Es ist frappierend zu sehen, in welcher Weise bereits Schulkinder
in Deutschland ein durch und durch technisiertes und insofern
verstelltes Wirklichkeitsverständnis an den Tag legen.
Nicht erst die berühmte Umfrage, wie Kühe aussehen,
zeigt, dass offenbar die (Milka)Werbung mehr Einfluss auf
Kinderseelen besitzt als die Wirklichkeit selbst. Durchs Fernsehen
erfahren wir, was es gibt. Die Wissenschaft sagt uns, was
es geben kann. Natürlich steht den nach wie vor aufs
Konkrete gerichteten Kinderblicken nicht die abstrakte Wissenschaft
vor Augen, sondern die Welt der Handys und Computer, der Autos
und Flugzeuge, der beherrschten Natur, in der es nichts gibt
oder geben darf, das sich nicht in den Griff bekommen ließe.
Der Tod spielt sich zwar jeden Tag hundertfach im Fernsehen
oder in Computerspielen ab, in der eigenen Erfahrung der Kinder
kommt er aber selten oder gar nicht vor, entsprechend fehlt
die wertende Stellungnahme. Indem der Tod einerseits selbstverständlich
bekannt, andererseits indes aus der Erfahrung abgedrängt
ist, gibt die Stellungnahme zu ihm heute das anschaulichste
Beispiel für die Unterscheidung Newmans zwischen "notional
assent" und "real assent." Wenn nicht gerade
ein Massaker wie das in Erfurt echt passiert",
in räumlicher Nähe und an einer wirklichen Schule,
erzeugt die Rede vom Tod keine Betroffenheit; Geschichten
von Menschen, die ihr Leben für einen hohen Wert hingegeben
haben, dringen nicht durch, weil die Hörer sofort nach
den Möglichkeiten fragen, wie so etwas hätte technisch
verhütet werden können.
Was für den Tod gilt, ist auch für die Einstellung
zum Leben und zum Geheimnis der Schöpfung von Bedeutung.
Jeder Viertklässler weiß", dass die
Menschen vom Affen abstammen, dass die ganze Welt durch den
Urknall entstanden ist und seitdem die Evolution blind das
Leben hervorgebracht hat. Darum geht die Rede von Gott als
dem Schöpfer bei Hörern ins Leere, die seit Beginn
ihres bewussten Lebens gelernt haben, dass alle Dinge durch
Geld zu kaufen sind und sich durch Knopfdruck manipulieren
lassen, dass alles repariert oder ersetzt werden kann und
dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ein bisher nicht
gelöstes Problem enträtselt wird. Expertenwissen
dominiert das öffentliche Bewusstsein und verdrängt
die echte Erfahrung, dass das Leben mehr ist, als wissenschaftliche
und mediale Repräsentationen je zum Ausdruck bringen
können.
Wo die Welt technisch restlos entzaubert ist und von der
Rückbindung (religio) an alles Übernatürliche
befreit wurde, da stellt sich das Ich machtvoll und mitunter
grausam in den Vordergrund. Der Egoist betrachtet seine Mitwelt
als mögliches Konsumobjekt. Durch den Konsum wird ein
"etwas" dem Ich nutzbar gemacht darin liegt
die Urform jeder äußeren Gewalt. Wer die virtuelle
Objektivierung seiner Mitwelt erfolgreich erprobt hat, neigt
dazu, sein Ego auch in der Realität gegen die Konkurrenz
durchzusetzen die Mittel sind dabei beliebig. Die Gruppe
der 16- und 17-Jährigen verantwortet laut Statistik mehr
Verbrechen als alle Männer ab 25 Jahren insgesamt.
Eine vollständig säkularisierte Welt kennt weder
Geheimnis noch Ehrfurcht. Alles kann technisch für den
Konsum verfügbar und dem Ich dienlich gemacht werden.
Doch die Säkularisation frisst ihre eigenen Kinder, oder
vielleicht besser: die Kinder fressen ihre Lehrer. Der Mensch
wird heimatlos in einer solchen Welt, er schaudert vor ihrer
Kälte und Leere zurück und versucht verzweifelt,
mit den Mitteln des Konsums die Leere zu füllen, was
natürlich nicht möglich ist. Der wachsende Überdruss
könnte die gewohnten Denk- und Lebensweisen aufbrechen
helfen, doch bedarf es auch einer plausiblen und kraftvollen
Alternative. Das Evangelium ist die überraschende Antwort,
es darf jedoch nicht in einer Verpackung dargereicht werden,
die den revolutionären Inhalt verdeckt. Christliche Werte
in säkularisierter Gestalt degenerieren zum Konsumgut,
sie werden verbraucht und zum Müll der Geschichte geworfen.
Die religionspädagogische Suche nach der immer wieder
neuen "Anknüpfung an der Lebenswirklichkeit der
Kinder" kann den Wettlauf mit der Zeit nicht gewinnen,
wenn sie nur an den Geist der Zeit anknüpft. Eine Vorbereitung
des Evangeliums muss darum auch im Widerspruch anknüpfen
und so die Wirklichkeit für Überraschendes, wirklich
Neues, nie Gehörtes und eigentlich Unsagbares offenhalten.
