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«Harry Potter - Unterscheidung tut Not.»
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Anmerkungen zur Neuevangelisierung am Beispiel einer
Streitschrift gegen Harry Potter"
Welcher ernsthafte Christ wünscht sich nicht, dass unsere Kinder
nicht nur anständige Menschen, sondern auch frohe und gläubige
Christen werden? In unserer zunehmend säkularisierten Gesellschaft
scheint es jedoch immer schwieriger zu sein, den Glauben an die kommende
Generation weiterzugeben. Seit Beginn seines Pontifikats hat Johannes
Paul II. die Neuevangelisierung zu einer seiner nachdrücklichsten
Forderungen erhoben. Wie aber kann heute eine Neuevangelisierung erfolgen?
Wie Neuevangelisierung sinnvollerweise vor sich gehen sollte, entscheidet
sich an der Frage, in welchem Zustand sich unsere Gesellschaft befindet.
Hierzu gibt es zwei widerstreitende Auffassungen: Nach der einen Auffassung
(zum Beispiel durch G. Kuby in ihrem Buch "Harry Potter - Unterscheidung
tut Not" vertreten) ist sie in den Zustand des heidnischen Denkens
zurückgekehrt.
Nach einer anderen Auffassung (zum Beispiel durch den Philosophen J. Pieper
festgehalten) ist das Problem unserer Zeit vor allem das Verschwinden
der natürlichen Religiosität". Aus dieser Sicht ist Harry
Potter" ein harmloser Roman, dessen vor-christliche Vorstellungen
offen sind für die Verkündigung des Evangeliums.
Die Kinderromanfolge »Harry Potter« soll uns als Beispiel dienen, das
Wesen der "Säkularisierung" unserer Gesellschaft näher
zu bestimmen.
Säkularisierung und Neuevangelisierung
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1. Ansicht: Die erste Ansicht möchte ich so charakterisieren:
Das Evangelium ist selbst seine Vorbereitung - es gibt keine
andere angemessene Vorbereitung des Bodens für das Evangelium
als die Verkündigung des Evangeliums selbst. Christus leuchtet
von selbst ein, jede Vermittlungsform bleibt hinter der Idealgestalt
zurück, weil sie (zuviel) Unreines enthält. Das klingt nicht
unplausibel.
Dahinter verbirgt sich aber, so scheint es mir jedenfalls, die Konzeption
einer Religion ohne Metaphysik, oder anders gesagt: die (christliche)
Religion soll selbst die wahre und die einzige Metaphysik sein. Im Hintergrund
steht verborgen die Haltung, ohne »praeambula fidei« (Vernunftvoraussetzungen
des Glaubens) auskommen zu müssen. Auf deutsch: Eine natürliche
Religion gibt es nicht! Außer dem Christentum gibt es nur dämonisches
Heidentum. Das moderne säkularisierte Bewusstsein kann in dieser
Sicht nur als Entchristlichung oder als Rückfall ins Heidentum gedeutet
werden.
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2. Ansicht: Eine diesbezüglich ganz entgegengesetzte
Auffassung vertritt der Philosoph Josef Pieper, indem er feststellt,
der innerste Kern und das Wesen der Säkularisierung bestehe darin,
die natürliche Religion verloren zu haben und gerade dadurch
das Wesen des Christentums zu entstellen. Die Säkularisierung
setzt, sagt Pieper, eine fortschreitende Schwächung der natürlichen
religiösen Grundvorstellungen" in Gang, bei welcher die
Hand zu verdorren droht, mit welcher der Mensch das eigentlich Christliche
zu fassen vermag". Sowohl den verschiedenen heidnischen Religionen
als auch dem Judentum und Christentum liege nämlich eine natürliche
Religion" zugrunde, und diese sei der unaufgebbare Verstehenshintergrund
der christlichen Offenbarung. Der Boden zur Neuevangelisierung muss
folglich dadurch bereitet werden, dass die verlorengegangenen natürlichen
religiösen Vorstellungen wiedererweckt bzw. neu plausibel gemacht
werden. Dies ist die Aufgabe einer praeparatio Evangelii (Vorbereitung
des Menschen auf das Evangelium), die noch nicht das Evangelium selbst
ist, sondern die Hinführung des modernen Menschen zu metaphysischen
Einsichten, die seiner natürlichen Religiosität entsprechen.
