Suche: 
Predigtreihe über das Glaubensbekenntnis (3)

gehalten vom 15. Oktober 2000 – 2. März 2002 in St. Bartholomäus

auch als pdf-Datei erhältlich

14. Teil: Ich glaube an den Heiligen Geist

Liebe Gemeinde!

Es wird viel geklagt heute, geschimpft und kritisiert - über das Wetter, über die Wirtschaftslage, die Politik und nicht zuletzt über die Kirche. Heute, liebe Schwestern und Brüder, ist die große Gelegenheit, innezuhalten und nachzudenken, was uns eigentlich die Frohe Botschaft sagt. Oder sagt sie uns gar nichts mehr? Ist für uns die Frohe Botschaft wirklich Wort des Lebendigen Gottes, ein Wort, das ins Heute spricht, ein Wort, das uns Antwort gibt auf unsere Fragen? Und zwar eine kraftvolle Antwort, weil sie vom Lebendigen Gott selber kommt und darum unendlich viel mehr sagt als die abgedroschenen Phrasen, mit denen wir Tag für Tag eingedeckt werden und die wir selber auch immer wieder in den Mund nehmen!

Diejenigen aus unserer Gemeinde, die schon mal an einem Bibelgespräch teilgenommen habe, wissen, wovon ich spreche: sie - und sicher noch zahlreiche andere - haben die Erfahrung gemacht, daß Gottes Wort tatsächlich einen unerschöpflichen Reichtum birgt, einen Schatz an tröstenden, stärkenden, ermutigenden, reinigenden, klärenden, befreienden, heilenden, Rat gebenden Worten, die für jeden lebendig werden können, der sich nur dafür öffnet. „Empfangt den Heiligen Geist!" hat Jesus nicht nur damals den Aposteln gesagt, sondern dieses Wort ist auch eine Aufforderung an uns heute, Empfangende zu werden, Empfangende für die große Gabe, den Heiligen Geist, der allein dazu in der Lage ist, „das Angesicht der Erde zu erneuern".

Wie war es denn damals beim Pfingstfest in Jerusalem? Da saßen die Jünger Jesu hinter verschlossenen Türen, voller Kleinmut und Furcht, aber jedenfalls im Gebet geeint. Plötzlich kam der Heilige Geist über sie, und sie redeten in fremden Sprachen, so daß alle sie verstehen konnten. 3000 Menschen wurden allein an jenem Tag im Herzen getroffen und zur Umkehr geführt. Ein neues Sprechen und ein neues Hören ereignete sich, das Pfingstwunder des Heiligen Geistes! Sollte das etwa heute nicht mehr möglich sein? Aber sicher ist es heute möglich, und es ereignet sich auch immer wieder: jedesmal wenn ein Christ mit wahrhaftigem Herzen Worte des Glaubens, des Hoffens und der Liebe findet und ausspricht und ein Angesprochener sie mit aufrichtigem Herzen aufnimmt; jedesmal wenn Christen sich im gemeinsamen Gebet versammeln und dabei leise Einheit und Frieden verspüren. Ganz besonders greifbar wird das Wirken des Heiligen Geistes, wo immer Eltern ihren Kindern von Gott erzählen und das kindliche Gemüt von echtem Glauben und dankbarer Freude erfüllt wird. Hier zeigt sich, wie sehr es auf unsere Offenheit für das Wirken des Heiligen Geistes ankommt und wie recht Jesus hat, wenn er sagt: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht in das Reich Gottes gelangen." Und zugleich wird deutlich, welch unersetzlichen Verlust es für ein Kind bedeutet, wenn ihm die religiöse Unterweisung - aus welchen Gründen auch immer - versagt wird.

Liebe Gemeinde! Die Gnadenstunde des Heiligen Geistes kann und soll für jeden kommen. Nicht umsonst haben wir eben in der Pfingstsequenz gebetet - und so sollten wir eigentlich jeden Tag voller Inbrunst beten:

„Was befleckt ist, wasche rein, Dürrem gieße Leben ein, heile du, wo Krankheit quält. Wärme du, was kalt und hart, löse, was in sich erstarrt, lenke, was den Weg verfehlt."

Zeigt nicht das allgemeine Klagen, von dem ich eingangs sprach, daß wahrlich ein großer Bedarf besteht an Heilung und Erneuerung? Doch nicht Klage, Kritik und Resignation dürfen die Antwort des Christen sein, sondern Vertrauen auf das Wirken des Göttlichen Geistes! Wie oft spüren wir, daß es in unserm Innern dürr ist wie ein Acker ohne Regen, daß unsere Seele wund ist von Rissen, die durch unser ganzes Wesen gehen und denen kein Arzt beikommen kann, wo nur der heilmächtige „Finger Gottes" helfen kann! „Er allein kann das Starre und Verkrampfte lösen; den Widerwillen, den Trotz, den Haß; das festgewordene Böse; die Gleichgültigkeit, die Härte, die Kälte, die stumme Not, welche verzweifelnd fühlt, wie furchtbar es ist, und doch nicht heraus kann. Nein, wir können nicht aus uns heraus. Er muß kommen, der befreiende Geist, und uns durch uns selbst Gefangene in Gottes Weite führen." (R. Guardini)

Geben wir Raum dem Heiligen Geist, denn wenn wir ihn in uns einlassen, dann spüren wir auch seine stärkende, tröstende, ermutigende und schwungbringende Energie, seine begeisternde Kraft, die unseren Glauben neu entzündet und uns Mut zum Zeugnis gibt.

Ja, der Geist Gottes macht uns wahrhaft frei, er macht uns neu und macht unsere Gemeinde neu, die ganze Kirche. Lassen wir ihn in uns ein, ersehnen wir ihn mit Gebeten und Liedern, daß er für uns ein neues Pfingsten herbeiführt. Amen.

15. Teil: Ich glaube an die heilige katholische Kirche

Liebe Gemeinde!

Dank sei dem Herrn, der mich aus Gnad' in seine Kirch' berufen hat; nie will ich von ihr weichen. Ich singe dieses Lied gern, nicht nur wegen der schönen Melodie. Manchen geht es ähnlich; andere dagegen haben gegen dies Lied eine tiefe Abneigung. Im Rahmen meiner Predigtreihe über das Glaubensbekenntnis möchte ich heute über den Artikel zu sprechen: „Ich glaube an die heilige katholische Kirche".

