1. Predigtvorschlag
Liebe Schwestern und Brüder, die Einheit der Jünger
ist das große Anliegen in dem Gebet, das wir soeben
als Evangelium gehört haben.
Wenn wir an die Einheit der Kirche denken, sind wir schnell
bei den anderen christlichen Konfessionen. Die Einheit der
Kirche steht aber genauso auf dem Spiel, wenn wir uns die
Richtungskämpfe innerhalb der Kirche ansehen. Links gegen
rechts, konservativ gegen progressiv, alt gegen neu, Feministinnen
gegen Pfarrherren - usw. Ich bezweifle, dass wir zu einer
echten ökumenischen Initiative fähig sind, solange
wir in unseren eigenen Reihen die Einheit nicht leben.
Das Vorbild für die Einheit ist Gott selbst, der Dreifaltige.
So, wie sie eins sind, sollen wir eins sein. In Gott aber
gibt es Freiheit und Verschiedenheit (Vater-Sohn-Geist), verbunden
in der Liebe und der Ausrichtung.
Uns gemeinsam ist die Ausrichtung auf Gott, der Glaube. Hilfe:
Der Satz, den vor allem Johannes XXIII. geprägt hat:
Einheit im Notwendigen, Freiheit im Zweifel, in allem aber
die Liebe.
Einheit im Notwendigen: Das, was wesentlich zum Glauben und
der Kirche gehört, das, was nicht zur Diskussion stehen
darf, das verbindet uns und soll auch von allen Teilen der
Kirche anerkannt werden.
Das jedoch, was veränderbar ist, was dem Wandel oder
dem persönlichen Geschmack unterliegt, was in seiner
Verbindlichkeit zweifelhaft ist, das soll jedem freigestellt
bleiben: Freiheit im Zweifel.
In allem aber die Liebe: Wenn wir - gegen unsere Neigung
- anerkennen müssen, dass etwas nicht verfügbar
ist, sondern zum gemeinsamen Glauben zählt, dann sollen
wir es in Liebe tun! Nicht mürrisch und zähneknirschend
- oder gar in der Haltung des Unterdrückten. Und umgekehrt:
Wenn wir anderen die Freiheit in den übrigen Dingen lassen,
dann nicht mit einem herablassenden Blick, sondern eben auch
in der Liebe.
Nun, ich gebe zu, das klingt einleuchtend. Aber es hilft dann
nicht viel, wenn wir uns nicht darüber einigen können,
was nun zum notwendigen Bestand des Glaubens gehört,
und was zum «zweifelhaften».
Deshalb ein paar Vorschläge, wie wir der Einheit innerhalb
der Kirche - in aller Freiheit und Liebe - näher kommen
können.
Wir kommen der Einheit und der Freiheit nicht näher ohne
die Bischöfe und den Papst. Wenn wir fragen, ob etwas
zur Diskussion steht - oder ob es eine Glaubensverpflichtung
für die ganze Kirche ist -, dann ist ein Gebot unseres
Glaubens, die Entscheidungen Roms und der Bischöfe als
erstes Kriterium anzunehmen.
Mit wieviel Liebe begegnen wir der anderen Position? Hören
wir noch zu? Sind wir bereit, anzuerkennen, dass der andere
(der erzkonservative oder der rücksichtslos progressive)
eventuell recht haben könnte? Suchen wir das Gespräch?
Nur, um recht zu behalten? Oder auch, um den anderen zu verstehen?
(Stephanus: ...hielten sich die Ohren zu)
Oder gehen wir jeder Diskussion mit billigen Ausflüchten
und bequemen Vorurteilen aus dem Wege: Mit dem kann man nicht
reden - Der ändert seine Meinung sowieso nicht - Die
sind verbohrt. Kein Mensch ist so schlecht, dass er nicht
das Recht auf ein aufrichtiges Gespräch hätte. Das
billigste wäre, sich auf Fernsehen und Zeitung zu verlassen.
Lassen wir uns nicht von Äußerlichkeiten und Kleinigkeiten
ablenken. Weder die Kleidung, noch die Auswahl der Gebete
oder Tonfall in der Kirche lassen definitive Schlüsse
über den Charakter eines Menschen oder einer Meinung
zu. Hüten wir uns vor billigen Feindbildern.
In der Kirche ist Platz genug für jeden von uns. Keiner
muss seine Identität an der Kirchentür abgeben.
Nur eines bleibt ein Gebot: Liebet einander. Wichtiger als
unsere Meinungsverschiedenheiten ist die Bereitschaft uns
dort zu ändern, wo wir lieblos und unaufrichtig sind.
Denn wenn die Liebe fehlt, ist die Einheit nur noch Zwang.
Amen.
2. Predigtvorschlag
(Pfr. Dr. Axel Schmidt, 2006)
Liebe Gemeinde!
Wenn Gott uns so geliebt hat, müssen auch wir einander lieben.
(1 Joh 4,11) Der Evangelist Johannes stellt diese Folgerung auf angesichts
der überraschenden Aussage, daß Gott (die) Liebe ist.
