8. Teil: Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt,
gestorben und begraben (I)
Liebe Gemeinde!
Ich möchte heute die Reihe über das Glaubensbekenntnis fortsetzen
und mit Ihnen über den 4. Artikel nachdenken: Gelitten unter
Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben". Ich gehe in
drei Schritten vor. Zuerst frage ich, warum der Hohe Rat den Tod Jesu
wollte. Dann stelle ich die wichtigsten geschichtlichen Ereignisse um
den Kreuzestod Jesu dar, und schließlich richte ich die Aufmerksamkeit
auf Pontius Pilatus. In der nächsten Predigt werde ich dann über
die Bedeutung des Todes Jesu für uns Menschen sprechen.
1. Jesus und Israel.
Jesus wurde von den meisten Leuten seines Volkes geliebt, aber er hatte
auch Feinde, vor allem aus den Reihen der Pharisäer und Schriftgelehrten.
Wie war das möglich? Was wurde ihm vorgeworfen? Man warf Jesus zwei
Verbrechen gegen die Religion vor, auf denen die Todesstrafe stand: Er
sei ein Gotteslästerer und ein falscher Prophet. Der Vorwurf der
Gotteslästerung entstand durch Jesu Auslegung des heiligen Gesetzes,
z.B. des Sabbatgebotes und aufgrund seines Anspruchs, Sünden zu vergeben:
Wer kann Sünden vergeben außer dem einen Gott?"
(Mk 2,7) Mit welchem Recht konnte Jesus sagen: Der Sabbat ist für
den Menschen da!" oder: Wer nicht für mich ist, der ist
gegen mich!" oder: Ich bin gekommen, die Sünder zu berufen,
nicht die Gerechten!"? Entweder war er ein kompletter Spinner und
Lästerer oder er war wirklich mit Gott eins, wie er behauptete (Joh
10,30).
In der Tat gab es unter den religiösen Autoritäten in Jerusalem
eine Reihe von hochangesehenen Menschen, die Jesus glaubten und ihm anhingen,
z.B. Nikodemus oder Joseph von Arimathäa. Nach seiner Auferstehung
waren es sogar sehr viele, die sich bekehrten (Apg 6,7; 15,5; 21,20).
Dennoch setzte sich die andere Gruppe durch, die angeführt wurde
u.a. vom Hohenpriester Kajaphas, der aus strategischem Kalkül vorschlug:
Ihr bedenkt nicht, daß es besser für euch ist, wenn ein
einziger Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde
geht." (Joh 11,50) Jesus mußte sterben, damit das Volk ruhig
blieb und den Römern nicht Anlaß gab, den Tempel zu zerstören
(Joh 11,48)! So lieferten sie Jesus an die verhaßte Besatzungsmacht
aus, die alleine das Recht hatte, Todesurteile zu verhängen.
2. Jesus vor dem Hohen Rat
Jesus wurde von einem seiner Jünger verraten, von Judas, der offenbar
von Jesus enttäuscht war wie so manche in jenen Tagen, weil
Jesus immer abgelehnt hatte, das alte Königtum in Israel wiederherzustellen.
Der Verrat führte zur Verhaftung Jesu und einem ersten Verhör
vor dem Hohen Rat. Der Hohepriester fragte Jesus: Ich beschwöre
dich bei dem lebendigen Gott, sag uns: Bist du der Messias, der Sohn Gottes?
Jesus antwortete: Du hast es gesagt. Doch ich erkläre euch: Von nun
an werdet ihr den Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen und auf den
Wolken des Himmels kommen sehen." (Mt 26,63f) Zum ersten Mal hatte
Jesus es ausgesprochen, was immer sein Anspruch gewesen war: der Sohn
Gottes selbst zu sein. Nun war sein Todesurteil besiegelt, und Jesus wurde
an Pilatus ausgeliefert.
3. Jesus vor Pilatus
Wer war dieser Pilatus? Was macht ihn zu dieser Schlüsselperson,
die einen so außergewöhnlichen Anteil an unserer Heilsgeschichte
hat? Pontius Pilatus war in den Jahren von 26 bis 36 n. Chr. Statthalter
der römischen Provinz Judäa. Er residierte in Cäsarea,
kam aber zu den großen Festen nach Jerusalem. Öfter hatte er
schon die religiösen Gefühle der Juden mißachtet und war
infolgedessen nicht beliebt. Aber er hatte die ganze Macht des römischen
Kaisers über die unterworfene Provinz. Pilatus war sich seiner
Macht bewußt. So sagte er zu Jesus: Du sprichst nicht mit
mir? Weißt du nicht, daß ich Macht habe, dich freizulassen,
und Macht, dich zu kreuzigen?" Doch diese Macht ist ihm nur geliehen,
wie Jesus klarstellt: Du hättest keine Macht über mich,
wenn es dir nicht von oben gegeben wäre."
Pilatus wollte Jesus schonen. Als er seine Unschuld erkannt hatte, versuchte
er alles Mögliche, um seine Haut zu retten. So scheint es jedenfalls.
Aber er hat ihn letztlich doch verurteilt. Welche Mittel hat Pilatus eingesetzt,
um Jesus vor dem Todesurteil zu bewahren? · Zuerst versucht er,
die unangenehme Pflicht des Richtens auf Herodes abzuschieben. Dieser
Scheinkönig ist zufällig in Jerusalem, doch der schickt Jesus
zu Pilatus zurück, nachdem er seinen Spott mit ihm getrieben hat.
