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«Harry Potter - Unterscheidung tut Not.»

Harry Potter wird in kirchlichen Kreisen heiß diskutiert. Vor allem Gabriele Kuby spricht sich deutlich gegen den kleinen Zauberjungen aus. Natürlich gibt es keine offizielle katholische Stellungnahme zu den Romanen (wo kämen wir denn dahin...!). Aber wir von der Karl-Leisner-Jugend haben schon eine Meinung. (Nicht erschrecken - die Harry-Potter-Artikel sind z.T. nicht ganz einfach zu lesen...!)

Unter "Potter 1" findet sich eine Stellungnahme von Christa Meves (zuerst erschienen im Rheinischen Merkur) und beschäftigt sich mit der Frage nach dem Bösen,

"Potter 2" ist eine Analyse von Axel Schmidt, der die Romane als Gleichnis versteht,

"Potter 3" stammt aus der Feder von Thomas Möllenbeck und entdeckt in Harry Potters Geschichten viele Ähnlichkeiten mit der Welt des Glaubens,

"Potter 4" ist ein Artikel, der in der Münsteraner Kirchenzeitung erschienen ist (auch von Axel Schmidt),

"Potter 6" ist nocheinmal von Axel Schmidt und erkennt in Potters Welt zwar eine vor-christliche, aber keine un-christliche Welt - im Gegenteil.

"Potter 7" ist ein letztes Mal von Axel Schmidt, der nun auf alle sieben Bände zurückschaut (und besonders den siebten Band berücksichtig) - und ein abschließendes Urteil wagt. Um es vorwegzunehmen: Harry Potter (und seine Schöpferin, J. K. Rowling) kommen gut dabei weg.

auch als pdf-Datei erhältlich

Anmerkungen zur Neuevangelisierung am Beispiel einer Streitschrift gegen „Harry Potter"

Welcher ernsthafte Christ wünscht sich nicht, dass unsere Kinder nicht nur anständige Menschen, sondern auch frohe und gläubige Christen werden? In unserer zunehmend säkularisierten Gesellschaft scheint es jedoch immer schwieriger zu sein, den Glauben an die kommende Generation weiterzugeben. Seit Beginn seines Pontifikats hat Johannes Paul II. die Neuevangelisierung zu einer seiner nachdrücklichsten Forderungen erhoben. Wie aber kann heute eine Neuevangelisierung erfolgen?

Wie Neuevangelisierung sinnvollerweise vor sich gehen sollte, entscheidet sich an der Frage, in welchem Zustand sich unsere Gesellschaft befindet. Hierzu gibt es zwei widerstreitende Auffassungen: Nach der einen Auffassung (zum Beispiel durch G. Kuby in ihrem Buch "Harry Potter - Unterscheidung tut Not" vertreten) ist sie in den Zustand des heidnischen Denkens zurückgekehrt.
Nach einer anderen Auffassung (zum Beispiel durch den Philosophen J. Pieper festgehalten) ist das Problem unserer Zeit vor allem das Verschwinden der natürlichen Religiosität". Aus dieser Sicht ist Harry Potter" ein harmloser Roman, dessen vor-christliche Vorstellungen offen sind für die Verkündigung des Evangeliums.

Die Kinderromanfolge »Harry Potter« soll uns als Beispiel dienen, das Wesen der "Säkularisierung" unserer Gesellschaft näher zu bestimmen.

Säkularisierung und Neuevangelisierung
  • 1. Ansicht: Die erste Ansicht möchte ich so charakterisieren: Das Evangelium ist selbst seine Vorbereitung - es gibt keine andere angemessene Vorbereitung des Bodens für das Evangelium als die Verkündigung des Evangeliums selbst. Christus leuchtet von selbst ein, jede Vermittlungsform bleibt hinter der Idealgestalt zurück, weil sie (zuviel) Unreines enthält. Das klingt nicht unplausibel.

Dahinter verbirgt sich aber, so scheint es mir jedenfalls, die Konzeption einer Religion ohne Metaphysik, oder anders gesagt: die (christliche) Religion soll selbst die wahre und die einzige Metaphysik sein. Im Hintergrund steht verborgen die Haltung, ohne »praeambula fidei« (Vernunftvoraussetzungen des Glaubens) auskommen zu müssen. Auf deutsch: Eine natürliche Religion gibt es nicht! Außer dem Christentum gibt es nur dämonisches Heidentum. Das moderne säkularisierte Bewusstsein kann in dieser Sicht nur als Entchristlichung oder als Rückfall ins Heidentum gedeutet werden.

