14. Teil: Ich glaube an den Heiligen Geist
Liebe Gemeinde!
Es wird viel geklagt heute, geschimpft und kritisiert - über das
Wetter, über die Wirtschaftslage, die Politik und nicht zuletzt über
die Kirche. Heute, liebe Schwestern und Brüder, ist die große
Gelegenheit, innezuhalten und nachzudenken, was uns eigentlich die Frohe
Botschaft sagt. Oder sagt sie uns gar nichts mehr? Ist für uns die
Frohe Botschaft wirklich Wort des Lebendigen Gottes, ein Wort, das ins
Heute spricht, ein Wort, das uns Antwort gibt auf unsere Fragen? Und zwar
eine kraftvolle Antwort, weil sie vom Lebendigen Gott selber kommt und
darum unendlich viel mehr sagt als die abgedroschenen Phrasen, mit denen
wir Tag für Tag eingedeckt werden und die wir selber auch immer wieder
in den Mund nehmen!
Diejenigen aus unserer Gemeinde, die schon mal an einem Bibelgespräch
teilgenommen habe, wissen, wovon ich spreche: sie - und sicher noch zahlreiche
andere - haben die Erfahrung gemacht, daß Gottes Wort tatsächlich
einen unerschöpflichen Reichtum birgt, einen Schatz an tröstenden,
stärkenden, ermutigenden, reinigenden, klärenden, befreienden,
heilenden, Rat gebenden Worten, die für jeden lebendig werden können,
der sich nur dafür öffnet. Empfangt den Heiligen Geist!"
hat Jesus nicht nur damals den Aposteln gesagt, sondern dieses Wort ist
auch eine Aufforderung an uns heute, Empfangende zu werden, Empfangende
für die große Gabe, den Heiligen Geist, der allein dazu in
der Lage ist, das Angesicht der Erde zu erneuern".
Wie war es denn damals beim Pfingstfest in Jerusalem? Da saßen
die Jünger Jesu hinter verschlossenen Türen, voller Kleinmut
und Furcht, aber jedenfalls im Gebet geeint. Plötzlich kam der Heilige
Geist über sie, und sie redeten in fremden Sprachen, so daß
alle sie verstehen konnten. 3000 Menschen wurden allein an jenem Tag im
Herzen getroffen und zur Umkehr geführt. Ein neues Sprechen und ein
neues Hören ereignete sich, das Pfingstwunder des Heiligen Geistes!
Sollte das etwa heute nicht mehr möglich sein? Aber sicher ist es
heute möglich, und es ereignet sich auch immer wieder: jedesmal wenn
ein Christ mit wahrhaftigem Herzen Worte des Glaubens, des Hoffens und
der Liebe findet und ausspricht und ein Angesprochener sie mit aufrichtigem
Herzen aufnimmt; jedesmal wenn Christen sich im gemeinsamen Gebet versammeln
und dabei leise Einheit und Frieden verspüren. Ganz besonders greifbar
wird das Wirken des Heiligen Geistes, wo immer Eltern ihren Kindern von
Gott erzählen und das kindliche Gemüt von echtem Glauben und
dankbarer Freude erfüllt wird. Hier zeigt sich, wie sehr es auf unsere
Offenheit für das Wirken des Heiligen Geistes ankommt und wie recht
Jesus hat, wenn er sagt: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt
ihr nicht in das Reich Gottes gelangen." Und zugleich wird deutlich,
welch unersetzlichen Verlust es für ein Kind bedeutet, wenn ihm die
religiöse Unterweisung - aus welchen Gründen auch immer - versagt
wird.
Liebe Gemeinde! Die Gnadenstunde des Heiligen Geistes kann und soll für
jeden kommen. Nicht umsonst haben wir eben in der Pfingstsequenz gebetet
- und so sollten wir eigentlich jeden Tag voller Inbrunst beten:
Was befleckt ist, wasche rein, Dürrem gieße Leben
ein, heile du, wo Krankheit quält. Wärme du, was kalt und
hart, löse, was in sich erstarrt, lenke, was den Weg verfehlt."
Zeigt nicht das allgemeine Klagen, von dem ich eingangs sprach, daß
wahrlich ein großer Bedarf besteht an Heilung und Erneuerung? Doch
nicht Klage, Kritik und Resignation dürfen die Antwort des Christen
sein, sondern Vertrauen auf das Wirken des Göttlichen Geistes! Wie
oft spüren wir, daß es in unserm Innern dürr ist wie ein
Acker ohne Regen, daß unsere Seele wund ist von Rissen, die durch
unser ganzes Wesen gehen und denen kein Arzt beikommen kann, wo nur der
heilmächtige Finger Gottes" helfen kann! Er allein
kann das Starre und Verkrampfte lösen; den Widerwillen, den Trotz,
den Haß; das festgewordene Böse; die Gleichgültigkeit,
die Härte, die Kälte, die stumme Not, welche verzweifelnd fühlt,
wie furchtbar es ist, und doch nicht heraus kann. Nein, wir können
nicht aus uns heraus. Er muß kommen, der befreiende Geist, und uns
durch uns selbst Gefangene in Gottes Weite führen." (R. Guardini)
Geben wir Raum dem Heiligen Geist, denn wenn wir ihn in uns einlassen,
dann spüren wir auch seine stärkende, tröstende, ermutigende
und schwungbringende Energie, seine begeisternde Kraft, die unseren Glauben
neu entzündet und uns Mut zum Zeugnis gibt.
Ja, der Geist Gottes macht uns wahrhaft frei, er macht uns neu und macht
unsere Gemeinde neu, die ganze Kirche. Lassen wir ihn in uns ein, ersehnen
wir ihn mit Gebeten und Liedern, daß er für uns ein neues Pfingsten
herbeiführt. Amen.
15. Teil: Ich glaube an die heilige katholische
Kirche
Liebe Gemeinde!
Dank sei dem Herrn, der mich aus Gnad' in seine Kirch' berufen hat; nie
will ich von ihr weichen. Ich singe dieses Lied gern, nicht nur wegen
der schönen Melodie. Manchen geht es ähnlich; andere dagegen
haben gegen dies Lied eine tiefe Abneigung. Im Rahmen meiner Predigtreihe
über das Glaubensbekenntnis möchte ich heute über den Artikel
zu sprechen: Ich glaube an die heilige katholische Kirche".