Die Kirche ist immer schon angefeindet und verfolgt worden, aber sie ist ebenso glühend verteidigt und geliebt worden. Leider beteiligen sich heute auch viele Christen an der herben und ungerechten Kritik an der Kirche, die uns allenthalben aus den Massenmedien entgegenschlägt. Was ist der Grund dafür? Ich denke, es liegt vor allem daran, daß man die Kirche ähnlich wie den Staat ansieht und sie wie eine unter vielen politischen Organisationen betrachtet. Die ganze Verdrossenheit gegenüber der Politik und das geschwundene Vertrauen in die Staatsdiener überträgt sich so leicht auf die Kirche. Dazu kommt dann der absolute Anspruch der Kirche, die Wahrheit zu kennen und zu verkündigen: Ein solcher Anspruch steht im Widerspruch zu demokratischen Prinzipien moderner Gesellschaften; wer im öffentlichen Leben ernst genommen werden will, darf sich nicht absolut setzen, sondern muß jederzeit zugeben, daß andere Meinungen ebenso recht haben können.

Wäre die Kirche nur eine menschliche Institution, eine soziologische Größe, dann müßte sie sich natürlich nach den Maßstäben des modernen demokratischen Denkens verhalten. Ich will das gar nicht weiter ausführen, weil die ganze Annahme auf einem Irrtum beruht: Die Kirche ist nämlich keine rein menschliche Institution, sondern sie ist in erster Linie eine göttliche, unsichtbare Wirklichkeit, ein Geheimnis, das nur im Glauben erkannt und verstanden werden kann. In ihr lebt Christus auf mystische Weise weiter, er ist ihr Haupt, sie ist sein Leib; der Heilige Geist belebt die Kirche, so wie die Seele den menschlichen Leib beseelt. „Wo die Kirche ist, da ist der Geist Gottes, und wo der Geist Gottes ist, da ist die Kirche und alle Gnade", sagt der hl. Irenäus. Deshalb ist die Kirche heilig, unbefleckt und makellos, obwohl ihre Glieder – wir Christen – Sünder sind und durch unsere Sünden die wesentliche Heiligkeit der Kirche verdecken.

Als ich mit etwa 18 Jahren den katholischen Glauben wiederentdeckte, da ging mir zugleich auf, was die Kirche damit zu tun hat: nämlich schlechterdings alles. In dem Maße, in dem ich als Kind von meinen Eltern zur Kirche geführt wurde, in dem Maße wurde mir der Glaube geschenkt, und in dem Maße, in dem ich mich in meiner Jugendzeit von der Kirche entfernt und mich meinen eigenen scheinbar vernünftigen Ideen und Theorien überlassen hatte, in dem Maße hatte ich den Glauben verloren. Denn es ist die Kirche, die die Botschaft Jesu getreu überliefert hat durch die Jahrhunderte, und es ist der Heilige Geist, der bis heute und bis zum Jüngsten Tag in der Kirche wirkt, damit sie den rechten Glauben bewahren kann. Sobald mir dies geradezu schlagartig klar wurde, empfand ich eine große Liebe zur Kirche, die ich bis heute nicht verloren habe und mit Gottes Hilfe hoffentlich nie verlieren werde. Dank der Kirche darf ich glauben, bin getauft und so Kind Gottes. Die Kirche ist gewissermaßen die Mutter aller Christen, denn durch die Taufe gehören wir ihr als Glieder an und haben Gott zum Vater. Seit der Zeit bin ich jeden Tag zur Messe gegangen, und es hat mich nur wenig gestört, daß ich an Werktagen der einzige meines Alters war.

Freilich weiß ich, daß es auch viele dunkle Seiten an der Kirche gibt und in der Vergangenheit gegeben hat. Es wäre falsch und unlauter, das zu verschweigen. Viele Christen und auch Nichtchristen hatten unter Amtsträgern der Kirche wie auch unter gewöhnlichen Mitchristen zu leiden. Und von dem Ärgernis der Spaltung der Christenheit will ich jetzt gar nicht reden, sonst käme ich an kein Ende. So wird die Heiligkeit der Kirche verdunkelt, und viele nehmen Anstoß an ihr. Und doch ist es überaus erstaunlich, daß die Kirche bisher nicht untergegangen ist, wie es allen mächtigen Reichen und Institutionen gegangen ist. Offenbar hat sie eine größere Kraft zur Selbstkritik und Selbstreinigung als gewöhnliche menschliche Organisationen. Obwohl sie aus Menschen besteht, die fehlbar sind und sich ganz und gar festfahren können, atmet tief in ihr der Heilige Geist, der stets zur Erneuerung und Reinigung des Glaubens und der Liebe antreibt. Besonders deutlich sichtbar wird das an den zahlreichen Heiligen, die in der Kirche gewirkt haben. Ganz gleich, welches Lebenszeugnis wir betrachten, immer werden wir feststellen, daß die Heiligen vor allem aus den Sakramenten der Kirche gelebt und ihre Kraft bezogen haben. Selbst wenn ihnen tiefes Unrecht von seiten der Bischöfe oder des Papstes zugefügt wurde, haben sie die Kirche nie verlassen oder zum Kampf gegen die Kirche aufgerufen. Gerade durch ihr vorbildliches Leben haben sie dazu beigetragen, daß die göttliche Seite der Kirche wieder zum Vorschein kam und Mißstände ausgeräumt wurden. Sie wußten, daß sie mit Christus nur eins bleiben konnten, wenn sie mit der Kirche verbunden blieben.

Was bedeutet das für uns? Vor vierzig Jahren war es vergleichsweise leichter, sich mit der Kirche zu identifizieren, man brauchte sich nur in die große Schar der Kirchgänger einzureihen und war ergriffen von dem Gefühl: „Ein Haus voll Glorie schauet weit über alle Land, aus ewgem Stein erbauet von Gottes Meisterhand!" Aber wir wissen, daß das nur eine sehr kurze Epoche war. Vorher hatten die Nazis die Kirche verfolgt, nachher zerstreute sich die große Herde, und die Glorie war nicht mehr so deutlich sichtbar. Darin liegt heute vielleicht die größte Anfechtung: Habe ich aufs falsche Pferd gesetzt? Wo sind die Scharen geblieben? Jesus sagt im heutigen Evangelium: „Fürchte dich nicht, du kleine Herde!" Ob wir viele sind oder wenige – es kommt vor allem darauf an, daß wir dem Herrn treu bleiben und uns nicht irremachen lassen vom zeitbedingten Auf und Ab des äußerlich Sichtbaren. In unserer Treue liegt der Same für viele Bekehrungen.

