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Predigtreihe über das Glaubensbekenntnis (2)

gehalten vom 15. Oktober 2000 – 2. März 2002 in St. Bartholomäus

auch als pdf-Datei erhältlich

8. Teil: Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben (I)

Liebe Gemeinde!

Ich möchte heute die Reihe über das Glaubensbekenntnis fortsetzen und mit Ihnen über den 4. Artikel nachdenken: „Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben". Ich gehe in drei Schritten vor. Zuerst frage ich, warum der Hohe Rat den Tod Jesu wollte. Dann stelle ich die wichtigsten geschichtlichen Ereignisse um den Kreuzestod Jesu dar, und schließlich richte ich die Aufmerksamkeit auf Pontius Pilatus. In der nächsten Predigt werde ich dann über die Bedeutung des Todes Jesu für uns Menschen sprechen.

1. Jesus und Israel.

Jesus wurde von den meisten Leuten seines Volkes geliebt, aber er hatte auch Feinde, vor allem aus den Reihen der Pharisäer und Schriftgelehrten. Wie war das möglich? Was wurde ihm vorgeworfen? Man warf Jesus zwei Verbrechen gegen die Religion vor, auf denen die Todesstrafe stand: Er sei ein Gotteslästerer und ein falscher Prophet. Der Vorwurf der Gotteslästerung entstand durch Jesu Auslegung des heiligen Gesetzes, z.B. des Sabbatgebotes und aufgrund seines Anspruchs, Sünden zu vergeben: „Wer kann Sünden vergeben außer dem einen Gott?" (Mk 2,7) Mit welchem Recht konnte Jesus sagen: „Der Sabbat ist für den Menschen da!" oder: „Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich!" oder: „Ich bin gekommen, die Sünder zu berufen, nicht die Gerechten!"? Entweder war er ein kompletter Spinner und Lästerer oder er war wirklich mit Gott eins, wie er behauptete (Joh 10,30).

In der Tat gab es unter den religiösen Autoritäten in Jerusalem eine Reihe von hochangesehenen Menschen, die Jesus glaubten und ihm anhingen, z.B. Nikodemus oder Joseph von Arimathäa. Nach seiner Auferstehung waren es sogar sehr viele, die sich bekehrten (Apg 6,7; 15,5; 21,20). Dennoch setzte sich die andere Gruppe durch, die angeführt wurde u.a. vom Hohenpriester Kajaphas, der aus strategischem Kalkül vorschlug: „Ihr bedenkt nicht, daß es besser für euch ist, wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht." (Joh 11,50) Jesus mußte sterben, damit das Volk ruhig blieb und den Römern nicht Anlaß gab, den Tempel zu zerstören (Joh 11,48)! So lieferten sie Jesus an die verhaßte Besatzungsmacht aus, die alleine das Recht hatte, Todesurteile zu verhängen.

2. Jesus vor dem Hohen Rat

Jesus wurde von einem seiner Jünger verraten, von Judas, der offenbar von Jesus enttäuscht war – wie so manche in jenen Tagen, weil Jesus immer abgelehnt hatte, das alte Königtum in Israel wiederherzustellen. Der Verrat führte zur Verhaftung Jesu und einem ersten Verhör vor dem Hohen Rat. Der Hohepriester fragte Jesus: „Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, sag uns: Bist du der Messias, der Sohn Gottes? Jesus antwortete: Du hast es gesagt. Doch ich erkläre euch: Von nun an werdet ihr den Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen und auf den Wolken des Himmels kommen sehen." (Mt 26,63f) Zum ersten Mal hatte Jesus es ausgesprochen, was immer sein Anspruch gewesen war: der Sohn Gottes selbst zu sein. Nun war sein Todesurteil besiegelt, und Jesus wurde an Pilatus ausgeliefert.

3. Jesus vor Pilatus

Wer war dieser Pilatus? Was macht ihn zu dieser Schlüsselperson, die einen so außergewöhnlichen Anteil an unserer Heilsgeschichte hat? Pontius Pilatus war in den Jahren von 26 bis 36 n. Chr. Statthalter der römischen Provinz Judäa. Er residierte in Cäsarea, kam aber zu den großen Festen nach Jerusalem. Öfter hatte er schon die religiösen Gefühle der Juden mißachtet und war infolgedessen nicht beliebt. Aber er hatte die ganze Macht des römischen Kaisers über die unterworfene Provinz. – Pilatus war sich seiner Macht bewußt. So sagte er zu Jesus: „Du sprichst nicht mit mir? Weißt du nicht, daß ich Macht habe, dich freizulassen, und Macht, dich zu kreuzigen?" Doch diese Macht ist ihm nur geliehen, wie Jesus klarstellt: „Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir nicht von oben gegeben wäre."

Pilatus wollte Jesus schonen. Als er seine Unschuld erkannt hatte, versuchte er alles Mögliche, um seine Haut zu retten. So scheint es jedenfalls. Aber er hat ihn letztlich doch verurteilt. Welche Mittel hat Pilatus eingesetzt, um Jesus vor dem Todesurteil zu bewahren? · Zuerst versucht er, die unangenehme Pflicht des Richtens auf Herodes abzuschieben. Dieser Scheinkönig ist zufällig in Jerusalem, doch der schickt Jesus zu Pilatus zurück, nachdem er seinen Spott mit ihm getrieben hat. Pilatus und Herodes werden durch diesen Vorfall Freunde, notiert der Evangelist nüchtern und entlarvend: Ihr gemeinsames Vergehen an der Menschenwürde eines Unschuldigen schweißt sie zusammen. Es gibt nicht nur Gemeinschaft im Guten, es gibt sie auch im Bösen: Komplizenschaft. Der Andere beruhigt mein Gewissen, wenn er dasselbe tut wie ich. Er versteht mich. Er ist mein Freund! So wächst das Böse weiter an...