Die Kirche ist immer schon angefeindet und verfolgt worden, aber sie
ist ebenso glühend verteidigt und geliebt worden. Leider beteiligen
sich heute auch viele Christen an der herben und ungerechten Kritik an
der Kirche, die uns allenthalben aus den Massenmedien entgegenschlägt.
Was ist der Grund dafür? Ich denke, es liegt vor allem daran, daß
man die Kirche ähnlich wie den Staat ansieht und sie wie eine unter
vielen politischen Organisationen betrachtet. Die ganze Verdrossenheit
gegenüber der Politik und das geschwundene Vertrauen in die Staatsdiener
überträgt sich so leicht auf die Kirche. Dazu kommt dann der
absolute Anspruch der Kirche, die Wahrheit zu kennen und zu verkündigen:
Ein solcher Anspruch steht im Widerspruch zu demokratischen Prinzipien
moderner Gesellschaften; wer im öffentlichen Leben ernst genommen
werden will, darf sich nicht absolut setzen, sondern muß jederzeit
zugeben, daß andere Meinungen ebenso recht haben können.
Wäre die Kirche nur eine menschliche Institution, eine soziologische
Größe, dann müßte sie sich natürlich nach den
Maßstäben des modernen demokratischen Denkens verhalten. Ich
will das gar nicht weiter ausführen, weil die ganze Annahme auf einem
Irrtum beruht: Die Kirche ist nämlich keine rein menschliche Institution,
sondern sie ist in erster Linie eine göttliche, unsichtbare Wirklichkeit,
ein Geheimnis, das nur im Glauben erkannt und verstanden werden kann.
In ihr lebt Christus auf mystische Weise weiter, er ist ihr Haupt, sie
ist sein Leib; der Heilige Geist belebt die Kirche, so wie die Seele den
menschlichen Leib beseelt. Wo die Kirche ist, da ist der Geist Gottes,
und wo der Geist Gottes ist, da ist die Kirche und alle Gnade", sagt
der hl. Irenäus. Deshalb ist die Kirche heilig, unbefleckt und makellos,
obwohl ihre Glieder wir Christen Sünder sind und durch
unsere Sünden die wesentliche Heiligkeit der Kirche verdecken.
Als ich mit etwa 18 Jahren den katholischen Glauben wiederentdeckte,
da ging mir zugleich auf, was die Kirche damit zu tun hat: nämlich
schlechterdings alles. In dem Maße, in dem ich als Kind von meinen
Eltern zur Kirche geführt wurde, in dem Maße wurde mir der
Glaube geschenkt, und in dem Maße, in dem ich mich in meiner Jugendzeit
von der Kirche entfernt und mich meinen eigenen scheinbar vernünftigen
Ideen und Theorien überlassen hatte, in dem Maße hatte ich
den Glauben verloren. Denn es ist die Kirche, die die Botschaft Jesu getreu
überliefert hat durch die Jahrhunderte, und es ist der Heilige Geist,
der bis heute und bis zum Jüngsten Tag in der Kirche wirkt, damit
sie den rechten Glauben bewahren kann. Sobald mir dies geradezu schlagartig
klar wurde, empfand ich eine große Liebe zur Kirche, die ich bis
heute nicht verloren habe und mit Gottes Hilfe hoffentlich nie verlieren
werde. Dank der Kirche darf ich glauben, bin getauft und so Kind Gottes.
Die Kirche ist gewissermaßen die Mutter aller Christen, denn durch
die Taufe gehören wir ihr als Glieder an und haben Gott zum Vater.
Seit der Zeit bin ich jeden Tag zur Messe gegangen, und es hat mich nur
wenig gestört, daß ich an Werktagen der einzige meines Alters
war.
Freilich weiß ich, daß es auch viele dunkle Seiten an der
Kirche gibt und in der Vergangenheit gegeben hat. Es wäre falsch
und unlauter, das zu verschweigen. Viele Christen und auch Nichtchristen
hatten unter Amtsträgern der Kirche wie auch unter gewöhnlichen
Mitchristen zu leiden. Und von dem Ärgernis der Spaltung der Christenheit
will ich jetzt gar nicht reden, sonst käme ich an kein Ende. So wird
die Heiligkeit der Kirche verdunkelt, und viele nehmen Anstoß an
ihr. Und doch ist es überaus erstaunlich, daß die Kirche bisher
nicht untergegangen ist, wie es allen mächtigen Reichen und Institutionen
gegangen ist. Offenbar hat sie eine größere Kraft zur Selbstkritik
und Selbstreinigung als gewöhnliche menschliche Organisationen. Obwohl
sie aus Menschen besteht, die fehlbar sind und sich ganz und gar festfahren
können, atmet tief in ihr der Heilige Geist, der stets zur Erneuerung
und Reinigung des Glaubens und der Liebe antreibt. Besonders deutlich
sichtbar wird das an den zahlreichen Heiligen, die in der Kirche gewirkt
haben. Ganz gleich, welches Lebenszeugnis wir betrachten, immer werden
wir feststellen, daß die Heiligen vor allem aus den Sakramenten
der Kirche gelebt und ihre Kraft bezogen haben. Selbst wenn ihnen tiefes
Unrecht von seiten der Bischöfe oder des Papstes zugefügt wurde,
haben sie die Kirche nie verlassen oder zum Kampf gegen die Kirche aufgerufen.
Gerade durch ihr vorbildliches Leben haben sie dazu beigetragen, daß
die göttliche Seite der Kirche wieder zum Vorschein kam und Mißstände
ausgeräumt wurden. Sie wußten, daß sie mit Christus nur
eins bleiben konnten, wenn sie mit der Kirche verbunden blieben.
Was bedeutet das für uns? Vor vierzig Jahren war es vergleichsweise
leichter, sich mit der Kirche zu identifizieren, man brauchte sich nur
in die große Schar der Kirchgänger einzureihen und war ergriffen
von dem Gefühl: Ein Haus voll Glorie schauet weit über
alle Land, aus ewgem Stein erbauet von Gottes Meisterhand!" Aber
wir wissen, daß das nur eine sehr kurze Epoche war. Vorher hatten
die Nazis die Kirche verfolgt, nachher zerstreute sich die große
Herde, und die Glorie war nicht mehr so deutlich sichtbar. Darin liegt
heute vielleicht die größte Anfechtung: Habe ich aufs falsche
Pferd gesetzt? Wo sind die Scharen geblieben? Jesus sagt im heutigen Evangelium:
Fürchte dich nicht, du kleine Herde!" Ob wir viele sind
oder wenige es kommt vor allem darauf an, daß wir dem Herrn
treu bleiben und uns nicht irremachen lassen vom zeitbedingten Auf und
Ab des äußerlich Sichtbaren. In unserer Treue liegt der Same
für viele Bekehrungen.