16. Teil: Ich glaube an die Gemeinschaft der Heiligen

Liebe Gemeinde!

Der berühmte Philosoph Blaise Pascal hatte in seinem Rock einen Zettel eingenäht, den man nach seinem Tod fand. Darauf standen die Worte: „Feuer, Gewißheit, Gewißheit, Empfindung, Freude, Friede, Vergessen der Welt und aller Dinge, ausgenommen Gott."

Diese Worte sind wie ein persönlicher Kommentar zum Wort Jesu: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!" – Ich möchte es heute wagen, dieses Wort mit dem Glaubensartikel in Verbindung zu bringen, in dem es heißt: „Ich glaube an die Gemeinschaft der Heiligen."

Dazu scheint mir eine Vorbemerkung nötig. Ich glaube, in den letzten zwanzig Jahren wurde in der Kirche – gerade auch von Predigern – das Wort „Gemeinschaft" häufiger denn je in den Mund genommen – aber man kann den Eindruck gewinnen, hier werde eher der Versuch gemacht, etwas zu beschwören, das nicht da ist, als etwas zu beschreiben, was jeder fühlt und sieht. Kann es sein, daß viele Theologen nicht mehr so recht an die Kommunion mit Christus glauben und deshalb um so mehr über Gemeinschaft reden müssen, damit die „Gemeinde" Bescheid weiß, warum es sie überhaupt gibt?

Wird hier womöglich die natürliche Reihenfolge auf den Kopf gestellt, nämlich zuerst die Erfahrung der Gemeinschaft mit Christus in Glaube und Sakrament und danach allmähliches Verstehen durch Belehrung? Will man heute Gemeinschaft durch viele Worte herstellen oder herbeireden? Hätte sich Blaise Pascal durch die Lektüre eines Buches „Kirche ist Gemeinschaft" veranlaßt gefühlt, einen Zettel mit den Worten „Feuer, Gewißheit, Gewißheit, Empfindung, Freude, Friede, Vergessen der Welt und aller Dinge, ausgenommen Gott" zu beschriften und zeitlebens mit sich herumzutragen?

Um es pointiert zu sagen: Worte sind leer und kraftlos, wenn nicht eine Erfahrung dahintersteht. Und die Erfahrung kann nicht durch Worte hergestellt werden, man muß sie machen. Und wenn man die Erfahrung vergessen oder verloren hat, muß sich neu für sie öffnen und dem Feuer Christi Einlaß geben. Und das ist möglich, weil das Feuer des Geistes nicht erlischt. Und noch konkreter: Weil es die Gemeinschaft der Heiligen gibt!

Damit kann ich die Vorbemerkung abschließen und zum Eigentlichen übergehen. Ein eindrucksvolles Zeugnis von der Gemeinschaft der Heiligen gibt der bekannte Staatsrechtler Martin Kriele in seinem Buch „Anthroposophie und Kirche". Kriele schreibt:

„Wie kann die Anthroposophie allen Ernstes beanspruchen, die Verkündigung der Kirche ersetzen zu können? Diese Frage überfiel mich eines Tages mit einer merkwürdig eindringlichen Wucht, als ich dem Rosenmontagszug unter dem Kölner Dom zusah. Werden die Hunderttausende fröhlich feiernder Menschen jemals die Zyklen Rudolf Steiners über die Evangelien, über das Mysterium von Golgatha, über die Hierarchien der Engel studieren? ... Sollten sie wirklich auf die individuelle Initiation verwiesen bleiben, damit sie erfahren, daß Jesus wirklich der Christus war, daß er seinen Jüngern im Auferstehungsleib erschienen ist, daß er bei uns ist alle Tage bis ans Ende der Welt?
Nicht Rudolf Steiner, sondern allein der Kirche ist es zu verdanken, daß all diese Menschen Christen sind. ...
Was für eine unglaubliche Kulturleistung hat die Kirche vollbracht, diese um mich her schunkelnden Menschen mit Christus in Verbindung gebracht zu haben! Es erscheint fast unmöglich, und doch ist es gelungen: ein Wunder, das nicht anders erklärbar ist als durch den Gedanken an Gnade, Segen und Mitwirken des Heiligen Geistes."

Und dann kommt Kriele auch auf das Thema Gemeinschaft zu sprechen - unter dem Titel „geistige Kommunion mit Christus", einem auch für Anthroposophen erstrebenswerten spirituellen Ziel. Er sagt wörtlich:

„Das Leben der Anthroposophie führt statt zur geistigen Kommunion mit Christus zum Reden über sie."

Und er sieht den Grund darin, daß die Anthroposophie eine überwiegend theoretische Sache ist, die nur auf gewisse elitäre Typen zugeschnitten ist. Dagegen setzt er die Liturgie der Kirche:

„Es gibt für uns normal begabte Menschen kaum ein größeres und tiefer mit Christus verbindendes Erlebnis als die Teilnahme an einer mit inniger Frömmigkeit gefeierten Liturgie. Und indem uns der Kultus mit Christus verbindet, wenden wir uns durch ihn dem Vater zu und erfahren das Walten des Heiligen Geistes. So stehen wir in Ehrfurcht und Danksagung der Trinität gegenüber."

Es fehlte nur noch die Erwähnung der Gemeinschaft mit den Engeln und Heiligen und den Verstorbenen – dann wäre das eine komplette Erklärung der Gemeinschaft der Heiligen!

Die Gemeinschaft der Heiligen gibt Ausdruck für einen recht verstandenen Vorrang der Praxis vor der Theorie. Sie zeigt, daß die Offenbarung Gottes für alle Menschen da ist und nicht nur für einen kleinen Zirkel. Wer in dieser Gemeinschaft steht, weiß sich von den anderen mitgetragen, auch von den längst Verstorbenen. Sie ist mehr als ein Zweckverbund, sie ist wie eine ständige Bluttransfusion, durch die unser vergiftetes Blut erneuert wird. Was dem einen fehlt, das ersetzt ein anderer durch sein Gebet und Opfer.

