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«Zwischen Macht und Liebe»

Harry Potter wird in kirchlichen Kreisen heiß diskutiert. Vor allem Gabriele Kuby spricht sich deutlich gegen den kleinen Zauberjungen aus. Natürlich gibt es keine offizielle katholische Stellungnahme zu den Romanen (wo kämen wir denn dahin...!). Aber wir von der Karl-Leisner-Jugend haben schon eine Meinung.

Unter "Potter 1" findet sich eine Stellungnahme von Christa Meves (zuerst erschienen im Rheinischen Merkur) und beschäftigt sich mit der Frage nach dem Bösen,

"Potter 2" ist eine Analyse von Axel Schmidt, der die Romane als Gleichnis versteht,

"Potter 3" stammt aus der Feder von Thomas Möllenbeck und entdeckt in Harry Potters Geschichten viele Ähnlichkeiten mit der Welt des Glaubens,

"Potter 4" ist ein Artikel, der in der Münsteraner Kirchenzeitung erschienen ist (auch von Axel Schmidt),

"Potter 5" beschäftigt sich mit Gabriele Kuby und dem Problem der "Natürlichen Religion" (wiederum Axel Schmidt).

"Potter 6" ist nocheinmal von Axel Schmidt und erkennt in Potters Welt zwar eine vor-christliche, aber keine un-christliche Welt - im Gegenteil.

auch als pdf-Datei erhältlich

"Zwischen Macht und Liebe" - Ein Rückblick auf Harry Potter

von Prof. Dr. Axel Schmidt (Oktober 2007)

Vor sechs Jahren habe ich meinen ersten Aufsatz über Harry Potter verfasst und im Internet veröffentlicht. Damals waren erst vier Bände erschienen, und wegen des offenen Endes blieben einige der Interpretationsansätze notgedrungen Mutmaßungen. Inzwischen hat insbesondere Gabriele Kuby mit ihren z.T. bösartigen Unterstellungen gegen die Autorin für Aufregung unter katholischen Christen gesorgt und sich dazu gar mit der Autorität des damaligen Präfekten der Glaubenskongregation und jetzigen Papstes Joseph Ratzinger bzw. Benedikt XVI. geschmückt.
Ich bin nach persönlicher Korrespondenz mit Frau Kuby im Jahre 2003 darauf in einem eigenen Aufsatz eingegangen.
Nachdem nun der siebte Band erschienen ist, ist es an der Zeit, die damaligen Interpretationsansätze zu prüfen und ein abschließendes Resümee zu ziehen. Das Ergebnis vorwegnehmend ist festzustellen: Der siebte Band hat insbesondere meine These bestätigt, dass die Harry-Potter-Geschichte als eine moderne praeparatio Evangelii gedeutet werden kann.

Vor-christliche Religion und praeparatio Evangelii

Das Evangelium von Jesus Christus als dem Erlöser der Menschen ist den Christen heilig. Wie aber ist es zu ihnen gelangt? Nach dem Apostel Paulus bedarf es dazu vor allem der Verkündigung: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt? … So gründet der Glaube in der Botschaft, die Botschaft im Wort Christi." (Röm 10,14.17) Nun ist jedem Verkünder des Evangeliums klar, dass sein Zeugnis zwar unabdingbar notwendig ist für die Weitergabe des Glaubens, aber offenbar nicht hinreichend. Die Adressaten seines Zeugnisses können z.B. gelangweilt sein oder desinteressiert; manche finden den Inhalt der Verkündigung unglaubwürdig oder lächerlich, den einen ist es „ein empörendes Ärgernis", den anderen eine „Torheit" (1 Kor 1,23), wieder andere lassen die Botschaft nicht an sich herankommen, sondern sagen: „Darüber wollen wir dich ein andermal hören" (Apg 17,32). Jesus selbst beschrieb die vielfältigen Hindernisse gegen die Annahme des Evangeliums im Gleichnis vom Sämann (Mk 4,3-9) und brachte sie u.a. mit dem Wirken des Teufels, mit psychischer Unbeständigkeit und mit der Habgier in Verbindung (Mk 4,15-19). Sein Vergleich der aufnehmenden Seele mit verschiedenen Ackerbodensorten lässt unmittelbar den Gedanken aufkommen, dass der Boden vor dem Einsäen des Wortes bereitet werden könnte und sollte. Dies ist die Idee der praeparatio Evangelii. Die Vorbereitung des Evangeliums ist noch nicht selbst Evangelium, sondern nur Bereitung des Bodens, Motivierung des Hörers, Weckung von Interesse, Sehnsucht und Suchen, kurz: ist noch nicht Antwort, sondern nur Frage.