Um Leben und Tod geht es im Roman Harry Potter. Um die Frage,
wie man das Leben gewinnen kann, das Leben in Fülle (vgl.
Joh 10,10), das nicht mehr vom Tod bedrohte Leben, und um
die Frage, welches das richtige Lebens-Mittel ist. Jesus stellt
als das Grundgesetz des natürlichen Lebens das Paradox
auf: Wer sein Leben zu bewahren sucht, wird es verlieren;
wer es dagegen verliert, wird es gewinnen." (Lk 17,33)
Der erste Teil des paradoxen Gesetzes widerspricht der Erfahrung
nur in der kurzen Sicht desjenigen, der sein Leben für
den nächsten Tag sichern will; langfristig muss er als
die bestbestätigte Erkenntnis überhaupt gelten,
denn niemand konnte sich bisher Unsterblichkeit verschaffen.
Der zweite Teil des Satzes scheint indessen in der Erfahrungswelt
überhaupt keines Basis zu haben; doch was heißt
hier Erfahrung? Der wirklichen Glaubenserfahrung ist
die paradoxe Wahrheit vom "Gewinn des Lebens durch
die Hingabe des Lebens" durchaus nicht fremd; es
fragt sich allein, wie sie zu vermitteln ist.
Eine erste Ebene zur Vermittlung wird durch die zwischenmenschliche
Liebe aufgespannt: Niemand hat eine größere
Liebe, als wer sein Leben hingibt für seine Freunde."
(Joh 15,13) Mit diesem Satz deutet Jesus sein eigenes Todesschicksal,
stellt damit aber zugleich ein allgemeingültiges Ideal
der Liebe auf: Liebe, die bis zur Vollendung" (Joh
13,1) erwiesen wird, nimmt die Gestalt des Opfers an, der
Lebenshingabe. Freilich scheint der Gewinn solcher Liebe einzig
dem Geliebten zuzukommen, der sich aus Liebe Opfernde scheint
dagegen alles zu verlieren. Dieser Anschein gehört zu
dieser ersten Ebene hinzu und darf ihr nicht genommen werden,
wenn anders die Liebe eben das Gegenteil von Egoismus ist.
Von einer zweiten Ebene kann erst später die Rede sein.
Bleiben wir zunächst auf dieser Ebene und suchen wir
nach einem anschaulichen Beispiel solcher Liebe in einem nicht
ausdrücklichen christlichen Kontext, dann werden wir
bei Harry Potter leicht fündig. Zu den meist zitierten
Stellen gehört die Erklärung Dumbledores zum Geheimnis
des Überlebens des jungen Harry Potter, als der böse
Voldemort versuchte, ihn durch den schlimmsten aller Zauberflüche
zu töten: Deine Mutter ist gestorben, um dich zu
retten. Wenn es etwas gibt, was Voldemort nicht versteht,
dann ist es Liebe. Er wusste nicht, dass eine Liebe, die so
mächtig ist wie die deiner Mutter zu dir, ihren Stempel
hinterlässt. Keine Narbe, kein sichtbares Zeichen ...
so tief geliebt worden zu sein, selbst wenn der Mensch, der
uns geliebt hat, nicht mehr da ist, wird uns immer ein wenig
schützen." (I, 324)
Harry Potter ist der Junge, der überlebt".
(I, 5) Nach der Erklärung des Direktors der Zaubererschule
Hogwarts bewahrte er sein Leben, weil seine Mutter das ihre
für ihn hingegeben hat. Das Geheimnis um die Kraft dieser
Liebe angesichts des mächtigsten aller Zauberer wird
indessen in den bisher erschienenen vier Bänden nicht
aufgeklärt: Vielleicht werden wir es nie wissen."
(I, 20) Dieses fehlende Wissen gibt Anzeichen auf eine höhere
Ebene des paradoxen Verhältnisses von Leben und Tod,
die auch den Menschen umgreift, der ums Leben gekommen ist.
Sollte dieses Opfer für ihn umsonst gewesen sein? Wann
ist ein Opfer vergebens? Diese Frage greift Voldemort selbst
in seinem dramatischen Dialog mit Harry auf. Er sagt: Sei
kein Dummkopf. Rette besser dein eigenes Leben und schließ
dich mir an ... oder du wirst dasselbe Schicksal wie deine
Eltern erleiden ... Sie haben mich um Gnade angefleht, bevor
sie gestorben sind ..." LÜGNER!",
rief Harry plötzlich.... Wie rührend
... Ich weiß Tapferkeit immer zu schätzen ... Ja,
Junge, deine Eltern waren tapfer ... Ich habe deinen Vater
zuerst getötet und er hat mir einen mutigen Kampf geliefert
... aber deine Mutter hätte nicht sterben müssen
... sie hat versucht dich zu schützen ... Gib mir jetzt
den Stein, wenn du nicht willst, dass sie umsonst gestorben
ist." (I, 319)
Der Böse appelliert an den Egoismus Harrys, sein eigenes
Leben zu retten und somit eine im Verhältnis zu seiner
Mutter gegensätzliche Haltung einzunehmen. Sein Argument
ist wirklich schlau: Sie wäre umsonst gestorben, wenn
Harry nun ebenfalls stirbt. In der Tat, wenn man die genannte
erste Ebene nicht überschreitet, kann man sich der Logik
des Arguments nicht entziehen: Die Mutter ist endgültig
tot, da kann man nichts machen; wenn ihr Sterben aber einen
Sinn haben soll, dann muss wenigstens ihr Sohn weiterleben.
