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Predigten 2017

Dass Predigten ins Internet gestellt werden, freut vor allem die Priester und Prediger, die mal wieder auf den letzten Drücker für ihre Predigt am kommenden Sonntag eine Idee suchen. Aber was sucht ein solches Angebot auf einer Jugendseite?
Nun, in Gesprächen mit Jugendlichen, die schon länger die Kirche nicht mehr von innen gesehen haben, höre ich immer wieder Vorwürfe wie z.B.: »Vor allem die Predigten sind langweilig«- »nur was für alte Leute«- »immer dasselbe«- »nicht meine Sprache, da verstehe ich nix«.
Alle, die so ähnlich denken und sich zufällig (oder doch geführt?) auf diese Seite verirren, lade ich ein, in diese Predigten hineinzuschauen. Und...? Ist dort wirklich alles langweilig, antiquiert und nichts-sagend? Schreibt ruhig!

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Um aktuell zu bleiben, werden manchmal einige Texte relativ kurzfristig eingestellt. Schaut also öfter hinter den gewünschten Termin - vielleicht hat sich ja inzwischen etwas getan.

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Predigtvorschläge -
1. Predigtvorschlag

von Pfr. M. Stücker (erstellt: 2017)

Die Bibel – wörtlich zu nehmen?

Sind wir Fundamentalisten, wenn wir zur Bibel greifen, wenn wir auf Fragen unseres Lebens eine Antwort suchen?

Vor ein paar Monaten war ich auf einer Versammlung, wo dem Pastor der Vorwurf gemacht wurde, er fördere Gruppen in seiner Gemeinde, die „fundamentalistisch“ seien. – Was das bedeuten sollte, wurde denn gleich auch beschrieben: Fundamentalistisch sei einer, der die Bibel wörtlich nimmt.

Auf dem Podium saß nicht der Pastor selbst, dort saßen aber verschiedene Vertreter, auch einer vom Bistum, und zwei von verschiedenen Bewegungen und Gruppen, die man in Verdacht hatte, „fundamentalistisch“ zu sein. - Und die wurden dann auch gleich in die Zange genommen: Was meinen Sie: muß man als Christ die Bibel wörtlich nehmen und wörtlich glauben?

Interessant fand ich, wie alle sofort und eindeutig zu erkennen gaben: Nein, natürlich nicht! Die Bibel muß man nicht wörtlich nehmen. Sie ist ein Buch, das man irgendwie anders verstehen muß.

Vermutlich hätte ich in dieser Situation genauso geantwortet. Doch irgendwas hat mich an dieser Antwort doch gestört, und ich habe überlegt, warum. Warum ist die Antwort: „Die Bibel muß man, ja kann man nicht wörtlich nehmen“, eine zu einfache Antwort, vielleicht sogar eine Antwort, die in die Irre führt?

Ich glaube, die Antwort liegt in der Botschaft, die wir heute im Evangelium empfangen. Es ist wiederum ein Abschnitt aus der Bergpredigt Jesu. Die Bergpredigt Jesu, eine große Redekomposition, die uns Matthäus überliefert, beginnt mit den Seligpreisungen der Bergpredigt und endet mit dem Gleichnis vom Haus auf dem Felsen. Sie enthält das schöne Doppelwort vom Salz der Erde und vom Licht der Welt, das wir sein sollen, und sie enthält auch das Vaterunser, das Jesus seine Jünger lehrt.

Und heute hören wir: „Liebt eure Feinde. Betet für die, die euch verfolgen.“ (Mt 5,44). – Wir können uns fragen: Wie sollen wir diese Aufforderung Jesu verstehen? Nicht etwa wörtlich? Aber wie dann? In einem „übertragenen“ oder weiteren Sinne? Aber was ist hier der „übertragene“ oder weitere Sinn? Ich kann meinen Feind, also den, der mir Böses antut, hassen und ihm Böses wünschen und ihn vielleicht auch ignorieren – oder ich kann ihn lieben, ihm Gutes tun, den Kreislauf der Gewalt und des Bösen durchbrechen.

Ich kann entweder das Eine tun oder das Andere. Dazwischen gibt es eigentlich nichts. Ich muß also dieses Wort Jesu wörtlich nehmen oder ich muß es ablehnen oder mich nicht dafür interessieren. Dazwischen gibt es eigentlich nichts.

Das betrifft jetzt die Worte Jesu. Weiter gibt es in der Bibel Geschichtsberichte, es gibt Gebete, es gibt Kommentare zu Königen und Mächtigen der damaligen Zeit, es gibt Prophezeiungen, Mahnungen, Warnungen. Es gibt Trostworte und Berichte von Heilungen und Wundern. Und es gibt Erzählungen wie zum Beispiel die Josephsgeschichte im Alten Testament, die zu den ganz großen Texten der Weltliteratur gezählt wird, zu Recht.

Wie müssen wir diese Texte verstehen? Wörtlich? Oder anders? Wie verstehen Sie einen Text, einen Bericht, eine Geschichte, die Ihnen jemand aufschreibt, den Sie kennen? Von dem Sie wissen, daß er ein echter, ein authentischer Mensch ist? – Jeder würde doch darauf antworten: Ich verstehe diesen Text so, wie er gemeint ist. Wie derjenige, die ihn aufgeschrieben hat, ihn verstanden hat. Ich muß den Schreiber, den Autor, ernst nehmen, und ich muß auch die Umstände ernst nehmen, in denen er schreibt: die Nöte, die ihn treiben, die gesellschaftlichen Verhältnisse, die eine Rolle spielen. Der Anlaß, der ihn dazu bringt, das aufzuschreiben, was er für wichtig hält.

Alles das und sicher noch manches mehr kommt zusammen, wenn man etwas, was vielleicht in ferner Zeit aufgeschrieben wurde, wirklich verstehen will.

Wir können es dann versuchen zu verstehen, aber verstehen ist noch nicht glauben.

Ich kann etwas lesen und verstehen, aber ich kann zugleich ablehnen, was ich da lese und verstehe: einen Kommentar, eine Meinung, eine Überzeugung.

Jesus – um nun auf die Bergpredigt zurückzukommen - möchte nicht nur gelesen und verstanden werden. Er möchte, daß ich ihm glaube und ihm folge. Daß ich seine Worte ernst nehme. Nicht einfach wörtlich, sondern ernst. Das ist sicher der tiefe Sinn, der in den Worten Jesu liegt. Wir sollen diese Worte als Worte für unser Leben nehmen, damit dann unser Leben gelingt.

Wie hat schon Mark Twain, der große amerikanische Erzähler, einmal gesagt: „Mir bereiten nicht die Stellen in der Bibel Schwierigkeiten, die ich nicht verstehe, sondern am meisten die, die ich verstehe.“

2. Predigtvorschlag

von Pfarrer Michael Kenkel (erstellt: 2016)

Wir feiern die Taufe des Herrn. Jesus zieht los nach 30 Jahren im Elternhaus und geht ans Werk, Gottes Liebe zu verkünden. Vom Himmel her wird ihm und den Umstehenden klar gemacht, "Dies ist mein geliebter Sohn - an Dir habe ich Gefallen gefunden".
In der 2. Lesung, der Apostelgeschichte haben wir es ähnlich gehört "Gott hat Jesus von Nazaret gesalbt mit dem heiligen Geist und mit Kraft, wie dieser umherzog, Gutes tat,..."
In der 1. Lesung hören wir ähnliche Worte für den Propheten Jesaja - auch er wird von Gott erwählt.
Und sie können es sich schon denken: auch Sie sind von Gott geliebt und erwählt!

Durch die Taufe und die Firmung hat Gott sie gesalbt. Er sagt ihnen zu: "ich habe Dich geschaffen", sie sind gewollt, kein Produkt des Zufalls. Gott hat Gefallen an Ihnen gefunden. Das ist doch Balsam für die Seele. Auch wenn Sie sagen, ach - ich kleines Licht - was kann Gott an mir denn gefallen, was kann ich denn schon leisten. Um Leistung im Irdischen Sinne geht es nicht. Aber Sie haben eine Bestimmung. Gott hat auch sie bestimmt, Licht zu sein, Frieden zu verkünden, Flüchtlingen zu helfen, Christus zu bezeugen - in ihrem jeweiligen Umfeld.

Vielleicht sagen sie: ich hab die letzten 30 Jahre nichts Produktives getan, warum sollte denn jetzt Großes passieren? Weil Gott ihnen was zutraut! So, wie Jesus nach 30 Jahren, so wie Jesaja. Ich habe gerade eine junge Mutter auf die Taufe vorbereitet - vor 3 Wochen eine andere Frau wieder in die Kirche aufgenommen, jungen Studenten die Beichte abgenommen, bei jedem geht es als Erwachsener noch mal neu wieder los, nach 20, 30, 50 Jahren wird der erste Schritt getan. Es ist nie zu spät anzufangen, Gottes Wege zu gehen. Sie können was bewirken, nicht weil sie so toll sind, sondern weil Gott sie erwählt und gesalbt hat. Sie können Zeugnis ablegen für die Liebe Gottes, sie können Gutes tun, sie können es. Gott traut es ihnen zu. Gott hat Sie gesalbt mit Geist und Kraft. Er weiß, was in ihnen steckt: "Mein Erwählter, an ihm hab ich Gefallen" ich habe"meinen Geist auf ihn gelegt" "Du bist mein geliebter Sohn, meine geliebte Tochter, an Dir hab ich Gefallen gefunden"

"Ich habe Dich bestimmt Licht für die Völker zu sein." Nicht für uns behalten - für andere. Willkommenskultur gegenüber den Flüchtlingen, wenn es sich hier nicht zeigt, wo denn dann? Hier wird Glaube konkret. Eigentlich müsste jeder von uns etwas zu erzählen haben, wie er geholfen hat: helfe beim Begrüßungsdienst, als Integrationslotse, als Deutschlehrer, hab geholfen, die Wohnung einzurichten, habe den oder die Familie mitgenommen zu unserem Verein, zu unserem Fest, hab ein Fahrrad für ... Aufgearbeitet, habe Fußball mit ... Gespielt. Geben Sie sich möglichst nicht mit Kleiderspenden oder Geldspenden zufrieden. Manchmal kann das die einzige Möglichkeit sein für jemanden zu helfen, meist ist es aber die Unbequemlichkeit oder der mangelnde Mut, auf den Fremden zuzugehen.

Aber nochmal - wir sind nicht die Macher. Gott hat uns seinen Geist gegeben. Gott hat uns gesalbt. Er ist es, der durch uns zu diesen Menschen gehen möchte. "Ich habe Dich bestimmt, Licht für die Völker zu sein."

 

Gleiche Predigt im Stil eines Poetry-Slammers:

Nach 30 Jahren in Mutters Schoß
zieht Jesus heute los
und lässt sich von Johannes taufen
Alle, die da hingelaufen
hören: "Du bist mein geliebter Sohn -
an Dir habe ich Gefallen gefunden"
Gott steigt vom Thron -
Johannes hat ihm nichtmals die Schuhe gebunden.
Der Vater salbt seinen Sohn mit Geist
und verheißt
schon bei Jesaja, dem Propheten im Alten Testament
dass er für seine Herde brennt
Wie ein Hirt
der die Herde führt
Er trägt die Lämmer auf den Arm.
Gott nimmt sich seines Volkes an.

Auch wir sind getauft
durch Jesu Liebe erkauft
sind nicht nur mit Wasser übergossen
Chrisam ist über uns geflossen,
wir sind gesalbt, von Gott erwählt.
und das zählt.
In der Taufe, in der Firmung wird es noch mal wiederholt
Du bist von Gott gewollt.
Du bist mein geliebtes Kind,
selbst wenn wir nicht wissen, wer wir wirklich sind.
Er hat Gefallen an uns gefunden
egal, wieviel Menschen uns geschunden
haben,
seine Gaben,
seinen Geist sandte er auf Dich herab
seine Liebe er Dir gab
und auch heute noch gibt
weil er Dich immer noch liebt.

Vielleicht sagst Du "Ich"?
Meint er mich?
Was kann Gott an mir denn gefallen
im Vergleich zu den Anderen allen
hab ich doch nichts getan,
mein Leben eher vertan.
Jesus fängt nach 30 Jahren erst an. :-)
Und das kannst auch Du
Gott traut Dir das zu!

Eine junge Mutter aus Raesfeld lässt sich nun taufen
hat den ganzen Haufen
hier kennen gelernt: Kirche, Sakramente, Vater, Sohn und Geist
und glaubt, dass er auch ihr ein neues Leben verheißt.
Oder, vor 3 Wochen
hat eine andere Frau versprochen,
wieder in die Kirche zu kommen,
Sie ist willkommen
nach ihrem Austritt vor vielen Jahren
haben wir sie wieder aufgenommen.

Jungen Studenten habe ich die Beichte abgenommen,
beim Nightfever geschieht das jeden Monat,
überall, wo der Einzelne den Mut hat,
mit Gott neu anzufangen.
Ich bin nicht gefangen
in den Strukturen der Welt.
Vor Gott zählt
dass ich los leg
auf dem Weg
hin zu ihm zu gehen.
Du wirst dann sehen
auch nach 20, 30, 50 Jahren
weiß er noch was mit Dir anzufangen.
Du kannst was bewirken, nicht weil Du so toll bist,
sondern weil Dich seine Liebe küsst.
Gott hat Dich gesalbt und erwählt
und nur das zählt.

Diese Erwählung ist allerdings kein Selbstzweck, Du lebst nicht allein
"Ich hab Dich bestimmt, Licht für die Völker zu sein"
so steht es wieder beim Propheten,
und das heißt, nicht nur beten,
das Licht soll sich auch zeigen in meinem Leben
- die Welt muss nicht erbeben -
aber meine Freunde dürfen schon merken
in meinen Werken,
dass ich Christus liebe.

Manche haben angesichts der vielen Flüchtlinge in unserem Land
Angst um das christliche Abendland
Doch wenn wir deren Elend: Kriege und Verfolgung sehen
und lassen sie vor unseren Grenzen stehen
dann ist es um das Christentum geschehen.
Wir dürfen unseren Bruder, der verfolgt wird
weil er sich zu Christus bekennt
und jeden anderen, der um sein Leben rennt
Doch nicht außen vor lassen,
weil sie nicht zu unserem Stil passen.

Frauen begrabschen an Brust und Po
ist nicht in Ordnung, ob in Köln oder anderswo.
Fremde müssen unsere Gesellschaft verstehen
Rechte von Frauen einsehen.
Doch woher sollen sie es wissen, wenn es nur auf dem Papier steht
und es ihnen keiner vorlebt
Auf der Flucht und im Krieg
hat immer nur der Stärkere gesiegt.

Wir müssen es ihnen zeigen, sie informieren
sie mitnehmen und integrieren
Ein jeder von uns Christen müsste sie willkommen heißen
sie mitreißen
in unsere Gruppen und Verbände
Nachbarschaften, Kirchen wo viele Hände
füreinander da sind
und das Christkind
uns in den Blick nimmt.

Ihr habt es vorhin im Kyrie formuliert
ich wiederhol es, damit es jeder kapiert
Christus, Du sprengst so manchen Kleingeist
das heißt
Er gibt uns Kraft, um zu geben
damit Fremde bei uns leben
können.

Christus hat Dich erwählt, gesalbt
damit Du bald
nicht irgendwann, sondern noch heute
zugehst auf die Leute.

Eigentlich müsste jeder hier etwas zu erzählen haben
von seinen Gaben
und Talenten, die er eingesetzt hat
um den Neubürgern zu helfen mit Rat und Tat.
Der eine hat geholfen, die Wohnung einzurichten
die andere, die Ängste bei Ihnen zu vernichten.
Der eine sie deutsch lehrt
die nächste mit Ihnen zu den Behörden fährt.
Die eine nimmt sie mit zur kfd
der andere zum Kaffee
(tut nicht weh)

Gib Dich nicht zufrieden mit Spenden
ob Geld, Hosen oder Hemden
Manchmal kann das die einzige Möglichkeit sein,
aber gesteh es Dir selber ein
wahrscheinlich ist es Dir zu unbequem,
direkt auf den Fremden zu zu geh'n.
Aber nochmal: Du bist nicht allein
um Licht für die Völker zu sein.
Gott hat Dir seinen Geist gegeben
Er stärkt Dich im Leben
Er gibt Dir Kraft, er geht mit.
Mach Du nur den 1. Schritt
Er hat ihn längst getan
nimmt Dich als sein Kind an.
Er wartet auf Dich,
sehnsüchtig.

3. Predigtvorschlag

Der leere Thron
Mit einigen Firmbewerbern und Erwachsenen sind wir vor zwei Wochen nach Aachen gefahren. Ziel war zuerst das Bischöfliche Hilfswerk Misereor. Deren Vertreter haben uns einen sehr guten Einblick in die Arbeit gegeben, und sie konnten auch die Jugendlichen in ihrer Lebenswelt und ihren Erfahrungen gut ansprechen.
Aachen verbinden wir natürlich auch mit den berühmten Printen, aber was ein wirklicher Touristenmagnet ist, ist der Aachener Dom und dort besonders die Pfalzkapelle.
Dieser orientalisch anmutende achteckige Bau ist untrennbar mit dem Namen Karls des Großen verbunden. Der Domführer ließ uns den berühmten Thronsitz anschauen, der in kaum einem Geschichtsbuch fehlt. In der Weihnachtsnacht des Jahres 800 wurde bekanntlich Karl der Große in Rom von Papst Leo III. zum Kaiser gekrönt. Die Kaiserformal lautete: "Romanum gubernans imperium" - "Herrscher des römischen Imperiums".
Ich habe mich schon als Kind und Jugendlicher immer gefragt, warum dieser Thron in der Pfalzkapelle so schlicht, ja beinahe grob zusammengefügt aussieht. Konnten die es damals nicht besser? - Der Domführer gab dazu eine Erklärung, die ich bis dahin nicht kannte:
Ob je Karl der Große selbst auf diesem Thron gesessen hat, ist nicht sicher. Der Thron steht, etwas erhöht, auf einem Sockel aus Sandstein, hinter ihm ist eine Mensa, ein Altartisch.
Was bezweckte der Thron? Um das herauszufinden, muß man den Blick vom Thron aus an die Decke richten. An der Decke, im Gewölbe, sind prachtvolle Mosaiken zu sehen, die aber weitgehend rekonstruiert sind, also nicht echt. Aber was schon im Jahr 800 zu sehen war, ist auch heute zu sehen: Gegenüber dem Thron sieht man Christus, den Weltenherrscher, den König aller Zeiten, wie er aus dem Reich seines Vaters zurückkehrt zu uns, den Menschen, in unsere Zeit, um seine Herrschaft zu vollenden.
Der Thron in der Pfalzkapelle dient also gar nicht einem Menschen, zumindest nicht in erster Linie, sondern er ist aufgestellt für Christus, für den Tag seiner Wiederkunft!
Heute feiern wir das Christkönigsfest und bekennen: Christus ist König. Und als König wird er eines Tages, wenn die Zeiten zu Ende gehen, wiederkommen, um, wie es im Glaubensbekenntnis knapp und nüchtern heißt, "zu richten die Lebenden und die Toten". Auf diesen Punkt im Glaubensbekenntnis stößt der Besucher des Aachener Domes, der sich den Thronsitz und das Apsismosaik ansieht, auf diesen Punkt des Glaubensbekenntnisses stoßen auch wir heute, am letzten Sonntag im alten Kirchenjahr, wenn wir dieses Bekenntnis von neuem feiern.
Aber wie paßt ein solches Bekenntnis noch in unsere Zeit, die die Demokratie in der Politik und auch in vielerlei kirchlichen Strukturen hochhält? Die Könige und Kaiser allenfalls noch aus dem Fußball oder aus wöchentlich erscheinenden Revues kennt, wo Nachfolger alter Adels- und Königshäuser sich entweder ganz menschlich, wie wir alle eben, oder hochgradig bizarr verhalten und gebärden?
Und wie paßt das Bekenntnis vom wiederkehrenden König zu einem Bild von Jesus, der sich mitten unter die Menschen gemischt hat, der ganz und gar einer von uns sein wollte, und dessen Lebensweg ganz und gar nicht königlich anmutet?
Und wie paßt eine solche Verkündigung des wiederkehrenden Königs auf den "Wolken des Himmels" in eine Zeit, in der die Menschen von der Kirche erwarten, daß sie Antworten und Vorschläge bietet für drängende Probleme der Umwelt, der Terrorgefahr, des drohenden wirtschaftlichen Kollaps' auch hier in Europa?
Um es mit einem kurzen Wort zu sagen: Das paßt alles überhaupt nicht. Es kann auch nicht passen. Jesus Christus bringt nicht ein neues politisches Programm, und er bringt auch keine Rezepte für ein Miteinander in der Welt, das endlich harmonisch und glücklich sein kann. - Wie soll man das verstehen? Was bringt er dann?
Die Antwort auf diese Fragen kann uns wiederum der Thron im Aachener Dom geben - der leere Thron, der für Christus reserviert ist.
Als der Thron gebaut wurde, damals vor 1200 Jahren, nahm man dazu nicht irgendein Material. Man nahm Marmor, das aus der Grabeskirche in Jerusalem entnommen war. Dieser Marmor war ein Geschenk an den neuen Kaiser Karl den Großen. Dieser Marmor war Zeuge des Geschehens, das für uns, die Christen, die Mitte unseres Glaubens darstellt: daß Christus für uns Menschen gestorben und auferstanden ist. Aus dem Ort dieses Geheimnisses, der Grabeskirche eben, nahm man den Stein, um daraus einen recht schmucklosen Thron zu bauen und ihn in Aachen aufzustellen.
Der Thron ist also nicht einfach nur ein Thron, ein Sitz, sondern er ist eine Reliquie: ein Zeugnis für das Ereignis in der Geschichte dieser Welt, das vor 2000 Jahren die Geschichte umgeschrieben hat und den Königen und Kaisern dieser Welt eine neue Rolle zugewiesen hat, indem sie daran erinnert wurden (und werden!), daß es ein anderes Reich gibt, das nicht von dieser Welt ist.
In diesem Reich herrschen nicht die Gesetze von Macht und Kalkül, von Einfluß, Glück und Strategie. In diesem Reich herrschen nicht die Gesetze von oben und unten, von Siegern und Besiegten. - was gilt stattdessen in diesem Reich, das mit Christus kommt?
In diesem Reich, dem Reich Christi herrscht, gibt es einen Sieger: Christus hat den Tod besiegt. Das bezeugt der Marmor aus der Grabeskirche, aus dem Ort, an dem an Ostern die Macht des Todes und der Sünde ein für allemal besiegt wurde.
In diesem Reich gibt es auch einen Herrscher: Christus, der die Liebe und die Vatergüte Gottes bringt, er herrscht, weil seine Liebe stärker ist als aller Haß und alle Feindschaft von Menschen und der widergöttlichen Mächte des Bösen.
Und das Gericht? Gilt dieser Glaubensartikel wirklich noch? Ist nicht jeder sein eigener Richter?
Unser Glaube bekennt: Es kommt am Ende der Zeiten zu einem Gericht über alle und alles. Ein Gericht, das aufdecken wird und erkennen lassen wird, wo Bosheit und Lüge, wo Unvernunft und Gier Menschen und Gottes Schöpfung gequält und niedergedrückt haben. Dieses Gericht wird auch aufdecken, wo selbstlose Liebe und Aufrichtigkeit, Mut und Tapferkeit dazu geführt haben, daß Menschen aufatmen konnten und zu ihrem Recht kamen.
In diesem Gericht wird all den Menschen Gerechtigkeit widerfahren werden, deren Schreie niemand gehört, für die sich niemand interessiert, für die niemand eingetreten ist. Diese Menschen, die Opfer von Willkür und Gewalt, von Ideologien und Wahn geworden sind: in ihnen werden wir Christus erkennen, der das Leiden und auch die Sünden der Welt auf sich geladen hat. Das Gericht, das dies alles aufdecken und die Welt erneuern wird, es wird die Stunde der Wahrheit sein.

4. Predigtvorschlag

von Klaus Klein-Schmeinck (erstellt: 2012)

Ist Gott gescheitert?
Liebe Schwestern und Brüder, diese Frage müssen wir stellen, dieser Frage müssen wir uns stellen angesichts des Weihnachstfestes, wie es heute in unserer Gesellschaft vor uns steht.

Gott kommt in Jesus Christus zu uns Menschen als Mensch. Ein Fest für die Welt. Die Welt feiert dieses Fest - aber so richtig wissen viele nichts mehr damit anzufangen. Jesus, Maria, Josef kommen kaum mehr vor. Statt des menschgewordenen Gottes trifft man viel häufiger auf den Weihnachtsmann. Dieser pauspäckige, gemütliche Dickwanst verstellt den Blick auf die Krippe. Punktsieg an ihn.

Ist Gott gescheitert?
Diese Frage müssen wir stellen, dieser Frage müssen wir uns stellen angesichts der Weihnachtsevangelien. Auch die sprechen vom Scheitern Gottes.

Maria legte Jesus, den Sohn des allerhöchsten Gottes, in eine schäbige Futterkrippe und zwar, weil in der Herberge kein Platz für sie war. So beschreibt es Lukas.
Und Johannes wird noch deutlicher, wenn er ganz offen sagt: Er (Gott) war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.

Der Großteil unserer Welt hatte mit Gottes Sohn nix am Hut. Sie ließen ihn im wahrsten Sinne des Wortes außen vor. Nur ein paar arme Hirten und etwas verstiegene Weise nahmen Notiz von ihm. Sie sahen ein Engelheer und einen Stern, große Zeichen am Himmel, die auf das Kind in der Krippe wiesen: auf Gott unter uns.
Die paar Leute? Ziemlich schwache Ausbeute.

Das also soll der allmächtige Gott sein? Da in der Krippe? Dieses Kind in Windeln?
Seien wir ehrlich: Man muss schon dran glauben, sich darauf einlassen, denn so richtig zwingend ist das ja nicht.

Aber Gott zwingt niemanden zum Glauben. Zum Glauben gehört Freiheit! Freiheit, sich für oder gegen Gott zu entscheiden.

Und darin liegt wohl die wahre Allmacht Gottes: dass er uns diese Freiheit lässt. Er will uns nicht zwingen, sondern von innen her gewinnen.

Wer anderen die Freiheit nicht lassen kann, ist letztlich schwach. Das sehen wir nicht zuletzt an den Gewaltregimes dieser Erde. Mit Gewalt und Terror versuchen sie die Menschen zu etwas zu zwingen. Doch erreichen können sie die Menschen nicht.
Denken wir zum Beispiel an die ehemalige DDR. Mit einem ganzen Arsenal an Propagandamitteln, Bespitzelungen, Belohnungen, Bestrafungen und Reiseeinschränkungen haben die Machthaber versucht ihre Macht über das Volk zu erhalten. Sie waren mächtig - nach außen hin. Doch die Menschen haben sie nicht gewinnen können, weil sie ihnen keine Freiheit gaben. Im letzten hatten sie keine Macht über die Menschen.

Je mehr ich die Freiheit des anderen fürchte, umso mehr versuche ich seine Freiheit zu beschneiden, um meine Macht nicht zu verlieren.
Je mehr ich die Freiheit des anderen fürchte, umso mehr habe ich Angst, statt Macht - bin ich schwach, statt stark. Das ist auch bei der Erziehung so.

Gott ist so groß, so allmächtig, dass er niemanden zwingen muss, sondern allen die Freiheit lässt. Er hätte alle Macht des Himmels und der Erde, um uns zu etwas zu zwingen. Aber er ist so mächtig, dass er dies nicht tut.
"Vielleicht hätten wir sogar vor der Macht, vor der Weisheit eher kapituliert. Aber er will nicht unsere Kapitulation, sondern unsere Liebe." (Joseph Ratzinger, Licht das uns leuchtet, Herder 1978)
Liebe Schwestern und Brüder!
Darum wählt er eben diesen Weg der Weihnacht, der von innen her gewinnen will.

Wie jeder andere Mensch verbrachte unser Herr neun Monate im Schoß seiner Mutter. Gott will nichts überstürzen, will auch keine Privilegien und kommt zur Welt wie jeder andere Mensch
Der Sohn Gottes wurde nicht in einer der Metropolen der damaligen Zeit geboren, nicht in Rom, Jerusalem, Alexandrien - sondern in einem entlegenen Kaff des Römischen Reiches.
Der Sohn Gottes kam nicht aus einer mächtigen Herrscherdynastie oder Priesterkaste, er wuchs nicht im Palast oder Tempel auf, sondern er war Kind einer einfachen Handwerkerfamilie.

Dort, wo Menschen sich groß dünken, sich etwas auf ihre Fähigkeiten, auf ihre Herkunft einbilden, ist wenig Raum für die Größe Gottes. Sicher er kann dort auch wirken. Dennoch hören solche Menschen keine Engel mehr singen. Sie fühlen sich von Gott eher gelangweilt oder bedroht. Sie wollen eben nicht sein Eigentum -Gotte Eigentum - sein. Sie gehören nur sich selber. Und die Welt gehört ihnen sowieso.

Deswegen können sie den nicht aufnehmen, der in sein Eigentum kommt - dann müssten sie sich ja ändern, ihn als Eigentümer anerkennen. Auch wir sind in der Gefahr durch unseren Hochmut im Kleinen und Großen, Gott die Tür vor der Nase zuzuschlagen.

Gottes Allmacht tritt zutage, wenn er machtvolle Taten vollbringt durch die Kleinen, Schwachen. Gottes Macht ist größer als die unsere. ER vollbringt dann mit seinem Arm machtvolle Taten durch uns Menschen, wenn wir ihn lassen.

Gott vollbringt mit den Kleinen und Schwachen seine Großtaten. Gerade deshalb ist er ja klein geworden, damit wir nicht vor ihm weglaufen, sondern auf ihn zugehen.
Das kleine Kind in der Krippe, Gott, ruft uns förmlich, ihm zu helfen. Im Kind zeigt der Allmächtige sich von uns abhängig, hilfsbedürftig. "In der Krippe von Bethlehem sagt Christus dir und mir, dass er uns braucht. (...) Wir werden niemals richtig froh sein, wenn wir Christus nicht wirklich nachahmen, wenn wir nicht demütig sind wie Er. (...) In einer Krippe, in Windeln, in einem Stall! Die erlösende Wirksamkeit unseres Lebens kann sich nur in Demut vollziehen, indem wir aufhören, an uns selbst zu denken, und uns für die anderen verantwortlich fühlen." (Josefmaria Escrivà, Christus begegnen 18) Wenn wir innerlich so klein werden wie dieses Kind in der Krippe, wenn wir als Kinder Gottes leben - dann hat Gott nicht nur Großes mit uns vor, sondern wird es auch vollbringen: unser Heil und das Heil der Welt!

Liebe Schwestern und Brüder!
Gott ist sogar so allmächtig, dass unsere Sünden seinen Plan, die Welt zu retten, nicht verhindern können.
Das ist eine tröstliche Botschaft. Und was für eine.

Gott rechnet mit unserem Mittun. Er schenkt uns dazu die Freiheit. Er zwingt uns nicht. Aber wir können uns ihm verweigern - im Großen und im Kleinen.
Angesichts unserer Schwächen und Fehler, unserer Sünden könnten wir mutlos werden. Gott vertraut auf mich, damit sein Reich komme - und ich, ich bin ein Versager, bekomme es nicht hin, zerstöre mehr, als ich aufbaue.
Und wieder ist Gott mit seiner Allmacht am Werk: Gott ist größer als unser Herz, das uns anklagt. Und Gott ist größer als unser Versagen und Scheitern. Denn Gott ist die Liebe.

Und Liebe pocht nicht auf ihre Rechte, Liebe will dienen!
Der Menschensohn ist nicht auf die Erde gekommen, sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen. Und wenn Gott uns Menschen dient, dann erlöst er uns Menschen. Für uns und zu unserem Heil ist er Mensch geworden!

Das Holz der Krippe weist schon hin auf das Holz des Kreuzes. Das in Windeln gewickelte Kind weist schon hin auf den im Leinentuch bestatteten Herrn. Für uns hat er gelitten, für uns ist er gestorben und begraben worden.
Er hat alles gegeben, sich klein gemacht, sich aufgerieben für uns. Und gerade deshalb, hat er das Größte vollbracht: die Erlösung von Sünde und Tod.

Ist Gott gescheitert?
Liebe Schwestern und Brüder. Dieser Frage haben wir uns zu Anfang gestellt. Auf dem ersten Blick vielleicht.
Denn wer genauer hinsieht, der merkt, dass der Weihnachtsmann nichts zu verkaufen hat, weil er nur verkaufen will, nur verkaufen kann. Und kann nicht der Sinn des Lebens sein.

Als Christen glauben wir, dass an Weihnachten in Christus, der Sinn der Welt zu uns gekommen ist. "Denn was (der Evangelist) Johannes ‚das Wort' nennt, das bedeutet im Griechischen gleichzeitig auch soviel wie: der Sinn. Insofern können wir durchaus auch übersetzen: Der Sinn ist Fleisch geworden.

Aber dieser Sinn ist nicht bloß eine allgemeine Idee, die in der Welt drinnensteckt. Der Sinn ist uns zugewandt. Der Sinn ist ein Wort, eine Anrede an uns. Der Sinn kennt uns, er ruft uns, er führt uns. Der Sinn ist nicht ein allgemeines Gesetz, in dem wir dann irgendeine Rolle spielen. Er ist jedem ganz persönlich zugedacht. Er ist selbst Person: der Sohn des lebendigen Gottes, der im Stall von Bethlehem geboren wurde." (Joseph Ratzinger, Licht das uns leuchtet, Herder 1978)

Ist Gott gescheitert? Wenn er der Sinn Deines Lebens wird, bei Dir sicher nicht!

5. Predigtvorschlag

von Manfred Stücker (erstellt: 2011)

Den Faden nicht zerreißen

„Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben.“ Liebe Mitchristen, diese Worte, die uns von Albert Einstein, dem berühmten Physiker und Mathematiker, überliefert werden, haben sicherlich ihren Reiz. Doch wer sich auf die Zukunft ausstreckt, nimmt, ob er will oder nicht, immer auch die Vergangenheit mit, sei es – negativ gesehen – als Last, oder – positiv gesehen – als Erfahrung und Weisheit. Ganz los kommen wir von der Vergangenheit nicht, das möchte ich versuchen, in einem einfachen Bild deutlich zu machen: Die Linie der Zeit ist in unserem Leben wie ein Faden, der sich durch all die Jahre hindurchzieht. In diesem Faden gibt es manche Knotenpunkte: das sind die Höhepunkte und auch die Verbindungen mit anderen Fäden, mit anderen Lebensgeschichten und Schicksalen. Keiner lebt ja für sich allein. - Und es gibt bei diesem Faden auch manche unentwirrbaren Knäuel und Verschlingungen. Das sind die Probleme, die Schwierigkeiten, die Punkte, an denen uns Leid, Unglück und Schmerz getroffen hat. Diese Knoten und Knäuel gibt es in unserem ganz persönlichen Leben. Sie gibt es aber auch im Leben der Kirche und der Gemeinde. Die Kirche feiert ein Jahr der Priester, um den Dienst der Priester in den Gemeinden und für die Menschen in den großen Zusammenhang zu stellen, daß Christus selbst bei uns sein will, um unser Leben zu teilen und uns zu Gott zu führen.

Auch unsere Gemeinde hat ihren Faden weitergezogen und manche Höhepunkte erleben dürfen: Ich nenne als Beispiele: (Beispiele aus der eigenen Gemeinde nennen!)

Und manche Fäden wurden ausgezogen, um ein Netz für die Zukunft zu knüpfen: (Beispiele nennen: Neugründung von Gruppen, Wahlen zu Gremien, Neubesetzung von Diensten in der Gemeinde, Bauprojekte …)

Aber auch Knäuel haben sich festgesetzt: Ich denke da vor allem an die Tatsache, daß in unserer Gemeinde die Zahl der Sterbefälle und der Kirchenaustritte zusammengenommen deutlich höher ist als die Zahl der Taufen. Das ist sicher ein schwerer, ein schwierig zu lösender Knoten.

