|
Predigt, Fürbitten und Lieder zum 30. Sonntag im Jahreskreis
|
1. Predigtvorschlag
Liebe Schwestern und Brüder,
die Lesung, die wir vorhin gehört haben, ist nicht
sehr hilfreich, finden Sie nicht auch? "Ihr sollt keine
Witwen oder Waisen ausnützen!" Das tut doch keiner.
Wenn eine Witwe ihr Miete nicht mehr zahlen kann und ich sie
vor die Tür setze - dann ist das doch kein Ausnützen,
sondernmein gutes Recht. Oder wenn der hiesige Energieversorger
einem Fremden den Strom abschaltet, dann hat das nichts mit
Fremdfeindlichkeit zu tun oder Ausbeuterei, sondern mit Schulden
und Zahlungsfähigkeit.
Es ist nicht hilfreich, das Ausleihen von Geld gegen Wucher
zu verbieten. Denn Wuchern tut doch keiner - nur die Preise
und Gebühren der Marktsituation anpassen. Und wenn in
Krisenzeiten oder Kriegsgebieten das Geld knapp wird, dann
kann das schon mal zu erhöhten Zinsen führen. Wucher?
Ich doch nicht.
Deshalb - weil mit solchen allgemeinen Geboten (Du sollst
nicht lügen! - Naja, Notlügen sind schon okay...)
jeder macht, was er will, ist das Judentum konkret geworden:
Allein in der Bibel gibt es 248 Gebote und 365 Verbote. Für
fast alle Situationen genaue Anweisungen. Da kann sich keiner
mehr herausreden. Klare Verhältnisse nennt man so etwas.
Das ärgerliche ist, dass bei einer solchen exakten Regelung
die eigentliche Motivation verloren geht. Bei vielen Juden
stand die Erfüllung des Gesetzes im Vordergrund - und
nicht das, was durch die Gebote gesichert werden soll: Die
Gerechtigkeit, der Gottesdienst und die Liebe.
Wir in Deutschland sind mit unserer Bürokratie auf einem
gleichen Weg. Dir geht es schlecht, Du brauchst Hilfe? Dafür
gibt es doch Ämter, Anträge, Versicherungen, die
Caritas und die Bahnhofsmission. Obwohl die sozialen Einrichtungen,
deren Finanzierung und insgesamt die Sozialleistungen ständig
steigen, wird das gesellschaftliche Klima immer Kälter.
Wir Deutschen sind auf dem Weg ins Pharisäertum.
Dagegen setzt Jesus wieder auf ein ganz einfaches Gebot (ein
Doppelgebot genaugenommen): "Liebt Gott und den Nächsten!"
Denn es kommt nicht auf die 613 Gebote an, sondern auf Eure
Absicht: Dem anderen zu helfen, weil ich ihn und Gott liebe.
Klar: Ein Rückschritt. Den Fehler hat Gott schon in
der Lesung gemacht. Wer sich so allgemein ausdrückt,
der wird bewusst oder aus Versehen missverstanden. "Liebe
ist, was Arbeitsplätze schafft" - also wird ersteinmal
rationalisiert. "Liebe ist, wenn ich etwas gerne tu"
- also bleib ich ersteinmal vorm Fernseher sitzen. "Liebe
heißt, bei mir selber anfangen" - also gebe ich
mein Erspartes ersteinmal für's Fitnessstudio und den
Wellnessurlaub aus.
Liebe Schwestern und Brüder, das Doppelgebot der Liebe
wäre wirklich ein Rückschritt in die Beliebigkeit,
wenn es nicht ein Korrektiv gibt: Gottes Geist. Und der wirkt
in den Sakramenten, vor allem in der Eucharistie und in der
Beichte. Wer meint, er sei eigentlich ein guter Christ und
liebe selbstverständlich seinen Nächsten, der soll
mal ruhig beichten gehen. Mal sehen, ob er nachher immer noch
der gleichen Meinung ist.