Die Bereitung des Bodens kann sich nun auf viele Aspekte beziehen, insbesondere auf die psychologisch-moralische Charakterlage des Angesprochenen, auf seinen intellektuellen Horizont oder auf die sozialen und gesellschaftlichen Kontexte, in denen er steht. Es war und ist immer eine Kunst des Missionars, hierfür einen scharfen Blick zu haben und geeignete vorbereitende Maßnahmen für die eigentliche Evangelisierung zu finden. So spricht der Apostel Paulus vor den Gelehrten im Areopag (Apg 17,16ff) anders als vor seinen jüdischen Gegnern (Apg 22,1ff).

Geschwundene Überzeugungen
Dennoch blieb selbst vor diesen gegensätzlichen Gruppen ein Faktor konstant, der jedoch in der modernen säkularisierten Welt seine Selbstverständlichkeit verloren hat: die Überzeugung, dass es „Heiligtümer" (Apg 17,23) gibt, die den Menschen mit der transzendenten Welt verbinden bzw. ihn vor dem verdienten Zorn der Götter schützen, dass überhaupt unser moralisches Leben eine religiöse Relevanz und dass dieses Leben wohl nach dem Tod eine wie auch immer geartete Fortsetzung besitzt. Diese Überzeugungen, die Juden und Heiden bei allem sonstigen Gegensatz verbanden, sind im säkularisierten Denken verschwunden. An ihre Stelle ist der Glaube an den Fortschritt von Wissen und technischer Macht getreten: So hoffte z.B. Descartes, dass die Technik die Menschen einst „zu Herren und Eigentümern der Natur machen" würde und dass insbesondere die Medizin den Menschen vor allerlei Krankheiten, „ja vielleicht sogar auch vor Altersschwäche bewahren" können müsste. Ganz in dieser Linie behauptete in jüngster Zeit der amerikanische Wissenschaftstheoretiker und Präsidentenberater Ray Kurzweil, der Sinn des Lebens bestehe darin, „an der Evolution teilzunehmen und Wissen zu schaffen"; er bestehe die Hoffnung, dass uns der technische Fortschritt eines Tages den Tod überwinden lasse.
Angesichts solcher rein diesseitig orientierter Vorstellungen könnte man eine ähnliche Kette rhetorischer Fragen bilden, wie Paulus sie im Römerbrief formuliert hat: Wie sollen die Menschen auf einen göttlichen Erlöser hoffen, wenn sie gar nicht auf die Idee kommen, dass es eine andere Hoffnung geben könnte als die auf den technischen Fortschritt? Woher sollen sie diese Idee haben, wenn ihnen alle Welt einredet, dass das Leben nicht mehr ist als ein zeitlich befristeter Kampf ums Dasein?

Innerweltlicher Fortschrittsglaube – untauglicher Boden für das Evangelium
Der Glaube gründet zwar in der Verkündigung der Botschaft, aber er setzt auch auf Seiten des Hörers etwas voraus: nämlich zumindest die ernste Frage, ob sich die Welt auf das Gesetz des Stirb und Werde im unvermeidlichen Daseinskampf reduzieren lässt oder ob es mehr und anderes gibt: ob Liebe mehr ist als Besitzstreben und Genießen, ob Wahrheit mehr ist als Interesse. Solange ein Mensch diese Frage nicht stellt, bietet er keinen Boden für das Evangelium. Da prallt die Glaubensbotschaft des Neuen Testaments ab, auch wenn sie regelmäßig im Religionsunterricht mit noch so ausgeklügelten pädagogischen Methoden aufbereitet wird.

Macht ohne Liebe
Was Not tut, ist eine Infragestellung und Widerlegung des scheinbar so plausiblen säkularen Messianismus. Gewiss gibt es hierzu viele verschiedene Erfolg versprechende Ansätze; aber ein gemeinsames Moment müsste es sein, die zugrunde liegende Logik zu entlarven, und zwar als auf das Interesse und die Macht von partikulären Subjekten ausgerichtet und deshalb unfähig, das universale Wohl (aller Menschen) zu fördern. Anders gesagt: Weil das säkularistische Denken auf Macht ohne Liebe baut, bleibt es zutiefst inhuman.

