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Predigt zum 15. Sonntag im Jahreskreis
1. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink - 15.07.07

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn man eine Umfrage machen würde, welches denn wohl das bekannteste Gleichnis sei, das Jesus erzählt hat, dann würde neben dem Gleichnis vom verlorenen Sohn bzw. dem barmherzigen Vater sicherlich auch das Evangelium von heute genannt werden: Der barmherzige Samariter.

Selbst jene, die mit der Kirche sozusagen nichts am Hut haben, kennen großteils diesen Teil der Hl. Schrift. "Ein barmherziger Samariter zu sein" ist in die bildhafte Sprache des Alltags eingegangen. Große Künstler haben sich dieses Themas angenommen, z. B. Vincent van Gogh, der auf eindrucksvolle Weise darstellt, wie der Samariter denjenigen auf sein Reittier setzt, der unter die Räuber gefallen war.

Der Barmherzige Samariter ist uns sympathisch: er sieht die Not, hat Mitleid und hilft selbstlos und tatkräftig.
Der Barmherzige Samariter: das ist auch das Idealbild für alle in der Pflege und Medizin beschäftigten.
Insofern ist die Botschaft des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter klar und einfach: Der wichtigste Mensch ist der, dem du gerade begegnest. Der wichtigste Moment ist jetzt. Die wichtigste Tätigkeit ist die, in der du jetzt Gutes tun kannst.
Doch ich glaube, das Gleichnis hat auch noch eine andere Dimension, eine Tiefendimension. Es ist wie eine Muschel, die man im Meer finden kann. Man öffnet die Muschel, und wenn man Glück hat, ist darin eine Perle, etwas Wertvolles und Schönes, auf das es ankommt. Und eine solche Perle können wir auch im Gleichnis finden. Schauen wir einmal genauer hin:
Da ist dieser Mann, von dem wir weder wissen, was er beruflich macht, noch, wie alt er ist und was er vorhat. Wir wissen nur, daß er von Jerusalem kommt und nach Jericho will. Das heißt: Man kann annehmen, daß es sich um einen frommen Mann handelt, um einen, der den Tempel besucht und ein Opfer dargebracht hat. - Ein solcher Mann ist in den Augen des Gesetzeslehrers, der Jesus in das Gespräch verwickelt hat, sofort sympathisch. Man könnte denken: dieser Mann, der da unterwegs ist und überfallen wird, in dem kann ich mich wiederfinden! Ja, dieser Mann - der bin ich selbst! Genau das will Jesus hier: daß der Hörer des Gleichnisses sich mit diesem Mann, der da unter die Räuber fällt, identifiziert! Daß er sagt: Ja, das bin ich!
Genau darum geht es Jesus. Die drei Figuren, die jetzt auftauchen - der Priester, der Levit, schließlich der Mann aus Samarien - sie zeigen durch ihr praktisches Verhalten: nicht der, von dem ich es vielleicht am ehesten erwarte, weil er mein Verwandter, mein Stammesgenosse oder mein Verbündeter ist, sondern der, der mir helfend zur Seite steht, der ist es, der sich mir als mein Nächster erweist!
Was tut also Jesus? Er dreht die Frage des Gesetzeslehrers um. Der Gesetzeslehrer wollte ja wissen: Wie komme ich in den Himmel? - Eine berechtigte Frage, eine Frage, die zeigt, daß es ihm um's Ganze geht. Jetzt aber zwingt ihn Jesus, sich in die Rolle des verletzten, blutenden, ausgeraubten Mannes zu versetzen, der da im Staub liegt und dem die eigenen Mitmenschen nicht helfen!
Was könnte das denn anderes bedeuten, als daß Jesus sagen will: Du Mensch, der du überlegst, was du selber tun kannst, um in den Himmel zu kommen, du mußt dir erst einmal bewußt sein, wer du eigentlich bist! Du mußt dir bewußt sein, daß du selber geschlagen, ausgeplündert und blutend daliegst - durch die Sünde, der du dich ausgeliefert hast, durch die Macht des Bösen, die dir alles genommen hat, was dir wichtig und heilig war!