  • 2. Ansicht: Eine diesbezüglich ganz entgegengesetzte Auffassung vertritt der Philosoph Josef Pieper, indem er feststellt, der innerste Kern und das Wesen der Säkularisierung bestehe darin, die natürliche Religion verloren zu haben und gerade dadurch das Wesen des Christentums zu entstellen. Die Säkularisierung setzt, sagt Pieper, eine fortschreitende Schwächung der natürlichen religiösen Grundvorstellungen" in Gang, bei welcher die Hand zu verdorren droht, mit welcher der Mensch das eigentlich Christliche zu fassen vermag". Sowohl den verschiedenen heidnischen Religionen als auch dem Judentum und Christentum liege nämlich eine natürliche Religion" zugrunde, und diese sei der unaufgebbare Verstehenshintergrund der christlichen Offenbarung. Der Boden zur Neuevangelisierung muss folglich dadurch bereitet werden, dass die verlorengegangenen natürlichen religiösen Vorstellungen wiedererweckt bzw. neu plausibel gemacht werden. Dies ist die Aufgabe einer praeparatio Evangelii (Vorbereitung des Menschen auf das Evangelium), die noch nicht das Evangelium selbst ist, sondern die Hinführung des modernen Menschen zu metaphysischen Einsichten, die seiner natürlichen Religiosität entsprechen.

Erkenntnis und Liebe. Diese Sicht kann neben anderem das Paradox anerkennen, daß das Christentum (bzw. schon das Judentum) selbst säkularisierend gewirkt hat, indem es die Welt entgöttlicht und so den Menschen frei gemacht hat, die Natur schrittweise seiner Erkenntnis und Verfügung zu unterwerfen. Freilich geschah dies alles im Zeichen der Liebe, denn die Liebe setzt eine freie Distanz der Person zur Natur voraus. Die christliche Liebe bewahrt die besten Aspekte der natürlichen Religion auf und überhöht sie zugleich, indem sie von der Heidenangst vor der unberechenbaren Gottheit befreit und befähigt, mit kindlicher Ehrfurcht zu Gott aufzuschauen. Furcht gibt es in der Liebe nicht, sondern die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht." (1 Joh 4,18) Die eigentliche Säkularisierung ereignet sich erst, wenn der Mensch die Frucht des Christentums genießen will, ohne die Anstrengung ehrfürchtiger Liebe zu Gott auf sich zu nehmen. Die fortschreitende Erkenntnis ohne Liebe hat zu unserer modernen Technik- und Konsumwelt geführt, in der der Mensch zunehmend heimatlos wird. Tief in seiner Seele spürt indessen jeder eine Sehnsucht nach Mehr, und an diese gilt es anzuknüpfen, um eine metaphysische Sicht dieser Welt wiederzugewinnen, welche wiederum Voraussetzung für die Verkündigung des Evangeliums ist.

Der Unterschied der beiden angedeuteten Auffassungen lässt sich auf folgenden Punkt bringen: Nach der ersten Meinung sind die heutigen Adressaten der (Neu-)Evangelisierung (neue) Heiden, nach der zweiten sind es die Erben christlichen Glaubens, denen freilich nur ein Glaube bekannt ist, aus dem der Ernst herausgeschnitten ist. Die einzige Aufgabe dieses "reduzierten" Glaubens ist es, dem Menschen eine dauerhafte Identität zu verleihen.

Oder noch pointierter: Die erste Auffassung sieht die Wurzel allen heutigen Übels in der Rückkehr vor-christlicher Vorstellungen, die zweite in deren Verschwinden.

Harry Potter und das Heidentum

Gabriele Kuby hat jüngst eine Interpretation von Harry Potter vorgelegt, die ganz entschieden von der ersten Ansicht geprägt ist ("Unterscheidung tut Not" - die Seitenzahlen im folgenden Text beziehen sich auf diese Schrift).