· Aber noch ist der gute Kern in Pilatus nicht ganz korrumpiert. Als nächstes versucht er, das Volk für Jesus zu gewinnen. Er ist Politiker, gewohnt, mit Macht zu spielen. So meint er die Psychologie der Massen zu kennen: Wenn die verhaßten Pharisäer gegen Jesus sind, dann wird das Volk für Jesus sein. Ganz klug gedacht, aber die Rechnung geht diesmal nicht auf! Er hat nicht das Volk vor sich, sondern einen aufgehetzten Pöbel. Und der Pöbel will die Freiheit ausgerechnet für Barabbas, den Mörder, für Jesus dagegen die Kreuzigung! – Pilatus verliert seinen wichtigsten Trumpf. Er hat sich nun mal eingelassen auf das Spiel mit der Macht, mit der Psychologie. So macht er weiter, immer noch hoffend, das Ruder herumreißen zu können.

· Er tut dem Pöbel genug, läßt ihn Blut sehen, so wird er zufrieden sein (denkt er). Die Macht hat er ja. Er läßt Jesus geißeln, eine Strafe, die viele nicht überleben. Mit jedem Geißelhieb werden Jesus ganze Fleischstücke aus der Haut gerissen, aus der Haut, die Pilatus ihm angeblich retten will. Es geschieht ja alles nur zu seinem Wohl! Kalkül eines gefühllosen Politikers, der nichts als seine eigene Haut sieht, seine eigenen Hände, die ihm allerdings dann doch schmutzig zu werden scheinen!

Ich gebe zu: Als Kind und als Jugendlicher habe ich, wenn die Passion vorgelesen wurde, immer gehofft, daß das Kalkül der Pilatus vielleicht doch aufgehen möchte! Daß das Opfer, das Pilatus dem Jesus auferlegte, mit der Geißelung spätestens sein Ende fände! Ich war in der Logik des Machtmenschen Pilatus gefangen und bin es wahrscheinlich auch heute noch oft genug. Ich nenne es nur ein wenig anders: Man muß Kompromisse schließen können. Man soll die Leute nicht vor den Kopf stoßen.

Die Geißelung hat Jesus fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Er blutet aus zahlreichen Wunden. Pilatus versucht, Mitleid für ihn zu erregen: „Seht da, was für ein Mensch!" Doch ihm schallt es nur entgegen: „Ans Kreuz mit ihm, ans Kreuz mit ihm!" Ein letzter kläglicher Versuch von Pilatus, das Volk umzustimmen, führt dazu, daß ihm die wahre Anklage gegen Jesus mitgeteilt wird: „Wir haben ein Gesetz, und nach diesem Gesetz muß er sterben, weil er sich als Sohn Gottes ausgegeben hat." – Sohn Gottes! Das läßt Pilatus erzittern. Er ist zwar ein Skeptiker, aber gerade deshalb kann er keine Möglichkeit sicher ausschließen. Mit den göttlichen Mächten will er sich nicht anlegen. Aber die kann er auch nicht sehen. Was er dagegen sehen kann, das ist seine Karriere, sein guter Ruf beim Kaiser. Um den geht es jetzt auch! Die Unentschlossenheit, die von Beginn an den Statthalter ausgezeichnet hat, führt zum letzten feigen Schritt im Prozeß: zum Todesurteil gegen Jesus.

Pilatus hat nicht versucht, Jesus wirklich kennenzulernen. So entging ihm die Chance, die Faszination Jesu zu entdecken und zum Glauben zu finden. Da sind wir in einer besseren Lage, aber auch in einer größeren Verantwortung. Dazu müssen wir uns vor allem darüber klar werden, welchen tieferen Sinn der Tod Jesu hatte.

9. Teil: Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben (II)

Liebe Gemeinde!

Heute möchte ich die Auslegung des Glaubensartikels fortsetzen, in dem es heißt: „Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben". Ich frage nach dem Sinn des Geschehens damals und heute.

Daß Jesus am Kreuz gestorben ist, war kein zufälliges, bedauerliches Zusammentreffen von Irrtümern und Verblendungen. Paulus schreibt: „Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift". (1 Kor 15,3) Jesus selbst erklärt den Emmausjüngern: „Mußte nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen?" Das dürfen wir andererseits freilich nicht so mißverstehen, daß diejenigen, die Jesus verraten und verurteilt haben, nur die willenlosen Ausführer eines Szenarios waren, das Gott im voraus angeordnet hat. (Vgl. KKK n. 599)

Gott ist ewig, für ihn verfließt keine Zeit. Darum ist für ihn jeder Zeitpunkt ewige Gegenwart. Seine Vorherbestimmung bezieht immer das freie Tun des Menschen mit ein. Gott läßt die bösen Taten zu, ohne sie selbst zu wollen, aber er baut sie auch in seinen Heilsplan ein, so daß aus dem Bösen durch Seine Fügung am Ende noch etwas Gutes wird. Gottes Heilsplan, der den Tod Jesu voraussah, war in der Heiligen Schrift bereits angekündigt, vor allem in der Weissagung vom leidenden Gottesknecht, wo es zum Beispiel heißt:

„Er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt. Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen." (Jes 53, 4-6)

Hier wird in aller Deutlichkeit angekündigt, daß der Knecht Gottes stellvertretend für die sündigen Menschen Leiden und Strafe auf sich nehmen wird, daß also Jesu Tod die Sühne für die Schuld der ganzen Menschheit sein sollte. Mit dem Bild des Loskaufs sagt es der heilige Petrus deutlich:

„Ihr wißt, daß ihr aus eurer sinnlosen, von den Vätern ererbten Lebensweise nicht um einen vergänglichen Preis losgekauft wurdet, nicht um Silber oder Gold, sondern mit dem kostbaren Blut Christi, des Lammes ohne Fehl und Makel. Er war schon vor der Erschaffung der Welt dazu ausersehen, und euretwegen ist er am Ende der Zeiten erschienen." (1 Petr 1,18-20)

Das Blut Jesu war der Preis für unsere Erlösung. Jesus hat sein Leben freiwillig hingegeben, um eben diesen Preis zu bezahlen. Selbstverständlich hätte er die Macht gehabt, dieses Schicksal zu verhindern. So betet er einmal: „Jetzt ist meine Seele erschüttert. Was soll ich sagen: Vater, rette mich aus dieser Stunde? Aber deshalb bin ich in diese Stunde gekommen." Und zu Petrus, der ihn im Garten Gethsemani mit dem Schwert verteidigen will, sagt er:

„Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen. Oder glaubst du nicht, mein Vater würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schicken, wenn ich ihn darum bitte?" (Mt 26,53)

Jesus wußte, daß uns nur so retten konnte, daß er an unserer Stelle die Gottferne erlitt, in die uns unsere Sünden gebracht haben; das war die tiefste Verlassenheit, die er am Kreuz aushalten mußte und die ihn rufen ließ: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" – Wenn wir gerade das Gleichnis vom barmherzigen Vater gehört haben, dann sollten wir diesen Zusammenhang immer mit bedenken: Daß der Vater im Himmel mit uns verlorenen Kindern Erbarmen haben konnte, war nur möglich, weil Jesus den Preis der Barmherzigkeit bezahlt hat.

Darum ist es so wichtig, daß wir das Leiden Jesu betrachten und zum Beispiel den Kreuzweg beten. (Ich bin sehr froh, daß so viele zu unseren Kreuzwegandachten kommen und so zeigen, daß sie Antwort auf die unendliche Liebe Jesu geben möchten, Antwort in Dank, Lob und neuem Vorsatz.) Denn wenn wir dem Gekreuzigten Aug in Auge gegenüberstehen, dann erscheint sogar das, was wir als Liebe zu bezeichnen gewohnt sind, als von einem abgründigen Egoismus durchdrungen; die Sünden eines anderen tragen – das kommt für uns nicht in Frage; aber daß Christus unsere Sünden trägt, das kann uns nur recht sein, wenn er es denn tun will! Ja, vor einem Bild des leidenden Jesus wird uns bewußt, daß es unsere eigenen Sünden waren, die ihm dies Leid zugefügt haben. Denn Jesus wäre auch für mich allein gestorben. Und im Hebräerbrief heißt es: Diejenigen, die in die alten Sünden zurückfallen, „schlagen jetzt den Sohn Gottes noch einmal ans Kreuz und machen ihn zum Gespött." (Hebr 6,6) Dazu sagt der heilige Franz von Assisi: „Dämonen sind nicht jene, die ihn gekreuzigt haben, sondern du, der du ihn zusammen mit ihnen gekreuzigt hast und immer noch kreuzigst, indem du dich in Lastern und Sünden vergnügst."

Die Betrachtung des gekreuzigten Jesus kann uns helfen, die Mitte unseres Lebens zu finden – gerade dann, wenn Krankheiten, Leiden oder die Erfahrung von Schuld oder Tod unsere Lebensentwürfe durchkreuzen.

So führt die Betrachtung des Leidens Jesu zur neuen Anbetung: „Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst!"

10. Teil: Hinabgestiegen in das Reich des Todes (Karsamstag)

Liebe Gemeinde!

In der heutigen Predigt spreche ich über den Teil des Credos, in dem es heißt: „begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes". Wir betrachten dabei das Geheimnis des letzten Tags der Karwoche, des Karsamstags. Dieser Tag erscheint uns eher wie ein unbedeutender Übergang zwischen den großen Feiern des Sterbens und des Auferstehens des Herrn. Am Karsamstag gibt es keine spezielle Liturgie, keine Messe und außer dem Stundengebet auch keinen anderen Gottesdienst. Der Tabernakel ist leer geräumt, die Kirche kahl, der Altar ohne Decke und Schmuck – so nimmt dieser Tag auch keine prägende Stelle in unserem Bewußtsein ein.

Und doch wird an diesem Tag ein wichtiges Geheimnis unseres Glaubens begangen und gedeutet, eben der wirkliche Tod Jesu und sein Hinabsteigen in das Reich des Todes.