Und wenn du das erkannt hast, wer du bist und was du hast, dann dankst du für den Menschen, dem du bisher aus dem Weg gegangen und für den du nicht viel übrig gehabt hast, weil er aus Samarien kommt. Er wird jetzt für dich ganz wichtig, denn er rettet dein Leben, er hebt dich auf sein Reittier, er bringt dich in die Herberge, wo man für dich sorgt und du dich erholen kannst!
Ich bin sicher, daß Jesus genau an dieser Stelle von sich selber spricht. Er spricht vom barmherzigen Samariter. Und in der Gestalt dieses Mannes aus Samarien will Jesus selbst erkannt werden. Warum können wir das annehmen? Darauf gibt es zwei Antworten: Einmal, weil Jesus weiß, daß er eines Tages von seinen eigenen Glaubensbrüdern ausgestoßen, verraten und ausgeliefert wird, daß man mit ihm nichts mehr zu tun haben will. - Und zum anderen, weil dieses Gleichnis im Lukasevangelium kurz nach der Stelle kommt, wo es heißt, daß Jesus sich entschließt, nach Jerusalem zu gehen: Jerusalem - da wird er verworfen werden, da wird er auch auferstehen und seine Sendung vollenden.
Und auf diesem seinen Weg nach Jerusalem begegnet er uns, die wir durch die Sünde kraftlos geworden sind und wie Ausgeraubte am Boden liegen. Er lindert unsere Schmerzen mit dem Öl der Sakramente. Er nimmt uns mit in die Herberge, wo wir ausruhen können: ein wunderbares Bild für die Kirche und den Gottesdienst, der uns zu uns selbst und zum lebendigen Gott kommen läßt.
Und so ist dieses Gleichnis wirklich eine Perle und ein Schatz, der uns anvertraut ist, damit wir Jesus, den wahren Samariter, finden und durch ihn leben.

2. Predigtvorschlag

(Pfr. Dr. Axel Schmidt, 2007)

Liebe Gemeinde!

Immer wieder kommen Menschen an meine Tür, die von mir Hilfe erwarten, meistens finanzieller Art. Selten habe ich diese Bettler mit leeren Händen weggeschickt – nur dann, wenn sie in kurzer Zeit allzu häufig gekommen sind, unverschämt waren oder ganz offensichtliche Lügengeschichten erzählt haben. Aber auch wenn ich Grund habe zu glauben, daß sie mir etwas Unwahres erzählen, gebe ich ihnen meistens etwas. Allerdings bin mir ich nicht immer sicher, daß das richtig ist.

Oft fällt mir die heutige Beispielgeschichte ein, und dann frage ich mich, ob sie überhaupt anwendbar ist auf solche Betteleien. Etwas anderes ist es beispielsweise, wenn ich mit dem Auto an einem Unfall vorbeifahre und keiner ist da, der erste Hilfe leistet. Dann bin ich gefordert – ganz egal, was für wichtige Termine ich habe. Ich muß anhalten und den Verletzten beistehen, so gut ich kann.

Wo ist der Unterschied? Ich sehe zwei wichtige Unterschiede: 1. in der Dringlichkeit der geforderten Hilfe und 2. in meinen eigenen Möglichkeiten zu helfen. Die Bettler auf der Straße oder an meiner Haustür haben keine erste Hilfe nötig; sie sind zwar in einer sehr bemitleidenswerten Lage, aber nicht in Lebensgefahr. Manchmal erwecken sie nicht einmal Mitleid, sondern eher das Gegenteil: Zorn und Empörung, weil sie so unglaublich dreist sind. Und zum zweiten: die Spaziergänger, die an den Bettlern vorbeigehen, und die Hausbewohner, die angebettelt werden, wären völlig überfordert, wenn sie verpflichtet wären, den vielen Elendsgestalten zu helfen.

Was folgt daraus? Eine ganz wichtige Regel der Moral, daß nämlich unsere Verantwortung begrenzt ist, und zwar begrenzt durch unsere eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten. Nicht alle Menschen sind uns gleich nah; einige sind weit weg außerhalb unseres Verantwortungsbereichs, andere stehen uns näher und wieder andere stehen uns am nächsten.