16. Teil: Ich glaube an die Gemeinschaft der Heiligen
Liebe Gemeinde!
Der berühmte Philosoph Blaise Pascal hatte in seinem Rock einen
Zettel eingenäht, den man nach seinem Tod fand. Darauf standen die
Worte: Feuer, Gewißheit, Gewißheit, Empfindung, Freude,
Friede, Vergessen der Welt und aller Dinge, ausgenommen Gott."
Diese Worte sind wie ein persönlicher Kommentar zum Wort Jesu: Ich
bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich,
es würde schon brennen!" Ich möchte es heute wagen,
dieses Wort mit dem Glaubensartikel in Verbindung zu bringen, in dem es
heißt: Ich glaube an die Gemeinschaft der Heiligen."
Dazu scheint mir eine Vorbemerkung nötig. Ich glaube, in den letzten
zwanzig Jahren wurde in der Kirche gerade auch von Predigern
das Wort Gemeinschaft" häufiger denn je in den Mund genommen
aber man kann den Eindruck gewinnen, hier werde eher der Versuch
gemacht, etwas zu beschwören, das nicht da ist, als etwas zu beschreiben,
was jeder fühlt und sieht. Kann es sein, daß viele Theologen
nicht mehr so recht an die Kommunion mit Christus glauben und deshalb
um so mehr über Gemeinschaft reden müssen, damit die Gemeinde"
Bescheid weiß, warum es sie überhaupt gibt?
Wird hier womöglich die natürliche Reihenfolge auf den Kopf
gestellt, nämlich zuerst die Erfahrung der Gemeinschaft mit Christus
in Glaube und Sakrament und danach allmähliches Verstehen durch Belehrung?
Will man heute Gemeinschaft durch viele Worte herstellen oder herbeireden?
Hätte sich Blaise Pascal durch die Lektüre eines Buches Kirche
ist Gemeinschaft" veranlaßt gefühlt, einen Zettel mit
den Worten Feuer, Gewißheit, Gewißheit, Empfindung,
Freude, Friede, Vergessen der Welt und aller Dinge, ausgenommen Gott"
zu beschriften und zeitlebens mit sich herumzutragen?
Um es pointiert zu sagen: Worte sind leer und kraftlos, wenn nicht eine
Erfahrung dahintersteht. Und die Erfahrung kann nicht durch Worte hergestellt
werden, man muß sie machen. Und wenn man die Erfahrung vergessen
oder verloren hat, muß sich neu für sie öffnen und dem
Feuer Christi Einlaß geben. Und das ist möglich, weil das Feuer
des Geistes nicht erlischt. Und noch konkreter: Weil es die Gemeinschaft
der Heiligen gibt!
Damit kann ich die Vorbemerkung abschließen und zum Eigentlichen
übergehen. Ein eindrucksvolles Zeugnis von der Gemeinschaft der Heiligen
gibt der bekannte Staatsrechtler Martin Kriele in seinem Buch Anthroposophie
und Kirche". Kriele schreibt:
Wie kann die Anthroposophie allen Ernstes beanspruchen, die Verkündigung
der Kirche ersetzen zu können? Diese Frage überfiel mich eines
Tages mit einer merkwürdig eindringlichen Wucht, als ich dem Rosenmontagszug
unter dem Kölner Dom zusah. Werden die Hunderttausende fröhlich
feiernder Menschen jemals die Zyklen Rudolf Steiners über die Evangelien,
über das Mysterium von Golgatha, über die Hierarchien der
Engel studieren? ... Sollten sie wirklich auf die individuelle Initiation
verwiesen bleiben, damit sie erfahren, daß Jesus wirklich der
Christus war, daß er seinen Jüngern im Auferstehungsleib
erschienen ist, daß er bei uns ist alle Tage bis ans Ende der
Welt?
Nicht Rudolf Steiner, sondern allein der Kirche ist es zu verdanken,
daß all diese Menschen Christen sind. ...
Was für eine unglaubliche Kulturleistung hat die Kirche vollbracht,
diese um mich her schunkelnden Menschen mit Christus in Verbindung gebracht
zu haben! Es erscheint fast unmöglich, und doch ist es gelungen:
ein Wunder, das nicht anders erklärbar ist als durch den Gedanken
an Gnade, Segen und Mitwirken des Heiligen Geistes."
Und dann kommt Kriele auch auf das Thema Gemeinschaft zu sprechen - unter
dem Titel geistige Kommunion mit Christus", einem auch für
Anthroposophen erstrebenswerten spirituellen Ziel. Er sagt wörtlich:
Das Leben der Anthroposophie führt statt zur geistigen Kommunion
mit Christus zum Reden über sie."
Und er sieht den Grund darin, daß die Anthroposophie eine überwiegend
theoretische Sache ist, die nur auf gewisse elitäre Typen zugeschnitten
ist. Dagegen setzt er die Liturgie der Kirche:
Es gibt für uns normal begabte Menschen kaum ein größeres
und tiefer mit Christus verbindendes Erlebnis als die Teilnahme an einer
mit inniger Frömmigkeit gefeierten Liturgie. Und indem uns der
Kultus mit Christus verbindet, wenden wir uns durch ihn dem Vater zu
und erfahren das Walten des Heiligen Geistes. So stehen wir in Ehrfurcht
und Danksagung der Trinität gegenüber."
Es fehlte nur noch die Erwähnung der Gemeinschaft mit den Engeln
und Heiligen und den Verstorbenen dann wäre das eine komplette
Erklärung der Gemeinschaft der Heiligen!
Die Gemeinschaft der Heiligen gibt Ausdruck für einen recht verstandenen
Vorrang der Praxis vor der Theorie. Sie zeigt, daß die Offenbarung
Gottes für alle Menschen da ist und nicht nur für einen kleinen
Zirkel. Wer in dieser Gemeinschaft steht, weiß sich von den anderen
mitgetragen, auch von den längst Verstorbenen. Sie ist mehr als ein
Zweckverbund, sie ist wie eine ständige Bluttransfusion, durch die
unser vergiftetes Blut erneuert wird. Was dem einen fehlt, das ersetzt
ein anderer durch sein Gebet und Opfer.
