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Predigt, Fürbitten und Lieder zum 7. Sonntag im Jahreskreis
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1. Predigtvorschlag
von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink - 22.02.09
Liebe Schwestern und Brüder,
Manchmal sind es die kleinen Sätze im Evangelium, die mir besonders
nahegehen.
Manchmal sind es die Randbemerkungen in der Hl. Schrift, die etwas Wesentliches
zum Ausdruck bringen.
So auch im heutigen Evangelium.
Da wird der Gelähmte getragen. Von vier Männern. Sie wollen zu
Jesus. Der Weg ist ihnen aber versperrt. Also steigen sie unter Mühen
auf das Dach des Hauses. Behutsam gehen sie mit ihrem kranken Freund um. kühn,
wie sie das Dach abdecken. Und dann lassen sie den Kranken vorsichtig auf
eine Bahre herunter mit Hilfe einer eilends konstruierten Vorrichtung.
Sie machen sich ganz schön viel Mühe für ihren Freund.
Und in diesem Moment schreibt der Evangelist einen Satz, der mich immer wieder
fasziniert:
Als Jesus IHREN Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, Deine
Sünden sind dir vergeben.
Als Jesus IHREN Glauben sah - Vom Glauben des Gelähmten wird garnicht
gesprochen, wie sonst: Geh, deine Glaube hat die geholfen.
Nein, als Jesus IHREN Glauben sah - Es geht um den Glauben der Träger.
Weil SIE glaubten, weil SIE alles taten, um ihren Freund vor Jesus zu bringen,
geschah das Wunder, geschah die Heilung.
Als Jesus IHREN Glauben sah - In diesen schlichten Worten wird etwas Wesentliches
über die Gemeinschaft der Kirche gesagt.
Wir werden getragen vom Glauben der anderen.
„Stell mal ‘ne Kerze für mich auf. Bete morgen für mich.“
oder „Denk an mich.“ Solche Sätze, so oder ähnlich hat
mit Sicherheit jeder von uns schon einmal gehört oder gesagt. Gerade
vor Examen oder wichtigen Lebensentscheidungen.
Diese Sätze geben auf ihre Art und Weise Zeugnis davon, daß wir
einander im Glauben tragen. Es tut gut zu wissen, daß andere mich mit
ihren Gebeten tragen. Jedenfalls geht das mir so.
Als Jesus IHREN Glauben sah - die vier Männer trugen einen Gelähmten
zu Christus.
Der Kranke konnte sich selber nicht auf den Weg zu Christus machen.
Sich auf den Weg zu Christus machen - in unseren Tagen, in unserem Land mittlerweile
eine ziemliche Seltenheit.
Viele sind lahm geworden im Glauben, machen sich nicht auf, sind desinteressiert,
wollen oder können nicht.
Wir werden getragen. Aber wen tragen wir?
Wir sehen und spüren wie der katholische Glauben in unserem Land verdunstet.
Dieses Phänomen läßt sich selbst in unseren Reihen feststellen,
obwohl die Kirche ja sogar im Namen unseres Dorfes vorkommt.
Wenn uns aber wirklich daran liegt, daß der Glaube an Christus weitergelebt
wird in unserer Pfarrei, in unseren Familien, in unserem Land, weil dieser
Glaube eben heilmacht an Leib und Seele,
wenn uns also wirklich etwas daran liegt, dann ist es unsere Aufgabe, wie
die vier Männer zu handeln: die Gelähmten zu Christus zu führen.
Dazu gehört, daß wir für andere beten. Z. B. für den
Nachbarn, der menschlich top ist, aber vom Glauben nichts hält bzw. weiß.
Oder für den Arbeitskollegen, der nichts gegen die Kirche hat, aber sie
auch das letzte Mal bei seiner Firmung von innen gesehen hat.
Oder für den Vereinskameraden, der sich an einzelnen Punkten des Glaubens
reibt und droht, ihn deshalb ganz zu verlieren.
Die Gelähmten zu Christus zu führen. Dazu gehört auch, Zeugnis
vom Glauben zu geben. Z. B. durch Leserbriefe an Presseorgane, die Falsches
oder Böswilliges über Gott, Glaube, Kirche berichten.
Das, was in den letzten Tagen und Wochen über den Papst gesagt worden
ist im Zusammenhang mit der Exkommunikation der vier Bischöfe der Pius-Bruderschaft,
war in vielen Punkten eine inszenierte Medienkampagne gegen die Kirche und
den Glauben allgemein.