Pilatus und Herodes werden durch diesen Vorfall Freunde, notiert der Evangelist
nüchtern und entlarvend: Ihr gemeinsames Vergehen an der Menschenwürde
eines Unschuldigen schweißt sie zusammen. Es gibt nicht nur Gemeinschaft
im Guten, es gibt sie auch im Bösen: Komplizenschaft. Der Andere
beruhigt mein Gewissen, wenn er dasselbe tut wie ich. Er versteht mich.
Er ist mein Freund! So wächst das Böse weiter an...
· Aber noch ist der gute Kern in Pilatus nicht ganz korrumpiert.
Als nächstes versucht er, das Volk für Jesus zu gewinnen. Er
ist Politiker, gewohnt, mit Macht zu spielen. So meint er die Psychologie
der Massen zu kennen: Wenn die verhaßten Pharisäer gegen Jesus
sind, dann wird das Volk für Jesus sein. Ganz klug gedacht, aber
die Rechnung geht diesmal nicht auf! Er hat nicht das Volk vor sich, sondern
einen aufgehetzten Pöbel. Und der Pöbel will die Freiheit ausgerechnet
für Barabbas, den Mörder, für Jesus dagegen die Kreuzigung!
Pilatus verliert seinen wichtigsten Trumpf. Er hat sich nun mal
eingelassen auf das Spiel mit der Macht, mit der Psychologie. So macht
er weiter, immer noch hoffend, das Ruder herumreißen zu können.
· Er tut dem Pöbel genug, läßt ihn Blut sehen,
so wird er zufrieden sein (denkt er). Die Macht hat er ja. Er läßt
Jesus geißeln, eine Strafe, die viele nicht überleben. Mit
jedem Geißelhieb werden Jesus ganze Fleischstücke aus der Haut
gerissen, aus der Haut, die Pilatus ihm angeblich retten will. Es geschieht
ja alles nur zu seinem Wohl! Kalkül eines gefühllosen Politikers,
der nichts als seine eigene Haut sieht, seine eigenen Hände, die
ihm allerdings dann doch schmutzig zu werden scheinen!
Ich gebe zu: Als Kind und als Jugendlicher habe ich, wenn die Passion
vorgelesen wurde, immer gehofft, daß das Kalkül der Pilatus
vielleicht doch aufgehen möchte! Daß das Opfer, das Pilatus
dem Jesus auferlegte, mit der Geißelung spätestens sein Ende
fände! Ich war in der Logik des Machtmenschen Pilatus gefangen und
bin es wahrscheinlich auch heute noch oft genug. Ich nenne es nur ein
wenig anders: Man muß Kompromisse schließen können. Man
soll die Leute nicht vor den Kopf stoßen.
Die Geißelung hat Jesus fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt.
Er blutet aus zahlreichen Wunden. Pilatus versucht, Mitleid für ihn
zu erregen: Seht da, was für ein Mensch!" Doch ihm schallt
es nur entgegen: Ans Kreuz mit ihm, ans Kreuz mit ihm!" Ein
letzter kläglicher Versuch von Pilatus, das Volk umzustimmen, führt
dazu, daß ihm die wahre Anklage gegen Jesus mitgeteilt wird: Wir
haben ein Gesetz, und nach diesem Gesetz muß er sterben, weil er
sich als Sohn Gottes ausgegeben hat." Sohn Gottes! Das läßt
Pilatus erzittern. Er ist zwar ein Skeptiker, aber gerade deshalb kann
er keine Möglichkeit sicher ausschließen. Mit den göttlichen
Mächten will er sich nicht anlegen. Aber die kann er auch nicht sehen.
Was er dagegen sehen kann, das ist seine Karriere, sein guter Ruf beim
Kaiser. Um den geht es jetzt auch! Die Unentschlossenheit, die von Beginn
an den Statthalter ausgezeichnet hat, führt zum letzten feigen Schritt
im Prozeß: zum Todesurteil gegen Jesus.
Pilatus hat nicht versucht, Jesus wirklich kennenzulernen. So entging
ihm die Chance, die Faszination Jesu zu entdecken und zum Glauben zu finden.
Da sind wir in einer besseren Lage, aber auch in einer größeren
Verantwortung. Dazu müssen wir uns vor allem darüber klar werden,
welchen tieferen Sinn der Tod Jesu hatte.
9. Teil: Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt,
gestorben und begraben (II)
Liebe Gemeinde!
Heute möchte ich die Auslegung des Glaubensartikels fortsetzen,
in dem es heißt: Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt,
gestorben und begraben". Ich frage nach dem Sinn des Geschehens damals
und heute.
