von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink - 19.07.09
Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus. So haben wir Jesus gerade sprechen gehört.
Jesus hatte die Jünger in die Städte und Dörfer der Umgebung geschickt, damit sie ihm den Weg bereiteten. Es muß ein Stück Arbeit, muß Mühe und Aufregung gewesen sein, denn zum ersten Mal waren sie nicht mehr nur aufmerksame Zuhörer Jesu, sondern selbst Verkünder der Botschaft. Sie kehren zurück - müde zwar, doch erstaunt ob des Gelingens und mit dem Bedürfnis, dem Herrn alles zu erzählen, was sie getan und gelehrt hatten. Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein.
Dieses um allein zu sein deutet an: Nicht nur sie werden die Aussprache mit dem Herrn gesucht haben, auch der Herr mit ihnen: Welche Fragen wird Jesus ihnen dort wohl gestellt haben? Und was wird er ihnen erzählt haben?
Das Evangelium berichtet anschaulich von Jesus und seinen Jüngern: Sie
fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen
und gingen. Diese Bemerkung läßt sich unschwer auf so manche Situation
unseres eigenen Lebens übertragen. Der Alltag kann sehr anstrengend sein,
nimmt man seine Pflichten und Aufgaben wirklich ernst. Deshalb sollen Leib
und Seele in den Zeiten der Entspannung wieder zu Kräften kommen. Wer
das schuldhaft vernachläßigt, schadet nicht nur seiner Gesundheit,
er ist meistens dann auch gereizt, überfordert seine Mitarbeiter, beeinträchtigt
eine motivierende Arbeitsatmosphäre, schadet sein ehernamtliches Engagement
und empfindet Ehepartner, Kinder, Geschwister und Freunde zunehmend als Last.
Deshalb ist Erholung kein Luxus, sondern eine bisweilen schwerwiegende Pflicht.
Wir kehren unserer momentan ungeliebten Arbeit nicht den Rücken, sondern
lassen sie nur ein wenig ruhen und regenerieren unsere physischen und psychischen
Kräfte.
Arbeit und Ruhe müssen in einem gesunden Verhältnis sein. Gerade auch deshalb kämpft die Kirche um den Erhalt des Sonntags. „Der Mensch soll Gott nachahmen sowohl in der Arbeit als auch in der Ruhe, da Gott selbst ihm sein eigenes schöpferisches Tun in der Form der Arbeit und der Ruhe vor Augen führen wollte.“ so hat es Johannes Paul II. in seiner Sozialenzyklika Laborem exercens geschrieben.
In den Staaten des Westens gibt es mittlerweile nicht nur den einen freien
Tag in der Woche. Es gibt das freie Wochenende. Die Arbeitszeiten haben sich
im Vergleich zu vor 100 Jahren fast halbiert. Die freie Zeit – die Freizeit
- ist mehr geworden.
Das ist doch eigentlich gut.
Aber immer mehrklagen darüber, daß der Vergnügungsrummel
auf die Dauer nicht zu Freude, sondern zum Ekel wird. Und andere wissen gar
nicht mehr, was sie mit der vielen Freizeit anstellen sollen. Langeweile der
Arbeit und Langeweile der Freizeit bedingen einander.
Richtiger Umgang mit der Freizeit ist nur aus einer Haltung der Muße
möglich, die mit dem Feiern verwandt ist - wir sprechen ja auch vom »Feierabend«.
Daruaf weist der große deutsche Philosoph Josef Pieper hin. Und weiter
sagt er: Freizeit bedeutet eine »Überschreitung der Arbeitswelt«8
und ihrer Zwänge. Diese Haltung gehört »zu den Grundkräften
der menschlichen Seele«9 und ist eine Gestalt jenes Schweigens, das
eine Voraussetzung ist für das Vernehmen von Wirklichkeit: nur der Schweigende
hört; und wer nicht schweigt, hört nicht. Solches Schweigen ist
nicht stumpfe Lautlosigkeit, nicht totes Verstummen (...).
Die Muße ist nicht die Haltung dessen, der eingreift, sondern dessen,
der sich öffnet; nicht dessen, der zupackt, sondern dessen, der losläßt,
der sich losläßt und überläßt.«1
Die Fähigkeit des Menschen, nicht aufzugehen in den Zwecken und Zwängen des Lebens, ist Teilnahme an der Souveränität und Freiheit Gottes. Denn der Mensch ist der Gipfel des Schöpfungswerkes und nicht so wie das Tier in die Mechanismen des Lebens eingespannt. Der Mensch kann aussteigen. Er muß nicht täglich wie ein Maulwurf die Erde durchwühlen. Wir Christen können in einer stark auf Leistung und Konsum orientierten Gesellschaft das urmenschliche Bedürfnis nach Muße und Entspannung wach halten, nicht allein aus zweckmäßigen Gründen, sondern aufgrund der Würde des Menschen.
Dazu gehört eine christengemäße Art zu feiern, den ursprünglichen Zusammenhang vom jeweiligen Fest und seinem religiösen Sinn zur Geltung zu bringen. Wie trivial werden Weihnachten und Ostern, wenn ihnen der Glaubenssinn fehlt! Und wie verkommen kann ein Sonntag ohne Glauben, der ja mittlerweile für viele zu einem verlorenen Tag geworden ist, weil da Profit verloren geht.
Die Festtage erinnern uns an die Großtaten Gottes, und wir öffnen
uns entspannt und aufnahmefähig dem Wirken der Gnade.
Sich erholen heißt Kräfte sammeln, Hoffnungen beleben, Zukunftspläne
erwägen - kurz: die Art der Tätigkeit wechseln, um dann mit frischem
Schwung zur gewohnten Arbeit zurückzukehren.
Erholung bedeutet nicht, sich eine Zeitlang - im Urlaub oder in den Ferien
- vom Christsein zu suspendieren. Sie kann im Gegenteil uns tiefer mit Christus
verbinden, indem wir uns mehr Zeit zum Gebet nehmen, uns Kirchen anschauen
und dort verweilen. Vielleicht finden wir auch Zeit für ein gutes, religiöses
Buch.
Lassen wir uns vom Herrn einladen, mit ihm allein zu sein.