Sicher, es hat Fehler im Vatikan gegeben. aber niemand hat dort etwas Unrechtes
getan oder tun wollen.
Exkommunikation bedeutet nicht Ausschluß aus der Kirche, sondern Ausschluß
von den Sakramenten und den Rechten und Pflichten als Christ. Und zwar ist
dieser Ausschluß selbst verschuldet. Der Exkommunizierte hat das Tischtuch
mit der Kirche selbst zerschnitten. Er sitzt nicht mehr am gemeinsamen Tisch,
weil er die Tischgemeinschaft nicht mehr will.
Wer dann umkehren will, dem wird der Papst, dem kann der Papst das eigentlich
nicht verweigern. Die vier abtrünnigen Bischöfe dürfen –
wenn sie möchten – nun wieder die Sakramente empfangen. Aber sie
haben nach wie vor keine erlaubte Funktion in der Kirche. Auch die Bruderschaft
Pius X ist noch lange nicht vollkommen in die Kirche aufgenommen.
Wer dies behauptet oder wer meint, dass Benedikt in irgendeiner Weise antisemitisch
sei oder sich gegen das Zweite Vatikanische Konzil stelle, das er ja selbst
mitgeprägt hat, der irrt gewaltig – ob wissend oder unwissend,
der ist bösartig oder schlecht informiert. Kardinal Kasper – ein
bekanntlich sehr besonnener und vermittelnder Mann der Kirche – spricht
angesichts der Mediendebatte ungewöhnlich klare Worte:
Aber die Diskussion, wie sie jetzt in Deutschland läuft, sprengt ja alle
Maßstäbe. Was da zum Vorschein kommt, ist nicht nur Kritik an diesem
oder jenem Verhalten der Kurie, sondern das ist einfach anti-römischer
Affekt und zum Teil einfach blanker Kirchenhass. Man macht den Papst lächerlich,
nach dem Prinzip: Man schlägt den Sack und meint den Esel. Wenn man den
Papst in dieser Weise heruntersetzt, und völlig ungerecht heruntersetzt,
dann richtet sich das nicht nur gegen den Papst, dann richtet sich das gegen
die katholische Kirche. Ich meine, die Katholiken müssten jetzt aufstehen,
müssten sagen: das lassen wir uns nicht gefallen, das ist Intoleranz.
Ich sehe in dem Zugehen des Papstes auf die Piusbrüder einen Akt der
Barmherzigkeit, aber auch vor allem der Klugheit: Wenn die Piusbruderschaft
es nämlich ernst meint mit der Rückkehr in die Kirche, dann ist
sie jetzt am Zug, es zu zeigen. Wenn es ihnen nicht entscheidend und überzeugend
gelingt, dann hat sie sich selber sozusagen zerschlagen.
Diejenigen Gläubigen, die sich den sogenannten Traditionalisten zugehörig
fühlen, sehen ja jetzt auch, was für wirre Ideen ein Teil ihrer
Leute bewegt. Einige wenden sich mit Grausen von den Worten Williamsons ab.
Erste Suspendierungen innerhalb der Bruderschaft haben auch schon stattgefunden.
Die kommende Zeit wird eine Zeit der Reinigung und der Klärung sein.
Für die Piusbrüder und die katholische Kirche. So hoffe ich. Auch
hier können wir mit unserem Gebet einstehen, für den Papst und seine
Mitarbeiter für alle Gläubigen guten Willens.
Als Jesus IHREN Glauben sah - Diese schlichten Worte über die Träger
des Gelähmten schenken Trost und sind ein Anspruch an uns.
Der Trost, getragen zu sein vom Glauben der anderen.
Der Anspruch, die anderen zu Christus zu tragen. Auch die, die uns vielleicht
nicht liegen.
2. Predigtvorschlag
Ich habe Ihnen heute ein Bild mitgebracht. Ein evangelischer Theologe, in
der Wirtschaft tätig, hat dieses Plakat entworfen. Ein Mann trägt
einem anderen viele Pakete nach. Auf diesen Paketen steht jeweils etwas anderes
drauf: ihre Fehler von eben, ihre Fehler von heute, ihre Fehler von gestern,
ihre Fehler von dieser Woche, ihre Fehler von diesem Monat usw.- und unten
drunter: "Wer nachtragend ist, hat viel zu schleppen!"