Und im Leben des einzelnen? Da könnte jeder von Höhepunkten im letzten Jahr erzählen, aber auch von Hoffnungen, die enttäuscht wurden, von Plänen, die man nicht ganz verwirklichen konnte. Möchte man da nicht manchmal alles hinwerfen und einfach wieder von vorne anfangen? Das neue Jahr gibt ja ein Stück von dieser Hoffnung: wieder neu anfangen können. Aber ganz so ist es ja nicht. Auch im neuen Jahr sind wir immer noch die gleichen Menschen. Mit unserem Lebensfaden in der Hand. Mit seinen Knoten und Knäueln. Die nehmen wir auch mit. Da möchten wir vielleicht gerne das tun, was der Welteroberer Alexander der Große mit dem sogenannten Gordischen Knoten gemacht hat, als es ihm nicht gelang, ihn zu lösen: Er nahm sein Schwert und haute das Seil einfach durch. Somit war der Knoten los. Das Problem war gelöst.

Aber das Seil war damit auch durch. „Ein zerschnittener Knoten bedeutet immer einen zerstörten Faden“ bemerkt darum eine zeitgenössische Schriftstellerin dazu. Sie meint damit: Es gibt beim Faden unseres Lebens nicht die schnelle Radikallösung. Wir müssen den Faden bis zum Ende mitnehmen, ob wir wollen oder nicht.

Manchmal gelingt es uns ja mit Geduld und Geschick, das Knäuel aufzulösen und den Faden wieder in die richtige Länge zu bringen. Oft ist es gut, dazu andere Mitmenschen zu Hilfe zu nehmen. Viele haben in diesem zu Ende gehenden Jahr einen neuen Anfang gewagt. Da geht es ja auch darum, das Knäuel unserer Schuld zu lösen, ohne Gewalt, ohne Wut, mit Feingefühl und zugleich Gelassenheit.

Das wünsche ich Ihnen allen und auch mir: Daß wir unseren Lebensfaden, den ganz persönlichen und auch den der Gemeinde, in der wir leben, mitnehmen in ein hoffentlich gutes neues Jahr - auch wenn uns mancher Knoten oder mancher Knäuel im Faden stören mag. Die Hauptsache ist doch, der Faden ist ganz. Das ist die Hauptsache. Nur die Fäden und die Seile, die ganz sind, können zu einem Netz werden, das uns weiter trägt.

Und die Knoten und Knäuel? Sie sind kein dumpfes Schicksal! In manchen Darstellungen wird ein Mensch gezeigt, der dabei ist, einen schwierigen Knoten zu lösen: Diesmal ist es nicht Alexander der Große mit seinem Schwert, sondern die Gottesmutter mit ihren geduldigen Händen. Sie kann die schwierigsten Knoten lösen, weil sie die Mutter des Erlösers und die Mutter aller Menschen ist. Wenn wir in ein neues Kalenderjahr eintreten, tun wir das im Blick auf ihre Gegenwart und ihre Fürsprache. Sie ist die Knotenlöserin, unsere Fürsprecherin bei ihrem Sohn Jesus Christus.

6. Predigtvorschlag

von Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2011)

Liebe Schwestern und Brüder!

Es ist Weihnachten, Geburt des Herrn. Dieses Fest ist im Vergleich zu Ostern von anfänglich geringerer Bedeutung in der Kirche gewesen. Das Urfest der Kirche ist Ostern. Von der Auferstehung Jesu her hat sich der christliche Glaube und auch die Kirche gegründet. Jeden Sonntag feiern wir Ostern. Und das seit Beginn der Kirche.

Das Weihnachtsfest kam erst im 4. Jahrhundert zur Geltung. Das römisch-heidnische Fest des unbesiegbaren Sonnengottes wurde überformt von der Erscheinung Jesu in der Welt, der das wahre Licht der Menschen und der Schöpfung ist.

Dass das Weihnachtsfest bei den meisten Menschen emotional das Osterfest überflügelt hat, hat sicherlich mit dem Hl. Franziskus zu tun. Er bekannte wie alle Christen, dass Jesus wahrer Mensch und wahrer Gott zugleich war. Besonders aber verehrte er die Menschheit Jesu. Im Kind in der Krippe war ihm der Emmanuel, der Gott-mit-uns verstehbar geworden. Im Kind ist Gott uns so nahe gekommen, dass wir DU zu ihm sagen können, ohne Scheu, ganz direkt.

Im Jahr 1223 hat Franziskus Weihnachten in dem Örtchen Greccio im Rieti-Tal in Umbrien gefeiert. Er wollte die Freude der Geburt des göttlichen Kindes in Bethlehem sozusagen "hautnah" erleben, nacherleben. Er sagte: "Ich möchte in voller Wirklichkeit die Erinnerung an das Kind wachrufen, wie es in Bethlehem geboren wurde, und an alle Mühsal, die es in seiner Kindheit erdulden musste. Ich möchte es mit meinen leiblichen Augen sehen, wie es war, in einer Krippe liegen und auf dem Heu schlafen, zwischen einem Ochsen und einem Esel."

Diese Heilige Nacht vor gut 780 Jahren ist die Geburtsstunde der Krippe, so wie wir sie kennen. Auf diese Nacht geht letztlich auch unsere wunderbare Krippenlandschaft hier in Kirchhellen zurück, die so viele Menschen erahnen lässt, dass Gott ein Gott-mit-uns ist.

Von Anfang an gehören also Ochs und Esel zur Krippe dazu. Wie auch hier in der Kirche.
Wahrscheinlich klang dem Hl. Franziskus bei seiner Idee die folgenden Verse aus dem Buch Jesaja im Ohr:
Seinen Eigentümer erkennt ein Ochse, ein Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keinen Verstand.
Die Kirchenväter haben diesen Vers häufig so gedeutet: Juden und Heiden, alle Menschen waren wie Ochs und Esel. Das Kind in der Krippe hat ihnen aber die Sinne geöffnet: sie konnten ihren Eigentümer nun mit eigenen Augen sehen, mit eigenen Ohren hören: Gott ist nicht mehr weit weg. Irgendwo in himmlischen Sphären. Gott ist Mensch und schaut mich mit Kinderaugen an.

Ochs und Esel gelten nicht gerade als die feinsten und klügsten Tiere. Der Ochse ist eher träge und auch ein bisschen tumb, der Esel störrisch und dumm.
Und dennoch, sie sind bei Jesus, sie erkennen ihn als Gott. Die meisten Krippendarstellungen geben den beiden Tieren auch fast schon menschliche Gesichter, die uns wissend anschauen.

Seinen Eigentümer erkennt ein Ochse, ein Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keinen Verstand.
Diese Verse können uns allen hier eine Mahnung und auch ein Trost, ja eine Ermutigung sein.

Denn nicht die weisen Schriftgelehrten Israels auch nicht der mächtige und reiche König von Jerusalem hatten Erkenntnis, obwohl sie es doch eigentlich hätten wissen müssen.
Deshalb fragen ja auch die Weisen aus dem Morgenland im Palast nach, was es mit dem Stern und der Geburt des Kindes auf sich haben möge.

Nein, ausgerechnet Ochs und Esel, die ja nicht gerade als Intelligenzbestien oder edle Tiere gelten, haben Erkenntnis. Sozusagen von Natur aus haben sie den Messias, den Gottessohn erkannt, ihren Herrn. Da, wo sie sind, sind auch die schlichten Hirten, das einfache Paar Maria und Josef, nicht die Mächtigen und Renommierten, die Reichen.

Ochs und Esel mahnen deutlich: da wo Menschen zu sehr auf sich selbst vertrauen, auf ihre Fähigkeiten, ihre Möglichkeiten, ihre Macht und ihren Reichtum, wo sie all das an die Spitze ihres Lebens setzen, sehen sie das Wesentliche nicht, geht ihnen das Entscheidende verloren. Geht auch vieles zugrunde.
Das haben wir in diesem Jahr wieder leider merken müssen: Die Paläste der Banken und Mächtigen sind auf den Treibsand von Überschuldung und Geldgier gebaut worden. Nun stehen einige Staaten vor dem Bankrott. Und viele müssen darunter leiden.
Die Natur im Griff zu haben, meinten auch die Ingenieure von Fukushima. Technischer Hochmut und die damit verbundene Schlampigkeit führten zur Katastrophe. Mit Taschenlampen und in Plastiktüten gehüllten Schuhen traten sie den Folgen des GAUs entgegen, sozusagen nackt.
Die, die sich groß dünken und klug, stehen nun dumm da wie die Ochsen und wollen leider ihre Fehler wie störrische Esel nicht einsehen.

Seinen Eigentümer erkennt ein Ochse, ein Esel die Krippe seines Herrn.
Auch wir stehen manchmal in unserem Leben wie der Ochs vorm Berg, wissen nicht wie es weitergehen soll: nach dem Tod eines lieben Menschen, beim Streit in der Familie, unter dem Druck der Arbeit, nach der niederschmetternden Diagnose...
Und wir begehen in unserem Leben manche Eselei, kleine Fehler und große Sünden. Wissentlich und unwissentlich.
Doch gerade Ochs und Esel gehören seit Anfang an zur Krippe dazu. Eben diejenigen, die vor Problemen stehen, leiden müssen, die manchmal orientierungslos sind und handeln, suchen die Nähe des göttlichen Kindes.
Eben diese Menschen spüren in ihrem Leben, dass sie alleine es nicht meistern können trotz aller Fähigkeiten und Begabungen.
Sie spüren, dass sie die Stimme ihres Eigentümers hören müssen - zur Orientierung und zum Trost, zur Ermutigung. Sie merken, dass sie aus der Futterkrippe ihres Herrn Nahrung benötigen, die stärkt.

Deshalb dürfen wir wie Ochs und Esel die Nähe Gottes suchen. Er sucht ja auch die unsrige, sonst wäre er nicht Mensch geworden. Er ist sich nicht zu schade, sich mit uns Ochsen und Eseln abzugeben. Er ist der Gott-mit-uns. Und wir brauchen uns nicht zu schämen, dass wir ihm nicht viel bieten können. Ihm reicht es, dass wir da sind. Wir müssen ihm nichts beweisen.

Auch im Stall waren Ochs und Esel nur da. Einfach da. Gerne hat das Kind ihre Gegenwart genossen. Vielleicht haben ihre Körper den kalten Wind im zugigen Stall abgehalten und ihr Atem das Kind gewärmt.
Ich bin davon überzeugt, wenn wir uns einfach nur einmal so in die Kirche setzen und beten, eine Kerze anzünden, einfach da sind, wo ER ist - das ist er im Tabernakel - ihm, wenn man so will, Gesellschaft leisten, dann erfreuen wir Gott. Und wir uns an seiner Gegenwart.

Wie schön wäre es, wenn dieses Weihnachtsfest uns alle motivieren würde, häufiger Christus in der Kirche zu grüßen - auch nur auf dem Sprung, ohne großen Aufwand. Das zu tun, ist auf jeden Fall mein Vorsatz auch für das kommende Jahr.

Seinen Eigentümer erkennt ein Ochse, ein Esel die Krippe seines Herrn.
Die beiden schauen auf das Kind, das in der Futterkrippe liegt. In ihrer Futterkrippe. Jesus ist nun ihre Nahrung.

Bethlehem - das heißt "Haus des Brotes".
Dieser Jesus hat sich kleingemacht als Kind in der Krippe. Er macht sich klein in der Hostie auf dem Altar.
Gottes Sohn in der Krippe bietet sich gleichsam der Welt als Nahrung. Auf dem Altar schenkt sich Gott uns als Nahrung, die zum wahren Leben führt, in der Kommunion.
Mit Leib und Blut sehen wir in der Krippe und auf dem Altar. Für uns. Der Gott-mit-uns.
Mit Leib und Blut hat er sich in diese Welt hineingegeben, mit Fleisch und Blut sich hingegeben am Kreuz. Und er ist auferstanden.
Das Holz der Futterkrippe und das Holz des Kreuzes sind das Material aus dem unsere Erlösung geschnitzt ist.

Weihnachten und Ostern kommen so in jeder Heiligen Messe zusammen.
Jede Heilige Messe ist wie Ostern und Weihnachten zusammen. Also besuchen wir sie.

Weihnachten und Ostern gehören zusammen. Lassen sie uns als österliche und weihnachtliche Menschen leben, als Menschen, die wissen, Gott ist mit uns und für uns. Gerade da, wo wir wie ein Ochs vorm Berg stehen oder Eseleien vollbracht haben.

7. Predigtvorschlag

von Manfred Stücker (erstellt: 2011)

Das Wasser des Lebens

Das kleine Kind, das vor der Geburt im Mutterschoß alles empfängt, was sein Leben erhält, das im wärmenden und schützenden Wasser geborgen ist, ist von alters her Bild und Gleichnis für die Menschheit selbst. Und wir glauben heute, an diesem Weihnachtsfest, daß Jesus, das kleine Kind in der Krippe, mit seinen kleinen Armen die ganze Menschheit umfängt und auf seine kleinen und zarten Schultern die Schuld der Welt auf sich nimmt. Ist das denn wirklich zu glauben? Ist das nicht ein zu großer, ja ein unfaßbarer Gedanke? Das Weihnachtsfest bildete sich aus in einer Zeit, in der die Kirche das Bekenntnis zu Christus, dem Sohn Gottes, neu reflektieren und neu festigen mußte. Christus ist uns geschenkt, daß er den Tod besiegt und uns in seiner Auferstehung neues und unvergängliches Leben in Gott schenkt. Er hat die verschlossenen Tore des Paradieses geöffnet und unser sterbliches Dasein von innen her erneuert und verwandelt, durch die Hingabe seines Lebens an den Vater. So ist Ostern das erste und eigentliche Fest der Christen, das Fest aller Feste, der Grund unserer Hoffnung, die Mitte und das Ziel unseres Glaubens.

Doch wie kann das sein, daß Gott, der doch einer ist, einen Sohn haben soll, der von einer einfachen Frau, von Maria aus Nazareth, geboren wird und als Mensch unter den Menschen lebt? Ist das nicht ein Widerspruch, daß Gott zugleich als Mensch geboren wird, fühlt, empfindet, leidet? Wie kann das sein? Weihnachten lehrt uns, an einen Gott zu glauben, der die Überraschung liebt. – Oder besser gesagt: der uns mit dem Erfindungsreichtum seiner Liebe immer neu überrascht. Weihnachten, so haben uns schon die Kirchenväter und Theologen der frühen Kirche zeigen wollen, will uns helfen, Gott nicht nach unseren Vorstellungen und Maßstäben zu denken, sondern sich einfach von ihm beschenken zu lassen. Weihnachten ist das Fest, an dem wir bekennen, daß der unsichtbare, unendlich große Gott sich unfaßbar klein und gering gemacht hat. Aus der unerreichbaren Höhe seiner Herrlichkeit, aus dem wunderbaren Licht des Himmels kommt er in die Dunkelheit unserer Erde, in das Elend unseres sterblichen Lebens. Wie tut Gott das? Wie schlägt er zu uns die Brücke? Wie kommt er aus der Ewigkeit, die doch unzugänglich ist, in unsere Zeit hinein? Auf diese Frage antwortet der Glaube mit dem Bekenntnis zu Jesus, der in seiner Person Gott und Mensch ist, als Gott Licht vom Licht vor aller Zeit, als Mensch in der Zeit geboren von Maria, der Jungfrau, er ist eins mit Gott, dem Einen, den er uns offenbart und verkündet als den liebenden Vater aller Menschen.

So kommt Gott dem Menschen unendlich nahe. So ist Gott in uns Menschen, so umfaßt und umfängt er unser ganzes Dasein. Aber ist das nicht alles immer noch unbegreiflich? Wie können wir von diesem einen Menschen, Jesus, behaupten und bekennen, in ihm sei Gott am Werk, in ihm erlöse er alle Menschen von ihrem Dasein im Schatten, in ihrer unendlichen Entfernung vom wirklichen Leben? Schauen wir noch einmal auf das Geheimnis der Geburt eines Menschen: Es ist wirklich ein Geheimnis, was sich da abspielt. In der Entstehung, in der Geburt eines kleinen Menschenkindes ist der Mikrokosmos, in dem der Mensch zu seiner Geburt heranwächst, ein Abbild des Makrokosmos, der Schöpfung Gottes. Das Fruchtwasser, in dem das Baby schwimmt, ist Urflut und Wasser, aus dem das Leben kommt. Die Wissenschaft sagt uns, daß die Zusammensetzung des Fruchtwassers ganz ähnlich ist wie der chemische und biologische Aufbau der Weltmeere. Alles Leben kommt aus dem Wasser, so sagen uns die Biologen, die das Entstehen des Lebens erforschen: Im Heranwachsen und in der Geburt eines Kindes wiederholt sich im Kleinen, was Gott als seinen Lebensplan in die große Schöpfung hineingelegt hat.

Für das Baby im Mutterschoß ist die Gebärmutter die schützende Höhle, sein bergendes Zuhause, in dem es alles Nötige bekommt und das er gar nicht verlassen kann und will, zumindest nicht für neun Monate lang. Wehe, wenn dieses Zuhause bedroht wird! Wehe, wenn durch Untersuchungen auf Krankheiten und Behinderungen hin, auf Geschlecht oder mögliche Fehlbildungen, das Leben in Frage gestellt wird! Wohin könnte der Ungeborene sich flüchten? An wen kann er sich wenden? Wer hört seine Bitten, seinen Wunsch nach Leben? Der Mutterschoß ist auf dieser Erde zum gefährdetsten Ort für den Menschen geworden. Wo die Achtung vor der Heiligkeit des Lebens vor der Geburt nachläßt, da wird sie auch nachlassen, wenn es um das Leben nach der Geburt geht, vor allem auch um das Leben vor dem Sterben. Das ungeborene Kind hat aber eine vielgestaltige Verbindung zur Welt: Die Nabelschnur ist die Verbindung zum „Himmel“ des kleinen Kindes, sie ist für ihn die Quelle aller Wohltaten, von ihr empfängt das Kind alle nötigen Gaben, um zu überleben. Zugleich ahnt das Kind schon etwas von der Größe und Weite der Welt, die es umgibt, es nimmt ein schwaches Licht wahr, es hört Stimmen und Musik, es fühlt, wenn der Bauch gestreichelt wird, es spürt die Bewegungen der Mutter.

In diese wunderbare Welt geht Jesus in seiner Menschwerdung hinein und erfüllt den Mikrokosmos des Ungeborenen mit seiner göttlichen Gegenwart und Liebe. Was für ein Geheimnis! Was für ein wunderbarer Gedanke! So geschieht Erlösung! Gott, der den Kosmos geschaffen hat und in seinen Händen hält, er macht den Mikrokosmos des Menschen zu seiner Heimat und zum Ort seiner Offenbarung. Wir können nur staunen über soviel Demut, wir können nur anbeten und dankbar sein über diesen Erfindungsreichtum der Liebe Gottes. Weihnachten schenkt uns einen neuen Blick für das Geheimnis Gottes und zugleich das Geheimnis des Menschen. Seit Weihnachten läßt sich beides nicht mehr voneinander trennen: denn Gott ist einen Bund mit uns Menschen eingegangen, den kein Mensch mehr auflösen kann. Im Lebensweg eines jeden einzelnen Menschen will Jesus gegenwärtig sein und mitgehen. Wieviel Ehrfurcht müssen wir deswegen vor dem Leben haben! Vor dem ungeborenen Leben, vor dem Leben in jeder Phase seiner Existenz! Das Leben der Schwächsten, das Leben der Ungeborenen, der Kranken, der Alten, der Behinderten: es ist heilig, denn Jesus ist in jedem dieser Menschen gegenwärtig.

Anm.: Die Anregung zu dieser Predigt kommt aus einem Artikel von Roland W. Moser, Vorgeburtliche Geborgenheit, PUR-Magazin 12/2011, 20-21, aus der einige Formulierungen wörtlich übernommen sind.

8. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2010)

Das Weihnachtsfest, liebe Schwestern und Brüder, ist einmal das Fest der Kinder par exelance gewesen. Das war es einmal. Natürlich strahlen die Kinderaugen auch noch heute. Mir scheint nur, dass es nun hauptsächlich ein Fest für Erwachsene geworden ist. Das sieht man an den Regalen, den Schaufenstern, den Anzeigen und Werbeblättern.
War es früher die Freude der Großen, die Kleinen zu beschenken, so meine ich feststellen zu müssen, dass es heute hauptsächlich darum geht, dass Erwachsene sich gegenseitig eine Freude machen.

Das liegt wahrscheinlich daran, dass immer mehr Erwachsene keine Kinder kennen, die sie beschenken könnten. Darauf hat der fast alles regierende Markt reagiert.

Unser Land – wie viele andere in Westeuropa auch – hat immer weniger Kinder. Das ist so und wird auch erst einmal so bleiben.

Deutschland vergreist. Kindertagesstätten werden nicht nur wegen der Kosten reihenweise geschlossen. Es gibt schlicht zu wenig Kinder.

Das ist der Politik mittlerweile auch aufgefallen, nachdem der drohende Kollaps der Sozialsysteme von niemanden mehr übersehen werden konnte. Kinder zu kriegen ist zu teuer geworden. Das ist eine der immer wieder angefügten Begründungen des Kindermangels. Aber war das früher anders? Waren Kinder nicht immer teuer, eine finanzielle Belastung? Reiche Länder müssten dann doch eigentlich eher mehr Kinder haben als ärmere? Aber dem ist ja nicht so.

Mütter können den Beruf und die Kindererziehung nicht mehr in Einklang bringen. Ein weiteres vielzitiertes Argument. Deshalb unternimmt man viele Anstrengungen Kindergarten- und Krippenplätze zu vermehren und flexibler zu gestalten. Als Träger von vier Kindertageseinrichtungen weiß unsere Pfarrei, was das heißt. Diesen Dienst wollen wir wohl zur Unterstützung der Familien gerne tun.

Dabei kommen mir aber manchmal Zweifel, ob es dem Großteil der Lösungsansätze wirklich um die Kinder geht. Wichtiger scheinen hier wohl die Belange der Wirtschaft zu sein. Frauen sollen frei sein, um im Berufsleben das Bruttosozialprodukt anzukurbeln. Nichts dagegen.

Nur wenn in einer Gesellschaft als Arbeit ausschließlich anerkannt wird, was auch Geld einbringt, jeder Ansatz zur Entlohnung von Familienarbeit aber mit Schlagworten wie "Herdprämie" oder "Heimchenbonus" abzutöten versucht wird, kann es jedenfalls nicht weit her sein mit einer Wertschätzung von Familie. Und dass Menschen, die eben darauf hinweisen – manchmal auch ungelenk oder provokativ – dass solche Menschen in den Medien mit Dreck beworfen, als unsäglich altmodisch .

Wirtschaftliche und gesellschaftliche Hemmnisse gibt es. Und sie haben ihre Auswirkung auf die Zahl der Kinder. Sicherlich. Aber Probleme dieser Art gab es immer. Elterngeld allein bringt noch keine größere Geburtenziffer, wie die Regierung vor kurzem feststellen musste.

Medizinisch werden die Kinder in unserem Land wie kaum in einem anderen sehr gut betreut. Die Sterblichkeitsrate bei Kindern ist hierzulande gering. Die Abtreibungsrate nach wie vor hoch. Laut Statistischem Bundesamt immer über 110.000 Kinder seit Jahren (also ungefähr einmal ganz Bottrop) und das bei einer hohen Dunkelziffer. 40 Prozent der abtreibenden Frauen waren verheiratet, über 95 Prozent der Schwangerschaftsabbrüche folgten nach der obligatorischen Beratung.

Das Problem scheint tiefer zu liegen.
Es ist der Mangel an Hoffung verbunden mit dem, was das mit sich bringt: der Verlust an Vertrauen in die Zukunft, Lebenskraft, Kreativität, Poesie und Lebensfreude.

So wie die Ehe ein Akt des Vertrauens, des Sich-Trauens ist, so ist das Kinderkriegen vornehmlich ein Akt der Hoffnung. Hoffnung auf Zukunft für die Welt, in die hinein die Kinder geboren werden.

In diese Welt kann man doch keine Kinder mehr setzten – So sagen viele und denken dabei an Kriege, Klimakatastrophe, globalisierter Ungerechtigkeit. usw. Viele haben keine Hoffnung für diese Welt mehr.

Und tatsächlich, wer seine Hoffnung allein in diese Welt setzt, der wird bald keine Hoffnung mehr für diese Welt haben. Der wird resignieren, stagnieren, leblos die Hände in den Schoß fallen lassen. Hoffnung für die Welt trägt nur der in sich, der seine Hoffnung nicht in die Welt setzt, sondern auf deren Schöpfer.
Gott kennenlernen – den wahren Gott, das bedeutet Hoffnung empfangen.
schreibt Benedikt XVI in seiner Enzyklika „Spe salvi“ – Auf Hoffnung hin. Und damit ist er am Puls der Zeit.

Der Glaube schenkt Hoffnung, weil er uns über diese Welt hinaushebt. Wieder der Papst:
Nicht die Elemente des Kosmos, die Gesetze der Materie, herrschen letztlich über die Welt und über den Menschen, sondern ein persönlicher Gott herrscht über die Sterne, das heißt über das All; nicht die Gesetze der Materie und der Evolution sind die letzte Instanz, sondern Verstand, Wille, Liebe – eine Person. Und wenn wir diese Person kennen, sie uns kennt, dann ist wirklich die unerbittliche Macht der materiellen Ordnungen nicht mehr das Letzte; dann sind wir nicht Sklaven des Alls und seiner Gesetze, dann sind wir frei. ...
Das Leben ist nicht bloßes Produkt der Gesetze und des Zufalls der Materie, sondern in allem und zugleich über allem steht ein persönlicher Wille, steht Geist, der sich in Jesus als Liebe gezeigt hat.

Wer Hoffnung hat, lebt anders, dem ist neues Leben geschenkt worden. Und deshalb vermag er auch neues Leben zu schenken. Aus den Kindern blicken uns nicht nur hoffnungsvolle Augen an, sondern die Hoffnung selbst.
In den Schriften Charles Peguy gibt es eine schöne Stelle – ich habe sie leider nicht mehr so schnell gefunden – darin beschreibt er Glaube, Hoffnung und Liebe wie drei Schwestern, die sich an den Händen haltend einhergehen. In der Mitte ist die Hoffnung. Ein kleines Kind, das die anderen beiden größeren Geschwister zieht. Wenn die Hoffnung stehen bleibt, bleibt alles stehen, heißt das.

Kinder sind Hoffnung. Wo wenig Kinder sind, ist wenig Hoffnung.

Liebe Schwestern und Brüder,
wir haben als Christen Hoffnung. Denn wir feiern heute die Geburt eines Kindes – Gottes Sohn Jesus Christus strahlt uns mit seinen hoffnungsfrohen Augen an. Gott hat Hoffnung für uns, für diese Welt.
Diese Hoffnung ist kein billiger Optimismus, keine Vertröstung nach dem Motto: Wird schon irgendwie.
Diese Hoffnung ist angefochten – am Kreuz schien sie sogar besiegt zu sein – aber sie ist unsterblich, ewig nicht zerstörbar, weil sie die Welt und ihre Schrecken besiegt hat.

Das göttliche Kind in der Krippe ist der Hoffnungsträger – keine politischen Parteien, Ideologien oder esoterische Ersatzreligionen.

Unsere Hoffnung könne wir stärken – gerade auch in der Anfechtung – wenn wir auf das Kind in der Krippe schauen. Die Umstände seiner Geburt waren alles andere als ein hoffnungsvoller Einstieg in die Welt. Statt eines staatlich mitfinanzierten Krippenplatzes hatte Er nur in einer ärmlichen Krippe Platz.
Es gilt, auf dieses Kind zu schauen, mit ihm zu sprechen, auf ihn zu hören, zu beten – dann wird die Hoffnung in uns wachsen.

Das Gebet ist die Schule des Hoffens.
Pflegen wir das Gebet. Persönlich.
Aber auch besonders in der Familie zu Hause. Unsere Hoffnung reicht weiter, wenn wir nicht nur an Weihnachten beten und zur Kirche gehen.

Liebe Schwestern und Brüder.
Weihnachten war das Fest für die Kinder. Kinder sind unsere Zukunft, sind Zeichen der Hoffnung, das alles gut wird und Gott uns trägt und lenkt.
Weihnachten ist das Fest des göttlichen Kindes, das uns reich beschenkt. Es sagt uns ohne Worte: Gott hat Hoffnung für euch und diese Welt.
Dieses Kind streckt uns die Hände entgegen. Ergreifen wir sie und lassen uns von diesem Kind ergreifen.

9. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2009)

Die Sportnachrichten dieser Tage sind voll von Wintersport. Die alpinen Weltmeisterschaften sind beendet, da geht es schon mit den nordischen Disziplinen weiter. Auch die Biathleten kämpfen um Gold, Silber oder Bronze. Für diese Medaillen verlangen sich die Sportler sehr viel ab. Ohne ein hohes Maß an Selbstüberwindung und Teamgeist bleibt der erhoffte Erfolg aus. Schon lange vor der eigentlichen Saison bereiten sich die Athleten vor. Meist ziehen sie sich in Trainingslager zurück.

Häufig kämpfen die Wintersportler noch um Ehre und Preisgelder, während mit dem Aschermittwoch die Trainingszeit der Christen beginnt: die Fastenzeit. Ihr Vorbild ist die Zeit Jesu in der Wüste, sein ganz persönliches Trainingslager, wenn man so will.

Das Aschekreuz auf der Stirn ist sozusagen der Startschuss. Ziel ist es aber nicht, Ruhm oder Medaillen oder Pokale zu erringen, sondern fit für Ostern zu werden.

Wie im Trainingslager der Sportler ein genauer Plan vorliegt, was alles angegangen werden muß – Kondition, Schnelligkeit, Sprung- oder Schießtechnik – so legt das Evangelium vom Aschermittwoch (Mt 6, 1-6.16-18) die drei Bereiche fest, in welchen der Christ seine Werte verbessern möchte: Almosen, Gebet, Fasten. Und so umfasst sein Trainingsplan die drei Grundbeziehungen des Menschen: zum Nächsten, zu Gott und zu sich selbst.

Wer Almosen gibt, also etwas von dem Seinigen abgibt, der öffnet sich auf den Nächsten hin, der denkt nicht nur an sich. So wird der Christ zu einem guten Teamplayer, der nicht engstirnig auf seinen Ruhm aus ist, sondern den Erfolg der ganzen Mannschaft im Blick hat. Selbstverständlich ist er den Mitstreitern gegenüber auf Fairplay bedacht.
Almosen geben kann dann heißen, dem anderen, der in Not ist, durch eine Spende zu helfen. Oder dem anderen ein Lächeln zu gönnen, der gerade schlecht gelaunt ist. Oder ihm etwas vom Wertvollsten zu schenken, das er hat: Zeit. Gerade die österliche Bußzeit lädt uns ein, Kranke und Einsame zu besuchen, mehr Zeit mit der Familie oder Freunden zu verbringen.

Das Gebet ist – wenn man so will – das ‚mentale Training‘ des Christen. Im Fernsehen sieht man immer wieder, wie in sich versunkene Rodler im Geiste die Strecke abfahren, die vor ihnen liegt. So ist der Sportler in der Lage, die Ideallinie zu verinnerlichen. Im Gebet können wir unseren Alltag vor Gott bringen, mit ihm den besten Weg für unser konkretes Leben suchen und finden. So wie der Rodler sich die kleinsten Unebenheiten und die schwierigsten Kurven merkt, darf der Christ alles mit Gott besprechen – das Große und Kleine, das Schöne und Schwere. Eine feste Zeit und einen festen Ort für das Gebet in der Fastenzeit zu finden, ist sinnvoll. Auch der Sportler zieht sich für das mentale Training vom ganz großen Rummel um ihn herum zurück. Der Anbetungstag an diesem Sonntag ist da eine gute Gelegenheit. Aber auch einfach zwischendurch die Kirche aufzusuchen, ist da sinnvoll.

Ein Sportler kann nicht gewinnen, wenn er sich selber nicht besiegt. Ohne Selbstüberwindung geht kein Konditionstraining.

Auch dem Christen geht innerlich die Puste aus, wenn er stets nur das tut, was ihm gerade gefällt. Wer sich nur von seinen Neigungen oder Trieben bestimmen lässt, der wird träge und antriebslos. Dagegen hilft das Fasten. Wer fastet, verzichtet auf etwas, das ihm lieb geworden ist – z. B. die Flasche Bier am Abend – oder er kämpft gegen etwas, das er besser lassen sollte – das kann auch die Flasche Bier am Abend sein. Durch das Fasten werden wir wieder Herr im eigenen Hause, handeln wir, statt uns treiben zu lassen.
Sicher verlangt auch das kleinste Fastenopfer immer wieder Anstrengung. Aber sie lohnt sich. Nicht nur für den, der fastet. Das Fasten kann auch für andere fruchtbar werden: Das kleine Opfer kann ich Gott als ein Gebet für bestimmte Personen und deren Anliegen schenken.

Ohne Training kein Sieg. Sportler wissen aber auch, dass es viele andere Umstände gibt, die den Ausgang des Wettkampfs bestimmen, Dinge auf die sie keinen Einfluss haben.
Da sind die Windverhältnisse an der Sprungschanze, die Stimmung im Stadion oder an der Strecke, die Tagesform, das Material der Skier.

Auch der Christ weiß, dass er ein geistliches Leben einüben muss, damit er innerlich reifen kann. Aber das Entscheidende hat er nicht in der Hand: die Gnade Gottes.
Und das Tröstliche ist, dass die Gnade Gottes für uns beständig da ist. Sie ist nicht wechselhaft wie der Wind oder das Wetter. Als Christen leben wir immer unter den besten Bedingungen. Wir können eigentlich nicht verlieren, wenn wir wirklich trainieren, weil Jesus für uns schon alles gewonnen hat. Am Kreuz hat er uns erlöst. Sein Ostersieg ist der entscheidende für unser Leben.

Die Fastenzeit hilft uns, ihm zu folgen. Er erwartet uns schon voll Freude am Ziel. Er wird uns keinen Pokal aus Metall überreichen. Sein Siegespreis ist die Erlösung zum ewigen Leben. Sich dafür in der österlichen Bußzeit etwas ins Zeug zu legen, lohnt sich.

10. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2009)

Liebe Schwestern und Brüder!

Die Tannenbäume liegen auf der Straße zum Abholen bereit, der Weihnachtsfestkreis ist offiziell mit dem vorigen Sonntag „Taufe des Herrn“ abgeschlossen.
In den Kaufhäusern wird für Karneval umgerüstet, und nach den Festtagen hat auch uns der Alltag wieder.

Und Alltag scheint auch beim Täufer Johannes zu herrschen. Wie jeden Tag tauft er die Umkehrwilligen im Wasser des Jordans. Die Menschen kommen in Scharen. Sein Wort spricht sie an. Einige sind sogar seine Jünger geworden und leben eine Zeit lang bei ihm, um von ihm zu lernen.
Auch an diesem Tag, über den das heutige Evangelium berichtet, sind Jünger in seiner Nähe. Zwei stehen direkt neben ihm.
Wahrscheinlich kümmern sie sich um die Ordnung des Besucherstromes und assistieren bei den Taufhandlungen.

Doch ganz plötzlich ist es vorbei mit der Routine.
Im Evangelium heißt es dazu nur kurz:
„Als Jesus vorüberging, richtete Johannes seinen Blick auf ihn und sagte: Seht, das Lamm Gottes!“

Jesus ging also vorüber. Er war unterwegs. Es klingt so, als habe er nicht die Absicht, dort anzuhalten. Er ging vorüber. - Merkwürdig! Wer den weiten Weg durch diese Wüstenlandschaft macht, der hat normalerweise ein Ziel und auch Zeit für einen Stopp und ein Gespräch.
Hier in dieser Einöde ist weit und breit doch nichts – außer Johannes
und den Pilgern auf dem Weg. Was will uns das heutige Evangelium
also mit dieser Detail-Information erklären?

Jesus ist in Sichtweite, aber er kommt niemand zu nahe. Er ist zwar
der weitaus Größere im Vergleich zu Johannes dem Täufer, aber er ist nicht sein Konkurrent. Er nimmt ihm nichts weg. Er signalisiert Johannes nur: Wie du siehst, bin ich jetzt da. Ich bin jetzt bereit für meine Aufgabe. Ich dränge mich aber bei dir nicht auf. Entscheide du, wie du darauf reagieren willst!

Und nun sehen wir die innere Größe unseres Pfarrpatrons:
Er bindet seine Jünger nicht an sich, in die er so viel Zeit und Energie gesteckt hat. Nein, er weist sie hin auf Jesus und lässt sie frei, lässt sie gehen.
Er muss nicht sein Ego pflegen, sein Ansehen bei den Leuten. Er will nur Bote und Herold sein für den König, der da kommt. Dafür lebt und stirbt er. Für das Lamm Gottes lebt und stirbt er.