Da unsere Möglichkeiten begrenzt sind, ist auch unsere Verantwortung begrenzt. Wir können nicht allen Armen und Kranken auf dieser Welt helfen, und darum müssen wir es auch nicht. Wir sollen da helfen und Gutes tun, wo Menschen uns wirklich nahe sind, d.h. vor allem in der Familie, am Arbeitsplatz und in der Kirchengemeinde.

Das ist die eine Lehre, die ich aus dem heutigen Evangelium ziehe. Sie entlastet mich und macht mich gerade dadurch frei für andere Werke der Liebe, Werke der Übergebühr, wie man sie auch genannt hat.

Denn davon handelt das Evangelium auch und gibt mir noch diese zweite Lehre: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40) Wenn ihr das tut, was über Pflicht und Schuldigkeit hinausgeht, dann seid ihr wirklich Kinder Gottes und habt keine enge Krämerseele. An der Bereitschaft zu solcher Liebe hat man in zwanzig Jahrhunderten die Christen erkannt. Also an einer Liebe, die weder fragt: „Was bekomme ich dafür?“, noch sich gezwungen sieht, weil Pietät und Anstand ein entsprechendes Verhalten gebieten.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal auf die Bettler an der Tür zurückkommen. Nicht selten verfahren diese nach einem ziemlich schäbigen Argumentationsmuster: Sie wollen mir einreden, daß ich als Pfarrer ja wohl durch mein Amt oder wenigstens durch Sitte und Anstand gehalten sei, ihnen großzügig Geld zu geben. Sie nutzen damit mein Amt aus und halten meine Freundlichkeit für selbstverständlich. Entsprechend undankbar treten sie auf. Das ist eine Verhaltensweise, die ich auch in anderem Zusammenhang schon öfter beobachtet habe: Da wird einem Menschen großzügig Zeit und Aufmerksamkeit geschenkt, und anschließend sagt dieser nur halbherzig „Dankeschön“; statt dessen gibt er seinem Helfer zu verstehen, daß sich sein Verhalten ja eigentlich von selbst verstehe. Darf man etwa von einem Christen nicht Liebe erwarten? – Wenn einem solches gesagt wird, kann selbst der geduldigste und freundlichste Mensch die Beherrschung verlieren! Das sind tiefe Nadelstiche, die dem liebenden Samariter die Freude an der guten Tat echt versauern.

Es wird oft gesagt, daß unsere Gesellschaft kälter geworden ist. Ich glaube auch, daß das zutrifft. Aber das liegt nicht nur daran, daß es weniger Menschen gibt, die bereit sind, wie der barmherzige Samariter über Gebühr Gutes zu tun; es liegt auch an der empörenden Undankbarkeit, die den zum Guten bereiten Menschen entgegengebracht wird. Ich habe kein Recht, über die kalte Welt zu schimpfen, wenn ich nicht selbst Licht und Wärme in meiner Umwelt verbreite.

3. Predigtvorschlag

Wozu sind wir auf Erden?

„Wozu sind wir auf Erden?“ – So begann in früheren Zeiten der Katechismus – ziemlich lange ist das her. Manche haben geglaubt, der Katechismus mit solchen Fragen sei überholt, der heutige Mensch habe andere Fragen und Probleme. – Nun, ich kann nicht für andere sprechen, aber mir persönlich kommt diese eine Frage doch durchaus biblisch vor. Der Gesetzeslehrer fragt: „Meister, was muß ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“ (Lk 10, 25) - Ich gebe gerne zu, daß mir diese Frage letztlich weitaus wichtiger und auch wertvoller und schöner, aber auch anspruchsvoller und unbequemer vorkommt als etwa die Frage: „Wie stelle ich es an, um möglichst glücklich zu werden?“ - oder: „Wie bringe ich die anderen dazu, auf möglichst viele meiner Wünsche und Bedürfnisse einzugehen?“

Inzwischen sehen viele ein, daß die Zeit des Ego-Trip vorbei ist. Solidarität ist wieder gefragt. Gemeinsinn und gegenseitige Hilfe kommen wieder an. So hat auch das Gleichnis, das Jesus erzählt, wieder eine Chance.

Doch Vorsicht: Dem Gesetzeslehrer geht es nicht um ein bißchen. Ein bißchen Liebe, ein bißchen Glück. Es geht ihm, genauer gesagt, um alles.