Das Lebensmittel, das Voldemort anbietet, ist der Stein
der Weisen", den Harry in der Tasche hat. Er muss ihn
nur hergeben und sich Voldemort anschließen, der sich
und seinen Getreuen mit seiner Hilfe Unsterblichkeit verschaffen
kann. War es nicht das, wozu Harrys Mutter gestorben ist?
NIEMALS!" ruft Harry aus und drückt damit
die Ahnung aus, dass die vordergründige Logik nicht stimmt.
Diese Ahnung ist nicht unbegründet. Doch der Grund enthüllt
sich erst später, als Harry erfährt, wie er überhaupt
an den Besitz des Steins der Weisen gekommen ist. Nur
jemand, der den Stein finden wollte finden, nicht benutzen
, sollte ihn bekommen können, die andern würden
nur sehen, wie sie Gold herstellen oder das Lebenselixier
trinken", eröffnet Dumbledore eine seiner vortrefflicheren
Ideen" (I, 326). Man darf auch der Autorin bescheinigen,
hier einen wirklich begnadeten Einfall gehabt zu haben, indem
sie in einleuchtender Weise das paradoxe Strukturgesetz des
Lebensgewinns im Absehen vom eigenen Vorteil zum Ausdruck
gebracht hat. Wer das Leben gewinnen will durch direkten Zugriff,
durch Konsum, der wird es verlieren. Darum lässt Rowling
Dumbledore sagen: Weißt du, eigentlich war der
Stein gar nichts so Wundervolles. Geld und Leben, so viel
du dir wünschst! Die beiden Dinge, welche die meisten
Menschen allem andern vorziehen würden das Problem
ist, die Menschen haben den Hang, genau das zu wählen,
was am schlechtesten für sie ist." (I, 323) Harrys
Eltern haben das Bessere gewählt, und ihr Opfer ist eben
dann nicht umsonst, wenn auch ihr Sohn wie sie wählt.
Man mag sich an den Versuch des Königs Antiochus erinnern,
die Makkabäerin dazu zu bringen, ihrem jüngsten
Sohn zu raten, sich zu retten, nachdem bereits ihre sechs
älteren Söhne das Martyrium erlitten haben; doch
die Mutter empfiehlt auch ihm, lieber zu sterben als zu sündigen.
(2 Makk 7,24ff) Während das Makkabäerbuch freilich
deutlich die Auferstehungshoffnung ausspricht, bleibt sie
bei Harry Potter unausgesprochen.
Das würdigt das Werk keineswegs herab, sondern gibt
ihm erst recht seine Bedeutung als praeparatio Evangelii,
als Bereitung des geistigen Bodens für die Aufnahme des
Evangeliums. Wo nämlich der Ernst des Todes vorschnell
durch eine säkularisierte Auferstehungshoffnung überspielt
wird, dort kann auch der Ernst der Erlösungstat Christi
nicht mehr zu Gesicht kommen. Anders gesagt: Die Verkündigung
findet in vor-christlichen Vorstellungen von Opfer und Liebe
einen bereiteren Boden als in der nach-christlichen Verharmlosung
von Sünde und Tod und der Streichung des Opfergedankens.
Unsere allenfalls halb evangelisierten Schulkinder glauben,
das Christentum durch den Religionsunterricht zu kennen, und
haben doch nur eine äußerst vage Vorstellung von
Gott und vom ewigen Leben, überhaupt keine von der Sündigkeit
des Menschen und vom Sinn des Kreuzestodes Jesu und dessen
Vergegenwärtigung in der heiligen Messe. Dass die biblische
Botschaft sie überraschen könnte und ihnen als Frohe
Botschaft aufgeht, muss als äußerst unwahrscheinlich
angesehen werden dazu ist mittlerweile genügend
korreliert, rationalisiert und entmythologisiert worden.
Die Überraschungsfreiheit des modernen Lebens ist wie
milchiges Glas, durch das die Sonne der Gnade nicht eindringen
kann. Da die heutige Jugend nahezu steril aufwächst,
geschützt vor allen Gefahren des Lebens, erwartet sie
auch nichts wirklich Neues, dafür um so mehr Neuigkeiten,
die beim täglichen Tratsch ausgetauscht werden. Dass
tief im Innern gleichwohl eine Sehnsucht nach dem Metaphysischen
und Transzendenten lauert, ist allerdings zu erwarten und
könnte einer der Gründe dafür sein, dass Harry
Potter so viele begeisterte Leser gefunden hat.