Wer diese Gemeinschaft erfährt und dazu braucht es keine
Predigt der erfährt das Feuer Christi, das aus einer ganz
anderen Welt kommt und zur Entscheidung drängt. Wen dieses Feuer
in Brand gesetzt hat, der kann gar nicht anders, er muß dieses Feuer
weitergeben und wird Frieden finden, nicht einen Frieden, wie die Welt
ihn gibt, der kaum mehr ist als Gemütlichkeit vorm Fernsehen oder
in der Gartenlaube, sondern einen Frieden von Gott her und für die
Ewigkeit.
17. Teil: Ich glaube an die Vergebung der Sünden
Liebe Gemeinde!
Der berühmte Neustestamentler Franz Mussner hat im letzten Jahr
ein kleines Büchlein herausgebracht, das den Titel trägt: Was
hat Jesus Neues in die Welt gebracht".5 In 15 Kapiteln gibt uns der
Gelehrte Auskunft über das Neue, das Jesus gebracht hat. Das ist
für uns deshalb so wichtig, weil wir immer wieder in der Gefahr stehen,
die Botschaft Jesu für altbekannt zu halten und eher nach etwas anderem
Ausschau halten, das unseren Drang nach Neuem befriedigen könnte.
Sollte es wirklich so sein, daß das Neue Testament alt geworden
ist und wir etwas ganz Neues brauchen? Das aber hieße, daß
auch Gott alt geworden wäre, wie wir IHN uns ja tatsächlich
manchmal als furchtbar alten Mann vorstellen was natürlich
ein völliger Unsinn ist.
Zu dem Neuen, das Jesus in die Welt gebracht hat und das stets aktuell
ist und nie veraltet, gehört seine Botschaft und Praxis der Vergebung
der Sünden. Von dieser spricht der drittletzte Artikel unseres Glaubensbekenntnisses.
Als Jesus einmal zu einer großen Zahl Menschen sprach, da brachte
man einen Gelähmten zu ihm, woraufhin er zu diesem sagte: Deine
Sünden sind dir vergeben." Doch die anwesenden Schriftkundigen
mußten denken: Wie kann dieser Mensch so reden? Er lästert
Gott. Wer kann Sünden vergeben außer dem einen Gott?"
Jesus geht auf ihren Zweifel ein, indem er den Kranken von seiner
Lähmung heilt und so beweist, daß er in der Tat bevollmächtigt
ist, Sünden zu vergeben. (Mk 2,1-12)
Um den Zweifel der Schriftgelehrten zu verstehen, müssen wir uns
einmal neu klar machen, was Sünde eigentlich ist das wußten
diese nämlich sehr wohl, während wir von Sünde eher in
einem verharmlosenden Sinn sprechen, z.B.: Ich habe zuviel Süßes
gegessen und so gesündigt." Sünde kommt von Sondern";
die Sünde trennt von Gott, sie ist eine Beleidigung Gottes, und darum
heißt es im Psalm: Gegen dich allein habe ich gesündigt,
ich habe getan, was dir mißfällt." (Ps 51,6) Sünde
ist alles andere als harmlos. Ihr Lohn ist der Tod (Röm 6,23), d.h.
die ewige Trennung von Gott, die Verdammnis.
Das wußten die Juden damals alle sehr gut. Ihre Priester und Lehrer
stellten ihnen das Gesetz Gottes vor, das die Wegweisung geben sollte
für ein Leben ohne Sünde. Wer sich nicht an das Gesetz hielt,
galt als Sünder und verworfen. Auch die schwer Kranken und Aussätzigen
galten als von Gott verworfen; sie wurden gemieden, weil schon eine Berührung
zur Unreinheit führen konnte. Eine Hoffnung auf Vergebung und Befreiung
vom Makel der Sünde und Unreinheit gab es kaum; wer das Gesetz einmal
übertreten hatte, hatte im Grunde sein Schicksal besiegelt.
Wie ganz anders war da das Verhalten Jesu! Er ging immer wieder gerade
auf die Ausgestoßenen zu, die Zöllner und Sünder",
und pflegte mit ihnen Tischgemeinschaft zum Zeichen dafür, daß
sie wieder integriert waren in die Gemeinschaft der Kinder Gottes, weil
er ihnen die Sünden vergeben hatte. Wir kennen seine Verkündigung
der erbarmenden Liebe Gottes, z.B. in den berühmten Gleichnissen
vom Verlorenen, vom verlorenen Schaf, von der verlorenen Drachme und dem
verlorenen Sohn (Lk 15). Aber wir empfinden kaum die Freude, die Jesus
als Frucht der Vergebung herausstellt, die Freude auf Seiten des Wiedergefundenen
und die Freude, die im Himmel herrscht (Lk 15,10). Die Freude kann sich
ja nur einstellen, wenn man vorher den Verlust schmerzlich gespürt
hat.
Da liegt unser Problem! Wir fühlen uns gar nicht so verloren, wie
wir in Liedern manchmal singen: Menschen, die ihr wart verloren..."
Unser Empfinden hat seine religiöse Tiefe eingebüßt, es
richtet sich meistens nur auf körperlich-sinnliche Qualitäten.
Die Sünde können wir nicht sehen, nicht riechen, nicht schmecken,
aber sie ist ein großes Übel, ja ein viel größeres
Übel als alle körperlichen Defekte. Wäre die Sünde
harmlos, dann wäre der Kreuzestod Jesu ganz und gar überflüssig
gewesen, denn durch sein Blut haben wir die Vergebung der Sünden"
(Eph 1,7).
Jesus sagt eindringlich: Fürchtet euch nicht vor denen, die
den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern
fürchtet euch vor dem, der Seele und Leib ins Verderben der Hölle
stürzen kann." (Mt 10,28) Nur vor dem Hintergrund dieses ernsten
Wortes kann uns aufgehen, welch großartiges Ostergeschenk Jesus
seiner Kirche gemacht hat, als er den Aposteln im Abendmahlssaal sagte:
Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem
sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert."
(Joh 20,22f) Und nur vor diesem ernsten Hintergrund können wir verstehen,
warum der hl. Augustinus sagt:
Gäbe es in der Kirche nicht die Sündenvergebung, so
bestünde keine Hoffnung auf ein ewiges Leben und eine ewige Befreiung.
Danken wir Gott, der seiner Kirche ein solches Geschenk gemacht hat."