Das stimmt - das erlebe ich immer wieder: Menschen, die nicht vergeben können
- haben selber mehr darunter zu leiden, als derjenige, der den Fehler begangen
hat. Unabhängig davon, ob der Verursacher sich seiner Schuld bewusst
ist, oder nicht. Wobei es natürlich einfacher ist, jemanden zu vergeben,
der um Entschuldigung bittet. Aber ich muss ihm dann auch verzeihen - ansonsten
belaste ich mich nach wie vor damit. Wenn ich dem Ehepartner bei jeder Gelegenheit
alle Fehler der Vergangenheit auftische, dann belaste ich die Beziehung -
ich, der ich nicht vergeben kann, nicht der den Fehler damals irgendwann gemacht
hat. Wenn der andere sich seiner Schuld nicht bewusst ist, oder aber sie trotz
Befindlichkeitserklärung nicht einsieht, ist es natürlich schwerer
ihm zu vergeben, aber ich belaste mich damit genauso! Manchmal ist der Schuldige
nicht zur Einsicht zu bewegen, weil er vielleicht krank ist, weil er vielleicht
bereits verstorben ist - der Schuldige kann aus irgendeinen Grund nicht bei
mir um Entschuldigung bitten. Dennoch ist es ratsam, ihm zu verzeihen - um
meinetwillen - ich belaste mich, wenn ich dem anderen nicht vergebe.
Die erste Lesung hat das sehr schön formuliert: es wird erst deutlich
gemacht, dass sein Volk sich gegen Ihn versündigt hat: "Jakob, Du
hast mich nicht gerufen; Israel, Du hast Dir mit mir keine Mühe gemacht.
Du hast mir mit Deinen Sünden Arbeit gemacht, mit Deinen üblen Taten
hast Du mich geplagt." Und dann der in meinen Augen schönste Satz
der heutigen Lesungen: "Ich, ich bin es, der um meinetwillen deine Vergehen
auslöscht, ich denke nicht mehr an deine Sünden." Das ist doch
phantastisch: Gott vergibt uns die Sünden, damit er uns wieder lieben
kann. "Um meinetwillen lösche ich deine Vergehen aus."
Und darin sollen wir Gott nachfolgen - das ist der schwere aber gute Weg
der Nachfolge: wenn andere uns Böses getan haben: üble Nachrede,
ausgenutzt, nicht zugehört, belogen oder anderes, so belastet das uns.
Wir sind verärgert, empfinden Schlechtes für diesen Menschen, fühlen
uns nicht wohl dabei. Wenn wir diesem Menschen vergeben, unabhängig davon,
ob er um Entschuldigung bittet, so entlasten wir uns. "Um meinetwillen
lösche ich Deine Vergehen aus." Wir können wieder unbelastet
in unserer Umwelt agieren, wenn wir uns von der Schuld anderer befreien, wir
können wieder lieben, auch diesen Menschen lieben, wenn wir ihm seine
Schuld vergeben. Wenn andere mich ärgern, aufgrund ihrer Schuld: ihrer
Gedanken, Worte oder Taten, so muss ich doch nicht mein Leben lang ärgern
lassen.
Jakob, Du hast mich nicht gerufen, mir keine Hilfe zugetraut, Israel, Du
hast dir mit mir keine Mühe gemacht, im Gegenteil, du hast mir Arbeit
gemacht, deine üblen Taten haben mich geplagt - um meinetwillen habe
ich deine Vergehen ausgelöscht. Ich will mich mit diesem Ärger nicht
mehr belasten, ich verzeihe dir, ich will dich wieder lieben.
Nehmen wir doch bitte dieses Angebot Gottes an!
3. Predigtvorschlag
"Vergib mir Vater, ich habe gesündigt" - Woran denken sie,
wenn sie das hören? An das Schuldbekenntnis im Gottesdienst? An die persönliche
Gewissenserforschung? Womöglich an das Sakrament der Versöhnung?
Oder auch schon an die billigen Flüge der LTU nach Rom? Eine hochgeschlossene
Nonne mit hübschem Gesicht, mit beiden Händen das rote Marken-Handtäschchen
haltend - Werbung auf dem Hintergrund von Ordensschwestern, Priestern, Beichtstühlen
scheint immer eine besondere Note zu haben. Vielleicht weil es sich dabei
um eine für inzwischen viele Bürger völlig fremde, aber deswegen
nicht weniger faszinierende Welt handelt. Vielleicht aber auch, um mit die
Unabhängigkeit von solch altertümlich angehauchtem Gedankengut zu
demonstrieren.
Wenn dann 7 verschiedene Magnum-Sorten nach den 7 Haupt- oder Wurzelsünden
benannt werden, bestätigt diese Tatsache, dass das Wort "Sünde"
im bundesdeutschen Sprachgebrauch fast nur noch im Zusammenhang mit kalorienreichen
Tortenstücken oder dem Schutz der Umwelt genannt wird.