Kubys Schwarz-Weiß-Malerei. Eine Vorbereitung auf das Evangeliums kann es Kuby zufolge nicht geben, wenn nicht unmittelbar von Gott die Rede ist. Darum ist sie schnell fertig mit ihrem Urteil: Im Universum von Harry Potter existiert Gott nicht." Harry Potter ist von Anfang bis Ende Kampf gegen Gott." (27) Da Kuby glaubt, dass die meisten Leser von Harry Potter ins heidnische Denken zurückgefallen sind und darum an Magie und Hexerei glauben, identifiziert sie Voldemort ohne weiteres mit dem Teufel (24; vgl. 53). Eine Literatur, die den Kampf zwischen Gut und Böse nicht sogleich als Kampf zwischen Gott und Teufel darstellt, steht unter ihrem scharfen Verdikt, nur einen Scheinkampf zwischen Gut und Böse" auszufechten (34ff). Doch unsere Kinder glauben nicht an Hexen, sondern an die Macht der Technik, und sie tragen zweitens nicht nur eine Sehnsucht nach Macht" (57), sondern auch eine Sehnsucht nach Liebe im Herzen. In unserer Welt finden sie jedoch die Maxime vor, daß Macht und Geld wichtiger seien als Liebe. In diesem Konflikt brauchen sie plausible Modelle und Vorbilder, noch bevor sich die Frage nach Gott für sie als relevant erweisen kann. Nur weil Kuby offenbar glaubt, daß von Liebe erst die Rede sein darf, wenn Gott im Spiel ist, versteht sich ihre wunderliche Meinung, daß es im Roman Harry Potter nirgendwo eine Quelle der Liebe gibt". (12, 33) Die Freundschaft zwischen Harry, Ron und Hermine, ist das fadenscheinige Mäntelchen, das dazu herhalten muß, die Welt des Bösen zu überdecken." (33)

Wie kann sich Kuby in ihrem Urteil so sicher sein? Gegen Ende ihrer Streitschrift gibt sie das Motiv zu erkennen, das sie bei ihrer Warnung vor Harry Potter leitet:

Es ist die Sünde, die von Gott absondert. Die Haupteinfallstore, die den Menschen von Gott trennen, sind Geld, Sex und Macht. Deswegen rät das Evangelium dem Menschen, der schon in diesem Leben Gemeinschaft mit Gott haben will, zu Armut, Keuschheit und Gehorsam. Die Schlacht ums Geld ist gewonnen: Die Humanität und die Ökologie der Erde sind ihr Opfer. Die Schlacht um die Sexualität ist ebenfalls gewonnen: Die Familie ist ihr Opfer. Fehlt noch, dass die Menschen sich an Satan binden in der trügerischen Hoffnung, mit seinen Mitteln ihre Ohnmacht zu überwinden. Harry Potter, mit dem Mal des Teufels auf der Stirn bezeichnet, gibt das Drehbuch vor: Gleich zu Anfang entlässt er eine Riesenschlange aus dem Zoo in die weite Welt. Lord Voldemort ... wirkt aus dem Verborgenen durch Menschen, die willens sind, ihn in ihre Köpfe und Herzen einzulassen. Sein Ziel ist es, zur offenen Herrschaft zu gelangen. Er ködert die Menschen mit dem Versprechen auf Macht und bindet sie an sich, wenn sie der Versuchung erliegen." (63f)

Die Logik ist klar: Zwei der Hauptbastionen gegen die Gottlosigkeit sind bereits gefallen, allein die dritte, der Gehorsam gegenüber Gott steht noch und wird deshalb um so heftiger vom Teufel angegriffen. Anscheinend weist sie dieser Bastion eine Schlüsselrolle zu, indem sie quasi das letzte Heilmittel sein soll, das ansonsten nicht abwendbare Elend des Menschen zu wenden, gegen welches literarisch, pädagogisch oder sonstwie zu kämpfen von vornherein für aussichtslos erklärt wird. Hier mischt sich in die gute theologische Absicht ein Schwarz-Weiß-Denken, das Unkraut und Weizen jetzt schon endgültig identifizieren und trennen will und für das tägliche Schwanken des Menschen zwischen Gut und Böse keinen Blick mehr hat. Darum sieht sie wie blind darüber hinweg, daß es in Harry Potter fast auf jeder Seite um die Auseinandersetzung mit den genannten Grundversuchungen geht, vor allem um Geld und Macht, aber auch, im fünften Band inzwischen auch um Erotik; denn wenn die Schlacht bereits verloren ist, wie sie meint, dann braucht dieser Aspekt der Potter-Bücher nicht ernst genommen zu werden.

