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Predigt, Fürbitten und Lieder zum 10. Sonntag im Jahreskreis
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1. Predigtvorschlag
von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink - 07.06.08
Die Werke der Barmherzigkeit begleiten uns in diesem Jahr als Leitfaden unserer
Betrachtung während der diesjährigen Nachtanbetungen hier in Heede.
Die Werke der Barmherzigkeit sind gelebtes Christentum. Sie lassen etwas
von dem widerscheinen, was unser Leben ausmachen soll. Unser Verhalten soll
die Barmherzigkeit Gottes in diese Welt tragen. Nicht nur durch Worte, sondern
durch Taten.
„Tote bestatten“ ist eines der Werke der Barmherzigkeit, der
leiblichen Barmherzigkeit, die uns die Tradition nennt.
„Tote bestatten“ – ein Werk der Barmherzigkeit? Das klingt
zunächst eigenartig, oder?
Aber Tote zu bestatten ist wirklich eine Tat, die in vielerlei Dimensionen
von der Barmherzigkeit Gottes spricht, die seine Liebe zu uns aufscheinen
läßt.
I - Wenn wir Tote bestatten, dann geben wir ein Zeugnis für die Würde
des Menschen und geben ihm die letzte Ehre.
Der Mensch ist ein Ebenbild Gottes. Und ein Ebenbild Gottes wirft man nicht
weg. Der Leib des Menschen ist kein Müll. Er ist Tempel Gottes. Und nicht
etwas, was man mit der Schüppe in den Wind wirft, so wie in einem Friedwald.
Das Bestatten an sich ist eine gute Tat. Wie viele Menschen mußten
bestattet werden, ohne den Namen am Grab zu finden. Im Krieg, bei Katastrophen.
Ohne Name des Verstorbenen ist das Grab irgendwie tot.
Wir – als Christen – wissen darum, daß wir von Gott bei
unserem Namen gerufen sind. Jeder und jede einzelne.
Wir sind vor Gott keine anonyme Masse. Das sind die Menschen im Kommunismus:
Evolutionsmüll auf dem Weg hin zum Sozialismus.
„Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen. Du bist mein“. Dieses
Wort aus dem Buch Jesaja ist uns Verpflichtung. Wenn Gott einen jeden Menschen
bei seinem Namen ruft, dann ist der Name der Ausdruck der Einzigartigkeit
jedes Menschen und seiner ganz persönlichen Würde.
Aus diesem Grund können wir als Christen nicht gutheißen, daß
Menschen anonym bestattet werden. Das einzige Motiv ist häufig das Geld.
Ich weiß, daß in einer Pfarrei, die Caritas bei Sozialfällen
einen kleinen Grabstein bezahlt. Anonyme Bestattungen werden auf dem kirchlichen
Friedhof nicht erlaubt. Ich finde das eine sehr gute Tat. In dieser Pfarrei
hat man auch einen riesigen Grabstein auf dem Friedhof aufgestellt mit den
Worten: „Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen. Du bist mein“.
II - Wenn wir Tote bestatten, dann geben wir ein Zeugnis für die Würde
des Menschen und geben ihm die letzte Ehre.
Wenn wir Tote bestatten, dann helfen wir den Hinterbliebenen, den Tod zu verarbeiten.
Für uns Menschen ist es wichtig, sinnfällige Zeichen zu haben.
Wir haben fünf Sinne. Und mit diesen nehmen wir die Welt um uns wahr.
Das ist bei einer Beerdigung auch so. Auch wenn die sichtbaren Zeichen hart
sind – das Tragen des Sarges, das Hinunterlassen in das Grab, das dumpfe
Geräusch, wenn der Sand auf den Sarg fällt – auch wenn die
Zeichen hart sind, so sind sie doch wichtig. Geben sie uns doch Gewißheit:
Ja, er/sie ist jetzt wirklich tot. Hier liegt er oder sie.
Das Grab wird dann zu einer Stätte, zu der die Hinterbliebenen gehen
können. Das ist wie ein Anker für die Seele. Wie schlimm ist es,
wenn man nicht weiß, wo der geliebte Mensch liegt. Fragen Sie einmal
Kriegswitwen.