"Vergib mir Vater, ich habe gesündigt." Ordensschwester kauft
schicke Handtasche in Rom. Banaler als diese Art der Werbung geht es wohl
kaum noch. Es sei denn, wir verlassen das Gebiet der Werbung, in dem ja immerhin
noch irgendwie positive Gefühle geweckt werden sollen und betreten das
Land der Karikaturen. Wie kann man sich nur so aufregen - fragt die taz -
und stellt Jesus am Kreuz dar, wie er - nur an den Händen hängend
- Gymnastikübungen mit den Beinen vollzieht. Untertitel: Immer locker
bleiben.
Verletzung von religiösen Empfindungen in Deutschland? Immer locker
bleiben.
Dabei ist der Umgang mit solchen Verletzungen, wie er in den letzten Wochen
in manchen arabischen Staaten, angeheizt von islamisch-fundamentalistischen
Strömungen, zu beobachten war, sicher kein Vorbild. Gewalt und Gewaltbereitschaft,
Pauschalverurteilungen und indifferentes Vor-Urteilen statt eines vernünftigen
Gespräches kann nicht der Weg sein.
Aber gibt es allgemeingültige Grenzen im Bereich der sogenannten Freien
Meinungsäußerung - und wo liegen diese Grenzen?
Zunächst geht es darum, anzuerkennen, dass dem Anderen jemand oder etwas
"heilig" ist. Dazu muss ich die Glaubenswelt des Anderen kennen
und akzeptieren. Wenn jemand an Karneval mit der Bierdose in der Hand laut
grölend in diese Kirche kommt, hat er eine solche Grenze überschritten,
auch wenn er das selbst gar nicht so sieht. Diejenigen jedoch, die sich in
diesem Raum zum Gottesdienst versammeln und der Überzeugung sind, dass
Gott selbst hier wohnt und dem Menschen begegnen will, halten diesen Raum
heilig und werden darauf achten, dass er nicht als Kneipe oder als reines
Museum betrachtet wird.
Ähnlich verhält es sich mit Worten und Bildern. Da ist beispielsweise
der Witz. Er schafft einerseits Distanz - und kann andererseits wohltuend
die menschliche Seite z.B. in der Kirche als Institution hervorheben. Da muss
ich nur Jopi als Pastor auf der Bühne sehen und weiß, was gemeint
ist. Der Witz, die Komik als humorvolle Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit,
der ein herzhaftes Lachen hervorlockt - das hat noch niemandem geschadet.
Wenn jedoch Gegenstand des Witzes Gott selbst oder die Heiligen sind, ist
schon viel Fingerspitzengefühl vonnöten, um eben nicht in die Banalität
abzugleiten oder tatsächlich religiöse Gefühle zu verletzen.
Dabei wird ein Mensch das Lächerlichmachen religiöser Überzeugungen
um so schmerzhafter erfahren, je wichtiger ihm die Inhalte dieser Überzeugungen
sind. Menschen jedoch, die in diesem Bereich sensibel sind, neigen meist dazu,
ihren Ärger eben runterzuschlucken und im schlimmsten Fall gegen ihre
Überzeugung im Strom zu schwimmen. Wer will denn schon der Spaßverderber
sein oder in irgendeiner Weise rückständig erscheinen. Protest -
und sei er auch nur stumm, kann in solchen Fällen durchaus auch das Mittel
der Wahl sein.
"Heilig" ist jedoch dem gläubigen Menschen nicht allein Gott
selbst und der ihm vorbehaltene Raum. Dem Christen, der sich als "Tempel
Gottes" versteht, ist seit der Menschwerdung Gottes auch der Leib heilig.
Dass damit in dem ohnehin sensiblen Bereich der Sexualität eine besondere
Rücksicht vonnöten ist, gehört heute keineswegs mehr zum Allgemeingut.
Die sogenannte Freiheit in diesem Bereich ist nicht selten gerade eine Problemanzeige,
weil Menschen gerade das, wo sie ihre Schwierigkeiten haben oder wovon sie
beherrscht werden, zwanghaft zum Thema machen müssen.
Wenn dann aber das Lächerlichmachen von religiösen Überzeugungen
mit zotenhaften Witzen oder Karikaturen vermischt werden, ist die Grenze des
Erträglichen überschritten.