Vorrang der Liebe
Der alternative Weg, den es zu bahnen gilt, kehrt den Primat um und setzt auf die Liebe, ohne zu wissen, ob sie sich auf Dauer gegen die entfesselten Mächte des Bösen halten und durchsetzen kann. Die Antwort auf diese bange Frage gibt erst der christliche Glaube an einen Gott, der die Interessen jedes Einzelnen im Auge hat und den Menschen aus der unseligen Konkurrenz befreit, indem er ihn aus dem Tod herausholt und Leben in ewigem Frieden anbietet. Der dreieinige Gott der christlichen Offenbarung vereint somit Macht und Liebe und hebt ihren vorläufigen Gegensatz auf.
Die vor-christlichen Religionen konnten davon nichts ahnen, sondern stellten den Menschen prinzipiell als das machtlose Wesen vor, das sein Leben und Überleben allein der Gnade der Götter verdankt – wobei sie freilich, zumindest in ihren besseren Varianten, den Wert der Tugend anerkannten und sogar bis zur Einsicht vordrangen, dass es besser sei, Unrecht zu leiden als Unrecht zu tun. Demgegenüber verblasst im nach-christlichen Fortschrittsglauben der moralische Ernst und weicht einem Optimismus der zunehmenden menschlichen Macht. So beerbt er das Christentum – jedoch nur ganz einseitig, weil er die Anstrengung ehrfürchtiger Liebe zu Gott verachtet.

Ein wenig vereinfacht lässt sich dieser Zusammenhang wie folgt darstellen: Heidnische Religiosität versucht die Macht der Götter durch gewisse Gegenleistungen zu sichern; diese sind teils magischer, teils moralischer Art. Die Gottheit wird nicht selbst als moralisch oder gar liebend vorgestellt. Die christliche Verkündigung hebt demgegenüber die Liebe Gottes hervor, die so groß ist, dass sie dem geschaffenen Menschen Anteil an der göttlichen Macht über die Schöpfung gewährt, wobei freilich die Liebe immer das Motiv der Machtausübung sein muss. Der nach-christliche säkulare Fortschrittsglaube blendet die Frage nach Gott aus und neigt dazu, moralische Fragen solchen nach Ausweitung von Wissen und Macht hintanzustellen.

Vor-christlich
Macht
Moral / Liebe
menschliche
X
göttliche
X

 

Christlich
Macht
Moral / Liebe
menschliche
X
X
göttliche
X
X

 

Nach-christlich
Macht
Moral / Liebe
menschliche
X
(X)
göttliche

 

Moderne praeparatio Evangelii
In einer Gesellschaft, in der die Rede von Gott entweder unplausibel geworden ist oder dem säkularen Zeitgeist konform verkürzt wird, kann die christliche Verkündigung nicht wie zur Zeit der Heidenmission an schon vorhandene Überzeugungen hinsichtlich der Macht und Hoheit Gottes und daraus folgender moralischer Forderungen an den Menschen anknüpfen. Sie bedarf vielmehr einer grundlegenden Aufklärung darüber, dass eine Vermehrung der menschlichen Macht ohne Liebe kein Heilsweg ist, sondern nur heilloser Fortschritt und deshalb eher ein Rückschritt in die Barbarei. Diese Art der Aufklärung ist heute unabdingbare praeparatio Evangelii.

Harry Potter zwischen Macht und Liebe

Die siebenbändige Romanfolge „Harry Potter" enthält viel Stoff für literaturkritische, philosophische oder pädagogische Betrachtungen. Bereits jetzt sind die Besprechungen im Internet uferlos und kaum noch zu überblicken. Hier möchte ich lediglich den bescheidenen Versuch unternehmen aufzuzeigen, inwiefern der reichhaltige Stoff Anschauungsmaterial für die soeben skizzierte theologische Aufklärung bietet.

Widerstreit von Macht und Liebe
Dass es um den Widerstreit von Macht und Liebe geht, hat bereits der erste Band gezeigt. Die Liebe seiner Mutter hat Harry das Leben gerettet, indem sie das ihre geopfert hat; mit elf Jahren steht er zum ersten Mal vor der Entscheidung, ob er sich auf die Seite des Mörders Voldemort schlagen will, ob er das Machtmittel zur Unsterblichkeit, symbolisiert im Stein der Weisen, bevorzugt oder ob er wie seine Eltern auf dem Weg der hingebenden Liebe bleiben will. Die Versuchung ist groß, vor allem deshalb, weil Voldemort listig argumentiert, dass seine Mutter umsonst gestorben wäre, wenn Harry am Ende doch durch Voldemort umkommen sollte, anstatt zu überleben. (Vgl. I, 319) Doch der junge Harry widersteht dieser Logik des Egoismus und entscheidet sich dafür, dem Vorbild seiner Eltern zu folgen.