Wer diese Gemeinschaft erfährt – und dazu braucht es keine Predigt – der erfährt das Feuer Christi, das aus einer ganz anderen Welt kommt und zur Entscheidung drängt. Wen dieses Feuer in Brand gesetzt hat, der kann gar nicht anders, er muß dieses Feuer weitergeben und wird Frieden finden, nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, der kaum mehr ist als Gemütlichkeit vorm Fernsehen oder in der Gartenlaube, sondern einen Frieden von Gott her und für die Ewigkeit.

17. Teil: Ich glaube an die Vergebung der Sünden

Liebe Gemeinde!

Der berühmte Neustestamentler Franz Mussner hat im letzten Jahr ein kleines Büchlein herausgebracht, das den Titel trägt: „Was hat Jesus Neues in die Welt gebracht".5 In 15 Kapiteln gibt uns der Gelehrte Auskunft über das Neue, das Jesus gebracht hat. Das ist für uns deshalb so wichtig, weil wir immer wieder in der Gefahr stehen, die Botschaft Jesu für altbekannt zu halten und eher nach etwas anderem Ausschau halten, das unseren Drang nach Neuem befriedigen könnte. Sollte es wirklich so sein, daß das Neue Testament alt geworden ist und wir etwas ganz Neues brauchen? Das aber hieße, daß auch Gott alt geworden wäre, wie wir IHN uns ja tatsächlich manchmal als furchtbar alten Mann vorstellen – was natürlich ein völliger Unsinn ist.

Zu dem Neuen, das Jesus in die Welt gebracht hat und das stets aktuell ist und nie veraltet, gehört seine Botschaft und Praxis der Vergebung der Sünden. Von dieser spricht der drittletzte Artikel unseres Glaubensbekenntnisses.

Als Jesus einmal zu einer großen Zahl Menschen sprach, da brachte man einen Gelähmten zu ihm, woraufhin er zu diesem sagte: „Deine Sünden sind dir vergeben." Doch die anwesenden Schriftkundigen mußten denken: „Wie kann dieser Mensch so reden? Er lästert Gott. Wer kann Sünden vergeben außer dem einen Gott?" – Jesus geht auf ihren Zweifel ein, indem er den Kranken von seiner Lähmung heilt und so beweist, daß er in der Tat bevollmächtigt ist, Sünden zu vergeben. (Mk 2,1-12)

Um den Zweifel der Schriftgelehrten zu verstehen, müssen wir uns einmal neu klar machen, was Sünde eigentlich ist – das wußten diese nämlich sehr wohl, während wir von Sünde eher in einem verharmlosenden Sinn sprechen, z.B.: „Ich habe zuviel Süßes gegessen und so gesündigt." Sünde kommt von „Sondern"; die Sünde trennt von Gott, sie ist eine Beleidigung Gottes, und darum heißt es im Psalm: „Gegen dich allein habe ich gesündigt, ich habe getan, was dir mißfällt." (Ps 51,6) Sünde ist alles andere als harmlos. Ihr Lohn ist der Tod (Röm 6,23), d.h. die ewige Trennung von Gott, die Verdammnis.

Das wußten die Juden damals alle sehr gut. Ihre Priester und Lehrer stellten ihnen das Gesetz Gottes vor, das die Wegweisung geben sollte für ein Leben ohne Sünde. Wer sich nicht an das Gesetz hielt, galt als Sünder und verworfen. Auch die schwer Kranken und Aussätzigen galten als von Gott verworfen; sie wurden gemieden, weil schon eine Berührung zur Unreinheit führen konnte. Eine Hoffnung auf Vergebung und Befreiung vom Makel der Sünde und Unreinheit gab es kaum; wer das Gesetz einmal übertreten hatte, hatte im Grunde sein Schicksal besiegelt.

Wie ganz anders war da das Verhalten Jesu! Er ging immer wieder gerade auf die Ausgestoßenen zu, die „Zöllner und Sünder", und pflegte mit ihnen Tischgemeinschaft zum Zeichen dafür, daß sie wieder integriert waren in die Gemeinschaft der Kinder Gottes, weil er ihnen die Sünden vergeben hatte. Wir kennen seine Verkündigung der erbarmenden Liebe Gottes, z.B. in den berühmten Gleichnissen vom Verlorenen, vom verlorenen Schaf, von der verlorenen Drachme und dem verlorenen Sohn (Lk 15). Aber wir empfinden kaum die Freude, die Jesus als Frucht der Vergebung herausstellt, die Freude auf Seiten des Wiedergefundenen und die Freude, die im Himmel herrscht (Lk 15,10). Die Freude kann sich ja nur einstellen, wenn man vorher den Verlust schmerzlich gespürt hat.

Da liegt unser Problem! Wir fühlen uns gar nicht so verloren, wie wir in Liedern manchmal singen: „Menschen, die ihr wart verloren..." Unser Empfinden hat seine religiöse Tiefe eingebüßt, es richtet sich meistens nur auf körperlich-sinnliche Qualitäten. Die Sünde können wir nicht sehen, nicht riechen, nicht schmecken, aber sie ist ein großes Übel, ja ein viel größeres Übel als alle körperlichen Defekte. Wäre die Sünde harmlos, dann wäre der Kreuzestod Jesu ganz und gar überflüssig gewesen, denn „durch sein Blut haben wir die Vergebung der Sünden" (Eph 1,7).

Jesus sagt eindringlich: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch vor dem, der Seele und Leib ins Verderben der Hölle stürzen kann." (Mt 10,28) Nur vor dem Hintergrund dieses ernsten Wortes kann uns aufgehen, welch großartiges Ostergeschenk Jesus seiner Kirche gemacht hat, als er den Aposteln im Abendmahlssaal sagte: „Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert." (Joh 20,22f) Und nur vor diesem ernsten Hintergrund können wir verstehen, warum der hl. Augustinus sagt:

„Gäbe es in der Kirche nicht die Sündenvergebung, so bestünde keine Hoffnung auf ein ewiges Leben und eine ewige Befreiung. Danken wir Gott, der seiner Kirche ein solches Geschenk gemacht hat."