Und fragen sie einmal Menschen, die nun darunter leiden, daß sie ihre
Toten anonym bestattet haben. „Ich würde so gerne zu ihm hin gehen.“
Höre ich diese dann oft sagen. „Aber ich weiß nicht wohin.“
Weil wir Menschen sinnenfällige Zeichen brauchen, ist uns das Grab eine
Hilfe: dort können wir hingehen, eine Kerze hinstellen, Blumen bringen,
ja vielleicht sogar einen kleinen Garten anlegen. Am Grab kann ich beten,
kann ich mit dem Toten sprechen, kann ich mit anderen zusammen sein und auch
weinen. So können wir Menschen unsere Trauer verarbeiten.
III - Wenn wir Tote bestatten, dann geben wir ein Zeugnis für die Würde
des Menschen und geben ihm die letzte Ehre.
Wenn wir Tote bestatten, dann helfen wir den Hinterbliebenen, den Tod zu verarbeiten.
Wenn wir Tote bestatten, dann verkündigen wir die Auferstehung.
Im Römerbrief, den wir gerade in der Lesung ausschnittsweise gehört
haben, beschreibt der Apostel Paulus uns Christen als „die wir an den
glauben, der Jesus, unseren Herrn, von den Toten auferweckt hat.“
Das ist unser Glaube. Und er findet seinen Ausdruck in der Liturgie.
Der Ritus der Beerdigung – wenn man ihn einmal auf sich wirken läßt
– ist sehr realistisch. Er nennt die Dinge beim Namen: Tod, Leichnam,
Erde, Gericht. Aber er gibt gleichzeitig Hoffnung. Denn der, an den wir glauben,
ist ebenfalls bestattet worden. Aber er ist auferstanden.
In Jesus hat Gott sich mit uns Menschen verbunden. Er war in allem uns gleich
– außer der Sünde. Ja, er ist sogar unseren Tod gestorben.
So sehr war er mit uns verbunden.
Und er will mit uns verbunden bleiben. Wenn wir uns an ihm festmachen, unser
Leben an ihn binden, dann werden wir mit ihm über den Tod hinaus verbunden
bleiben und – wie er – auferstehen.
Bei jeder Beerdigung ist davon die Rede: der Tod hat nicht das letzte Wort,
sondern das Leben. Der Tod ist nicht das Ende, sondern der Beginn eines neuen
Lebens.
Jede Beerdigung – und mag sie noch so traurig, noch so niederschmetternd
sein – trägt in sich den Keim der Hoffnung.
Und jede Beerdigung öffnet uns für den Himmel. Macht uns klar, dass
wir Menschen nur Menschen sind, Gott aber Gott ist und bleibt, ein Gott des
Lebens.
Liebe Schwestern und Brüder!
Wenn wir Tote bestatten, dann geben wir ein Zeugnis für die Würde
des Menschen und geben ihm die letzte Ehre.
Wenn wir Tote bestatten, dann helfen wir den Hinterbliebenen, den Tod zu verarbeiten.
Wenn wir Tote bestatten, dann verkündigen wir die Auferstehung.
Uns Christen steht es gut zu Gesichte, wenn wir uns – jeder an seinem
Platz – für eine gute Bestattungskultur einsetzten.
Und vor allem: Vergessen wir die Toten nicht! Das gehört auch zur Bestattung,
daß wir für die Toten beten und Messen feiern.
Lassen wir die Toten nicht in Stich, die noch unserer Gebete bedürfen.
Und nehmen wir Zuflucht zu den Verstorbenen, denen wir vertrauen, neben den
Heiligen, auch unseren Familienangehörigen, Freunden, Lehrern, Priestern.
Erst dann wird das „Tote bestatten“ zu einem wirklich vollem Werk
der Barmherzigkeit.
2. Predigtvorschlag
Liebe Schwestern und Brüder,
wir sehen in Jesus immer noch zu wenig den göttlichen
Sohn - und immer noch zu sehr den Menschen. Deshalb glauben
wir, er gebe uns mit seinem Verhalten einfach nur ein Beispiel,
wie wir handeln sollen.
So sind wir mit der Deutung des heutigen Evangeliums schnell
fertig: »Kümmert Euch um die Ausgegrenzten unserer
Gesellschaft - um die Obdachlosen, Drogenabhängigen und
sozial Schwachen. Denn die Kranken brauchen den Arzt - nicht
die Gesunden.«
Aber was ist denn die Arznei? Reicht es, zu den Drogenabhängigen
einfach nur nett zu sein, ihnen freundlich zu begegnen? Ist
das Hilfsmittel, dass den Obdachlosen hilft, ein leckeres
Essen - so wie im Evangelium? Vielleicht noch in netter Runde,
bei uns zu hause? Können wir die sozial Schwachen, die
auch selbst Schwierigkeiten mit dem sozialen Verhalten haben,
verändern, indem wir sie einfach nur "normal"
behandeln?