Daß Jesus am Kreuz gestorben ist, war kein zufälliges, bedauerliches
Zusammentreffen von Irrtümern und Verblendungen. Paulus schreibt:
Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß
der Schrift". (1 Kor 15,3) Jesus selbst erklärt den Emmausjüngern:
Mußte nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit
zu gelangen?" Das dürfen wir andererseits freilich nicht so
mißverstehen, daß diejenigen, die Jesus verraten und verurteilt
haben, nur die willenlosen Ausführer eines Szenarios waren, das Gott
im voraus angeordnet hat. (Vgl. KKK n. 599)
Gott ist ewig, für ihn verfließt keine Zeit. Darum ist für
ihn jeder Zeitpunkt ewige Gegenwart. Seine Vorherbestimmung bezieht immer
das freie Tun des Menschen mit ein. Gott läßt die bösen
Taten zu, ohne sie selbst zu wollen, aber er baut sie auch in seinen Heilsplan
ein, so daß aus dem Bösen durch Seine Fügung am Ende noch
etwas Gutes wird. Gottes Heilsplan, der den Tod Jesu voraussah, war in
der Heiligen Schrift bereits angekündigt, vor allem in der Weissagung
vom leidenden Gottesknecht, wo es zum Beispiel heißt:
Er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich
geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen
und gebeugt. Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen
unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm,
durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir hatten uns alle verirrt wie
Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr lud auf ihn
die Schuld von uns allen." (Jes 53, 4-6)
Hier wird in aller Deutlichkeit angekündigt, daß der Knecht
Gottes stellvertretend für die sündigen Menschen Leiden und
Strafe auf sich nehmen wird, daß also Jesu Tod die Sühne für
die Schuld der ganzen Menschheit sein sollte. Mit dem Bild des Loskaufs
sagt es der heilige Petrus deutlich:
Ihr wißt, daß ihr aus eurer sinnlosen, von den Vätern
ererbten Lebensweise nicht um einen vergänglichen Preis losgekauft
wurdet, nicht um Silber oder Gold, sondern mit dem kostbaren Blut Christi,
des Lammes ohne Fehl und Makel. Er war schon vor der Erschaffung der
Welt dazu ausersehen, und euretwegen ist er am Ende der Zeiten erschienen."
(1 Petr 1,18-20)
Das Blut Jesu war der Preis für unsere Erlösung. Jesus hat
sein Leben freiwillig hingegeben, um eben diesen Preis zu bezahlen. Selbstverständlich
hätte er die Macht gehabt, dieses Schicksal zu verhindern. So betet
er einmal: Jetzt ist meine Seele erschüttert. Was soll ich
sagen: Vater, rette mich aus dieser Stunde? Aber deshalb bin ich in diese
Stunde gekommen." Und zu Petrus, der ihn im Garten Gethsemani mit
dem Schwert verteidigen will, sagt er:
Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert
greifen, werden durch das Schwert umkommen. Oder glaubst du nicht, mein
Vater würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schicken,
wenn ich ihn darum bitte?" (Mt 26,53)
Jesus wußte, daß uns nur so retten konnte, daß er an
unserer Stelle die Gottferne erlitt, in die uns unsere Sünden gebracht
haben; das war die tiefste Verlassenheit, die er am Kreuz aushalten mußte
und die ihn rufen ließ: Mein Gott, mein Gott, warum hast du
mich verlassen?" Wenn wir gerade das Gleichnis vom barmherzigen
Vater gehört haben, dann sollten wir diesen Zusammenhang immer mit
bedenken: Daß der Vater im Himmel mit uns verlorenen Kindern Erbarmen
haben konnte, war nur möglich, weil Jesus den Preis der Barmherzigkeit
bezahlt hat.
Darum ist es so wichtig, daß wir das Leiden Jesu betrachten und
zum Beispiel den Kreuzweg beten. (Ich bin sehr froh, daß so viele
zu unseren Kreuzwegandachten kommen und so zeigen, daß sie Antwort
auf die unendliche Liebe Jesu geben möchten, Antwort in Dank, Lob
und neuem Vorsatz.) Denn wenn wir dem Gekreuzigten Aug in Auge gegenüberstehen,
dann erscheint sogar das, was wir als Liebe zu bezeichnen gewohnt sind,
als von einem abgründigen Egoismus durchdrungen; die Sünden
eines anderen tragen das kommt für uns nicht in Frage; aber
daß Christus unsere Sünden trägt, das kann uns nur recht
sein, wenn er es denn tun will! Ja, vor einem Bild des leidenden Jesus
wird uns bewußt, daß es unsere eigenen Sünden waren,
die ihm dies Leid zugefügt haben. Denn Jesus wäre auch für
mich allein gestorben. Und im Hebräerbrief heißt es: Diejenigen,
die in die alten Sünden zurückfallen, schlagen jetzt den
Sohn Gottes noch einmal ans Kreuz und machen ihn zum Gespött."
(Hebr 6,6) Dazu sagt der heilige Franz von Assisi: Dämonen
sind nicht jene, die ihn gekreuzigt haben, sondern du, der du ihn zusammen
mit ihnen gekreuzigt hast und immer noch kreuzigst, indem du dich in Lastern
und Sünden vergnügst."
Die Betrachtung des gekreuzigten Jesus kann uns helfen, die Mitte unseres
Lebens zu finden gerade dann, wenn Krankheiten, Leiden oder die
Erfahrung von Schuld oder Tod unsere Lebensentwürfe durchkreuzen.
So führt die Betrachtung des Leidens Jesu zur neuen Anbetung: Wir
beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich, denn durch dein
heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst!"
10. Teil: Hinabgestiegen in das Reich des Todes
(Karsamstag)
Liebe Gemeinde!
In der heutigen Predigt spreche ich über den Teil des Credos, in
dem es heißt: begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes".
Wir betrachten dabei das Geheimnis des letzten Tags der Karwoche, des
Karsamstags. Dieser Tag erscheint uns eher wie ein unbedeutender Übergang
zwischen den großen Feiern des Sterbens und des Auferstehens des
Herrn. Am Karsamstag gibt es keine spezielle Liturgie, keine Messe und
außer dem Stundengebet auch keinen anderen Gottesdienst. Der Tabernakel
ist leer geräumt, die Kirche kahl, der Altar ohne Decke und Schmuck
so nimmt dieser Tag auch keine prägende Stelle in unserem
Bewußtsein ein.
Und doch wird an diesem Tag ein wichtiges Geheimnis unseres Glaubens
begangen und gedeutet, eben der wirkliche Tod Jesu und sein Hinabsteigen
in das Reich des Todes.
