Gegen Mitternacht erreichte der Güterzug das Alpenvorland. Ächzend quälte er sich die Hänge empor.
Lokomotivführer Lehmann und sein Heizer Luigi Calvatello starrten schweigend in die Nacht. Der Himmel war bewölkt, aber die
Sicht war klar. Sie passierten jetzt eine ganze Serie von unbeschrankten Bahnübergängen, die die Bergdörfer mit ihren
Wiesen verbanden.
Hier haben wir letztes Jahr eine Kuh zu Hackfleisch verarbeitet", sagte Calvatello. War kamen von Oben durch den
Tunnel. Da stand das blöde Vieh auf den Gleisen. Ich sage dir, es gab einen Schlag, als wenn du eine Motte mit der Fliegenklatsche
erwischt. Die Lokomotive war so mit Blut und Gedärm besudelt, dass wir sie waschen mussten. Die Reisenden auf der nächsten
Bahnstation wären in Ohnmacht gefallen. Ich habe gar nicht gewusst, dass eine Kuh so viel Blut hat."
Besser ein Vieh als ein Mensch", sagte Lehmann. Er entzündete seine Pfeife neu und erinnerte sich: Es war am
Ostermontag 58. Ich fuhr die Strecke Wuppertal-Essen mit Kohle und Grubenholz. Wie ich aus einer bewaldeten Linkskurve komme, sehe ich
plötzlich vor mir auf den Gleisen Menschen in bunten Frühlingskleidern, Kinder und einen kleinen Hund. Ich bin auf die Bremse
gegangen, dass ich dachte, ich geh von den Schienen.
Mitten auf dem Bahnübergang brachte ich die Lok zum Stehen. Die Menschen flohen wie die Hühner. Beide Schranken waren hoch.
Die Tür zum Bahnwärterhaus stand offen. Der Schrankenwärter kniete neben dem Stellwerk vor einem Kruzifix und betete. Er
schaute erst auf, als wir ihn anschrieen. Es konnte nichts passieren", stammelte er. Ich habe doch gebetet."
Vielleicht hatte er recht", sagte Calvatello. Er trug ein goldenes Kreuz um den Hals.
Der Güterzug donnerte über eine Brücke. Die blechernen Tankwagen dröhnten wie Trommeln. Die Männer schwiegen.
Unten im Tal glitzerte das silberne Band eines Baches. Es roch nach frisch gemähtem Gras. Sie flogen an einem schlafenden Dorf
vorüber. Eine einsame Lampe schaukelte im Wind. Der schwarze Schlund eines Tunnels verschluckte sie. Nässe tropfte von den
Höhlenwänden. Die Scheinwerfer huschten über das Felsgestein. Der Berg spie sie wieder aus. Telegrafenmasten huschten
wie Zaunlatten vorüber. Eine Brücke hüpfte über sie hinweg. In der Ferne leuchtete Schnee. Dann tauchten sie in den
nächsten Tunnel ein. Er war krumm wie eine Banane. Der Blick reichte nur fünfzig Meter weit. Der Ausgang war nicht zu
erkennen.
Jesus!", schrie Calvatello. Die Augen traten ihm aus dem Kopf. Er bekreuzigte sich. Und jetzt sah es auch Lehmann: Vor ihnen
auf der Strecke stand ein Engel. Oder schwebte er? Größer als ein Mensch mit wallenden Gewändern breitete er
beschwörend die Arme aus, bewegte die Engelsflügel, als wollte er sie warnen, aufhalten. Lehmann ging voll auf die Notbremse.
Die Räder kreischten, glühten, spien Funken. Die Männer wurden nach vorn geschleudert. Calvatello schlug mit der Stirn
gegen den oberen Fensterrahmen, verlor die Brille, fluchte. Fünf Schritte vor dem herabgestürzten Gestein blieb der Zug
fauchend stehen. Auf einer Strecke von zwanzig Metern hatten sich Teile der Felsdecke gelöst. Brocken größer als
Kühe lagen auf den Gleisen.
Scheiße", sagte Lehmann. Mehr brachte er nicht heraus. Er lehnte mit angstgelähmten Beinen an der Wand des
Führerhauses und versuchte die Vorstellung zu verdrängen, was passiert wäre, wenn sie mit voller Fahrt in diese Lawine
mitten im Tunnel gerast wären. Hackfleisch", dachte er. Um ein Haar, und wir wären jetzt
Hackfleisch."
Calvatello betete laut und mit geschlossenen Augen. Er sprach Italienisch. Der andere kletterte von der Lok auf die Gleise, um sich zu
entleeren. Ausgestandene Angst ist ein todsicheres Abführmittel. Er kannte das aus dem Krieg. Als er sich niederhockte, sah er
wieder den Schatten des Engels. Die mächtigen Schwingen bewegten sich geisterhaft beschwörend. Calvatello warf sich auf die
Knie. Im rechten Scheinwerfer der Lokomotive zappelte ein kleiner gefangener Nachtfalter. Die Lampe warf seinen vergrößerten
Schatten auf die Felswand.
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Engel sind überall
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