1. Zunächst bedeutet dieses Glaubensgeheimnis, daß Jesus den Tod wahrhaft gekostet hat. (Hebr 2,9) Jesus war nicht scheintot, wie einige Irrlehrer behauptet haben. Er erlitt den Tod mit all seinen Konsequenzen: d.h. seine Seele trennte sich vom Leib und wurde erst bei der Auferstehung wieder mit ihm vereint.

An dieser Stelle möchte ich kurz innehalten und die Frage ganz allgemein stellen, was im Tod mit uns Menschen geschieht. Wenn wir sagen, die Seele trenne sich vom Leibe, wohin geht sie dann? Ist sie überhaupt noch an einem Ort, wo sie doch selber unkörperlich ist? Seit einigen Jahren werden Menschen, die einige Zeit klinisch tot waren und wiederbelebt wurden, über ihr Erlebnis dabei befragt. Vor allem Elisabeth Kübler-Ross hat darüber eine Reihe Bücher geschrieben.2 Nach ihren Forschungen haben alle klinisch Toten dasselbe Erlebnis gehabt: Sie sahen ihren eigenen Leib im Bett liegen, von oben sozusagen, hörten auch, was die Ärzte sprachen und wurden dann durch eine Art lichterfüllten Tunnel gezogen in Richtung auf ein Lichtwesen, das unendliche Wärme und Güte ausstrahlte. – Solche Berichte sind zwar glaubwürdig, aber sie beweisen nicht so viel, wie Frau Kübler-Ross meint. Durch sie wird zwar sehr nahegelegt, daß die Seele nach dem Tod weiterbesteht, aber was dann wirklich geschieht, kann man daraus nicht sicher erfahren. V.a. ist es fragwürdig, zu sagen, daß durch solche Erlebnisse erwiesen sei, der Tod sei gar nichts Ernstes, sondern nur eine Art Befreiung der Seele. Eine solche Rede verharmlost den Tod und wertet den Leib des Menschen ab. So sagt Kübler-Ross, der Leib, von dem sich die Seele trennt, sei ein bloßer „Kokon", aus dem dann der wahre Schmetterling schlüpfen soll. In Wahrheit ist der Tod nicht eine Befreiung der Seele aus dem Leib, sondern eine Trennung, die zugleich eine Trennung von der Gemeinschaft der Mitmenschen ist. Diese Trennung ist auf jeden Fall negativ zu werten, und die Trauer der Angehörigen ist deshalb durchaus angemessen. In der Bibel heißt es: „Gott hat den Tod nicht gemacht und hat keine Freude am Untergang der Lebenden." (Weish 1,13)

2. Die Seele führt nach der Trennung vom Leibe nicht automatisch ein erfülltes und schönes Leben. Schon der griechische Philosoph Platon wußte, daß die Unsterblichkeit als solche keinen Trost spenden kann, daß sie sogar „eine furchtbare Gefahr" ist für den, der nicht das Gute will. Die Bibel benutzt viele verschiedene Ausdrücke, um den Zustand der getrennten Seele zu bezeichnen. Sie spricht von der „Scheol" und vom „Hades" (Ps 6,6; 88,11ff) als einem Ort der Gottferne und der Erwartung der endgültigen Erlösung. Diesen Ort nennt das Glaubensbekenntnis in nüchterner Sprache „Reich des Todes". In dieses Reich ist die Seele Christi hinabgestiegen, wie es im 1. Petrusbrief heißt: „So ist er auch zu den Geistern gegangen, die im Gefängnis waren, und hat ihnen gepredigt." (1 Petr 3,19) Und etwas später: „Denn auch Toten ist das Evangelium dazu verkündet worden, daß sie wie Menschen gerichtet werden im Fleisch, aber wie Gott das Leben haben im Geist." (1 Petr 4,6) Jesus selbst hat seinen Hinabstieg zu den Toten angekündigt: „Die Stunde kommt, und sie ist schon da, in der die Toten die Stimme des Sohnes Gottes hören werden; und alle, die sie hören, werden leben." (Joh 5,25)

Während der Leichnam Jesu im Grab lag, stieg also seine Seele in das Reich des Todes hinab, zu den übrigen Seelen aller Verstorbenen. In kraftvollen Bildern hat die Kunst dieses Mysterium darzustellen versucht: Jesus bricht die Höllentore auf und zieht im Triumph durch die Unterwelt, um dort allen, die je gelebt haben, die Frohe Botschaft zu verkünden und sie aus den Fesseln des Todes zu befreien. Der Tod muß seine Beute hergeben, weil Jesus, der „Urheber des Lebens", stärker ist und nun die „Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt" in Händen hält (Offb 1,18). An Jesus erfüllt sich zuerst, was der 16. Psalm sagt: „Du gibst mich nicht der Unterwelt preis, du läßt deinen Frommen das Grab nicht schauen."

3. Ein weiterer Gedanke legt sich von unserem Thema her nahe: Indem Jesus sich wie ein Weizenkorn in die Erde senken und begraben läßt, nimmt er freiwillig die letzte Ohnmacht an, die das Schicksal jedem Menschen bereitet. Nun kann er nichts mehr tun, nichts mehr sagen – ein tiefes Schweigen liegt über dem Grab Jesu. Maria Magdalena sitzt an diesem Grab und kann nun nichts mehr von Jesus sehen und hören. Und doch sucht sie in ihrer Treue noch die Gemeinschaft mit dem Gestorbenen, der nunmehr durch sein Schweigen spricht.