Jesus hat nicht nur selbst Sünden vergeben und damit Hoffnung geschenkt, einst in ewiger Freude bei Gott zu sein, er hat die Vollmacht zur Vergebung auch seiner Kirche weitergegeben. Wann immer ein Mensch das Bußsakrament empfängt und die Worte hört: „Ich spreche dich los von deinen Sünden im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes", ist er von seinen Verfehlungen befreit und darf wieder aufatmen.

Ich durfte im Wallfahrtsort Medjugorje erleben, wie Tausende von Menschen dieses Sakrament suchten, wie morgens, mittags und abends die Leute Schlange standen, um von einem der zahlreich anwesenden Priester die Lossprechung zu erhalten. Ihnen stand die Freude über die Vergebung auf dem Gesicht geschrieben. Ewig neu ist der Ruf Jesu: „Kehrt um!", und immer neu kann uns die Erfahrung zuteil werden: „denn das Himmelreich ist nahe." (Mt 4,17)

18. Teil: Ich glaube an die Auferstehung der Toten

Liebe Gemeinde!

1. „Paulus, du spinnst! Das viele Studieren treibt dich in den Wahnsinn." (Apg 26,24) Mit diesen Worten reagierte der Statthalter Festus auf die Rede des Paulus, als dieser im Jahr 56 in Caesarea verhört wurde und dabei auf die Auferstehung Jesu zu sprechen kam. Ganz ähnlich war es Paulus schon ein paar Jahre vorher in Athen ergangen. Vor den Gelehrten Athens hatte er die Gelegenheit, seine Lehre darzulegen. Sein Vortrag stieß auf wohlwollendes Interesse bis zu dem Augenblick, wo er von Jesu Auferweckung sprach. Da jedoch spotteten die einen, und andere sagten: „Darüber wollen wir dich ein andermal hören." (Apg 17,32)

Der christliche Glaube an die Auferstehung ist von Anfang an auf Unverständnis und Widerstand gestoßen. Viele Menschen nehmen wohl an, daß das Leben der menschlichen Person nach dem Tod irgendwie geistig weitergeht. Aber wie kann man glauben, daß unser sterblicher Leib zum ewigen Leben aufersteht? (Vgl. KKK 996)

2. Die Aussicht auf ein rein geistiges Weiterleben nach dem Tod ist allerdings alles andere als tröstlich. Das kann uns ein Film vor Augen führen, der vor einigen Jahren im Kino lief: „Ghost - Nachricht von Sam." Darin spielte ein Mann die Hauptrolle, der gleich zu Beginn des Films erschossen wird und seinen toten Körper dann auf der Straße liegen sieht, während er selber weiterlebt – allerdings ohne Körper, als Geist, der durch Wände gehen kann, aber deswegen auch keinen anderen Menschen mehr berühren kann.

Im Film wird ganz offensichtlich, daß die Existenzweise von Sam keineswegs glücklich zu nennen ist. Er nimmt zwar alles wahr, was die lebenden Personen sagen und tun, aber er kann seinerseits in das Geschehen nicht eingreifen und sich auch nicht auf normale Weise mitteilen. Dies ist ihm nur ganz umständlich möglich über ein Medium, eine Frau, die ihn hören, aber nicht sehen kann. Aber so ist ihm ausgerechnet das genommen, was für ihn im Leben am wichtigsten ist: Seine Frau in den Arm zu nehmen, sie zu berühren und ihr so ganz nah zu sein. Wenn unser Weiterleben nach dem Tod so aussehen würde wie das von Sam in diesem Film, dann wäre es vielleicht besser, gar nicht weiterzuleben. Wir Menschen bestehen aus Seele und Leib, der Leib gehört so wesentlich zu unserem Wesen, daß ein bloßes Fortbestehen unserer unkörperlichen Seele in keiner Weise erstrebenswert erscheint. Mit unserem Leib drücken wir aus, was in unserer Seele vorgeht, nur mittels unseres Leibes können wir Gesten der Zärtlichkeit austauschen und überhaupt unserem geistigen Empfinden Ausdruck geben. Ja, schon im Gesicht, ja im Auge eines Menschen spiegelt sich die je einzigartige Besonderheit der Person; Leib und Seele sind derart eng miteinander verbunden, daß es absurd wäre, sich vorzustellen, die Seele könnte in einem anderen Leibe reinkarnieren. Wenn also eine körperlose Existenz der Seele etwas Mangelhaftes ist und eine Wiedervereinigung mit einem Körper gedacht werden soll, dann kann es nur derselbe Leib sein, den der Mensch in seinem irdischen Leben hatte. Und dies ist genau der christliche Glaube.

3. Aber bevor sogleich die Einwände kommen, müssen dazu noch einige Ergänzungen gemacht werden. Erstens: Die bisher angestellten Überlegungen sind rein negativer Art, sie sind kein Beweis, sondern entwickeln nur die Konsequenzen verschiedener Ansichten über ein Weiterleben der Seele, ohne Bezug auf die biblische Offenbarung zu nehmen.

Darum muß nun zweitens der positive Grund unseres Glaubens ins Zentrum der weiteren Überlegungen gestellt werden: die Auferstehung Jesu von den Toten. Oft hört man, daß Leute sagen: „Wer weiß, was nach dem Tod passiert. Es ist ja noch keiner wiedergekommen." Dieser Satz ist bis auf eine Ausnahme richtig. Einer ist wiedergekommen, nämlich Jesus von Nazareth, dessen Leichnam tot im Grabe lag, der aber am dritten Tag wieder auferstanden und seinen Jüngern leiblich erschienen ist. Leiblich erschienen, nicht als Geist, erkennbar in seiner individuellen Gestalt, an der sogar die Wundmale noch sichtbar waren. So sagt er: „Seht meine Hände und Füße an: Ich bin es selbst." (Lk 24,39) Schon im ersten nachchristlichen Jahrhundert gab es eine Irrlehre, derzufolge der Sohn Gottes nur einen Scheinleib angenommen hatte. Jesus sei deshalb gar nicht wirklich gestorben, sondern habe nur diese Scheinexistenz verlassen und lebe nunmehr rein geistig. Diese Irrlehre verdankt sich einer generellen Abwertung der Materie, die als unvollkommen oder gar als böse angesehen wird. Dagegen haben die großen Theologen einmütig protestiert und festgehalten, daß Gott wahrhaft Fleisch geworden ist bei der Geburt in Nazareth, ebenso wahrhaft gestorben ist am Kreuz und ebenso wahrhaft auferstanden ist am dritten Tag. Die Materie ist nichts Schlechtes oder Unvollkommenes, sie ist Schöpfung Gottes genauso wie die Seelen der Menschen.