Und dann beginnt für die beiden Jünger, Andreas und Johannes, das Abenteuer, Christus zu folgen. Für beide hieß Nachfolge damals ganz ursprünglich: hinter Jesus herlaufen, ohne mehr zu wissen, als dass man geschickt worden ist.
Und als er sie entdeckt und sie bei ihm bleiben wollen, setzt Jesus sich nicht hin und breitet ein Missionskonzept aus oder hält einen Vortrag darüber welchem Anforderungsprofil seine Jünger entsprechen müssen.
Nein. Schlicht ist die Antwort: Kommt und seht!
Nur wer mitgeht, wird sehen, wer Jesus ist, dass er das Lamm Gottes ist.
Und das wird bestätigt: Die Jünger gingen mit, sahen und blieben.

Liebe Schwestern und Brüder,
diese Berufungsgeschichte der ersten beiden Jünger ist mir sehr kostbar, weil sie immer wieder neu zu mir spricht. Und mich so manches inne werden lässt.

Mir wird beim Lesen immer wieder deutlich, dass der Glaube nicht das Fürwahrhalten von Dogmen oder eine Ansammlung von Geboten ist, sondern ein Weg. Christsein ist ein Christwerden, ist ein Jesus nachgehen, ohne zu wissen, was einen erwartet.

Und da gibt es Momente, wo es mir leicht fällt, manchmal falle ich hin und meistens stolpere ich Jesus hinterher. Aber ich bin hinter ihm. und weiß ihn vor mir.
Das, was für den einzelnen gilt, gilt auch für die Kirche als Ganze und auch für unsere Gemeinde: Es gibt kein anderes Konzept, als hinter ihm her zu gehen, ihn im Blick zu halten. Und gerade deshalb ist die Feier der Eucharistie so wichtig.

Denn hier hören wir den Ruf: Seht, das Lamm Gottes. Und wir sehen es dann in den Händen des Priesters und können uns so neu ausrichten. Auf IHN hin.

Seht, das Lamm Gottes – Diesen Ruf können wir auch umsetzten, indem wir uns immer wieder in einer Kirche vor dem Tabernakel hinknien oder in die Anbetung gehen. Dann kommen wir zu ihm und sehen, wo er wohnt. Und wir spüren, dass wir bleiben möchten, weil bei ihm sein einfach Trost und Kraft spendet. Aber das spüre ich nur, wenn ich es wirklich tue. Nicht, wenn ich darüber rede oder daran denke.


Als Jesus vorüberging, richtete Johannes seinen Blick auf ihn und sagte: Seht, das Lamm Gottes!
Als Jesus VORÜBERGING – sozusagen im Vorbeigehen geschieht das Große.
Nicht nur in der Liturgie, auch im ach so flüchtigen Alltag können wir Jesus begegnen, taucht er auf, ohne sich aufzudrängen. Und da bedürfen wir oft eines Täufers Johannes, der uns die Augen öffnet und sagt: Seht, das Lamm Gottes!
Bitten wir unseren Pfarrpatron darum, dass unsere Gemeinde immer wieder auf das Lamm Gottes, auf IHN hinweist, andere das Eigentliche, das zählt, vor Augen führt.
Und bitten wir unseren Pfarrpatron darum, dass wir selber Menschen finden und einander solche Menschen werden, die im richtigen Moment ein Ereignis aufschlüsseln, damit wir den vorbeigehenden Jesus nicht verpassen.

Ich bin sicher, wenn wir Christus, das Lamm Gottes, im Gottesdienst und in der Anbetung immer wieder aufsuchen, werden wir ihn immer öfter und unerwarteter entdecken.

Es Cristo que pasa – heißt eine Predigtsammlung des Heiligen Josefmaria, die mir sehr wichtig geworden ist, die viel von den kleinen Dingen, der Arbeit, den menschlichen Tugenden und Schwächen, der Familie, der Freundschaft spricht.

Es ist Christus, der vorübergeht.
Heiliger Johannes der Täufer, hilf mir ihn zu entdecken. Immer neu.

11. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2009)

Liebe Schwestern und Brüder,

Und die Menschen waren sehr betroffen von seiner Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der göttliche Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten.

Das Wort „betroffen“ in der Einheitsübersetzung ist allerdings sehr schwach. Es erinnert mich immer an das „Betroffenheitsgedusel“ einiger Kreise in den 80er und 90er Jahren, wo jeder und jede über alles irgendwie ein Stück weit betroffen war.
Die Lutherübersetzung ist hier kräftiger: „Und sie entsetzten sich“ heißt es da immer wieder, statt „sie waren betroffen“.

Man kann das Wort auch mit „erschrocken“ übersetzen. Das heißt,
durch die Schrifterklärung Jesu wurde den Menschen mit einem Schlag bewusst, wie lebendig Gottes Wort ist.
Es ist nicht nur religiöser Zuckerguß auf Kalenderblattniveau. Es geht tiefer, erschüttert Mark und Bein, wenn man es an sich heranläßt. Und es ist wirkmächtig.

Dass es eben bei Jesus nicht nur um schöne Worte und nette Sprüche geht, wird dann drastisch nach seiner Predigt deutlich.

In ihrer Synagoge saß ein Mann, der von einem unreinen Geist besessen war.
Besessener - Dieser Mann ist ein Gefangener. Er ist unberechenbar in der Gewalt anderer, hat keine Gewalt mehr über sich selbst. Er ist nicht mehr sein eigener Herr.

Aber was ist da bloß in ihn gefahren? - Als Jesus in seine Nähe kommt, wird das offensichtlich. Allein die Nähe Jesu wirkt für die Besatzungsmächte dieses Kranken so bedrohlich, dass sie heftige Reaktionen zeigen.
Es schreit laut aus dem Mann heraus, wie die Warnung eines in die Enge getriebenen Wesens: „Hau bloß ab, komm mir nicht zu nahe!“

Im Evangelium ist das so formuliert: „Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret? Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen?“

Jesus und die Menschen in der Synagoge hören also, dass da Kräfte am Werke sind, die keineswegs dumm sind. Im Gegenteil, sie sind bestens informiert. Jesus wird ganz korrekt mit „Jesus von Nazaret“ angesprochen. Aber die pure Angst spricht aus der Nachfrage, wozu Jesus gekommen ist.

Was die Menschen ringsum noch nicht erkannt haben, das haben ausgerechnet diese Mächte längst kapiert: In Jesus begegnet ihnen gerade in diesem Augenblick derjenige, den sie respektvoll als den „Heiligen Gottes“ betiteln.
Die dunklen Mächte erkennen also die Heiligkeit des Gottessohnes, sie wissen sehr wohl, dass er der Messias ist. Aber wie man sehen kann, führt das keineswegs zu freiwilliger Umkehr und zum Glauben, sondern trotz dieses Wissens lehnen sie Jesus als ihren Herrn und Meister ab.

Da mag vielleicht manch einer denken: Ach, so ist das eigentlich auch bei vielen modernen Menschen, die genug über Jesus wissen, aber ihm noch lange nicht nachfolgen wollen.

Jedenfalls signalisieren die Kräfte, die diesen Mann besetzt und in ihrer Gewalt haben, dass sie diesen Menschen nicht kampflos aufzugeben gedenken. Sie pokern ganz schön hoch und suchen mit lautem Getöse die direkte Auseinandersetzung mit Jesus: „Was haben wir mit dir zu tun…?“ - so schreien sie ihn an.

Das soll heißen: Was du tust, das geht uns nichts an, aber für dich
gilt auch: was wir tun, das geht dich nichts an! Halte dich also da raus! Das ist unser Einflussgebiet, nicht deines!

Doch Jesus hat nicht vor, mit ihnen in irgendwelche Verhandlungen einzutreten. Mit dem Bösen schließt man keine Kompromisse und keine Waffenstillstands-Verhandlungen. Wenn man dem auch nur einen Finger reicht, nimmt es garantiert die ganze Hand.

Sabbatruhe hin oder her, hier muss Jesus eingreifen. Die bösen Mächte haben einen Menschen zu ihrem Spielball gemacht. Mit einem einzigen Machtwort aus dem Munde Jesu ist dieser Spuk zu Ende. Ein letztes Mal hat sich das Böse aufgebäumt und den Mann hin- und her geschleudert. Dann verlässt es ihn mit wütendem Gebrüll.

Wir wissen nicht genau, welche teuflischen Mächte diesen Mann so lange gepeinigt haben. Das ist auch nicht die Hauptsache. Das Evangelium selbst formuliert, was hier wirklich wichtig ist: „Da erschraken alle, und einer fragte den andern: Was hat das zu bedeuten? Hier wird mit Vollmacht eine ganz neue Lehre verkündet. Sogar die unreinen Geister gehorchen seinem Befehl.“

Das heutige Evangelium stellt es unmissverständlich und für jeden klar: Ja, es gibt das Böse, und das Böse kann furchtbare Macht über Menschen gewinnen.

Uns fällt es nicht schwer, dem zuzustimmen. Wir brauchen nur die Nachrichten zu lesen.

Das Evangelium bestätigt aber nicht nur, dass es das Böse gibt.

Es demonstriert auch, wer wirklich das Sagen hat, auch wenn das leider in unserem Alltag nicht immer so offensichtlich wird wie hier.
Die Menschen in der Synagoge haben es damals auf den Punkt gebracht: Wer solche Wundertaten allein durch sein Wort vollbringt, der ist ganz sicher mit göttlicher Vollmacht ausgerüstet. Ja, diese Tat ist sogar eine verkündete Lehre. Jesus erteilt ihnen eine Lehre. Bei ihm können sie in die Lehre gehen, wenn sie ihm nachfolgen.

Die bösen Geister dieses Mannes sind vertrieben.
Er kann aufatmen und ein ganz neues Leben beginnen.

In jeder Taufe und bei der Tauferneuerung in der Osternacht werden auch wir heutzutage daran erinnert, dass die bösen Mächte keineswegs in Winterschlaf gegangen sind. Der Teufel macht keinen Urlaub.
Wir sind dann konkret aufgerufen, wachsam zu sein und Widerstand gegen das Böse zu leisten – in uns und um uns: „Widersagt ihr dem Bösen?...Widersagt ihr dem Satan?“ heißt es, und von uns allen wird eine klare Absage erwartet: „Wir widersagen!“

Oft genug möchte man fragen: „Was ist bloß in uns gefahren?“ Das ist wie mit einer chronischen Krankheit, die immer wieder versucht, sich zum Angriff auf unser Immunsystem zurückzumelden.
Da ist so einiges Unheilvolle und Böse, in uns, in die heutige Gesellschaft, hineingefahren. Wie viele Süchte besetzen die Menschn heute: Sucht nach Geld, nach Macht, nach Sex, Alkohol-, Spiel-, ja Internetsucht.
Achten wir als Christen immer darauf, dass diese Quälgeister nicht auch von uns Besitz ergreifen und uns zu Besessenen machen! Manchmal muß man mutig sein, und fliehen.
Lassen wir Jesu Wort zu uns sprechen, uns von seinem Wort und Sakrament zum Leben befreien. Er hat Vollmacht, die bösen Geister und die Unfreiheit zu vertreiben. Nur Er. Und wir nur mit Ihm.

12. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2009)

Liebe Schwestern und Brüder,

Manchmal sind es die kleinen Sätze im Evangelium, die mir besonders nahegehen.
Manchmal sind es die Randbemerkungen in der Hl. Schrift, die etwas Wesentliches zum Ausdruck bringen.
So auch im heutigen Evangelium.

Da wird der Gelähmte getragen. Von vier Männern. Sie wollen zu Jesus. Der Weg ist ihnen aber versperrt. Also steigen sie unter Mühen auf das Dach des Hauses. Behutsam gehen sie mit ihrem kranken Freund um. kühn, wie sie das Dach abdecken. Und dann lassen sie den Kranken vorsichtig auf eine Bahre herunter mit Hilfe einer eilends konstruierten Vorrichtung.
Sie machen sich ganz schön viel Mühe für ihren Freund.

Und in diesem Moment schreibt der Evangelist einen Satz, der mich immer wieder fasziniert:
Als Jesus IHREN Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, Deine Sünden sind dir vergeben.
Als Jesus IHREN Glauben sah - Vom Glauben des Gelähmten wird garnicht gesprochen, wie sonst: Geh, deine Glaube hat die geholfen.

Nein, als Jesus IHREN Glauben sah - Es geht um den Glauben der Träger.
Weil SIE glaubten, weil SIE alles taten, um ihren Freund vor Jesus zu bringen, geschah das Wunder, geschah die Heilung.

Als Jesus IHREN Glauben sah - In diesen schlichten Worten wird etwas Wesentliches über die Gemeinschaft der Kirche gesagt.

Wir werden getragen vom Glauben der anderen.
„Stell mal ‘ne Kerze für mich auf. Bete morgen für mich.“ oder „Denk an mich.“ Solche Sätze, so oder ähnlich hat mit Sicherheit jeder von uns schon einmal gehört oder gesagt. Gerade vor Examen oder wichtigen Lebensentscheidungen.
Diese Sätze geben auf ihre Art und Weise Zeugnis davon, daß wir einander im Glauben tragen. Es tut gut zu wissen, daß andere mich mit ihren Gebeten tragen. Jedenfalls geht das mir so.

Als Jesus IHREN Glauben sah - die vier Männer trugen einen Gelähmten zu Christus.
Der Kranke konnte sich selber nicht auf den Weg zu Christus machen.
Sich auf den Weg zu Christus machen - in unseren Tagen, in unserem Land mittlerweile eine ziemliche Seltenheit.
Viele sind lahm geworden im Glauben, machen sich nicht auf, sind desinteressiert, wollen oder können nicht.

Wir werden getragen. Aber wen tragen wir?
Wir sehen und spüren wie der katholische Glauben in unserem Land verdunstet. Dieses Phänomen läßt sich selbst in unseren Reihen feststellen, obwohl die Kirche ja sogar im Namen unseres Dorfes vorkommt.

Wenn uns aber wirklich daran liegt, daß der Glaube an Christus weitergelebt wird in unserer Pfarrei, in unseren Familien, in unserem Land, weil dieser Glaube eben heilmacht an Leib und Seele,
wenn uns also wirklich etwas daran liegt, dann ist es unsere Aufgabe, wie die vier Männer zu handeln: die Gelähmten zu Christus zu führen.

Dazu gehört, daß wir für andere beten. Z. B. für den Nachbarn, der menschlich top ist, aber vom Glauben nichts hält bzw. weiß. Oder für den Arbeitskollegen, der nichts gegen die Kirche hat, aber sie auch das letzte Mal bei seiner Firmung von innen gesehen hat.
Oder für den Vereinskameraden, der sich an einzelnen Punkten des Glaubens reibt und droht, ihn deshalb ganz zu verlieren.

Die Gelähmten zu Christus zu führen. Dazu gehört auch, Zeugnis vom Glauben zu geben. Z. B. durch Leserbriefe an Presseorgane, die Falsches oder Böswilliges über Gott, Glaube, Kirche berichten.

Das, was in den letzten Tagen und Wochen über den Papst gesagt worden ist im Zusammenhang mit der Exkommunikation der vier Bischöfe der Pius-Bruderschaft, war in vielen Punkten eine inszenierte Medienkampagne gegen die Kirche und den Glauben allgemein.
Sicher, es hat Fehler im Vatikan gegeben. aber niemand hat dort etwas Unrechtes getan oder tun wollen.

Exkommunikation bedeutet nicht Ausschluß aus der Kirche, sondern Ausschluß von den Sakramenten und den Rechten und Pflichten als Christ. Und zwar ist dieser Ausschluß selbst verschuldet. Der Exkommunizierte hat das Tischtuch mit der Kirche selbst zerschnitten. Er sitzt nicht mehr am gemeinsamen Tisch, weil er die Tischgemeinschaft nicht mehr will.
Wer dann umkehren will, dem wird der Papst, dem kann der Papst das eigentlich nicht verweigern. Die vier abtrünnigen Bischöfe dürfen – wenn sie möchten – nun wieder die Sakramente empfangen. Aber sie haben nach wie vor keine erlaubte Funktion in der Kirche. Auch die Bruderschaft Pius X ist noch lange nicht vollkommen in die Kirche aufgenommen.

Wer dies behauptet oder wer meint, dass Benedikt in irgendeiner Weise antisemitisch sei oder sich gegen das Zweite Vatikanische Konzil stelle, das er ja selbst mitgeprägt hat, der irrt gewaltig – ob wissend oder unwissend, der ist bösartig oder schlecht informiert. Kardinal Kasper – ein bekanntlich sehr besonnener und vermittelnder Mann der Kirche – spricht angesichts der Mediendebatte ungewöhnlich klare Worte:
Aber die Diskussion, wie sie jetzt in Deutschland läuft, sprengt ja alle Maßstäbe. Was da zum Vorschein kommt, ist nicht nur Kritik an diesem oder jenem Verhalten der Kurie, sondern das ist einfach anti-römischer Affekt und zum Teil einfach blanker Kirchenhass. Man macht den Papst lächerlich, nach dem Prinzip: Man schlägt den Sack und meint den Esel. Wenn man den Papst in dieser Weise heruntersetzt, und völlig ungerecht heruntersetzt, dann richtet sich das nicht nur gegen den Papst, dann richtet sich das gegen die katholische Kirche. Ich meine, die Katholiken müssten jetzt aufstehen, müssten sagen: das lassen wir uns nicht gefallen, das ist Intoleranz.

Ich sehe in dem Zugehen des Papstes auf die Piusbrüder einen Akt der Barmherzigkeit, aber auch vor allem der Klugheit: Wenn die Piusbruderschaft es nämlich ernst meint mit der Rückkehr in die Kirche, dann ist sie jetzt am Zug, es zu zeigen. Wenn es ihnen nicht entscheidend und überzeugend gelingt, dann hat sie sich selber sozusagen zerschlagen.
Diejenigen Gläubigen, die sich den sogenannten Traditionalisten zugehörig fühlen, sehen ja jetzt auch, was für wirre Ideen ein Teil ihrer Leute bewegt. Einige wenden sich mit Grausen von den Worten Williamsons ab. Erste Suspendierungen innerhalb der Bruderschaft haben auch schon stattgefunden.
Die kommende Zeit wird eine Zeit der Reinigung und der Klärung sein. Für die Piusbrüder und die katholische Kirche. So hoffe ich. Auch hier können wir mit unserem Gebet einstehen, für den Papst und seine Mitarbeiter für alle Gläubigen guten Willens.

Als Jesus IHREN Glauben sah - Diese schlichten Worte über die Träger des Gelähmten schenken Trost und sind ein Anspruch an uns.
Der Trost, getragen zu sein vom Glauben der anderen.
Der Anspruch, die anderen zu Christus zu tragen. Auch die, die uns vielleicht nicht liegen.

13. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2009)

Liebe Schwestern und Brüder,
Die Evangelien sind frohe, heilmachende Botschaft. Wir brauchen sie nur zu hören und uns dabei gegenwärtig zu halten, dass auch die äußeren Ereignisse, die das Evangelium erzählt, immer Inneres versinnbilden – das, was in der Seele zwischen Gott und uns vorgeht. Und dann werden wir ihrer heilenden Kraft inne.

Es wird Nacht, so hören wir. Jesus und die Jünger fahren in einem Boot über den See Gennesaret ans andere Ufer hinüber. Markus erzählt davon auf eine Weise, die uns Winke gibt, worum es ihm eigentlich geht:
nicht vom See Gennesaret spricht er, sondern vom „Meer“, und nicht von dem Ziel, zu dem Jesus und die Jünger unterwegs sind, sondern bloß vom jenseitigen Ufer, wörtlich von der „Jenseite“. Die kleine Szene – das will Markus damit andeuten – ist ein Sinnbild für unser menschliches Dasein.

Unterwegs sind wir zum jenseitigen Ufer, unterwegs auf dem Meer, über Abgründen und Unwägbarem, wo kein Mensch Fuß fassen und was keiner mit eigener Kraft beherrschen kann; wo wir uns ausgeliefert erfahren.

Ein kleines Boot nur, eine Nussschale trägt uns auf diesem Meer: Nussschale – das ist die Gemeinschaft, in der wir uns geborgen fühlen; die Menschen, die zu uns stehen; auch die eigenen Kräfte, die kleinen, die wir aufbringen manchmal.

So erscheint uns das Leben manchmal: eine riesige, unüberschaubare Aufgabe, für die wir irgendwie kaum gerüstet zu sein scheinen.

Es wird Nacht, die Ruhe kehrt ein. Aber: gerade dann, wenn rings um uns der Lärm schwindet, wenn es still wird und einsam, dann bricht gar nicht selten in uns drinnen der Sturm los:
Was wir falsch gemacht haben, quält uns; uns reut, einen Menschen getäuscht, verletzt, hintergangen zu haben;
den Chancen, die wir selbst mitverschuldet verschenkt haben, trauern wir nach;
Sorgen macht uns, wie es weitergehen soll mit der Last einer Krankheit, dem Einsamsein, des Versagens, einer Schuld, die auf uns liegt.

Da wird die kleine Nussschale des Lebens nicht nur hin und hergerissen – da schwappt das Meer, dieses unwägbar Gefährliche und Bedrohende, ins Boot hinein. So erfahren wir leibhaft – auf dem Meer der Angst –, wie wenig es braucht, dass wir untergehen. Buchstäblich! Wahrscheinlich kennen das etliche von uns, mehr als man wohl denken möchte. Die Stunden früh zwischen zwei und vier können quälend sein, wenn man nicht schlafen kann vor sorgenvollen, ja angstvollen Gedanken.

Jesus schläft, erzählt Markus.
Trotz des tobenden Sturmes ringsum liegt er auf einem Kissen in tiefem Frieden. Anders die Jünger: sie geraten in Panik und wecken Jesus auf, dass er sie rette vor dem Untergang. Er tut das – wie beiläufig beruhigt er Meer und Wind. Und dabei tadelt er die Jünger: Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?

Eben damit spricht Jesus sein eigenes Geheimnis aus – das Geheimnis, wer er ist und warum er sogar Macht über Meer und Wind hat, dass sie ihm gehorchen.

Mit der Frage an die Jünger sagt Jesus nämlich: das tobende Meer und den Sturm, also das Auf und Ab und die Gegenkräfte im Leben erlebt nur der als gefährlich und als Bedrohung, der Angst hat.

Angst ist das Gegenteil von Glaube. Glauben heißt: Ich traue Gott.
Auch dem Glaubenden begegnet Gefahr und manche Widerwärtigkeit. Und immer wieder wird er darauf gestoßen werden, wie schwach und klein er in Wahrheit ist.

Nur: wer Gott traut – und so traut wie Jesus –, dem rauben auch der Sturm und das aufgewühlte Meer nicht den Schlaf. Versagen nicht; Schwäche nicht; Not nicht; nicht einmal Schuld. Weil er sich in allem und über alle Abgründe hinweg immer schon und für immer gehalten weiß. Wer glaubt, ist so stark, dass sich Sturm und Wogen der Angst vor ihm legen. Wie vor Jesus, weil er Gott ganz traute. Sein Wort, die Frohe Botschaft vom Gott, der uns trägt, wirkt das Wunder, dass der Sturm in uns still wird.

Sprichwörtlich ist die Ruhe vor dem Sturm. So reden Menschen, die auf dem Sprung sind, weil sie sich ängstigen, was denn nun noch oder schon wieder kommen wird. Wie viel Zeit und Kraft können wir Menschen verschwenden, indem wir uns in den düstersten Farben ausmalen, was alles passieren könnte, wenn dieses einträte und dabei jenes herauskommen könnte... Angst war schon immer ein schlechter Ratgeber.

Jesus zeigt uns, dass es auch Ruhe nach dem Sturm gibt, ja sogar während des Sturmes gibt. Wenn ich mich wirklich in Gott festmache, vertue ich meine Zeit nicht mit Schwarzmalerei.
Sondern ich sehe Jesus bei mir, an meiner Seite. Wenn ich auf ihn blicke, wie er da steht, ganz ruhig und die Stürme beherrschend, dann werde ich selber ruhiger. So fasse ich Vertrauen und bekomme eine klaren Kopf, um zu denken und das zu planen, was vor mir liegt.

Liebe Schwestern und Brüder,
immer wieder in der Auslegungsgeschichte dieses Evangeliums wurde die Nussschale mit dem Schiff Petri, der Kirche gleichgesetzt. Gerade in Europa spüren wir, dass die Kirche in schwere Wasser geraten ist. Die Wogen der Welt scheinen die Kirche zu überfluten.
Ein sorgemachendes Indiz dafür ist der Mangel an Berufungen zum Priesteramt, aber auch die Not vieler Priester, ihren Dienst am Bord des Schiffes Kirche zu tun. Das Burn-out-Syndrom breitet sich unter ihnen aus. Manche halten dem Druck und den Sorgen nicht mehr stand, suchen Zuflucht im Alkohol oder verlassen gar das Schiff.

Auch aus diesem Grund hat unser Hl. Vater ein Jahr des Priesters ausgerufen, das am vergangenen Freitag begonnen hat und im Juni nächsten Jahres enden soll. Es orientiert sich am 150. Todestag des Hl. Pfarrer von Ars, dem Patron der Priester.

Es wird ein Jahr sein, in dem den Priestern Gelegenheit gegeben werden soll, über ihren Dienst und ihre Identität, ihren Lebensstil nachzusinnen. Ein tieferes Verständnis des eigenen Tuns führt zur Freude.

Gleichzeitig verbindet der Papst dieses Jahr mit der Bitte an die Gläubigen, besonders für die Priester und um Berufungen zum Priesterstand zu bitten. Dazu möchte ich sie von Herzen ermutigen. Als Priester lebe ich vom Gebet der Gläubigen.

Die Situation der Kirche - und des Priesterstandes - macht vielen Sorge, Priestern wie Laien – aber Jesus ist mit an Bord. Blicken wir auf ihn. Und lassen wir ihn wirken. Er kann dem Wind und den Wellen befehlen. Er führt das Schiff und lenkt es zu seinem Ziel. Und er vergisst niemanden an Bord.

14. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2009)

Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus. So haben wir Jesus gerade sprechen gehört.

Jesus hatte die Jünger in die Städte und Dörfer der Umgebung geschickt, damit sie ihm den Weg bereiteten. Es muß ein Stück Arbeit, muß Mühe und Aufregung gewesen sein, denn zum ersten Mal waren sie nicht mehr nur aufmerksame Zuhörer Jesu, sondern selbst Verkünder der Botschaft. Sie kehren zurück - müde zwar, doch erstaunt ob des Gelingens und mit dem Bedürfnis, dem Herrn alles zu erzählen, was sie getan und gelehrt hatten. Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein.

Dieses um allein zu sein deutet an: Nicht nur sie werden die Aussprache mit dem Herrn gesucht haben, auch der Herr mit ihnen: Welche Fragen wird Jesus ihnen dort wohl gestellt haben? Und was wird er ihnen erzählt haben?

Das Evangelium berichtet anschaulich von Jesus und seinen Jüngern: Sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen. Diese Bemerkung läßt sich unschwer auf so manche Situation unseres eigenen Lebens übertragen. Der Alltag kann sehr anstrengend sein, nimmt man seine Pflichten und Aufgaben wirklich ernst. Deshalb sollen Leib und Seele in den Zeiten der Entspannung wieder zu Kräften kommen. Wer das schuldhaft vernachläßigt, schadet nicht nur seiner Gesundheit, er ist meistens dann auch gereizt, überfordert seine Mitarbeiter, beeinträchtigt eine motivierende Arbeitsatmosphäre, schadet sein ehernamtliches Engagement und empfindet Ehepartner, Kinder, Geschwister und Freunde zunehmend als Last.
Deshalb ist Erholung kein Luxus, sondern eine bisweilen schwerwiegende Pflicht.
Wir kehren unserer momentan ungeliebten Arbeit nicht den Rücken, sondern lassen sie nur ein wenig ruhen und regenerieren unsere physischen und psychischen Kräfte.

Arbeit und Ruhe müssen in einem gesunden Verhältnis sein. Gerade auch deshalb kämpft die Kirche um den Erhalt des Sonntags. „Der Mensch soll Gott nachahmen sowohl in der Arbeit als auch in der Ruhe, da Gott selbst ihm sein eigenes schöpferisches Tun in der Form der Arbeit und der Ruhe vor Augen führen wollte.“ so hat es Johannes Paul II. in seiner Sozialenzyklika Laborem exercens geschrieben.

In den Staaten des Westens gibt es mittlerweile nicht nur den einen freien Tag in der Woche. Es gibt das freie Wochenende. Die Arbeitszeiten haben sich im Vergleich zu vor 100 Jahren fast halbiert. Die freie Zeit – die Freizeit - ist mehr geworden.
Das ist doch eigentlich gut.

Aber immer mehrklagen darüber, daß der Vergnügungsrummel auf die Dauer nicht zu Freude, sondern zum Ekel wird. Und andere wissen gar nicht mehr, was sie mit der vielen Freizeit anstellen sollen. Langeweile der Arbeit und Langeweile der Freizeit bedingen einander.
Richtiger Umgang mit der Freizeit ist nur aus einer Haltung der Muße möglich, die mit dem Feiern verwandt ist - wir sprechen ja auch vom »Feierabend«. Daruaf weist der große deutsche Philosoph Josef Pieper hin. Und weiter sagt er: Freizeit bedeutet eine »Überschreitung der Arbeitswelt«8 und ihrer Zwänge. Diese Haltung gehört »zu den Grundkräften der menschlichen Seele«9 und ist eine Gestalt jenes Schweigens, das eine Voraussetzung ist für das Vernehmen von Wirklichkeit: nur der Schweigende hört; und wer nicht schweigt, hört nicht. Solches Schweigen ist nicht stumpfe Lautlosigkeit, nicht totes Verstummen (...).
Die Muße ist nicht die Haltung dessen, der eingreift, sondern dessen, der sich öffnet; nicht dessen, der zupackt, sondern dessen, der losläßt, der sich losläßt und überläßt.«1

Die Fähigkeit des Menschen, nicht aufzugehen in den Zwecken und Zwängen des Lebens, ist Teilnahme an der Souveränität und Freiheit Gottes. Denn der Mensch ist der Gipfel des Schöpfungswerkes und nicht so wie das Tier in die Mechanismen des Lebens eingespannt. Der Mensch kann aussteigen. Er muß nicht täglich wie ein Maulwurf die Erde durchwühlen. Wir Christen können in einer stark auf Leistung und Konsum orientierten Gesellschaft das urmenschliche Bedürfnis nach Muße und Entspannung wach halten, nicht allein aus zweckmäßigen Gründen, sondern aufgrund der Würde des Menschen.

Dazu gehört eine christengemäße Art zu feiern, den ursprünglichen Zusammenhang vom jeweiligen Fest und seinem religiösen Sinn zur Geltung zu bringen. Wie trivial werden Weihnachten und Ostern, wenn ihnen der Glaubenssinn fehlt! Und wie verkommen kann ein Sonntag ohne Glauben, der ja mittlerweile für viele zu einem verlorenen Tag geworden ist, weil da Profit verloren geht.

Die Festtage erinnern uns an die Großtaten Gottes, und wir öffnen uns entspannt und aufnahmefähig dem Wirken der Gnade.
Sich erholen heißt Kräfte sammeln, Hoffnungen beleben, Zukunftspläne erwägen - kurz: die Art der Tätigkeit wechseln, um dann mit frischem Schwung zur gewohnten Arbeit zurückzukehren.

Erholung bedeutet nicht, sich eine Zeitlang - im Urlaub oder in den Ferien - vom Christsein zu suspendieren. Sie kann im Gegenteil uns tiefer mit Christus verbinden, indem wir uns mehr Zeit zum Gebet nehmen, uns Kirchen anschauen und dort verweilen. Vielleicht finden wir auch Zeit für ein gutes, religiöses Buch.
Lassen wir uns vom Herrn einladen, mit ihm allein zu sein.

15. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2009)

Schwestern und Brüder!
„Ihr sucht mich, weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid.“ so stellt Jesus ernüchternd fest, nachdem er – wie wir es am letzten Sonntag gehört haben – 5000 Männer gespeist hatte.

Sie suchen ihn nicht wegen seiner Lehre, nicht weil er ein Zeichen gewirkt hat, das offenbart: „Gott ist da.“ Sie suchen Jesus nicht um Jesu willen, sondern um ihres Magen willen.
Wenn sie an Jesus glauben sollen, dann müsse er sich schon mit einem neuen Wunder vor ihren Augen beglaubigen. Also noch einmal bitte etwas für den Magen. Mose hat das ja so auch gemacht, indem er das Manna in der Wüste und die Wachteln von Gott erbeten hatte.

Es scheint, dass die Menschen damals nichts kapiert haben. Jesus war gut als Prominenter, der viele anzog. Seine Show wollte man nicht verpassen. Deshalb kam man mit. Ein Wunder zu sehen, satt zu werden, schien ja auch ganz toll.
Aber deshalb sein Leben ändern, an Gott glauben, Jesus als Jünger nachfolgen, seine Lehre annehmen... lieber nicht.

Vielleicht erwischen wir uns gerade dabei, wie wir die Menschen von damals innerlich verurteilen. Aber auch heute geht es vielen ähnlich: die Zeremonie der Taufe als Segen Gottes für die Kinder, die Erstkommunion als Anlass für eine tolle Familienfeier, die Kirche als romantischer Ort für eine Hochzeit...ja gerne...

...aber mit den Kindern beten und in der Bibel lesen, mit ihnen und auch dem Partner sonntags zum Gottesdienst gehen, sich ernsthaft über die Lehre der Kirche zu informieren und danach zu handeln, sich Zeit nehmen für das persönliche Gebet ... nee, das muss nicht sein.
Es gibt viele hierzulande – auch in Kirchhellen – die so leben.
Kirche und Jesus – na klar! – aber nur dann, wenn ich etwas davon habe, wenn es mein Leben verschönert, mir Nutzen bringt... ab und zu eben, wenn es mir so danach ist, wenn ich das Bedürfnis danach habe usw.

Ich stelle mir die Menschenmenge von damals vor, und ich vermute sie ist so zusammengesetzt, wie unsere Weihnachtsgottesdienste heute:
wenige, die ganz allein wegen Jesus da sind, ihn als enge Jünger angehören
einige, die einfach mitgekommen sind, weil es die Frau, der Mann, der Freund, die Familie so will,
einige, weil sie nichts dagegen haben, zu kommen, aber auch nicht wirklich wissen warum: Schad ja nix!
viele, die offen sind für eine gute Botschaft, die sie erbaulich finden, die der Atmosphäre wegen kommen... und, und, und...

Liebe Schwestern und Brüder,
ich beklage das gar nicht. Ich beschreibe es einfach.
Der Herr hat die Menge ja auch keiner Prüfung unterworfen, einer Art Zulassungsexamen, er hat keine Eintrittskarten verkauft oder ein Security-Team angestellt, die die ganz treuen von den eher lauen Jüngern trennt. Immerhin sind sie ja da und haben sich z. T. auf die weite Reise gemacht, etwas in Kauf genommen, um Jesus zu sehen.

Ich werde als Pastor auch niemand einfach mal so wegschicken, weil er oder sie sonst nicht zu treffen ist. Ich werde auch kein Bonuspunktesystem einführen für Sonntagskirchenbesucher, damit sie an Weihnachten einen Sitzplatz bekommen und der ihnen nicht von Gelegenheitschristen weggeschnappt wird. Ich darf auch nicht einfach so Eltern die Taufe ihrer Kinder verweigern oder ein Ehepaar ablehnen, wenn sie mir sagen, dass sie heiraten wollen und dem auch rechtlich nichts im Wege steht.

Ich werde aber bei der Verkündigung, der Katechese, den Gesprächen keineswegs die Botschaft der Kirche und das Evangelium Jesu verkürzen.
Jesus hat seine Botschaft auch nicht geändert, obwohl viele sie für viel zu anspruchsvoll hielten. Er hat keine banalen Lebensweisheiten verkündet, wie es esoterische Autoren tun und damit eine ganze Menge Geld verdienen.

Das ist das Werk Gottes, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat.
Das sagt Jesus auch zur Menge.

Es ist das Werk Gottes, dass Menschen an ihn glauben. Das ist nicht das Ergebnis einer supergescheiten Werbestrategie, einer wohldurchdachten Kampagne mit den besten Jüngern als Kompetenzteam. Der Glaube ist nicht machbar. So wie Berufungen zum Priester- oder Ordensstand nicht machbar sind.

Der Glaube ist ein Geschenk. Man kann ihn sich nicht verdienen. Haben sich die Menschen damals etwa ein solches Wunder der Brotvermehrung verdient?
Haben wir etwa verdient, dass Jesus, der Sohn Gottes sich für uns hat kreuzigen lassen?