Die größte Versuchung zur Macht
Eigentlich hätte er diese Entscheidung mit dem Leben bezahlen müssen, aber er wird auf unverhoffte Weise gerettet, und das nicht nur einmal, sondern in jedem der sieben Bände. Nach Erscheinen des vierten Bandes erschien es durchaus noch vorstellbar, „dass die Autorin für einen der noch ausstehenden Bände vorsieht, dass der Heranwachsende sich (zeitweise) für die falsche Weise entscheiden wird". In der Tat hat sie im siebten Band mit den „drei Heiligtümern des Todes" Harry vor eine Versuchung ersten Ranges gestellt, eine Versuchung, der nicht einmal Dumbledore hat widerstehen können (VII 721), zumal diese drei magischen Gegenstände ja keineswegs klar als „schwarze Magie" erschienen; vielmehr schienen sie gegenüber Gut und Böse neutral zu sein, und es galt lediglich, Voldemort daran zu hindern, sie in seine Gewalt zu bringen. Den Tarnumhang besaß Harry ohnehin schon seit langem (als rechtmäßiger Erbe des Ignotus Peverell), den Auferstehungsstein hatte er von Dumbledore geerbt (der ihn wiederum aus Vorlost Gaunts Ring, einem der sieben Horcruxe, herausgelöst hatte), ohne allerdings zu wissen, wie er ihn aus seiner Verpackung, dem Schnatz, herausbekommen und benutzen konnte. Nur den „Elder Wand", den mächtigsten aller Zauberstäbe, hatte Harry nicht, aber er wusste, dass Voldemort kurz davor war, sich ihn zu beschaffen. Mit Harry fiebert auch der Leser, ob die märchenhaften „Heiligtümer des Todes" nicht womöglich der Schlüssel für Sieg oder Niederlage im Kampf zwischen Gut und Böse sein könnten, und lange Zeit ist Harry Potter – ganz im Gegensatz zur wieder einmal nüchternen und hellsichtigeren Hermine – davon ganz besessen, den unbesiegbaren Zauberstab der Peverells zu finden. Doch als er Dobby, der für ihn und seine Freunde sein Leben geopfert hat, mit eigenen Händen begräbt und dies ganz ohne magische Hilfe tut – eine sehr bewegende und aufwühlende Szene –, überwindet er diese letzte Versuchung, auf die Macht zu setzen, und besinnt sich wieder auf die von Dumbledore gestellte Aufgabe, die Horcruxe, Voldemorts magische Unsterblichkeitsgaranten, zu zerstören. Von nun an ist Harry gefestigt, dass ihn keine Versuchung mehr von diesem Weg abbringen kann. Sein anfangs durchaus schwankender Charakter ist gereift, die pubertären Schwächen, die insbesondere im 5. Band dominierten, sind überwunden, und am Ende gelingt es Harry sogar, seinen Geist vor Voldemort zu verschließen – eine lebenswichtige Übung, an der er so lange verzweifelt ist.

Entscheidung zum Selbstopfer
Als Harry schließlich erfährt, dass ein Seelenteil Voldemorts in ihm aufbewahrt ist, dass er also selber ein Horcrux ist, wird ihm klar, dass er selbst sterben muss, wenn Voldemort endgültig besiegt werden soll. Die bittere Wahrheit vor Augen, wird ihm der Wert des eigenen leiblichen Lebens auf neue und intensive Weise bewusst, aber er entschließt sich in heroischer Tapferkeit, das ihm auferlegte Opfer anzunehmen und sich Voldemorts Todesfluch freiwillig auszusetzen. Rowling beschreibt diesen schweren Gang ihres Helden in äußerst bewegender und einfühlsamer Weise. Harry muss auf die Begleitung seiner Freunde verzichten, doch wird seiner schier unerträglichen Einsamkeit ein Gegengewicht dadurch entgegengesetzt, dass er plötzlich den Auferstehungsstein benutzen kann, um seine Liebsten für eine gewisse Zeit aus dem Tod zu sich zu holen. Seine Eltern, sein Pate und sein Lieblingslehrer geben ihm Trost und Kraft: „'You'll stay with me?'" – „'Until the very end.'" – „Harry looked at his mother. 'Stay close to me.'" (VII 708) Nachdem er verstanden und akzeptiert hat, dass keinem Menschenwesen Macht über den Tod hinaus zusteht, besteht keine Gefahr mehr, dass er den magischen Stein missbraucht, und so ist ihm seine Benutzung für einen befristeten Trost nicht mehr verwehrt. Sein sehnlichster Wunsch ist ganz rein, und so geschieht etwas Ähnliches wie sechs Jahre zuvor, als er sich vom Bild seiner Eltern im Spiegel Nerhegeb hat trösten lassen.