Erkenntnis und Liebe. Diese Sicht kann neben anderem das
Paradox anerkennen, daß das Christentum (bzw. schon das Judentum)
selbst säkularisierend gewirkt hat, indem es die Welt entgöttlicht
und so den Menschen frei gemacht hat, die Natur schrittweise seiner Erkenntnis
und Verfügung zu unterwerfen. Freilich geschah dies alles im Zeichen
der Liebe, denn die Liebe setzt eine freie Distanz der Person zur Natur
voraus. Die christliche Liebe bewahrt die besten Aspekte der natürlichen
Religion auf und überhöht sie zugleich, indem sie von der Heidenangst
vor der unberechenbaren Gottheit befreit und befähigt, mit kindlicher
Ehrfurcht zu Gott aufzuschauen. Furcht gibt es in der Liebe nicht, sondern
die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht." (1 Joh 4,18) Die eigentliche
Säkularisierung ereignet sich erst, wenn der Mensch die Frucht des
Christentums genießen will, ohne die Anstrengung ehrfürchtiger
Liebe zu Gott auf sich zu nehmen. Die fortschreitende Erkenntnis ohne
Liebe hat zu unserer modernen Technik- und Konsumwelt geführt, in
der der Mensch zunehmend heimatlos wird. Tief in seiner Seele spürt
indessen jeder eine Sehnsucht nach Mehr, und an diese gilt es anzuknüpfen,
um eine metaphysische Sicht dieser Welt wiederzugewinnen, welche wiederum
Voraussetzung für die Verkündigung des Evangeliums ist.
Der Unterschied der beiden angedeuteten Auffassungen lässt sich
auf folgenden Punkt bringen: Nach der ersten Meinung sind die heutigen
Adressaten der (Neu-)Evangelisierung (neue) Heiden, nach der zweiten sind
es die Erben christlichen Glaubens, denen freilich nur ein Glaube bekannt
ist, aus dem der Ernst herausgeschnitten ist. Die einzige Aufgabe dieses
"reduzierten" Glaubens ist es, dem Menschen eine dauerhafte
Identität zu verleihen.
Oder noch pointierter: Die erste Auffassung sieht die Wurzel allen heutigen
Übels in der Rückkehr vor-christlicher Vorstellungen, die zweite
in deren Verschwinden.
Harry Potter und das Heidentum
Gabriele Kuby hat jüngst eine Interpretation von Harry Potter vorgelegt,
die ganz entschieden von der ersten Ansicht geprägt ist ("Unterscheidung
tut Not" - die Seitenzahlen im folgenden Text beziehen sich auf
diese Schrift).
Kubys Schwarz-Weiß-Malerei. Eine Vorbereitung
auf das Evangeliums kann es Kuby zufolge nicht geben, wenn nicht unmittelbar
von Gott die Rede ist. Darum ist sie schnell fertig mit ihrem Urteil:
Im Universum von Harry Potter existiert Gott nicht." Harry Potter
ist von Anfang bis Ende Kampf gegen Gott." (27) Da Kuby glaubt, dass
die meisten Leser von Harry Potter ins heidnische Denken zurückgefallen
sind und darum an Magie und Hexerei glauben, identifiziert sie Voldemort
ohne weiteres mit dem Teufel (24; vgl. 53). Eine Literatur, die den Kampf
zwischen Gut und Böse nicht sogleich als Kampf zwischen Gott und
Teufel darstellt, steht unter ihrem scharfen Verdikt, nur einen Scheinkampf
zwischen Gut und Böse" auszufechten (34ff). Doch unsere Kinder
glauben nicht an Hexen, sondern an die Macht der Technik, und sie tragen
zweitens nicht nur eine Sehnsucht nach Macht" (57), sondern auch
eine Sehnsucht nach Liebe im Herzen. In unserer Welt finden sie jedoch
die Maxime vor, daß Macht und Geld wichtiger seien als Liebe. In
diesem Konflikt brauchen sie plausible Modelle und Vorbilder, noch bevor
sich die Frage nach Gott für sie als relevant erweisen kann. Nur