Die Heptalogie konfrontiert den Leser auf eine feinsinnige
Weise mit seinen metaphysischen Träumen, ohne dies in
eindeutiger Weise auszuschlachten und insofern ins Triviale
abgleiten zu lassen. Diesem Zweck dient die literarische Leitidee,
der gemäß Harry Potter in einer Welt lebt, die
sich anlässlich seines 11. Geburtstages plötzlich
als nicht mehr in sich abgeschlossen und überraschungslos
darstellt, sondern eine Einbruchstelle für das Unvorhersehbare
und den meisten Verborgene offenbart. In der Welt leben sowohl
Menschen (Muggel genannt), die sich mit dem Sichtbaren begnügen
und leidlich zufrieden, doch eigentlich unzufrieden sind,
als auch solche, die eine jenseitige Wirklichkeit annehmen
und aus dieser ihren Lebenssinn beziehen. Freilich ist diese
nur eine relative Transzendenz, eine Hinterwelt, die in wesentlicher
Hinsicht sogar der geheimnislosen Welt der Muggel gleicht.
Die Romanfolge, deren sieben Bände jeweils ein volles
Lebensjahr des jugendlichen Harry Potter vorstellen (werden),
erzählt den Weg eines Menschen, der sich selbst finden
will und dabei immer tiefer auf ein Geheimnis stößt.
Der Weg Harrys erschöpft sich nicht darin, aus der sterilen
Muggelwelt in die dramatische Zaubererwelt entkommen zu sein.
Die erste Entdeckung, die Harry macht, ist, dass er lebt,
weil er geliebt wurde, eine Erfahrung, die ihm bisher hartnäckig
verweigert wurde. Im Spiegel Nerhegeb (lies rückwärts:
Begehren) sieht er seine Eltern (I, 227f. 230. 232), dieser
Spiegel zeigt nämlich nicht mehr und nicht weniger
als unseren tiefsten, verzweifeltsten Herzenswunsch"
(I, 233). Doch darf Harry dabei nicht stehen bleiben, denn
es ist nicht gut, wenn wir nur unseren Träumen
nachhängen und vergessen zu leben", erklärt
ihm Dumbledore (I, 233).
Harry muss sich ein Jahr später damit auseinandersetzen,
dass er eine gewisse Verwandtschaft mit dem dunklen Lord Voldemort
zu besitzen scheint, kann er doch wie dieser Parsel (Schlangensprache)
sprechen (II 203ff. 326. 342f). Darum fragt ihn der Sprechende
Hut bei der Initiation in die Zaubererschule Hogwarts, ob
er nicht ins Haus der Slytherins gehen möchte, schickt
ihn aber schließlich doch nach Gryffindor (I, 134),
denn er berücksichtigt Harrys Willen: Viel mehr
als unsere Fähigkeiten sind es unsere Entscheidungen,
Harry, die zeigen, wer wir wirklich sind." (II, 343)
Der moralische Wille Harrys zum in sich Guten wird in den
Folgejahren immer wieder auf die Probe gestellt, und es ist
nicht undenkbar, dass die Autorin für einen der noch
ausstehenden drei Bände vorsieht, dass der Heranwachsende
sich (zeitweise) für die falsche Seite entscheiden wird.
Intellektuelle Fehlurteile unterlaufen Harry und seinen Freunden
in den ersten vier Jahren auf Hogwarts durchaus mehrmals,
etwa hinsichtlich der Verdächtigung Snapes, des Lehrers
für Zaubertränke, oder hinsichtlich der Rolle von
Sirius Black, der sich später als der Patenonkel Harrys
herausstellt und der beste Freund seiner Eltern. Im dritten
Schuljahr auf Hogwarts weitet sich der Horizont, die Welt
wird komplizierter, und der Leser muss mit Harry lernen, dass
Schein und Sein weit auseinanderfallen können. So entpuppt
sich die Ratte Krätze als ein gefährlicher Spion
Voldemorts namens Pettigrew, während der als Werwolf
enttarnte Lehrer Lupin zu den unschuldig Geächteten gehört.
Zu den verwickeltesten Szenen gehört die Entscheidung
Harrys, für Lupin und Sirius Black und gegen den Lehrer
Snape Partei zu ergreifen, obwohl er zu diesem Zeitpunkt noch
nicht sicher" war, das Richtige getan zu haben".
(III 374) So wird im ganzen III. Band das Spiel von Lügen
und falschen Verdächtigungen thematisiert, deren Infamie
so groß ist, dass der Unschuldige nicht öffentlich
rehabilitiert werden kann (vgl. III, 441). Die sonst schier
überragende Weisheit und Macht des Schulleiters Dumbledore
wird deutlich begrenzt durch den verblendeten Willen anderer
Menschen: Doch es steht nicht in meiner Macht, andere
Menschen die Wahrheit sehen zu lassen..." (III, 405f)
Angesichts der allgemeinen Verwirrung und Angst wird das ethische
Ideal gesteigert: Lieber sterben als deine Freunde zu
verraten, wie wir es auch für dich getan hätten!"