"Vergib mir Vater, ich habe gesündigt." Was die Kreativabteilung
der LTU wohl kaum noch ahnt: Der Vater vergibt wirklich Sünden. Dazu
ist sein Sohn Mensch geworden. Um uns von der Sünde zu befreien. Den
Schriftgelehrten erschien gerade das als Gotteslästerung - gerade weil
ihnen diese Eigenschaft Gottes heilig war und sie nicht glauben konnten, dass
Jesus Gottes Sohn war.
Gott vergibt die Sünden - damals wie heute. Das ist das größere
Wunder. Nicht die Heilung des Gelähmten - auch wenn sie für mehr
Aufsehen sorgte.
Lassen wir uns befreien von der Sünde - durch Gebet, gute Taten und
die Beichte. Dann können wir befreit Karneval feiern, denn die echte
Freude widerspricht dem Glauben nicht, sondern lebt aus ihm. Wenn überhaupt
Menschen gibt, die Grund zur Freude haben, dann sind es die Christen: Der
Vater vergibt uns und zeigt uns den Weg zum Leben!
4. Predigtvorschlag
von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink - 19.02.06
Mein Sohn, Deine Sünden sind Dir vergeben.
Liebe Schwestern und Brüder,
das ist das eigentliche Wunder in der Heilungserzählung, die wir im Evangelium
gehört haben.
Die Heilung des Leibes kommt erst nachher. Wesentlich scheint für Jesus
die Heilung der Seele zu sein, die Vergebung der Sünden.
Ich glaube an die Vergebung der Sünden. So bekennen wir.
Gott vergibt die Schuld. Das glauben wir.
Aber manchmal kommen in mir Zweifel auf.
Gerade wenn ich im Beichtstuhl sitze.
Wenn wir als katholische Christen an die Vergebung der Sünden glauben,
warum nimmt dann kaum jemand mehr das Sakrament der Vergebung wahr?
Warum sitzen Pastor Stücker und ich im Beichtstuhl und warten häufig
so lange vergeblich, daß jemand kommt?
Viele sind es nämlich nicht gerade, die kommen. Meistens ein vielleicht
mal zwei. Häufig niemand.
Die geringe Zahl derjenigen, die zur Beichte kommen, ist nicht gerade ein
flammendes Zeugnis der Kirchhellener Bevölkerung für ihren Glauben
an die Vergebung der Sünden.
Gut, vor Weihnachten kamen ein wenig mehr Menschen. Aber auch deren Anzahl
war so gering, daß man meinen könnte: Die Katholiken in Kirchhellen
sündigen nicht. Und mit Verlaub, das glaube ich wiederum nicht.
Vielleicht gehen die ja woanders beichten, versuche ich mich manchmal zu trösten.
Aber weder die Nachbarpfarrer noch die Pater vom Jugendkloster berichten von
Schlangen vor ihren Beichtzimmern.
Es bleibt dabei: Hier wird wenig gebeichtet. Warum ist das so?
Sicherlich, es hat schwere Fehler in der Beichtpraxis gegeben. ältere
Menschen erzählen von Druck, Angst, Zwang, Herzlosigkeiten.
Mich haben andere Erfahrungen geprägt: Wenn ich an meinen Beichtunterricht
zurückdenke, und der ist nun auch schon fünfundzwanzig Jahre her,
da war nichts zu spüren von Angstmacherei usw.
Natürlich kostete mir die Beichte im Anfang Überwindung, aber letztlich
war es immer ein sehr tröstendes und schönes Erlebnis für mich.
Und die Kommunionkinder in dieser Gemeinde haben vor Weihnachten zumindest
ähnlich positive Erfahrungen gemacht. Ebenso die Firmlinge vor der Firmung.
Jedenfalls meine ich das erkennen zu können in den Gesichtern der Kinder,
die zum erstenmal beichten.
Da wird im Beichtstuhl auch schon mal gelacht.
Ab und zu kommen dann Eltern und erzählen, wie schön die Erfahrung
der Beichte für die Kinder war.
Und spätestens da frage ich mich dann: Warum kommen dann so wenige aus
dieser Elterngeneration zur Beichte, wenn das doch so gut zu gehen scheint?
Brauchen denn bloß noch Kinder die Vergebung der Sünden?
Nein, wir haben sie alle nötig. Bitter nötig. Ich auch. Darum gehe
ja auch ich als Priester beichten. Regelmäßig.
Und seit meiner ersten Beichte habe ich noch nie erlebt, daß ein Beichtvater
mich – entschuldigen Sie das Wort - abgesaut hat.
Im Gegenteil. Vielfach hat mich der Zuspruch des Priester aufgebaut.