Leben nach dem Tod?
Die alle sieben Bände begleitende Frage, was nach dem Tod geschieht, wird dadurch nicht beantwortet, nur noch intensiver gestellt. Bis zum Ende harrt Dumbledores orakelhafte Andeutung einer näheren Ausdeutung, wonach der Tod „für den gut vorbereiteten Geist nur das nächste große Abenteuer" ist (I, 215). Selbst als Harry vom Fluch getroffen gleichsam an der Schwelle zwischen Leben und Tod steht und dem bereits gestorbenen Dumbledore begegnet, bleibt verhüllt, was ihn nach dem Tod erwartet. Er darf allerdings wählen (VII 730), ob er ins irdische Leben zurück oder ob er sofort das offenbar viel versprechende Abenteuer eingehen will. Aus Verantwortung für seine Freunde entscheidet er sich für das erstere, was indessen keine zweite Chance ist, wie P. Irrgang fälschlich unterstellt (Peter Irrgang: Potter sieben: It's over now? In: Komma 42/ 2007, 30-36, 32. Ansonsten ist dieser Aufsatz jedoch ganz ausgezeichnet), da Harry zum einen gar nichts zu korrigieren hat und zum anderen gar nicht wirklich tot war – der Avadra-Kedavra-Fluch hat lediglich den Seelenteil Voldemorts zerstört, nicht jedoch Harrys leibliche Leben.

Bild- und Sachebene
Gewiss ist diese Begegnung mit Dumbledore im Zwischenreich nicht als Anknüpfungspunkt für theologische Reflexionen zu benutzen. So ist sie wohl auch nicht gedacht, sondern ganz innerhalb der reichhaltigen Bildwelt zu verstehen, in der gezaubert wird, man mit Besen fliegt, wo Fotographien sich bewegen und sprechen können und wo es auch Geister gibt, die zwar schon ganz tot sind, aber dennoch auf dieser Erde herumspuken. Es wäre töricht, diese Elemente der Bildwelt für die Sache selbst zu nehmen und Zauberer, Hexen und Geister mitsamt ihren zahlreichen aberwitzigen Details wie Buchtiteln, Zaubersprüchen und -tränken, Flohnetzwerk, Schulfächern und -noten, Quidditch usw. für etwas anders zu halten als fiktive Fantasy-Kreationen. Dass diese Bildwelt indessen auch gemeinsame Züge mit der realen Menschenwelt aufweist, ist selbstverständlich, sonst könnte sie der Leser nicht mit seinem Leben in Verbindung bringen und keine Lehren aus ihr ziehen. So sind natürlich alle Zauberer im Wesen Menschen mit allen uns bekannten charakterlichen und moralischen Vorzügen und Mängeln. Sie sind Wesen mit endlicher Macht und begrenzter Lebenszeit, der Tod macht ihnen nicht weniger Angst als uns und stellt sie vor ungelöste Rätsel.