Nur gibt es hier noch einen Unterschied. Der Gesetzeslehrer fragt zuerst nicht, um eine Antwort zu bekommen. Er fragt, um „Jesus auf die Probe zu stellen“ (Lk 10,25). Das heißt: Mit dieser Frage will er Jesus in eine Falle locken. Aufgrund seines überragenden biblischen Wissens will der Schriftgelehrte Jesus in Widersprüche verstricken und so Jesus bloßstellen, ihn entlarven als unechten Rabbi sozusagen.

Jesus tappt nicht in diese Falle, die ihm gestellt wurde. Überhaupt tappt er niemals in eine Falle, auch wenn sie noch so gemein angelegt wird. Auch am Ende, als er am Kreuz hängt, ist er nicht in eine Falle getappt. Was er tut, tut er, weil Er es will und weil es der Verherrlichung des Vaters dient. So auch hier. Obwohl er die Absicht durchschaut, geht er auf den Fragesteller ein. Er will ihm helfen. Jesus ist nicht zu uns Menschen gekommen, um uns unsere Armseligkeit vor Augen zu halten oder um seine Überlegenheit uns gegenüber auszuspielen. Er ist gekommen, zu heilen, zu retten und zu erlösen. So geht er auf den ein, der ihm die Frage gestellt hat. Denn er gehört auch zu denen, die das Heil erben sollen. Jesus läßt ihn selbst zu Worte kommen. Er läßt ihn die Worte zitieren, die jeder gläubige Jude kannte und die jeder immer wieder aufsagte und sogar als Schrifttext an seiner Stirne trug: „Höre, Israel, Jahwe, unser Gott Jahwe ist einzig. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben ... und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (vgl. Mk 12,29-31).

So hat Jesus den Schriftgelehrten selbst zu der eigentlichen Frage geführt, die da lautet: „Und wer ist mein Nächster?“ (V. 29). Und Jesus beantwortet die Frage in einer, wie ich finde, vollkommen überraschenden Weise. Denn dieses Gleichnis, das er erzählt – wir kennen es als Gleichnis vom barmherzigen Samariter – dreht die Frage des Schriftgelehrten um 180 Grad um! Nachdem Jesus beschrieben hat, was der barmherzige Samariter alles getan hat, um das Leben des Überfallenen zu retten und ihn in Sicherheit zu bringen, macht er deutlich: dieser Samariter, das ist der Nächste! Der Nächste dessen, der von den Räubern überfallen wurde.

Der Nächste ist also nicht nur der, der Hilfe nötig hat, sondern der Nächste ist in diesem Blickwinkel der, der barmherzig ist: in seiner selbstlosen Hilfe, die nicht fragt, ob der andere die Hilfe auch wiedergutmachen kann. Der Nächste, das ist der, der Gutes tun kann, der Öl und Wein dabei hat, der Geld genug hat, um die Pflege des Verletzten zu bezahlen.

Hier kommt also etwas anderes ins Spiel, und ich bin sicher: Hier will Jesus von sich selbst sprechen. In einer ganz zurückhaltenden, dezenten, unaufdringlichen Weise macht Jesus deutlich, wozu er gekommen ist: um wie der barmherzige Samariter uns zu Hilfe zu eilen, wenn wir verletzt daliegen und nicht weiterkönnen, wenn wir verletzt sind in unserer Seele, wenn wir keinen Sinn mehr darin sehen, weiterzugehen. Dann kommt er mit dem Öl und dem Wein der Sakramente und richtet uns wieder auf. Dann beauftragt er Menschen, sich um uns zu sorgen und zu kümmern – ein wunderbares Bild für das Dienstamt in der Kirche - , und so sorgt er dafür, daß der Mensch vom Tod ins neue Leben kommt.

So hat die Kirche dieses Gleichnis immer in dieser doppelten Weise verstanden: einmal als Auftrag, es dem barmherzigen Samariter gleichzutun und Hilfe zu leisten, wo sie gebraucht wird und Menschen retten kann. – Dann aber auch, in einer tieferen Sicht, als Gleichnis für das, was Jesus an uns Menschen tut: er kommt, um uns Verlorene zu retten, indem er selbst sein Leben einsetzt. Und er tut es, obwohl wir zunächst nicht seine Freunde sind, obwohl wir zunächst nicht seine Hilfe erwarten durften. Er tut es, weil er gut ist und weil er uns liebt.