(1 Joh 4,8.16) Papst Benedikt kommentiert diese Aussage dahingehend, daß
uns hier ein ganz neues Gottesbild vor Augen gestellt wird. (DCe n. 9)
Für uns erscheint diese Aussage vielleicht gar nicht so neu, weil
unsere Tradition sie seit Jahrhunderten überliefert, so daß
sie eher alt und nichtssagend zu sein scheint.
Aber der Schein trügt, denn auch in unserer Zeit herrscht ein Denken
vor, in das die Liebe nicht so recht hineinpaßt. Das Denken, das
ich meine, ist vom Willen zur Macht bestimmt. Der moderne Mensch hat,
wie der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker gesagt
hat, mit Wissenschaft und Technik das Wagnis einer Erkenntnis ohne
Liebe unternommen. Am Anfang der Neuzeit hoffte René Descartes,
daß die Technik uns Menschen zu Herren und Eigentümern
der Natur machen könnte und daß insbesondere die Medizin
uns vor allerlei Krankheiten, ja vielleicht sogar auch vor Altersschwäche
bewahren können müßte. Er sah den Leib des Menschen
als eine Maschine an, die man mit den nötigen Kenntnissen beliebig
lange in Betrieb erhalten kann. Seit diesen Worten sind gut 300 Jahre
vergangen, die Atombombe ist gebaut worden und hat ihren Schrecken über
die Menschheit gelegt. Aber die Menschen träumen weiter vom Sieg
der Technik über die Natur und verdrängen ihre eigene Sterblichkeit.
Sie setzen auf die machtförmige Wissenschaft und überlassen
der Liebe höchstens den zweiten Platz in ihrem Leben.
Fragen Sie einmal in Ihrem Bekanntenkreis: Was ist die alles bestimmende
Wirklichkeit? Sie werden verschiedene Antworten bekommen, aber wohl kaum
hören, daß es die Liebe sei. Viele werden sagen: das Geld;
andere werden auf Wissenschaft und Technik verweisen, wieder andere auf
die militärische Macht. Da sind sich selbst Präsident Bush und
der iranische Diktator Mahmud Ahmadineschad vermutlich einig. Denn auch
wenn sie beide ein verschiedenes Gottesbild haben, so wird dieses doch
in genau diesem einen Punkt übereinstimmen: ihr Gott ist der Allmächtige,
und jeder will seinen Gott durch den Erfolg erweisen, den er in der Geschichte
errungen hat letztlich durch Inanspruchnahme menschlicher Macht.
Aber wir brauchen gar nicht so weit zu gehen und die Inhaber höchster
Ämter zu befragen, auch der kleine Mann auf der Straße wird
so urteilen: Wenn es überhaupt einen Gott gibt, dann muß er
die alles bestimmende Wirklichkeit sein, d.h. er wird zur Durchsetzung
seiner Interessen alle seine Macht einsetzen. Und wenn er dies nicht tut,
dann gibt es ihn gar nicht. Das meine ich, wenn ich eingangs sagte, auch
unser Denken sei vom Willen zur Macht bestimmt oder jedenfalls infiziert.
Die Bibel fordert uns heraus, dieses unser Denken in Frage stellen zu
lassen und zu ändern. Wir sollen uns auf die überraschende Botschaft
einlassen, daß Gott zwar allmächtig ist, aber daß er
vor allem die Liebe ist und daß er deshalb nicht einfach die Wirklichkeit
nach seiner beliebigen Willkür beherrscht, sondern der menschlichen
Freiheit Raum zur Entfaltung läßt. Gott hat in seiner Liebe
zu seinen Geschöpfen so großen Respekt vor unserer Freiheit,
daß er seine eigene Freiheit und Macht zurückzieht, selbst
dann, wenn die Freiheit zum Bösen mißbraucht wird.
Wie wenig wir das wirklich verstanden haben, zeigt sich daran, daß
wir immer sogleich entrüstet fragen, warum Gott denn dies und das
zugelassen hat. Warum läßt Gott es zu, daß so viele Verbrechen
geschehen? Warum geht es den Guten so schlecht und den Bösen so gut?
Ich behaupte nicht, daß ich eine Antwort auf diese oft wirklich
bedrängende Frage wüßte. Die kann nur Gott selbst geben.
Aber dies eine sollte doch klar sein: Wenn Gott auch die Bösen zum
Guten führen will was ich fest glaube , dann kann er
das nur erreichen, indem er durch seine werbende Liebe ihr Herz erreicht;
dann muß er wohl viel Geduld haben wie uns die Heilige Schrift
ausdrücklich versichert (Röm 2,4; 2 Petr 3,9) , denn er
kann nicht einfach mit Gewalt durchsetzen, was doch aus Einsicht und freier
Entscheidung kommen soll. Die Liebe zieht sich darum immer wieder zurück
und gebraucht keine Gewalt, sondern wartet in selbstgewählter Ohnmacht
ab, bis der andere verstanden hat. Und gerade so erweist sich die Liebe
als die größte Macht dieser Welt, als diejenige Wirklichkeit,
die uns letztlich aus der Macht der Nichtliebe und des Todes erlösen
wird. Aber das ist ein Glaubenssatz, der durch die Erfahrung nur unvollkommen
gedeckt ist.