Kennen wir diese Erfahrung nicht auch: daß Jesus nicht mehr mit uns zu sprechen scheint, daß er unsere Wünsche und Träume nicht erfüllt hat und daß wir sie deshalb begraben müssen? Was tun wir, wenn Gott schweigt? Wenden wir uns dann von ihm ab, oder versuchen wir, ihn weiterzulieben, und bei ihm zu bleiben? Gott schweigt immer wieder in unserem Leben, aber dieses Schweigen ist befristet, es fordert unsere Treue heraus, damit wir zu neuer und tieferer Begegnung mit ihm kommen können.
Der Karsamstag lädt uns ein, das Schweigen auszuhalten, an dem abwesenden Herrn festzuhalten, ja, mit ihm, dem Begrabenen, eins zu werden. Darin liegt auch ein Gedenken unserer Taufe, denn „durch die Taufe sind wir mit Jesus begraben worden", schreibt Paulus (Röm 6,4). Mit Jesus begraben sein – das bedeutet: uns mit ihm ganz in die Hände Gottes geben, uns Gott ganz überlassen; gleichmütig sein gegenüber allen Dingen; die Vergangenheit hinter uns lassen, die Zukunft der Vorsehung anvertrauen und die Gegenwart Gott übergeben. Gott lädt uns ein, bei ihm auszuruhen von all unserer Unruhe.

Wie der heilige Bonaventura sagt: „Laßt uns den Sorgen und Einbildungen Schweigen gebieten. Laßt uns mit dem Gekreuzigten aus der Welt zum Vater hinübergehen".

11. Teil: Auferstanden von den Toten

Liebe Gemeinde!

In den vergangenen Wochen habe ich die Artikel unseres Glaubensbekenntnisses ausgelegt bis hin zum Geheimnis von Jesu Abstieg in das Reich des Todes. Gerade diesen Aspekt unseres Glaubens an Jesus Christus haben wir gestern und heute in der Liturgie miterlebt. Und jetzt sind wir dabei, die Wende mitzuerleben, nicht nur darüber theoretisch nachzudenken, sondern unser persönliches Leben davon betreffen zu lassen:

Das Weizenkorn, das in die Erde gelegt wurde, hat seine Frucht entfaltet! Jesus, der tot im Grabe lag, ist nicht mehr dort, der Lebende ist nicht unter den Toten zu finden, er hat den Tod überwunden und kann nun nicht mehr sterben!

Was bedeutet das für uns? Ich möchte dies aus zwei Perspektiven entfalten: aus der Sicht von unbeschwerten Menschen, vor allem Kindern, und aus der Sicht von Menschen, die leidgeprüft sind oder jedenfalls verschiedene Brüche im Leben erfahren haben.

Wann immer ich mit Kindern den Kreuzweg Jesu betrachtet habe, konnte ich beobachten, daß sie das Leiden Jesu nur bedenken konnten, wenn sie das „gute Ende" vorwegnahmen: Gut, daß Jesus am Ende wieder auferstanden ist! Es ist für uns unerträglich, dem Leiden eines geliebten Menschen zuzusehen, ohne die Aussicht zu haben, daß alles wieder gut wird. Ein Kind, das Jesus liebt, freut sich über seine Auferstehung, einfach weil damit sein Leiden endlich vorbei ist. Natürlich ist dies auch die natürliche Reaktion eines Erwachsenen, der sich die kindliche Liebe zu Jesus bewahrt hat. Wo Krankheit und Tod das letzte Wort behalten, da beherrschen uns Trauer und Freudlosigkeit. Wäre Jesus nicht auferstanden, dann hätten sein Leben und sein Leiden keinen Sinn gehabt; er wäre eine Zeitlang betrauert und irgendwann vergessen worden. Ohne Auferstehung kein Christentum!

Dieser Aspekt ist zweifellos sehr wichtig und gerade in einer Zeit zu betonen, in der viele, die sich Christen nennen, die Osterbotschaft nicht recht ernst nehmen können oder wollen. Aber er ist doch nur ein erster Schritt zu einem gereiften Verständnis der Auferstehung Jesu. Anders gesagt: Es ist gut, wenn im Erwachsenen noch das Kind lebt, seine unbeschwerte Liebe zu Jesus und, damit verbunden, das Zurückschrecken vor dem Leiden, das z.B. auch Petrus befiel, aber es ist auch notwendig, die Freude über die Auferstehung geistlicher zu empfinden, sie nicht nur als „Happy end" auszukosten. Denn sonst wird es uns schwerlich gelingen, die Osterbotschaft mit unserem eigenen Leben in Zusammenhang zu bringen; der Auferstandene muß uns dann als die große Ausnahme erscheinen, wie ein Hollywood-Star, dessen Heldentaten wir zur Ablenkung vielleicht mal im Kino bewundern, wobei wir freilich wissen, daß es im Leben eigentlich ganz anders zugeht.

Also nun zur geistlicheren Sicht! Sie schließt das Wissen ein, daß in diesem Leben nicht alle Träume und Wünsche bruchlos in Erfüllung gehen. Das ist die Erfahrung des Karsamstags, von der ich am vorletzten Sonntag gesprochen habe, die Erfahrung des Schweigens Gottes. Die Osterbotschaft bedeutet hier, daß Gott uns gerade durch diese Erfahrung hindurch nahe ist. Daß er uns gerade nahe ist, indem er selbst in das Todesschweigen hinabstieg, um uns von dort in sein Leben hinein- und hinaufzuholen. Es kommt darauf an, den rettenden Gott in unserem eigenen Leben zu erkennen und zu sehen, wie er auch heute Steine wegrollt und neues Leben schenkt, wo alte Träume begraben liegen.