Wir können das Verhalten Jesu nicht einfach auf unser
Verhalten übertragen, denn Jesus selbst ist der Arzt
und das Medikament. Die Gemeinschaft mit ihm heilt.
Das können wir nicht von uns selbst behaupten. Wir sind
nicht Jesus. Unsere Aufgabe ist nicht, mit unserer Gegenwart
zu heilen, sondern zu Jesus zu führen. Wir sind nicht
die Arznei und auch nicht der Arzt - denn wir sind Menschen,
Jesus aber ist Gott.
Deshalb versuchen zum Beispiel die Mitglieder der Gemeinschaft
Cenacolo, Drogenabhängig aus der Sucht herauszuführen,
indem sie Jesus in die Mitte ihres Lebens stellen - nicht
sich selbst. Das Loskommen von der eigenen Ichbezogenheit
allein reicht nicht - erst wenn Gott die Stelle einnimmt,
die ich selbst inne habe, kann ich gesund werden.
Deshalb versuchen die Schwestern von Mutter Teresa den Obdachlosen
hier bei uns und in aller Welt nicht nur eine warme Suppe
zu reichen, sondern sie in ihre eigene Frömmigkeit mit
hineinzunehmen. Die Schwestern halten tägliche Anbetung
und gehen jede Woche beichten - sie stellen nicht die Armen
in den Mittelpunkt ihres Wirkens, sondern Gott.
Und deshalb können auch wir den sozial Schwachen nicht
allein dadurch helfen, dass wir ihnen Anteil geben an unserem
Leben - was ist unser Leben schon besonderes?! Sondern indem
wir ihnen Anteil geben an unserem Glauben, unserer Frömmigkeit
und unserem Gemeindeleben.
Wer Jesus einfach nur imitiert, verliert Gott. Wer aber begreift,
dass wir selbst die Zöllner und Sünder sind - manchmal
auch die Pharisäer - und dass wir auf unserem Weg in
die Gemeinschaft (gerade auch die Tischgemeinschaft) mit Jesus
möglichst viele mitnehmen sollen, der beginnt zu begreifen,
was Jesus eigentlich wollte:
Ein Leben aus den Quellen des Heils.
Amen.
3. Predigtvorschlag
Nicht die Gesunden brauchen den Arzt
Möchten Sie demnächst ein Auto kaufen? Bitte sehr:
es muß ja nicht sofort ein nagelneues sein. Vielleicht
tut es ja auch ein guter Gebrauchtwagen, einer, der erst wenig
gefahren ist. Aber Vorsicht: Sie sollten Sie sich das Gefährt
nicht nur oberflächlich ansehen. Wo viel Geld mit im
Spiel ist, da lohnt sich ein zweiter, ein genauerer Blick.
Auf den zweiten, nicht nur auf den ersten Blick und Eindruck
kommt es an.
Zuweilen ist das nicht nur so bei Autos, sondern auch bei
anderen Dingen. Und ich möchte behaupten: auch bei bestimmten
Stellen im Evangelium ist das so. Da kommt es auf den zweiten
Blick an. Und so auch hier, bei unserem Evangelium. Der erste
Eindruck ist ja der: Jesus geht den Sündern, den Verlorenen
nach. Dazu ist er in die Welt gekommen: um das Verlorene zu
suchen und den Sünder wieder zu Gott zurückzuführen.
Zuweilen wird daraus ein etwas romantisches Bild gemacht:
Jesus an einem Tisch mit den Ausgestoßenen, den Ausgegrenzten,
mit denen, die am Rande stehen, mit denen keiner was zu tun
haben will. Jesus in schlechter Gesellschaft. Wie gesagt,
ein Eindruck, ein erster Eindruck.
Doch dazu muß ein genauerer Blick kommen. Was ist
das denn für eine Gesellschaft gewesen, mit der sich
Jesus da umgab und deren Nähe er suchte? Da war zum Beispiel
ein Zöllner namens Levi. Zöllner, so haben wir im
Religionsunterricht gelernt, waren solche, die am Stadttor
die Leute auspreßten. Die sich daurch das Erheben überhöhter
Zölle und Steuern selbst bereicherten und die im Dienste
der verhaßten römischen Besatzung standen. Sicher:
die einfachen Leute im Volk und erst recht die Frommen hatten
für die Zöllner verständlicherweise wenig Sympathien.