Und aufgebaut hat mich auch immer die Gewißheit, daß Gott mir
vergeben hat.
So war, so ist jede Beichte für mich ein Neuanfang, ein neues Aufleben.
„Was soll ich denn beichten? Ich hab doch gar keinen umgebracht.“,
sagen viele.
Abgesehen davon, daß man einen Menschen nicht nur mit Messer oder Pistole,
sondern auch mit der Zunge oder im Gedanken umbringen kann,
geht es darum, die kleinen Lieblosigkeiten, die kleinen Vergehen gegen Gott,
gegen den Nächsten und gegen sich selbst vor Gott zu tragen, damit er
sie heilt, er sie vergibt.
Es geht in der Beichte eben auch darum, die kleinen Risse in der Staumauer
auszubessern, damit sie nicht weiter aufreißen und irgendwann die Mauer
dem Druck der Wassermassen nicht mehr standhalten kann und zusammenbricht.
Es geht darum sozusagen das Dach unserer Seele vom Schnee der Unaufmerksamkeiten
und Lieblosigkeiten zu befreien, damit es nicht einstürzt.
Die Beichte hilft so, aufmerksam zu bleiben, damit in mir irgendwann nicht
doch der Damm bricht und dann tatsächlich jemanden umbringe. Auch wenn
wir es nicht gerne hören: Jeder und jede von uns ist eigentlich zu allem
fähig.
Es gibt tiefe Abgründe im Menschen, in mir. Und daß diese mich
nicht verschlingen, dazu hilft mir das regelmäßige Bekenntnis dieser
meiner Abgründe.
Gefahr erkannt, Gefahr gebannt.
In der Beichte lerne ich mich besser kennen,
kann ich lernen, auch mit meinen dunklen Seiten umzugehen,
werden meine dunklen Seiten verwandelt durch die Vergebung Gottes.
In der Beichte erfahre ich: Gott schenkt mir einen neuen Anfang, ein neues
Leben.
Letztlich höre ich Jesus zu mir sprechen: Mein Sohn meine Tochter, Deine
Sünden sind Dir vergeben.
Wie gesagt: Jesus geht es im Evangelium zuerst um die Heilung der Seele,
dann um die Gesundung des Körpers.
Der Gelähmte im Evangelium kann wieder laufen, nachdem Jesus ihm zuerst
die Sündenvergebung zugesprochen hat.
Ich stelle immer wieder fest – egal ob ich Beichte höre oder selber
beichte – dass die Absolutionsformel „Und so spreche ich Dich
los von Deinen Sünden“ oft innerlich Gelähmten wieder neuen
Schwung verleiht, dass die Beichte zurecht immer öfter das Sakrament
der Freude genannt wird.
Sicherlich, den Weg in den Beichtstuhl zu finden, kostet Überwindung.
Aber was nehmen wir Menschen nicht oft für Opfer auf uns, um unseren
Körper zu stählen, ihn gesund zu halten. Sollte unsere Seele etwa
zu kurz kommen?
Mein Sohn, Deine Sünden sind Dir vergeben.
Dieses Wort Jesu wartet auf Sie und auf mich. Amen.
Übrigens an jedem Samstag von 16.00 – 16.45 Uhr besteht hier in
der Kirche Gelegenheit zur Beichte. Sie können auch uns Pastöre
gerne um einen anderen Termin ansprechen.
5. Predigtvorschlag
(Pfr. Dr. Axel Schmidt, 2006)
Liebe Gemeinde!
Wir kennen alle solche Situationen, da man nicht mehr weiter weiß:
Man fühlt sich wie gelähmt. Das Leben geht an einem vorbei,
man sitzt nur da und wartet, daß endlich etwas passiert, das einen
da herausholt. Und wenn es länger dauert und ganz schlimm wird, dann
wird man depressiv: man hat an nichts mehr Freude und möchte sich
nur verkriechen. Solche Situationen gibt es im Leben des Einzelnen wie
auch in der Gesellschaft als ganzer. So ist unser ganzes Volk durch die
Arbeitslosigkeit und die desolate Finanzlage derzeit wie gelähmt.
Es wird zwar viel diskutiert, aber man scheint der Lösung nicht näher
zu kommen; der eine blockiert den anderen, es geht nicht voran.