1. Zunächst bedeutet dieses Glaubensgeheimnis, daß Jesus den
Tod wahrhaft gekostet hat. (Hebr 2,9) Jesus war nicht scheintot, wie einige
Irrlehrer behauptet haben. Er erlitt den Tod mit all seinen Konsequenzen:
d.h. seine Seele trennte sich vom Leib und wurde erst bei der Auferstehung
wieder mit ihm vereint.
An dieser Stelle möchte ich kurz innehalten und die Frage ganz allgemein
stellen, was im Tod mit uns Menschen geschieht. Wenn wir sagen, die Seele
trenne sich vom Leibe, wohin geht sie dann? Ist sie überhaupt noch
an einem Ort, wo sie doch selber unkörperlich ist? Seit einigen Jahren
werden Menschen, die einige Zeit klinisch tot waren und wiederbelebt wurden,
über ihr Erlebnis dabei befragt. Vor allem Elisabeth Kübler-Ross
hat darüber eine Reihe Bücher geschrieben.2 Nach ihren Forschungen
haben alle klinisch Toten dasselbe Erlebnis gehabt: Sie sahen ihren eigenen
Leib im Bett liegen, von oben sozusagen, hörten auch, was die Ärzte
sprachen und wurden dann durch eine Art lichterfüllten Tunnel gezogen
in Richtung auf ein Lichtwesen, das unendliche Wärme und Güte
ausstrahlte. Solche Berichte sind zwar glaubwürdig, aber sie
beweisen nicht so viel, wie Frau Kübler-Ross meint. Durch sie wird
zwar sehr nahegelegt, daß die Seele nach dem Tod weiterbesteht,
aber was dann wirklich geschieht, kann man daraus nicht sicher erfahren.
V.a. ist es fragwürdig, zu sagen, daß durch solche Erlebnisse
erwiesen sei, der Tod sei gar nichts Ernstes, sondern nur eine Art Befreiung
der Seele. Eine solche Rede verharmlost den Tod und wertet den Leib des
Menschen ab. So sagt Kübler-Ross, der Leib, von dem sich die Seele
trennt, sei ein bloßer Kokon", aus dem dann der wahre
Schmetterling schlüpfen soll. In Wahrheit ist der Tod nicht eine
Befreiung der Seele aus dem Leib, sondern eine Trennung, die zugleich
eine Trennung von der Gemeinschaft der Mitmenschen ist. Diese Trennung
ist auf jeden Fall negativ zu werten, und die Trauer der Angehörigen
ist deshalb durchaus angemessen. In der Bibel heißt es: Gott
hat den Tod nicht gemacht und hat keine Freude am Untergang der Lebenden."
(Weish 1,13)
2. Die Seele führt nach der Trennung vom Leibe nicht automatisch
ein erfülltes und schönes Leben. Schon der griechische Philosoph
Platon wußte, daß die Unsterblichkeit als solche keinen Trost
spenden kann, daß sie sogar eine furchtbare Gefahr" ist
für den, der nicht das Gute will. Die Bibel benutzt viele verschiedene
Ausdrücke, um den Zustand der getrennten Seele zu bezeichnen. Sie
spricht von der Scheol" und vom Hades" (Ps 6,6;
88,11ff) als einem Ort der Gottferne und der Erwartung der endgültigen
Erlösung. Diesen Ort nennt das Glaubensbekenntnis in nüchterner
Sprache Reich des Todes". In dieses Reich ist die Seele Christi
hinabgestiegen, wie es im 1. Petrusbrief heißt: So ist er
auch zu den Geistern gegangen, die im Gefängnis waren, und hat ihnen
gepredigt." (1 Petr 3,19) Und etwas später: Denn auch
Toten ist das Evangelium dazu verkündet worden, daß sie wie
Menschen gerichtet werden im Fleisch, aber wie Gott das Leben haben im
Geist." (1 Petr 4,6) Jesus selbst hat seinen Hinabstieg zu den Toten
angekündigt: Die Stunde kommt, und sie ist schon da, in der
die Toten die Stimme des Sohnes Gottes hören werden; und alle, die
sie hören, werden leben." (Joh 5,25)
Während der Leichnam Jesu im Grab lag, stieg also seine Seele in
das Reich des Todes hinab, zu den übrigen Seelen aller Verstorbenen.
In kraftvollen Bildern hat die Kunst dieses Mysterium darzustellen versucht:
Jesus bricht die Höllentore auf und zieht im Triumph durch die Unterwelt,
um dort allen, die je gelebt haben, die Frohe Botschaft zu verkünden
und sie aus den Fesseln des Todes zu befreien. Der Tod muß seine
Beute hergeben, weil Jesus, der Urheber des Lebens", stärker
ist und nun die Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt" in
Händen hält (Offb 1,18). An Jesus erfüllt sich zuerst,
was der 16. Psalm sagt: Du gibst mich nicht der Unterwelt preis,
du läßt deinen Frommen das Grab nicht schauen."
3. Ein weiterer Gedanke legt sich von unserem Thema her nahe: Indem Jesus
sich wie ein Weizenkorn in die Erde senken und begraben läßt,
nimmt er freiwillig die letzte Ohnmacht an, die das Schicksal jedem Menschen
bereitet. Nun kann er nichts mehr tun, nichts mehr sagen ein tiefes
Schweigen liegt über dem Grab Jesu. Maria Magdalena sitzt an diesem
Grab und kann nun nichts mehr von Jesus sehen und hören. Und doch
sucht sie in ihrer Treue noch die Gemeinschaft mit dem Gestorbenen, der
nunmehr durch sein Schweigen spricht.