Jesus hat nicht nur selbst Sünden vergeben und damit Hoffnung geschenkt,
einst in ewiger Freude bei Gott zu sein, er hat die Vollmacht zur Vergebung
auch seiner Kirche weitergegeben. Wann immer ein Mensch das Bußsakrament
empfängt und die Worte hört: Ich spreche dich los von
deinen Sünden im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen
Geistes", ist er von seinen Verfehlungen befreit und darf wieder
aufatmen.
Ich durfte im Wallfahrtsort Medjugorje erleben, wie Tausende von Menschen
dieses Sakrament suchten, wie morgens, mittags und abends die Leute Schlange
standen, um von einem der zahlreich anwesenden Priester die Lossprechung
zu erhalten. Ihnen stand die Freude über die Vergebung auf dem Gesicht
geschrieben. Ewig neu ist der Ruf Jesu: Kehrt um!", und immer
neu kann uns die Erfahrung zuteil werden: denn das Himmelreich ist
nahe." (Mt 4,17)
18. Teil: Ich glaube an die Auferstehung der Toten
Liebe Gemeinde!
1. Paulus, du spinnst! Das viele Studieren treibt dich in den Wahnsinn."
(Apg 26,24) Mit diesen Worten reagierte der Statthalter Festus auf die
Rede des Paulus, als dieser im Jahr 56 in Caesarea verhört wurde
und dabei auf die Auferstehung Jesu zu sprechen kam. Ganz ähnlich
war es Paulus schon ein paar Jahre vorher in Athen ergangen. Vor den Gelehrten
Athens hatte er die Gelegenheit, seine Lehre darzulegen. Sein Vortrag
stieß auf wohlwollendes Interesse bis zu dem Augenblick, wo er von
Jesu Auferweckung sprach. Da jedoch spotteten die einen, und andere sagten:
Darüber wollen wir dich ein andermal hören." (Apg
17,32)
Der christliche Glaube an die Auferstehung ist von Anfang an auf Unverständnis
und Widerstand gestoßen. Viele Menschen nehmen wohl an, daß
das Leben der menschlichen Person nach dem Tod irgendwie geistig weitergeht.
Aber wie kann man glauben, daß unser sterblicher Leib zum ewigen
Leben aufersteht? (Vgl. KKK 996)
2. Die Aussicht auf ein rein geistiges Weiterleben nach dem Tod ist allerdings
alles andere als tröstlich. Das kann uns ein Film vor Augen führen,
der vor einigen Jahren im Kino lief: Ghost - Nachricht von Sam."
Darin spielte ein Mann die Hauptrolle, der gleich zu Beginn des Films
erschossen wird und seinen toten Körper dann auf der Straße
liegen sieht, während er selber weiterlebt allerdings ohne
Körper, als Geist, der durch Wände gehen kann, aber deswegen
auch keinen anderen Menschen mehr berühren kann.
Im Film wird ganz offensichtlich, daß die Existenzweise von Sam
keineswegs glücklich zu nennen ist. Er nimmt zwar alles wahr, was
die lebenden Personen sagen und tun, aber er kann seinerseits in das Geschehen
nicht eingreifen und sich auch nicht auf normale Weise mitteilen. Dies
ist ihm nur ganz umständlich möglich über ein Medium, eine
Frau, die ihn hören, aber nicht sehen kann. Aber so ist ihm ausgerechnet
das genommen, was für ihn im Leben am wichtigsten ist: Seine Frau
in den Arm zu nehmen, sie zu berühren und ihr so ganz nah zu sein.
Wenn unser Weiterleben nach dem Tod so aussehen würde wie das von
Sam in diesem Film, dann wäre es vielleicht besser, gar nicht weiterzuleben.
Wir Menschen bestehen aus Seele und Leib, der Leib gehört so wesentlich
zu unserem Wesen, daß ein bloßes Fortbestehen unserer unkörperlichen
Seele in keiner Weise erstrebenswert erscheint. Mit unserem Leib drücken
wir aus, was in unserer Seele vorgeht, nur mittels unseres Leibes können
wir Gesten der Zärtlichkeit austauschen und überhaupt unserem
geistigen Empfinden Ausdruck geben. Ja, schon im Gesicht, ja im Auge eines
Menschen spiegelt sich die je einzigartige Besonderheit der Person; Leib
und Seele sind derart eng miteinander verbunden, daß es absurd wäre,
sich vorzustellen, die Seele könnte in einem anderen Leibe reinkarnieren.
Wenn also eine körperlose Existenz der Seele etwas Mangelhaftes ist
und eine Wiedervereinigung mit einem Körper gedacht werden soll,
dann kann es nur derselbe Leib sein, den der Mensch in seinem irdischen
Leben hatte. Und dies ist genau der christliche Glaube.
3. Aber bevor sogleich die Einwände kommen, müssen dazu noch
einige Ergänzungen gemacht werden. Erstens: Die bisher angestellten
Überlegungen sind rein negativer Art, sie sind kein Beweis, sondern
entwickeln nur die Konsequenzen verschiedener Ansichten über ein
Weiterleben der Seele, ohne Bezug auf die biblische Offenbarung zu nehmen.
Darum muß nun zweitens der positive Grund unseres Glaubens ins
Zentrum der weiteren Überlegungen gestellt werden: die Auferstehung
Jesu von den Toten. Oft hört man, daß Leute sagen: Wer
weiß, was nach dem Tod passiert. Es ist ja noch keiner wiedergekommen."
Dieser Satz ist bis auf eine Ausnahme richtig. Einer ist wiedergekommen,
nämlich Jesus von Nazareth, dessen Leichnam tot im Grabe lag, der
aber am dritten Tag wieder auferstanden und seinen Jüngern leiblich
erschienen ist. Leiblich erschienen, nicht als Geist, erkennbar in seiner
individuellen Gestalt, an der sogar die Wundmale noch sichtbar waren.
So sagt er: Seht meine Hände und Füße an: Ich bin
es selbst." (Lk 24,39) Schon im ersten nachchristlichen Jahrhundert
gab es eine Irrlehre, derzufolge der Sohn Gottes nur einen Scheinleib
angenommen hatte. Jesus sei deshalb gar nicht wirklich gestorben, sondern
habe nur diese Scheinexistenz verlassen und lebe nunmehr rein geistig.