Liebe Schwestern und Brüder, wer sich vor der Beichte
drückt, der drückt sich vor der notwendigen Korrektur
dessen, was ich unter "Liebe", unter "Opfer",
unter "Nächsten" verstehe. Wer sich vor der
Anbetung drückt, wer es nicht schafft, eine Stunde allein
mit Gott zu sein, der verpasst die notwendige Korrektur dessen,
was er unter "Gottesliebe", "Gottesdienst"
oder "Gebet" versteht.
"Das Wort, das Dir hilft, kannst Du nicht Dir selber
sagen." Wir brauchen dazu die Korrektur durch außen
- auch durch die Fremden, die in der Lesung genannt worden
sind. Gerade am Tag der Weltmission sollten wir uns eingestehen,
dass wir selbst (wie jeder Mensch) immer wieder missioniert
werden müssen.
Das Gebot "Du sollst den Herrn, deinen Gott liebe -
und deinen Nächsten wie Dich selbst!" ist grundlegend
und brauch nicht ersetzt werden durch andere Gebote. Es braucht
nur die Lebenspraktische Korrektur durch Gott selbst, der
in Eucharistie und Beichte - in den Sakramenten - uns darin
unterrichtet, was wirklich Liebe bedeutet.
Amen.
2. Predigtvorschlag
Liebe Schwestern und Brüder!
Sind Menschen, die nicht zur Kirche gehen, eigentlich schlechtere
Christen?
Vielleicht sind Sie schon einmal so ähnlich gefragt worden.
Muss man eigentlich, um ein guter Christ zu sein, zur Kirche
gehen? Können Menschen, die nicht zur Kirche gehen, nicht
doch auch gute Christen sein?
Die Antwort, die Jesus indirekt auf diese Frage gibt, lautet
ganz klar: Nein. Das erste und wichtigste Gebot ist, Gott
zu lieben. Wer Gott in der Kirche links liegen lässt,
verstößt gegen das Gebot, an dem alles andere hängt.
Wir reduzieren das Christentum zwar gerne auf das Gebot der
Nächstenliebe. Aber Jesus nicht.
Hätten Sie auch so geantwortet? Oder regt sich jetzt
Unbehagen?
Das ist nicht so verwunderlich. Wie soll das denn auch gehen
- dass wir Gott lieben? Lieben Sie Gott? So richtig, aus ganzem
Herzen, mit ganzer Seele und all Ihren Gedanken? Wie können
wir jemanden lieben, den wir nicht sehen, den wir nicht berühren
können? Wie können wir jemanden lieben, der so weit
über uns steht?
Und ist es nicht wichtiger, menschlich zu bleiben und die
Nächstenliebe zu leben?
Gut - eigentlich sollte man die beiden Gebote nicht gegeneinander
ausspielen. Immerhin sind wir sind hier im Gottesdienst, um
es immer wieder mit der Liebe zu Gott zu versuchen. Aber wenn
ein solches Gebot so schwer zu erfüllen ist, dann ist
es nicht verwunderlich, wenn wir irgendwann aufgeben; uns
nur noch dem zweiten Teil zuwenden.
Damit setzen wir aber Christlichkeit und Menschlichkeit gleich:
Dass jemand, der sich für die Notleidenden und vernachlässigten
Menschen einsetzt, ein guter Mensch ist, ist unbestritten.
Aber ob er deshalb auch schon ein guter Christ ist, egal,
wie er seinen Glauben lebt, wage ich zu bezweifeln.
Liebe Schwestern und Brüder, in Wirklichkeit ist das
Doppelgebot der Liebe - Gott und den Nächsten zu lieben
- ein und dasselbe Gebot. Denn unsere Liebe zu Gott findet
ihren Ausdruck in der Nächstenliebe. Gottesliebe und
Nächstenliebe sind nicht zwei Gegensätze, die sogar
in Konkurrenz geraten können, sondern ein und dieselbe
Bewegung - von uns weg. All die Liebe, die Gott uns schenkt,
erwidern wir, indem wir den Nächsten lieben; die Zärtlichkeit,
die wir Gott geben würden, legen wir in den Umgang mit
seinen geliebten Kindern.