Kennen wir diese Erfahrung nicht auch: daß Jesus nicht mehr mit
uns zu sprechen scheint, daß er unsere Wünsche und Träume
nicht erfüllt hat und daß wir sie deshalb begraben müssen?
Was tun wir, wenn Gott schweigt? Wenden wir uns dann von ihm ab, oder
versuchen wir, ihn weiterzulieben, und bei ihm zu bleiben? Gott schweigt
immer wieder in unserem Leben, aber dieses Schweigen ist befristet, es
fordert unsere Treue heraus, damit wir zu neuer und tieferer Begegnung
mit ihm kommen können.
Der Karsamstag lädt uns ein, das Schweigen auszuhalten, an dem abwesenden
Herrn festzuhalten, ja, mit ihm, dem Begrabenen, eins zu werden. Darin
liegt auch ein Gedenken unserer Taufe, denn durch die Taufe sind
wir mit Jesus begraben worden", schreibt Paulus (Röm 6,4). Mit
Jesus begraben sein das bedeutet: uns mit ihm ganz in die Hände
Gottes geben, uns Gott ganz überlassen; gleichmütig sein gegenüber
allen Dingen; die Vergangenheit hinter uns lassen, die Zukunft der Vorsehung
anvertrauen und die Gegenwart Gott übergeben. Gott lädt uns
ein, bei ihm auszuruhen von all unserer Unruhe.
Wie der heilige Bonaventura sagt: Laßt uns den Sorgen und
Einbildungen Schweigen gebieten. Laßt uns mit dem Gekreuzigten aus
der Welt zum Vater hinübergehen".
11. Teil: Auferstanden von den Toten
Liebe Gemeinde!
In den vergangenen Wochen habe ich die Artikel unseres Glaubensbekenntnisses
ausgelegt bis hin zum Geheimnis von Jesu Abstieg in das Reich des Todes.
Gerade diesen Aspekt unseres Glaubens an Jesus Christus haben wir gestern
und heute in der Liturgie miterlebt. Und jetzt sind wir dabei, die Wende
mitzuerleben, nicht nur darüber theoretisch nachzudenken, sondern
unser persönliches Leben davon betreffen zu lassen:
Das Weizenkorn, das in die Erde gelegt wurde, hat seine Frucht entfaltet!
Jesus, der tot im Grabe lag, ist nicht mehr dort, der Lebende ist nicht
unter den Toten zu finden, er hat den Tod überwunden und kann nun
nicht mehr sterben!
Was bedeutet das für uns? Ich möchte dies aus zwei Perspektiven
entfalten: aus der Sicht von unbeschwerten Menschen, vor allem Kindern,
und aus der Sicht von Menschen, die leidgeprüft sind oder jedenfalls
verschiedene Brüche im Leben erfahren haben.
Wann immer ich mit Kindern den Kreuzweg Jesu betrachtet habe, konnte
ich beobachten, daß sie das Leiden Jesu nur bedenken konnten, wenn
sie das gute Ende" vorwegnahmen: Gut, daß Jesus am Ende
wieder auferstanden ist! Es ist für uns unerträglich, dem Leiden
eines geliebten Menschen zuzusehen, ohne die Aussicht zu haben, daß
alles wieder gut wird. Ein Kind, das Jesus liebt, freut sich über
seine Auferstehung, einfach weil damit sein Leiden endlich vorbei ist.
Natürlich ist dies auch die natürliche Reaktion eines Erwachsenen,
der sich die kindliche Liebe zu Jesus bewahrt hat. Wo Krankheit und Tod
das letzte Wort behalten, da beherrschen uns Trauer und Freudlosigkeit.
Wäre Jesus nicht auferstanden, dann hätten sein Leben und sein
Leiden keinen Sinn gehabt; er wäre eine Zeitlang betrauert und irgendwann
vergessen worden. Ohne Auferstehung kein Christentum!
Dieser Aspekt ist zweifellos sehr wichtig und gerade in einer Zeit zu
betonen, in der viele, die sich Christen nennen, die Osterbotschaft nicht
recht ernst nehmen können oder wollen. Aber er ist doch nur ein erster
Schritt zu einem gereiften Verständnis der Auferstehung Jesu. Anders
gesagt: Es ist gut, wenn im Erwachsenen noch das Kind lebt, seine unbeschwerte
Liebe zu Jesus und, damit verbunden, das Zurückschrecken vor dem
Leiden, das z.B. auch Petrus befiel, aber es ist auch notwendig, die Freude
über die Auferstehung geistlicher zu empfinden, sie nicht nur als
Happy end" auszukosten. Denn sonst wird es uns schwerlich gelingen,
die Osterbotschaft mit unserem eigenen Leben in Zusammenhang zu bringen;
der Auferstandene muß uns dann als die große Ausnahme erscheinen,
wie ein Hollywood-Star, dessen Heldentaten wir zur Ablenkung vielleicht
mal im Kino bewundern, wobei wir freilich wissen, daß es im Leben
eigentlich ganz anders zugeht.