Das heißt dann auch, daß im Grabe kein Leichnam mehr war; es bedeutet, daß durch ein wunderbares Eingreifen Gottes die Seele Jesu mit seinem Leib wiedervereinigt wurde, wobei freilich - wie wir sagen - der Leib zugleich verklärt wurde. „Verklärt" – das bedeutet, dieser neue Auferstehungsleib Jesu war nicht mehr den Gesetzen und Gebrechen unserer vom Tod gezeichneten Welt unterworfen, er war und ist unsterblich, unverwundbar, über die Maßen schön – eben verklärt, so wie drei seiner Jünger ihn schon einmal für ganz kurze Zeit auf dem Berg Tabor sehen durften.

Eine solche Auferstehung verheißt Jesus all denen, die an ihn glauben. Also eine Auferstehung und Verklärung des Leibes, nicht bloß ein Fortbestehen der Seele. Daß dies geschehen wird, wissen wir sicher aufgrund unseres Glaubens an die Verheißungen des Herrn. Wie dies aber geschehen wird, das entzieht sich vollends unserem Vorstellungsvermögen. Der Apostel Paulus ringt in einem ganzen Kapitel mit dieser Frage; ich empfehle es Ihrer aufmerksamen Lektüre: 1 Kor 15. An anderer Stelle schreibt er, daß „Jesus Christus „unseren armseligen Leib verwandeln wird in die Gestalt seines verherrlichten Leibes, in der Kraft, mit der er sich alles unterwerfen kann." (Phil 3,21)

4. Es ist noch eine dritte Überlegung erforderlich: Sie betrifft mögliche Zweifel angesichts unseres von Schwachheit und Behinderungen geprägten Körpers. Die Einheit von Leib und Seele ist in unserem irdischen Leben gewissermaßen gestört. Die Seele soll sich im Leibe ausdrücken, aber sie vermag dies nicht in aller Vollkommenheit.

Krankheiten und Behinderungen machen dies offensichtlich. Wenn ein Mensch zum Beispiel Krebs hat, dann wuchern gewisse Körperzellen und verformen den Leib; die Seele hat dann keinen Einfluss mehr auf diese Körperpartien. Mit zunehmendem Alter wird die Leib-Seele-Einheit immer brüchiger; irgendwann bricht sie ganz auseinander – der Mensch stirbt, sein Leichnam verwest. Dies alles ist Folge der Sünde. Wenn wir in der Taufe mit Christus der Sünde gestorben sind, dann dürfen wir zuversichtlich hoffen, daß unser Auferstehungsleib all diese Gebrechen nicht mehr haben wird, sondern in einmaliger Schönheit und Herrlichkeit eine vollkommene Einheit mit unserer Seele eingehen wird.

Das ist unser christlicher Glaube und unsere Hoffnung. Diese Offenbarung ist in der Welt wirklich etwas Neues, nie Dagewesenes. Sie sagt uns nichts Verrücktes, sondern etwas, das uns den Sinn unseres leiblichen Lebens verstehen lässt, wenn auch auf eine Weise, daß wir von selbst nie darauf gekommen wären. Unausdenkbar, unerfindlich und gerade deshalb so glaubhaft.

19. Teil: Ich glaube an das ewige Leben (I)

Liebe Gemeinde!

Wenn der Priester sagt „Gelobt sei Jesus Christus!", so antworten wir ganz automatisch: „In Ewigkeit. Amen." Dem altehrwürdigen Gruß folgt gewohnheitsmäßig eine Antwort, die uns sozusagen in Fleisch und Blut übergegangen ist – so sehr, daß wir ihren geistigen Gehalt oft gar nicht mehr bedenken. Darum möchte ich heute über den letzten Glaubensartikel sprechen, in dem es heißt: „Ich glaube an das ewige Leben."

Viele von Ihnen wissen vielleicht, daß Karl Marx das Christentum verunglimpft hat; es sei Opium fürs Volk. Opium vernebelt die Sinne. Wer Opium nimmt, spürt seine Schmerzen und seine Lasten nicht mehr; er wird abgelenkt von den Sorgen des Alltags und fühlt sich in eine himmlische Stimmung versetzt. Karl Marx meinte, das Christentum habe dieselbe Wirkung auf die Seele der Menschen, genauer: der Glaube an das ewige Leben habe diese Wirkung. Denn so werde der Mensch auf ein besseres Leben nach dem Tod vertröstet und könne so leichter und geduldiger ertragen, was in der Lebenszeit an Unrecht geschieht. Wer den Menschen einrede, sie dürften auf ein ewiges Leben hoffen, der nehme ihnen die Kraft zum Widerstand gegen ungerechte Verhältnisse und stabilisiere so das herrschende Unrecht.

In den siebziger und achtziger Jahren fühlten sich viele Theologen durch dieses Argument herausgefordert und reagierten darauf, indem sie die politische Dimension des christlichen Glaubens betonten. Der Christ glaube nicht nur an die Erlösung vom ewigen Tod, sondern auch an die Befreiung von zeitlicher Unterdrückung. Die Befreiungstheologie übernahm die Marxsche Rede vom Klassenkampf und ließ sich auch von der Idee eines Paradieses auf Erden leiten. In der Folge wurde immer weniger von der ewigen Seligkeit gesprochen – man wollte ja nicht bloß vertrösten, sondern echten Trost geben – und dafür wurde die politische Aufgabe bewußt gemacht, die Unterdrückten zu befreien und Solidarität mit den Armen zu zeigen.

Wir leben nun eine Generation später und müssen etwas Merkwürdiges, ja Schreckliches feststellen: Die Politisierung und Ethisierung hat offenbar dem allgemeinen Glaubenszustand nicht gut getan. Nachdem sie anfangs junge Menschen in Scharen begeistert und jedes Jahr Tausende von Schülern zum Studium der Theologie motiviert hat, scheint sie nun ihre Kraft aufgebraucht zu haben und lockt heute kaum noch einen Menschen. Was ist da geschehen?