Zum Geburtstag lud man sich gegenseitig bestimmt nicht ein.
Aber das andere stimmt sicher auch: die Zöllner mögen
zwar vieles gewesen sein, aber gewiß keine armen Schweine.
Sie hatten ihre Einkünfte, sie hatten ihren Status, sie
waren, wenn auch auf ihre Weise, geachtet. Sie waren, wenn
man so will, Halbkriminelle unter dem Schutzmantel Roms, sie
waren vielleicht auch so etwas wie Mafiosi. Und sicher hatten
es manche von ihnen auch zu erheblichem Reichtum gebracht.
Und ausgerechnet so einen sucht sich Jesus aus, damit er
sein Jünger wird. Das wäre ungefähr dasselbe,
als wollte ich für die Kommunionvorbereitung einen haben,
der zu Hause in seiner Firma die Leute für einen Hungerlohn
arbeiten läßt oder heimlich mit Drogen schmuggelt.
Unmöglich, würde jeder rufen.
Und genau das trifft den Nagel auf den Kopf: das ist unmöglich.
Für Menschen ist das unmöglich, aber nicht für
Gott. Für Menschen ist das undenkbar, daß einer
vom Zöllner Levi zum Evangelisten Matthäus wird.
Für Menschen ist das unmöglich, daß aus einem
Saulus ein Paulus wird. Für Menschen ist das unmöglich,
daß aus einem stadtbekannten Partyhelden ein Franziskus
wird, der alles ablegt, um in völliger Armut vor Gott
die Kirche Christi wieder aufzubauen.
Das alles ist für Menschen unmöglich, aber nicht
für Gott. Und darum wählt sich Jesus gerade auch
solche unmöglichen und schrägen Typen aus, um dies
eine zu zeigen: Daß Gottes Gnade Wunder wirkt. Daß
seine Gnade die Menschen verwandelt. Daß Gott größer
ist als die Sünde, die von Gott trennt, die häßlich
und böse macht.
Dafür steht Levi, der Zöllner, der später
in der Tradition der Kirche Matthäus, der Evangelist
genannt wird. Sein Evangelium steht in der Reihe der vier
Evangelien an erster Stelle. Sein Evangelium wurde von den
Mönchen im Mittelalter in kostbaren Bänden mit goldenen
Buchstaben abgeschrieben. Sein Evangelium enthält als
Sondergut Abschnitte, die wir sonst in keinem der anderen
Evangelien haben. Es sind wunderbare Stellen dabei, von denen
ich nur einige wenige nenne:
-
in der Kindheitsgeschichte die Erwähnung der Weisen
aus dem Morgenland (Mt 2,1-12);
-
die Bergpredigt Jesu mit ihren Seligpreisungen (Mt 5
7);
-
eine Reihe von Gleichnissen, zum Beispiel vom Schatz
im Acker und der Perle (Mt 13,44-46) und von den klugen
und törichten Jungfrauen (Mt 25,1-13);
-
die Ankündigung der Wiederkunft des Weltenrichters,
der die Schafe von den Böcken scheiden wird und der
nach den Werken der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit
fragen wird (Mt 25,31-46).
Alles das verdanken wir der Überlieferung des Matthäus,
der früher am Zoll gesessen und die Leute ausgepreßt
hat. Jetzt, nach seiner Berufung durch Jesus, übergibt
er uns in seinem Evangelium einen wahren Schatz. Dieser Schatz
ist es wahrlich wert, daß wir nicht nur einen oberflächlichen
Blick darauf werfen. Wenn wir schon einen Gebrauchtwagen genau
in Augenschein nehmen, uns damit beschäftigen und uns
die Einzelheiten ansehen, dann sollten wir das hin und wieder
auch bei dem tun, was nicht verrostet und vergammelt, sondern
bleibt: beim Wort Gottes.
4. Predigtvorschlag
Liebe Schwestern und Brüder,
Jesus hat mal wieder Anstoß gegeben, indem er sich
nicht an die damalige Etikette gehalten hat. Mit den Ausbeutern
des damalige Volkes der Juden, den Zöllnern, liegt er
zu Tisch. Das mag heute oft so ausgelegt werden, dass Jesus
keine Menschen ausgrenzen wollte, dass er zu allen, auch den
Außenseitern ging.