Also nun zur geistlicheren Sicht! Sie schließt das Wissen ein,
daß in diesem Leben nicht alle Träume und Wünsche bruchlos
in Erfüllung gehen. Das ist die Erfahrung des Karsamstags, von der
ich am vorletzten Sonntag gesprochen habe, die Erfahrung des Schweigens
Gottes. Die Osterbotschaft bedeutet hier, daß Gott uns gerade durch
diese Erfahrung hindurch nahe ist. Daß er uns gerade nahe ist, indem
er selbst in das Todesschweigen hinabstieg, um uns von dort in sein Leben
hinein- und hinaufzuholen. Es kommt darauf an, den rettenden Gott in unserem
eigenen Leben zu erkennen und zu sehen, wie er auch heute Steine wegrollt
und neues Leben schenkt, wo alte Träume begraben liegen.
In der Osternacht vor 2000 Jahren gingen Frauen in der Dunkelheit zum
Grab. Sie wußten noch nicht, daß ihr Weg durch die Nacht der
Beginn ihres Osterweges sein sollte. Sie gingen dorthin, wo ihre Freude
begraben lag. Sie blieben nicht zu Hause, um sich dem Selbstmitleid zu
ergeben. Trotz der tiefen Trauer, die sie umfing, sagten sie sich nicht
resigniert: Da kann man sowieso nichts machen" oder Dafür
ist es zu spät". Redensarten, die bei uns heute immer wieder
verhindern, daß wir die Osterbotschaft wirklich in unser Leben einlassen.
Das Evangelium von heute mit seiner überraschenden Wendung ruft
Dir und mir zu: Geh genau dahin, wo deine Zukunft eingeschlossen scheint,
wo Hoffnung und Liebe verschlossen liegen, wo dein Mut zu ersticken droht!
Weißt du denn, ob die Gräber deiner Hoffnung tatsächlich
noch verschlossen sind, wenn du nicht nachsiehst? Vielleicht ist der Stein,
den du befürchtest, schon lange weggeräumt?! Muß der,
den du für deinen Feind gehalten hast, es weiter bleiben? Machen
die alten Vorwürfe überhaupt noch Sinn? Warum willst du dich
mit den kleinen und großen Grabsteinen in deiner Seele abfinden,
wenn Gott sie wegrollen will? Oder glaubst du nicht, daß Ostern
immer für eine Überraschung gut ist?
Ich will damit nicht naive Versprechen machen, etwa wie: Das Glück
liegt auf der Straße; Du mußt nur die Augen aufmachen!"
Ich möchte vielmehr sagen, daß wir nur von Ostern her die Hoffnung
haben können, daß auch die Brüche in unserem Leben, unser
Scheitern und unser Leiden einen Sinn haben, ein Ziel, das wir zwar noch
nicht kennen, aber in Gottes Vorsehung irgendwie eingeplant ist. Und diese
Hoffnung erlaubt es uns, als neue Menschen zu leben", wie Paulus
sagt.
In einem Osterlied heißt es: Verklärt ist alles Leid
der Welt, des Todes Dunkel ist erhellt. Der Herr erstand in Gottes Macht,
hat neues Leben uns gebracht!" Weil Christus den Tod besiegt hat,
können wir glauben, daß auch unser Leiden verklärt ist,
d.h. einbezogen ist in Gottes neu schaffende Liebe. Wir können nun
dem Leid ganz realistisch in die Augen sehen, dem eigenen wie dem fremden:
dem eigenen, indem wir uns mit Christi Leiden verbinden, um so mit ihm
aufzuerstehen; und dem fremden, indem wir es mittragen und Trost geben,
soweit es uns möglich ist.
So können wir Zeugnis von unserem Glauben geben! So leben wir
wie der Apostel Paulus sagt als neue Menschen, als frohe Menschen,
denen man die Hoffnung am Gesicht ablesen kann, als friedfertige Menschen,
die anderen ihr Unrecht vergeben können, als erlöste Menschen,
die sich aus den Mächten der Sünde und des Todes befreit wissen.
Amen.
12. Teil: Aufgefahren in den Himmel
Liebe Gemeinde!
Ein Lied von W. Willms trägt den Titel: Weißt du, wo
der Himmel ist? Außen oder innen? Eine Handbreit rechts und links?"
Und es antwortet lapidar: Du bist mitten drinnen!" In
der zweiten Strophe wird ergänzt: Nicht so tief verborgen!
Einen Sprung aus dir heraus, aus dem Haus der Sorgen." Und in der
dritten Strophe schließlich heißt es: Nicht so hoch
da oben! Sag doch ja zu dir und mir, du bist aufgehoben!"
In dieser für Kinder vereinfachten Ausdrucksweise wird das von unserer
Beschaffenheit als Sinneswesen nahegelegte Mißverständnis abgewehrt,
der Himmel, in den Jesus aufgefahren ist und der unsere Heimat werden
soll, sei der Himmel über den Wolken. Die englisch Sprechenden werden
nicht so leicht auf diese Verwechslung kommen, haben sie doch zwei unterschiedliche
Wörter für unser deutsches Wort Himmel": Den sichtbaren
Himmel nennen sie sky", den religiösen Himmel"
dagegen nennen sie heaven". Wenn ein Astronaut mit einer Rakete
immer weiter und weiter fliegen würde, dann käme er am Ende
dort wieder an, wo er gestartet ist, er hätte sich nur im Kreis gedreht.
Das ist genauso, wie wenn man auf der Erde immer nur geradeaus läuft,
dann läuft man auch nur einmal herum und kommt hinten wieder an.
Durch das bloße Reisen durch den Raum, und sei es der Weltraum,
kann man die Welt nicht verlassen, man dreht sich gewissermaßen
nur im Kreis. Auf diese Weise wird der Himmel im religiösen Sinn
nicht erreicht, denn dieser ist Innen, die Innenseite der Welt, die unseren
Augen und Ohren verborgen ist. Der Himmel ist da, wo Gott ist, der alles
geschaffen hat und von innen her belebt. Gott ist derjenige, in dem wir
leben und sind. Er wohnt inniger in uns, als wir selbst in uns sind. Er
ist der unvertreibbare Gast unserer Seele.