Mir scheint, daß dieses ernüchternde Ergebnis zeigt, daß etwas im Ansatz falsch war. Aus Angst vor dem Opium-Vorwurf wollte man möglichst wenig vom ewigen Leben sprechen. Aber damit beraubte man die Gläubigen einer unersetzlichen Kraftquelle. Denn nur wer sich bewußt ist, daß er eines Tages vor dem ewigen Richter Rechenschaft für sein Leben ablegen muß, der läßt sich zu dauerhaften Taten der Nächstenliebe ermuntern, zu einem opferbereiten Leben. Mitleid allein vermag solche Kraft nicht zu geben. Gewiß – wer im Fernsehen Bilder einer Katastrophe sieht, der läßt sich leicht zu einer Spende anspornen. Aber dann kommt wieder der Alltag. Ähnlich ist es mit der Empörung gegen herrschendes Unrecht. Gerade junge Menschen haben ein ausgeprägtes Unrechtsbewußtsein und können eine Zeitlang zum ethisch-politischen Engagement motiviert werden. Aber die wenigsten können ihren Idealismus ein Leben lang durchhalten.

Wir können diesen Zusammenhang an den ehemaligen 68er Revolutionären studieren. Die meisten von ihnen haben sich mit dem einst so verachteten bürgerlichen Leben arrangiert, etliche haben Kompromisse mit der Macht geschlossen. Heute vertreten grüne Politiker Meinungen und beschließen Maßnahmen, gegen die sie vor 30 Jahren auf die Straße gegangen sind. Ein anderer kleinerer Teil hat solche Kompromisse nicht geschlossen und kämpft weiterhin gegen das Establishment – nun aber nicht mit jugendlichem Idealismus, sondern mit Verbitterung gegen die angeblich unpolitisch gewordene Jugend.

Aber nicht nur die einstigen Revolutionäre sind müde geworden, unser Volk insgesamt hat sich weitgehend ins Private zurückgezogen und gibt sich dem Vordergründigen und Kurzweiligen hin. Das betäubende Opium scheint nun von einer ganz anderen Quelle auszugehen, vom Fernsehen und von der Freizeitindustrie.

Was ist mit den Christen in unserem Lande? Was würde Karl Marx uns heute ins Stammbuch schreiben? Ich fürchte, er müßte heute erst recht beklagen, daß die meisten wollen, daß alles so bleibt, wie es ist, nämlich die ungerechte Verteilung der Güter. Aber heute dürfte deutlicher als vor 150 Jahren sein, daß es nicht der ferne Trost des ewigen Lebens ist, der die Christen lähmt, sondern im Gegenteil: weil sie das ewige Leben gar nicht mehr vor Augen haben, darum haben sie sich so wunderbar mit der kapitalistischen Lebensweise arrangiert.

Warum neigen junge Leute heute dazu, unpolitisch zu sein? Weil sie weniger moralisch sind als die Generation vor ihnen? – Das müssen sie sich von manchen Lehrern in den Schulen heute anhören, von Altachtundsechzigern, die als Staatsbeamte in bürgerlicher Sicherheit leben, aber die fehlende Solidarität der Jungen beklagen. Ich kann verstehen, daß sich die Jugendlichen gegen solche Beschuldigungen wehren, wo ihnen doch weit weniger Chancen offen stehen als ihrer Elterngeneration. Und ich kann auch verstehen, daß die Appelle zum politischen Engagement bei ihnen nicht so recht ankommen, denn sie müssen sich überfordert fühlen, weil ihre menschliche Kraft allein nicht in der Lage ist, das allgemeine Unrecht zu beseitigen.

Worauf es also ankommt, ist, die übernatürliche Kraftquelle neu zu erschließen, die uns erst dazu befähigt, das zeitliche Leben auf ein Ideal ausgerichtet zu halten. Diese Quelle besteht im Glauben an das ewige Leben. Es gibt uns den absoluten Maßstab an die Hand, das ständige Korrektiv für unsere Entscheidungen; wer an das ewige Leben glaubt, der weiß, daß es einen gerechten Gott gibt. Weder Mitleid noch Empörung reichen aus, um die guten Kräfte im Menschen zu erwecken und am Leben zu erhalten. Nur ein ewiges Leben, das nicht in die Ferne gerückt ist, sondern das jeden Tag als gegenwärtig erfahren werden kann, gibt uns die Kraft, in der Zeit recht zu leben.
Darum wird es wieder Zeit, von Gott zu reden, von seiner Gegenwart in der Kirche und davon, daß ich mich mit jeder einzelnen Entscheidung auf den Himmel oder auf die Hölle zu bewege. Dieser Glaube ist kein Opium, sondern ein Heilmittel gegen Blindheit und Erschlaffung.

20. Teil: Ich glaube an das ewige Leben (II)

Liebe Gemeinde!

In der letzten Predigt habe ich vom ewigen Leben gesprochen, aber nicht sehr viel Inhaltliches darüber gesagt. Es ging mehr um die Frage, warum überhaupt vom ewigen Leben gesprochen werden soll; aber worin es eigentlich besteht, habe ich nicht gesagt.

Stellen Sie sich einmal vor, Sie bekommen eine Einladung, in der es heißt: „Sehr geehrter Herr..., sehr geehrte Frau..., wir laden Sie zu einem Hochzeitsessen ein. Wir versprechen Ihnen ein unbegrenzt langes Vergnügen. Nehmen Sie sich bitte unendlich viel Zeit mit, denn die Feier hört niemals auf!" – Ich bin ziemlich sicher, Sie würden nicht dorthin gehen. Der Gedanke an ein Vergnügen, das kein Ende mehr hat, das kein „Danach" kennt, schreckt uns mehr als er uns anzieht.