(III 387) Harry entspricht der Höhe dieser Moral, indem
er das Leben des nun als Verräter seiner Eltern offenbaren
Pettigrew schont (III, 387f), was ihm jedoch eines Tages in
ungeahnter Weise selbst zugute kommen wird, wie Dumbledore
orakelt. (III, 439f).
Zur weiteren Steigerung der Dramatik wird anscheinend das
Auftreten der Dementoren eingesetzt. Diese unheimlichen Wesen
schaffen Zerfall und Verzweiflung, sie saugen Frieden,
Hoffnung und Glück aus jedem Menschen, der ihnen nahe
kommt". (III, 196) Während der gutwillige Mr. Weasley
trotz seiner Abneigung gegen diese Wesen meint, man müsse
manchmal die Kräfte mit denen von Leuten vereinen,
die du sonst meidest" (III, 72), ist Dumbledore unbeirrt
fest: Aber solange ich hier Schulleiter bin, kommt kein
Dementor über die Schwelle dieses Schlosses." (III,
174; vgl. IV 734) Diese Klarheit wird mit der durch Ehrgeiz
und Vorurteile vernebelten Sicht des Zaubereiministers Cornelius
Fudge kontrastiert, der die Rückkehr Voldemorts nicht
wahrhaben und sich weiterhin dem Schutz der Dementoren anvertrauen
will (IV, 734-739). Während sich die Bühne des Geschehens
nochmals weitet und die ganze Welt zu umfassen beginnt, artet
die schon im III. Band um sich greifende Verwirrung in Verblendung
aus; dabei wird nebenbei die verhängnisvolle Wirkung
des Sensationsjournalismus von Rita Kimmkorn offenkundig,
deren Enthüllungsgeschichten politische Entscheidungsträger
zu schwerwiegenden Fehleinschätzungen verleiten (IV,
737). Das Geflecht von Halbwahrheit, Verdrehung und Lüge
ist nur für den Mutigen zu entwirren, der sich recht
zu entscheiden weiß zwischen dem, was richtig
ist, und dem, was bequem ist". (IV, 756) Dumbledore mahnt
darum den Zusammenschluss der Gutwilligen an: Die Zeit
ist knapp, und wenn die wenigen von uns, die die Wahrheit
kennen, nicht zusammenhalten, gibt es für keinen von
uns Hoffnung." (IV, 745)
Der Leser wird durch solche dramaturgisch bedeutsamen Äußerungen
dazu geneigt, die Wahrheit als einen der höchsten Werte
anzuerkennen, statt in die skeptische Haltung eines Pilatus
zu fallen. Dieser entzog sich dem Geheimnis Jesu durch den
Rückzug auf die augenscheinliche Sicherheit innerweltlicher
Herrschaft. Wie es scheint, will Rowling eine solche Haltung
grundlegend in Frage stellen.
Dafür spricht, dass die Unterwerfung der Welt durch
Technik oder Magie Vorbehalten ausgesetzt wird. Unschwer ist
zu erkennen, dass die Zauberei in Hogwarts das Pendant zur
Technik in der Muggelwelt ist. Ein Telefon z.B. fasziniert
Mr. Weasley, und er findet es wirklich genial, wie viele
Schliche die Muggel gefunden haben, um ohne Zauberei durchzukommen"
(II, 46). Die Analogie zur Technik wird ironisch auf die Spitze
getrieben bei der Schilderung der jeweils verbesserten Besenmodelle,
vom Sauberwisch 5" über den Nimbus 2000"
bis hin zum Feuerblitz". Wer den ausgeklügelteren
Besen besitzt, hat entsprechende Vorteile beim Quidditsch,
dem allseits geliebten Besensport. Soweit Zaubern nur eine
alternative Weise zur Technik ist, die Welt zu beherrschen,
richten die Produkte solchen Handwerks" die Welt
so ein, dass sie sich dem Interesse des Zauberers fügt,
und machen sie somit zum manipulierbaren Gegenstand
nicht anders als die technischen Produkte der Muggel. Doch
damit ist nur die Oberfläche der reichen Bildwelt erfasst.
In der Tat stellt uns Rowling Zauberer vor, die lediglich
dies im Sinn haben, indes werden diese von der ersten Seite
an als böse gekennzeichnet. Mit dieser Wertung gelangt
man zu einer tieferen Schicht, in der sichtbar wird, dass
die Zauberkraft mit der Persönlichkeit des Einzelnen
zusammenhängt und insofern untilgbare subjektive Züge
aufweist. Warum ein Zauberer mächtiger als ein anderer
ist, lässt sich nicht objektiv erklären, sondern
gründet anscheinend im Geheimnis der Person.