In der Osternacht vor 2000 Jahren gingen Frauen in der Dunkelheit zum Grab. Sie wußten noch nicht, daß ihr Weg durch die Nacht der Beginn ihres Osterweges sein sollte. Sie gingen dorthin, wo ihre Freude begraben lag. Sie blieben nicht zu Hause, um sich dem Selbstmitleid zu ergeben. Trotz der tiefen Trauer, die sie umfing, sagten sie sich nicht resigniert: „Da kann man sowieso nichts machen" oder „Dafür ist es zu spät". Redensarten, die bei uns heute immer wieder verhindern, daß wir die Osterbotschaft wirklich in unser Leben einlassen.

Das Evangelium von heute mit seiner überraschenden Wendung ruft Dir und mir zu: Geh genau dahin, wo deine Zukunft eingeschlossen scheint, wo Hoffnung und Liebe verschlossen liegen, wo dein Mut zu ersticken droht! Weißt du denn, ob die Gräber deiner Hoffnung tatsächlich noch verschlossen sind, wenn du nicht nachsiehst? Vielleicht ist der Stein, den du befürchtest, schon lange weggeräumt?! Muß der, den du für deinen Feind gehalten hast, es weiter bleiben? Machen die alten Vorwürfe überhaupt noch Sinn? Warum willst du dich mit den kleinen und großen Grabsteinen in deiner Seele abfinden, wenn Gott sie wegrollen will? Oder glaubst du nicht, daß Ostern immer für eine Überraschung gut ist?

Ich will damit nicht naive Versprechen machen, etwa wie: „Das Glück liegt auf der Straße; Du mußt nur die Augen aufmachen!" Ich möchte vielmehr sagen, daß wir nur von Ostern her die Hoffnung haben können, daß auch die Brüche in unserem Leben, unser Scheitern und unser Leiden einen Sinn haben, ein Ziel, das wir zwar noch nicht kennen, aber in Gottes Vorsehung irgendwie eingeplant ist. Und diese Hoffnung erlaubt es uns, „als neue Menschen zu leben", wie Paulus sagt.

In einem Osterlied heißt es: „Verklärt ist alles Leid der Welt, des Todes Dunkel ist erhellt. Der Herr erstand in Gottes Macht, hat neues Leben uns gebracht!" Weil Christus den Tod besiegt hat, können wir glauben, daß auch unser Leiden verklärt ist, d.h. einbezogen ist in Gottes neu schaffende Liebe. Wir können nun dem Leid ganz realistisch in die Augen sehen, dem eigenen wie dem fremden: dem eigenen, indem wir uns mit Christi Leiden verbinden, um so mit ihm aufzuerstehen; und dem fremden, indem wir es mittragen und Trost geben, soweit es uns möglich ist.

So können wir Zeugnis von unserem Glauben geben! So leben wir – wie der Apostel Paulus sagt – als neue Menschen, als frohe Menschen, denen man die Hoffnung am Gesicht ablesen kann, als friedfertige Menschen, die anderen ihr Unrecht vergeben können, als erlöste Menschen, die sich aus den Mächten der Sünde und des Todes befreit wissen. Amen.

12. Teil: Aufgefahren in den Himmel

Liebe Gemeinde!

Ein Lied von W. Willms trägt den Titel: „Weißt du, wo der Himmel ist? Außen oder innen? Eine Handbreit rechts und links?" – Und es antwortet lapidar: „Du bist mitten drinnen!" In der zweiten Strophe wird ergänzt: „Nicht so tief verborgen! Einen Sprung aus dir heraus, aus dem Haus der Sorgen." Und in der dritten Strophe schließlich heißt es: „Nicht so hoch da oben! Sag doch ja zu dir und mir, du bist aufgehoben!"

In dieser für Kinder vereinfachten Ausdrucksweise wird das von unserer Beschaffenheit als Sinneswesen nahegelegte Mißverständnis abgewehrt, der Himmel, in den Jesus aufgefahren ist und der unsere Heimat werden soll, sei der Himmel über den Wolken. Die englisch Sprechenden werden nicht so leicht auf diese Verwechslung kommen, haben sie doch zwei unterschiedliche Wörter für unser deutsches Wort „Himmel": Den sichtbaren Himmel nennen sie „sky", den religiösen „Himmel" dagegen nennen sie „heaven". Wenn ein Astronaut mit einer Rakete immer weiter und weiter fliegen würde, dann käme er am Ende dort wieder an, wo er gestartet ist, er hätte sich nur im Kreis gedreht. Das ist genauso, wie wenn man auf der Erde immer nur geradeaus läuft, dann läuft man auch nur einmal herum und kommt hinten wieder an. Durch das bloße Reisen durch den Raum, und sei es der Weltraum, kann man die Welt nicht verlassen, man dreht sich gewissermaßen nur im Kreis. Auf diese Weise wird der Himmel im religiösen Sinn nicht erreicht, denn dieser ist Innen, die Innenseite der Welt, die unseren Augen und Ohren verborgen ist. Der Himmel ist da, wo Gott ist, der alles geschaffen hat und von innen her belebt. Gott ist derjenige, in dem wir leben und sind. Er wohnt inniger in uns, als wir selbst in uns sind. Er ist der unvertreibbare Gast unserer Seele.