Wir können uns das derzeit nur mit räumlichen Bildern vorstellen,
auch das Wort Innen" ist ja eine räumliche Beschreibung.
Das ist wohl auch der Grund, warum die Jünger Jesus in räumlicher
Weise haben auffahren sehen, bis eine Wolke ihn verhüllte. Wie anders
sollte Jesus seine endgültige Verherrlichung versinnbildlichen als
durch eine räumliche Entfernung nach oben"? Nach oben
das heißt: weg von dieser Erde, die uns auf Dauer nicht Heimat
bieten kann. Aber gerade das ist für viele ein Stein des Anstoßes:
Freunde, bleibt der Erde treu!" rief vor 100 Jahren schon Nietzsche
aus und gab damit die Parole aus, die seither unsere Medizin und Wissenschaft
leitet. Der Mensch des 20. Jahrhunderts wollte sein Leben in der Weise
selbst in die Hand nehmen, daß er mit eigenen Kräften das Paradies
auf dieser Erde schaffen wollte ein auf die Erde gezogener Himmel,
ein Himmel ohne Gott. Die ökologische Krise hat dieser innerweltlichen
Hoffnung freilich einen gewaltigen Dämpfer versetzt, doch sie hat
immer noch nicht aufgegeben, wie man gerade an den zahlreichen Befürwortern
der Gentechnik sehen kann, von der man sich nun alles Heil verspricht.
Doch was für ein Heil? Ein Heil an Gott vorbei und auch am Menschen
vorbei, denn beim sog. therapeutischen Klonen" sollen menschliche
Embryonen gezüchtet werden, um aus ihnen Ersatzteile für Kranke
herzustellen. Manche haben deshalb von einer Rückkehr in die kannibalistische
Vorzeit gesprochen. Von höchster Stelle werden solche Bedenken indes
als ideologische Scheuklappen" abgetan, und so scheint Goethes
Wort aus dem Faust wieder einmal zuzutreffen: Den Teufel spürt
das Völkchen nie, und wenn er sie beim Kragen hätte!" Und
dieses Völkchen singt munter: Uns ist ganz kannibalisch wohl,
als wie fünfhundert Säuen!"
Vor diesem Hintergrund erscheint die Brisanz und Bedeutung der Auffahrt
Jesu in den Himmel in neuem Licht: Wir bereiten uns die Hölle, wenn
wir den Himmel selbst schaffen wollen auf dieser Erde; das Heil, das uns
verheißen ist, gibt es nicht hier unten", sondern seine
Richtung zeigt nach oben" und nach innen". Die Jahrtausendwende
scheint einen Bewusstseinswandel eingeleitet zu haben: Immer mehr Menschen
spüren, daß dies wirklich die Wahrheit ist. Viele aber kennen
diese Wahrheit nicht oder nur sehr vage, weil das 20. Jahrhundert ihnen
ganz andere Botschaften eingehämmert hat. Eine wachsende Zahl von
Menschen ist der Gottlosigkeit überdrüssig geworden. An uns
Christen liegt es darum, ihrer Sehnsucht nach Wahrheit entgegenzukommen
und ihnen Rechenschaft von unserer Hoffnung zu geben (1 Petr 3,15), die
darauf basiert, daß Christus nicht in ein von Menschenhand
errichtetes Heiligtum hineingegangen ist, in ein Abbild des wirklichen,
sondern in den Himmel selbst, um jetzt für uns vor Gottes Angesicht
zu einzutreten" (Hebr 9,24; vgl. 7,25).
13. Teil: Er sitzt zur Rechten Gottes, von dort
wird er kommen...
Liebe Gemeinde!
In der Lesung aus der Offenbarung hören wir, wie Christus spricht:
Siehe, ich komme bald, und mit mir bringe ich den Lohn, und ich
werde jedem geben, was seinem Werk entspricht." Gemeint ist der sog.
Jüngste Tag und das Gericht nach den Werken. Jesus Christus, der
in den Himmel aufgefahren ist, sitzt nun zur Rechten Gottes, des Allmächtigen
Vaters, und er wird einst wiederkommen, um Gericht zu halten. Die Gemeinde
der Christen fleht dieses Kommen herbei, indem sie ruft: Komm, Herr
Jesus!" Denn die jetzige Zeit ist eine Zeit der Not und der Prüfung,
die ganze Schöpfung liegt gleichsam in Geburtswehen und erwartet
seufzend den Tag der endgültigen Erlösung (vgl. Röm 8,22f).
So jedenfalls haben es die ersten Christen empfunden, und so fühlen
alle Christen, die unter materieller Not, Ungerechtigkeit oder Verfolgung
zu leiden haben. Für uns Christen, die wir in relativer Sicherheit
und in großem Wohlstand leben, scheint die Wiederkunft Christi nicht
gerade der erste Gegenstand des Bittens und Flehens zu sein. Während
die Christen z.B. in Lateinamerika sich mit dem Gedanken an das Endgericht
trösten weil dann endlich die Gerechtigkeit triumphiert ,
werden viele von uns damit eher erschreckt.