Diese Irrlehre verdankt sich einer generellen Abwertung der Materie, die
als unvollkommen oder gar als böse angesehen wird. Dagegen haben
die großen Theologen einmütig protestiert und festgehalten,
daß Gott wahrhaft Fleisch geworden ist bei der Geburt in Nazareth,
ebenso wahrhaft gestorben ist am Kreuz und ebenso wahrhaft auferstanden
ist am dritten Tag. Die Materie ist nichts Schlechtes oder Unvollkommenes,
sie ist Schöpfung Gottes genauso wie die Seelen der Menschen.
Das heißt dann auch, daß im Grabe kein Leichnam mehr war;
es bedeutet, daß durch ein wunderbares Eingreifen Gottes die Seele
Jesu mit seinem Leib wiedervereinigt wurde, wobei freilich - wie wir sagen
- der Leib zugleich verklärt wurde. Verklärt"
das bedeutet, dieser neue Auferstehungsleib Jesu war nicht mehr den Gesetzen
und Gebrechen unserer vom Tod gezeichneten Welt unterworfen, er war und
ist unsterblich, unverwundbar, über die Maßen schön
eben verklärt, so wie drei seiner Jünger ihn schon einmal für
ganz kurze Zeit auf dem Berg Tabor sehen durften.
Eine solche Auferstehung verheißt Jesus all denen, die an ihn glauben.
Also eine Auferstehung und Verklärung des Leibes, nicht bloß
ein Fortbestehen der Seele. Daß dies geschehen wird, wissen wir
sicher aufgrund unseres Glaubens an die Verheißungen des Herrn.
Wie dies aber geschehen wird, das entzieht sich vollends unserem Vorstellungsvermögen.
Der Apostel Paulus ringt in einem ganzen Kapitel mit dieser Frage; ich
empfehle es Ihrer aufmerksamen Lektüre: 1 Kor 15. An anderer Stelle
schreibt er, daß Jesus Christus unseren armseligen Leib
verwandeln wird in die Gestalt seines verherrlichten Leibes, in der Kraft,
mit der er sich alles unterwerfen kann." (Phil 3,21)
4. Es ist noch eine dritte Überlegung erforderlich: Sie betrifft
mögliche Zweifel angesichts unseres von Schwachheit und Behinderungen
geprägten Körpers. Die Einheit von Leib und Seele ist in unserem
irdischen Leben gewissermaßen gestört. Die Seele soll sich
im Leibe ausdrücken, aber sie vermag dies nicht in aller Vollkommenheit.
Krankheiten und Behinderungen machen dies offensichtlich. Wenn ein Mensch
zum Beispiel Krebs hat, dann wuchern gewisse Körperzellen und verformen
den Leib; die Seele hat dann keinen Einfluss mehr auf diese Körperpartien.
Mit zunehmendem Alter wird die Leib-Seele-Einheit immer brüchiger;
irgendwann bricht sie ganz auseinander der Mensch stirbt, sein
Leichnam verwest. Dies alles ist Folge der Sünde. Wenn wir in der
Taufe mit Christus der Sünde gestorben sind, dann dürfen wir
zuversichtlich hoffen, daß unser Auferstehungsleib all diese Gebrechen
nicht mehr haben wird, sondern in einmaliger Schönheit und Herrlichkeit
eine vollkommene Einheit mit unserer Seele eingehen wird.
Das ist unser christlicher Glaube und unsere Hoffnung. Diese Offenbarung
ist in der Welt wirklich etwas Neues, nie Dagewesenes. Sie sagt uns nichts
Verrücktes, sondern etwas, das uns den Sinn unseres leiblichen Lebens
verstehen lässt, wenn auch auf eine Weise, daß wir von selbst
nie darauf gekommen wären. Unausdenkbar, unerfindlich und gerade
deshalb so glaubhaft.
19. Teil: Ich glaube an das ewige Leben (I)
Liebe Gemeinde!
Wenn der Priester sagt Gelobt sei Jesus Christus!", so antworten
wir ganz automatisch: In Ewigkeit. Amen." Dem altehrwürdigen
Gruß folgt gewohnheitsmäßig eine Antwort, die uns sozusagen
in Fleisch und Blut übergegangen ist so sehr, daß wir
ihren geistigen Gehalt oft gar nicht mehr bedenken. Darum möchte
ich heute über den letzten Glaubensartikel sprechen, in dem es heißt:
Ich glaube an das ewige Leben."
Viele von Ihnen wissen vielleicht, daß Karl Marx das Christentum
verunglimpft hat; es sei Opium fürs Volk. Opium vernebelt die Sinne.
Wer Opium nimmt, spürt seine Schmerzen und seine Lasten nicht mehr;
er wird abgelenkt von den Sorgen des Alltags und fühlt sich in eine
himmlische Stimmung versetzt. Karl Marx meinte, das Christentum habe dieselbe
Wirkung auf die Seele der Menschen, genauer: der Glaube an das ewige Leben
habe diese Wirkung. Denn so werde der Mensch auf ein besseres Leben nach
dem Tod vertröstet und könne so leichter und geduldiger ertragen,
was in der Lebenszeit an Unrecht geschieht. Wer den Menschen einrede,
sie dürften auf ein ewiges Leben hoffen, der nehme ihnen die Kraft
zum Widerstand gegen ungerechte Verhältnisse und stabilisiere so
das herrschende Unrecht.
In den siebziger und achtziger Jahren fühlten sich viele Theologen
durch dieses Argument herausgefordert und reagierten darauf, indem sie
die politische Dimension des christlichen Glaubens betonten. Der Christ
glaube nicht nur an die Erlösung vom ewigen Tod, sondern auch an
die Befreiung von zeitlicher Unterdrückung. Die Befreiungstheologie
übernahm die Marxsche Rede vom Klassenkampf und ließ sich auch
von der Idee eines Paradieses auf Erden leiten. In der Folge wurde immer
weniger von der ewigen Seligkeit gesprochen man wollte ja nicht
bloß vertrösten, sondern echten Trost geben und dafür
wurde die politische Aufgabe bewußt gemacht, die Unterdrückten
zu befreien und Solidarität mit den Armen zu zeigen.
Wir leben nun eine Generation später und müssen etwas Merkwürdiges,
ja Schreckliches feststellen: Die Politisierung und Ethisierung hat offenbar
dem allgemeinen Glaubenszustand nicht gut getan. Nachdem sie anfangs junge
Menschen in Scharen begeistert und jedes Jahr Tausende von Schülern
zum Studium der Theologie motiviert hat, scheint sie nun ihre Kraft aufgebraucht
zu haben und lockt heute kaum noch einen Menschen. Was ist da geschehen?