Merkwürdig bleibt aber, warum sie auch für die Entscheidungsschlacht um die Macht, die Kuby ja noch nicht für verloren erklärt, nicht an die zahlreichen Stellen im Roman anknüpft, wo ein unbegrenztes Machtstreben kritisiert wird, sondern im Gegenteil dem Roman unterstellt, den Leser zu verführen, sich dem Machtversprechen Satans anzuvertrauen. Der Schlüssel zur Antwort dürfte in ihrer Überzeugung liegen, daß wir in einer Zeit globaler Ohnmacht" leben. Wo man auch hinschaut: Die menschlichen Wege führen in die Ausweglosigkeit. Selbst der Traum, durch die Technik Macht über die Natur zu gewinnen und die Welt in ein Freizeiteldorado zu verwandeln, das auf Knopfdruck jedweden Genuss frei Haus liefert, beginnt sich ... in einen Alptraum zu verwandeln." (57) Kuby erkennt das Scheitern der Versuche des Menschen, sich durch Technik ein glückliches Leben zu verschaffen, aber sie wertet diese Einsicht nicht metaphysisch aus und glaubt überdies fälschlich, daß jeder Mensch bereits im Besitze dieser Einsicht sei, was mit dem Realitätsempfinden unserer Computer- und Handygeneration wohl kaum in Einklang stehen dürfte. Sie selbst berichtet in einem anderen Buch, wie lange es gedauert hat, bis sie zu dieser Einsicht gefunden hat. Darum erstaunt es, daß sie nicht wahrnimmt, daß es dem kritisierten Roman gerade darum geht, dem verwöhnten jungen Menschen von heute aufzuzeigen, daß nicht alles machbar ist, was man sich wünscht, weder technisch (bzw. durch Zauberhandwerk) noch moralisch. Da Kuby nicht sieht, wie notwendig eine solche Wegweisung ist, die an für Jugendliche leicht nachvollziehbaren Anschauungsbeispielen die ethische Bedeutung von Entscheidungen wieder und wieder vor Augen führt, kommt sie auf den absurden Gedanken, die Zauberei würde hier als Weg vorgestellt, die angeblich von allen Kindern gefühlte Ohnmacht endgültig zu beseitigen. Die Botschaft, mit einem Zauberstab diese Welt verwandeln zu können, ist die verführerische Antwort auf diese Not." (58) Die Sehnsucht nach Macht" führe junge Menschen heute in den Aberglauben und Okkultismus, also in eine Neuauflage heidnischen Denkens, und Harry Potter reiße dazu die letzte Barriere ein. (26, 57f u.ö.) Dabei kann jeder unbefangene Leser sehen, daß die Zauberei in Hogwarts als Pendant zur menschlichen Technik konzipiert ist und deren Ambivalenz zu gutem oder schlechtem Gebrauch teilt.

Von daher versteht sich auch ihre Meinung, daß im Roman die Menschenwelt als verabscheuungswürdig", die Welt der Zauberer und Hexen ersehnenswert" dargestellt werde. (41) Die Kritik des Romans bezieht sich indessen, nüchtern betrachtet, einzig und allein auf den egoistischen Konsumismus der Familie Dursley und das dahinter stehende antimetaphysische Denken. Die Menschenwelt wird ganz im Gegensatz zur ständigen Behauptung Kubys (vgl. 32) nicht als schlecht, sondern als ambivalent charakterisiert, nicht anders übrigens die Zauberwelt. Aufschlußreich ist ihre Lesart der drastischen Romankritik am verwöhnten und bösartigen Dudley: Anstatt diese zu begrüßen, weil sie in der Karikatur deutlich vor Augen führt, wie wenig anziehend eine rein auf immanenten Konsum eingestellte Lebensweise ist, äußert sie Mitleid mit übergewichtigen Kindern und mutmaßt, daß diese durch den Roman empfänglich" werden für eine magische Welt, in der die Probleme einfach weggezaubert werden". (31) Dabei bietet gerade diese Kritik des Konsumismus den Schlüssel für Harrys und des Lesers Sehnsucht nach einer anderen Welt mit metaphysischer Tiefe, die sich dann tatsächlich überraschend öffnet. Doch für Kuby, die sich keine metaphysische praeparatio Evangelii vorstellen kann, ist mit dem Eintritt in die Schule der Hexerei und Zauberei" der Schritt in die Welt des Bösen getan". (34)