Gott ist gerecht und barmherzig. Diese Eigenschaften stehen untereinander
in Spannung, und wieder bewirken die unterschiedlichen Lebensverhältnisse
der Christen eine verschiedene Haltung diesen göttlichen Eigenschaften
gegenüber. Wer Unrecht erleidet, freut sich im Leiden auf die Gerechtigkeit
des göttlichen Richters, wer die eigene Unvollkommenheit spürt,
wünscht sich nichts sehnlicher als einen barmherzigen Gott.
Die Spannung kann bis zum Gegensatz gesteigert werden. Dann entsteht
die Frage: Ist es möglich, daß Gott in seiner Eigenschaft als
gerechter Richter einen Menschen auf ewig verstößt? Aber wie
kann man ihn dann noch barmherzig nennen? Es gibt Christen und
sie sind keineswegs die schlechtesten die geradezu Angst bekommen,
wenn sie sich fragen: Gehöre ich vielleicht auch zu denen, die vor
Gott nicht bestehen können? Warum hat mich Gott dann bloß erschaffen,
wenn er voraussieht, daß ich nicht gerettet werde?
Diese schwierigen Fragen sind sicher ein Grund dafür, daß
in der Kirche seit langem kaum noch von der Hölle geredet wird. Man
möchte sich nicht gerne dem Vorwurf aussetzen, aus der Frohbotschaft
Jesu eine Drohbotschaft zu machen. Aber so einfach können
wir es uns doch wohl nicht machen. Jesus hat mehrfach selbst diese schreckliche
Möglichkeit erwähnt, zum Beispiel: Was nützt es einem
Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt?
Um welchen Preis kann ein Mensch sein Leben zurückkaufen?" (Mt
16,26)
Aber widerspricht es nicht der Güte Gottes, wenn auch nur ein einziger
Mensch auf ewig verdammt wird? Die Antwort darauf ist kurz gesagt: Es
ist nicht so sehr Gott, der einen Menschen vom ewigen Heil ausschließt,
als der Mensch selbst, der sich Gottes Gnade verweigert. Gott möchte,
daß alle Menschen zum Heil kommen, aber wir sind frei, dieses gütige
Angebot Gottes auch abzulehnen.
Dagegen die weitere Frage: Ist es überhaupt vorstellbar, daß
ein Mensch nicht in den Himmel kommen will? Wenn ich vor die klare Wahl
gestellt werde, Himmel oder Hölle zu wählen, entscheide ich
mich dann nicht notwendigerweise für den Himmel? Darauf läßt
sich nicht mit einem Satz antworten. Zunächst ist zu bedenken, daß
den Himmel zu wählen zugleich bedeutet, die Liebe zu wählen.
Wer nicht liebt, bleibt im Tode." Da jedoch die Liebe auch
anstrengend ist und Opfer und Mühen verlangt, ist nicht jeder Mensch
bereit dazu. Die Versuchung zum Egoismus begleitet uns ständig, und
nur Gottes Gnade kann uns dagegen helfen. Freilich hat der Mensch in jedem
Moment seines Lebens die große Chance, sich von seinem Egoismus
und von seinen Sünden gegen die Liebe zu bekehren und sich neu für
Gott und für die Liebe zu entscheiden. Das Bußsakrament ist
dafür der beste Ausdruck und der leichteste Weg. Doch da tritt uns
das große Hindernis des Stolzes entgegen, der uns schmeichelnd einreden
will: Das habe ich doch gar nicht nötig! Das wäre eher etwas
für die anderen! Oder: Das kann keiner von mir verlangen, selbst
Gott nicht! Die alte Schlange meldet sich und ruft uns zu: Ihr
werdet gewiß nicht sterben."
Ganz sicher ist jedenfalls und in der geistlichen Erfahrung millionenfach
bezeugt, daß der Mensch, der seine Bekehrung immer wieder aufschiebt,
allmählich verhärtet und immer blinder wird für seine geistliche
Notlage. Der bedeutende christliche Schriftsteller C.S. Lewis hat dies
auf eindrucksvolle Weise in seinem Buch Die große Scheidung"
deutlich gemacht. Er hat darin Dialoge von Menschen erfunden, die nach
ihrem Tod alten Bekannten begegnen, die sie in den Himmel hineinholen
wollen. Dies gelingt jedoch nur in manchen Fällen; viele verweigern
sich dieser ihrer letzten Möglichkeit der Umkehr aus ihrer je verschiedenen
Fehlhaltung, die sie hindert, in den Himmel einzugehen.
Gott ist Liebe und unendliche Glückseligkeit. Wir Menschen sind nach
seinem Bild geschaffen und berufen, an Gottes Herrlichkeit teilzunehmen.
Das Leben hier auf Erden ist wie eine Bewährungszeit, eine Zeit der
Einübung in die Liebe. Aber es ist auch eine Zeit der Versuchungen
und Verirrungen. Ohne das Entgegenkommen Gottes in Jesus Christus hätte
kein Mensch eine Chance, aus den Verirrungen und Verstrickungen in das
Böse herauszukommen. Die meisten Menschen haben beides in ihrem Herzen:
eine Sehnsucht nach der Liebe und durchaus auch liebevolle Seiten und
andererseits eine Neigung zur Selbstherrlichkeit, zum Stolz, zur Ichsucht.
Am Ende unseres Lebens wird notwendigerweise eine dieser beiden Ausrichtungen
die andere ausgetrieben haben, das ist Gericht, Scheidung. Bis zuletzt
haben wir die Freiheit, das Gute zu wählen und Gottes Gnade anzunehmen.
Aber je länger wir damit warten, umso schwerer wird uns diese Entscheidung
fallen. Darum mahnt uns Paulus: Laßt uns ablegen die Werke
der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts." (Röm 13,12)