Der Glaube an Jesus ist ein Geschenk, eine Gnade. Wer an ihn glaubt weiß das. Jesus bezeichnet sich selber als das Brot, das der Welt das Leben gibt.

Mit welchen Augen mag Jesus auf die Menge vor ihm geblickt haben, wissend, dass sie aus den ganz unterschiedlichsten Motivationen gekommen sind?
Er wird sie mit liebenden und hoffenden Augen angeschaut haben:

- liebend, weil er für jeden und jede ans Kreuz gehen wollte, um ihnen zu zeigen, dass Gottes Liebe zu uns Menschen aufs Ganze geht.
- hoffend, dass die Menschen diese Liebe erkennen und annehmen, sich beschenken lassen, sich öffnen, damit das Werk Gottes geschieht, dass sie an den glauben, den er gesandt hat.

Wer weiß denn schon, wie viele sich nach dem Wunder, nach der Begegnung mit Jesus für ihn entschieden haben, an wie vielen sich das Werk Gottes vollzogen hat?

Liebe Schwestern und Brüder,
ich wünsche uns allen in der Kirche – den Geweihten wie den Laien – diesen Blick Jesu.
Es gibt viele Menschen, die nach einem sinnvollen Leben hungern. Das ist oft unterschiedlich in den Lebensaltern und –situationen.
Und es ist gut, wenn sie zur Kirche kommen mit ihren Fragen und Sehnsüchten, die oft verborgen sind. Wenn sie kommen, sind sie immerhin in irgendeiner Weise offen für de Glauben.

Als Glieder der Kirche dürfen wir dann nicht hämisch oder hochmütig auf diese Menschen herabschauen. Wir haben uns den Glauben auch nicht verdient. Er ist uns geschenkt worden. Für dieses große Geschenk sollten wir dankbar sein und es in seinem ganzen Reichtum hegen und bewahren.

Unsere gelebte Dankbarkeit Gott und auch der Kirche gegenüber – ganz konkret im Alltag und Gottesdienst - kann Menschen offen machen für das Geschenk, das wir schon erhalten haben, für das Werk Gottes, dass wir an den glauben, den er gesandt hat.

Wenn wir nicht dankbar sind, wer denn dann? Gibt es reicher Beschenkte als uns?

16. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2009)

Liebe Schwestern und Brüder!

Im Evangelium hörten wir gerade über die Jünger und Jesus:
„Darauf öffnete er ihnen die Augen für das Verständnis der Schrift.“

Die Augen öffnen – das heißt: die Augen waren vorher eben nicht offen, zumindest nicht offen genug. Erst durch die Hilfe Jesu wurden die Jünger wirklich zu Menschen mit offenen Augen, zu Sehenden. Im Originaltext steht hier nicht einfach nur „öffnen“, sondern sicher nicht ohne guten Grund die seltene Wortform „dianoigo“ statt „anoigo“.

Ganz streng übersetzt würde das bedeuten: Jesus eröffnete ihnen die Augen. Bei Eröffnung denken wir z.B. an einen Laden, ein Geschäft, eine Gaststätte usw. – Wenn der Besitzer gewechselt hat oder gründlich renoviert wurde, dann wird anschließend neu eröffnet. Oft wird dafür sogar geworben: „Achtung – Neueröffnung!“

Eröffnung, das ist etwas Neues. Öffnen, das geschieht jeden Tag, immer wieder. Aber eröffnen, das geschieht nur, wenn etwas Neues geöffnet wird.

Wir feiern heute den 3. Sonntag der Osterzeit. Ostern – das ist nicht nur ein einmaliges Ereignis, das mit der Auferstehung Jesu abgehakt ist. Das heutige Evangelium erinnert daran, dass Ostern weitergeht, dass Ostern auch ein fortlaufender Prozess ist. Mit Ostern hat sich die Welt grundlegend geändert, denn der Tod hat seinen Stachel verloren.

Ostern – das ist wie ein Loch, wie ein Durchbruch durch eine dicke Wand, die wir Menschen im Gefängnis der Sünde und des Todes nach dem Bauplan des Bösen errichtet hatten.

Der Durchbruch des göttlichen Erbarmens, den die Auferstehung Jesu bewerkstelligt hat, wird nicht wieder zugemauert. Dieser Durchbruch bleibt, und Ostern geht weiter.

Wenn Jesus vielen Jüngern nach Ostern an verschiedenen Orten erschienen ist, dann geschah das nicht einfach nur so. Jesus begegnete ihnen und belehrte sie, damit sie seine Neu-Eröffnung auch deutlich sehen können. Doch nicht nur das, denn sie selbst sollen an andere weitergeben, was sie selbst erfahren durften. Im heutigen Evangelium heißt es dazu nur knapp: „Ihr seid Zeugen dafür.“

Das Wichtigste hat sich Jesus hier bis zum Schluss aufgehoben: Ihr seid Zeugen dafür!

Wenn jemand Zeuge ist, wenn er oder sie etwas gesehen hat, was andere nicht gesehen haben, dann hat derjenige oder diejenige eine wichtige Aufgabe. Wir kennen das z.B. durch Zeugenaussagen vor Gericht, die zur Klärung einer Angelegenheit beitragen, etwa Aussagen zu einem Unfallgeschehen.

Ein Zeuge muss auch bereit sein, mit seinem Namen zu seinen wichtigen Angaben zu stehen, denn es geht um die Wahrheitsfindung und um die Gerechtigkeit.

Ihr seid Zeugen dafür! - Dieser Aufruf Jesu ging nicht nur damals an die Jünger, sondern er geht seit Ostern immer wieder an jeden, der ihm nachfolgen will. Lege Zeugnis ab für das, was du im Glauben erfahren hast. Denn Jesu Ziel ist es, dass alle Völker zu ihm umkehren, damit bei allen endlich Ostern werden kann.
In unseren Eucharistiefeiern betet die ganze Gemeinde als Zuruf beim Hochgebet: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“

Verkünden und preisen – diese Aufgaben, die wir für die Heilige Messe selbst so klar formuliert haben, erwartet der österliche Jesus von denen, die seine Jünger sein wollen. Dann erfahren alle von der Neu-Eröffnung!

Liebe Schwestern und Brüder!
Zeugen der Auferstehung zu sein – das ist unser aller Berufung. In besonderem Maße sollen es die geweihten Diakone und Priester sein. In unserem Bistum werden an diesem Sonntag drei Männer zu Diakonen, an Pfingsten vier Männer zu Priestern geweiht. Wir waren damals zwölf. Das war vor elf Jahren. Ein Rückgang um Dreiviertel.

Liebe Schwestern und Brüder, Berufungen zum Priestertum und auch zum Ordensstand können wir nicht machen, nicht durch Änderungen der Zulassungsbedingungen oder durch geschickte Medienkampagnen. Berufungen sind Geschenke, sind Gnaden und auch Zeichen der Lebendigkeit des Gebetes in der Kirche.
Ich möchte sie ermutigen, in dieser Osterzeit ganz besonders um geistliche Berufungen zu beten.

Und darum möchte ich Sie bitten, sich zum Auferstandenen zu bekennen, sein Zeuge, seine Zeugin zu sein. Darauf wartet die Welt, weil es ihr neue Perspektiven eröffnet. Amen.

17. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2009)

Liebe Schwestern und Brüder!
Das Evangelium von heute rührt mich immer innerlich wieder an: Es war das Evangelium, dass bei meiner Erstkommunion vor nun dreißig Jahren gelesen wurde. „Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch.“ hat der Herr sozusagen damals zu uns Jungen und Mädchen gesagt, die ihn zum ersten Mal empfingen.
Wer einem besonders wichtig ist, mit dem bleibt man gerne und regelmäßig in Verbindung. Wenn einem an einer Person etwas liegt, dann sorgt man schon dafür, dass der Kontakt nicht abreißt. Man bleibt im Gespräch. Liebende tun das selbst dann, wenn das manchmal nur per Telefon geht, eventuell sogar mit teuren Auslandsgesprächen. Die hohe Telefonrechnung nehmen sie dafür in Kauf. Liebende wollen zusammenbleiben, so gut das eben machbar ist.
„Bleiben“ ist auch das Stichwort Jesu im heutigen Evangelium. Ich habe es nachgezählt: insgesamt 9 mal kommt der Begriff in diesem Text vor. Nicht das Abschneiden schlechter Reben ist also das Hauptthema, sondern die feste, andauernde Verbindung, das Bleiben.
Jesus sagt es so: „Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr keine Frucht bringen, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben…“
Wenn wir die Stelle in der Bibel aufschlagen, sehen wir sofort: nur wenig später beginnt das Leiden und Sterben Jesu. So dürfen wir die heutige Aussage Jesu auch als eine eindringliche Aufforderung Jesu an alle verstehen, die seine Jünger und Nachfolger sein wollen: Bleibt mir treu! Bleibt mit mir in fester Verbindung!
Genau wie eine Rebe könnt ihr aus euch selbst nicht wirklich Frucht bringen. Das gelingt dauerhaft nur dann, wenn ihr von mir wie von eurem Weinstock dazu die nötigen Nährstoffe bekommt.
Jesus fordert von den Seinen also nicht irgendwelche olympiareifen Leistungen, die sie nur mit zusammengebissenen Zähnen, leidendem Gesichtsausdruck und körperlich völlig erschöpft erreichen können.
Nein, Christsein und Nachfolge Jesu ist kein Konkurrenzkampf und kein Leistungssport. Was Jesus erwartet, ist etwas anderes: es ist die Bereitschaft, in Verbindung zu bleiben, also etwas, das für Liebende das Selbstverständlichste der Welt ist.
Unsere moderne Welt hat dafür sogar einen englischen Ausdruck parat: die „Flatrate“. Bekannt wurde der Begriff besonders für Telefon und Internet. Als Käufer eines „Flatrate“-Tarifes hast du pauschal das Recht erworben, beliebig oft und beliebig lange zu telefonieren oder im Internet zu surfen. Früher nannte man das auf gut deutsch einfach einen Pauschal-Tarif. In einer Pauschale ist alles enthalten, wie bei einem Pauschal-Urlaub.
Solch eine Jesus-Flatrate sollte der Christ also haben, meint Jesus. Natürlich genügt nicht das Haben. Es wäre dumm, einen Pauschal-Tarif zu besitzen, ihn aber nicht zu nutzen. Nein, sagt Jesus, nur wenn ihr dauernd mit mir in Verbindung steht, werdet ihr gute Frucht bringen.
Das ist fast schon wie bei einem Kind im Mutterleib: Ohne die ständige Versorgung durch die Nabelschnur wird das Kind nicht wachsen und reifen können.
Für uns Christen ist es also die vordringlichste Aufgabe, mit Jesus in Verbindung zu bleiben. Das ist überhaupt nichts Anstrengendes. Vielmehr ist es unter Liebenden die natürlichste Sache der Welt.
Ja, das ist der springende Punkt:
die Liebe! Nur wer Jesus liebt und ihm vertraut, kann auf Dauer in dieser fruchtbaren Beziehung von ihm leben.

Dabei darf man nicht übersehen, dass man als Jünger Jesu schon längst in dieser festen Verbindung drin ist, man muss darum also nicht etwa bitten.
Jesus sagte schließlich: „Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch.“ - Man kann ja logischerweise nur irgendwo bleiben, wenn man schon dort angekommen ist! Also ist jeder von uns schon in Jesus Christus, und der ist in jedem von uns. Das Stichwort „Taufe“ sollte hier genügen, um jeden von uns an den Beginn dieser Verbindung zu erinnern. In jedem Empfang der Heiligen Eucharistie stärkt der Herr diese Verbindung, indem er ganz konkret zu uns kommt.
Unsere Aufgabe ist es nicht, darüber zu grübeln, wie wir wohl am besten Frucht bringen für den Weinberg Gottes. Die Weinreben brauchen sich nicht um die Frucht zu kümmern, das macht schon der Winzer.
Die einzige Aufgabe der Weinreben ist es, mit dem Weinstock in dauernder Verbindung zu bleiben, deshalb ja auch die Jesus-„Flatrate“. Dann können die Jesus-Nährstoffe ungehindert fließen, und nach guten Pflegemaßnahmen durch den Winzer wird es eine reichliche Ernte geben.
Wir sollten also weder Erbsen noch Trauben zählen, nicht vergleichen und nicht rechnen. Nicht wir entscheiden, was abgeschnitten wird, sondern Gott, der Winzer. Überlassen wir das getrost dem Fachmann. Der weiß sehr genau, was verbrannt werden muss, damit es die anderen Reben nicht gefährdet.
Die französische Philosophin Simone Weil brachte es so auf den Punkt: „Warum sollte ich mir Sorgen machen? Meine Sache ist es, an Gott zu denken. Und Gottes Sache ist es, an mich zu denken.“
Es fällt zudem auf, dass Jesus sich an alle wendet, nicht an Einzelne: „Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch.“ - Einen Weinstock mit nur einer einzigen Rebe habe ich auch noch nicht gesehen. So geht es Jesus auch hier um die Gemeinschaft seiner Jünger. Gemeinschaft haben wir untereinander, wenn wir mit IHM in Verbindung bleiben.
Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch.
Bleibt in mir, dann werdet ihr, bleibt ihr eine Kirche, die Frucht bringt.

18. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2009)

Liebe Schwestern und Brüder!

Ich meine ja, dass in der Schule zu wenig auswendig gelernt wird heutzutage. Das war zu meiner Zeit leider absolut out. Es schien pädagogisch wohl nicht wertvoll.
Dabei sind die wenigen Dinge, die ich auswendig können musste, immer eine Hilfe gewesen, sei es in Latein, in Mathe oder sonstwo.

Ein Gedicht habe ich gelernt, das ich bis heute noch kann. Der römische Brunnen von Conrad Ferdinand Meyer:
Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.
„Und?“ werden Sie denken „Was hat das jetzt mit dem Evangelium zu tun? Mit der Messe? Will der Pastor jetzt mit kulturellem Wissen protzen, oder was?“

Nein, dieses Gedicht kam mir in den Sinn als ich die Lesung aus dem 1. Johannesbrief gelesen habe, genauer den Satz:
Die Liebe besteht nicht darin, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass Gott uns geliebt hat.

Was hat das nun mit dem Gedicht vom römischen Brunnen zu tun?
Stellen sie sich einmal vor ihrem inneren Auge den im Gedicht beschriebenen Brunnen vor.
Er hat drei Schalen, die nach oben hin kleiner werden. Oben entspringt das Wasser. Ist die obere Schale voll, rinnt das Wasser über den Rand der Schale nach unten in die nächste. Ist diese voll, läuft das Wasser in die dritte Schale.
Vielleicht haben sie einen solchen Brunnen schon einmal gesehen. Auf dem Petersplatz in Rom z. B. stehen zwei ähnliche.

Ich finde das Bild vom überlaufenden Brunnen ein schönes Bild. Nicht nur in natura, sondern auch im übertragenen Sinn. Es erschließt mir etwas vom Leben mit Gott.

Die Liebe besteht nicht darin, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass Gott uns geliebt hat.
Am Anfang steht nicht unsere Liebe zu Gott, sondern seine Liebe zu uns.
Das frische, belebende, ja lebendige Wasser fließt von oben hinab in die noch leere Schale. Für mich ein Sinnbild unseres Herzens, unserer Seele.
Erst wenn wir uns anfüllen lassen mit der Liebe Gottes, können wir diese auch weitergeben.
Der Brunnen läuft ja auch erst dann nach allen Seiten über, wenn er selbst ganz voll von Wasser ist. Darum dürfen wir uns zunächst einmal erst selbst mit der Liebe Gottes gleichsam volllaufen lassen, bevor dann diese Liebe überstrahlt auf die anderen Menschen.

Diese Liebe ist auch nicht etwas, das wir produzieren müssten. Das Wasser schießt ja nach oben heraus, ohne dass das von der Schale abhinge.
Mir sagt das: „Du bist von Gott geliebt, ohne Wenn und Aber. Und wenn nichts Liebenswertes mehr in dir ist, wenn du dich selber schon nicht mehr ausstehen kannst, wenn alle mit dem Finger auf dich zeigen, dann gilt das immer noch, dass Gott dich liebt.“

Der Apostel Paulus schreibt einmal im Römerbrief mit einem jubelndem Unterton: „Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes.“ Es kann mit uns passieren, was will. Gott wird nicht aufhören, uns zu lieben.

Denn so sagt der erste Johannesbrief: „Gott ist die Liebe“ schlechthin! Er ist seinem Wesen nach Liebe. Er kann gar nicht anders, als lieben. Seine Liebe zu uns ist eine übersprudelnde Quelle, die nie versiegt.

Erst, wer sich geliebt weiß, kann andere lieben. Es gab einmal Versuche mit Kinder von inhaftierten Müttern. Einen Teil der Kinder hat man in die besten, schönsten Heime gebracht. Dort wurden sie von gut qualifiziertem Personal betreut. Ein andere Teil blieb bei den Müttern im Gefängnis. Später sollte sich herausstellen, dass die Kinder unter den objektiv schlechteren äußeren Bedingungen – die im Gefängnis – psychisch und physisch den anderen überlegen waren. Die Mutterliebe, die echte Liebe kann niemand ersetzen.

Klammer auf: Ob das unsere ach so modernen Familienpolitiker, die nach Ganztagsbetreuung der noch unter ein Jahr alten Kinder schreien, jemals verstehen werde? Aber vielleicht geht es denen ja auch nicht um die Kinder, sondern um die Wirtschaft, um die Arbeitskraft der Eltern. Klammer zu.

Nur wer sich geliebt weiß, kann andere lieben.
Nur wer sich bedingungslos geliebt weiß, kann andere bedingungslos lieben.
Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt. sagt Jesus von sich und über uns.
Als Christen dürfen wir uns bedingungslos geliebt wissen, weil Christus uns geliebt hat, bis zum Tod am Kreuz und darüber hinaus.

Deshalb konnten auch so viele Heilige die anderen bedingungslos lieben. Denken wir nur an Mutter Teresa: sie hat sogar Menschen mit ihrer Liebe beschenkt, die von Würmern und Maden angefressen an Straßenrand, in der Gosse lagen.


Ihr Herz war kein Rohr, durch das das Wasser der Liebe Gottes ohne Halt hindurchfloss. Nein, ihre Seele war einer Schale gleich, die erst einmal die Liebe Gottes aufnahm. Und dann gab sie diese Liebe weiter. Wenn man sie fragte, woher sie denn die Kraft für all diese Liebesdienste nähme, antwortete sie immer wieder: aus der täglichen Messe und der Anbetung. Von daher kam ihr das Wasser des Lebens und der Liebe.

Liebe Schwestern und Brüder!
Machen auch wir unsere Seelen zu Schalen. Öffnen wir uns dem, was Gott uns schenkt. Nehmen wir uns einmal Zeit, uns von den Worten der Hl. Schrift oder von der Anwesenheit Jesu im Tabernakel beschenken zu lassen. Lassen wir uns einfach einmal anfüllen. Einfach so. Ohne irgendetwas zu leisten. Es wird uns gut tun. Und eben deshalb auch den anderen.

Eine lebendige Ruhe wird uns dann erfüllen. So wie der Brunnen ständig in Bewegung ist, aber eine wundersame Ruhe ausstrahlt.

Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.
Zum Glück habe ich dieses Gedicht einmal auswendig gelernt.

19. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2009)

Ein schwieriges Evangelium, liebe Schwestern und Brüder,
das wir da gerade gehört haben.
Schwierig, aber auch erhaben. Geheimnisvoll und hymnisch.
Ganz anders als die Erzählungen von Betlehem, mit Maria und Josef, dem Jesuskind, den Hirten.

Ja, es ist schwierig. Wahrscheinlich ist dieser Prolog, wie man den Anfang des Johannesevangeliums nennt, so sperrig weil er so grundsätzlich ist:

Im Anfang war das Wort.
Etwas Grundsätzlicheres gibt es wohl nicht als den Anfang. Es geht ja schließlich um den Grund von allem.

Gerade über den Anfang der Welt machen sich die Menschen so einige Gedanken. Vor allem Wissenschaftler.
Für viele von ihnen steht der Urknall, der Big Bang am Anfang von allem. Und es gibt ja auch einige Hinweise, dass diese Theorie von einem Urknall nicht ohne Fundament in der Realität ist.
Nur steht der Knall wirklich am Anfang?
Damit es knallt, muß ja etwas zum Knallen da sein? Nichts knallt ja nicht! Was war denn dann vorher da?
Und wie ist dieser Prozeß in Gang gekommen? Was oder wer hat es denn Knallen lassen?

Fragen über Fragen, die uns kein reiner Naturwissenschaftler beantworten kann. Auch wenn er noch so gelehrt, wortgewaltig und technisch ausgerüstet sein mag: Die Frage nach dem Anfang, kann er nicht vollständig beantworten. Da ist er mit seinem Latein oder Fachchinesisch am Ende.

Im Anfang war das Wort.
Die Menschheit steht staunend vor der Frage nach dem Anfang, vor dem Grund aller Existenz.

Die Wissenschaft endecht immer wieder Neues und Großartiges. Aber jede neue Entdeckung wirft neue Fragen auf. Egal wohin sich der suchende Mensch wendet.

Die unendliche Weite des Sternenhimmels wird erforscht. Und vieles ist schon erfasst und erreicht worden. Es waren Menschen auf dem Mond und weiß Gott wie viele Satelliten schwirren um die Erde herum. Jetzt will man den Mars weiter erforschen. Auch wenn Beagle II, der auf dem Mars gelandet ist, tatsächlich doch antworten und neue Daten liefern sollte, die Fragen gehen weiter.

Die Unendlichkeit des Mikrokosmos wird erforscht.
Die Atome galten lange als kleinstes mögliche Teilchen, als a-tomos, als unteilbar eben. Mittlerweile hat man schon das Atom gespalten, in Neutronen, Protronen, Quarks usw.
Die Gene der Lebewesen werden entschlüsselt. Auch die Gene des Menschen werden immer besser verstanden. Man kann sagen wo, einige Krankheiten und Körpermerkmale ihren Sitz auf der DNA haben. Aber jede Entdeckung wirft neue Fragen auf. Wissenschaftliche Fragen, aber auch ethische.

Im Anfang war das Wort.
Die Wissenschaft hat schon vieles entdeckt.
Aber kein Astronom kann uns die Formel liefern, mit der wir ein Weltall schaffen können.
Und kein Mikrobiologe hat bisher eine Formel gefunden, die Leben neu schafft.

Im Anfang war das Wort.
So beginnt das Johannes Evangelium.

Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.
So beginnt die Bibel.
Bereschit bara elohim...heißt es da im hebräischen Urtext.

Das Wort bara, "erschaffen", wird nur Gott zugeschrieben.
Erschaffen kann nur Gott, heißt das.
Erschaffen im Sinne von etwas aus dem Nichts erschaffen. Nur ER ist im strikten Sinne wirklich kreativ, nur er kann wirklich neues erschaffen.

Gott steht am Anfang von allem. Was Gott will, geschieht. Wenn er spricht: "Es werde", dann wird es.
Deshalb beginnt Johannes auch mit Im Anfang war das Wort.
Gott allein ist der Schöpfer von allem. Alles andere ist Geschöpf.

Im Anfang war das Wort.
Das macht auch deutlich, das Gott nicht irgendeine Idee ist, ein numinoses Wesen. Ein Wort wird geformt, gedacht und ausgesprochen von einer Person.

Im Anfang war das Wort.
Das heißt auch, Gott ist eine Person, ein Jemand, kein Etwas. Er ist nicht nur da, er teilt sich mit.
Und ohne dieses Sich-Mitteilen Gottes, ohne sein lebenschaffendes Wort gibt es nichts.
Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.

Ja, Gott teilt sich mit. Jeder, der noch nicht verlernt hat mit offenen Augen durch diese Welt zu gehen, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus, und er wird ahnen, dass hinter dieser Welt nicht nur Etwas, sondern ein Jemand steckt. Vielleicht ist das Nicht-Mehr-Staunen-Können das große Problem unserer Tage. Wir sind schon so vollgepumpt mit Eindrücken, wir lassen so wenig an uns ran, wir sind schon fertig, oder meinen es immerhin schon zu sein.

Ich glaube, es war Max Planck, der große Naturwissenschaftler, der einmal so formulierte: "Sehen Sie sich das Auge einer Fliege an. Das kann kein Zufall sein." Für ihn war klar, das hinter all der Vielfalt der Schöpfung der belebten und toten der Wille es Jemand steht: Gott.

Im Anfang war das Wort.
Gott teilt sich mit durch seine Schöpfung. Die Schöpfung ist wunderbar, unendlich groß, unfassbar.

Aber mehr noch: Gott teilt sich mit in der Schöpfung. Er tritt mit der Schöpfung in Kontakt, wird ein Teil von ihr.
Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.
Gott hat die Erde nicht nur geschaffen, um sie sich dann allein zu überlassen. Nein, er hat sich eingemischt, um sich ihr mitzuteilen, bei ihr zu sein, bei ihr zu bleiben.
Und das ist erst recht wunderbar, unendlich groß, unfassbar.

Im Anfang war das Wort.
Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.
Gott steht am Anfang von allem. Weil das so ist, sind wir nicht Spielball irgendwelcher Mächte des Schicksals, irgendwelchen Naturgesetzen unterworfen wie Marionetten.
Der, der diese Welt geschaffen hat, ist selbst in diese Welt gekommen.
Der, der Dich erschaffen hat, ist einer geworden wie Du.

Deshalb braucht Dich diese Welt nicht zu ängstigen mit all ihren Fragen, Sorgen, Problemen. Du bist nicht verloren in den Weiten der Galaxien. Du bist mehr wert als die Summe von Aminosäuren.

Der Schöpfer ist bei seinen Geschöpfen. Gott ist bei Dir.

Auch das, ist Weihnachten. Auch das gilt für das neue Jahr.

20. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2009)

Liebe Schwestern und Brüder,
die letzten Worte eines Menschen sind oft so etwas wie ein Vermächtnis. Oft wird erst aus den letzten Worten ersichtlich, was das Leben davor ausgemacht hat. Darum sind die letzten Worte Jesu, auf Erden, wie sie der Evangelist Matthäus aufgeschrieben hat, von uns mit besonders wachem Geist zu hören. Er sagt: „Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiß: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“
Das ist eine geballte Ladung an klärender Information und präzisem Auftrag. Zuerst bestätigt Jesus seine Gottheit. Ihm ist alle Macht gegeben. Alle Macht im Himmel und auf der Erde. Das Wort „gegeben“ signalisiert aber auch die innige Verbindung mit seinem Vater. Nicht aus eigener Initiative heraus, sondern in allerengstem Miteinander innerhalb der göttlichen Dreifaltigkeit wirkt Jesus. „Ich und der Vater sind eins“, sagt demgemäß Jesus an anderer Stelle (Joh 10,30). Was immer der Vater will, das will der Sohn, das will der Heilige Geist.
Da ist absolute Harmonie, für uns unfassbar innige liebende Gemeinsamkeit, aber auch die vollkommene Macht, die alles im Himmel und auf Erden umschließt und in Händen hält. Gott ist Liebe und Glück in ewiger Vollendung.
Interessant ist auch, dass Jesus zu den Jüngern sagt: „Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern…“
Dreieinigkeit ist nichts Abstraktes. Gott hat ein Ziel, sonst hätte er die Welt nicht erschaffen. Gott ist kein Gott, der öfter mal Langeweile hat und deshalb die Erde von ferne lenkt wie ein Kind sein Fernlenkauto.
Er sitzt auch nicht einsam auf seinem himmlischen Vorstands-Sessel und schüttelt dabei immer häufiger sein Haupt, wenn er die Menschheit von oben herab betrachtet.
Die ganze Schöpfung ist von ihm aus überströmender Liebe geschaffen, und die Menschen sind es erst recht. Jesus sagt ja im heutigen Evangelium, darum sollten alle Menschen zu seinen Jüngern gemacht werden, weil Gott über alle wirkliche Macht im Himmel und auf Erden verfügt.
Alle Menschen sollen zu gläubigen Jüngern Jesu werden. Das heißt doch: Gott hat etwas vor. Jeder Mensch liegt ihm wirklich so sehr am Herzen, als gäbe es nur ihn oder sie allein auf der ganzen Welt.
Wirklich niemand soll außen vor bleiben, wenn es um den Himmel geht. Alle sollen das große Los ziehen dürfen, alle sollen das Glück haben, in Gottes Angesicht sich auf ewig wie im siebten Himmel fühlen zu dürfen, in seligem Glück ihn und sein Erbarmen lobpreisend.
Um genau das geht es: der dreieinige Gott ist die Liebe in Vollendung. Er liebt uns so sehr, dass er sein Glück im Himmel mit uns Menschen teilen möchte. Und das ist ja auch der Himmel: ewige Gemeinschaft mit Gott und untereinander. Die Hölle ist genau das Gegenteil: Einsamkeit, Verlassenheit und deshalb tiefe Traurigkeit.
Liebes Jubelpaar, ich weiß ja nicht, ob sie ihre 50jährige Gemeinschaft in der Ehe als den siebten Himmel ansehen. Aber dass dieses treue Miteinander etwas ist, für das Sie und wir alle hier freudig danken dürfen, das ist klar. Den jede Gemeinschaft stärkt und trägt uns. Und sie gibt einen kleinen Vorgeschmack auf die Gemeinschaft im der Heiligen und mit und in der Dreifaltigkeit.
Alle Jünger Jesu bekommen im heutigen Evangelium einen ganz konkreten Auftrag: „…macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes…“
Bei Gott ist die Erdenzeit also immer auch Erntezeit. Menschen sollen gefischt werden für das Himmelreich. Alle Menschen sollen von Gott erfahren und sich dann als Jünger zu ihm bekennen. Durch die Taufe im Namen des dreieinigen Gottes werden sie dann endgültig seiner Obhut anvertraut.
Manche hören das heute mit gemischten Gefühlen, wenn zur Bekehrung anderer Menschen aufgerufen wird. Man tut so, als sei das ein schwerer Eingriff in die Intimsphäre fremder Menschen. Doch es gibt hier keinen Spielraum für Verharmlosung und Abschwächung. Jesus meint es wirklich so: Aufgabe der Jünger, also auch heute Aufgabe der Kirche und damit unsere Aufgabe ist es, so vielen Menschen wie möglich den Weg zu Gott aufzuzeigen.
Natürlich gilt das Sprichwort: Gebranntes Kind scheut das Feuer. Es ist traurig und wahr, dass im Namen der Mission im Laufe der Jahrhunderte auch viel Unrecht geschehen ist. Dazu gehört z.B., dass Menschen mit Gewalt zu Christen gemacht wurden, wie wir das auch von anderen Religionen kennen.
Wir neigen heute dazu, es jedem selbst zu überlassen, was er glaubt oder nicht glaubt. Das klingt menschenfreundlich und tolerant. Man kommt niemanden in die Quere und erwartet auch von anderen, gefälligst in Ruhe gelassen zu werden. Schließlich sind wir doch keine Zeugen Jehovas, die zu zweit von Haus zu Haus gehen und übrigens auch beim Pastor klingeln. Oder gar bei Klarissenschwestern.
Was da so tolerant klingt, ist es in Wirklichkeit aber nicht. Wie sind wir selbst denn zum Glauben gekommen? Na sicher – durch andere Menschen, die uns diesen Weg gezeigt haben. Was wäre wohl aus uns geworden, wenn die Generationen vor uns gedacht hätten wie so viele heute? Was wäre wohl aus uns geworden, wenn nicht im Laufe der Jahrhunderte so viele ihren Glauben an den liebenden Gott sogar mit ihrem Leben bezeugt hätten?
Und wenn ich jemanden liebhabe, möchte ich ihm dann nicht das Schönste schenken. Weil wir andere lieben, möchten wir sie mit dem Glauben beschenken. Das heißt natürlich nicht, dass wir sie damit erpressen oder gewaltsam vereinnahmen wollen.
Liebes Goldpaar, der Glaube hat auch Ihr Eheleben reich beschenkt. Sie haben gespürt, dass es Gott gibt, der sie einander geschenkt hat, der sie getragen und zusammenhalten ließ – gerade da, wo es schwer wurde. Diesem Gott zu danken, sind Sie hierher gekommen. So ist Ihre Ehe ein schönes Zeugnis vor der Welt, dass der Gott, der die Liebe ist, den Liebenden auf Erden nahe ist.
Jesu sehnlichster Wunsch ist es, möglichst vielen seiner so geliebten Menschen Anteil an seiner Freude, an der Gemeinschaft mit der Dreifaltigkeit zu schenken. Unsere Aufgabe ist es, mit Gottes Hilfe das Evangelium zu verbreiten und Wegweiser für andere zu sein.
Den schönsten Schluss für diese Predigt hat übrigens Jesus heute selbst gesprochen. Sicher hat er dabei auch daran gedacht, wie leicht wir Christen mutlos werden können, statt Flagge zu zeigen.
Seine Zusage sollten wir darum nie vergessen. Jesus verspricht allen seinen Jüngern: „Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“
Diesen tröstlichen und Mut machenden Satz sagt der Herr gerade auch Ihnen, liebes Jubelpaar Hasebrink, zu. Jetzt bei Ihrem Fest. Dass er bei Ihnen bleibe alle Tage, dazu spende ich Ihnen nun den Segen.

21. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2009)

Liebe Schwestern und Brüder!
Das ist mein Leib, das ist mein Blut für euch.

So hat Jesus gestern im Abendmahlsaal über Brot und Wein gesprochen. Seinen Leib und sein Blut hat er den dort versammelten Aposteln gegeben.

Heute auf Golgotha am Kreuz gibt er wirklich seinen Leib und sein Blut hin. Hingegeben, ja geschlachtet als Opfer hängt er am Kreuz vor den Toren Jerusalems, während im Tempel die Lämmer für das Paschafest geschlachtet werden.
Während das eigentliche Erlösungsopfer geschieht, wird noch immer der Vorausdeutung dieses Opfers gefeiert.

Jesus gibt seinen Leib, sein Fleisch wirklich hin. Sein Blut läßt er wirklich vergießen. Das im Abendmahlsaal angekündigte, erfüllt sich auf dem Kalvarienberg.
Im Film „Die Passion Jesu“ von Mel Gibson wird das plastisch dargestellt. Als Jesus die Worte über das Brot und den Wein spricht, wird eingeblendet, wie er ans Kreuz genagelt wird.

Die Eucharistie ist Opfer, sie ist unblutige Vergegenwärtigung des Erlösungsopfers am Kreuz. Durch seine Wunden sind wir geheilt.

Uns Menschen heute ist es irgendwie unangenehm und unverständlich geworden, vom Opfer zu sprechen, das erlöst. Die brutale Tat am Kreuz ist uns irgendwie zuwider, erscheint zu sperrig. Hätte der Herr nicht eine andere Möglichkeit gehabt seine Liebe zu uns zu zeigen und die Erlösung zu bewirken? So fragen viele Menschen heute.

Aber gerade im Opfer wird die Liebe deutlich, im Sich-Hingeben mit Leib und Blut.

Schauen wir auf unseren Alltag:
Verliebte nehmen alle möglichen Opfer auf sich, um einander zu sehen, zu begegnen, zu beschenken: Anstrengende Reisen, kostspielige Geschenke...
Eltern opfern für ihre Kinder Zeit, Geld, Bequemlichkeit, Schlaf...
Menschen, die sich einer guten Sache verschrieben haben, opfern auch vieles für eben diese Sache.

Jesus opfert sich ganz, mit Leib und Blut, für uns. Seine Liebe zu uns kennt keine Grenzen. Bei uns Menschen kommt die Opferbereitschaft oft an Schmerzgrenzen, an Punkte, wo unsere Liebe vielleicht nicht auszureichen vermag. Jesus überschreitet sie.
Von jedem Kruzifix herab sagt uns Jesus: „Egal, was passiert: Ich liebe Dich, ich gebe alles für Dich, ich habe schon alles gegeben für Dich: Meinen Leib und mein Blut. Meine ausgestreckten Arme zeigen Dir, dass Du mir bedingungslos kostbar und willkommen bist: Komm, lass Dich erlösen.“

In früheren Zeiten – möglicherweise, weil die körperlichen Opfer größer, sichtbarer, selbstverständlicher waren, als in unserer Gesellschaft, die Leiden und Leidende am liebsten abschiebt – in früheren Zeiten wurde unbefangener, plastischer, ja poetischer über die Erlösung durch das Opfer Christi am Kreuz gesprochen.