weil Kuby offenbar glaubt, daß von Liebe erst die Rede sein darf,
wenn Gott im Spiel ist, versteht sich ihre wunderliche Meinung, daß
es im Roman Harry Potter nirgendwo eine Quelle der Liebe gibt". (12,
33) Die Freundschaft zwischen Harry, Ron und Hermine, ist das fadenscheinige
Mäntelchen, das dazu herhalten muß, die Welt des Bösen
zu überdecken." (33)
Wie kann sich Kuby in ihrem Urteil so sicher sein? Gegen Ende ihrer Streitschrift
gibt sie das Motiv zu erkennen, das sie bei ihrer Warnung vor Harry Potter
leitet:
Es ist die Sünde, die von Gott absondert. Die Haupteinfallstore,
die den Menschen von Gott trennen, sind Geld, Sex und Macht. Deswegen
rät das Evangelium dem Menschen, der schon in diesem Leben Gemeinschaft
mit Gott haben will, zu Armut, Keuschheit und Gehorsam. Die Schlacht ums
Geld ist gewonnen: Die Humanität und die Ökologie der Erde sind
ihr Opfer. Die Schlacht um die Sexualität ist ebenfalls gewonnen:
Die Familie ist ihr Opfer. Fehlt noch, dass die Menschen sich an Satan
binden in der trügerischen Hoffnung, mit seinen Mitteln ihre Ohnmacht
zu überwinden. Harry Potter, mit dem Mal des Teufels auf der Stirn
bezeichnet, gibt das Drehbuch vor: Gleich zu Anfang entlässt er eine
Riesenschlange aus dem Zoo in die weite Welt. Lord Voldemort ... wirkt
aus dem Verborgenen durch Menschen, die willens sind, ihn in ihre Köpfe
und Herzen einzulassen. Sein Ziel ist es, zur offenen Herrschaft zu gelangen.
Er ködert die Menschen mit dem Versprechen auf Macht und bindet sie
an sich, wenn sie der Versuchung erliegen." (63f)
Die Logik ist klar: Zwei der Hauptbastionen gegen die Gottlosigkeit sind
bereits gefallen, allein die dritte, der Gehorsam gegenüber Gott
steht noch und wird deshalb um so heftiger vom Teufel angegriffen. Anscheinend
weist sie dieser Bastion eine Schlüsselrolle zu, indem sie quasi
das letzte Heilmittel sein soll, das ansonsten nicht abwendbare Elend
des Menschen zu wenden, gegen welches literarisch, pädagogisch oder
sonstwie zu kämpfen von vornherein für aussichtslos erklärt
wird. Hier mischt sich in die gute theologische Absicht ein Schwarz-Weiß-Denken,
das Unkraut und Weizen jetzt schon endgültig identifizieren und trennen
will und für das tägliche Schwanken des Menschen zwischen Gut
und Böse keinen Blick mehr hat. Darum sieht sie wie blind darüber
hinweg, daß es in Harry Potter fast auf jeder Seite um die Auseinandersetzung
mit den genannten Grundversuchungen geht, vor allem um Geld und Macht,
aber auch, im fünften Band inzwischen auch um Erotik; denn wenn die
Schlacht bereits verloren ist, wie sie meint, dann braucht dieser Aspekt
der Potter-Bücher nicht ernst genommen zu werden.
Merkwürdig bleibt aber, warum sie auch für die Entscheidungsschlacht
um die Macht, die Kuby ja noch nicht für verloren erklärt, nicht
an die zahlreichen Stellen im Roman anknüpft, wo ein unbegrenztes
Machtstreben kritisiert wird, sondern im Gegenteil dem Roman unterstellt,
den Leser zu verführen, sich dem Machtversprechen Satans anzuvertrauen.
Der Schlüssel zur Antwort dürfte in ihrer Überzeugung liegen,
daß wir in einer Zeit globaler Ohnmacht" leben. Wo man auch
hinschaut: Die menschlichen Wege führen in die Ausweglosigkeit. Selbst
der Traum, durch die Technik Macht über die Natur zu gewinnen und
die Welt in ein Freizeiteldorado zu verwandeln, das auf Knopfdruck jedweden
Genuss frei Haus liefert, beginnt sich ... in einen Alptraum zu verwandeln."