Die dunklen Künste und darunter insbesondere die Unverzeihlichen
Flüche" (IV 222ff) geben davon Zeugnis. Ihr Name
besagt schon, dass mit ihnen der Zauberer die Grenze des sittlich
Erlaubten weit überschreitet. Nachdem Mad-Eye Moody diese
Flüche vorgeführt hat, sprechen einige über
die Stunde, fand Harry, als ob sie eine atemberaubende Show
gewesen wäre, doch er hatte sie nicht besonders unterhaltsam
gefunden und wie es schien, auch Hermine nicht."
(IV 229) Diese feine Nebenbemerkung zeigt die sensible Aufmerksamkeit
der Autorin für die Gefahr der modernen Unterhaltungsindustrie,
dank derer wir uns vielleicht bald zu Tode amüsieren".
Gewisse Themen dürfen eben nicht als Unterhaltung präsentiert
werden, insbesondere nicht unverzeihliche", d.h.
die Menschenwürde unmittelbar angreifende Verhaltensweisen.
Der erst später als schlimmster Helfer Voldemorts entlarvte
Moody zeigt hier sein böses Gesicht nicht zunächst
und vor allem durch die Beherrschung einer bedrohlichen Zaubertechnik,
sondern durch sein Geschick, die Bosheit seines Tuns durch
die unterhaltsame Art der Präsentation und unter dem
Vorwand pädagogischen Nutzens zu verschleiern. Die unverzeihlichen
Flüche symbolisieren so die technischen Möglichkeiten
der modernen Menschheit, den Anderen derart unter Kontrolle
zu bringen, dass seine Andersheit ausgelöscht wird. Die
stets drohende Blindheit für die Unverzeihlichkeit solchen
Machtgebrauchs wird selten so eindrucksvoll vorgeführt
wie im besprochenen Roman.
Worin besteht das Drohen der Erblindung in unserer Welt?
Offenbar in den tatsächlichen Möglichkeiten moderner,
z.B. molekularbiologischer oder psychologischer Techniken.
Wer wünscht sich nicht, dass ein Mittel z.B. gegen Alzheimer
gefunden wird? Wer würde nicht gerne sein Sicherheitsbedürfnis
befriedigt wissen durch die allumfassende Kontrolle möglicher
Straftäter, den psychotechnischen Eingriff in ihre Persönlichkeit
und die präventive Ausschaltung solcher Risiken? Warum
nicht Terroristen foltern, wenn es denn der Wahrheit und dem
Schutz der Bevölkerung dient (Cruciatus-Fluch)? Warum
nicht Straftäter durch Medikamente therapieren (ihres
Willens berauben), wenn dadurch Schlimmeres verhütet
wird (Imperius-Fluch)? Warum nicht menschliches Leben (Embryonen)
töten, wenn dadurch anderes gerettet oder vor Krankheit
bewahrt wird (Avadra-Kedavra-Fluch)? Die (im Ethik-Rat institutionalisierte)
Ratlosigkeit der Ethiker hat ihre hauptsächliche Ursache
darin, dass sie keinen Grund anzugeben wissen, warum die Technik
nicht nur nicht darf, was sie kann, sondern nicht einmal kann,
was sie zu können vorgibt, kurz: weil ihr keine Metaphysik
zu Gebote steht, die aufdeckt, dass der wissenschaftlich-technische
Gesichtspunkt die Wirklichkeit verstellt.
Die Harry-Potter-Heptalogie gleicht dieses Defizit auf der
Bildebene aus. Denn der Leser weiß schon irgendwie auf
jeder Seite oder hofft es jedenfalls aus ganzem Herzen, dass
die ganze quasi-technische Dimension der Zauberkunst nur ein
letztlich unbedeutender Aspekt einer tieferen Wirklichkeit
ist, deren Zeuge vor allem Dumbledore ist. Die schon erwähnte
Überraschung Voldemorts, dass die Liebe der Mutter Harry
vor dem Avadra-Kedavra-Fluch bewahrt hat, führt den Leser
in diese Not wendende Ahnung ein. Für Voldemort ist die
schützende Wirkung des Opfers lediglich uralte
Magie" (IV, 682; vgl. II, 326), die er sich selbst zunutze
machen kann (IV, 686f), doch der triumphierende Ausdruck in
Dumbledores Augen (IV, 727) hält die Ahnung wach, dass
sich die Kraft der Liebe nicht instrumentalisieren lässt,
schon gar nicht für einen bösen Zweck. Voldemort
sagt von sich, dass er weiter als alle anderen gegangen"
ist auf dem Weg, der zur Unsterblichkeit führt".