So zum Beispiel in einer Arie der Johannespassion von Johann Sebastian Bach. Dort wird der von der Geißelung blutige Rücken Jesu mit dem Himmel verglichen, an dem der Regenbogen des Bundes nach der Sintflut erschien.
In der Arie singt die Tenorstimme:

Erwäge, wie sein blutgefärbter Rücken
In allen Stücken
Dem Himmel gleiche geht,
Daran, nachdem die Wasserwogen
Von unsrer Sündflut sich verzogen,
Der allerschönste Regenbogen
Als Gottes Gnadenzeichen steht!

Uns ist eine solche Sprache fremd geworden. Sie gehört aber zum Schatz der Christenheit, der Frömmigkeit.

Das ist mein Leib, das ist mein Blut für euch.
Zur christlichen Frömmigkeit gehört der Begriff des Opfers, sofern er von Liebe getragen ist. Darauf geht Papst Benedikt in seiner Enzyklika „Spe salvi“ ein, wenn er schreibt:

Noch eine für die Dinge des Alltags nicht ganz unerhebliche kleine Bemerkung möchte ich anfügen.
Zu einer heute vielleicht weniger praktizierten, aber vor nicht allzu langer Zeit noch sehr verbreiteten Weise der Frömmigkeit gehörte der Gedanke, man könne die kleinen Mühen des Alltags, die uns immer wieder einmal wie mehr oder weniger empfindliche Nadelstiche treffen, "aufopfern" und ihnen dadurch Sinn verleihen. In dieser Frömmigkeit gab es gewiß Übertriebenes und auch Ungesundes, aber es ist zu fragen, ob da nicht doch irgendwie etwas Wesentliches und Helfendes enthalten war. Was kann das heißen: "aufopfern"?

Diese Menschen waren überzeugt, daß sie ihre kleinen Mühen in das große Mitleiden Christi hineinlegen konnten, so daß sie irgendwie zu dem Schatz des Mitleids gehörten, dessen die Menschheit bedarf. So könnten auch die kleinen Verdrießlichkeiten des Alltags Sinn gewinnen und zum Haushalt des Guten, der Liebe in der Menschheit beitragen. Vielleicht sollten wir doch fragen, ob solches nicht auch für uns wieder zu einer sinnvollen Möglichkeit werden kann.
Vielleicht kann uns diese Anregung in der kommenden Zeit begleiten:

Da, wo mir etwas Unangenehmes widerfährt, wo ich auf Leid und Widerwärtigkeiten stoße, will ich mich mit Jesus verbinden. Er hat das ganze Kreuz getragen, gelitten FÜR UNS. Daran hat er immer gedacht, das war sein grundlegendes Motiv, dazu war er auf die Welt gekommen.

Wir könnten, wenn uns ein Kreuz aufgelegt wird, ein Kreuz widerfährt, dieses tragen FÜR ANDERE, indem wir versuchen, es gut zu tragen - mit einem Lächeln vielleicht, nicht griesgrämig, still - und so können wir es in ein Gebet verwandeln für bestimmte Menschen, bestimmte Anliegen. „Herr, ich weiß nicht, warum mir dies jetzt so widerfährt, aber ich will es annehmen für diesen Menschen, so wie Du das Kreuz für uns angenommen hast.“
So verwandeln wir unangenehme Dinge in Akte der Liebe.
Ein uns vielleicht etwas fremd erscheinender Weg. Aber es ist ein Weg vieler Heiliger. Es ist auch der Weg Jesu.

Das ist mein Leib, das ist mein Blut für euch.
Jesus hat sich ganz geopfert für alle. Für alle. Für alle wollen wir nun beten, dass sie sich von der erlösenden Liebe am Kreuz beschenkt werden und sich beschenken lassen.

22. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2009)

Liebe Schwestern und Brüder,
das Titelbild der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 23. Juli diesen Jahres zeigte ältere Inder mit blankem Oberkörper, teils mit Schnurbart und Turban, die futuristische Brillen auf der Nase tragen. Der Bildunterschrift konnte man entnehmen, dass es sich um Männer handelt, die mit besonderen Augengläsern die Sonnenfinsternis anschauten, die sich im Juli in Asien darbot.

Vielleicht können Sie sich noch an den August 1999 erinnern. Damals, vor nunmehr 10 Jahren, gab es auch in Europa für wenige Minuten gar keine Sonne mehr. Anfang August 1999 ereignete sich die letzte totale Sonnenfinsternis, die wir in unseren Gefilden mitansehen konnten. Die nächste wir für uns 2081 sichtbar sein.

Was wurde damals ein Rummel um diese totale Sonnenfinsternis gemacht. Was hat dieses Naturschauspiel in den Menschen nicht alles ausgelöst. Ich war damals Kaplan in Epe.
Die Gefühle pendelten zwischen Weltuntergangs- und Jahrmarktstimmung, zwischen Panik und Party hin und her. Ich kann mich noch gut daran erinnern, was damals in den Schulen, in denen ich unterrichtete los war. Diese Sonnenfinsternis und die nahe Jahrtausendwende waren für Hobbyastrologen und selbsternannte Unheilspropheten eine wunderbare Kombination.

Der Mond versperrte für ein paar Minuten unseren Ausblick auf die Sonne.
Dieses Zeichen am Himmel hat - allen Unkenrufen zum Trotz - an unserem Leben nichts geändert. Weder ging die Welt unter, noch ist eine Zeitenwende eingetreten.
Das einzige was sich verändert hatte, waren die Kontostände der Solarbrillenhersteller, die in rauen Mengen abgesetzt wurden.

Von einem großen Zeichen am Himmel war auch in der Lesung aus der Offenbarung des Johannes die Rede.
Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt.

Seit jeher sieht die Kirche in dieser Beschreibung eine Anspielung auf Maria, die Gottesmutter.
Dieses Bild wollen wir in dieser Gebetsnacht, die unter dem Leitmotiv „Königin, aufgenommen in den Himmel“ steht, näher anschauen:
Maria, der Welt entrückt, uns entzogen, fern von den Menschen.
Maria als Himmelskönigin, als mächtige Herrscherin, mit göttlichem Glanz.

Eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt.
Hat dieses Zeichen am Himmel Bedeutung für unser Leben, für unseren Glauben? Oder ist es auch nur eine effektvolle, interessante aber eben vorübergehende Erscheinung wie die Sonnenfinsternis in 1999 oder in 2009?
Was will uns dieses Bild zeigen? Was will die Anrufung der Königin, aufgenommen in den Himmel besagen?

Zwei Aspekte möchte ich aufgreifen. Aspekte, die mir wichtig sind. Es gäbe sicherlich noch viele andere.

Da wäre zum einen, die Aussage, daß es sich lohnt, auf Gott zu vertrauen.

Als junge Frau empfängt Maria die Botschaft, daß sie vom Hl. Geist überschattet den Messias gebären soll.
Sie antwortet „Mir geschehe, wie Du es gesagt hast.“
Das ist der wichtigste Satz, den ein Mensch auf dieser Erde je gesprochen hat. Er ist der Beginn unserer Erlösung in Jesus Christus.

„Mir geschehe“ antwortet sie, und nicht etwa: „Ich werde das tun. Ich kann das. Das vermag ich zu leisten.“
„Mir geschehe.“ Darin liegt eine große Demut.
„Mir geschehe.“ Es ist, als ob sie sagen will: „Ich kenne deinen Willen nicht. Ich weiß nicht, was du von mir in Zukunft verlangst. Aber ich vertaue dir. Deshalb traue ich dir mein Leben an.“
Und dieses Leben hat seine Vollendung gefunden.
Ihr Vertrauen auf Gott, ihre Hingabe an den Willen Gottes auf Erden ist belohnt worden: Mit dem ewigen Leben im Himmel.
Auch wir sind aufgerufen, unser „Mir geschehe wie Du es gesagt hast!“ zu sprechen. Auch uns ist dann himmlischer Lohn verheißen.

Früher warf man der Kirche vor, die Menschen mit dem Himmel zu vertrösten und von den Problemen auf der Erde abzulenken – Karl Marx schimpfte über den Glauben, es sei „Opium fürs Volk“. Heute besteht die Gefahr, den Himmel aus dem Blick zu verlieren, der Glaube wird dann zur rein horizontal ausgerichteten Ethik, zu einem Piep-Piep-Piep-ich-hab-dich-lieb-Ringelrein politisch korrekter Gutmenschen. Da, wo der Glaube den Himmel aus den Augen verliert, verliert er seine innere Tiefe, seinen Trost, seinen Reichtum. Da, wo die Menschen den Himmel aus dem Blick verlieren, sucht man kein Heil, sondern nur Problemlösungen, findet man keinen Heiland mehr, sondern nur noch Problemlöser oder innerweltliche Messiasse a là Obama.

Mit ihrer Seele und mit ihrem Leib ist Maria in den Himmel aufgenommen worden. Das ist der Glauben der Kirche seit alters her. Das Fest ihrer Himmelfahrt wird schon seit dem frühen fünften Jahrhundert gefeiert. Papst Pius XII. erhob diese Lehre zum Dogma, zur von Gott offenbarten Glaubenswahrheit.
Und hier liegt der zweite Aspekt des heutigen Festes, der mir am Herzen liegt.

Die Dogmatisierung der leiblich Aufnahme Mariens in den Himmel erfolgte am 1. November 1950.
5 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg.
5 Jahre nach einem beispiellosen Gemetzel unter den Menschen.
5 Jahre nachdem Abermillionen Menschen ihr Leben lassen mußten. Sinnlos.

Der Wert des Menschen, seine Würde war angesichts des grausamen Krieges in Frage gestellt. Die Kirche damals hörte diese Frage. Ja, sie stellte sich selber dieser Frage.
Und sie findet in der Aufnahme Mariens in den Himmel eine Antwort:
Die Würde des Menschen ist unbeschreiblich groß. Jeder Mensch ist vor Gott unendlich kostbar.
Maria, die Schwester aller Menschen, ist mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen worden.
Sie ist beredtes Zeichen dafür, daß der ganze Mensch, mit Leib und Seele, in seiner Würde unantastbar ist.

Die Opfer von Krieg, Terror und Gewalt sind nicht verloren. Auch wenn wir sie nicht zählen können, auch wenn wir nicht alle ihre Namen kennen, Gott kennt ihre Zahl und ihre Namen. Bei ihm sind sie geborgen.
Auch alle, die in dieser Stunde leiden müssen, sei es an Leib oder Seele, vergisst er nicht.

Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt.
Es lohnt sich, auf Gott zu vertrauen.
Für Gott ist jeder Mensch unendlich kostbar.
Das sagt mit dieses Zeichen am Himmel. Das sagt mir die Anrufung und das Fest von Maria, die aufgenommen ist in den Himmel.

Wenn das meine Sicht der Dinge ist, wenn ich sozusagen mit dieser Brille auf Maria schaue, dann kann sich etwas in meinem Leben ändern, indem ich mein „Mir geschehe, wie Du, Gott, es gesagt hast!“ spreche, indem ich jeden Menschen als Kind Gottes behandle.

Die Sonnenfinsternis 1999 war ein Jahrhundertereignis ohne Folgen. Ebenso wie die diesjährige Verfinsterung der Sonne.
Auf Maria, das Zeichen am Himmel, zu schauen und davon zu lernen, das hätte Folgen für unser Jahrhundert und darüber hinaus.

23. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2009)

Jedem ist es schon einmal passiert, jene Szene zu beobachten, wo der Fahrer im Auto sitzt und zwei oder drei andere mühsam anschieben und ergebnislos versuchen, dem Auto Geschwindigkeit zu verleihen, damit es wieder losfahren kann. Sie halten ein, wischen sich den Schweiß ab und schieben weiter an…
Dann plötzlich ein Lärm: Der Motor springt an, das Auto fährt, und die, die anschoben, bleiben mit einem Seufzer der Erleichterung stehen.

Das ist ein Bild dafür, was im christlichen Leben passiert. Durch ständiges, mühevolles Anschieben kommt man weiter, ohne große Fortschritte zu machen. Und dabei steht uns ein enorm machtvoller „Motor“ zur Verfügung: „die Kraft aus der Höhe“, die nur darauf wartet, in „Gang gesetzt“ zu werden. Das Pfingstfest sollte uns helfen, diesen „Motor“ und die Methode zu entdecken, ihn in Gang zu bringen.

Der Bericht der Apostelgeschichte beginnt mit den Worten: „Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort.“

Diesen Worten entnehmen wir, dass es vor Pfingsten schon ein Pfingsten gegeben haben muss. Es gab mit anderen Worten bereits im Judentum ein Pfingstfest, und während dieses Festes ereignete sich die Herabkunft des Heiligen Geistes.

Das christliche Pfingsten ist nicht zu verstehen, ohne das jüdische Pfingsten in Betracht zu ziehen, das ersteres vorbereitet hat.

Im Alten Testament gab es zwei Interpretationen des Pfingstfestes. Am Anfang war es das Fest der sieben Wochen, das Erntefest, als Gott das erste Getreide dargebracht wurde; später aber – und ganz gewiss zur Zeit Jesu – kam dem Fest eine neue Bedeutung zu:
Es war dann das Fest der Übergabe des Gesetzes auf dem Berg Sinai, das Fest des Bundes.

Wenn der Heilige Geist ausgerechnet an dem Tag auf die Kirche herabkommen will, an dem in Israel das Fest des Gesetzes begangen wird, will das besagen, dass der Heilige Geist das neue Gesetz ist, das geistliche Gesetz, das den neuen und ewigen Bund besiegelt; ein Gesetz, das nicht mehr auf Steintafeln geschrieben steht, sondern auf Tafeln aus Fleisch: den Herzen der Menschen.

Diese Überlegungen lassen sofort eine Frage aufkommen: Leben wir unter dem alten Gesetz, oder unter dem neuen? Erfüllen wir unsere religiösen Pflichten aus Zwang, aus Angst oder Gewohnheit, oder vielmehr aus einer inneren Überzeugung heraus – weil wir davon „angezogen“, begeistert sind? Nehmen wir Gott als Vater oder als Gebieter wahr?

Ich möchte mit einer Geschichte schließen. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts wanderte eine Familie aus Süditalien in die Vereinigten Staaten aus. Da sie nicht genügend Geld hatten, um das Essen in einem Restaurant zu bezahlen, nahmen sie sich Reiseproviant mit: Brot und Käse. Als die Tage und Wochen verstrichen, vertrocknete das Brot und verschimmelte der Käse. Der Sohn hielt es schließlich nicht mehr aus und weinte nur noch. Die Eltern nahmen das wenige Geld, das sie noch hatten, und gaben es ihm, damit er ins Restaurant gehen könnte, um etwas zu sich zu nehmen. Der Sohn ging, aß und kehrte unter Tränen zu seinen Eltern zurück: „Was denn? Wir haben alles ausgegeben, um dir ein gutes Essen zu zahlen, und du weinst immer noch?“ – „Ich weine, weil ich entdeckt habe, dass eine Mahlzeit pro Tag im Restaurant im Preis inbegriffen war und wir die ganze Zeit über Brot und Käse gegessen haben.“


Viele Christen gehen durchs Leben, indem sie „Brot und Käse“ essen – ohne Freude und ohne Begeisterung –, während sie in einem geistlichen Sinn gesprochen jeden Tag alles mögliche Gute genießen könnten, all das, was „im Preis, Christ zu sein, inbegriffen“ ist.

Das Geheimnis, die Erfahrung dessen zu machen, was Johannes XXIII. „ein neues Pfingsten“ nennt, heißt: Gebet.
Es können die auswendig gelernten Gebete sein, oder die vielen guten Gebete und Lieder im Gotteslob , die wirklich einen Schatz darstellen, aber auch – und vielleicht mangelt es uns da manchmal an Mut oder Zeit – die freien, aus dem Herzen mit den eigenen Worten formulierten.
Auf jeden Fall: Dort „funkt es“, so dass der Motor anspringt! Jesus hat verheißen, dass der himmlische Vater den Heiligen Geist denen geben wird, die darum bitten (Lk 11,13). Bitten wir also!

24. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2009)

Zweimal, liebe Schwestern und Brüder, ist im Evangelium nach Lukas, das wir in der Hl. Nacht hören, von den Windeln Jesu die Rede.

Von Maria wird nach der Geburt Jesu berichtet: Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.
Den Hirten wird von den Engeln gesagt, dass sie zum Zeichen für die Geburt des Messias ein Kind finden werden, das in Windeln gewickelt in einer Krippe liege.

Windeln für den menschgewordenen Sohn Gottes. Ein in Windeln gewickeltes Kind als Zeichen, dass der Retter der Welt da ist. Ist das nicht ziemlich banal, ja peinlich?

Und kämen Sie auf die Idee nach Aachen zu wallfahren, um die Windel Jesu als Reliquie zu verehren. Denn darum geht es auch bei der berühmten Aachener Heiltumsfahrt, die seit dem 13. Jahrhundert und im siebenjährigen Turnus stattfindet. Ist das nicht eigenartig, peinlich für uns aufgeklärte Menschen von heute?

Ich weiß nicht, ob die ausgestellten Textilien in Aachen wirklich die historischen Windeln Jesu sind. Aber darum geht es auch nicht. Ich weiß aber, dass die Windeln ausdrücklich im Evangelium des Lukas genannt werden. Und das kann nicht ohne Belang für uns und unseren Glauben sein.

Für mich wird darin deutlich, wie konkret, wie leibhaftig Gott Mensch geworden ist. Er ist wirklich in unsere Niederungen hinabgestiegen. Jesus war ganz Gott, aber eben auch ganz Mensch, selbst die allermenschlichsten Bedürfnisse waren ihm nicht fremd.

Er wird auch gefroren haben als Kind im Stall. „Liegt als armes Kind im Stall, Herrscher über Weltenall“ singen wir gerne und voll Inbrunst in einem Weihnachtslied. Für Maria und Joseph hieß das, dass sie dem Herrscher der Welt ganz weltlich helfen, beistehen mussten. Maria hat ihm die Windeln angelegt. Und Joseph wird - ebenfalls seit 14. Jahrhundert in der Kunst – ganz realistisch als einer dargestellt, der sich um die beiden – Mutter und Kind - kümmert.

„Josef, lieber Josef mein, hilf mir wieg‘n mein Kindelein“, hören wir in einer beliebten alten Volksweise Maria zu Joseph sagen. Und natürlich tut er es.
Als guter Hausmann sieht man ihn auf Gemälden sich krümmen und das Herdfeuer mit dem Mund pustend anfachen. Manchmal sieht man ihn sogar kochend am Feuer hocken. Oder er zieht sich seine Beinlinge aus – wenn man so will – seine langen, warmen Kniestrümpfe, um sie als zusätzlich wärmende Decke über das Kind in der Krippe zu legen. Irgendwie niedlich wirken diese Ausdrucksformen der Weihnachtsfrömmigkeit. Und Joseph wirkt da etwas zu schlicht. Da wird Joseph der heilsgeschichtlichen Sternstunde irgendwie nicht gerecht. Müsste der nicht jetzt das Kind anbeten, statt Feuer zu machen und zu kochen und vielleicht sogar noch den Stall auszufegen. Jedenfalls scheint Joseph keine große religiös hoch erleuchtete Gestalt zu sein.

Aber damit steht der Patriarch Joseph aus dem Neuen Testament in einer Reihe mit den Patriarchen des Alten Bundes. Das findet jedenfalls Papst Benedikt XVI., wenn er schreibt: „Religionsgeschichtlich gesehen sind Abraham, Isaak und Jakob keine großen Persönlichkeiten.“ Im Vergleich mit den großen und erhabenen asiatischen Religionsstiftern – wie z. B. Buddha – „erscheinen die Träger der Geschichte des Glaubens beinahe pöbelhaft. Das wegzudeuten hieße genau den Anstoß wegdeuten der auf das Besondere und Einzigartige der biblischen Offenbarung hinführt. Dieses Besondere und Ganz-Andere liegt darin, dass Gott in der Bibel nicht wie bei den großen Mystikern geschaut, sondern als der Handelnde erfahren wird. ... Und dies wiederum liegt daran, dass hier nicht der Mensch in eigener Aufstiegsbemühung...das Göttliche an seinem Ort auffindet, sondern es gilt das Umgekehrte: dass Gott den Menschen mitten in den weltlichen und irdischen Zusammenhängen sucht, dass Gott, den von sich aus niemand entdecken kann, auch der Reinste nicht, seinerseits den Menschen nachgeht und in Beziehung zu ihm tritt. “ Soweit der Papst.

Wer Christ werden, sein will – so deute ich das – muss keine religiösen Kunststücke vollbringen. Wir brauchen uns nicht durch irgendwelche Meditationstechniken – die auch ihren Wert haben – in Ekstase zu versetzten, um mit Gott in Kontakt zu treten.

Nein, der Alltag, so wie er auf mich zukommt, ist der Ort, wo Gott auf mich zukommt, indem er mich vor Entscheidungen und in Situationen hineinstellt. Wie handle ich dann? Höre ich auf die Stimme meines Gewissens, die ja die Stimme Gottes in mir ist? Setze ich die Gebote und Weisungen Gottes und seiner Kirche dann in die Tat um? Erfülle ich meine Pflichten und Freuden, ertrage ich das Leiden aus Liebe zu Gott?

Gott fragt uns jeden Augenblick ganz konkret. Und wir können nicht anders, als ganz konkret zu antworten. Ein Vers aus dem Lied „Freude schöner Götterfunken“ lautet: „Seid umschlungen Millionen, dieser Kuss der ganzen Welt.“ Für einige Gutmenschen ist das sozusagen die Lebensdevise geworden. Als Christen sehen wir das etwas anders: nicht die Millionen sollen umschlungen werden, sondern der Mann, der gerade vor mir auf dem Schnee ausgerutscht ist, dem aufgeholfen werden muss. Nicht der Kuss der ganzen Welt ist der wichtige, sondern vielleicht der in der Familie, für das Kind oder den Partner, der Trost braucht.

Das kann uns das Bild des Hl. Joseph lehren: Im tätig bemühten, still dienenden, aber auch im überforderten, ermüdeten und manchmal umständlichen, ja komisch wirkenden Joseph können wir uns alle wiederfinden: Nicht die religiöse Persönlichkeit, die spirituell, ausgefeilten Techniken zählen, sondern der Gehorsam gegenüber dem göttlichen Anruf und Auftrag in der oft banalen Alltäglichkeit.
Gott braucht keine Menschen, die Außergewöhnliches, Menschenunmögliches vollbringen, sondern Christen, die das Gewöhnliche, Menschenmögliche aus Liebe zu ihm und im Gehorsam gegen ihn tun.

Das können uns auch die Windeln Jesu lehren. Ihre Erwähnung im Evangelium ist für mich so etwas wie ein Signalwort, so als ob Jesus mir sagen wollte: „Du Mensch, siehe, wie sehr ich Mensch geworden bin. Genau so einer wie Du. In allem bin ich Dir gleich geworden außer in der Sünde. Ich bin Gottes Sohn und komme auf die Erde und teile mit Dir Deinen Alltag. Und ich möchte, dass Du mit mir Deinen Alltag teilst. Weil ich Mensch geworden bin, kannst auch Du ein Mensch werden, der Gott gefällt und Glückseligkeit erlangt. Du musst nicht viel tun: höre auf die Gebote, lese in der Hl. Schrift, bete und feiere zumindest die sonntägliche Messe- und Du wirst sehen, dass ich Dir dann überall im Alltäglichen begegnen werde. So werden Dir die Augen geöffnet für das Große, dass ich in meiner Menschwerdung an Euch getan habe: Ich werde Mensch, damit ihr im Menschlichen Gott findet und erlöst werdet.“

Liebe Schwestern und Brüder,
in Jesus ist Gott ganz konkret Mensch geworden. Er hat sich festgelegt damals auf einen Jungen in Betlehem, in einem Kaff am Randes des Römischen Weltreiches. So wie Josef und Maria ihm ganz konkret in kleinen Dingen beistanden, so können auch wir ihm nahe sein im Klein-Klein dieser Welt. Wenn wir diesem Ruf des Kindes, das in Windeln gewickelt in einer Krippe liegt, entsprechen dann wird wahr, was die Engel sangen: Ehre Gott in der Höhe und Friede den Menschen.

25. Predigtvorschlag

von Pfr. Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2009)

Zweimal, liebe Schwestern und Brüder, ist im Evangelium nach Lukas, das wir in der Hl. Nacht hören, von den Windeln Jesu die Rede.

Von Maria wird nach der Geburt Jesu berichtet: Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.
Den Hirten wird von den Engeln gesagt, dass sie zum Zeichen für die Geburt des Messias ein Kind finden werden, das in Windeln gewickelt in einer Krippe liege.

Windeln für den menschgewordenen Sohn Gottes. Ein in Windeln gewickeltes Kind als Zeichen, dass der Retter der Welt da ist.
Ist das nicht ziemlich banal, ja peinlich?

Und kämen Sie auf die Idee nach Aachen zu wallfahren, um die Windel Jesu als Reliquie zu verehren. Denn darum geht es auch bei der berühmten Aachener Heiltumsfahrt, die seit dem 13. Jahrhundert und im siebenjährigen Turnus stattfindet. Ist das nicht eigenartig, peinlich für uns aufgeklärte Menschen von heute?

Ich weiß nicht, ob die ausgestellten Textilien in Aachen wirklich die historischen Windeln Jesu sind. Aber darum geht es auch nicht.
Ich weiß aber, dass die Windeln ausdrücklich im Evangelium des Lukas genannt werden. Und das kann nicht ohne Belang für uns und unseren Glauben sein.

Für mich wird darin deutlich, wie konkret, wie leibhaftig Gott Mensch geworden ist. Er ist wirklich in unsere Niederungen hinabgestiegen. Jesus war ganz Gott, aber eben auch ganz Mensch, selbst die allermenschlichsten Bedürfnisse waren ihm nicht fremd.

Er wird auch gefroren haben als Kind im Stall. "Liegt als armes Kind im Stall, Herrscher über Weltenall" singen wir gerne und voll Inbrunst in einem Weihnachtslied. Für Maria und Joseph hieß das, dass sie dem Herrscher der Welt ganz weltlich helfen, beistehen mussten. Maria hat ihm die Windeln angelegt. Und Joseph wird -ebenfalls seit 14. Jahrhundert in der Kunst - ganz realistisch als einer dargestellt, der sich um die beiden - Mutter und Kind - kümmert.

"Josef, lieber Josef mein, hilf mir wieg'n mein Kindelein", hören wir in einer beliebten alten Volksweise Maria zu Joseph sagen. Und natürlich tut er es.
Als guter Hausmann sieht man ihn auf Gemälden sich krümmen und das Herdfeuer mit dem Mund pustend anfachen. Manchmal sieht man ihn sogar kochend am Feuer hocken. Oder er zieht sich seine Beinlinge aus - wenn man so will - seine langen, warmen Kniestrümpfe, um sie als zusätzlich wärmende Decke über das Kind in der Krippe zu legen.
Irgendwie niedlich wirken diese Ausdrucksformen der Weihnachtsfrömmigkeit. Und Joseph wirkt da etwas zu schlicht. Da wird Joseph der heilsgeschichtlichen Sternstunde irgendwie nicht gerecht. Müsste der nicht jetzt das Kind anbeten, statt Feuer zu machen und zu kochen und vielleicht sogar noch den Stall auszufegen. Jedenfalls scheint Joseph keine große religiös hoch erleuchtete Gestalt zu sein.

Aber damit steht der Patriarch Joseph aus dem Neuen Testament in einer Reihe mit den Patriarchen des Alten Bundes. Das findet jedenfalls Papst Benedikt XVI., wenn er schreibt: "Religionsgeschichtlich gesehen sind Abraham, Isaak und Jakob keine großen Persönlichkeiten." Im Vergleich mit den großen und erhabenen asiatischen Religionsstiftern - wie z. B. Buddha - "erscheinen die Träger der Geschichte des Glaubens beinahe pöbelhaft. Das wegzudeuten hieße genau den Anstoß wegdeuten der auf das Besondere und Einzigartige der biblischen Offenbarung hinführt.
Dieses Besondere und Ganz-Andere liegt darin, dass Gott in der Bibel nicht wie bei den großen Mystikern geschaut, sondern als der Handelnde erfahren wird. ... Und dies wiederum liegt daran, dass hier nicht der Mensch in eigener Aufstiegsbemühung...das Göttliche an seinem Ort auffindet, sondern es gilt das Umgekehrte: dass Gott den Menschen mitten in den weltlichen und irdischen Zusammenhängen sucht, dass Gott, den von sich aus niemand entdecken kann, auch der Reinste nicht, seinerseits den Menschen nachgeht und in Beziehung zu ihm tritt. " Soweit der Papst.

Wer Christ werden, sein will - so deute ich das - muss keine religiösen Kunststücke vollbringen. Wir brauchen uns nicht durch irgendwelche Meditationstechniken - die auch ihren Wert haben - in Ekstase zu versetzten, um mit Gott in Kontakt zu treten.

Nein, der Alltag, so wie er auf mich zukommt, ist der Ort, wo Gott auf mich zukommt, indem er mich vor Entscheidungen und in Situationen hineinstellt. Wie handle ich dann? Höre ich auf die Stimme meines Gewissens, die ja die Stimme Gottes in mir ist? Setze ich die Gebote und Weisungen Gottes und seiner Kirche dann in die Tat um? Erfülle ich meine Pflichten und Freuden, ertrage ich das Leiden aus Liebe zu Gott?

Gott fragt uns jeden Augenblick ganz konkret. Und wir können nicht anders, als ganz konkret zu antworten. Ein Vers aus dem Lied "Freude schöner Götterfunken" lautet: "Seid umschlungen Millionen, dieser Kuss der ganzen Welt." Für einige Gutmenschen ist das sozusagen die Lebensdevise geworden. Als Christen sehen wir das etwas anders: nicht die Millionen sollen umschlungen werden, sondern der Mann, der gerade vor mir auf dem Schnee ausgerutscht ist, dem aufgeholfen werden muss. Nicht der Kuss der ganzen Welt ist der wichtige, sondern vielleicht der in der Familie, für das Kind oder den Partner, der Trost braucht.

Das kann uns das Bild des Hl. Joseph lehren: Im tätig bemühten, still dienenden, aber auch im überforderten, ermüdeten und manchmal umständlichen, ja komisch wirkenden Joseph können wir uns alle wiederfinden: Nicht die religiöse Persönlichkeit, die spirituell, ausgefeilten Techniken zählen, sondern der Gehorsam gegenüber dem göttlichen Anruf und Auftrag in der oft banalen Alltäglichkeit.
Gott braucht keine Menschen, die Außergewöhnliches, Menschenunmögliches vollbringen, sondern Christen, die das Gewöhnliche, Menschenmögliche aus Liebe zu ihm und im Gehorsam gegen ihn tun.

Das können uns auch die Windeln Jesu lehren. Ihre Erwähnung im Evangelium ist für mich so etwas wie ein Signalwort, so als ob Jesus mir sagen wollte: "Du Mensch, siehe, wie sehr ich Mensch geworden bin. Genau so einer wie Du. In allem bin ich Dir gleich geworden außer in der Sünde. Ich bin Gottes Sohn und komme auf die Erde und teile mit Dir Deinen Alltag. Und ich möchte, dass Du mit mir Deinen Alltag teilst. Weil ich Mensch geworden bin, kannst auch Du ein Mensch werden, der Gott gefällt und Glückseligkeit erlangt. Du musst nicht viel tun: höre auf die Gebote, lese in der Hl. Schrift, bete und feiere zumindest die sonntägliche Messe- und Du wirst sehen, dass ich Dir dann überall im Alltäglichen begegnen werde. So werden Dir die Augen geöffnet für das Große, dass ich in meiner Menschwerdung an Euch getan habe: Ich werde Mensch, damit ihr im Menschlichen Gott findet und erlöst werdet."

Liebe Schwestern und Brüder,
in Jesus ist Gott ganz konkret Mensch geworden. Er hat sich festgelegt damals auf einen Jungen in Betlehem, in einem Kaff am Randes des Römischen Weltreiches. So wie Josef und Maria ihm ganz konkret in kleinen Dingen beistanden, so können auch wir ihm nahe sein im Klein-Klein dieser Welt. Wenn wir diesem Ruf des Kindes, das in Windeln gewickelt in einer Krippe liegt, entsprechen dann wird wahr, was die Engel sangen: Ehre Gott in der Höhe und Friede den Menschen.

26. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2008)

Liebe Gemeinde!

Wir haben soeben zwei Strophen des Liedes „O Haupt voll Blut und Wunden“ von Paul Gerhard gesungen. Ich darf vielleicht sagen, dass ich dieses Lied schon als Kind als das schönste Lied der Fastenzeit empfunden und am liebsten gesungen habe. Da ist als erstes schon die wunderbar zu Herzen gehende Melodie, die Hans Leo Haßler im Jahre 1601 komponiert hat. Sie steigt im zweiten Teil der Strophen zu wehmütigen Höhen auf, die eindringlich mit den zugehörigen dramatischen Strophenteilen korrespondieren, um anschließend wieder abzusteigen zum Ausgangston, in dem sich Klage und Hoffnung ausdrücken.

Inhaltlich gesehen, ist das Lied ein Christuslied, genauer ein Passionslied, eine Liedgattung, die im 17. Jahrhundert reichlich benutzt wurde. Man muss dabei bedenken, dass dieses Jahrhundert das Jahrhundert des 30-jährigen Kriegs war und das Jahrhundert vieler Krisen und Nöte wie Pest, Teuerung, Hunger und religiöse Verunsicherung. Was taten die Menschen in solchen schweren Zeiten? Feinfühlige Menschen, wie es Dichter nun mal sind, reagierten oftmals mit einer Vertiefung des religiösen Lebens; sie erkannten – gerade im 17. Jahrhundert – die Vergänglichkeit und die Eitelkeit aller Dinge dieser Welt und besannen sich auf DEN, der jenseits der Zeit und jenseits des Todes steht, auf GOTT. Sie entdeckten den Mensch gewordenen Gottessohn neu, Jesus, den Geschundenen und Gepeinigten, den, der alle diese Nöte selbst erfahren hat, um sie mit uns zu teilen.

Der Dichter spricht in der ersten Strophe gleich den Herrn an, aber nicht direkt, sondern sein edelstes Körperteil, sein Haupt. Er weiß, dass dieses Haupt, dieses Gesicht, das größte Geschenk Gottes an uns ist, dass uns – wie Paulus sagt – auf diesem Antlitz Jesu der göttliche Glanz entgegenstrahlt (2 Kor 4,6); er erinnert sich, daß Jesus gesagt hat: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Joh 14,9). Und es ist sehr wahrscheinlich, dass der Dichter unser heutiges Evangelium vor Augen hat, wenn er von dem „edlen Angesichte“ spricht, „vor dem sonst alle Welt erzittert im Gerichte“. Aber dann erschüttert er uns gleich mit dem größtmöglichen Kontrast, den wir uns denken können: Was ist aus diesem Haupt, aus diesem Angesicht geworden? Was haben die Menschen damit gemacht? – Kein Glanz, keine Ehre, keine Erinnerung an das göttliche Geheimnis, das uns in diesem Menschen offenbart ist, sondern im Gegenteil: Blut und Wunden, Schmerz, Spott und Hohn, schändliche Zurichtung, Entstellung, sogar Dornenkrönung!

Ich erinnere mich, dass ich schon als Kind von diesem Text – zusammen mit der die Aussage unterstreichenden Melodie – zutiefst beeindruckt und erschüttert war. Wie ist so etwas möglich, dass ausgerechnet der beste Mensch, der je auf Erden gelebt hat, ja der Sohn Gottes selbst, so geschmäht und geschändet wurde? Warum hat er sich das gefallen lassen? Warum hat er sich nicht so gezeigt, wie er sich bei der Verklärung den Jüngern dargestellt hat? Hätten die Soldaten dann nicht abgelassen von ihrem bösen Treiben und wären auf die Knie gefallen, wie es sich vor dem Herrn geziemt? Was mögen die Jünger, die Freunde Jesu empfunden haben, was vor allem seine Mutter, als sie ihn so sehen mussten? – Und dann die Frage: Was empfinden wir heute? Lassen wir uns noch anrühren von diesem Schmerz beladenen Antlitz, oder gehen wir leichtfertig darüber hinweg?