Wozu sind wir auf Erden? Nachdem wir dieses Gleichnis gehört haben, ist die Antwort darauf nicht mehr allzuschwer.

4. Predigtvorschlag

„Aus den Augen, aus dem Sinn“ - wir werden nach dem gerichtet werden, was unsere Augen gesehen haben

„Aus den Augen, aus dem Sinn“ - wer von uns kennt nicht dieses Sprichwort. „Aus den Augen, aus dem Sinn“ - das bedeutet: was ich nicht sehe, kümmert mich auch nicht. Wenn ich einer Sache aus dem Weg gehen will, sorge ich dafür, daß es mir nicht vor die Augen kommt. So einfach ist das. „Was ich nicht weiß, das macht mich nicht heiß.“ Schauen wir einmal auf den reichen Mann und den armen Lazarus: Der Reiche läßt den Armen vor seiner Tür liegen. Nicht, weil er Angst gehabt hätte vor seinen Läusen oder sonst etwas, sondern weil er ihn nicht sehen wollte. Denn sehen, das ist schon der Anfang der Nächstenliebe. Erst das Auge, dann die Hände. Liebe macht nicht nur erfinderisch, sondern sie macht zuerst auch finderisch, sie sucht und sie findet die Not, der abgeholfen werden muß. Hat das Auge dann die Not gefunden, wird auch die Hand durch die Liebe regsam. Mache ich aber die Augen zu, dann wird auch die Hand arbeitslos. Und mit dem geschlossenen Auge schläft dann auch das Gewissen ein, weil das Gewissen ja nichts mehr sieht und nichts mehr weiß und sagen kann: Was habe ich denn davon gewußt!?

Jesus sagt, wenn er eines Tages wiederkommen wird, um zu richten die Lebenden und die Toten, dann wird er zu den einen sagen: Ich, ja ich war es, der euch in den Hungrigen, Nackten, Gefangenen begegnete, und ihr habt mir nicht geholfen, und die so Verklagten werden mit der Gegenfrage antworten: „Herr, wann haben wir dich gesehen hungrig oder durstig oder nackt oder krank?“ (Mt 25,44).

Was einmal gerichtet werden wird, sind unsere Augen. Was sie gesehen haben und was sie sehen wollten. Darauf will das Gleichnis vom barmherzigen Samariter hinaus. Jesus erzählt dieses Gleichnis, weil er Antwort geben will auf die Frage des Schriftgelehrten: „Und wer ist mein Nächster?“ (Lk 10,29) Und Jesus erzählt: Ein Mann - wörtlich: ein Mensch - fällt auf seinem Weg von Jerusalem nach Jericho unter die Räuber und bleibt halbtot am Straßenrand liegen. - Zwei Personen kommen denselben Weg hinab: ein Priester und ein Levit. Menschen also, die das Gesetz kennen. Die nach den Vorschriften leben, die Moses seinem Volk gegeben hat, die aber auch das Gebot der Gottes- und der Nächstenliebe kennen (vgl. Dtn 6,5; Lev 19,18). Beide sehen den Verwundeten. Aber im gleichen Moment regt sich Widerstand und sie „weichen nach der entgegengesetzten Seite aus“, wie es wörtlich übersetzt heißt. Das heißt: sie machen einen weiten Bogen. Sie machen einen Bogen um den, der als ihr Nächster gelten müßte. Sie sehen den Menschen in seinem Blut, aber sie wollen nicht annehmen, daß dieser da jetzt der Nächste ist. Sie handeln nach dem Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn.