(57) Kuby erkennt das Scheitern der Versuche des Menschen, sich durch
Technik ein glückliches Leben zu verschaffen, aber sie wertet diese
Einsicht nicht metaphysisch aus und glaubt überdies fälschlich,
daß jeder Mensch bereits im Besitze dieser Einsicht sei, was mit
dem Realitätsempfinden unserer Computer- und Handygeneration wohl
kaum in Einklang stehen dürfte. Sie selbst berichtet in einem anderen
Buch, wie lange es gedauert hat, bis sie zu dieser Einsicht gefunden hat.
Darum erstaunt es, daß sie nicht wahrnimmt, daß es dem kritisierten
Roman gerade darum geht, dem verwöhnten jungen Menschen von heute
aufzuzeigen, daß nicht alles machbar ist, was man sich wünscht,
weder technisch (bzw. durch Zauberhandwerk) noch moralisch. Da Kuby nicht
sieht, wie notwendig eine solche Wegweisung ist, die an für Jugendliche
leicht nachvollziehbaren Anschauungsbeispielen die ethische Bedeutung
von Entscheidungen wieder und wieder vor Augen führt, kommt sie auf
den absurden Gedanken, die Zauberei würde hier als Weg vorgestellt,
die angeblich von allen Kindern gefühlte Ohnmacht endgültig
zu beseitigen. Die Botschaft, mit einem Zauberstab diese Welt verwandeln
zu können, ist die verführerische Antwort auf diese Not."
(58) Die Sehnsucht nach Macht" führe junge Menschen heute in
den Aberglauben und Okkultismus, also in eine Neuauflage heidnischen Denkens,
und Harry Potter reiße dazu die letzte Barriere ein. (26, 57f u.ö.)
Dabei kann jeder unbefangene Leser sehen, daß die Zauberei in Hogwarts
als Pendant zur menschlichen Technik konzipiert ist und deren Ambivalenz
zu gutem oder schlechtem Gebrauch teilt.
Von daher versteht sich auch ihre Meinung, daß im Roman die Menschenwelt
als verabscheuungswürdig", die Welt der Zauberer und Hexen ersehnenswert"
dargestellt werde. (41) Die Kritik des Romans bezieht sich indessen, nüchtern
betrachtet, einzig und allein auf den egoistischen Konsumismus der Familie
Dursley und das dahinter stehende antimetaphysische Denken. Die Menschenwelt
wird ganz im Gegensatz zur ständigen Behauptung Kubys (vgl. 32) nicht
als schlecht, sondern als ambivalent charakterisiert, nicht anders übrigens
die Zauberwelt. Aufschlußreich ist ihre Lesart der drastischen Romankritik
am verwöhnten und bösartigen Dudley: Anstatt diese zu begrüßen,
weil sie in der Karikatur deutlich vor Augen führt, wie wenig anziehend
eine rein auf immanenten Konsum eingestellte Lebensweise ist, äußert
sie Mitleid mit übergewichtigen Kindern und mutmaßt, daß
diese durch den Roman empfänglich" werden für eine magische
Welt, in der die Probleme einfach weggezaubert werden". (31) Dabei
bietet gerade diese Kritik des Konsumismus den Schlüssel für
Harrys und des Lesers Sehnsucht nach einer anderen Welt mit metaphysischer
Tiefe, die sich dann tatsächlich überraschend öffnet. Doch
für Kuby, die sich keine metaphysische praeparatio Evangelii
vorstellen kann, ist mit dem Eintritt in die Schule der Hexerei und Zauberei"
der Schritt in die Welt des Bösen getan". (34)
Für Mehrdeutigkeiten und Zwischentöne, die doch erst die literarische
Qualität eines Buchs ausmachen und z.B. auch Tolkiens Herrn der
Ringe" durchziehen, hat sie im Falle von Harry Potter
kein Verständnis. Darum urteilt sie: Der scheinbare Kampf zwischen
Gut und Böse findet innerhalb des Bösen statt." (34) Weil
Harry Potter nicht heiligmäßig gut ist, darum ist er böse.
