Liebe Schwestern und Brüder!
Manchmal erliegen wir Priester und wir Christen der Versuchung,
mit Methoden, Konzepten, Vorschriften und Regeln den lebendigen
Glauben herbeizuzaubern. Man rechnet damit, dass die Erfüllung
von Vorschriften entweder das innerliche Glaubensleben ankurbelt,
oder aber dass man mit geeigneten Methoden ein Gemeinschaftsgefühl
erzwingen kann.
Gerade angesichts dieser Tendenz ist es wichtig für die Fülle im Glauben, festzuhalten, dass Glauben und die Beziehung zu Christus eine Herzensangelegenheit ist. Es darf nicht angehen, dass ich, als Priester zum Beispiel, Menschen nach Ihrer Oberfläche beurteile. Was zählt, ist das Herz, und das bleibt meistens im Verborgenen. Uns bleibt daher, nicht zu urteilen, sondern zu stärken, zu trösten und zu helfen. Seid gut, wenn ihr könnt! Es zwingt euch keiner - außer euer Herz.
Wenn wir uns bemühen unser eigenes Herz unter der Oberfläche
zum Glühen zu bringen - bedarf es vor allem drei Dinge:
Der Gnade - des Willens - und einer gehörigen Portion
Gelassenheit.
Um die Gnade müssen wir beten. Wir können sie nicht
erzwingen oder verdienen. Den Willen müssen wir üben,
immer neu ausrichten an der Liebe Gottes. Und beides braucht
viel Raum und Zeit. Die Ungeduld kann alles wieder zerstören.
Wie schnell sind wir an dem Punkt zu sagen: «Das hat
alles keinen Zweck, ich kann das nicht, ich schaff das nicht,
ich lass das sein. Ich bin nicht fähig dazu, zu glauben,
zu beten, Gott zu lieben.» Und flugs sind wir wieder
bei den Äußerlichkeiten und hoffen, dass es reicht.
Dabei hat Gott uns guten Grund gegeben zur Gelassenheit.
Im heutigen Evangelium heißt es nämlich: «Nicht
erst, wer seinen Bruder tötet, sondern wer seinem Bruder
auch nur im Herzen zürnt...» Das mag zunächst
nach einer Verschärfung der Gesetze aussehen. Aber Meister
Eckhart hat es auf den Punkt gebracht: «Du bist verantwortlich
für alle deine Intentionen». Auch der, der seinen
schlechten Vorsatz aus irgendwelchen Zufällen nicht in
die Tat umsetzen konnte - ist verantwortlich für seinen
Vorsatz, für seine Intention.
Aber dann gilt auch umgekehrt: Auch dem, der sich die gute
Tat fest vorgenommen hat, aber nicht dazu kam, wird das Gute
angerechnet werden. Wir kennen das: Böse Worte sind gefallen,
man möchte sich vielleicht auch entschuldigen, aber kommt
nicht dazu, man bringt es nicht übers Herz oder vergisst
es dann doch wieder. Gott vergisst es nicht! Gott ist größer
als unser Herz - wir werden erstaunt sein, welche guten Taten
uns beim Jüngsten Gericht angerechnet werden - «die
hab ich doch nie getan!» All das Gute folgt uns nach,
das wir getan haben, aber auch all das, was wir gewollt haben.
Wenn wir nicht anders können - kann ein Lächeln, ein liebender Blick, ein aufmunterndes Nicken - eine ganze Palette von guten Werken ersetzen. Wir sind verantwortlich für unsere Intentionen, und wenn unser Herz uns auch verurteilt, weil wir doch nichts zustande gebracht haben - Gott ist größer als unser Herz. Wir sind auf Gott hin und Gott ist die Liebe. Wenn das kein Grund zur Gelassenheit ist!
Deswegen heißt die Devise der Gelassenen nicht «Mach was aus Dir!» sondern «lass was aus dir machen.» Worauf es wirklich ankommt ist die Liebe. Was wir mitnehmen - irgendwann - ist keine Äußerlichkeit - sondern die Liebe Gottes in uns. Wir brauchen dieser Liebe Gottes in uns nur Platz zu gewähren - möglichst viel - unser Herz weiten.
Und das erreichen wir nicht durch einhämmern von Regeln, Termin, Formularen und Vorschriften, sondern allein durch die Gnade, um die wir bitten, den Willen, den wir üben, und einer gehörigen Portion Gelassenheit.
Amen.