Aber Jesus war kein Sozialarbeiter oder Gesellschaftsrevolutionär.
Wenn er das gewesen wäre, dann hätte er sich nicht
gerade die Zöllner aussuchen dürfen. Das ist genauso,
als ob ich als Missionar nach Brasilien gehen würde und
dort bei den Großgrundbesitzern wohnen würde und
die Militärchefs zum Essen einladen würden; oder
ich gehe in die Slums nach Indien und esse regelmäßig
mit den westlichen Firmenchefs, die sich dort Glaspaläste
gebaut haben.
Nein, Jesus ist kein Sozialarbeiter, das hätten die Pharisäer
wohl noch verstanden. Ganz so übel waren sie nämlich
nicht. Jesus erregt Anstoß, weil er etwas ganz anderes
deutlich machen will.
In der Lesung haben wir einen Text aus dem Buch Hosea gehört,
ein nicht ganz so bekannter Prophet. Auch dieser erregt Anstoß,
indem er eine heidnische Tempeldirne zur Frau nimmt und mit
ihr Hurenkinder zeugt. Warum tut er das? Er selbst sagt: «Denn
das Land hat den Herrn verlassen und ist zur Hure geworden.»
Hosea nennt seine Kinder «Kein Erbarmen» und «Nicht
mein Volk». Denn: «Ihr seid nicht mein Volk und
ich bin nicht der "Ich-bin-da" für Euch.»
Hosea heiratet nicht deshalb eine Prostituierte, um es zurück
in die Gemeinschaft zu führen. Er setzt vielmehr ein
prophetisches Zeichen, um damit zu sagen, was er über
das Volk Gottes sagen muss: Es benimmt sich wie ein Hure.
Das könnte auch Gottes Botschaft an jede andere Zeit
sein, nicht nur an das Israel zur Zeit des Propheten Hosea
oder zur Zeit Jesu. Auch wir wissen, was eigentlich Gottes
Wille - aber um uns in dieser Gesellschaft nicht total zu
blamieren und am Rande zu stehen, verraten wir unseren Glauben:
Wir gleichen uns dieser Welt an, im Reden, Denken und Handeln.
Da mag allein die Frage genügen: Wann haben sie zum letzten
Mal mit einem Nicht-Katholiken über die Schönheit
unseres Glaubens gesprochen? - Um eines geringen Gutes willen
(unseres weltlichen Ansehens) verwerfen wir ein hohes Gut
(unsere Begeisterung für Gott) - das nennt Hosea Prostitution.
Aber damit ist nicht das letzte Wort gesprochen. Bald darauf
sagt Hosea: «Einst werden die Söhne Israel so zahlreich
sein der Sand am Meer, der nicht zu zählen und zu messen
ist. Und statt dass man zu ihnen sagt: "Nicht-mein-Volk",
wird man zu Ihnen sagen: "Söhne des lebendigen Gottes".
Nennt Eure Brüder "Mein Volk" und eure Schwester
"Erbarmen".»
Genau aus dem gleichen Motiv heraus handelt Jesus. In der
Berufung des Zöllners Matthäus und in der Tisch-Gemeinschaft
mit den Sündern der damaligen Zeit setzt Jesus ein Zeichen:
Die, die glauben, zu Gottes Volk zu gehören, werden ausgegrenzt;
die, die nicht zum Volke gehören, werden eingeladen.
Aus «Nicht-mein-Volk» wird «Mein-Volk».
Es ist Jesu letzte Mahnung an das auserwählte Volk Gottes,
bevor Gott sich ein neues Volk im Neuen Bund erwählt.
Liebe Schwestern und Brüder, es geht Jesus nicht um
Ausgrenzung und Toleranz. In dem Augenblick, in dem Jesus
sich den Zöllnern zuwendet, soll gerade die Ausgrenzung
der Pharisäer deutlich werden. Jawohl, Jesus grenzt aus,
ganz bewusst! Es geht auch nicht nur um die Zuwendung Gottes:
Gott, der sich den Heiden zuwendet, wendet sich von den (bigotten)
Juden ab. Es geht auch nicht um Gottes Heil für alle:
Denn es heißt ja, dass die Gesunden diesen Arzt, der
sich den Kranken zuwendet, nicht brauchen.