Mir scheint, daß dieses ernüchternde Ergebnis zeigt, daß
etwas im Ansatz falsch war. Aus Angst vor dem Opium-Vorwurf wollte man
möglichst wenig vom ewigen Leben sprechen. Aber damit beraubte man
die Gläubigen einer unersetzlichen Kraftquelle. Denn nur wer sich
bewußt ist, daß er eines Tages vor dem ewigen Richter Rechenschaft
für sein Leben ablegen muß, der läßt sich zu dauerhaften
Taten der Nächstenliebe ermuntern, zu einem opferbereiten Leben.
Mitleid allein vermag solche Kraft nicht zu geben. Gewiß
wer im Fernsehen Bilder einer Katastrophe sieht, der läßt sich
leicht zu einer Spende anspornen. Aber dann kommt wieder der Alltag. Ähnlich
ist es mit der Empörung gegen herrschendes Unrecht. Gerade junge
Menschen haben ein ausgeprägtes Unrechtsbewußtsein und können
eine Zeitlang zum ethisch-politischen Engagement motiviert werden. Aber
die wenigsten können ihren Idealismus ein Leben lang durchhalten.
Wir können diesen Zusammenhang an den ehemaligen 68er Revolutionären
studieren. Die meisten von ihnen haben sich mit dem einst so verachteten
bürgerlichen Leben arrangiert, etliche haben Kompromisse mit der
Macht geschlossen. Heute vertreten grüne Politiker Meinungen und
beschließen Maßnahmen, gegen die sie vor 30 Jahren auf die
Straße gegangen sind. Ein anderer kleinerer Teil hat solche Kompromisse
nicht geschlossen und kämpft weiterhin gegen das Establishment
nun aber nicht mit jugendlichem Idealismus, sondern mit Verbitterung gegen
die angeblich unpolitisch gewordene Jugend.
Aber nicht nur die einstigen Revolutionäre sind müde geworden,
unser Volk insgesamt hat sich weitgehend ins Private zurückgezogen
und gibt sich dem Vordergründigen und Kurzweiligen hin. Das betäubende
Opium scheint nun von einer ganz anderen Quelle auszugehen, vom Fernsehen
und von der Freizeitindustrie.
Was ist mit den Christen in unserem Lande? Was würde Karl Marx uns
heute ins Stammbuch schreiben? Ich fürchte, er müßte heute
erst recht beklagen, daß die meisten wollen, daß alles so
bleibt, wie es ist, nämlich die ungerechte Verteilung der Güter.
Aber heute dürfte deutlicher als vor 150 Jahren sein, daß es
nicht der ferne Trost des ewigen Lebens ist, der die Christen lähmt,
sondern im Gegenteil: weil sie das ewige Leben gar nicht mehr vor Augen
haben, darum haben sie sich so wunderbar mit der kapitalistischen Lebensweise
arrangiert.
Warum neigen junge Leute heute dazu, unpolitisch zu sein? Weil sie weniger
moralisch sind als die Generation vor ihnen? Das müssen sie
sich von manchen Lehrern in den Schulen heute anhören, von Altachtundsechzigern,
die als Staatsbeamte in bürgerlicher Sicherheit leben, aber die fehlende
Solidarität der Jungen beklagen. Ich kann verstehen, daß sich
die Jugendlichen gegen solche Beschuldigungen wehren, wo ihnen doch weit
weniger Chancen offen stehen als ihrer Elterngeneration. Und ich kann
auch verstehen, daß die Appelle zum politischen Engagement bei ihnen
nicht so recht ankommen, denn sie müssen sich überfordert fühlen,
weil ihre menschliche Kraft allein nicht in der Lage ist, das allgemeine
Unrecht zu beseitigen.
Worauf es also ankommt, ist, die übernatürliche Kraftquelle
neu zu erschließen, die uns erst dazu befähigt, das zeitliche
Leben auf ein Ideal ausgerichtet zu halten. Diese Quelle besteht im Glauben
an das ewige Leben. Es gibt uns den absoluten Maßstab an die Hand,
das ständige Korrektiv für unsere Entscheidungen; wer an das
ewige Leben glaubt, der weiß, daß es einen gerechten Gott
gibt. Weder Mitleid noch Empörung reichen aus, um die guten Kräfte
im Menschen zu erwecken und am Leben zu erhalten. Nur ein ewiges Leben,
das nicht in die Ferne gerückt ist, sondern das jeden Tag als gegenwärtig
erfahren werden kann, gibt uns die Kraft, in der Zeit recht zu leben.
Darum wird es wieder Zeit, von Gott zu reden, von seiner Gegenwart in
der Kirche und davon, daß ich mich mit jeder einzelnen Entscheidung
auf den Himmel oder auf die Hölle zu bewege. Dieser Glaube ist kein
Opium, sondern ein Heilmittel gegen Blindheit und Erschlaffung.
20. Teil: Ich glaube an das ewige Leben (II)
Liebe Gemeinde!
In der letzten Predigt habe ich vom ewigen Leben gesprochen, aber nicht
sehr viel Inhaltliches darüber gesagt. Es ging mehr um die Frage,
warum überhaupt vom ewigen Leben gesprochen werden soll; aber worin
es eigentlich besteht, habe ich nicht gesagt.
Stellen Sie sich einmal vor, Sie bekommen eine Einladung, in der es heißt:
Sehr geehrter Herr..., sehr geehrte Frau..., wir laden Sie zu einem
Hochzeitsessen ein. Wir versprechen Ihnen ein unbegrenzt langes Vergnügen.
Nehmen Sie sich bitte unendlich viel Zeit mit, denn die Feier hört
niemals auf!" Ich bin ziemlich sicher, Sie würden nicht
dorthin gehen. Der Gedanke an ein Vergnügen, das kein Ende mehr hat,
das kein Danach" kennt, schreckt uns mehr als er uns anzieht.