Wir können uns das derzeit nur mit räumlichen Bildern vorstellen, auch das Wort „Innen" ist ja eine räumliche Beschreibung. Das ist wohl auch der Grund, warum die Jünger Jesus in räumlicher Weise haben auffahren sehen, bis eine Wolke ihn verhüllte. Wie anders sollte Jesus seine endgültige Verherrlichung versinnbildlichen als durch eine räumliche Entfernung „nach oben"? Nach oben – das heißt: weg von dieser Erde, die uns auf Dauer nicht Heimat bieten kann. Aber gerade das ist für viele ein Stein des Anstoßes: „Freunde, bleibt der Erde treu!" rief vor 100 Jahren schon Nietzsche aus und gab damit die Parole aus, die seither unsere Medizin und Wissenschaft leitet. Der Mensch des 20. Jahrhunderts wollte sein Leben in der Weise selbst in die Hand nehmen, daß er mit eigenen Kräften das Paradies auf dieser Erde schaffen wollte – ein auf die Erde gezogener Himmel, ein Himmel ohne Gott. Die ökologische Krise hat dieser innerweltlichen Hoffnung freilich einen gewaltigen Dämpfer versetzt, doch sie hat immer noch nicht aufgegeben, wie man gerade an den zahlreichen Befürwortern der Gentechnik sehen kann, von der man sich nun alles Heil verspricht. Doch was für ein Heil? Ein Heil an Gott vorbei und auch am Menschen vorbei, denn beim sog. „therapeutischen Klonen" sollen menschliche Embryonen gezüchtet werden, um aus ihnen Ersatzteile für Kranke herzustellen. Manche haben deshalb von einer Rückkehr in die kannibalistische Vorzeit gesprochen. Von höchster Stelle werden solche Bedenken indes als „ideologische Scheuklappen" abgetan, und so scheint Goethes Wort aus dem Faust wieder einmal zuzutreffen: „Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er sie beim Kragen hätte!" Und dieses Völkchen singt munter: „Uns ist ganz kannibalisch wohl, als wie fünfhundert Säuen!"

Vor diesem Hintergrund erscheint die Brisanz und Bedeutung der Auffahrt Jesu in den Himmel in neuem Licht: Wir bereiten uns die Hölle, wenn wir den Himmel selbst schaffen wollen auf dieser Erde; das Heil, das uns verheißen ist, gibt es nicht „hier unten", sondern seine Richtung zeigt „nach oben" und „nach innen". Die Jahrtausendwende scheint einen Bewusstseinswandel eingeleitet zu haben: Immer mehr Menschen spüren, daß dies wirklich die Wahrheit ist. Viele aber kennen diese Wahrheit nicht oder nur sehr vage, weil das 20. Jahrhundert ihnen ganz andere Botschaften eingehämmert hat. Eine wachsende Zahl von Menschen ist der Gottlosigkeit überdrüssig geworden. An uns Christen liegt es darum, ihrer Sehnsucht nach Wahrheit entgegenzukommen und ihnen Rechenschaft von unserer Hoffnung zu geben (1 Petr 3,15), die darauf basiert, daß „Christus nicht in ein von Menschenhand errichtetes Heiligtum hineingegangen ist, in ein Abbild des wirklichen, sondern in den Himmel selbst, um jetzt für uns vor Gottes Angesicht zu einzutreten" (Hebr 9,24; vgl. 7,25).

13. Teil: Er sitzt zur Rechten Gottes, von dort wird er kommen...

Liebe Gemeinde!

In der Lesung aus der Offenbarung hören wir, wie Christus spricht: „Siehe, ich komme bald, und mit mir bringe ich den Lohn, und ich werde jedem geben, was seinem Werk entspricht." Gemeint ist der sog. Jüngste Tag und das Gericht nach den Werken. Jesus Christus, der in den Himmel aufgefahren ist, sitzt nun zur Rechten Gottes, des Allmächtigen Vaters, und er wird einst wiederkommen, um Gericht zu halten. Die Gemeinde der Christen fleht dieses Kommen herbei, indem sie ruft: „Komm, Herr Jesus!" Denn die jetzige Zeit ist eine Zeit der Not und der Prüfung, die ganze Schöpfung liegt gleichsam in Geburtswehen und erwartet seufzend den Tag der endgültigen Erlösung (vgl. Röm 8,22f).

So jedenfalls haben es die ersten Christen empfunden, und so fühlen alle Christen, die unter materieller Not, Ungerechtigkeit oder Verfolgung zu leiden haben. Für uns Christen, die wir in relativer Sicherheit und in großem Wohlstand leben, scheint die Wiederkunft Christi nicht gerade der erste Gegenstand des Bittens und Flehens zu sein. Während die Christen z.B. in Lateinamerika sich mit dem Gedanken an das Endgericht trösten – weil dann endlich die Gerechtigkeit triumphiert –, werden viele von uns damit eher erschreckt.