Es geht darum, zu erkennen, was Gott will. Denn das ist die
Kritik, die Hosea und Jesus üben: Ihr habt aufgehört,
auf Gott zu schauen. Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer!
Nicht Volks- oder Religionszugehörigkeit, sondern Gotteserkenntnis!
Das Volk, das von Hosea ermahnt; die Juden, die von Jesus
brüskiert wurden, waren nicht verloren. Sie hatten durchaus
die Möglichkeit, die Gunst Gottes neu zu erhalten (was
sie dann ja auch taten): Indem sie sich in der Hure, in den
Zöllnern und den Sündern erkennen. Indem sie von
sich sagten: Ja, Du hast recht, ich bin ein Sünder. Ich
muss mein Leben ändern. Heute noch.
Das, liebe Schwestern und Brüder, ist der einzige Weg
zu Gott. Amen.
5. Predigtvorschlag
Liebe Schwestern und Brüder,
"Kommt wir kehren zum Herrn zurück! Denn er hat
Wunden gerissen, er wird uns auch heilen; er hat verwundet,
er wird auch verbinden." Ist das nicht ein schönes
Gebet? Da beten Menschen, die offenbar schwere Verwundungen
hinnehmen mußten, zum Herrn, daß er sie heilen
möge. Und anscheinend sind sie sicher, daß er,
der Ihnen die Wunden gerissen hat, diese auch wieder heilen
wird. Eine unheinlich starke Glaubenssicherheit, die aus diesem
Gebet spricht:
Es geht weiter: "Nach zwei Tagen gibt er uns das Leben
zurück, am dritten Tag richtet er uns wieder auf, und
wir leben vor seinem Angesicht." Nicht länger als
drei Tage werden sie auf Heilung warten müssen, spätestens
am dritten Tag werden sie wieder heil sein. Das ist ihnen
so sicher, wie der Aufgang der Sonne am Morgen, wie der Regen
nach Sonnenschein:
"Laßt uns streben nach Erkenntnis, nach der Erkenntnis
des Herrn. Er kommt so sicher wie das Morgenrot; er kommt
zu uns, wie der Regen, wie der Frühjahrsregen, der die
Erde tränkt." Wer von uns möchte nicht so beten
können, solch ein tiefes Gottvertrauen haben, wie diese
Beter hier.
Dieses fromme Gebet, welches wir heute in der Lesung gehört
haben, hat uns der Prophet Hosea überliefert. Es wurde
vom Volk Israel gebetet, daß sich damals in einer schweren
Lage befand. Das Reich, welches sich vorher in großer
wirtschaftlicher Blüte befand, wurde von den Assyrern
aus dem Norden in seiner Existenz bedroht. Große Gebiete
waren bereits verloren. Das sind die Wunden, von denen der
Beter hier spricht.
(drei Verse nochmals wiederholen)
Man sollte meinen, daß solch ein Gebet in dieser bedrohlichen
Lage auch erhört wird, aber von wegen: Gott rauft sich
die Haare, als er diese frommen Worte hört: "Was
soll ich tun mit dir, Efraim? Was soll ich tun mit dir, Juda?"
Wie Eltern, die an die Grenzen ihrer erzieherischen Fähigkeiten
geraten sind, rauft auch Gott sich die Haare und fragt sich,
was er mit diesen Stämmen seines Volkes, mit diesen Betern
machen soll.
Wobei man zunächst einmal fragen muß, was an diesem
Gebet denn nun so verkehrt gewesen ist? Hosea sagt es uns:
"Eure Liebe ist wie eine Wolke am Morgen und wie der
Tau, der bald vergeht." Offensichtlich wirft Gott den
Betern Mangel an Liebe, oder genauer gesagt: Mangel an Beständigkeit
der Liebe vor.
Das fromme Gebet scheint doch sehr stark nach einer Kosten
- Nutzung - Rechnung auszusehen, so nach dem Motto: wir kehren
ein wenig um, und Gott wird uns schon heilen. Für die
Beter bestand in diesem Zusammenhang nicht der geringste Zweifel.