Für Mehrdeutigkeiten und Zwischentöne, die doch erst die literarische Qualität eines Buchs ausmachen und z.B. auch Tolkiens Herrn der Ringe" durchziehen, hat sie im Falle von Harry Potter kein Verständnis. Darum urteilt sie: Der scheinbare Kampf zwischen Gut und Böse findet innerhalb des Bösen statt." (34) Weil Harry Potter nicht heiligmäßig gut ist, darum ist er böse. (35) Wenn er, wie psychologisch durchaus verständlich ist, herausfinden" will, wie ich Dudley verhexen kann" (33, 35), wenn sich Angst, von der Schule zu fliegen, in sein Motiv mischt, gegen Voldemort zu kämpfen (21f, 36), dann kann er ja wohl kein Vorbild sein – trägt er nicht sogar das Kennzeichen des Bösen auf der Stirn, die Fluchnarbe, durch die er mit Voldemort verbunden ist"? (28; vgl. 12, 64) Und schließlich ist seine Mutter ja eine Hexe" (27), und selbst wenn eine Hexe ihr Leben opfert, kann darin nur der Ausbund des Dämonischen gesehen werden. – Der falsche Maßstab der Eindeutigkeit bestimmt auch Kubys Deutung der Passagen, in denen der Zauberer Mad-Eye Moody seine falsche Doppelrolle spielt, die erst am Ende des IV. Bandes an den Tag kommt. (39f, 46f) Während klar ist, daß der Roman den Leser von verfrühten scheinbar eindeutigen Urteilen abbringen und ihn so zur Läuterung führen will, liest Kuby gerade das Gegenteil heraus und unterstellt der Autorin, sie werbe für die böse Einstellung ihrer literarischen Figur.

Auf dieselbe Art wird sogar die zentrale Stelle im ersten Band in einer Weise mißdeutet, dass man an der Urteilskraft Kubys zweifeln muß. Dumbledores Erklärung, daß die sich opfernde Liebe der Mutter eine Kraft hat, die Voldemorts Macht übersteigt, nimmt sie nicht ernst; angeblich dreht sich Dumbledore nach dem Wort Liebe um, lacht leise" und erinnert sich an den Geschmack vom Erbrochenem: Auf Liebe folgt Erbrechen." (23) Wenn man die entsprechenden Seiten (I, 324-326) nachliest, verschlägt es einem die Sprache angesichts dieser haarsträubenden Interpretation".

Neuevangelisierung. Unterscheidung tut Not

Säkularisierung ist keine Rückehr ins Heidentum, sondern Glaube an die Macht ohne Liebe. Wenn Gabriele Kuby Recht hätte, dann müssten die heutigen Verkünder des Evangeliums wie Bonifatius Eichen fällen, um den Neuheiden ihre Angst vor der Rache der Götter zu nehmen und ihnen Ehrfurcht vor dem wahren Gott zu gebieten. Sie weist – zu Recht besorgt – auf spiritistische Praktiken wie Tischrücken, Geisterbeschwörungen" hin, mit denen fast jeder Schüler" in Kontakt gekommen sei. Wahrsager, Astrologen, Hexenkult bis hin zum Satanismus haben Hochkonjunktur. Sie füllen die Leere in den Kinderseelen, die nichts mehr von Gott hören, die nie ein Gebet gelernt haben, denen die Reste der christlichen Kultur fremd geworden sind." (63) Hier kommt der Glaubensabfall zum Ausdruck, vor dem Jesus schon gewarnt hat (Lk 18,8; Mt 24,24) und der in der Gestalt des Antichristen seine ganze verführerische Macht entfaltet (2 Thess 2,3-12; Offb 13; vgl. 1 Joh 2,18; 4,3). Doch der antichristliche Glaubensabfall ist nicht eine Rückkehr ins Heidentum, sondern die Vollendung der Säkularisierung, die Selbstvergötzung des Menschen. Es ist nicht auszuschließen, dass der eine oder andere Jugendliche durch die Beschäftigung mit okkulten Praktiken tatsächlich in Angst versetzt wird oder sich gar dem Einfluß des Teufels ausliefert und dass es ihm von daher gut täte, wenn ein Priester hier wie Bonifatius dreinschlüge. Doch ist dies sicherlich nicht die Normalität des modernen Jugendlichen und Erwachsenen. Die Säkularisierung hat die christliche Befreiung von den Angst einflößenden Göttern nicht rückgängig gemacht, sondern sie hat – und das ist in vieler Hinsicht schlimmer – die ehrfürchtige Liebe zu Gott ersterben lassen, indem sie das autonome Ich des Menschen ins Zentrum gerückt hat, so dass Gott nur noch relevant erscheint, wenn er diesem Ich zu dienen vermag.