Der Papst weist in diesem Zusammenhang auf eine Stelle beim Propheten
Hosea hin. Hier geht es um den Abfall des Gottesvolkes vom Bund; Israel
hat sozusagen die Ehe gebrochen den Bund; Gott
müßte es eigentlich richten, verwerfen. Aber gerade nun zeigt
sich, daß Gott Gott ist und nicht ein Mensch: »Wie könnte
ich dich preisgeben, Efraim, wie dich aufgeben, Israel? ... Mein Herz
wendet sich gegen mich, mein Mitleid lodert auf. Ich will meinen glühenden
Zorn nicht vollstrecken und Efraim nicht noch einmal vernichten. Denn
ich bin Gott, nicht ein Mensch, der Heilige in deiner Mitte« ( Hos
11,8-9). Und Benedikt XVI. kommentiert: Die leidenschaftliche
Liebe Gottes zu seinem Volk zum Menschen ist zugleich vergebende
Liebe. Sie ist so groß, daß sie Gott gegen sich selbst wendet,
seine Liebe gegen seine Gerechtigkeit. Der Christ sieht darin schon verborgen
sich anzeigend das Geheimnis des Kreuzes: Gott liebt den Menschen so,
daß er selbst Mensch wird, ihm nachgeht bis in den Tod hinein und
auf diese Weise Gerechtigkeit und Liebe versöhnt. (n. 10)
Der Papst fährt nun fort, indem er das biblische Gottesbild als
eine großartige Synthese deutet, eine Synthese von Vernunft und
Liebe, von Erkenntnis und Hingabe, von Nüchternheit und Leidenschaft.
Was wir Menschen so gerne trennen, das ist in Gott Eines; jede Einseitigkeit
verbietet sich von hier aus. Auch die Differenzen im Begriff der Liebe
sind geeint, wie der Papst schreibt: Damit ist der Eros aufs Höchste
geadelt, aber zugleich so gereinigt, dass er mit der Agape verschmilzt.
Darum kann es auch eine liebende Vereinigung des Menschen mit Gott geben,
aber diese Vereinigung ist nicht Verschmelzen, Untergehen im namenlosen
Ozean des Göttlichen, sondern ist Einheit, die Liebe schafft, in
der beide Gott und der Mensch sie selbst bleiben und doch
ganz eins werden. (n. 10)
Das neue Gottesbild hat ein neues Menschenbild zur Folge. Darüber
werde ich beim nächsten Mal sprechen.
Carl Friedrich von Weizsäcker: Die Geschichte der Natur. Zürich:
Hirzel, 1948, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 61964, 126.
René Descartes: Discours de la méthode. Hamburg: Meiner,
1990, VI, 2.
Zu Christus, der uns im Heiligen Geist zum ewigen Leben gerufen
und uns hier versammelt hat, beten wir für unsere Welt:
-
Für die, die mit immer neuen Richtungskämpfen
in unserer Kirche für Verwirrung und Unsicherheit
sorgen: Um Liebe, Rücksichtnahme und Demut.
-
Für die jungen Männer die am kommenden Pfingstsonntag
in Münster zu Priestern geweiht werden (besonders
für Stefan Jasper-Bruns aus Recke): Um
-
Freude und Begeisterung für ihre Aufgabe.
-
Für unsere Missionare, Ordensleute und Entwicklungshelfer:
Um Ausdauer, Freude und ein offenes Ohr für die Sorgen
der Menschen.
-
Für uns alle, die hier versammelt sind: Um die Frucht
des Geistes, um Liebe und Freude, Freundlichkeit und Güte.
-
Für unsere Verstorbenen, und für alle die Toten,
an die keiner mehr denkt. Wir feiern diesen Gottesdienst...
Denn durch dich ist uns der Heilige Geist verheißen,
der uns zum Leben mit Dir und deinem Vater führen will.
Durch dich preisen wir den Vater in Ewigkeit. Amen.
Einzug: 228
Nichts ist so alt, wie die Zeitung von gestern, nichts so
unmodern wie die Mode von vor fünf Jahren. Wir leben
in einer kurzatmigen Zeit, in der sich der der Zeitgeist schneller
wandelt als je zu vor. Wir kommen kaum noch mit. Ein Grund
mehr, um den Geist zu bitten, der sich selbst immer treu ist
und jeden Wandel überlebt. In diesen Tagen vor Pfingsten
wollen wir uns diesem Geist der Wahrheit und des Lebens neu
öffnen und um seine Ankunft in unseren Herzen bitten.
Wir wollen ausräumen, was wir selbst Seinem Wirken in
den Weg gelegt haben.
Kyrie: sprechen
Gloria: 476
1. Lesung: Apg 7, 55-60
Zwischengesang: 889, 2 + 4 (Wenn das Brot, das wir teilen...)
Evangelium: Joh 17, 20-26
Credo: 930, 1 + 2
Gabenbereitung: 634, 1 - 6
Sanctus: 480
Agnus Dei: 481
Danksagung: 937, 1 + 6 + 7
Schluss: 638