Doch Gott spielt hier nicht mit! "Darum schlage ich drein
durch die Propheten, ich töte sie durch die Worte meines
Mundes." Der Prophet Hosea hatte diese Aufgabe, "dreinzuschlagen"
mit dem "Wort Gottes". Und diese Aufgabe ist tödlich
für all diejenigen, die sich Gottes Hilfe schon sicher
waren, wenn sie nur etwas guten Umkehrwillen zeigten und dafür
auch das eine oder andere Opfer brachten. Doch der Prophet
Hosea sagt, das sei tödlich. Wo Gottesdienst nur mehr
reduziert ist auf fromme Gebete und Opfer, da ist das tödlich
für alle.
Den Willen Gottes bringt Hosea im folgenden Wort auf den
Punkt: "Liebe will ich, nicht Schlachtopfer, Gotteserkenntnis
statt Brandopfer"
Die Gottesdienste funktionieren beim Volk Gottes. Fromme
Gebete, wie wir es vorhin hörten, Weihrauch und der Rauch
der Brandopfer steigen zum Himmel empor. Auch wenn wir heute
mit Brandopfern nichts mehr anfangen können, dann wissen
wir doch, was Opferbereitschaft heißt, und daß
wir solches Verhalten auch heute noch gutheißen und
fordern.
Jesus greift im heutigen Evangelium das Wort des Hosea auf:
"Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer". Barmherzigkeit
hat in unserer Sprache, wenn es überhaupt noch gebraucht
wird, keinen guten Klang. Wir können es heute übersetzten
mit Freundlichkeit, Verständnis, Hilfsbereitschaft, Versöhnung:
all das, zusammengefaßt unter dem Begriff der Barmherzigkeit,
läßt sich nicht durch Gesetze erzwingen, es kann
nur aus dem Herzen kommen.
Und genau das ist es, was Jesus und der Prophet Hosea fordern:
nicht einfach brav nach dem Gesetz mein Opfer tun, nicht einfach
mit ein paar Mark in den Klingelbeutel sein Gewissen beruhigen
und damit glauben, seine Schuldigkeit getan zu haben. Gott
möchte, daß wir aus dem Herzen heraus handeln.
Nicht den Zehnten abgeben, weil das Gesetz dieses Opfer fordert,
sondern weil mir die Menschen z.B.: in der Diaspora, wofür
wir am heutigen Sonntag kollektieren, oder wofür die
Caritas in den nächsten Wochen sammelt, am Herzen liegen.
"Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer", "Liebe
will ich, nicht Schlachtopfer". Wenn mein Handeln nicht
von der Liebe bestimmt wird, so hat es ja auch Paulus im Hohen
Lied der Liebe formuliert, ist es nichts. Dann ist unsere
"Liebe ist wie eine Wolke am Morgen und wie der Tau,
der bald vergeht" also nicht vorhanden! Und dann nützen
die frommsten Gebete nichts, wenn sie nicht von der Liebe
zu Gott und den Menschen getragen sind. Sie sind dann einfach
nur scheinheilig. Scheinheilig deshalb, weil zur wahren Gottesliebe
dazugehört, Gott wirklich ernst zu nehmen. Mich wirklich
darum bemühen, seinen Willen zu erkennen und zu erfüllen.
"Gotteserkenntnis statt Brandopfer".
Israel ist damals, ca. 10 Jahre nach dem Auftreten Hoseas
von den Assyrern überrannt worden und dem Erdboden gleichgemacht
worden. Die Botschaft des Propheten stieß auf taube
Ohren. Die Worte des Propheten gelten auch für unsere
Ohren, sie wurden von Jesus für uns erneuert: "Barmherzigkeit
will ich, nicht Opfer".
Fürbitten
L.: Wir beten im Gotteslob auf Seite 71, Abschnitt 6.
(Zeit zum Aufschlagen lassen)
L.: Wir beten gemeinsam: (Gebet)
P.: Herr, Du schenkst uns in diesem Gottesdienst immer neu
Dein Erbarmen. Lass uns immer mehr dich erkennen, damit wir
den richtigen Weg zum ewigen Leben finden, durch Christus,
unseren Herrn. Amen.
Liedvorschläge (GL Bistum Münster)
Einzug: 259, 1, 2 + 5
Kyrie: 463 (nicht anzeigen)
Gloria: 476
1. Lesung: Hos 6, 3-6
Zwischengesang: 164, 1 + 2
Evangelium: Mt 9, 9-13
Credo: 467
Gabenbereitung: 164, 3 - 6
Sanctus: 988
Agnus Dei: 989
Schluss: 002 (Euthymia-Lied)