. Aber erst sozusagen am Schlußpunkt seiner Selbstoffenbarung. Wenn wir das Johannesevangelium genauer anschauen, sehen wir, daß Jesus sich den Königstitel nicht gern anhängen ließ. Nach der Brotvermehrung sagen die gesättigten Menschen: „Das ist wirklich der Prophet, der in die Welt kommen soll. Da erkannte Jesus, daß sie kommen würden, um ihn in ihre Gewalt zu bringen und zum König zu machen. Daher zog er sich wieder auf den Berg zurück, er allein." (Joh 6,15) Und auch das überschwengliche Bekenntnis des Natanaël läßt Jesus nicht ohne weiteres stehen: „Rabbi, du bist der Sohn Gottes, du bist der König von Israel! Jesus antwortete ihm: Du glaubst, weil ich dir sagte, daß ich dich unter dem Feigenbaum sah? Du wirst noch Größeres sehen." (Joh 1,49f)
Der Grund für diese Zurückhaltung besteht schlicht darin, daß Jesus nicht in die überlieferten Königserwartungen hineinpaßt, weil er sie alle übertrifft. Viele Juden hatten sich damals vorgestellt, daß Jesus mit seiner Wundermacht das ungerechte Joch der Römerherrschaft abschüttelte und das alte davidische Königtum wieder einführte. Aber das war voreilig und zu sehr in den Bahnen menschlicher Macht gedacht. Deshalb lehnte Jesus den Königstitel solange ab, bis er selber vor dem Richter stand - äußerlich machtlos und zu Boden getreten. Aber dann sagte er es mit Bestimmtheit: „Ja, ich bin ein König." Aber eben ein König ganz anderer Art, nicht nach menschlicher Vorstellung. Der Allmächtige Gott selbst, der Seine Macht in der Ohnmacht der leidenden Liebe versteckt, der göttliche König, der dadurch herrscht, daß er bis zum Äußersten geht mit seiner dienenden Liebe.

Aber was hilft uns so ein König? könnten wir fragen. Und so fragten sie auch, die Juden, die damals Jesus ursprünglich nachgefolgt waren und jetzt, von ihm enttäuscht, in den Ruf einstimmten: „Ans Kreuz mit ihm! So einen König wollen wir nicht. Dann lassen wir uns lieber von dem Kaiser beherrschen und ausnutzen." -
Liebe Mitchristen! Wir stehen damit vor dem Geheimnis des Kreuzes, das wir niemals restlos verstehen können. Jesus ist nicht anders König, unser König, als durch das Kreuz hindurch. Alle unsere Vorstellungen von Königtum und Macht sind im wahrsten Sinne des Wortes durchkreuzt. Wir sträuben uns dagegen - verständlich -, aber wenn wir die Botschaft vom Kreuz nicht annehmen, dann bleibt uns nur übrig, auf die Seite derjenigen überzuwechseln, die Jesus gekreuzigt haben - mit der Konsequenz, daß wir dann den Kaiser wählen statt Jesus, d.h. die weltliche Form von Macht und Machtausübung mit allen ihren Schattenseiten. Und dann gibt es keine Erlösung, sondern es bleibt alles beim Alten.

Wählen wir aber Jesus als unseren König, dann verzichten wir zwar darauf, in diesem Leben im Spiel der Mächtigen mitzureden, aber dann und nur dann haben wir die Hoffnung, endgültig aus dem Teufelskreis der menschlichen Bosheit auszusteigen und einzusteigen in eine neue erlöste Welt, in der Christus allein herrscht. „Mein Reich ist nicht von dieser Welt", sagt Christus. Das heißt auch, daß wir nicht in dieser Welt erwarten können, die Herrlichkeit Christi zu sehen, sondern erst in der zukünftigen. Aber dort werden wir sie sehen, und dort wird auch alles Unrecht vergolten, jede Träne getrocknet und alle Trauer in Freude verwandelt werden. Durch Christus, unseren König.
„Das All durchtönt ein mächtiger Ruf: ‚Christ A und O der Welten!' Das Wort, das sie zu Anfang schuf, wird bis ans Ende gelten", haben wir im Eingangslied gesungen. Vor allem im Jahr 2000 dürfen wir spüren, daß unserem Leben in Christus und durch Christus und mit Christus eine unerschütterliche Hoffnung geschenkt ist, die uns in allem Unglück begleitet.

Wir feiern Christkönig, weil Jesus Christus diese Welt durch sein Leben, durch seinen Tod und seine Auferstehung erlöst hat. Wir brauchen unsere Welt nicht zu erlösen, dies hat Christus bereits getan!

7. Teil: Empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria

Liebe Gemeinde!

In der Reihe über das Glaubensbekenntnis bedenken wir heute den adventlichen Artikel: „Empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria!"
Unsere Schwierigkeiten damit sind nicht größer als die Marias selber. In einem Punkt aber haben wir es doch schwerer: denn die heutige Zeit hat kaum noch ein Verständnis für die frei gewählte Jungfräulichkeit um des Himmelreiches willen.