Schlimmeres als der Tod
Ja, die eigentliche Hauptfrage der sieben Bände ist die, welchen Weg der Mensch angesichts des Todes einschlagen soll: Soll er mit aller Macht versuchen, den Tod zu besiegen – dieses Programm steckt schon im Namen „Voldemort" (vermutlich „Raub des Todes"; vgl. IV, 682f) –, oder soll er sich mit seiner Endlichkeit abfinden und das Beste aus seinem begrenzten Leben machen? Zum Besten gehört dann freilich auch – diese Einsicht wird schrittweise entfaltet und mit reichlichen Beispielen belegt –, „lieber zu sterben als deine Freunde zu verraten" (III 387). Dazu gehört, wie Harry gegenüber Aberforth Dumbledore klarstellt, der ihn dazu bringen will, seine eigene Haut zu retten, an Höheres als die eigene Sicherheit zu denken, an das größere Gut (VII 577). Dahinter steckt die Erkenntnis, dass es Schlimmeres als den Tod gibt, den Verrat z.B., die Schande, aber auch die ewige Bestrafung, von der Dumbledore Harry im „Zwischenreich" einige Andeutungen macht: „Aber eins weiß ich, Harry, nämlich dass du weniger von der Rückkehr hierher zu befürchten hast als er." (VII 730f). Er bezieht sich auf eine entstellte, jammernde Kreatur, die Harry sieht, welche entweder die hoffnungslosen Überreste des zerstörten Horcruxes darstellt oder vielleicht sogar Voldemort selbst. (VII 713ff) Dem entsprechen Dumbledores aufmunternde Worte: „Bedaure nicht die Toten, Harry. Bedaure die Lebenden, und vor allem diejenigen, die ohne Liebe leben."(VII 731)

Aufforderung zur Reue
Am Ende redet Harry sogar noch auf Voldemort ein: „Aber bevor du versuchst mich zu töten, würde ich dir raten, darüber nachzudenken, was du getan hast, … denk nach, und versuch ein wenig zu bereuen, Riddle… - Das ist deine letzte Chance, sagte Harry, das ist alles, was dir noch bleibt… Ich habe gesehen, was du andernfalls sein wirst … sei ein Mann … versuch ein wenig zu bereuen…" (VII 750) (Spätestens an dieser Stelle bricht G. Kubys abenteuerliche Interpretation endgültig zusammen.)

Sinn des Leidens
Das hier zum Vorschein kommende Ideal heroischen Verhaltens wird in jedem Band mit anspornenden Beispielen unterstrichen, am deutlichsten jedoch im siebten Band, wo z.B. der anfangs so furchtsame Neville die Widerstandsbewegung in der Schule anführt und schließlich todesmutig die Schlange Nagini tötet und damit den letzten Horcrux vernichtet, wo Dobby unter Einsatz seines Lebens Harry und seine Freunde aus der Höhle des Löwen rettet und wo eine große Schar von Mutigen im Kampf um Hogwarts als Märtyrer ihr Leben lassen muss. Das Beispiel Harry hat auch andere mitgerissen, wie Neville erklärt: „er Punkt ist, es hilft, wenn Leute sich gegen die wehren, es gibt allen Hoffnung. Das ist mir früher immer aufgefallen, wenn du es getan hast, Harry." (VII 583) Harrys Folterungsleiden (Band 5) war also nicht umsonst.
Die Freundschaft zwischen Harry, Ron und Hermine bekommt von Band zu Band einen immer größeren Ernst. Die Erzählkunst Rowlings erreicht einen Höhepunkt bei der Schilderung der Trennung, als die Nerven bis zum Zerreißen gespannt sind und Ron es bei den anderen nicht mehr aushält. Und doch wird später gerade Ron unentbehrlich sein bei der Bergung des Schwertes von Gryffindor und der Vernichtung des Horcruxes, das Harry so lange mit sich herumgetragen hat und das ihn beinahe umgebracht hätte. (VII 376-386)

Verblendung und Bekehrung
Besonders wertvoll ist, dass Rowling keine Schwarzweißmalerei betreibt, sondern die vielfältigen Grau- und Zwischentöne zeichnet, wie sie im Leben anzutreffen sind, und zahlreiche Beispielgestalten entwirft, die teils aus Irrtum und Verblendung, teils aus Angst, Ehrgeiz, Eitelkeit oder anderen fehlgeleiteten Affekten die Arbeit der Guten behindern und hintertreiben, gelegentlich ihre eigene Position neu bestimmen und verändern oder gar ausdrucksstarke Reue und Umkehr an den Tag legen. Hierzu gehören u.a. der Zaubereiminister Cornelius Fudge, Rons Bruder Percy Weasley oder auch der Hauself Kreatcher. Während sich am Ende sogar Draco Malfoy und seine Mutter bekehren, bleibt der weitere Werdegang der Journalistin Rita Kimmkorn oder der Karrieristin Dolores Umbridge offen.