Dabei gilt dann ohne Ausnahme: Das eine geht nicht ohne das
andere. Es ist uns völlig klar: Wer behauptet, Gott zu
lieben, aber den Nächsten verachtet, der kann kein guter
Christ sein. Dann gilt aber auch: Wer dem Nächsten Dient,
aber Gott seinen Dienst verweigert, der kann auch kein guter
Christ sein! Der Dienst am Nächsten ohne Gottesdienst
ist wertlos. Wenn unsere Wertschätzung des Nächsten
nicht Ausdruck unsere Wertschätzung Gottes ist - dann
steckt da nicht mehr hinter als eine Seifenblase, die sehr
schnell zerplatzen kann, und schnell kommt wieder der Egoismus
zum Durchbruch.
Und wenn wir Katholiken glauben, dass hier, in der Kirche,
Gott seine Liebe uns mitteilt - in der Kommunion am deutlichsten
- dann können wir nicht daran vorbeigehen, ohne dass
wir uns selbst schwächen.
Ein Christ, der die direkte Begegnung mit seiner großen
Liebe vermeidet, kann kein besserer Christ sein. Und ich befürchte,
dass er irgendwann auch in seiner Menschlichkeit Schaden nimmt.
Amen.
3. Predigtvorschlag
(Pfr. Dr. Axel Schmidt, 2005)
Liebe Gemeinde!
In der Lesung hörten wir gerade einen Text aus dem 1. Thessalonicherbrief.
Dieser Brief ist die älteste Urkunde des Neuen Testaments, er führt
uns an die ersten Anfänge der christlichen Mission heran, nämlich
in das Jahr 50. Paulus hatte in Thessalonich die Botschaft von Jesus Christus
verkündet, mußte dann aber abreisen und sandte einige Zeit
später seinen Schüler Timotheus dorthin, um zu erfahren, wie
es mit dem Glauben der Gemeinde steht.
In der heutigen Lesung blickt Paulus zurück auf die Anfänge
der Gemeinde und ruft den Christen dort ins Gedächtnis: Ihr
habt das Wort [Gottes] trotz großer Bedrängnis angenommen.
So wurdet ihr ein Vorbild für alle Gläubigen. (1
Thess 1,6f) Worin bestand ihr Vorbild? Zuerst in der gläubigen
Annahme der Predigt des Apostels und dann in der praktischen Umsetzung
des Evangeliums.
Die Mitte des Evangeliums ist die Verkündigung der Liebe Gottes.
An Gott glauben heißt: in Beziehung zu Gott leben, ihm sein Herz
geben, heißt: Gottes Liebe mit dankbarer Gegenliebe beantworten.
So versteht sich das erste Hauptgebot wie von selbst: Du sollst
den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und
mit all deinen Gedanken. Doch zur Gottesliebe gehört untrennbar
die Nächstenliebe, wie Jesus unmißverständlich feststellt:
Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben
wie dich selbst. Denn die Liebe, die Gott mir geschenkt hat, verpflichtet
mich, meinem geringsten Bruder diesen göttlichen Liebeserweis nicht
nur zu sagen, sondern, soweit ich es kann, auch zu zeigen. Wenn
jemand sagt: Ich liebe Gott!, aber seinen Bruder haßt, ist er ein
Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott
nicht lieben, den er nicht sieht. (1 Joh 4,20)
Die ersten Christen haben es als einen der elementarsten Liebesdienste
dem Nächsten gegenüber angesehen, ihm den christlichen Glauben
zu verkünden und vorzuleben. Damit entsprachen sie natürlich
zugleich dem Missionsbefehl Jesu. Am heutigen Missionssonntag ist es sicher
besonders angemessen, auch über diesen Aspekt nachzudenken.