Gott ist gerecht und barmherzig. Diese Eigenschaften stehen untereinander in Spannung, und wieder bewirken die unterschiedlichen Lebensverhältnisse der Christen eine verschiedene Haltung diesen göttlichen Eigenschaften gegenüber. Wer Unrecht erleidet, freut sich im Leiden auf die Gerechtigkeit des göttlichen Richters, wer die eigene Unvollkommenheit spürt, wünscht sich nichts sehnlicher als einen barmherzigen Gott.

Die Spannung kann bis zum Gegensatz gesteigert werden. Dann entsteht die Frage: Ist es möglich, daß Gott in seiner Eigenschaft als gerechter Richter einen Menschen auf ewig verstößt? Aber wie kann man ihn dann noch barmherzig nennen? Es gibt Christen – und sie sind keineswegs die schlechtesten – die geradezu Angst bekommen, wenn sie sich fragen: Gehöre ich vielleicht auch zu denen, die vor Gott nicht bestehen können? Warum hat mich Gott dann bloß erschaffen, wenn er voraussieht, daß ich nicht gerettet werde?

Diese schwierigen Fragen sind sicher ein Grund dafür, daß in der Kirche seit langem kaum noch von der Hölle geredet wird. Man möchte sich nicht gerne dem Vorwurf aussetzen, aus der Frohbotschaft Jesu eine Drohbotschaft zu machen. – Aber so einfach können wir es uns doch wohl nicht machen. Jesus hat mehrfach selbst diese schreckliche Möglichkeit erwähnt, zum Beispiel: „Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt? Um welchen Preis kann ein Mensch sein Leben zurückkaufen?" (Mt 16,26)

Aber widerspricht es nicht der Güte Gottes, wenn auch nur ein einziger Mensch auf ewig verdammt wird? Die Antwort darauf ist kurz gesagt: Es ist nicht so sehr Gott, der einen Menschen vom ewigen Heil ausschließt, als der Mensch selbst, der sich Gottes Gnade verweigert. Gott möchte, daß alle Menschen zum Heil kommen, aber wir sind frei, dieses gütige Angebot Gottes auch abzulehnen.

Dagegen die weitere Frage: Ist es überhaupt vorstellbar, daß ein Mensch nicht in den Himmel kommen will? Wenn ich vor die klare Wahl gestellt werde, Himmel oder Hölle zu wählen, entscheide ich mich dann nicht notwendigerweise für den Himmel? – Darauf läßt sich nicht mit einem Satz antworten. Zunächst ist zu bedenken, daß den Himmel zu wählen zugleich bedeutet, die Liebe zu wählen. „Wer nicht liebt, bleibt im Tode." Da jedoch die Liebe auch anstrengend ist und Opfer und Mühen verlangt, ist nicht jeder Mensch bereit dazu. Die Versuchung zum Egoismus begleitet uns ständig, und nur Gottes Gnade kann uns dagegen helfen. Freilich hat der Mensch in jedem Moment seines Lebens die große Chance, sich von seinem Egoismus und von seinen Sünden gegen die Liebe zu bekehren und sich neu für Gott und für die Liebe zu entscheiden. Das Bußsakrament ist dafür der beste Ausdruck und der leichteste Weg. Doch da tritt uns das große Hindernis des Stolzes entgegen, der uns schmeichelnd einreden will: Das habe ich doch gar nicht nötig! Das wäre eher etwas für die anderen! Oder: Das kann keiner von mir verlangen, selbst Gott nicht! – Die alte Schlange meldet sich und ruft uns zu: „Ihr werdet gewiß nicht sterben."

Ganz sicher ist jedenfalls und in der geistlichen Erfahrung millionenfach bezeugt, daß der Mensch, der seine Bekehrung immer wieder aufschiebt, allmählich verhärtet und immer blinder wird für seine geistliche Notlage. Der bedeutende christliche Schriftsteller C.S. Lewis hat dies auf eindrucksvolle Weise in seinem Buch „Die große Scheidung" deutlich gemacht. Er hat darin Dialoge von Menschen erfunden, die nach ihrem Tod alten Bekannten begegnen, die sie in den Himmel hineinholen wollen. Dies gelingt jedoch nur in manchen Fällen; viele verweigern sich dieser ihrer letzten Möglichkeit der Umkehr aus ihrer je verschiedenen Fehlhaltung, die sie hindert, in den Himmel einzugehen.
Gott ist Liebe und unendliche Glückseligkeit. Wir Menschen sind nach seinem Bild geschaffen und berufen, an Gottes Herrlichkeit teilzunehmen. Das Leben hier auf Erden ist wie eine Bewährungszeit, eine Zeit der Einübung in die Liebe. Aber es ist auch eine Zeit der Versuchungen und Verirrungen. Ohne das Entgegenkommen Gottes in Jesus Christus hätte kein Mensch eine Chance, aus den Verirrungen und Verstrickungen in das Böse herauszukommen. Die meisten Menschen haben beides in ihrem Herzen: eine Sehnsucht nach der Liebe und durchaus auch liebevolle Seiten und andererseits eine Neigung zur Selbstherrlichkeit, zum Stolz, zur Ichsucht. Am Ende unseres Lebens wird notwendigerweise eine dieser beiden Ausrichtungen die andere ausgetrieben haben, das ist Gericht, Scheidung. Bis zuletzt haben wir die Freiheit, das Gute zu wählen und Gottes Gnade anzunehmen. Aber je länger wir damit warten, umso schwerer wird uns diese Entscheidung fallen. Darum mahnt uns Paulus: „Laßt uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts." (Röm 13,12)