Hat uns Gott etwa eine solche Einladung geschickt? – Ich kann darauf weder mit einem glatten JA noch mit einem klaren NEIN antworten. Die Schwierigkeit der Antwort fängt schon beim Begriff „Ewigkeit" an. Meistens stellen wir uns darunter eine unbegrenzt lange Dauer vor: „immer und ewig", „ohne Ende". Aber Ewigkeit ist nicht unendlich lange Zeit, darum müßte man eigentlich mit „Nein" antworten. Gott, der allein ewig ist, steht überhaupt nicht in der Zeit, sondern er besitzt sein Leben in ständiger, nicht verfließender Gegenwart. Gott ist die Fülle des Lebens – eben weil er nicht der Zeit unterworfen ist und darum nicht warten muss, bis ihm etwas gegenwärtig wird, oder sich mühsam an etwas erinnern muss, was seiner Gegenwart entglitten wäre. Für Gott ist alles Gegenwart, nichts ist für ihn vergangen, und nichts steht für ihn als noch kommend, zukünftig aus.

Die Berufung zum ewigen Leben bedeutet also nicht die Verlängerung unserer Lebenszeit ins Unendliche. Sie bedeutet vielmehr, daß wir teilhaben sollen an Gottes unerschöpflicher Lebens- und Liebesfülle. Das Bild vom Hochzeitsmahl ist dafür eben nur ein schwaches Bild. Ein Bild, das anknüpft an die schönsten Augenblicke unseres Lebens, von denen wir manchmal gerne wie Faust sagen: „Verweile doch, du bist so schön!" Und gewiß ein viel besseres Bild als die Karikatur vom Münchner im Himmel, der ständig „Halleluja" rufen soll und dabei furchtbar genervt ist. Eine bloße Verlängerung selbst der schönsten Augenblicke unseres Lebens ins Endlose ruft den Schrecken der Langeweile wach.

Woran liegt das? Was ist eigentlich Langeweile? Das Wort sagt es schon: eine lange Weile, eine Dauer, die bloß auseinander gezogen, aber nicht gefüllt ist, im Grunde eine leere Weile. Langeweile stellt sich immer dann ein, wenn die Zeit, die einem gegeben ist, ohne Spannung und ohne Erwartung ist, eine quasi tote Zeit. Wo der Mensch echt lebt, da ist ihm die Langeweile fremd. Aber Leben heißt für den Menschen zuallererst Lieben. Nur die Liebe füllt unser Herz wirklich aus, und ein erfülltes Herz freut sich an der Gegenwart des Geliebten, ohne auch nur einen Moment Langeweile zu empfinden. „Wo die Liebe ist, da ist Gott." „Gott ist die Liebe."

Ewiges Leben heißt: aus der Quelle der Liebe selbst schöpfen, immer neu, immer überraschend, nie alt oder müde werdend, nichts vermissen: hingerissen sein vor Glück, das niemals droht zu entschwinden.

Gott allein kann uns dieses nie aufhörende Glück schenken: durch seine ewige Gegenwart. Kein Mensch kann es uns geben, höchstens im Sinne eines schwachen Abglanzes. Nur Gott kann unser Herz ganz ausfüllen; „unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Gott." (Augustinus) Und dennoch fragen wir: Werden wir unsere Lieben im Himmel wiedersehen? Es wäre theologische Besserwisserei, darauf zu antworten: „Wenn du einmal bei Gott bist, wird es dich nicht mehr interessieren." Aber es wäre auch töricht zu sagen: „Gerade darin besteht der Himmel: daß wir einander wiedersehen." So als ob Gott nur das Mittel wäre zum Zwecke der Wiederherstellung menschlicher Gemeinschaft. Menschliche Gemeinschaft als Selbstzweck – ohne Gott – hat keinen Bestand, sie nimmt unweigerlich die Gestalt der Hölle an.

Ja, wir werden unsere Lieben im Himmel wiedersehen, denn Gott interessiert sich ja selbst für uns Menschen. Darum läßt er auch unsere Liebe zum anderen zu sowie auch unsere Liebe zur Schöpfung, zu den vielfältigen geschaffenen Dingen – neidlos gütig. Dazu ein Gleichnis, das ich kürzlich in einem Buch fand:

„Gott ist wie ein Landherr, ein Vater mit vielen Kindern, mit einem riesigen Land und einem wohnlichen Haus. Die Kinder lieben den Vater und sind gerne bei Ihm im Haus, sie lieben aber auch das Leben in den grandiosen Länderein, die ihnen der Vater bereitet hat. Der Vater hat jedes Kind gerne bei sich im Haus wohnen, hat es aber auch gerne, daß es sich des Landes erfreut. In freudiger Erregung zieht es aus, in freudiger Befriedigung kehrt es heim. Aber immer – auch in den fernsten Ländern und im einnehmendsten Abenteuer – ist es im Reich des allherrschenden Vaters. Im Haus des liebenden Vaters ist unentwegtes Heimkommen und Fortgehen und wieder Heimkommen jedes Kindes."

Langeweile gibt es nicht im Himmel, sondern nur auf der Erde, wo wir nicht Herren unserer Zeit sind, wo alle Dinge altern und ihren Glanz verlieren. Auch gibt es dort keine Bosheit und keinen Egoismus, keinen Neid und keine Angst, zu kurz zu kommen. Aber all das gibt es hier, auf dieser Erde, freilich nicht überall im gleichen Maße. Schon jetzt können wir etwas vom himmlischen Glück erfahren und etwas von der höllischen Einsamkeit. Unsere Welt ist wie ein Weizenfeld, das von Unkraut durchzogen ist, ja, jeder Mensch hat in sich das Gute und das Böse. Aber gerettet werden kann nur das Gute, das Böse muß abgelegt werden wie ein schmutziges Kleid. Wir bedürfen der Reinigung und Läuterung, um in den Himmel zu kommen, denn dort kann nichts Unvollkommenes sein. Selbst ein kleines Fitzelchen Mißtrauen würde dort das Glück der Seligen zunichte machen.

Weil das so ist, muß es ein Fegefeuer geben, besser: eine Phase der Läuterung für alle, denen es im irdischen Leben nicht gelungen ist, vom Bösen in jeder Gestalt Abschied zu nehmen. Je mehr wir schon jetzt Gott in unser Leben einbeziehen, desto leichter wird uns der Übergang ins ewige Leben fallen. So möchte ich schließen mit einem Spruch der hl. Theresia von Avila:

„Nichts soll dich ängstigen, nichts dich erschrecken. Alles geht vorüber. Gott allein bleibt derselbe. Alles erreicht der Geduldige, und wer Gott hat, der hat alles. Gott allein genügt."