(35) Wenn er, wie psychologisch durchaus verständlich ist, herausfinden"
will, wie ich Dudley verhexen kann" (33, 35), wenn sich Angst, von
der Schule zu fliegen, in sein Motiv mischt, gegen Voldemort zu kämpfen
(21f, 36), dann kann er ja wohl kein Vorbild sein – trägt er nicht
sogar das Kennzeichen des Bösen auf der Stirn, die Fluchnarbe, durch
die er mit Voldemort verbunden ist"? (28; vgl. 12, 64) Und schließlich
ist seine Mutter ja eine Hexe" (27), und selbst wenn eine Hexe ihr
Leben opfert, kann darin nur der Ausbund des Dämonischen gesehen
werden. – Der falsche Maßstab der Eindeutigkeit bestimmt auch Kubys
Deutung der Passagen, in denen der Zauberer Mad-Eye Moody seine falsche
Doppelrolle spielt, die erst am Ende des IV. Bandes an den Tag kommt.
(39f, 46f) Während klar ist, daß der Roman den Leser von verfrühten
scheinbar eindeutigen Urteilen abbringen und ihn so zur Läuterung
führen will, liest Kuby gerade das Gegenteil heraus und unterstellt
der Autorin, sie werbe für die böse Einstellung ihrer literarischen
Figur.
Auf dieselbe Art wird sogar die zentrale Stelle im ersten Band in einer
Weise mißdeutet, dass man an der Urteilskraft Kubys zweifeln muß.
Dumbledores Erklärung, daß die sich opfernde Liebe der Mutter
eine Kraft hat, die Voldemorts Macht übersteigt, nimmt sie nicht
ernst; angeblich dreht sich Dumbledore nach dem Wort Liebe um, lacht leise"
und erinnert sich an den Geschmack vom Erbrochenem: Auf Liebe folgt Erbrechen."
(23) Wenn man die entsprechenden Seiten (I, 324-326) nachliest, verschlägt
es einem die Sprache angesichts dieser haarsträubenden Interpretation".
Neuevangelisierung. Unterscheidung tut Not
Säkularisierung ist keine Rückehr ins Heidentum, sondern
Glaube an die Macht ohne Liebe. Wenn Gabriele Kuby Recht hätte,
dann müssten die heutigen Verkünder des Evangeliums wie Bonifatius
Eichen fällen, um den Neuheiden ihre Angst vor der Rache der Götter
zu nehmen und ihnen Ehrfurcht vor dem wahren Gott zu gebieten. Sie weist
– zu Recht besorgt – auf spiritistische Praktiken wie Tischrücken,
Geisterbeschwörungen" hin, mit denen fast jeder Schüler"
in Kontakt gekommen sei. Wahrsager, Astrologen, Hexenkult bis hin zum
Satanismus haben Hochkonjunktur. Sie füllen die Leere in den Kinderseelen,
die nichts mehr von Gott hören, die nie ein Gebet gelernt haben,
denen die Reste der christlichen Kultur fremd geworden sind." (63)
Hier kommt der Glaubensabfall zum Ausdruck, vor dem Jesus schon gewarnt
hat (Lk 18,8; Mt 24,24) und der in der Gestalt des Antichristen seine
ganze verführerische Macht entfaltet (2 Thess 2,3-12; Offb 13; vgl.
1 Joh 2,18; 4,3). Doch der antichristliche Glaubensabfall ist nicht eine
Rückkehr ins Heidentum, sondern die Vollendung der Säkularisierung,
die Selbstvergötzung des Menschen. Es ist nicht auszuschließen,
dass der eine oder andere Jugendliche durch die Beschäftigung mit
okkulten Praktiken tatsächlich in Angst versetzt wird oder sich gar
dem Einfluß des Teufels ausliefert und dass es ihm von daher gut
täte, wenn ein Priester hier wie Bonifatius dreinschlüge. Doch
ist dies sicherlich nicht die Normalität des modernen Jugendlichen
und Erwachsenen. Die Säkularisierung hat die christliche Befreiung
von den Angst einflößenden Göttern nicht rückgängig
gemacht, sondern sie hat – und das ist in vieler Hinsicht schlimmer –
die ehrfürchtige Liebe zu Gott ersterben lassen, indem sie das autonome
Ich des Menschen ins Zentrum gerückt hat, so dass Gott nur noch relevant
erscheint, wenn er diesem Ich zu dienen vermag.