Anders der Samariter. Er hat, so sagt das Evangelium, „Mitleid“ (Lk 10,33). Lukas drückt es in etwa so aus: Es regte sich etwas in seinen Eingeweiden. Und es geschieht das, was hier geradezu die Pointe des Gleichnisses darstellt: es geschieht, daß die Frage des Schriftgelehrten umgekehrt wird. Das Schriftgelehrte fragte ja Jesus: Wer ist mein Nächster? - Der Samariter fragt anders, er fragt: Wem bin ich der Nächste? - In dem Moment, wo ich so frage, kann ich nicht mehr die Augen zumachen. Es gilt dann nicht mehr das Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn - sondern es gilt das neue Motto: Guter Gott, deine Augen in meinem Sinn! - Lernen, mit Gottes barmherzigen Augen die Welt und die Menschen zu sehen, das will uns Jesus lehren. Beides gehört zusammen: Gott erkennen mit den Augen des Glaubens, um dann die Sorgen und Nöte der Menschen sehen zu können und danach zu handeln. Eins ohne das andere geht nicht. Danach werden wir einmal gefragt werden: was unsere Augen sehen wollten.

5. Predigtvorschlag

Mein Nächster ist Jesus - der barmherzig an mir handelt, der mich heilt und rettet

Ab und zu gibt es im Sommer auch einige wunderschöne Tage. Und so setzte ich mich einmal eines Sonntagabends auf das Fahrrad, um eine kleine Tour zu unternehmen, doch die nahm bald ein jähes Ende. Kaum aus Greven herausgekommen, kam ich bei dem Versuch, ein Ehepaar zu überholen, von der Fahrbahn ab, ich schlug hart auf und hatte an verschiedenen Stellen Blessuren und blutige Stellen. - Nun heißt es ja, daß viele unserer Zeitgenossen gleichgültig seien, an Unfallstellen vorbeiführen, nur gafften und nichts täten und so weiter.
Doch hier passierte das genaue Gegenteil: kaum lag ich da, war ich umringt von Leuten, die alle helfen wollten. Ein Auto hielt an, und verschiedene Vorschläge wurden gemacht, wie mein bedrohtes Leben kurzfristig zu retten sei. Es war nicht ein barmherziger Samariter anwesend, es waren derer viele.

Irgendwo hat wohl jeder von uns das schon einmal erlebt: daß es darauf ankam, einfach anzupacken und zu helfen, ohne lange zu fragen, oder daß man eben - wie ich in dem geschilderten Fall - dankbar ist für schnelle Hilfe im Notfall.

Insofern ist die Botschaft des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter klar und einfach: Der wichtigste Mensch ist der, dem du gerade begegnest. Der wichtigste Moment ist jetzt. Die wichtigste Tätigkeit ist die, in der du jetzt Gutes tun kannst.

Doch ich glaube, das Gleichnis hat auch noch eine andere Dimension, eine Tiefendimension. Es ist wie eine Muschel, die man im Meer finden kann. Man öffnet die Muschel, und wenn man Glück hat, ist darin eine Perle, etwas Wertvolles und Schönes, auf das es ankommt. Und eine solche Perle können wir auch im Gleichnis finden. Schauen wir einmal genauer hin:

Da ist dieser Mann, von dem wir weder wissen, was er beruflich macht, noch, wie alt er ist und was er vorhat. Wir wissen nur, daß er von Jerusalem kommt und nach Jericho will. Das heißt: Man kann annehmen, daß es sich um einen frommen Mann handelt, um einen, der den Tempel besucht und ein Opfer dargebracht hat. - Ein solcher Mann ist in den Augen des Gesetzeslehrers, der Jesus in das Gespräch verwickelt hat, sofort sympathisch. Man könnte denken: dieser Mann, der da unterwegs ist und überfallen wird, in dem kann ich mich wiederfinden! Ja, dieser Mann - der bin ich selbst! Genau das will Jesus hier: daß der Hörer des Gleichnisses sich mit diesem Mann, der da unter die Räuber fällt, identifiziert! Daß er sagt: Ja, das bin ich!

Genau darum geht es Jesus. Die drei Figuren, die jetzt auftauchen - der Priester, der Levit, schließlich der Mann aus Samarien - sie zeigen durch ihr praktisches Verhalten: nicht der, von dem ich es vielleicht am ehesten erwarte, weil er mein Verwandter, mein Stammesgenosse oder mein Verbündeter ist, sondern der, der mir helfend zur Seite steht, der ist es, der sich mir als mein Nächster erweist!
Was tut also Jesus? Er dreht die Frage des Gesetzeslehrers um. Der Gesetzeslehrer wollte ja wissen: Wie komme ich in den Himmel? - Eine berechtigte Frage, eine Frage, die zeigt, daß es ihm um's Ganze geht. Jetzt aber zwingt ihn Jesus, sich in die Rolle des verletzten, blutenden, ausgeraubten Mannes zu versetzen, der da im Staub liegt und dem die eigenen Mitmenschen nicht helfen!