Die Menschen im 17. Jahrhundert hatten sicher mehr Sorgen als wir heute, sie waren der täglichen Bedrohung des Todes ausgesetzt. Es mag paradox erscheinen – aber sie sangen dieses Lied und andere Passionslieder sehr gern. Es war für sie leicht, sich in diesem geschundenen Christus wiederzuerkennen, sie besangen sozusagen ihr eigenes Geschick. Sie klagten ihr eigenes Leid heraus und gewannen gerade dadurch Kraft und Mut für ihr Leben. Denn dadurch wussten sie: Gott steht auf meiner Seite; er schaut nicht nur zu, wie wir langsam zugrundegehen, sondern er erleidet all dies mit. Im zerschlagenen Antlitz Jesu schaute sie der mitleidende Gott an. Und es war nicht ein ohnmächtiger Gott, der sie anschaute, sondern der Herr über Leben und Tod, derselbe, der auf dem Berg der Verklärung Jesus als seinen geliebten Sohn offenbart hatte: „Auf ihn sollt ihr hören!“ Liebe Schwestern und Brüder!

Die Betrachtung des Leidens Jesu hat die Menschen seit jeher zu einer vertieften Frömmigkeit geführt, zu einem stärkeren Glauben und zu dem erneuerten Willen, auf Christus zu hören. Diese Betrachtung hat immer wieder verzagten Menschen neuen Mut gegeben und sie gestärkt in ihren Kämpfen des Alltags. Darum die Anregung, diese Fastenzeit zu nutzen, Jesus als dem Leidenden ins Auge zu sehen, seinen Kreuzweg mitzugehen (sei es montags hier in der Kirche, sei es zu Hause während einer stillen Stunde), seinen schmachvollen Tod zu bedenken, von dem wir glauben, dass er nicht sinnlos war, sondern der große Sieg über die Mächte des Todes und der Sünde.

27. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2008)

Liebe Gemeinde!

„Ewig leben - wer möchte das schon?“ – Diese Überschrift fordert vermutlich bei einigen von Ihnen Widerspruch heraus; andere denken aber vielleicht: Ja, was soll ein unbegrenztes Leben denn auch anderes sein als langweilig und unerträglich? Gewiss, wir alle kennen den Durst nach Leben. Er wird sehr anschaulich im heutigen Evangelium beschrieben. Jesus, der vom Laufen in der Hitze durstig geworden ist, bittet die Frau am Jakobsbrunnen um Wasser. Doch sehr bald kommt er vom leiblichen Durst auf den geistigen Durst zu sprechen, er spricht vom lebendigen Wasser, das den Durst endgültig stillt, weil es ewiges Leben schenkt. Doch die Frau versteht Jesus anfangs noch nicht genau. Ihr Interesse ist zwar geweckt, aber sie meint, Jesus spreche von einer Art Wunderwasser, dessen Besitz das mühsame Wasserschöpfen überflüssig macht. Und in gewisser Weise hat sie Jesus damit ja auch richtig verstanden – nur dass sie den symbolischen Sinn dieser Rede nicht erfasst. Es geht Jesus nicht ums Trinken und die damit verbundene Erhaltung des irdischen Lebens, es geht ihm vielmehr um ein Leben, das keinen Mangel mehr kennt, das aus der Fülle schöpft und sich nie erschöpft – das ewige Leben. Lassen wir vorerst noch alle Zweifel beiseite, ob es ein solches Leben geben kann und ob es auch erstrebenswert wäre; dass wir uns alle nach einem Leben in Fülle sehnen – das dürfte unbestritten sein. Der irdische Durst zeigt es deutlich: Weil wir den Mangel des Lebens spüren und auffüllen wollen, darum haben wir Durst, haben wir Hunger, begehren wir Dinge zum Lebensunterhalt, sorgen wir vor, sparen wir Geld usw. All diese Tätigkeiten wären sinnlos, wenn es uns dabei nicht ums Leben ginge, genauer: um Auffüllung des vielfältigen Mangels, den das irdische Leben mit sich bringt. Aber es geht um noch mehr: Der am tiefsten erfahrene Mangel betrifft die Not unserer Einsamkeit. „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt.“ (Gen 2,18) Keiner kann ohne die Gemeinschaft anderer Menschen bestehen. Nicht nur deshalb, weil man auf die Hilfe anderer angewiesen ist, sondern auch deshalb, weil man sich danach sehnt, sein Leben mit anderen zu teilen, es an einen anderen in Liebe zu verschenken. Ein Leben ganz ohne Liebe verkümmert, ist kein Leben, ist im Grunde schon tot. Doch die Erfahrung der Liebe macht uns erst recht bewusst, dass wir die Endlichkeit des Lebens niemals akzeptieren können. So ruft Nietzsche einmal aus: „Doch alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit.“ Und Gabriel Marcel sagt: „Die Liebe sagt: Du wirst nicht sterben!“ - Und weiter: „Die Annahme, der geliebte Mensch sei im Tod vernichtet, kommt einem Verrat oder Treuebruch gleich.“ – Wer die Erfahrung tiefer Liebe gemacht hat, der wird Gabriel Marcel zustimmen. Schlimmer als der eigene Tod ist der Tod des geliebten Menschen. Damit kann ich mich niemals abfinden, auch wenn ich vom Schicksal gezwungen werde, mich von geliebten Menschen endgültig zu verabschieden. Ich werde nur um so lauter schreien: Wo sind sie hin? Sie können doch nicht einfach weg sein! Soviel zum Durst nach Leben, nach Ewigkeit. Papst Benedikt weist in seiner Enzyklika darauf hin, dass das ewige Leben bereits beim Taufritus thematisiert wird. Bei der Frage nämlich: „Was gibt dir der Glaube?“ erfolgt die Antwort: „Das ewige Leben.“ Das heißt, das ewige Leben hat immer etwas mit dem Glauben an Gott zu tun. Das ist nun nichts Überraschendes, denn nirgends sonst wird über ein ewiges Leben gesprochen als in der Kirche oder in anderen Religionsgemeinschaften. Aber dieser Zusammenhang ist wichtig, denn wenn wir ihn nicht beachten, verstehen wir gar nicht richtig, was mit dem ewigen Leben gemeint ist und was nicht. Der Papst bedenkt denn auch die Zweifel, ob ein ewiges Leben wirklich erstrebenswert sein kann und wirft die Frage auf: „Wollen wir das eigentlich – ewig leben?“ – Und er stellt fest: „Ewig – endlos – weiterzuleben scheint eher Verdammnis als ein Geschenk zu sein.“ Hierzu zitiert eine Grabrede des Bischofs Ambrosius: „Der Tod gehörte zwar nicht zur Natur, aber er ist zu Natur geworden. Gott hat ihn nicht von Anfang an vorgesehen, sondern hat ihn als Heilmittel geschenkt [...] Der Übertretung wegen ist das Leben des Menschen von der täglichen Mühsal und von unerträglichem Jammer gezeichnet und so erbärmlich geworden. Ein Ende der Übel musste gesetzt werden, damit der Tod wiederherstelle, was das Leben verloren hat. Unsterblichkeit wäre mehr Last als Gabe, wenn nicht die Gnade hineinleuchten würde.“ Die Abschaffung des Todes würde der Menschheit jedenfalls keinen Segen bringen, sondern sie „in einen unmöglichen Zustand versetzen“. Der Papst spricht darum von einer „inneren Widersprüchlichkeit unserer Existenz selbst“: „Einerseits wollen wir nicht sterben,... Aber andererseits möchten wir doch auch nicht endlos so weiterexistieren, und auch die Erde ist dafür nicht geschaffen. Was wollen wir also eigentlich?“ Wir müssen dieses Rätsel auflösen können, sonst bleibt die Rede vom ewigen Leben unbefriedigend und wertlos. Papst Benedikt meint sogar, das Wort „ewiges Leben“ sei ein irritierendes und ein ungenügendes Wort. „Denn bei ‚ewig’ denken wir an Endlosigkeit, und die schreckt uns; bei Leben denken wir an das von uns erfahrene Leben, das wir lieben und nicht verlieren möchten, und das uns doch zugleich immer wieder mehr Mühsal als Erfüllung ist, so dass wir es einerseits wünschen und zugleich doch es nicht wollen.“ Wir sehen: Solange wir die irdische Erfahrungsebene nicht übersteigen, können wir das Rätsel nicht lösen. Die geschaffene Welt ist der Zeit unterworfen und darum endlich und alles andere als ewig. Nur Gott ist ewig. Aber wir kennen Gott nicht, wir können ihn uns nicht vorstellen. Ewigkeit ist nicht unendlich lange Zeit – und doch stellen wir sie uns genau so vor. Ewigkeit ist vielmehr Fülle, ist Gegenwart, die nicht verfliegt, sondern die bleibt. Der ewige Gott muss auf nichts warten, denn er besitzt alles in Fülle – schon jetzt, nicht erst in Zukunft. Aber ihm wird auch nichts durch die Zeit aus seiner Gemeinschaft, aus seiner Gegenwart gerissen – für ihn gibt es keine Vergangenheit. Gott will uns Anteil an seiner ewigen Gegenwart schenken – das wäre für uns „ewiges Leben“. Auch wenn wir uns das nicht vorstellen können, so können wir uns doch immerhin „aus der Zeitlichkeit, in der wir gefangen sind, herausdenken“. Dann können wir „ahnen, dass Ewigkeit nicht eine immer weitergehende Abfolge von Kalendertagen ist, sondern etwas wie der erfüllte Augenblick, in dem uns das Ganze umfängt und wir das Ganze umfangen.“ Der Papst beschreibt den Übergang in das ewige Leben als den „Augenblick des Eintauchens in den Ozean der unendlichen Liebe, in dem es keine Zeit, kein Vor und Nachher mehr gibt.“ Leben in Fülle statt Leben in gestückelter Form. „Immer neues Eintauchen in die Weite des Seins“, ständige Überwältigung von der Freude – das ist ewiges Leben. Wenn man das wenigstens ahnungshaft verstanden hat, kann man das ewige Leben dann noch ablehnen? Jesus verkündet es der Frau mit den Bildworten: „Das Wasser, das ich ihm gebe, wird in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt.“ In der Eucharistie bekommen wir davon einen Vorgeschmack, ein Unterpfand. Aber die Vollendung bleibt außerhalb unserer Vorstellung: „Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.“ (1 Kor 2,9)

28. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2008)

Liebe Gemeinde!

Liebe und Tod bestimmen unser Leben existentiell. Wir verdanken uns der Liebe unserer Eltern, wir gehen selbst Beziehungen ein und finden Freunde, die wir lieben. Kein Mensch kann leben ohne Beziehungen: ohne einen anderen Menschen zu lieben und selbst geliebt zu werden. Nur in gelebten Beziehungen wird unser Leben lebenswert – und doch liegt darin zugleich eine tiefe Quelle des Schmerzes, denn wir können keinen Menschen unbegrenzt lange festhalten. Der Tod macht immer wieder einen Strich durch unsere Rechnung, durch unsere Liebe.

Wann immer wir dem Tod begegnen, erhebt sich die bedrängende Frage: Was ist das für ein Gott, der uns das Leben schenkt, aber nur auf Zeit? Der es uns doch wieder wegnimmt? Wir reden manch­mal von Gottes Hand: „Wir ruhen all in Gottes Hand...“ Doch dann wird der Zweifel stark: Sind Gottes Hände vielleicht kalt, erbarmungslos und schrecklich? Warum sind diese Hände manchmal so fordernd, warum nehmen sie uns weg, was wir selber doch so gern in den Händen behalten hätten?

Wir können dieser Frage nicht ausweichen, wenn ein Mensch, den wir geliebt haben, stirbt. Warum? – so fragen wir dann. „Wo warst du, Gott? – „Wärst du hier gewesen, dann wäre dieser Mensch nicht gestorben.“

Was ist die Antwort Gottes auf diese Frage? Er hat sie in seinem Sohn gegeben. Jesus selbst musste diese vorwurfsvolle Frage anhören angesichts des Todes seines Freundes Lazarus. Er hat Lazarus wirklich geliebt – so wie ein Mensch eben einen anderen lieben kann. Und darum war er im Innersten erregt und erschüttert. Jesus hat geweint über den Tod seines Freundes. – Gott weint in seinem Sohn über das Schicksal des Todes, das Trennung und endgültigen Abschied bedeutet. Er bleibt nicht teilnahmslos daneben stehen, er durchlebt selber dieses Dunkel der Verlassenheit. Ja, er ist selber in die tiefste Finsternis hinabgestiegen – bis hin zum verzweifelten Aufschrei: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ – Denn er will uns das Schicksal nicht einfach von oben herab diktieren: „Ich weiß schon, was für euch gut ist....“ Jesus kostet es selbst aus, dass der Wille des Vater oft unerbittlich ist, scheinbar gnadenlos, aber er betet: „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“

Jesus begegnet dem Tod seines Freundes kurz vor seinem eigenen Todesschicksal. Seine Erregung wächst, denn er steht der Macht gegenüber, gegen die er gesendet ist. Die Liebe begegnet ihrem größten Feind, dem Tod. Und hier soll sich ein erstes Mal zeigen, dass die Liebesmacht größer ist als der Tod. Jesus ruft mit gewaltiger Stimme: „Lazarus, komm heraus!“ In der Tiefe seines Geistes geht ein Kampf vor sich, ein Kampf, der deswegen so heftig ist,

  • weil es nicht nur um den Tod allein geht, sondern um die Sünde, die den Tod gebiert und im Tode herrscht,
  • weil die Sünde noch schwerer zu besiegen ist als der Tod,
  • und weil sie den Opfertod des Gerechten einfordert. Jesus weiß genau, dass er auf diesen Gigantenkampf zugeht, den Kampf der Liebe mit der Sünde, die sein Leben kosten wird.

Und in Vorwegnahme dieses Kampfes, der schließlich zum Sieg über Tod und Sünde führen wird, kann Jesus den Lazarus zum Leben erwecken: „Lazarus, komm heraus!“

Darum kann er auch zu Marta das großartige Offenbarungswort sprechen: „Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt.“ Er sagt nicht: Ich wirke die Auferstehung, ich gebe das Leben – er sagt: „Ich bin“. Jesus offenbart sein Geheimnis: dass er das Leben selber ist, der wahre Sohn Gottes, der das Leben in sich hat und der es freiwillig geben kann, um es wieder zu nehmen (vgl. Joh 5,26; 10,18).

Antworten wir auf diese Offenbarung mit unserem Glaubensbekenntnis zu Jesus – so wie Marta, die sagte: „Ja, Herr, ich glaube, dass du der Messias bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.“

29. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2008)

Liebe Gemeinde!

Als ich neulich mit Grundschulkindern über unseren Osterglauben gesprochen habe, war mir u.a. wichtig zu erfahren, was denn in den Augen der Kinder diesen Glauben plausibel erscheinen lässt und was ihn eher fragwürdig macht. Als stützendes Element wurde u.a. empfunden, dass die Ostergeschichten in der Bibel aufgeschrieben wurden – denn das schriftliche Zeugnis gibt der Sache Objektivität; anders als bloßes Hörensagen setzt es sich der Nachprüfung aus und scheut diese auch nicht. Schwer glaubwürdig erschien einigen Kindern jedoch die Behauptung, dass da einer wirklich von den Toten auferstanden sei – denn so etwas passiert doch sonst nicht. Und wenn es denn tatsächlich passiert ist, warum ist Jesus den Jüngern nur eine Zeitlang erschienen und dann nicht mehr? Die beiden Punkte gehören zusammen: das Aufhören der Erscheinungen des auferstandenen Herrn und die schriftliche Aufzeichnung des Geschehens. Das heutige Evangelium thematisiert geradezu diese Zeit des Umbruchs von unmittelbarer Begegnung mit Jesus hin zu anderen Formen seiner Gegenwart in der Kirche. Es ist selber schon ein Nachtrag zum eigentlich fertigen Johannesevangelium. Dieses hatte nämlich mit den Worten geschlossen: „Noch viele andere Zeichen, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind, hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan. Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.“ (Joh 20,30f) – So als ob das Aufgeschriebene nun doch nicht ganz ausreichte, hat ein zweiter Schreiber, wohl ein Schüler des Evangelisten, von einer weiteren Ostererscheinung Jesu berichtet. Dahinter mag ein ähnliches Bedürfnis stecken, wie ich es von den Grundschulkindern erfahren habe: Jesus soll nicht aufhören, sich seinen Freunden leibhaftig als der Auferstandene zu bekunden! Er soll nicht aufhören, sie in ihrem Alltag aufzusuchen und ihnen dort den Lichtblick von Ostern her zu schenken, den sie brauchen, um im Glauben festzustehen und treu zu bleiben. Dieser Wunsch ist völlig in Ordnung und angemessen. Er spiegelt sich schon in der Einladung der Emmausjünger: „Herr, bleibe bei uns, denn es wird bald Abend, und der Tag hat sich schon geneigt.“ (Lk 24,29) Und der Wunsch ist vor allem dann brennend, wenn der Alltag der Christen mühsam, ermüdend und frustrierend ist. Darum geht es nämlich in unserem Evangelium zuerst. Die Fischer unter den Aposteln gehen ihrer Arbeit nach und fangen keinen einzigen Fisch. Wer das Johannesevangelium kennt, weiß, dass mit dieser Aussage ein symbolischer Sinn verbunden sein muss: Gemeint ist der kirchliche Dienst der Apostel, ihr Bemühen, Menschenfischer zu sein, und ihr sich rasch abzeichnender Misserfolg. Die Kirche ist wie ein Schiff mit Petrus als dem Steuermann – aber ohne die Gegenwart ihres Herrn Jesus Christus richtet sie nichts aus. Aber die Gegenwart Jesu ist nicht mehr so unzweifelhaft erfahrbar wie an Ostern. Jesus steht am Ufer, „doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war“ (Joh 21,4). Dass er es ist, wird erst deutlich, als er ihnen zu einem wunderbar reichen Fischfang verhilft und ihnen dann das Brot und den Fisch zu essen gibt. Auch hier werden wir an die Geschichte der Emmausjünger erinnert, die den Herrn „erkannt hatten, als er ihnen das Brot brach“. (Lk 24,35) Die Erinnerung an das Letzte Abendmahl wird geweckt, und es wird klar, dass Jesus fortan in dieser neuen Form unter den Seinen gegenwärtig sein will: im Mahl von Brot und Wein, das die Jünger zu seinem Gedächtnis begehen. Warum wählt Jesus diese Form, um seine österliche Gegenwart in der Kirche erfahrbar werden zu lassen? Warum kommt er unserem Wunsch nach massiver Berührbarkeit nicht weiter entgegen? – Die Antwort darauf ist zweigeteilt: Erstens kommt er ja unserem Wunsch nach leiblicher Gegenwart tatsächlich entgegen, denn die Eucharistie ist ja materiell und nicht bloß geistig; Jesus erscheint in ihr in den Grenzen von Raum und Zeit, ja, er bleibt in allen Kirchen gegenwärtig, er schaut uns vom Tabernakel aus an und lässt sich von uns – freilich unter der Gestalt und dem Zeichen des Brotes – anschauen und ansprechen. Aber – und das ist der zweite Teil der Antwort – die Wirklichkeit des Auferstandenen ist nicht von dieser Welt, sie ist jenseitig, himmlisch. Es gibt keinen ungebrochenen Zugang aus dieser Welt in die des Himmels, dazu ist Wandlung nötig, eine Wandlung, die normalerweise erst im Tod erfolgt, ausnahmsweise aber bereits an den Gaben von Brot und Wein geschieht. Der Leib des Auferstandenen ist verklärt, er ist kein Teil dieser vergänglichen Welt. Wir können diesen Leib Jesu nicht in unsere Welt ziehen, wir müssen uns vielmehr von Jesus aus dieser Welt gleichsam herausziehen lassen in seine Welt. Die Eucharistie ist gerade die Speise, die uns verwandelt in Menschen, die des ewigen Lebens fähig und würdig sind. Der Wandlung von Brot und Wein in Jesu Leib und Blut muss unsere innere Wandlung folgen, unsere Angleichung an die Gesinnung Jesu. „Nehmt und schmeckt das Brot des Lebens, nehmt und schmeckt das Brot und lebt!“

30. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2008)

Liebe Schwestern und Brüder,

immer wieder gibt es Diskussionen über den Glauben – sei es in der Familie, in der Schule, unter Freunden, unter Gelehrten.
Die Argumente werden hin und her geschoben, reflektiert und hoffentlich auch ernst genommen. Nur ein Argument wird oft gar nicht angehört oder sogar es wird angefeindet. Das Argument „Ich glaube, weil es die Kirche so sagt. Ich gehorche, weil es die Kirche so sagt.“ Da wird derjenige, der dieses Argument vertritt entweder mitleidig oder vorwurfsvoll angeschaut. Gehorsam! So was.

"Gehorsam" hat so einen Beigeschmack von Militär und Sekte: Da werden Anweisungen erteilt, die ich auszuführen habe, egal ob das vernünftig ist oder nicht. "Gehorsam" klingt immer ein bisschen nach "blind gehorchen"; so als wenn man sein eigenes Gehirn ausschaltet. Manche werfen der Kirche vor, es gehe in ihr um Kadavergehorsam. Nur: Kadaver können nicht gehorchen – die sind schon tot.

Und doch wünschen wir uns Gehorsam.
Kinder zum Beispiel überblicken noch nicht die ganze Wirklichkeit und sämtliche Folgen ihres Tuns. Deshalb muss jemand, der einen besseren Überblick hat, für sie vorausschauen und ihnen bestimmte Dinge verbieten und zu anderen Dingen auffordern. Kinder gehorchen (wenn sie gehorchen), weil sie guten Grund haben, ihren Eltern zu vertrauen.

Sobald wir aber meinen, selbst alles zu überblicken, lehnen wir es ab, dass jemand für uns vorausschaut - und verweigern den Gehorsam. Man sieht es auch bei den Jugendlichen, die darauf bestehen, keine Kinder mehr zu sein: Gehorsam zu sein ist ein Zeichen von Unmündigkeit. Selbst zu entscheiden, ist ein Zeichen für Unabhängigkeit und Erwachsensein.

Dabei ist es uns dann manchmal egal, ob wir die Wirklichkeit tatsächlich so gut überblicken, dass wir allein zurecht kommen. Lieber fallen wir ab und zu mal kräftig auf die Nase, als dass wir unsere Unabhängigkeit wieder an den Nagel hängen und Gehorsam üben.

Im Grunde ist das ja auch gut so. Nicht erwachsen werden und das Denken und die Verantwortung lieber anderen zu überlassen, ist gefährlich. In dieser Welt ist es eine unausweichliche Pflicht, Erwachsen zu werden.

In Gottes Welt allerdings gelten andere Maßstäbe. In der Lesung aus der Apostelgeschichte heißt es ganz am Schluss: «Auch eine große Anzahl von Priestern nahm gehorsam den Glauben an». Und Jesus selbst hat gesagt: «Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder!» Und Paulus sagt es einmal „Der Glaube kommt vom Hören“ also vom Hinhorchen, Gehorchen, das Gehörte annehmen.

Dabei geht es nicht in erster Linie darum, unsere eigene Ansicht aufzugeben und - weil Gott es uns sagt - einfach anderer Meinung zu sein. Kind Gottes zu sein, heißt ja nicht, das wir aufhören sollen zu denken. Das haben die Priester in der Lesung ja auch nicht getan.

Sondern dass wir begreifen, dass unser Denken eben nicht alles umfasst, dass vieles noch außerhalb unseres Horizontes liegt. Es geht darum, dass wir durch den Gehorsam lernen, uns mit Leib und Seele (und unserem Denken und Erkennen) auf den zu verlassen, der eine größere Sicht auf diese Welt halt.

Es gibt viele Gründe, die dafür sprechen, dass diese Welt gottlos und unerlöst ist. Im Irak werden wahllos Menschen getötet, und in Deutschland legen Politiker einfach ein Verfallsdatum für die Menschenwürde fest (Nichts anderes ist letztlich bei dem Stammzellengesetz passiert). Der Papst klagt über die Kinderschändungen in Amerika und klagt auch Glieder der Kirche an.
Hat Gott versagt? Ist die Osterbotschaft vom Sieg über den Tod nicht widerlegt?

«Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich!» sagt Jesus. Es ist gerade ein Zeichen unserer Kindschaft und unseres kindlichen Gehorsams, dass wir dieses Wort nicht nur hören, sondern daran unseren Glauben festmachen. Euer Herz lasse sich nicht verwirren! Ganz einfach deshalb, weil Gott es gesagt hat; auch wenn die Welt ganz anders aussieht. Einfach glauben, dass Jesus selbst das Leben ist. Einfach Gott zu vertrauen - genauso wie ein Kind: «Papa hat gesagt, alles wird wieder gut.»

Gehorsam sein heißt nicht, seinen Verstand ausschalten, sondern Gott zu vertrauen. Wir haben keine andere Garantie als seine Zusage, sein Wort. Dort, wo wir nicht mehr weiter wissen oder aller Anschein gegen das Gute spricht, Gott zu vertrauen - das ist guter, kindlicher Gehorsam.

Liebe Schwestern und Brüder, echter und guter Gehorsam gehört zum Glauben dazu; aber er ist keine Last oder eine Einschränkung. Es ist die Freiheit der Kinder Gottes. Und Kinder Gottes sind wir seit der Taufe. Und das feiern wir gerade auch in der österlichen Zeit.

Amen.

31. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2008)

Liebe Gemeinde!

Das heutige Evangelium gehört zu den sogenannten Abschiedsreden Jesu kurz vor seinem schweren Leidensweg. Jesus lässt sich tief ins eigene Herz schauen. Philippus bittet ihn: „Herr, zeige uns den Vater¸ das genügt uns.“ Es ist die Sehnsucht nach Gott, die in diesem Wort anklingt. Philippus nennt Gott den Vater, weil Jesus ihn so genannt hat. Gott ist der Vater! Gott liebt uns, wie ein Vater seine Kinder liebt. Gott ist nicht ein abstraktes Prinzip, sondern er ist eine Person, die liebt – und zwar in unendlicher Intensität. – Jesus antwortet: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“ (Joh 14,9) Das ist eine wirklich überraschende Aussage: Gott hat in Jesus ein menschliches Gesicht bekommen, in den Worten, in den Gesten und in den Taten Jesu wird Gott selbst ansichtig. Denn – so führt Jesus weiter aus: „Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist?“ Weil Jesus wirklich der Sohn Gottes ist, darum ist er in seiner menschlichen Natur auch das lebendige Bild Gottes, darum strahlt auf seinem menschlichen Antlitz der göttliche Glanz wider. Wer Jesus hat, der hat Gott, und wer Gott hat, der hat alles.

Aber nun geht Jesus weg, er verlässt die Seinen, indem er sich dem Tod ausliefert. Wird ihnen damit auch Gott genommen, sind sie anschließend wieder allein, auf sich gestellt, in Gottesfinsternis? – Das ist die immer neue Anfechtung für die Gläubigen in der Kirche, die große Herausforderung unseres Glaubens, die uns glücklicherweise schon hier – in der allerersten Zeit der Kirche bereits – bewusst gemacht wird. Aber nicht nur das, wir erhalten auch die Antwort auf diese Anfechtung, wieder eine äußerst überraschende Antwort. Zunächst der Zweifel, den der skeptische Thomas äußert: „Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst; wie sollen wir dann den Weg kennen?“ – Wenn Jesus tot sein wird, dann lebt er vielleicht in der jenseitigen Welt weiter – das glauben seine Jünger schon ohne weiteres. Aber wo ist die Verbindung dieser Welt mit der unsrigen? Welcher Weg führt uns dorthin? Wohin soll ich mich wenden, wenn Gram und Schmerz mich drücken? An wen soll ich mich halten, wenn derjenige, an den ich mich bisher gehalten habe, aus meinem Gesichtskreis gerückt ist?

Jesus antwortet nicht, indem er sagt: „Ich zeige euch den Weg. Ihr müsst da und da lang gehen.“ Jesus erteilt dem Thomas nicht eine Lehre, die dann aufgeschrieben wird, damit sie späteren Generationen weiter verkündet wird – jedenfalls ist das nicht seine erste Absicht. Er antwortet vielmehr: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ (Joh 14,6) Das heißt, er wirft seine ganze Person in die Waagschale. Nicht irgendeine Lehre führt hin zum Vater, sondern Jesus selbst, Jesus in Person. Christliches Leben ist nicht in erster Linie ein Leben, das sich an einer bestimmten Lehre ausrichtet, es bedeutet vielmehr: mit Jesus Christus auf dem Weg sein.

Das schließt ein, was Jesus an anderer Stelle ausführt: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,20) Jesus bleibt in seiner Kirche gegenwärtig, er bleibt bei uns, gerade dann, wenn es Abend, wenn es dunkel wird. Er geht nicht weg, sondern er kommt wieder, um die Seinen zu sich zu holen, damit auch sie dort sind, wo er jetzt ist. – Wenn wir das hören, denken wir vielleicht zuerst an das Leben nach dem Tod: Jesus holt die Verstorbenen zu sich in die himmlischen Wohnungen. Das ist sicher richtig und ein großer Trost für alle, die um einen lieben Verstorbenen trauern oder die Angst vor dem eigenen Tod haben. – Aber Jesus meint auch, dass er die Seinen auch schon im irdischen Leben nicht allein lässt. Wir müssen nicht erst sterben, um Jesus zu begegnen. Nein! Schon in diesem Leben ist Jesus bei uns, er schenkt uns seine Gemeinschaft – und zwar zuerst und vor allem in der Eucharistie, im Brot, das lebt und Leben spendet.

Gestern habe ich mit einer Frau gesprochen, die das nicht glauben kann und die insofern dem Apostel Thomas ähnlich ist, der auch immer zuerst sagt: „Wie soll das möglich sein? Das kann doch gar nicht sein! Das glaube ich nicht.“ – „Das ist doch nur Brot! Wie kann das der Leib Jesu sein?“ – Darauf habe ich geantwortet: Sehen Sie hier meine Hand. Sie könnten auch sagen: »Das ist doch nur Fleisch, das ist nur Physik und Chemie. Wie können Sie sagen, das sei Ihre Hand?« Aber das sagen Sie nicht, denn dieses Geheimnis macht Ihnen keine Schwierigkeit, dass ein Stück Materie zugleich die Erscheinungsform einer Person ist. – Und doch ist die Eucharistie etwas ganz Ähnliches: Ein Stück Materie ist verwandelt und dadurch zur Erscheinungsform der Person Jesu Christi geworden. Er präsentiert sich uns Menschen in dieser Gestalt. Wo liegt da die Schwierigkeit? – In der Verwandlung? Aber bei der Auferstehung wurde doch auch Materie verwandelt: der Leichnam Jesu nämlich wurde auferweckt und verklärt in eine himmlische Wirklichkeit, die nicht von dieser Welt ist und doch in dieser Welt erscheinen konnte. Wenn Gott ein solches Wunder möglich ist, dann muss man ihm auch zugestehen, das andere Wunder wirken zu können: die Wandlung von Brotmaterie in eine himmlische Wirklichkeit, in der uns Jesus höchstpersönlich begegnen kann, ja, in der er sich uns hingibt und schenkt.

"Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben", sagt Jesus. Seine Worte sind Licht und Wahrheit, sie künden uns den einzigen Weg zum Heil, den Weg, der Jesus selber ist, den Weg, der zum Leben führt – schon heute, jeden Tag und in Ewigkeit.

32. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2008)

Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt." Der erste Petrusbrief ermutigt uns zum Zeugnis – wenn wir gefragt werden.

Na schön, so könnten wir schlussfolgern, solange ich nicht gefragt werde, brauche ich also auch nicht Zeugnis zu geben. Geht ja auch schließlich keinen was an, was ich glaube.

Ist das wirklich so? Nach der Hoffnung gefragt, die sie erfüllt – das werden sicherlich nur diejenigen, die durch diese Hoffnungsfülle auffallen, denen man ihre Hoffnung ansieht. Etwas, von dem ich erfüllt bin, kann ich schlechterdings nicht verbergen, ohne mich zu verstecken.

Was ist denn mit dir los – bist du verliebt? So fragen wir einen Menschen, dem auf dem Gesicht geschrieben steht, was ihn umtreibt.
Was ist denn mit dir los – glaubst du an Gott? So müssten uns die Menschen fragen, denen wir begegnen, weil wir eben anders leben können als diejenigen, die keine Hoffnung haben.

Wir könnten also den Satz aus dem Petrusbrief ergänzen und sagen: Antworte jedem, der nach dem Grund der Hoffnung fragt, die dich erfüllt und lebe so, dass du nach dem Grund deiner Hoffnung gefragt wirst! Dieser Grund unserer Hoffnung, das ist Jesus Christus und seine Liebe zu uns und zu jedem Menschen.

Liebe aber kann nicht für sich bleiben. Es liegt im Wesen der Liebe, dass sie weitergeben und dass sie den Geliebten erfreuen will.
„Wenn ihr mich liebt," so sagt der Auferstandene deshalb seinen Jüngern, „werdet ihr meine Gebote halten."
Zuerst die Liebe, dann die Gebote, denn das oberste Gebot ist das der Liebe, der Liebe zu Gott und zu dem Menschen.

Und umgekehrt gilt: „Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden, und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren."
Der Vater wird uns lieben. Das ist nicht nur eine religiöse Leerformel. Das ist eine Zusage des Herrn. Liebe aber ist spürbar. Wenn wir uns auf Gott einlassen, werden wir seine Liebe spüren!

Welcher Mensch aber wünscht sich nicht, geliebt zu werden. Und was tun Menschen nicht alles, um Liebe, um Anerkennung, Angesehenwerden, Zuneigung zu erfahren.
Und wie groß ist dann nicht selten die Enttäuschung, wenn das, was man unter Liebe verstanden hat, sich wieder auflöst, weil Geld, Erfolg oder einfach so ein Gefühl auf neue Wege lockt, die dann nicht selten bald wieder verlassen werden.

Gottes Liebe ist da anders. Sie will uns nicht blenden, sie meint wirklich mich, sie nimmt mich vollkommen an – und was sie verlangt, das Halten der Gebote, dazu gibt sie selbst die Mittel und die Befähigung.

Es heißt nicht: Wenn ihr mich liebt, müsst ihr meine Gebote halten, sondern Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.
Wenn Sie ihre Frau oder ihren Mann wirklich lieben, müssen Sie nicht bei ihr oder ihm bleiben, sondern sie werden beieinander bleiben.
Worum wir uns also bemühen müssen, ist zuerst die Liebe. Denn die Gebote richten sich nach dem Wesen des Geliebten und des Liebenden, also nach dem Wesen Gottes.
Wenn wir in der Liebe Gottes bleiben wollen, können wir gar nicht anders als die Gebote halten, denn nur dann leben wir wirklich in Gemeinschaft mit ihm – und diese Gemeinschaft ist es letztlich, die unser Glück ist.

Das also muss man an uns Christen ablesen können. Dass wir Geliebte und Liebende sind. Und dass unser Maßstab kein Geringerer ist als Gott selbst.
Das ist ein hoher Anspruch. Es ist auch kein theoretischer, sondern ein praktischer. Aber manchmal habe ich den Eindruck, als wenn wir vorher schon abwinken und sagen: Das ist doch unmöglich, das geht doch nicht, schließlich sind wir ja nur arme kleine Sünderlein.
Jesus denkt offenbar anders von uns. Er zwingt uns nicht, Liebe zwingt nie, aber er lädt uns ein, es wenigstens zu versuchen.

Ganz konkret: Beten wir wieder. Ob morgens, abends, zum Essen, wenn wir froh oder traurig sind – halten wir Kontakt zu dem, der uns helfen will, in der Wahrheit zu leben.
Suchen wir die Nähe Jesu in den Sakramenten, vor allem in der Eucharistie am Sonntag. Bitten wir ihn ehrlich, dass er uns an die Hand nimmt und führt auf dem Weg der Hoffnung.

Und wenn wir dann gefragt werden: Was machst du eigentlich, dass du so voller Liebe leben kannst, wenn wir dann nach dem Grund unserer Hoffnung gefragt werden, dann dürfen wir uns freuen und bereitwillig Rede und Antwort stehen, damit immer mehr Menschen den Weg zurück finden zur Liebe des Vaters.

33. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2008)

Liebe Gemeinde!

(Vorbemerkung: Die nachstehende Predigt ist meine letzte Sonntagspredigt in der Pfarreiengemeinschaft Nordkirchen. Ich bedaure es sehr, nun vorerst keine Predigten mehr ins Netz einstellen zu können, waren diese doch für viele ein Stück geistliche Nahrung. – Ich wünsche allen mir über dieses Medium verbundenen Christen Gottes Segen und die Erfahrung seiner Liebe. Beten wir füreinander. – Axel Schmidt)

Liebe Gemeinde!