Insofern erleben wir heute eine ganz andere Machtdemonstration als in
den Tagen des Bonifatius: Der Westen überschwemmt die übrige
Welt mit seiner technischen und ökonomischen Überlegenheit und
weckt bei allen Völkern und Religionen das Begehren, ihr zeitliches
Leben ähnlich materialistisch zu gestalten und zu sichern. Erfolg
ist zum Indikator der Wahrheit avanciert. Während der Glaube an Wissenschaft
und Technik so seinen Charakter als Pseudo-Religion enthüllt, fühlen
sich Fundamentalisten herausgefordert, die Verwundbarkeit des Götzen
zu demonstrieren; sie fällen heute keine Eichen, sondern lassen Flugzeuge
in die Türme des World-Trade-Centers hineinstürzen. Doch die
pseudoreligiöse Rache läßt nicht lange auf sich warten:
Der Irakkrieg hat jedem Kind in Deutschland wie in allen anderen Ländern
die technische Überlegenheit der USA ein weiteres Mal vorgeführt
– mit Schock und Schrecken". Es ist nicht anzunehmen, dass vor diesem
Hintergrund heidnisches Denken irgendeine Plausibilität gewinnen
wird. Doch auch der christliche Glaube leidet unter schwerer Anfechtung,
denn die entfesselte machtförmige Erkenntnis ohne Liebe läßt
den Zweifel wachsen, ob es nicht doch der Erfolg ist, der letztlich die
Wahrheitsfrage entscheidet. Diese Anfechtung könnte vielleicht gemeint
sein in Offb 13,4: Die Menschen warfen sich vor dem Drachen nieder, weil
er seine Macht dem Tier gegeben hatte; und sie beteten das Tier an und
sagten: Wer ist dem Tier gleich, und wer kann den Kampf mit ihm aufnehmen?"
Eine Neuevangelisierung hat es darum schwerer als die Heidenmission,
die noch anknüpfen konnte an eine natürliche Religiosität,
für die das Göttliche absolut ehrfurchtgebietend ist. Sie muss
den Wahn überwinden, der Mensch könne sich durch Technik und
Konsum ein schönes Leben bereiten, indem er zugleich den Tod verdrängt.
Sie muss ihm die Einsicht neu eröffnen, daß er eine metaphysische
Tiefe besitzt, die ihm nur in der zur Hingabe bereiten Liebe letzten Sinn
gewährt. Dass man in der Tat Harry Potter als Versuch solcher praeparatio
Evangelii interpretieren kann, habe ich bereits gezeigt. (Siehe
http://www.karl-leisner-jugend.de/Potter6.htm)
Die Ansicht, dass Christus von selbst einleuchtet, ist fromm, aber auch
naiv. Gewiss, Jesus leuchtet ein, denn in seiner Person sind die Rätsel
der Menschheit gelöst. Allein, was ist, wenn niemand mehr seine Existenz
als rätselhaft empfindet? Jüngst (2003) gaben mir einige Firmlinge
zu verstehen, dass der Tod für sie kein Rätsel sei; schließlich
könne die Erde nur eine gewisse Zahl von Menschen beherbergen. Sie
sind gut behütet, diese jungen Menschen, geradezu immun gemacht gegen
jede Infektion überraschender Einbrüche der Kontingenz und so
auch gegen lästige Fragen nach dem Sinn ihres Lebens. Wie soll ihnen
Jesus da einleuchten? Aber auch die anderen, die Unbehüteten (etwa
die zahlreichen Scheidungskinder), um die Kuby besonders besorgt ist (57f),
haben offenbar von sich aus nur geringe Neigung dazu, ihre Existenz als
Rätsel zu empfinden. Der Kampf ums Dasein erscheint ihnen selbstverständlich,
der Erfolg der anderen ist für sie Stachel zu Neid, Aggression oder
Verweigerung. Dass sie sich eine Gegenkultur wünschen oder aufbauen,
ist nur allzu verständlich, doch auch diese ist geprägt von
den Normen der Säkularisierung und nicht gespeist von fernen heidnischen
Gedanken. Der Problemzusammenhang ist komplex und nicht auf die Formel
zu bringen: christliche Liebe versus heidnische Götzenanbetung.