Es wird heute oft darüber geklagt, daß der Glaube in Deutschland
verdunstet und zu wenig weitergegeben wird. Es fehle die Fähigkeit,
über den Glauben zu sprechen. Es ist tatsächlich nicht jedermanns
Sache, vor anderen sein Innerstes auszubreiten. Aber zum Glaubenszeugnis
gehört oft viel weniger: Schon wer ein Kreuzzeichen macht, bevor
er zum Beispiel im Restaurant mit dem Essen beginnt, legt
Zeugnis für seinen Glauben ab. Wer bei einem Ausflug sich danach
erkundigt, wo und wann ein Gottesdienst eingeplant ist, der gibt Zeugnis
von seinem Glauben. Wer anregt, eine Kirchenführung mit einem Gebet
oder Lied zu beenden, der tut das gleiche. All diese schlichten Dinge
sind auf ihre Art wirksam. Oder wollen wir etwa den Ungläubigen in
unserem Land das Reden ganz überlassen?
Paulus lobt seine Gemeinde, weil sie vorbildlich gewirkt hat. Noch wichtiger
als das gesprochene Wort ist das lebendige Vorbild. Nicht nur die Kinder
schauen auf Vorbilder und ahmen sie nach, auch die Erwachsenen. Es lohnt
sich, sich einmal zu fragen: Für wen bin ich Vorbild oder kann ich
es sein? Was müßte sich bei mir ändern, damit die Menschen
an meiner Lebensweise ablesen können, woran ich glaube, woran mein
Herz hängt?
An dieser Frage hängt das ganze Leben mitsamt dem Glauben.
Fürbitten
Herr Jesus Christus, wir wissen uns in der Gemeinschaft mit
allen, die im Vertrauen auf Gott sich um ein Leben in gegenseitiger
Achtung und Hilfe bemühen. Dich bitten wir für sie:
-
Für alle, die in den Dienst der Kirche gerufen sind,
Bischöfe, Priester und Helfer: Lass sie die Nöte
und Sehnsüchte der Menschen sehen und ihnen bei ihren
Schwierigkeiten helfend zur Seite stehen.
-
Für alle, die unsicher oder verzweifelt sind, die
keine Freunde haben, bei denen sie sich Rat holen können:
Bewahre sie vor irreführenden Patentrezepten, sondern
führe sie zu großzügigen Menschen.
-
Für alle, die ihr Heil in Sekten und falschen Religionen
suchen, weil sie mit ihren Sorgen alleingelassen worden
sind: Erleuchte sie mit dem Blick für die Herzen
der Menschen und bewahre sie vor den gefährlichen
Methoden falscher Propheten.
-
Für alle, die durch Verführung ins Unglück
gestürzt wurden, die Opfer von Alkohol und Drogensucht,
von Vergewaltigung und Entführung: Schenke ihnen
Hoffnung und uneigennützige Hilfe.
-
Für die Menschen, die bei Unfällen im Straßenverkehr
verletzt wurden; für die Menschen, die dabei ihre
Freunde, ihre Eltern oder ihre Kinder verloren haben.
-
Für unsere Verstorbenen: Lass sie nach einem Leben
voller Bemühen und Sorge Ruhe und Vollkommenheit
finden bei Dir. Wir feiern diesen Gottesdienst...
Darum bitten wir, durch Christus unseren Herrn. Amen.
Liedvorschläge (GL Bistum Münster)
Einzug: 886, 1 + 3
Kyrie: 848, 1 + 2
Gloria: 476
1. Lesung: Ex 22, 20-26
Zwischengesang: 857, 4
Evangelium: Mt 22, 34-40
Fürbitten: s. gg. Seite
Gabenbereitung: 889
Sanctus: 857, 9
Agnus Dei: sprechen
n.d. Kommun.: 890 (mehrmals)
Schluss: 871, 1 - 3