Eric Butterworth erzählt folgende erstaunliche Begebenheit: Ein Professor ließ seine Soziologiestudenten in die Slums von Baltimore gehen, um Fallgeschichten zu 200 Jugendlichen zu sammeln. Die Studenten wurden gebeten, eine Bewertung über die Zukunft eines jeden Jungen zu schreiben. In jedem Fall schrieben die Studenten: „Er hat keine Chance.“ 25 Jahre später stieß ein anderer Soziologieprofessor auf die frühere Studie. Er ließ seine Studenten das Projekt nachvollziehen, um zu sehen, was mit diesen Jungen passiert war. Mit Ausnahme von 20 Jungen, die weggezogen oder gestorben waren, erfuhren die Studenten, dass 176 der verbliebenen 180 einen mehr als ungewöhnlichen Erfolg als Anwälte, Doktoren und Geschäftsleute erlangt hatten. – Der Professor war überrascht und beschloss, die Angelegenheit weiter zu verfolgen. Glücklicherweise lebten alle Männer in der Nähe, und er konnte jeden einzelnen fragen: „Wie erklären Sie sich Ihren Erfolg?“ Jeder von ihnen antwortete: „Es gab eine Lehrerin.“ – Die Lehrerin war noch am Leben, also machte er sie ausfindig und fragte die alte, aber noch immer aufgeweckte Dame, welche magische Formel sie benutzt habe, um diese Jungen aus den Slums herauszureißen, hinein in erfolgreiche Leistungen. Die Augen der Lehrerin funkelten, und auf ihren Lippen erschien ein leises Lächeln: „Es ist wirklich einfach“, sagt sie. „Ich liebte diese Jungen.“

In diesem Fall war es eine einfache Lehrerin, die durch ihre tiefe, ehrliche Liebe Hunderten von jungen Menschen eine Zukunft gegeben hatte, eine Zukunft, die die Wissenschaftler ihnen von vornherein abgesprochen hatten. Daraus ziehe ich den Schluss: Güte und Liebe sind in der heutigen Zeit nicht weniger möglich und nötig wie zu allen anderen Zeiten. Vielleicht denken Sie, diese Lehrerin hatte einfach eine außerordentliche Kraft, die ein normaler Mensch nicht besitzt. Also hat mir die Geschichte nichts zu sagen. So reden und denken Feiglinge, die sich nicht trauen, das Beispiel eines anderen Menschen an sich herankommen zu lassen. So denken die Geizigen, die ihre Talente für sich behalten wollen. Aber die Liebe hat eine eigenartige Struktur: Anders als beim Geld, das, einmal ausgegeben, anschließend verschwunden ist, gilt für die Liebe: Wer Liebe ausgibt, hat nachher mehr Liebe und irgendwann eine derartig große Kraft zum Lieben, dass er Ähnliches bewirken kann wie diese Lehrerin.

Man muss nur damit anfangen. Mit einem schlichten Vorsatz für den heutigen Tag und die Woche: Von heute an will ich die Menschen, die mir begegnen, so ansehen, dass ich etwas finden kann, was sie mir liebenswert macht! Ich will nicht aufhören, danach zu suchen, und dann will ich dieser als liebenswert erkannten Person meine Gegenliebe entgegenbringen, mein freundliches Lächeln, mein aufmunterndes Wort, meinen Dank für ihre Gegenwart.

Mutter Teresa drückt es so aus:

„Verbreite Liebe, wo immer du hingehst: zuerst in deinem eigenen Haus. Gib deinen Kindern Liebe, deiner Frau oder deinem Mann, deinem Nachbarn von gegenüber... Lass nie jemanden zu dir kommen, ohne ihn besser und glücklicher wieder gehen zu lassen. Sei der lebendige Ausdruck von Gottes Güte; Güte in deinem Gesicht, Güte in deinen Augen, Güte in deinem Lächeln, Güte in deinem warmen Gruß.“

Vgl. Jack Clanfield – Marc Victor Hansen: Hühnersuppe für die Seele. Geschichten, die das Herz erwärmen. Augsburg: Bechtermünz, 2002.

34. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2008)

Im Evangelium hören wir Johannes den Täufer, der Jesus aller Welt vorstellt und dabei ausruft:
„Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt!“

Das Lamm ist in der Bibel - genauso wie in einigen Kulturen - das Symbol der Unschuld, denn es fügt keinem ein Leid zu; Leid kann ihm nur angetan werden. In Fortführung dieser Symbolik wird Christus im ersten Petrusbrief „das Lamm ohne Fehl und Makel“ genannt: Es „wurde geschmäht, schmähte aber nicht; (es) litt, drohte aber nicht.“ Jesus ist mit anderen Worten der Unschuldige schlechthin; der Unschuldige, der leidet.

Es ist gesagt worden, dass der Schmerz der Unschuldigen „der Fels des Atheismus“ sei. Nach Auschwitz stellte sich dieses Problem in noch schärferer Weise: Die Bücher und Dramen, die zu diesem Thema geschrieben wurden, sind unzählbar.
Eine Theologie nach Auschwitz musste sogar herhalten.
Man scheint in einem Prozess zu sein und die Stimme des Richters zu vernehmen, der dem Angeklagten befiehlt aufzustehen. Der Angeklagte ist in diesem Fall Gott beziehungsweise der Glaube.

Was kann der Glaube auf all dies antworten?
Es ist vor allem notwendig, dass wir alle, Gläubige und Nichtgläubige, eine Haltung der Demut annehmen. Denn wenn der Glaube nicht imstande ist, Schmerz und Leid zu „erklären“, so ist es noch weniger die Vernunft. Die meisten Ideologien haben nicht mehr geschafft, als den anzuklagen, an den sie nicht glauben: Gott.

Das Leid der Unschuldigen ist zu rein und zu geheimnisvoll, als dass es in unsere armseligen Erklärungsversuche aufgenommen werden dürfte. Jesus selbst, der sicher mehr erklären konnte als unsereins, wusste angesichts des großen Schmerzes der Witwe von Naim und der Schwestern des Lazarus nichts Besseres zu tun als zu weinen.

Schwestern und Brüder,
die christliche Antwort auf das Problem des Leidens der Unschuldigen liegt in einem Namen: Jesus Christus!
Jesus ist nicht gekommen, um uns gelehrte Erklärungen zum Schmerz zu geben, sondern er ist gekommen, um ihn still auf sich zu nehmen. Und indem er ihn auf sich genommen hat, hat er ihn von innen her verwandelt: Aus einem Zeichen der Verfluchung hat er aus ihm ein Instrument der Erlösung gemacht. Ja, mehr noch: Er hat den Schmerz zum Wertvollsten gemacht, zum Größten dieser Welt!

Und damit hat er die Maßstäbe dieser Welt verrückt. Nicht die Starken und Mächtigen, sind stark und mächtig.
Es wäre beruhigend und normal, einen starken Gott zu haben. Einen Löwen, der sich für uns einsetzt und alle zum Schweigen bringt, die uns Böses wollen. Einen Gott, der unsere Schwachheit durch seine Stärke ausgleicht, zu dem wir aufschauen können. Ein Supermann wie im Comicheft, wie bei der Scientology-Sekte.
Nur: Wir haben nicht einen solchen Gott. Von unserem Gott heißt es im heutigen Evangelium: Seht, das Lamm. Das schwache, absolut friedliche Lamm ist das Wappentier Gottes. Der Löwe, der brüllend umher geht, ist in der Bibel nämlich das Bild des Bösen.
Unser Gott ist deshalb aber kein Schwächling. Es ist schließlich die höchste Macht Gottes, dass er lieben kann. Und keine Liebe weigert sich, für den Geliebten zu leiden. Das Lamm zeigt an, dass Gott, der Schöpfer, damit einverstanden ist, das erste Opfer seiner Schöpfung zu werden.

Jesus aber hat nicht nur dem unschuldigen Leid Sinn verliehen; er hat ihm auch neue Macht verliehen, eine geheimnisvolle Fruchtbarkeit. Schauen wir doch, was aus dem Leiden Christi erwachsen ist: die Auferstehung und die Hoffnung für das ganze Menschengeschlecht!

Richten wir unseren Blick aber auch auf das, was um uns herum geschieht. Wie viele Energien und heldenhafte Haltungen werden z. B. dank der Annahme eines behinderten Kindes, das für Jahre ans Bett gefesselt ist, bei Eheleuten freigesetzt! Wieviel unerwartete Solidarität zeigt sich in ihrem Umfeld! Wieviel Fähigkeit zu lieben, die andernfalls unerkannt geblieben wäre!

Das Wichtigste aber, wenn man vom Leid unschuldiger Menschen spricht, ist nicht, es zu erklären.
Das Wichtigste ist,
es nicht durch unsere Taten und Unterlassungen zu vergrößern.

Und damit, dieses Leid nicht anwachsen zu lassen, ist es noch lange nicht getan. Man muss auch versuchen, das vorhandene Leid zu lindern! Angesichts eines kleinen Mädchen, das vor Kälte zitterte und vor Hunger weinte, rief ein Mann eines Tages in seinem Herzen zu Gott: „O Gott, wo bist du? Warum tust nichts für dieses unschuldige Kind?“ Und Gott antwortete ihm: „Gewiss habe ich etwas für es getan: Ich habe dich geschaffen!“

35. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2008)

Liebe Gemeinde!

In jeder heiligen Messe ruft der Priester vor der Kommunion: „Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt!“ Dieses Wort ist für uns schon zu einer festen Formel geworden, auf die wir ganz automatisch antworten: „Herr, ich bin nicht würdig...“ – Heute haben wir diesen Ausruf im Johannesevangelium gehört. Ursprünglich kommt er aus dem Munde Johannes’ des Täufers, um Jesus zu bezeichnen. Konnten seine Jünger damals verstehen, was er damit sagen sollte?

Die Frage ist schwer zu beantworten. Einige Theologen meinen, der Evangelist hätte diese Worte Johannes in den Mund gelegt, ähnlich wie der berühmte Maler Matthias Grünewald etwas gemalt hat, was historisch so nicht möglich gewesen ist und dennoch eine tiefe Aussage darstellt: er hat nämlich Johannes den Täufer in die Kreuzesszene hineingestellt; dort zeigt er mit einem übergroßen Finger auf den Gekreuzigten, während er sagt: „Seht das Lamm Gottes!“

Wie auch immer – ob der Täufer selbst den Satz gesprochen hat oder ob ihn erst der spätere Evangelist formuliert hat – wir werden dadurch jedenfalls hingewiesen auf die Reinheit des weißen Lammes, die im Kontrast zur dunklen Last der Sünde steht. Ein Jude wird beim Stichwort „Lamm“ an eine Stelle im Prophetenbuch Jesaja (53,4-12) gedacht haben, in dem es vom sog. Gottesknecht heißt, dass er stumm wie ein Lamm zur Schlachtbank geführt wurde, dass er die Sünde der Menschheit trägt und dass wir durchs seine Wunden geheilt sind.

Wir können aus dem Bild vom Lamm aber noch mehr lernen. Zu Weihnachten haben wir die Botschaft gehört: Der Herr der Welt – nur ein Kind. Heute erfahren wir: Der Erlöser der Welt – nur ein Lamm. Ein Bild der Schwäche – verglichen mit den kraftvollen, herrschaftlichen Wappentieren, z.B. Löwe und Adler, mit denen sich die Mächtigen dieser Erde schmücken.

Eine rabbinische Geschichte erzählt, wie Gott sich freute, als er alles sah, was er erschaffen hatte. Die Tiere zogen in langer Prozession an Gott vorüber: die einen mit Stoßzähnen ausgestattet, andere mit Krallen oder Panzern. Alle hatten ihre Waffen. Aber abseits stand ganz traurig noch ein anderes Tier. Ängstlich starrte es auf die Büffel und Nashörner, die Schlangen und Tiger, die Löwen und Krokodile: ein Lamm. Es kam sich ganz verloren vor, denn es hatte nichts, womit es sich hätte wehren können. „Warum gibst du ihnen so viele Waffen?“ fragte das Lamm den Schöpfer und fügte vorwurfsvoll hinzu: „Du weißt doch, was sie Schlimmes damit anrichten können.“ Da sagt Gott zum Lamm: „Auch dir habe ich Waffen gegeben, die ‚Waffen des Friedens’: Geduld, Demut und Hingabe.“

Das Lamm Gottes heute mit den Waffen des Friedens – steht es nicht auf verlorenem Posten in unserer Ellenbogengesellschaft? Es kann keine Zähne zeigen; das Lamm hat keine Krallen, die packen und zerreißen, keine Pranken, die zuschlagen und zerschmettern. Alles das hat es nicht – aber dafür besitzt es eine Fähigkeit, die allen menschlichen Rüstungen weit überlegen ist: Es nimmt hinweg die Sünde der Welt. Gut, dass es das Lamm Gottes gibt!

Wir sollen heute wieder neu erahnen, dass es eine ganz andere Möglichkeit gibt, unsere Konflikte zu lösen, als zugespitzte Worte, Waffen und kugelsichere Panzer. In seiner Wehrlosigkeit liegt seine Stärke.

Dieses Zeichen spricht heute mehr Menschen an, als wir vielleicht glauben. Als Papst Johannes Paul II. krank und schwach war, da gewann er eine ungeahnte neue Sympathie. Auch der jetzige Papst ist ganz auf die Überzeugungskraft seiner Worte angewiesen; er hat keine Legionen und auch sonst nur wenige äußerliche Macht- und Druckmittel. Das wurde in den letzten Tagen wieder offensichtlich, als eine Minderheit von Professoren und Studenten an der Sapienza-Universität durch ihre Proteste dafür sorgte, dass der Papst dort nicht, wie vorgesehen war, eine Rede halten konnte. Ein Skandal, dem der Papst nichts entgegenzusetzen hatte; er gab nach und sagte den Termin ab. Nun hat er seine Rede per Post an die Universität geschickt, und sie wurde dort auch öffentlich verlesen und von den Anwesenden mit Applaus bedacht. Die Worte werden auf die Dauer mehr bewirken, als politischer Druck es vermocht hätte. Dazu passt, was der Papst am Schluss seiner Rede gesagt hat:

„Die Gefahr der westlichen Welt – um nur davon zu sprechen – ist heute, dass der Mensch gerade angesichts der Größe seines Wissens und Könnens vor der Wahrheitsfrage kapituliert. Und das bedeutet zugleich, dass die Vernunft sich dann letztlich dem Druck der Interessen und der Frage der Nützlichkeit beugt, …“

Der Druck der Interessen hatte den Papst aus der Universität vertrieben und mit ihm den Mahner der Wahrheitssuche. Aber nicht größerer Druck wird die Wahrheit des Evangeliums befördern, sondern die Tugenden des Lammes: Geduld, Demut und Hingabe. Das gilt im großen und im kleinen.

36. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2008)

Ich möchte heute ein paar erläuternde Worte zur Lesung sagen. In der Gemeinde von Korinth berufen sich einzelne Personen und Gruppen auf Autoritäten, die zueinander in Widerspruch stehen. Im Glauben und Leben der Gemeinde ist eine Spaltung entstanden. Paulus ist davon zuhöchst beunruhigt und greift mit seinem Brief in das gespannte Geschehen ein.

Einige Mitglieder der Gemeinde berufen sich auf einen gewissen Apollos. Dieser war wohl ein gebildeter Mann aus Alexandria (vgl. Apg 18,24ff), der vor allem auf die eigene Einsicht baute und der als Nachfolger des Paulus eine Zeit lang die Gemeinde geleitet hatte. Dem stand Kephas gegenüber, vermutlich ist Petrus gemeint. Auf ihn beriefen sich diejenigen Kreise, die man heute in die fundamentalistische Ecke rücken würde. Drittens gab es eine Gruppe, die sich auf Paulus berief, nicht zuletzt natürlich, weil er ja die Gemeinde gegründet hatte.

Paulus lehnt jedoch jeden Personenkult ab. Er weiß, dass es in der Natur des Menschen liegt, Cliquen zu bilden und sich von anderen abzugrenzen. Darum spielt er auch nicht die einen gegen die anderen aus, wie es unerleuchtete Seelsorger tun, die sich selber so sehr in den Mittelpunkt stellen, dass es ihnen egal ist, wenn sich ganze Gruppen der Gemeinde abwenden – Hauptsache, sie bekommen von anderer Seite genügend Beifall! Vielmehr baut Paulus ganz auf die Kraft der Gnade, die wiederum aus der Verkündigung des Kreuzes Christi erwächst. Der innerste Kern des Glaubens ist das Kreuz Jesu Christi, und dieser Kern schmiedet die Gläubigen zusammen. Denn Jesus Christus war es, der für alle das Kreuz getragen hat – das kann man weder von Paulus noch von Apollo oder Petrus sagen.

Die Gemeinde lebt nicht vom persönlichen Charme eines Verkünders oder von seinen intellektuellen Vorzügen oder von sonst einer Eigenschaft, die ihn auszeichnet. Sie lebt ganz und gar aus der Kraft der Gnade, die Christus uns durch sein Kreuz erworben hat. Man kann nicht leugnen, dass die unterschiedlichen Charaktere der Seelsorger die Gläubigen in ganz unterschiedlicher Weise ansprechen oder eben auch abstoßen. Was dem einen gefällt, findet der andere unmöglich. Was dem einen hilft, ist für den anderen unverständlich oder verzichtbar. – Das ist nicht zu ändern, ist vielleicht auch gar nicht so schlimm, wenn wir uns nur darauf besinnen, was Kirche eigentlich ist: die im Herrn versammelte Gemeinschaft der Glaubenden. Denn dann könnten wir besser verstehen, dass die unterschiedlichen Charakter in der Kirche ein Reichtum sind und kein Übel.

In diesem Sinne sei uns die Mahnung des Apostels ein Ansporn: „Im Namen Jesu Christi, unseres Herrn: Seid alle einmütig, und duldet keine Spaltungen unter euch; seid ganz eines Sinnes und einer Meinung.“ (1 Kor 1,10)

37. Predigtvorschlag

von Manfred Stücker (erstellt: 2008)

Was ist eigentlich wichtig?
Unsere Zeitungen und Nachrichten sind voll von Antworten auf diese Frage. Die einen sagen: Wichtig ist der soziale Friede. Rentner und arbeitende Menschen, die die Wirtschaft stützen, sie sollen in Frieden miteinander leben können. – Familien müssen ein Auskommen haben, damit Kinder nicht ein Armutsrisiko werden. Andere sagen: Die Verteilung der Rohstoffe ist das große Thema der Zukunft. Das Öl für Autos und Maschinen, vor allem auch das saubere Wasser – wie das und manches mehr allen Menschen zur Verfügung steht, das wird das große Thema sein. Noch wieder andere sagen: Das Klima und der Schutz der Natur und ihres Reichtums muß unser erstes Anliegen sein. Wir sind doch Teil der Natur, und wenn es dieser Erde, ihrem Klima und den Arten im Tier- und Pflanzenreich schlecht geht, dann geht es uns allen schlecht. Und so geht es weiter, und auch in der Kirche gibt es die gleiche Frage und die Auseinandersetzung darum: Was ist wichtig? Was kommt zuerst? Was können wir dazu sagen? Welche Antwort können wir geben?

Ich möchte behaupten: Die Antwort, die wir geben sollten, die brauchen wir uns gar nicht mehr zu überlegen. Darüber müssen wir gar nicht noch lange nachdenken. Die Antwort, die geben wir jetzt. In diesem Moment. Indem wir uns versammelt haben zum Lob Gottes, zum Gottesdienst, zur Feier des Sonntags. Damit verwirklichen wir das Wort Jesu aus der Bergpredigt, wo er sagt: „Euch aber muß es zuerst um das Reich Gottes und um seine Gerechtigkeit gehen“ (vgl. Mt 6,33).

Dieses „aber“ – „Euch aber“, es läßt uns aufmerken. Viele Probleme und Fragen gibt es in der Welt und in der Kirche. Diese Dinge sind alle wichtig. Oder wollte einer meinen, die Natur, die Schöpfung, in der wir leben, wäre unwichtig und wir brauchten uns darum nicht zu kümmern? – Nein, auch das ist wichtig, sehr wichtig sogar.
Christen kennen hier freilich das „aber“. Dieses „aber“ bezeichnet das Vorrangige. Jesus nennt es das „Reich Gottes und seine Gerechtigkeit“. In der Bergpredigt und im Matthäusevangelium kommen diese Worte immer wieder vor. Letztlich wird hier auf das erste Gebot Gottes Bezug genommen. Dort heißt es: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“ (Ex 20,3; Dtn 5,7).

In diesem Gebot kommt zur Sprache, was Israel erfahren hat: Wenn das Volk sich wirklich Gott zugewandt hat, wenn es bereit war, ihn zu hören und seinen Weisungen zu folgen, dann war es gut. Dann lebte das Volk im äußeren und inneren Frieden. Dann hatte es vor Gott und vor den anderen Völkern einen Namen, der groß war.
Wenn Israel aber eigene Wege ging und begann, Gott und seine Weisungen zu vergessen, wenn jeder anfing, nur an sich selbst und seinen eigenen Vorteil zu denken – dann waren damit Abstieg und Verfall vorprogrammiert.
Die Propheten mahnten darum immer wieder zur Umkehr und warnten die Menschen und stellten ihnen die Folgen vor Augen – leider meistens erfolglos.
Auch in unserer kirchlichen Situation brauchen wir neuen Mut, uns neu zur Mitte hinzuwenden. Wenn Kirchen und Kindergärten geschlossen werden, wenn gespart werden muß und die Prognosen uns sagen, daß wir in der Kirche Zeiten entgegengehen, in denen vieles neu überlegt werden muß, dann können wir uns dieser Frage nicht verschließen: Was ist eigentlich wichtig? Worauf kommt es an?

Der neue Bischof von Limburg, Franz-Peter Tebartz-van Elst, hat einen Hirtenbrief zu Pfingsten verfaßt, in dem es um genau diese Frage geht. Seine Gedanken sind sehr bedenkenswert, nicht nur für Limburg, sondern auch für uns. Ich habe deshalb dem Vorstand des Pfarrgemeinderates empfohlen, daß wir gemeinsam diesen Brief lesen und uns fragen, was das für uns bedeuten kann.
Wir haben auch in unserer Kirche viele Fragen und Probleme. Die müssen angegangen und besprochen werden. Und es müssen Lösungen gefunden werden. Aber alles läuft ins Leere und hängt in der Luft, wenn wir nicht wissen, woher unser Glaube lebt und wohin er uns führt.
Bevor Programme entwickelt und Projekte ins Leben gerufen werden, müssen wir uns vergewissern, wer wir als Kirche sind und was wir glauben, wenn wir uns zum dreifaltigen Gott, zum Vater, zum Sohn, und zum Heiligen Geist, bekennen.
Bevor wir uns über Gottesdienstzeiten und über Veranstaltungen unterhalten und wo was stattfinden soll, müssen wir uns vergegenwärtigen, was im Gottesdienst überhaupt geschieht und wer es da ist, der uns ruft und zusammenbringt.

Unser Glaube hat eine Mitte und ein Gesicht: Jesus Christus. Und unser Kirchesein lebt ganz Wesentlich von dem Glauben, daß Er, Christus, auferstanden ist und lebt. Unser Glaube ist österlicher Glaube. Und der zeigt sich am tiefsten und dichtesten in der österlichen Versammlung, in der Eucharistie am Sonntag. Hier haben wir die Mitte, hier haben wir den Ausgangs- und Zielpunkt.
Die heilige Messe ist nicht eine „Veranstaltung“ in einer Reihe neben anderen. Dann wäre alles gleich gültig, und damit würde letztlich alles gleichgültig. Dann verliert alles seinen Wert, wenn es nicht mehr die Mitte gibt.
Wenn wir uns kümmern um diese Mitte, wenn wir uns rufen lassen zur österlichen Versammlung um den Altar, wenn wir einstimmen in das Lob Gottes, dann haben wir sicher schon ein gutes Stück von dem verstanden, was Jesus meint, wenn er sagt: „Euch aber muß es zuerst um das Reich Gottes und um seine Gerechtigkeit gehen“ (vgl. Mt 6,33).

38. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2008)

„Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt.“ Die schweren Lasten – sie begleiten unser Leben. Mal sind es mehr, mal weniger. Die alten und kranken Menschen können ein Lied davon singen, aber auch die Berufstätigen an den immer stressiger werdenden Arbeitsplätzen.

„Ich werde euch Ruhe verschaffen“, sagt Jesus. Was meint er damit? Wie macht er das? Ich nenne vorerst nur einen Aspekt, den ich selbst schon oft erfahren habe. Oft ist es mir schon vorgekommen, daß ich abends kurz vor der Messe total erschöpft war, am Ende meiner Kraft und voller Bitterkeit, daß ich noch lange keine Ruhe finden werde, weil es nach der Messe gleich mit irgendeinem Termin weitergeht. An solchen Tagen kommt es mir so vor, als könnte ich nicht einmal mehr die Messe andächtig feiern. Und dann – wenige Minuten nach Beginn der Eucharistie – fällt alles von mir ab und ich spüre eine aus den Tiefen heraufsteigende Erquickung, eine ungeahnte Kraft, so daß ich mich nach einer halben Stunde ganz erfrischt fühle. Ich habe das schon oft erlebt, es ist nicht gelogen und nicht übertrieben. Es ist jedes Mal wie ein Wunder – eine echte Bestätigung des Wortes Jesu: „Ich werde euch Ruhe verschaffen“. Hierin liegt auch einer der Gründe, warum ich die Feier der Messe niemals als Arbeit bezeichnen oder selbst so ansehen würde. Wenn ein Priester die Messe als Arbeit betrachtet und sie so behandelt wie andere Termine auch, dann stimmt etwas nicht mit seinem Berufsverständnis.

Gott sei Dank gibt es hier in St. Johannes eine Reihe von Gläubigen, die gern zur Werktagsmesse kommen und dort Erquickung von der Ruhelosigkeit ihres Alltags suchen. Jeder, der die Messe andächtig mitfeiert, hilft mir und den anderen, im Gottesdienst wirklich zu Gott zu finden und von ihm Kraft zu beziehen.

Natürlich verschafft Jesus Ruhe nicht allein durch die Feier der Eucharistie, auch wenn es dort in einer besonders dichten Weise spürbar wird. Jesus ist ja unser Freund und hat unser Bestes im Blick, so daß jede echte Begegnung mit ihm den Charakter der Erquickung trägt, so wie uns ja auch jede Begegnung mit einem lieben Menschen bereichert und erfreut. Nicht daß er uns die Lasten, die wir oft so schmerzlich spüren, abnimmt. Aber er hilft uns, sie besser tragen zu können, er trägt sie gleichsam mit uns und hat unglaublich viel Verständnis mit uns, wenn wir uns trostlos fühlen und die Last am liebsten abwerfen würden. So sagt er: „Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht, und meine Last ist leicht.“ Das Joch, von dem er spricht, ist die Art zu leben, die er uns selbst vorgelebt hat, ist die freie Hingabe an den anderen Menschen. Die Dinge werden leichter, wenn sie mit Sinn erfüllt sind, die Pflichten drücken weniger, wenn wir beginnen, sie gern zu tun.

Von Jesus können wir etwas lernen, was wirkliche Lebenshilfe ist, so daß wir Ruhe finden für unsere unbehauste Seele. Ich kann dies jetzt nicht umfassend ausführen, nur einige Streiflichter werfen. Ein wichtiger Punkt ist, daß Jesus immer bereit ist, unsere Klagen anzuhören und Verständnis zu zeigen, auch dann, wenn alle anderen Menschen ihr Mitgefühl bereits zurückgezogen haben. Jesus wird nie sagen, er habe selbst schon Sorgen genug, er habe keine Zeit für uns oder Wichtigeres zu tun. Seit 2000 Jahren wartet er im Tabernakel auf uns – kann es einen deutlicheren Ausdruck für seine Güte, Milde und Geduld geben?

Ein zweites: Jesus macht uns Mut, das, was wir ändern können, auch wirklich zu ändern, während er uns andererseits Gelassenheit gibt, das Unabänderliche zu ertragen. Wie oft jammern wir zwar über dies und das, rühren aber keinen Finger, um es zu ändern!
Ich gebe nur ein Beispiel: die vielen Einladungen und gesellschaftlichen Anlässe, die uns angetragen werden und die doch aufgrund ihrer ins Unermeßliche angestiegenen Häufigkeit mehr Streß als Freude bereiten. Ich höre sehr oft Menschen darüber klagen, es kommt mir aber so gut wie nie zu Ohren, daß irgend jemand sein Verhalten ändert und die Feiern auf die Hälfte reduziert. Es fehlt an Mut. Wer sich zuerst und vor allem an Jesus hält, wird spüren, wie ihm Mut zuwächst, wird es leichter finden, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und sich Freiräume zu schaffen. Das Joch Jesu drückt nicht, und seine Last ist leicht.

Einen dritten Gedanken hat der hl. Franz von Sales in seinem Büchlein Philothea geäußert. Gott, so sagt er, hat uns von Ewigkeit her genau das Kreuz zugemessen, das wir tragen können. Er hat es uns angemessen, zugeschnitten, unseren Verhältnissen angepaßt. So ist unser Kreuz nicht zu schwer. Gott, der uns von Ewigkeit her kennt und liebt, hat es uns zugemutet. Der Wille Gottes paßt genau zu uns, weil er ganz persönlich um unser ganzes Leben weiß. Denn Gottes Liebe ist nicht nur eine allgemeine Liebe zum Menschengeschlecht insgesamt, sondern auf jeden ganz persönlich ausgerichtet. Sie berücksichtigt meine konkrete Lebenssituation und bezieht meine Vergangenheit und meine Zukunft mit ein. Auch in diesem Sinne ist das Joch Jesu nicht drückend und seine Last vergleichsweise leicht.

Das Leben wird leichter, wenn wir Jesus daran teilnehmen lassen. Nur scheinbar gewinnen wir, wenn wir die Religion, die Bindung an Gott, abstreifen. Die Welt, die uns von Gott fernhalten will, verspricht uns Freiheit, hält aber nicht Wort. Das Joch Christi dagegen macht frei, weil es uns für die Liebe zurüstet und ungeahnte Freude mit sich bringt.

39. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2008)

Schwestern und Brüder!

Schick doch die Menschen weg...
Wir können dieses Wort der Jünger verstehen. Da sind 5000 Männer – Frauen und Kinder nicht eingeschlossen. Sie sind Jesus gefolgt, wollen ihn hören, hängen an seinen Lippen. Sie sind so fasziniert, daß sie darüber die Zeit vergessen.
Und die Jünger sitzen vermutlich nahe beim Herrn. Und irgendwie sonnen sie sich im Glanze Jesu: „Er kommt an. Und wir gehören zu ihm.“ denken sie sogar etwas stolz.
Aber nun droht Ungemach. Die Stimmung könnte bald kippen, wenn auf einmal Hungergefühle bei den Menschen aufkommen. Es ist schließlich schon spät. Die Sache ist nicht so ganz geheuer:
„Am besten wir werden die Leute los. Das wird Jesus verstehen. Wir können uns doch nicht um die alle da kümmern...“

Und so sagen sie es Jesus: Schick doch die Menschen weg...
Das klingt vernünftig in unseren Ohren.
Und umso unverständlicher ist die Antwort: Gebt ihr ihnen zu essen!
„Ja, spinnt der denn? Ist Jesus jetzt völlig übergeschnappt? Leidet Jesus unter Realitätsverlust?“ mag der eine oder andere der Jünger gedacht haben.

In ihrer Fassungslosigkeit ringen die Jünger nach Worten, um Jesus den Ernst der Lage zu verdeutlichen:
Wir haben nur fünf Brote und zwei Fische bei uns. Das reicht kaum für die Zwölf. Erst recht nicht für über 5000 Menschen.

Doch Jesus fordert die paar Brote und Fische ein: Bringt sie her!
Und ein großes Wunder geschieht. Etwas, was noch niemals geschehen ist. Etwas Unvorstellbares: ...und alle aßen und wurden satt. Mehr noch, es blieben sogar zwölf Körbe übrig. Wenn Gott gibt, schenkt er im Übermaß.

Schwestern und Brüder!
Das Evangelium des heutigen Sonntags beschreibt nicht nur ein großes Wunder Jesu, das seine Göttlichkeit bezeugt.
Das Evangelium beinhaltet auch eine große Lehre für uns, die uns Mut machen will.

Das Wunder Jesu war nur möglich, weil die Jünger das wenige, was sie hatten, ihm gegeben haben. In seinen Händen wurde es verwandelt. Ohne die Gabe – eine eher beschämend kleine Gabe – hätte der Herr die 5000 nicht gespeist.

Am Ende seines irdischen Wirkens, kurz vor der Himmelfahrt, gibt Jesus seinen Jüngern den Auftrag: Geht hinaus in alle Welt und macht alle zu meinen Jüngern!
Dieser Auftrag ist noch größer und verrückter als das Gebt ihr ihnen zu essen!
Aber die Jünger haben diesen Auftrag angenommen, trotz der eigentlichen Aussichtslosigkeit. Aber spätestens seit der Speisung der 5000 und der Auferstehung Jesu wußten sie: wenn wir das einsetzen, was wir haben und es IHM in die Hände geben, dann geschieht Großes und Unvorstellbares. Für mich ist es ein Wunder, daß diese Zwölf der Ursprung der Verkündigung sind und diese bis heute fortdauert, auf allen Kontinenten in den entlegensten Orten.

Der Auftrag der Mission trifft auch uns heute. Wir alle, die wir hier sitzen, wissen, daß es viele um uns herum gibt, die mit Glaube und Kirche eigentlich nichts mehr am Hut haben. Sie hungern letztlich nach Sinn und Heil.

Gebt ihr ihnen zu essen! – so lautet der Ruf Jesus auch heute an uns. Erzählt ihnen von Gott, führt sie wieder zum Glauben, macht die Müden wieder wach und gebt den Mutlosen neue Hoffnung.

Schick doch die Menschen weg... ist häufig unsere Haltung. „Sei doch froh, daß ich hier in der Kirche sind. Das ist doch schon was. Die anderen sind viel zu viele, an die komme ich nicht dran, mir fehlen sowieso die Voraussetzungen, die anderen zu überzeugen. Ich habe schließlich keine Theologie studiert. Reden kann ich auch nicht. Es hat doch keinen Zweck.“

Sicher, es wird wenige große Missionare unter uns geben. Aber jede und jeder von uns kann seinen kleinen Teil tun, sein Brot, seinen Fisch beisteuern und Jesus in die Hand geben.
Es geht nicht darum große pastorale Pläne zu entwerfen, sondern vielleicht einmal jemanden anzusprechen; ihm zu sagen, daß wir für ihn beten; einladen, mal mitzukommen. Oder einfach nur darum beten – im Stillen und beständig – daß der eine oder die andere den Weg zum Glauben und in die Kirche finden möge.

Das klingt wenig. Aber tun wir es wirklich? Legen wir so unsere kleinen Gaben in die Hände Jesu? Er ist es, der das Wunder tun wird. Nicht wir.
Aber er vertraut auf unsere Mitarbeit. Wir müssen ihm nur unsere Initiativen, Gebete und guten Werke schenken. Und er wird den Hunger nach Sinn, Liebe und Glauben in vielen Menschen stillen können.

Wir haben nur fünf Brote und zwei Fische bei uns.
Bringt sie her!
und alle aßen und wurden satt
Amen.

40. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2008)

Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt die ist schön – heißt es in einem Lied.
Liebe Schwestern und Brüder,
die Jünger im Evangelium, haben zumindest eine sehr bewegte Seefahrt, ob sie so schön war? Immer hin gerieten sie in Seenot

Wir haben da aber nicht nur einen Fall von Seenot (Seenot mit Doppel-e), sondern es ist auch ein Fall von Seh-Not (Seh-Not mit h).
Denn um das richtige Sehen geht es hier auch. Und um die Konsequenzen daraus. - Als die Jünger so jämmerlich schreien, weil sie annehmen, da komme ein Gespenst auf sie zu, nähert sich Jesus auf dem See gehend. Doch ganz offensichtlich sehen sie ihn nicht richtig vor lauter Schreckensbildern in ihren Köpfen, vor lauter Sorgen in dem Sturm. Jesus ergreift die Initiative und redet ihnen ruhig zu: „Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!“

Wie reagieren die Jünger, die im Boot hocken und Todesangst haben, auf die Worte Jesu? Atmen sie einmal ganz tief durch und brechen dann in Jubel aus? Staunen sie, dass alle Macht von Wind und Wetter Jesus nichts anhaben kann?
Nein, so ist es nicht. Sie sehen, und sie sehen doch nicht. Sie kriegen ihren Kopf nicht frei. Die düsteren Gedanken lassen keinen klaren Blick zu.
Das kommt uns auch sehr bekannt vor. Der Ruf Jesu, Vertrauen in ihn zu haben, prallt an Verängstigten einfach ab. Ja, die Jünger und wir heute, wir fürchten uns in den schlimmen Stürmen, die so plötzlich über uns hereinbrechen in unserem persönlichen Leben!
Auch über die Kirche. Wohin soll das alles noch führen, dieser Abschwung.