Insofern erleben wir heute eine ganz andere Machtdemonstration als in den Tagen des Bonifatius: Der Westen überschwemmt die übrige Welt mit seiner technischen und ökonomischen Überlegenheit und weckt bei allen Völkern und Religionen das Begehren, ihr zeitliches Leben ähnlich materialistisch zu gestalten und zu sichern. Erfolg ist zum Indikator der Wahrheit avanciert. Während der Glaube an Wissenschaft und Technik so seinen Charakter als Pseudo-Religion enthüllt, fühlen sich Fundamentalisten herausgefordert, die Verwundbarkeit des Götzen zu demonstrieren; sie fällen heute keine Eichen, sondern lassen Flugzeuge in die Türme des World-Trade-Centers hineinstürzen. Doch die pseudoreligiöse Rache läßt nicht lange auf sich warten: Der Irakkrieg hat jedem Kind in Deutschland wie in allen anderen Ländern die technische Überlegenheit der USA ein weiteres Mal vorgeführt – mit Schock und Schrecken". Es ist nicht anzunehmen, dass vor diesem Hintergrund heidnisches Denken irgendeine Plausibilität gewinnen wird. Doch auch der christliche Glaube leidet unter schwerer Anfechtung, denn die entfesselte machtförmige Erkenntnis ohne Liebe läßt den Zweifel wachsen, ob es nicht doch der Erfolg ist, der letztlich die Wahrheitsfrage entscheidet. Diese Anfechtung könnte vielleicht gemeint sein in Offb 13,4: Die Menschen warfen sich vor dem Drachen nieder, weil er seine Macht dem Tier gegeben hatte; und sie beteten das Tier an und sagten: Wer ist dem Tier gleich, und wer kann den Kampf mit ihm aufnehmen?"

Eine Neuevangelisierung hat es darum schwerer als die Heidenmission, die noch anknüpfen konnte an eine natürliche Religiosität, für die das Göttliche absolut ehrfurchtgebietend ist. Sie muss den Wahn überwinden, der Mensch könne sich durch Technik und Konsum ein schönes Leben bereiten, indem er zugleich den Tod verdrängt. Sie muss ihm die Einsicht neu eröffnen, daß er eine metaphysische Tiefe besitzt, die ihm nur in der zur Hingabe bereiten Liebe letzten Sinn gewährt. Dass man in der Tat Harry Potter als Versuch solcher praeparatio Evangelii interpretieren kann, habe ich bereits gezeigt. (Siehe http://www.karl-leisner-jugend.de/Potter6.htm)
Die Ansicht, dass Christus von selbst einleuchtet, ist fromm, aber auch naiv. Gewiss, Jesus leuchtet ein, denn in seiner Person sind die Rätsel der Menschheit gelöst. Allein, was ist, wenn niemand mehr seine Existenz als rätselhaft empfindet? Jüngst (2003) gaben mir einige Firmlinge zu verstehen, dass der Tod für sie kein Rätsel sei; schließlich könne die Erde nur eine gewisse Zahl von Menschen beherbergen. Sie sind gut behütet, diese jungen Menschen, geradezu immun gemacht gegen jede Infektion überraschender Einbrüche der Kontingenz und so auch gegen lästige Fragen nach dem Sinn ihres Lebens. Wie soll ihnen Jesus da einleuchten? Aber auch die anderen, die Unbehüteten (etwa die zahlreichen Scheidungskinder), um die Kuby besonders besorgt ist (57f), haben offenbar von sich aus nur geringe Neigung dazu, ihre Existenz als Rätsel zu empfinden. Der Kampf ums Dasein erscheint ihnen selbstverständlich, der Erfolg der anderen ist für sie Stachel zu Neid, Aggression oder Verweigerung. Dass sie sich eine Gegenkultur wünschen oder aufbauen, ist nur allzu verständlich, doch auch diese ist geprägt von den Normen der Säkularisierung und nicht gespeist von fernen heidnischen Gedanken. Der Problemzusammenhang ist komplex und nicht auf die Formel zu bringen: christliche Liebe versus heidnische Götzenanbetung.