Was könnte das denn anderes bedeuten, als daß Jesus sagen will: Du Mensch, der du überlegst, was du selber tun kannst, um in den Himmel zu kommen, du mußt dir erst einmal bewußt sein, wer du eigentlich bist! Du mußt dir bewußt sein, daß du selber geschlagen, ausgeplündert und blutend daliegst - durch die Sünde, der du dich ausgeliefert hast, durch die Macht des Bösen, die dir alles genommen hat, was dir wichtig und heilig war!

Und wenn du das erkannt hast, wer du bist und was du hast, dann dankst du für den Menschen, dem du bisher aus dem Weg gegangen und für den du nicht viel übrig gehabt hast, weil er aus Samarien kommt. Er wird jetzt für dich ganz wichtig, denn er rettet dein Leben, er hebt dich auf sein Reittier, er bringt dich in die Herberge, wo man für dich sorgt und du dich erholen kannst!

Ich bin sicher, daß Jesus genau an dieser Stelle von sich selber spricht. Er spricht vom barmherzigen Samariter. Und in der Gestalt dieses Mannes aus Samarien will Jesus selbst erkannt werden. Warum können wir das annehmen? Darauf gibt es zwei Antworten: Einmal, weil Jesus weiß, daß er eines Tages von seinen eigenen Glaubensbrüdern ausgestoßen, verraten und ausgeliefert wird, daß man mit ihm nichts mehr zu tun haben will. - Und zum anderen, weil dieses Gleichnis im Lukasevangelium kurz nach der Stelle kommt, wo es heißt, daß Jesus sich entschließt, nach Jerusalem zu gehen: Jerusalem - da wird er verworfen werden, da wird er auch auferstehen und seine Sendung vollenden.

Und auf diesem seinen Weg nach Jerusalem begegnet er uns, die wir durch die Sünde kraftlos geworden sind und wie Ausgeraubte am Boden liegen. Er lindert unsere Schmerzen mit dem Öl der Sakramente. Er nimmt uns mit in die Herberge, wo wir ausruhen können: ein wunderbares Bild für die Kirche und den Gottesdienst, der uns zu uns selbst und zum lebendigen Gott kommen läßt.

Und so ist dieses Gleichnis wirklich eine Perle und ein Schatz, der uns anvertraut ist, damit wir Jesus, den wahren Samariter, finden und durch ihn leben.

6. Predigtvorschlag

(Pfr. Dr. Axel Schmidt, 2004)

Liebe Gemeinde!

Wir haben die Erzählung vom barmherzigen Samariter schon oft gehört. Wenn man einen Text oft hört, dann schaltet man schnell ab. Was soll ich da schon Neues erfahren? Aber es doch Gottes Wort, das uns immer wieder neu ansprechen und treffen kann!

Dreimal kommt in dieser Geschichte das Wort „Sehen“ vor. Der Priester und der Levit „sahen“, aber sie gingen weiter. Als aber der Samariter kam, da „sah“ er und „wurde von Mitleid ergriffen“. Sehen ist nicht gleich Sehen. Der eine sieht und nimmt nur nebenbei etwas zur Kenntnis, der andere sieht und erkennt seine Verantwortung. Wenn ich einen Menschen sehe, dann ruft mir sein Antlitz zu: „Du bist für mich verantwortlich!“ Aber dieser Ruf ist uns unangenehm, denn er ruft mich aus meinem Trott und aus meiner freien Verfügung über mich.

Die beiden Vorübergehenden hatten zweifellos ihren Grund, weiterzugehen. Sie waren unterwegs zum Kult und durften nicht unrein werden, indem sie einen Verletzten berührten. Sie hatten vermutlich mehr Grund weiterzugehen als so mancher Autofahrer, der an einem Unfallort einfach weiterfährt. Und dennoch taten sie unrecht. Der Überfallene lud ihnen eine größere Pflicht auf als der Gottesdienst, zu dem sie pflichtgemäß unterwegs waren.