(IV 682) Das gewaltsam angeeignete Blut von Harry Potter soll
ihm, dem körperlosen Geist, nun das leibliche Leben zurückgeben
und ineins damit auch den Schutz gewähren, den Harry
aus dem Opfer seiner Mutter bezieht (IV 671. 687). Rowling
führt hier die innere Konsequenz der Lebensphilosophie
Voldemorts bis zum äußersten vor. Das grauenhafte
Ritual zur Wiederverkörperung Voldemorts ist als Antithese
zum Opfer ersonnen, aus dem Harry lebt: Harry lebt, weil seine
Mutter für ihn gestorben ist, Voldemort sucht sein Leben,
indem er das Fleisch und Blut anderer Menschen für sich
benutzen will; die Mutter gibt ihr Leben freiwillig, Voldemorts
Oper werden dazu gezwungen. Die wesentliche Sinnstruktur des
abscheulichen Rituals ist indessen kein bloßes Phantasieprodukt,
sondern leitende Zielvorstellung in unserer Welt: Was ist
denn die Züchtung und der Verbrauch" von Embryonen
zum Zwecke der Lebensverlängerung Einzelner anderes als
Voldemorts Frevel? Und ist dessen Ziel, die Überwindung
des Todes, nicht schon seit längerem die erklärte
Erwartung gefeierter Wissenschaftler?
Solchem Wahn wird das ganz anders geartete mehrfache wunderbare
Überleben Harrys gegenübergestellt! Ausschlaggebend
sind seine besonderen charakterlichen Eigenschaften, in denen
er sich des Opfers seiner Mutter als würdig erweist,
vor allem seine Tapferkeit und Treue zu Dumbledore. Nur darum
wird ihm unerwartete Hilfe zuteil, in den Augenblicken höchster
Bedrängnis durch den mysteriösen Phönix Fawkes
(II, 324. 342; IV, 694). Der Gesang des Phönix bringt
Wirkungen hervor, die selbst Voldemort in Angst und Schrecken
versetzen (IV, 695), weil sie sich seiner Kontrolle entziehen.
Die von Voldemort perfekt beherrschte Hinterwelt der Zauberei
soll so als nochmals offen für eine echt transzendente
Welt dargestellt werden. Von dieser her treten die unschuldigen
Opfer kurzzeitig in Erscheinung (IV, 695ff) und relativieren
den scheinbaren Sieg des Bösen über das Gute. Freilich
wird nirgends eine Auferstehung der Toten in Betracht gezogen.
Dumbledore äußert sich darüber verschieden:
Kein Zauber kann die Toten wieder erwecken" (IV,
729). Andererseits sollen die Toten in ihren Nachkommen weiterleben,
man findet sie in sich selbst wieder (III, 440f). Solche vor-christlichen
Ansichten drücken zunächst nichts weiter aus als
das Bewusstsein vom Ernst des Todes und der Machtlosigkeit
des Menschen, dem Tod beizukommen, sei es mit Technik oder
mit Magie. Nicht ausgeschlossen, sondern im Gegenteil ständig
präsent ist dagegen die Möglichkeit, dass die Liebe
einen Lebensgewinn bietet gerade durch das Opfer hindurch
(vgl. Lk 17,33).
Harry Potter greift in einer durchaus unterhaltsamen und spannenden
Ereignisfolge die tiefsten Menschheitsfragen auf: Was
kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?"
Zur zweiten Frage werden zahlreiche Anschauungsbeispiele gegeben.
Die erste Frage nach dem möglichen Wissen erweist sich
als doppelbödig: Auf einer vordergründigen Ebene
lotet sie die Ausweitung menschlicher Möglichkeiten in
der Zaubererwelt aus; auf der tieferen Ebene jedoch zielt
sie die grundsätzliche Grenze des Wissens an oder den
Unterschied von Wissen und Weisheit: Voldemort ist wissend,
Dumbledore ist weise. Eine Antwort, warum das so ist und woher
Dumbledore seine Weisheit bezieht, wird (bisher) nicht gegeben.
Dasselbe gilt für die Frage nach der Hoffnung. Sie ist
ständig anwesend, insbesondere in Harrys Sehnsucht, seine
Eltern zu sehen, aber eine Antwort verbirgt sich in der dunklen
Herkunft der Weisheit Dumbledores.
Die Autorin mag dieses Geheimnis noch lüften, aber dann
würde sie nur ein Rätsel lösen und die metaphysische
Unruhe des Lesers stilllegen. Bisher jedoch hat sie dieselbe
gefördert, sie hat den Leser selbst zu einem Suchenden
gemacht. Nur wer sucht, der findet (vgl. Mt 7,7), wer aber
meint, er habe begriffen, der hat Gott nicht gefunden. Voldemort
sucht ein Lebensmittel, das er begreifen und konsumieren kann.
Ohne Umkehr wird er nie verstehen, aus welcher Quelle Harry
sein Leben empfangen hat. Was er sich in seiner Verblendung
zusammenreimt, zielt an dem göttlichen Geheimnis vorbei,
das nicht ergriffen werden kann, sondern das den dafür
Aufnahmebereiten selbst ergreift. Menschen wie ihn trifft
der Tadel des Jakobusbriefs: Ihr begehrt und erhaltet
doch nichts. Ihr mordet und seid eifersüchtig und könnt
dennoch nichts erreichen. Ihr streitet und führt Krieg.