Da die Kirche in Westeuropa mit dem säkularistischen Zeitgeist verbrüdert erscheint, liegt es für viele Beobachter nahe, sie mit dem Maßstab des Fortschritts zu beurteilen, der als Grundparadigma der Neuzeit anzusehen ist. So gemessen, erscheint sie, je nachdem, wo das Maß angelegt wird, als noch nicht angepasst genug oder als zu liberal. In beiden Fällen wird ihre Botschaft nicht als neu und überraschend begriffen, sondern eingeordnet in alte Schemata: je nach Vorliebe mal progressiv, mal konservativ – aber niemals als einleuchtende Alternative zum Fortschrittsparadigma. Eine erfrischende Ausnahme hat – merkwürdig genug – der alternde Papst geboten, dessen Charisma offenbar die fatale Nivellierung aufsprengen konnte.

Neuevangelisierung im Sinne des Papstes ist weder für konservative noch für progressive Kreise attraktiv: Die breite Straße führt ins Verderben" (54), sagen die einen, immer im Blick, dass das Böse in rasendem Tempo die Bastionen schleift" (61); Unverständnis für die Notwendigkeit der Neuevangelisierung äußern die anderen, für die der Glaube im säkularisierten Sinne nicht mehr ist als ein Weg, damit das Leben gelingt. Neuevangelisierung erfordert, dass dem modernen Menschen einsichtig gemacht wird, daß die gehorsame Antwort des Glaubens auf Gottes Offenbarung vernünftig ist, doch dazu muss er die Fragwürdigkeit des pseudoreligiösen Fortschrittsglaubens erkennen. Diese Erkenntnis darf jedoch nicht im Sinne einer absoluten Ohnmacht ausgelegt werden, die den Menschen dann vor die Wahl zwischen Gott und den Teufel stellen würde. Eine solche Vorstellung stimmt insgeheim der säkularistischen Überzeichnung des menschlichen Autonomiebedürfnisses zu und kann nur dialektische Folgen haben: Der Gehorsam gegen Gott widerspricht dann der (gefallenen) Natur des Menschen und kann darum nur durch frühzeitige Einimpfung vermittelt werden – als letzte Bastion gegen den Teufel. Es ist schwer vorstellbar, dass diese Art der Unterscheidung der Geister evangelisierende Kraft entfaltet. Sie dekretiert einfach, ohne Verständnis zu vermitteln, und so kann Jesus nicht einleuchten.

Die Unterscheidung, die wirklich not tut, betrifft die Wahl des Mittels zum Leben: Gewinne ich mein Leben durch Erkenntnis- und Machtfortschritt, durch Besitz und Festhalten (notfalls mit Waffen), oder gewinne ich es in der Liebe, durch Hingabe des Lebens? Die rechte Antwort wendet die Not des Glaubens, sie ist eine Präambel des Glaubens" und damit ein Anknüpfungspunkt für die Botschaft des Evangeliums. Diese Antwort ist vermittelbar und muss vermittelt werden, sozusagen als Logik der Liebe". Ist sie einmal gefunden, fordert sie sogleich die Frage nach Gott heraus als dem Grund dieser Liebe und als Quelle der Hoffnung. Der Gehorsam des Glaubens wird dann leicht und befreiend, nicht schwer und erzwungen. Wird die Einsicht gar kollektiv vollzogen, was angesichts der göttlichen Vorsehung nicht undenkbar ist, dann ist der Boden bereitet für eine Neuevangelisierung Europas und der Anfang gemacht für eine neue Zivilisation der Liebe".

(Vgl. http://www.vatican.va/holy_father/john_paul_ii/speeches/2002/july/documents/hf_jp-ii_spe_20020727_wyd-vigiladdress_ge.html
und:http://www.vatican.va/holy_father/john_paul_ii/encyclicals/documents/hf_jp-ii_enc_18051986_dominum-et-vivificantem_ge.html

Diesen Artikel hat Axel Schmidt geschrieben, wer ihm antworten möchte, kann ihm hier schreiben.