Jesus macht dies unmißverständlich klar. Er erzählt diese Geschichte als Antwort auf die Frage des Gesetzeslehrers, der im Zweifel ist, wer denn sein Nächster ist. Jesus sagt: Wer dein Nächster ist, das kannst du SEHEN. Derjenige, der in dein Gesichtsfeld tritt – meist ungefragt und unangemeldet – der deine Hilfe braucht, der ist dein Nächster.

Diese Antwort ist zugleich entlastend und belastend. Sie ist entlastend, weil nicht alle die notleidenden Menschen, von denen wir in den Nachrichten hören, unsere Nächsten sind. Wir können nicht alles Elend durch unser Tun aus der Welt schaffen. Da unsere Möglichkeiten begrenzt sind, ist auch unsere Verantwortung begrenzt. Wir können nicht allen Armen und Kranken auf dieser Welt helfen – und darum müssen wir es auch nicht. Gewiß: manchmal werden wir durch das Fernsehen zu Spenden aufgerufen, damit z.B. Erdbebenopfern schnell geholfen werden kann. Dann werden fremde Menschen plötzlich zu Nächsten, und viele sehen es und werden von Mitleid und Hilfsbereitschaft ergriffen. – Jesu Wort ist entlastend, weil er nicht sagt, daß alle Menschen unsere Nächsten sind. Jesus überfordert uns nicht.

Aber auf der anderen Seite ist die Lehre Jesu doch auch fordernd. Denn sie sagt ganz klar: Wenn ein Mensch in dein Gesichtsfeld tritt und deine Hilfe braucht, dann darfst du dich nicht mit irgendwelchen Entschuldigungen herausreden! Meistens werden es ganz kleine Begebenheiten des Alltags sein, die uns auf diese Weise herausfordern: Wenn ein Kind einen geheimen Kummer hat oder auch nur etwas Wichtiges erzählen will, wenn der Ehepartner sich über irgend etwas ärgert oder sorgt, wenn im Nachbarhaus jemand krank geworden ist, wenn der Arbeitskollege meinen Beistand braucht, wenn der Vereinsvorsitzende die Mitglieder um ehrenamtliche Hilfe bittet usw. Ich denke auch an die vielen pflegebedürftigen Menschen, die zu Hause gepflegt werden. Das kostet enorm viel Kraft, Zeit, Geduld, Opfer und meistens auch viel Geld. Ich weiß nicht, wie viele unbekannte barmherzige Samariter in Südkirchen sind, aber es sind sicher sehr viele. Leider gibt es auch viele, die sich ganz und gar unbarmherzig und undankbar verhalten – wo kämen sonst die Millionen Obdachlosen in Deutschlands Städten her? Oft sind sie durch Ehescheidung oder Wohnungskündigung auf die Straße getrieben worden. Sicherlich haben auch viele selbst schuld an ihrem Schicksal – aber das darf für uns Christen kein Grund sein, sie abzuschreiben. Es kann vorkommen, daß solche vom Schicksal geschlagenen Menschen in unseren Lebenskreis eindringen und um unsere konkrete Hilfe bitten. Dann können sie plötzlich unsere Nächsten sein – auch wenn sie es vorher nicht waren. Was Jesus dann von uns fordert, ist schlicht Liebe, Nächstenliebe: Bereitschaft zum Zuhören, Verständnis und Mitleid.

Liebe Gemeinde! Das Gebot der Nächstenliebe ist nicht immer leicht in die Tat umzusetzen. Noch viel wichtiger als unsere helfende Tat ist jedoch unsere gute Gesinnung unseren Mitmenschen gegenüber. Wir können zwar nicht allen Notleidenden tatkräftig helfen, aber wir können sie aus innerer Gesinnung lieben, ihnen von Herzen gut gesonnen sei. Je mehr wir das üben – und Üben ist wörtlich zu verstehen: immer wieder anfangen, unsere unbeholfene Liebesfähigkeit zu vervollkommnen –, um so leichter wird es uns fallen, dann, wenn wir gefordert sind, als barmherzige Samariter den uns anvertrauten Menschen beizustehen. „Geh und handle genauso!“

Fürbitten

 

Liedvorschläge (GL Bistum Münster)