Ihr erhaltet nichts, weil ihr nicht bittet. Ihr bittet und
empfangt doch nichts, weil ihr in böser Absicht bittet,
um es in eurer Leidenschaft zu verschwenden." (Jak 4,2f)
In böser Absicht sucht derjenige, der begreifen, in Besitz
nehmen und festhalten will, um ein festes Fundament für
ein Leben aus eigener Kraft zu gewinnen. Dass das Gute über
diese Fehlhaltung siegen wird, kann nur Gegenstand der Hoffnung
sein, denn der Sieg ist Gottes Werk und hat die paradoxe Struktur
des Opfers, weshalb er nur von dem angeeignet werden kann,
der sich (glaubend) in die Opferbewegung hineinbegibt.
Ähnlich wie schon Kant muss Rowling in einer durch und
durch rationalistischen Welt das Wissen aufheben, um
zum Glauben Platz zu bekommen." Sie tut es nicht mit
den Mitteln philosophischer Vernunftkritik, sondern durch
erzähltechnische Andeutungen, also narrativ. Kant kämpfte
gegen einen Rationalismus der Gelehrten, die eine vollständige
begriffliche Rekonstruktion der Wirklichkeit für möglich
hielten. 200 Jahre später hat diese Einstellung nahezu
die ganze Menschheit ergriffen, und zwar in Gestalt einer
universalen Technisierung, die den unmittelbaren Zugang zur
Wirklichkeit verstellt und diese nur soweit zur Erscheinung
bringt, wie sie manipulierbar und auswechselbar ist. Dadurch
ist das Geheimnis der Wirklichkeit tiefer verborgen denn je,
während sich der Mensch in die Gestalt des Herrn
der Erde" aufspielt und sich dabei in Wahrheit verloren
hat. Martin Heidegger hat die höchste Gefahr"
gespürt, die durch die Herrschaft des Ge-Stells"
der Technik heraufbeschworen ist, und für ihn öffneten
sich Wege ins Rettende nur für den radikal Fragenden,
denn das Fragen ist die Frömmigkeit des Denkens".
Allein, wie bringt man den modernen Menschen dazu, die trügerische
Selbstverständlichkeit des Technischen in Frage zu stellen?
Weniger tiefsinnig als Heidegger, aber durch eindrucksvolle
Einfälle stößt Rowling den Leser auf die Fragwürdigkeit
der Technik, z.B. anhand des magischen Tagebuchs von Tom Vorlost
Riddle alias Lord Voldemort. Trau nie etwas, das selbst
denken kann, wenn du nicht sehen kannst, wo es sein Hirn hat",
warnt Mr. Weasley. (II, 339; III, 204) Das Doppelgesicht der
Technik als Erleichterung und Einengung des Lebens spiegelt
sich im guten und bösen Gebrauch der Magie. Die Spur
des Glaubens wird jedoch (wie bei Kant) erst im praktischen
Urteil entdeckt. Die Fantasiewelt öffnet den Ausstieg
aus der scheinbaren Klarheit des objektiven Weltbildes, in
dem das Ego unbeschränkt herrschen kann, um sodann durch
die moralische Dramatik des Geschehens die eigentliche metaphysische
Tiefendimension freizulegen. Lieber sterben als deine
Freunde zu verraten" (III, 387) ist die Maxime, die sich
die Guten setzen, ganz im Gegensatz zum allgemeinen Hang des
Menschen, zu wählen, was am schlechtesten für
ihn [sie] ist" (I, 323), nämlich: die gelegentliche
Abweichung" vom moralischen Gesetz in seine Maxime
aufgenommen" zu haben. Warum der Egoist sich selbst nichts
Gutes antut, indem er Geld und Leben allem andern vorzieht,
(d.h. in der präzisen, aber spröden Sprache Kants:
die sittliche Ordnung der Triebfedern in der Aufnehmung
derselben in seine Maximen umkehrt"), bleibt (vorerst)
unaufgehellt, obwohl der Leser durch die konkrete Erzählfolge
zur Zustimmung geneigt wird und wohl auch spürt, dass
hier die positive Botschaft anklingt, die auch für sein
eigenes Leben von ausschlaggebender Bedeutung ist.
Man kann Kants Moralphilosophie zustimmen und gelehrte Aufsätze
darüber verfassen und doch nicht über den "notional
assent" zum "real assent" hinausgelangen. Die
lebensnah erzählte Moral von Harry Potter erlaubt keine
solche Distanzierung; wer sie entdeckt hat (was nicht zwingend
ist), ist zur existentiellen Entscheidung aufgerufen und steht
damit vor der Frage nach Gott als dem, der den Unrecht Leidenden
ihr Recht verschaffen" kann und wird; wird
jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde noch
Glauben vorfinden?" (Lk 18,8) Der von Jesus angemahnte
Glaube setzt die Bereitschaft des Einzelnen voraus, wahrhaft
zu hungern und zu dürsten nach der Gerechtigkeit"
(Mt 5,6), was sich nicht mit einem bequemen Leben verträgt
(vgl. IV, 756).
Wer in dieser Weise sucht, der wird auch finden, d.h. von
Gott gefunden werden. Darum ist solche Suche echte praeparatio
Evangelii, und jedes Buch, das diese Suche fördert,
ebenfalls.