Das heutige Evangelium handelt von solcher Lähmung: von der des
Kranken, aber auch von der Menge, die den Weg blockiert, und von den Schriftgelehrten,
die unfähig sind, die Heilung zu akzeptieren. Die Geschichte steht
wie ein Scharnier zwischen zwei Abschnitten des Markus-Evangeliums: sie
schließt den Abschnitt der Heilungsberichte ab und eröffnet
zugleich den Abschnitt der Streitgespräche; von beiden Literaturgattungen
hat sie etwas. Das verbindende Element liegt in der Befreiung von einer
Blockade. Das Reich Gottes wird nämlich zum einen blockiert von Krankheiten,
Dämonen und von der Sünde. Jesus durchbricht die Blockaden mit
Vollmacht und zeigt so, daß das Reich Gottes in seiner Person angebrochen
ist. Zum anderen wird das Reich Gottes gleichfalls blockiert von Menschen,
die Jesus, dem Messias, im Weg stehen, und zwar sowohl von den Gutwilligen
als auch von so manchem Engstirnigen und Verstockten.
Zunächst die Gutwilligen: Indem sie in Scharen vor der Türe
stehen, sind sie ein Hindernis für den Gelähmten, den Schwächsten;
sie versperren ihm den Weg zum Leben. Nicht weil sie böse sind, sondern
weil sie in ihrem eigenen Durst nach Leben und in ihrer Angst, zu kurz
zu kommen, die Sensibilität für den anderen verloren haben,
der noch viel schwächer ist als sie selbst. Sie sehen ihn vielleicht,
aber sie erfassen nicht wirklich, wie es ihm geht, und lassen ihn nicht
durchkommen. Das scheint mir ein präzises Bild für das
derzeitige Massenverhalten gegenüber den Arbeitslosen und Hartz-IV-Empfängern
zu sein: Von der eigenen Angst gelähmt, benachteiligt zu werden,
läßt die Solidargemeinschaft es zu, daß die Ärmsten
und Schwächsten von den Quellen des Lebens abgeschnitten werden und
verelenden. Mit ihnen kann man es ja machen, denn sie haben ja keinen
einklagbaren Rechtstitel wie die Beamten, die Rentner und die vielen anderen,
die eine mächtige Lobby hinter sich haben.
Wir müssen uns klarmachen: Auch wir sind gelähmt, wenn wir
den Schwachen blockieren. Sobald wir uns dieses Verhalten bewußt
machen, schämen wir uns, aber wir wissen auch keinen Ausweg. Gerade
darin besteht ja unsere Unbeweglichkeit, unsere Lähmung. Dann brauchen
wir jemand anderen, der uns da herausholt, der uns eine Alternative aufzeigt.
Genau das tun die vier Männer, sie nehmen die Tatsachen nicht einfach
hin, sie durchbrechen die Stagnation, sie brechen sie auf und öffnen
eine neue Perspektive: Vom Dach her lassen sie den Gelähmten zu Jesus
herunter. Jesus ist beeindruckt, denn darin offenbart sich für ihn
ein tiefer, kreativer Glaube. Wenn ein Mensch glaubt, dann geschieht auch
etwas: Alles kann, wer glaubt. (Mk 9,23) Wer glaubt, für
den sind die blockierenden Tatsachen keine endgültigen Hindernisse,
sondern ein Aufruf, etwas zu ändern. Wo andere wie das Kaninchen
die Schlange anstarren und keine Lösung mehr erwarten, da fängt
der Glaubende an zu handeln.
Durch dieses befreiende Handeln der vier Männer ist die entscheidende
Wendung bereits eingeleitet. Ja, sie haben sogar etwas getan, das von
derselben Art ist wie das Handeln Jesu: sie tragen Hindernisse weg, die
das Reich Gottes blockieren. Genau das tut Jesus nämlich auch, indem
er sagt: Deine Sünden sind dir vergeben. Sünden
vergeben heißt, die Blockaden gegen Gottes Herrschaft abtragen und
wegtragen, denjenigen, der aus Gottes Liebe herausgefallen ist, wieder
in sie hineinholen. In dieser Lage war der Gelähmte, in dieser Lage
sind aber auch alle, die sich von den blockierenden Tatsachen lähmen
lassen.
Das sehen wir am deutlichsten am Verhalten der Schriftgelehrten. Anstatt
sich über die ungeahnte Befreiungstat zu freuen, suchen sie das Haar
in der Suppe: Sie beschuldigen Jesus der Gotteslästerung, und am
Ende werden sie Jesus mit dieser Begründung sogar ans Kreuz bringen.