Hat uns Gott etwa eine solche Einladung geschickt? Ich kann darauf
weder mit einem glatten JA noch mit einem klaren NEIN antworten. Die Schwierigkeit
der Antwort fängt schon beim Begriff Ewigkeit" an. Meistens
stellen wir uns darunter eine unbegrenzt lange Dauer vor: immer
und ewig", ohne Ende". Aber Ewigkeit ist nicht unendlich
lange Zeit, darum müßte man eigentlich mit Nein"
antworten. Gott, der allein ewig ist, steht überhaupt nicht in der
Zeit, sondern er besitzt sein Leben in ständiger, nicht verfließender
Gegenwart. Gott ist die Fülle des Lebens eben weil er nicht
der Zeit unterworfen ist und darum nicht warten muss, bis ihm etwas gegenwärtig
wird, oder sich mühsam an etwas erinnern muss, was seiner Gegenwart
entglitten wäre. Für Gott ist alles Gegenwart, nichts ist für
ihn vergangen, und nichts steht für ihn als noch kommend, zukünftig
aus.
Die Berufung zum ewigen Leben bedeutet also nicht die Verlängerung
unserer Lebenszeit ins Unendliche. Sie bedeutet vielmehr, daß wir
teilhaben sollen an Gottes unerschöpflicher Lebens- und Liebesfülle.
Das Bild vom Hochzeitsmahl ist dafür eben nur ein schwaches Bild.
Ein Bild, das anknüpft an die schönsten Augenblicke unseres
Lebens, von denen wir manchmal gerne wie Faust sagen: Verweile doch,
du bist so schön!" Und gewiß ein viel besseres Bild als
die Karikatur vom Münchner im Himmel, der ständig Halleluja"
rufen soll und dabei furchtbar genervt ist. Eine bloße Verlängerung
selbst der schönsten Augenblicke unseres Lebens ins Endlose ruft
den Schrecken der Langeweile wach.
Woran liegt das? Was ist eigentlich Langeweile? Das Wort sagt es schon:
eine lange Weile, eine Dauer, die bloß auseinander gezogen, aber
nicht gefüllt ist, im Grunde eine leere Weile. Langeweile stellt
sich immer dann ein, wenn die Zeit, die einem gegeben ist, ohne Spannung
und ohne Erwartung ist, eine quasi tote Zeit. Wo der Mensch echt lebt,
da ist ihm die Langeweile fremd. Aber Leben heißt für den Menschen
zuallererst Lieben. Nur die Liebe füllt unser Herz wirklich aus,
und ein erfülltes Herz freut sich an der Gegenwart des Geliebten,
ohne auch nur einen Moment Langeweile zu empfinden. Wo die Liebe
ist, da ist Gott." Gott ist die Liebe."
Ewiges Leben heißt: aus der Quelle der Liebe selbst schöpfen,
immer neu, immer überraschend, nie alt oder müde werdend, nichts
vermissen: hingerissen sein vor Glück, das niemals droht zu entschwinden.
Gott allein kann uns dieses nie aufhörende Glück schenken:
durch seine ewige Gegenwart. Kein Mensch kann es uns geben, höchstens
im Sinne eines schwachen Abglanzes. Nur Gott kann unser Herz ganz ausfüllen;
unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Gott." (Augustinus)
Und dennoch fragen wir: Werden wir unsere Lieben im Himmel wiedersehen?
Es wäre theologische Besserwisserei, darauf zu antworten: Wenn
du einmal bei Gott bist, wird es dich nicht mehr interessieren."
Aber es wäre auch töricht zu sagen: Gerade darin besteht
der Himmel: daß wir einander wiedersehen." So als ob Gott nur
das Mittel wäre zum Zwecke der Wiederherstellung menschlicher Gemeinschaft.
Menschliche Gemeinschaft als Selbstzweck ohne Gott hat keinen
Bestand, sie nimmt unweigerlich die Gestalt der Hölle an.
Ja, wir werden unsere Lieben im Himmel wiedersehen, denn Gott interessiert
sich ja selbst für uns Menschen. Darum läßt er auch unsere
Liebe zum anderen zu sowie auch unsere Liebe zur Schöpfung, zu den
vielfältigen geschaffenen Dingen neidlos gütig. Dazu
ein Gleichnis, das ich kürzlich in einem Buch fand:
Gott ist wie ein Landherr, ein Vater mit vielen Kindern, mit
einem riesigen Land und einem wohnlichen Haus. Die Kinder lieben den
Vater und sind gerne bei Ihm im Haus, sie lieben aber auch das Leben
in den grandiosen Länderein, die ihnen der Vater bereitet hat.
Der Vater hat jedes Kind gerne bei sich im Haus wohnen, hat es aber
auch gerne, daß es sich des Landes erfreut. In freudiger Erregung
zieht es aus, in freudiger Befriedigung kehrt es heim. Aber immer
auch in den fernsten Ländern und im einnehmendsten Abenteuer
ist es im Reich des allherrschenden Vaters. Im Haus des liebenden Vaters
ist unentwegtes Heimkommen und Fortgehen und wieder Heimkommen jedes
Kindes."
Langeweile gibt es nicht im Himmel, sondern nur auf der Erde, wo wir
nicht Herren unserer Zeit sind, wo alle Dinge altern und ihren Glanz verlieren.
Auch gibt es dort keine Bosheit und keinen Egoismus, keinen Neid und keine
Angst, zu kurz zu kommen. Aber all das gibt es hier, auf dieser Erde,
freilich nicht überall im gleichen Maße. Schon jetzt können
wir etwas vom himmlischen Glück erfahren und etwas von der höllischen
Einsamkeit. Unsere Welt ist wie ein Weizenfeld, das von Unkraut durchzogen
ist, ja, jeder Mensch hat in sich das Gute und das Böse. Aber gerettet
werden kann nur das Gute, das Böse muß abgelegt werden wie
ein schmutziges Kleid. Wir bedürfen der Reinigung und Läuterung,
um in den Himmel zu kommen, denn dort kann nichts Unvollkommenes sein.
Selbst ein kleines Fitzelchen Mißtrauen würde dort das Glück
der Seligen zunichte machen.
Weil das so ist, muß es ein Fegefeuer geben, besser: eine Phase
der Läuterung für alle, denen es im irdischen Leben nicht gelungen
ist, vom Bösen in jeder Gestalt Abschied zu nehmen. Je mehr wir schon
jetzt Gott in unser Leben einbeziehen, desto leichter wird uns der Übergang
ins ewige Leben fallen. So möchte ich schließen mit einem Spruch
der hl. Theresia von Avila:
Nichts soll dich ängstigen, nichts dich erschrecken. Alles
geht vorüber. Gott allein bleibt derselbe. Alles erreicht der Geduldige,
und wer Gott hat, der hat alles. Gott allein genügt."