Da treten sogar Theologen im Fernsehen auf, allen voran Uta Rancke-Heinemann und Eugen Drewermann, die den Glauben an die Jungfräulichkeit Marias lächerlich machen. Sie behaupten, man müsse den Glaubensartikel symbolisch verstehen: Die Jungfräulichkeit Marias meine ihre Reinheit des Geistes, also ihre uneingeschränkte Offenheit für Gott. Das meint sie in der Tat, genauer gesagt: der jungfräuliche Leib Marias ist ein Ausdruck, ein Realsymbol für ihre geistige Haltung vor Gott. Ein symbolisches Verständnis ist angemessen, aber es muß auch etwas da sein, das als Symbol dient. Ein Symbol ist immer etwas Sichtbares, das in sich verweist auf etwas Unsichtbares. Eine Denkerstirn ist ein Zeichen für einen tiefsinnigen Geist. Aber ich kann doch von einem Menschen nur sagen, er habe eine Denkerstirn, wenn ich eine solche auch sehen kann. Wenn das sichtbare Zeichen fehlt, kann der Mensch sehr wohl tiefsinnig sein, aber eine Denkerstirn hat er dann nicht.

So ist es auch mit der Jungfräulichkeit. Verheiratete Menschen mit Kindern können sehr wohl für Gott offen und tiefgläubig sein. Aber von ihnen zu sagen, sie seien deshalb Jungfrauen, tut unserer Sprache und dem, was wir mit Symbolik meinen, Gewalt an. Wenn die Jungfräulichkeit Marias symbolisch zu verstehen ist, dann kann das nur heißen, daß sie wahrhaft Jungfrau war und daß dieses leibliche Merkmal ein Ausdruck ihrer geistigen Hingabe an Gott ist.

So ist es ja mit jedem Christen, der den evangelischen Rat der Jungfräulichkeit befolgt. Indem eine Ordensfrau, ein Ordensmann oder ein Priester um des Himmelreiches willen auf die Ehe verzichtet, setzt er oder sie ein Zeichen für den je größeren Gott, um dessentwillen es sich lohnt, auf die geschlechtliche und familiäre Einheit zu verzichten. Und es wäre der größte Unsinn, Maria als „Königin der Jungfrauen" anzurufen, wenn sie nicht selbst Jungfrau gewesen wäre.

Natürlich ist die Jungfräulichkeit Marias nicht der eigentliche Stein des Anstoßes, sondern daß sie zugleich Mutter gewesen ist. Wie soll das möglich sein? – Nun, so fragt Maria selbst, denn es ist natürlich biologisch unmöglich; aber Maria bekommt zur Antwort: „Für Gott ist nichts unmöglich." Das heißt: Gott kann ausnahmsweise etwas geschehen lassen, was sonst nie geschieht.

Die Frage ist nun die: Warum sollte Gott das tun, warum sollte er Dinge bewirken, die den normalen Naturgesetzen widerstreiten? Doch die Antwort ist nicht so fernliegend, wenn wir bedenken, welch unerhörtes und ungeheuerliches Ereignis den Kern unseres Glaubens ausmacht: daß Gott Mensch geworden ist.

Gott tritt wahrhaft in unsere Welt, in unsere Geschichte ein – ist das nicht noch viel erstaunlicher als die Erschaffung der Welt aus dem Nichts? Wie sollte die Natur aus sich selbst das zuwege bringen? Nur Gott selbst konnte dieses Wunder aller Wunder vollbringen – und das ist der Grund, warum Jesus, der Sohn Gottes, nicht auf natürliche Weise gezeugt wurde, so wie er auch nicht der natürlichen Verwesung unterworfen war, sondern von den Toten auferstehen konnte. Die jungfräuliche Empfängnis und Mutterschaft Mariens ist nicht eine mythologische Legende, wie Eugen Drewermann ohne überzeugende Begründung meint, sondern das einzigartige Symbol für die staunenswerte Tatsache, daß der Mensch Jesus zugleich der ewige Sohn Gottes ist.

Wäre Josef der leibliche Vater Jesu gewesen, dann hieße er mit demselben Recht Vater Gottes, wie Maria Mutter Gottes genannt wird. Da dies absurd ist, bliebe nur die andere Möglichkeit, überhaupt zu bestreiten, daß Jesus Gott ist, daß also weder Josef Vater noch Maria Mutter Gottes ist, und Jesus wäre ein bloßer Mensch wie du und ich.
Wir können nicht einfach nach unserem Geschmack oder nach unserer begrenzten Einsicht Teile des Glaubensbekenntnis beliebig umdeuten. Alles hängt mit allem zusammen. Wenn wir bestreiten, daß Maria die jungfräuliche Mutter Jesu ist, dann haben wir zugleich den Glauben an die Menschwerdung Gottes in Frage gestellt, und wo bleibt dann die Hoffnung, von Sünde und Tod erlöst zu werden?