Sie wollen gar nicht, daß sich etwas ändert, daß Jesus
ihre beschränkten Vorstellungen von Gott korrigiert, daß er
sich gerade auch derjenigen Menschen annimmt, die sie längst abgeschrieben
haben. Vom Schicksal des Gelähmten sind sie nicht betroffen, sie
bleiben in der passiven Zuschauerrolle und fällen von dort aus ihre
selbstgefälligen Urteile.
Diese Blockade gegen Gottes liebende Herrschaft ist die massivste und
am schwersten zu durchbrechende. Hier kann Jesus nicht einfach ein machtvolles
Wort der Heilung sprechen wie bei den Kranken und Besessenen oder wie
gerade beim Gelähmten. Er kann nur an die freie Vernunft der Widerständigen
appellieren und argumentieren. Darum folgen im Markus-Evangelium ab hier
die Streitgespräche als die Form, wie Jesus geistige Blockaden gegen
Gottes Reich zu überwinden versucht. Das Argument, das er hier in
Anschlag bringt, ist freilich kaum zu widerlegen: Wenn er Macht hat, das
Schwierigere zu tun, dann erst recht auch das Leichtere. Das Schwierigere
oder jedenfalls das scheinbar Schwierigere ist die Befreiung des Kranken
von seiner Lähmung durch ein bloßes Wort. Und genau das tut
Jesus: Ich sage dir: Steh auf, nimm deine Tragbahre, und geh nach
Hause! Diese Vollmacht besitzt Jesus also; warum dann nicht auch
die Vollmacht, Sünden zu vergeben? Die Umstehenden jedenfalls
sind vom Argument Jesu überzeugt und vom Gesehenen begeistert.
Liebe Gemeinde! Was aber ist unsere innere Antwort auf das heute Gehörte?
Ich finde, wir müssen unseren Begriff vom Reich Gottes und dem, was
ihm lähmend im Wege steht, neu überdenken. Wir verdienen den
Namen Christ erst dann, wenn wir echt glauben wie die vier Männer
im Evangelium. Und dazu gehört erstens, daß wir die lähmende
Angst, zu kurz zu kommen, überwinden und aufmerksam werden für
die Schwachen um uns herum. Und zweitens, daß wir uns von den Schwierigkeiten
des Alltags und den Blockaden der Gesellschaft nicht einschüchtern
lassen, sondern entschlossen nach neuen Möglichkeiten Ausschau halten.
Wir müssen nicht selber die Lösung für die Probleme parat
haben, es ist schon viel, wenn wir sie nicht blockieren, noch besser,
wenn wir hier und da eine Tür öffnen.
Das können wir auf geistige Weise jetzt in der Eucharistie tun und
uns darin einüben, indem wir für andere Menschen beten und sie
so in die Nähe von Jesus bringen, damit er sich ihrer annimmt.
Fürbitten
Herr Jesus Christus, Du bist es, der in allen Menschen wirken will, damit
wir Menschen über uns selbst hinauswachsen. Dich bitten wir:
-
Lass die Menschen, die durch Worte und Taten verletzt worden sind,
die Größe finden, zu verzeihen und nicht in Bitterkeit
zu versinken.
-
Lass die Menschen, die sich selbst in Vorurteile und Schuldzuweisungen
von anderen abgrenzen, zurückfinden zur vollen Gemeinschaft mit
Dir und den Menschen.
-
Schenke den Menschen, die sich in Großherzigkeit, Geduld und
Bescheidenheit üben, die Gnade, immer wieder über sich selbst
hinauszuwachsen.
-
Schenke den Menschen, die geben, ohne dafür etwas zurückzuverlangen,
Deinen langen Atem.
-
Stehe allen Sterbenden in ihrer letzten Stunde bei und schenke ihnen
die Kraft, zu verzeihen und um Verzeihung zu bitten. Sei auch mit
unseren Verstorbenen: Wir feiern diesen Gottesdienst ...
Herr, Du willst nicht nur, dass wir mit Dir leben und Dir nachfolgen,
Du nimmst uns auch an die Hand und führst uns den Weg zum Leben.
Schenke uns die Kraft, aus Dir heraus zu leben und Dir zu dienen. Darum
bitten wir, durch Christus, unseren Herrn. Amen.
Liedvorschläge (GL Bistum Münster)
Einzug: 621, 1 + 3
Kyrie: sprechen
Gloria: 486
2. Lesung: 2 Kor 1, 18-22
Zwischengesang: 165, 1 + 4
Evangelium: Mk 2, 1-12
Credo: 489
Gabenbereitung: 985
Sanctus: 988
Agnus Dei: 989
Danksagung: 999 - 3
Schluss: 582