Verwirrendes Doppelspiel
Von zentralem Interesse ist die Rolle des Lehrers Severus Snape, dem Dumbledore immer vertraut hat, der aber durch seine Hasstiraden gegen Harry Potter dem Leser von Anfang an verdächtig erscheint, bis er schließlich im sechsten Band Narzissa Malfoy durch einen unbrechbaren Schwur versichert, er werde ihren Sohn Draco bei allen seinen Diensten an Voldemort unterstützen, was am Ende zur Tötung Dumbledores führt. Und doch stellt sich dann im siebten Band heraus, dass Snape zwar Doppelagent ist, aber doch seit siebzehn Jahren fest auf Seiten Dumbledores steht. Gerade dieser Punkt, über den bis zum Erscheinen des 7. Bandes viel gerätselt wurde, wird von Rowling auf psychologisch nachfühlbare Weise entwickelt, so dass keine Widersprüche im Raume stehen. Denn Snape, der Harrys Mutter unsterblich geliebt hat, wechselt nach deren Ermordung auf die Seite Dumbledores und stellt sich gegen den Mörder Voldemort, der selbst keine Liebe kennt und darum nicht ahnt, was in der Seele des am Tode seiner Liebsten mitschuldigen Snape vor sich geht. Die Wut und Verzweiflung gegen den Mörder sind freilich nicht ganz reine Motive für Snape, und so bleibt sein Charakter ungefestigt und launisch. Darum scheint Snape besonders geeignet, den delikaten Auftrag des todkranken Dumbledore zu erfüllen und ihn durch den Avadra-Kedavra-Fluch zu töten. Wer sonst hätte diese Gegensätze in einer Person vereinigen können, wenn nicht Snape: das Selbstopfer Dumbledores äußerlich durch den Todesfluch zu vollstrecken und dabei doch in strikter Loyalität zu seinem Herrn zu bleiben? – Snapes eigenes Ende ist weniger heroisch als sinnlos: Voldemort, der bis zuletzt von Snapes Doppelspiel getäuscht blieb, tötet ihn nicht, weil er am Ende die Täuschung durchschaut hätte, sondern in der irrigen Meinung, dadurch Herr des unbesiegbaren Zauberstabs zu werden. Diese Tat gibt einmal mehr Zeugnis von der absoluten Bosheit Voldemorts, der alle übrigen Menschen für die eigenen Zwecke instrumentalisiert und sie nach Bedarf dem Tode preisgibt; zum anderen raubt sie Snape die Möglichkeit, seine gute Gesinnung in einem fairen Kampf unter Beweis zu stellen und sich so ein ehrenvolles Andenken zu bewahren.

Gelungene Deeskalation
Der spätestens seit dem 5. Band angekündigte und mit Spannung erwartete Kampf zwischen Harry und Voldemort erfüllt die Funktion, zum einen den Plot auf befriedigende Weise abzurunden, und zum anderen ein letztes Mal die eigentliche Stärke der Hauptperson herauszustellen: Das einzige, was Harry Potter wirklich perfekt beherrscht, ist der Entwaffnungs-Zauber, also Verteidigung. So wenig er irgend einen Menschen töten will, so wenig muss er Voldemort töten. Schon einmal, nämlich im 4. Band, hat er sich mithilfe des simplen Expelliarmus-Zaubers retten können; dieser ist gleichsam sein Markenzeichen. Drei Jahre später sieht er darin selber auch keine Schwäche mehr, sondern tritt dem gefährlichsten aller Zauberer selbstbewusst auf gleicher Augenhöhe gegenüber, spricht ihn gar wie sein großes Vorbild Dumbledore mit seinem bürgerlichen Namen Riddle an und raubt ihm so den Nimbus übermenschlicher Macht, entmythologiert ihn quasi. Dass er selber Herr des „Elder Wand" ist, spielt dabei fast nur eine Nebenrolle; wichtiger ist, dass Harry Potter sich durch seinen Feind nicht mehr schrecken lässt. Darum muss er ihn auch nicht töten, sondern nur entwaffnen und abwarten, bis derjenige, der anderen eine Grube gräbt, selbst hineinfällt.