Da die Kirche in Westeuropa mit dem säkularistischen Zeitgeist verbrüdert
erscheint, liegt es für viele Beobachter nahe, sie mit dem Maßstab
des Fortschritts zu beurteilen, der als Grundparadigma der Neuzeit anzusehen
ist. So gemessen, erscheint sie, je nachdem, wo das Maß angelegt
wird, als noch nicht angepasst genug oder als zu liberal. In beiden Fällen
wird ihre Botschaft nicht als neu und überraschend begriffen, sondern
eingeordnet in alte Schemata: je nach Vorliebe mal progressiv, mal konservativ
– aber niemals als einleuchtende Alternative zum Fortschrittsparadigma.
Eine erfrischende Ausnahme hat – merkwürdig genug – der alternde
Papst geboten, dessen Charisma offenbar die fatale Nivellierung aufsprengen
konnte.
Neuevangelisierung im Sinne des Papstes ist weder für konservative
noch für progressive Kreise attraktiv: Die breite Straße führt
ins Verderben" (54), sagen die einen, immer im Blick, dass das Böse
in rasendem Tempo die Bastionen schleift" (61); Unverständnis
für die Notwendigkeit der Neuevangelisierung äußern die
anderen, für die der Glaube im säkularisierten Sinne nicht mehr
ist als ein Weg, damit das Leben gelingt. Neuevangelisierung erfordert,
dass dem modernen Menschen einsichtig gemacht wird, daß die gehorsame
Antwort des Glaubens auf Gottes Offenbarung vernünftig ist, doch
dazu muss er die Fragwürdigkeit des pseudoreligiösen Fortschrittsglaubens
erkennen. Diese Erkenntnis darf jedoch nicht im Sinne einer absoluten
Ohnmacht ausgelegt werden, die den Menschen dann vor die Wahl zwischen
Gott und den Teufel stellen würde. Eine solche Vorstellung stimmt
insgeheim der säkularistischen Überzeichnung des menschlichen
Autonomiebedürfnisses zu und kann nur dialektische Folgen haben:
Der Gehorsam gegen Gott widerspricht dann der (gefallenen) Natur des Menschen
und kann darum nur durch frühzeitige Einimpfung vermittelt werden
– als letzte Bastion gegen den Teufel. Es ist schwer vorstellbar, dass
diese Art der Unterscheidung der Geister evangelisierende Kraft entfaltet.
Sie dekretiert einfach, ohne Verständnis zu vermitteln, und so kann
Jesus nicht einleuchten.
Die Unterscheidung, die wirklich not tut, betrifft die Wahl des Mittels
zum Leben: Gewinne ich mein Leben durch Erkenntnis- und Machtfortschritt,
durch Besitz und Festhalten (notfalls mit Waffen), oder gewinne ich es
in der Liebe, durch Hingabe des Lebens? Die rechte Antwort wendet die
Not des Glaubens, sie ist eine Präambel des Glaubens" und damit
ein Anknüpfungspunkt für die Botschaft des Evangeliums. Diese
Antwort ist vermittelbar und muss vermittelt werden, sozusagen als Logik
der Liebe". Ist sie einmal gefunden, fordert sie sogleich die Frage
nach Gott heraus als dem Grund dieser Liebe und als Quelle der Hoffnung.
Der Gehorsam des Glaubens wird dann leicht und befreiend, nicht schwer
und erzwungen. Wird die Einsicht gar kollektiv vollzogen, was angesichts
der göttlichen Vorsehung nicht undenkbar ist, dann ist der Boden
bereitet für eine Neuevangelisierung Europas und der Anfang gemacht
für eine neue Zivilisation der Liebe".
(Vgl. http://www.vatican.va/holy_father/john_paul_ii/speeches/2002/july/documents/hf_jp-ii_spe_20020727_wyd-vigiladdress_ge.html
und:http://www.vatican.va/holy_father/john_paul_ii/encyclicals/documents/hf_jp-ii_enc_18051986_dominum-et-vivificantem_ge.html
Diesen Artikel hat Axel Schmidt geschrieben, wer
ihm antworten möchte, kann ihm
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