Harry Potter und die christliche Botschaft

Bibelzitate
An zwei markanten Stellen im 7. Band zitiert Rowling kaum bemerkt die Bibel: Auf den Grabsteinen von Harrys Eltern und Dumbledores Mutter und Schwester stehen jeweils Bibelsprüche: „Der letzte Feind, der entmachtet wird, ist der Tod" (VII 268: 1 Kor 15,26) und „Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz" (VII 266: Mt 6,21). Harry missversteht zunächst den Spruch auf dem Grab seiner Eltern und verwechselt ihn mit dem Programm der Todesser. Doch Hermine korrigiert ihn: „It doesn't mean defeating death in the way the Death Eaters mean it, Harry. … It means . . . you know . . . living beyond death. Living after death." (VII 337) Aus christlicher Perspektive ist der Tod ein Übel, das jedoch nicht im Diesseits vernichtet werden kann – weder durch Wissen noch durch Macht oder Gewalt. Erst im Jenseits wird der Tod entmachtet; dann erst triumphiert die Liebe vollkommen. Diese jenseitige Überwindung ist das Werk Gottes, das in der Aufweckung Jesu schon begonnen ist, auf die sich nun bereits alle Hoffnung der Christen stützen kann.

Im Vorhof des Evangeliums
Doch bis dahin dringt der Roman nicht vor. Von echter Transzendenz ist keine Rede, nur vom Abenteuer des Transzendierens. Jesus von Nazareth wird nicht erwähnt, ein geschichtliches Eingreifen Gottes in die Schöpfung bleibt ausgeklammert. Aber es gibt nach-christliche Erinnerung an das Christus-Ereignis: Jedes Jahr wird Weihnachten gefeiert, dann werden auch Christmas Carols gesungen (VII 333); Harry zeichnet ein Kreuz in den Baum, unter dem er Mad-Eye Moodys Auge begräbt (VII 292); er schreit im entscheidenden Augenblick auch seine ganze Hoffnung zum Himmel empor (VII 752). Solche Hinweise könnten als verstecktes Bekenntnis der Autorin gewertet werden. Dies halte ich aber für nicht so wahrscheinlich, denn wenn sie vorgehabt hätte, genuin christliche Glaubenslehren zu vermitteln, dann hätte sie dazu mehr Gelegenheiten gehabt. Man könnte ihr dann sogar im Gegenteil vorwerfen, nur noch die gedankenlose Oberfläche christlichen Glaubens zu präsentieren statt in die Tiefen des Mysteriums vorzudringen. – Aber eine solche Diskussion ist verfehlt, wenn meine Vermutung richtig ist, dass Rowling keine religiöse Botschaft vermitteln will, sondern vielmehr eine umfassende Kritik des Fortschrittsglaubens, der sich nur auf innerweltliche Wissenschaft, Technik und Macht stützt und dabei in Gefahr gerät, das Humanum zu zerstören. Symbol für diesen falschen Glauben sind die „Heiligtümer des Todes", die irdische Macht versprechen und dabei nur zu vermehrter Konkurrenz und Krieg führen. Die letzte Konsequenz dieses Denkens führt Voldemort vor Augen, dem es nur noch um das eigene optimale Überleben geht und den Untergang aller anderen gleichgültig in Kauf nimmt. Die im Band 6 eröffnete Idee der Horcruxe führt diese Logik des Überlebens auf Kosten anderer nur bis zur letzten schrecklichen Konsequenz, wobei der Name wohl nicht zufällig das lateinische Wort „crux" (Kreuz) enthält. „Hor" ist der Name eines altägyptischen Pharao, steht also für das Begehren, sich nach dem Tod ein unbegrenztes Weiterleben zu sichern. Der Horcrux ist somit das Gegensymbol zum christlichen Kreuz, das demjenigen Leben verheißt, der es aus Liebe hingibt: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht. Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben." (Joh 12,24f) Und: „Wer sein Leben zu bewahren sucht, wird es verlieren; wer es dagegen verliert, wird es gewinnen." (Lk 17,33) Gewiss besteht ein Unterschied zwischen „Hallows" („Heiligtümer") und „Horcruxen", aber beide versprechen, „Herr über den Tod" zu werden: „Master of death, Harry, master of Death! Was I better, ultimately, than Voldemort?" fragt Dumbledore. (VII 721) Harry hält ihm entgegen, dass er nie getötet habe, dass die Weise, den Tod besiegen zu wollen, grundverschieden ist beim „Hallow" und beim „Horcrux". Aber Dumbledore spürt, dass schon das Begehren nach Unsterblichkeit gefährlich ist und in den Abgrund führt.
Wenn das Denken so weit gekommen ist, fällt die Verkündigung des christlichen Evangeliums auf bereiten Boden. Die Liebe, für die Harry Potter auf jeder Seite plädiert, kann dann als das innerste Wesen Gottes geglaubt werden. (1 Joh 4,8)

Diesen Artikel hat Axel Schmidt geschrieben, wer ihm antworten möchte, kann ihm hier schreiben.