Einer jedoch tanzt aus der Reihe. Petrus hört und sieht den Herrn wie alle anderen. Er hat auch Angst wie alle anderen. Aber als einziger überwindet er seine Angst. Das zeichnet Petrus aus. Im richtigen Moment erfasst er die Lage. Er nimmt allen Mut zusammen und ant-
wortet: „Herr, wenn du es bist, so befiehl, daß ich auf dem Wasser zu dir komme.“
Es heißt im Originaltext sogar nicht „wenn du es bist“, sondern „da du es bist“. Petrus hat ihn also erkannt. Als einziger. Gleich wird er wieder etwas übermütig, wie wir das von ihm schon kennen.

Alle Achtung! Petrus traut sich was. Er dürfte als Fischer ja am besten wissen, dass Wasser keine Balken hat. Er wird auch schon öfter bei ungeschickten Manövern im kalten Wasser gelandet sein. - Petrus traut sich was. Er setzt ein Signal: Ja, ich habe verstanden, Herr, dass ich dir absolut vertrauen kann. Wenn du das willst, kann ich sogar wie du über das Wasser gehen. Ich tue es aber nur, wenn du es mir befiehlst!
Sprich nur ein Wort! - So wird Petrus zum Aussteiger.
Jesus hat wirklich nur ein einziges Wort gesagt, und das heißt: „Komm!“
Was für ein schönes Zeugnis gläubigen Vertrauens!
Bei dieser Übung im Sturm riskiert Petrus immerhin sein Leben. Die anderen dagegen sitzen stumm und starr im Boot. Wir wissen nicht, was gerade genau in ihren Köpfen vorgeht, aber solch ein Vertrauen haben sie jedenfalls nicht. Ja, sie sehen und sehen doch nicht!
Petrus dagegen verlässt sich mit seiner ganzen Existenz darauf, dass das Wort Jesu ihn tragen kann. Bei ihm jedenfalls hat das Brotwunder an den 5000 seinen Glauben gestärkt. Davon haben wir am letzten Sonntag gehört.

Petrus richtet seinen Blick fest auf Jesus. An ihm orientiert er sich. Jesus ist sein Ziel. So klettert Petrus über den Bootsrand und geht los. Ganz schön verrückt, oder?
Jesus hat schon gewusst, warum er Petrus zum Felsen machte, auf den er seine Kirche bauen wollte. Petrus sieht jetzt nicht den Sturm und die Probleme, sondern er sieht den Herrn. Das gibt ihm Kraft.

Petrus ist schon ganz in der Nähe Jesu und hat es fast geschafft, da bekommt er Angst vor der eigenen Courage. Plötzlich wendet er seinen Blick für einen Moment von Jesus ab und sieht die aufgepeitschten Wellen. Mit einem Schlag wird ihm bewusst, wir riskant sein Manöver ist. Es kommt, wie es kommen musste: Petrus beginnt unterzugehen.

Die Bibel beschönigt das nicht. Menschliches Versagen ist nicht nur ein Thema in den Nachrichtensendungen, sondern auch in der Bibel. Petrus soll hier nicht lächerlich gemacht werden, und die Sitzenbleiber im Boot auch nicht. Die Bibel sagt: Ja, genau so sind wir Menschen!

Irgendwie tut Petrus uns sogar leid. Fast hätte er es geschafft. Und nun diese Blamage vor seinen Leuten! So lange er nur Augen für Jesus hatte, war alles gut. Petrus hat sein Ziel kurz aus den Augen verloren, doch er hat dazugelernt. In seiner Not ruft er nicht etwa seine Kollegen um Hilfe. Petrus, der für eine Sekunde schwach geworden ist, erinnert sich an sein Ziel und ruft: “Herr, rette mich!“

Jesus packt sofort beherzt zu. Er „ergriff ihn“, heißt es. In Sekundenbruchteilen ist Petrus gerettet. Jesus hält Petrus keine Strafpredigt. Erst greift er ihm im wahrsten Sinne des Wortes unter die Arme, und dann bestätigt er Petrus nur, dass es sein mangelnder Glaube war, der ihn beinahe versinken ließ. „Du Kleingläubiger“ - so nennt ihn Jesus in diesem Moment. Wenn der Glaube das Leben tragen soll, dann darf er nicht klein sein. Kleingläubigkeit, also Glaube auf kleiner Flamme, das ist weder Fisch noch Fleisch, weder hü noch hott.

Petrus erfährt hier ganz handfest: den Glauben gibt es nur in der großen Portion, nicht als Appetithäppchen für zwischendurch.
Wie sagt der Volksmund so treffend: Wer A sagt, der muss auch B sagen.
Also: Wer etwas beginnt, der muss es auch zu Ende bringen, wenn er Erfolg haben will. Sonst kann er es gleich bleiben lassen. Für den Glaubensweg des Petrus und für unseren gilt das allerdings auch. Also bitte nicht kurz vor dem Ziel aufgeben!

Ja, der vollmundige Petrus hat für einen Moment versagt. Es ist, wie wenn er bei einem großen Sprung gestürzt wäre. Aber dieses Hinfallen, dieses Versinken hindert Petrus nicht, sich schnell wieder zu besinnen.
Daran erinnert auch eine bekannte Redewendung: Hinfallen ist keine Schande, aber liegen bleiben!
Petrus bleibt nicht liegen. Er rappelt sich sofort wieder auf. Sein Hinfallen war eine Folge seines mutigen Einsatzes; daher belächelt oder verspottet ihn auch niemand wegen seines Reinfalls. Er ist der einzige, der mutig genug war, alles auf eine Karte zu setzen. Jetzt ist er auch mutig genug, seine Hilflosigkeit zuzugeben, indem er schreiend bittet: „Herr, rette mich!“

Jesus bringt Petrus sofort ins sichere Boot, und dann lässt auch schon das Unwetter nach. Die Gefahr ist vorüber. Jesus ist da, wenn es darauf ankommt, und die bedrohlichen Mächte sind verstummt. Petrus ist um eine handfeste Erfahrung reicher, welche die anderen nur als Zuschauer miterleben konnten.
Versagt haben sie auch, sogar mehr als Petrus.
Sie haben schon aufgegeben, bevor sie überhaupt angefangen haben, auf Jesus zuzugehen. Aber ihr Versagen springt nicht so direkt in unser Auge.
Zu schnell gilt das Interesse bei vielen nur der Person des Petrus.

Zum Schluss werden auch die Sitzenbleiber im Boot munter. Sie sehen Jesus von Angesicht zu Angesicht, und sie sind beschämt. Es heißt im Evangelium:
„Die Jünger im Boot aber fielen vor Jesus nieder und sagten: Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn.“
Kein Wort der Kritik ist von Jesus zu hören. Er kennt seine Leute, und sein liebendes Herz ist groß. Lange hat es gedauert, bis bei ihnen endlich der Groschen gefallen ist. Was beim so beeindruckenden Brotwunder nicht gelang, das gelingt am Ende einer grauenvollen Sturmnacht.

Ihnen gehen die Augen auf aus Ihrer Seh-Not:
Sie erkennen jeder für sich, wer Jesus wirklich ist.
Und sie tun das einzig Richtige, was dann zu tun ist: sie werfen sich demütig vor ihm nieder. „Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn!“ - Vergessen wir das nicht, wenn unser persönlicher Seesturm kommt.

41. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2008)

In der heutigen Kultur und Gesellschaft gibt es etwas, was uns in das Verständnis des Evangeliums dieses Sonntags einführen kann. Es handelt sich um die Meinungsumfrage. Man wendet sie praktisch überall an, vor allem aber im Bereich der Politik und der Wirtschaft.

Auch Jesus wollte eines Tages die Meinungen sondieren.
Nach seiner Ankunft im Gebiet von Cäsarea Philippi, das heißt der nördlichsten Region Israels, wendet sich Jesus in einer Verschnaufpause, in der er mit den Jüngern allein ist, unvermittelt mit der Frage an sie: „Für wen halten die Leute den Menschensohn?“

Es hat den Anschein, dass die Apostel auf nichts anderes gewartet hätten, als endlich alle Stimmen zu Wort kommen zu lassen, die von Jesus gesprochen haben.
Sie antworten: „Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen Propheten.“ Jesus aber ist nicht daran interessiert, den Grad seiner allgemeinen Popularität, seiner Beliebtheit zu messen. Sein Ziel ist ein ganz anderes. Deshalb drängt er sie: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“

Diese zweite und unerwartete Frage bringt die Apostel völlig durcheinander. Schweigen und Blicke kreuzen einander. Während zu lesen ist, dass die Apostel auf die erste Frage gemeinsam, gleichsam im Chor antworteten, steht das Verb nun in der Einzahl. Nur einer antwortete – Simon Petrus: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!“

Zwischen den beiden Antworten steht ein abgrundtiefer Graben, eine „Bekehrung“. Um zu antworten, genügte es vorher, sich umzuschauen und die Meinungen der Leute gehört zu haben.
Nun aber müssen sie in sich hören und eine ganz andere Stimme vernehmen, eine Stimme, die nicht vom Fleisch und vom Blut kommt, sondern vom Vater, der im Himmel ist. Und sie müssen sich persönlich dieser Stimme stellen.
Es gilt nicht sich hinter dem anonymen „man“ zu verstecken. Deshalb sagen wir im Credo ja auch: „Ich glaube“ – nicht „man glaubt“.

Petrus stellt sich persönlich dieser Stimme in ihm. Petrus wird Gegenstand einer Erleuchtung „von oben“.
Es handelt sich nach dem Evangelien um die erste klare Anerkennung der wahren Identität Jesu von Nazareth, den ersten öffentlichen Akt des Glaubens an Christus in der Geschichte!

Denken wir an das Kielwasser, das ein schönes Schiff im Meer hinter sich lässt. Es breitet sich in dem Maß aus, in dem das Schiff weiterfährt, bis es sich am Horizont verliert. So ist es mit dem Glauben an Jesus Christus. Er ist wie das Kielwasser, das sich in der Geschichte ausgebreitet hat, bis es die „äußersten Grenzen der Welt“ erreicht hat. Aber er beginnt bei einer Spitze, und diese Spitze ist der Glaubensakt des Petrus: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!“ Jesus benutzt ein anderes Bild, das die Stabilität stärker hervorhebt als die Bewegung, ein nach oben statt in die Horizontale ausgerichtetes Bild: Fels, Gestein: „Du bist Petrus – der Fels –, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen.“

Jesus ändert den Namen Simons, wie es in der Bibel immer dann getan wird, wenn einem eine neue wichtige Mission übertragen wird: Er nennt ihn Kephas, Felsen. Der wahre Fels, der „Eckstein“, ist und bleibt er selbst, Jesus. Einmal auferstanden und in den Himmel aufgefahren, ist dieser „Eckstein“ zwar gegenwärtig und wirksam, aber unsichtbar. Es bedarf eines Zeichens, das ihn repräsentiert, das in der Geschichte diesen „unerschütterlichen Grund“, der Christus ist, sichtbar und wirksam macht.
Und dies wird Petrus sein, und nach ihm derjenige, der ihn vertritt, der Papst, der Nachfolger des Petrus, als Oberhaupt des Apostelkollegiums.

Dabei ist wichtig, dass Jesus sagt: „Du bist Petrus – der Fels –, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen.“

Die Kirche ist Seine Kirche. Sie gehört nicht uns. Wir machen Kirche nicht. Immer dann wenn ich Priester sprechen höre „meine Pfarrei“ oder Gläubige „mein oder unser Pastor“ – immer wenn ich das höre, werde ich vorsichtig: die Kirche ist nicht unsere Besitz, sie ist die Kirche Jesu. Und ihm dienen wir.

Und nur da wo wir auf Petrus, den Fels hören, wo wir in Einheit mit dem Hl. Vater handeln und denken, können wir sicher sein, daß wir der Kirche Jesu dienen. Da wo Gemeinden und Priester sich von Petrus abwenden und eigene Liturgien, eigene Moralvorstellungen, eigene Dogmen haben, wird die Kirche statt weltweit und groß, provinziell und eng.
So wie zu Jesus, müssen wir auch ganz persönlich Stellung zur Kirche nehmen: „Ich glaube an die heilige katholische Kirche“.

Kehren wir nun aber zur Meinungsumfrage zurück. Die Umfrage Jesu vollzieht sich, wir haben es gesehen, in zwei Momenten, und sie enthält zwei Grundfragen. Erstens: „Für wen halten die Leute mich?“, und zweitens: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“

Jesus scheint dem, was die Leute über ihn denken, nicht viel Bedeutung beizumessen; ihn interessiert, was seine Jünger denken. Er spornt sie an mit seiner Frage: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ Er gestattet es nicht, dass sie sich hinter den Meinungen anderer verstecken; er will, dass sie ihre eigene Meinung zum Ausdruck bringen.
Die Situation wiederholt sich fast auf genau gleiche Weise heute. Auch heute haben „die Leute“, die öffentliche Meinung, ihre Vorstellung von Jesus. Jesus ist Mode. Schauen wir auf das, was in der Welt der Literatur und des Schauspiels passiert. Es vergeht kein Jahr, in dem nicht ein Roman oder ein Film mit einer eigenen deformierten und entsakralisierenden Meinung über Christus herauskommt. Der Fall „Sakrileg“ von Dan Brown war der aufsehenerregendste und findet viele Nachahmer.

Heute gibt es auch jene Menschen, die den halben Weg zurückgelegt haben: diejenigen, die – wie die Menschen der damaligen Zeit – Jesus für „einen der Propheten“ halten. Als faszinierenden Menschen stellt man ihn neben Sokrates, Gandhi, Tolstoj. Ich bin sicher, dass Jesus diese Antworten nicht verachtet, da von ihm gesagt wird, dass er „das geknickte Rohr nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen wird“. Er versteht es also, jede ehrliche Anstrengung des Menschen wertzuschätzen. Es ist dies aber eine Antwort, die nicht einmal der menschlichen Logik standhält. Gandhi oder Tolstoj haben nie gesagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“, oder: „Wer den Vater und die Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig.“

Bei Jesus kann man nicht auf halbem Wege stehen bleiben: Entweder ist er derjenige, der zu sein er behauptet, oder er ist kein großer Mensch, sondern der verrückteste Spinner der Geschichte. Es gibt keine Mittelwege.
Es gibt Gebäude und Strukturen aus Metall (eine davon ist, glaube ich, der Eiffelturm in Paris), die so gebaut sind, dass alles zusammenbricht, wenn man sie an einem gewissen Punkt berührt oder ein gewisses Element entfernt. Ein solches Gebäude ist der christliche Glaube, und der neuralgische Punkt, von dem ich spreche, ist die Gottheit Jesu Christi.

Lassen wir aber nun die Meinungen der Leute beiseite und kommen wir zu uns Gläubigen.
Es reicht nicht, an die Gottheit Christi zu glauben. Sie muss auch bezeugt werden! In der Kirche Jesu Christi. In Einheit mit dem Nachfolger Petri, dem Papst.
Wer den Glauben kennt und nicht Zeugnis für den Glauben ablegt, ja ihn gar verbirgt, der trägt vor Gott eine größere Verantwortung als jener, der diesen Glauben nicht besitzt.

In einer Szene von Claudels Drama „Der gedemütigte Vater“ fragt ein wunderschönes, aber blindes jüdisches Mädchen in Anspielung auf die doppelte Bedeutung von Licht ihren christlichen Freund: „Ihr, die ihr seht, was habt ihr mit dem Licht gemacht?“

Das ist eine Frage, die sich an uns alle richtet, die wir uns als Gläubige stellen sollten. Immer wieder..

42. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2008)

Liebe Schwestern und Brüder!

Es heißt heute im Evangelium wieder einmal ausdrücklich, dass Jesus ein Gleichnis seinen Jüngern erzählte. Er richtet sich also an Menschen, die ihm schon nachfolgen, so wie Sie und ich.

Gläubige Christen brauchen offensichtlich immer wieder eine Nachhilfestunde Jesu in Sachen Glauben. Unmittelbar vor unserer heutigen Bibelstelle ist es ausgerechnet Petrus, der (in Mt 19,27) fragt: „Du weißt,wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Was werden wirdafür bekommen?“

Das ist die Frage, die sehr viele Christen immer wieder beschäftigt:
Was werde ich dafür bekommen? Ein Leben lang halte ich mich an die Gebote und verzichte auf manche Gelegenheit, mir das Leben bequemer zu machen. Ich spende – wie heute für die Caritas-, ich engagiere mich in der Pfarrei, ich gehe regelmäßig zum Gottesdienst, ich bete.
Also bin ich auch so etwas wie ein Arbeiter der ersten Stunde, der im Weinberg des Herrn arbeitet und sich dabei manchmal ganz schön abrackern muss.
Da interessiert mich natürlich schon, was ich dafür bekomme. Was habe ich nach meinem Tod davon?
Rechnet Gott mir meinen Fleiß, meinen Verzicht und meine Geduld auch wirklich an? - Mit anderen Worten: Rentiert sich mein Einsatz überhaupt?

Hier genau setzt Jesus mit dem heutigen Gleichnis an. Er belehrt uns über die besonderen Spielregeln im Himmel. Es heißt: „Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer…“ - Die Geschichte, die dann folgt, ist uns allen wohlbekannt. Aber einfacher wird sie dadurch nicht.

Da bekommen die, die nur eine Stunde gearbeitet haben einen Denar. Mit einem Denar konnte man damals eine Familie für einen Tag ernähren.
Und die, die länger gearbeitet haben, bekommen auch einen Denar.
„Da begannen sie, über den Gutsherrn zu murren…“
Das lassen sie sich nicht bieten! Sie beschweren sich: Das ist einfach ungerecht! Wir haben in der brütenden Hitze stundenlang geschuftet und bekommen trotzdem nicht mehr. So haben wir nicht gewettet, Herr Gutsbesitzer! Wir wollen mehr Geld!
Und mal ehrlich – Wir sind auch auf ihrer Seite. Da muß eine Gewerkschaft her, eine neue Tarifpolitik.

Und der Gutsbesitzer? Er hält dem Anführer der Murrenden eine Standpauke: „Mein Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denár mit mir vereinbart? Nimm dein Geld und geh! Ich will dem letzten ebensoviel geben wie dir. Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich zu anderen gütig bin?“
Das ist Klartext, der an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt!
Anstelle von „bist du neidisch“ sollte man auch genauer übersetzen.
Wörtlich heißt es: Ist dein Blick böse?

Darum geht es Jesus. Es geht um den bösen Blick. Der ist für das Himmelreich völlig untauglich. Dieser Blick auf den anderen ist es, der die Menschen immer wieder in Katastrophen stürzt. Immer wieder schildert auch die Bibel, wie Menschen so vom Neid zerfressen werden, dass sie furchtbare Dinge tun, so wie Kain, der seinen Bruder Abel erschlug. So zählt man den Neid mit gutem Grund zu den klassischen sieben Todsünden. Er ist wie ein ekliges Eitergeschwür, dass sich immer weiter ausbreitet, meistens sogar unter dem Vorwand der Gerechtigkeit.

Gerecht wollen es die ersten Arbeiter im Weinberg haben, und Gerechtigkeit erwarten wir auch im Leben. Unsere Gerichtsverfahren werden mehr und mehr, denn immer mehr Menschen ziehen vor Gericht, um ihr gutes Recht einzuklagen. Das ist auch in Ordnung so, damit niemand durch Machenschaften anderer einen großen Schaden erleiden muss.

Doch wer Gerechtigkeit vom Herrn verlangt, der sollte sich erst einmal selbst prüfen. Will ich wirklich Gerechtigkeit? Gerechtigkeit weltweit? Will ich gerechterweise mein Einkommen zu einem Drittel abgeben und selbst am Existenz-Minimum leben, wie andere das ihr Leben lang aushalten müssen? Will ich denen in der 3.Welt, die in
Gefahr sind, wegen bei uns geradezu lächerlichen Krankheiten zu sterben, mit aller Kraft und meinem Geld helfen? Will ich wegen der Gerechtigkeit meinen Job aufgeben, weil wir als Paar Doppel-verdiener sind, während junge Leute jahrelang in der Warteschleife sind, um vielleicht gerade meinen Job zu bekommen?
Will ich dafür kämpfen, dass die Afrikaner, die unter Einsatz ihres
Lebens in kleinen, überfüllten Booten nach Europa kommen, ihre
Chance bekommen, dem Elend zu entfliehen?
Das ließe sich beliebig und sehr unangenehm fortsetzen. Gerechtigkeit? Wollen wir wirklich Gerechtigkeit? Seien wir vorsichtig und sehr, sehr leise mit dem Ruf nach Gerechtigkeit! Er könnte uns im Halse steckenbleiben! Meistens ist es eher so, daß wir auf andere neidisch sind oder ihnen weniger gönnen als uns.

In seinem Gleichnis vom Himmelreich erinnert uns Jesus daran. Es ist, als wollte er uns eindringlich warnen: Verlangt von Gott um Himmelswillen keine Gerechtigkeit für euch!
Seid ihr so sicher, dass ihr wirklich so gut abschneidet, wenn es nur knallhart nach Schema F zugeht bei Gott?
Glaubt ihr wirklich, ihr hättet euch den Himmel verdient? Glaubt ihr wirklich, ihr könntet mit Gott schlaue Geschäfte machen? Vielleicht tausend Gebete für einen Platz im Himmel?

Mit diesem Gleichnis mahnt Jesus gerade diejenigen, die zu den fleißigen Arbeitern im Weinberg Gottes gehören: Hört auf mit euren Himmels-Berechnungen! Hört auf mit dem Schielen nach anderen!
Vergleicht euch nicht mit anderen. Denn der Vergleich ist vom Teufel – sagen die Alten.
Es ist eine Beleidigung Gottes, was ihr da treibt. Ihr unterstellt ihm, so zu rechnen wie ihr auf der Erde. Seid froh und glücklich, dass dies im Himmel nicht so ist! Und lernt, anderen etwas von Herzen zu gönnen.

Gott ist eben nicht ungerecht! Seine Gerechtigkeit hat aber eine andere Grundlage als die irdische. Bei ihm kommt noch vor der Gerechtigkeit die göttliche Barmherzigkeit und die Überfülle seiner Liebe.
Wenn ihr euren bösen Blick mal ablegt, dann seht ihr das auch. Der Blick Gottes ist voller Liebe und Zärtlichkeit, voller Güte und Sorge um seine geliebten Menschenkinder.
Dann seht ihr auch, dass Gott in seiner unergründlichen Güte jedem das schenkt, was er braucht, den einen Denar des Lebens, den Denar des ewigen Lebens!

Es sich rentiert sich, mit dem Herrn in seinen Weinberg mitzugehen. Denn das ist auch klar: Wer nicht mitgehen will, wer dankend abwinkt, der ist auch nicht bei der Lohnauszahlung dabei. Traurig ist nur, wenn da welche sind, die wie im Gleichnis bisher von niemandem zur Arbeit angeworben wurden.

Trainieren wir unseren Blick und geben unseren Kollegen auf den Marktplätzen der Welt den Tipp: Kommt mit uns in den Weinberg des Herrn. Es lohnt sich!
Der Lohn ist nicht gerecht, denn er ist die Erfüllung. Und die gibt es nur ganz und nicht nach Tarif.
Diesen Lohn sollten wir einander gönnen können.

43. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2008)

Zöllner und Dirnen kommen eher in das Reich Gottes als ihr"
Diesen Satz spricht Jesus zu Menschen, die eine hohe Position in der Öffentlichkeit einnehmen, die hohes Ansehen genießen, die Verantwortung für das ganze Volk tragen, zu denen man aufschaut, deren Wort etwas gilt, die Religion und deren Ordnung hochhalten.
Damals war das wohl eine echte Provokation, die Schriftgelehrten so anzugreifen.

Heute ist man allerdings an Provokationen gewöhnt und es fehlt unter den Leserzuschriften einer Tageszeitung kaum eine, welche mit ähnlich harten Worten mit der Kirche ins Gericht geht und sich dabei sogar auf Jesus beruft.
Zudem sind Bestrebungen im Gange, den "Stand" der Prostituierten aufzuwerten und als ganz normalen "Dienstleistungsberuf" anzuerkennen. Man kann heute oft hören, dass Jesus auch auf deren Seite stand. Wir dürfen allerdings auch fragen: Sollten wirklich die sogenannten Biedermänner, die wie die Zöllner damals die Ehrlichen und Gutgesinnten skrupellos um ihr sauer Verdientes bringen, und die Frauen aus dem Rotlichtmilieu, die ihren Körper verkaufen, noch dafür belohnt werden? Vor allem „entschuldigen“ diese Leute nicht vor allem die Freier, die Unzucht treiben? Wollen da vielleicht einige unter dem Mantel der „Menschlichkeit“ ein unmenschliches Gewerbe aufrechterhalten?

Wer sich gerne auf Jesus beruft, sollte nicht übersehen, dass die Dirnen dem Johannes, dem Mann mit der harten Lebensweise, geglaubt haben. Jesus geht es um die radikale Wandlung der Einstellung, um die persönliche Umkehr, nicht um die Umkehrung der moralischen Normen.

Die viel beschworene Umkehr ist allerdings nicht nur eine Sache des guten Willens. Es ist ein Prozess in uns selbst vergleichbar einem Sturm, der uns aufwühlt, dem Wirken des Salzes in den Speisen, des Sauerteigs im Mehl, dem Wachsen der Saat auf dem Acker. Es ist etwas, was wir nicht selbst machen, sondern was mit uns geschieht. Es tritt nur dann am ehesten ein, wenn wir verunsichert sind, den Boden unter den Füßen verloren haben, wenn wir nicht mehr weiter wissen, wenn uns bewusst ist, dass wir Hilfe brauchen. Genau in einer solchen Situation sind wir mit unserem Innersten verbunden und dessen Kräfte kommen in Bewegung. Da brauchen wir keine Ablenkung, weil sie uns nichts mehr bedeutet. Menschen in Krisen sind für jede Hilfe dankbar und für Neues aufgeschlossen. Für viele öffnet sich in einer schwierigen Lebenssituation oft nach recht schmerzlichen Erlebnissen die Welt des Glaubens.

Jesus sieht in den Zöllnern und Dirnen eher das Elend, das ihre Lebensgeschichte bestimmt, als die verwerfliche Tat. Gerade aber das schwere Schicksal wurde bei denen, die Jesus erwähnt, Anlass zur Umkehr. Wer nur vom Leben bestätigt wird, wer in guter Position und sattem Wohlstand lebt, wer sich im Religiösen nichts vorzuwerfen braucht, hat keinen Grund, sich in Frage stellen zu lassen und Neues, Ungewohntes zu suchen.

Ganz anders ist es bei Menschen, die am Rande des Zusammenbruchs sind und alle Kräfte auf das bloße Überleben konzentrieren müssen. Im Evangelium nach Lukas wird uns eine Frau geschildert, die als Sünderin bezeichnet wird, also zu denen gehört, die Jesus lobt. Es ist etwas vom Mut der Verzweiflung, wenn sie es wagt, sich vor der versammelten Festgesellschaft Jesus zu nähern und sich den durchbohrenden, missbilligenden Blicken der anwesenden, ehrenwerten Männer auszusetzen.

Es geht ihr um das Ganze; das eigene Elend ist ihr Antreiber zum letzten Einsatz. Aus diesem Impuls sind ihr Weinen und ihre Gesten der Hingabe zu verstehen. Es mag wohl gewesen sein, dass sie in der Nähe Jesu eine überströmende Dankbarkeit und ein Glück verspürte, das sie buchstäblich fassungslos machte.

Das gute Beispiel der Sünderin oder auch des verlorenen Sohnes besteht darin, dass sie sich der Dunkelheit ihres Lebens stellten, die Frau beim vornehmen Gastmahl, der junge Mann im Schweinestall. Die Umkehr, die Jesus meint, beginnt nicht bei den gewaltsamen Vorsätzen, sondern beim demütigen Blick ins Innere. Wer der eigenen Bedürftigkeit nicht mehr ausweicht, weckt die Kräfte, die ein neues Leben beginnen lassen.

Die eigene Bedürftigkeit entdecken wir aber nur, wenn wir uns Ruhe gönnen und Zeit nehmen, wenn wir mutig genug sind, uns nicht mit allem volldudeln zu lassen, sondern zu erspüren, was in uns eigentlich los ist. In der Stille - vor Gott – ohne Ablenkung – da spüre ich, was in mir los ist.
Es beginnen die Herbstferien. Vielleicht finden wir ja einmal Zeit, in uns zu schauen. Zum Beispiel in Stille vor dem Tabernakel.

Der nächste Sonntag zumindest, der Erntedanksonntag, macht deutlich wie bedürftig wir sind: ohne Gott hätten wir nichts.

Eine Umkehr im Sinne Jesu wäre allein schon, dafür wirklich dankbar zu werden. Und es in einer Kultur des Tischgebetes zu verwirklichen.

44. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2008)

Liebe Schwestern und Brüder!

Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott!

Diese Worte aus der Lesung an die Philipper sind sozusagen wie gemacht für das Erntedankfest.

Bitte und Dank. Darum geht es Paulus.
...bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott!
Beides, Bitten und Dank, sind Ausdruck menschlicher Tugend.
Ich meine nicht das „Sag mal, bitte!“, „Man sagt Danke!“, das uns unsere Eltern als Kinder beigebracht, vielleicht manchmal sogar eingebläut haben. Da geht es nämlich um Höflichkeit und guten Ton. Das ist wichtig.

Tiefer aber gehen die Bitte und der Dank bei Paulus.
...bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott!
Es geht ihm um das Bitten und Danken der Menschen Gott gegenüber. Denn wer dies ehrlich tut, tut Großes, nämlich wahrhaft Menschliches.

Wer Gott bittet, der weiß sich als Mensch, der überhebt sich nicht zum Übermenschen oder gar zu einem Gott. Wer Gott bittet, der ist weise, weil er die Wahrheit anerkennt und einübt: Gott ist Gott, ich bin ein Mensch. Von Gott stamme ich. Er ist das Ziel meines Lebens. Er ist der Geber aller Gaben. Ohne ihn, ist nichts.

Wer Gott dankt, der sieht sein Leben, alles, was er zum Leben braucht – Nahrung, Kleidung, gelungene menschliche Beziehungen – nicht als etwas Selbstverständliches an.
All das wird ihm zum Geschenk. Wird ihm zur Gnade, um einmal das alte Wort für die Geschenke Gottes an uns zu nutzen. Wer dankt, ist offen für die anderen, den anderen.

Der Mensch, der Gott bittet und dankt, steht im rechten Verhältnis zu sich selbst und zu Gott. Er lebt in gesunder Form die Tugend der Demut. Wieder so ein altes aber tiefes Wort, wie das von der Gnade.
Demut heißt: anerkennen, dass ich das bin, was ich bin – ein Mensch – ohne darüber zu klagen, dass ich nicht mehr, größer bin – ein Gott.
Demut ist gelebter Realismus.

Das Gegenteil von Demut ist der Hochmut. „Hochmut kommt vor dem Fall.“ Sagt der Volksmund zu Recht. Der Hochmütige denkt sich eben höher, größer, als er in Wahrheit ist. Die Realität wird ihn dann irgendwann von seinem Sockel stoßen und er fällt.

Der Hochmütige meint, er kann alles, darf alles, ja ihm gehöre alles. Er kennt keine Selbstbescheidung. Bitten und Danken muß er nichts und niemanden, da er sich alles erlauben kann und alles vermag. Aus eigener Kraft. Der Hochmütige wird so leicht zum Hochnäsigen und auch Raffgierigen: Er kann alles, ihm gehört ja alles.

Hochmut kommt vor dem Fall.
Dieses Sprichwort kam mir in den letzten Tagen immer wieder in den Sinn, wenn ich die Schlagzeilen über den Bankencrash las öder hörte. Die Banken, die da gefallen sind, waren sie nicht von Chefs und Mitarbeitern geblendet, die in ihrem Hochmut raffgierig und ohne Maß agierten? Sie sind von ihrem Hohen Roß gestürzt und leider reißen sie viele – auch kleine und unschuldige Leute – mit in die Tiefe. Und dann besitzen sie die Frechheit auch noch staatliche Hilfspläne einzufordern. Darum gebeten haben die nicht. Danken dafür werden die erst recht nicht.

Ich will nicht böse sein: aber manchmal wünschte ich einem solchen Bankenboss, der mit unsichtbaren Milliarden anderer sein riskantes Geschäft gemacht hat, dass er jetzt ganz konkret am eigenen Leib spürt, wie das ist, wenn man kaum das Nötige zum Leben hat. Vielleicht würde der eine oder andere sich bekehren. Realistisch werden. Demütig eben.

...bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott!
Das ist unsere Haltung am heutigen Tag. Wir sind realistisch und demütig genug, Gott für die Gabe dieser Ernte zu danken und für eine gute künftige zu bitten
Wir machen uns nichts vor. Wir wissen, daß wir in den barmherzigen Händen Gottes sind. Wir selber allein könnten uns nicht tragen.

Wir fühlen uns deshalb nicht geknechtet oder gedemütigt. Vielmehr wissen wir uns geborgen und handeln, ohne uns zu überheben. Das gibt uns die nötige Gelassenheit für das Leben.

Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott!

45. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2008)

Das liebe Geld, schon wieder das liebe Geld.

Schwestern und Brüder,
die Nachrichten sind voll von dem Wort Finanzkrise. Wir fragen und sorgen uns, wo denn das ganze Geld geblieben ist. Und wird es schwindelig, wenn wir hören, wie da mit Milliarden herumgeworfen wird. Irgendwie ist das ganze beklemmend.

Und hier in der Kirche, wovon ist im Evangelium die Rede? Wieder vom Geld. Da will man sich erbauen, etwas abschalten in der Nähe Gottes, Kraft finden – und schon wieder hat uns der Alltag wieder.

So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!
Es ist einer der so bekannten Sätze aus der Hl. Schrift, der uns heute trifft.

Jesus sagt ihm denen, die ihm eine Falle stellen wollen.
Dem verhassten römischen Kaiser Steuern zu bezahlen, war etwas unendlich Schreckliches für die gläubigen Juden damals.
Sie warteten auf die Ankunft des Messias, der ganz konkret und direkt in Israel herrschen sollte und so Israel zum größten, mächtigsten Land werden lassen würde. Da tat es besonders weh, sich einzugestehen, das man eine nicht sonderlich bedeutende Provinz eines Reiches war, dass man unterworfen und besetzt war, dass man eben steuerpflichtig war, statt Steuern erheben zu können.

Jede Steuerzahlung war also nicht nur eine finanzielle Einbuße – Experten gehen von einem Steuersatz von 40% aus, den die Juden zu zahlen hatten – nein, jede Steuerzahlung war eine Demütigung:
man mußte bezahlen, weil man eben zu den Unterworfenen zählte, nicht zu den Herrschenden,
man durfte nur mit dem römischen Denar bezahlen, die eigene Währung galt nichts,
man mußte somit letztlich Unreines berühren, im Tempel gab es eine eigene Währung, daher auch die Geldwechsler, vermutet man.

Die Münze selbst aber mußte jeden Juden die Zornesröte ins Gesicht treiben. Auf ihr stand um das Abbild des Kaisers herum geschrieben:
Kaiser Tiberius, des göttlichen Augustus anbetungswürdiger Sohn.
Für einen Juden ein Greuel. Erstens gibt es nur einen Gott, den Gott Israels. Ein Kaiser ist niemals Gott.
Und außerdem macht man sich kein Bildnis von Gott, auch nicht auf einer Münze.

Angesichts dieser Situation spürt man die Gerissenheit der Frage an Jesus, ob es erlaubt sei, dem Kaiser Steuern zu zahlen.
Würde er antworten, dass man dem Kaiser die Steuern bezahlen sollte,wäre er bei den gläubigen Juden unten durch. Niemand würde mehr auf einen solchen Rabbi hören, der mit dem JA auch die Fremdherrschaft der Römer akzeptiert. Er könnte also einpacken, wenn er JA sagte. -
Wenn Jesus allerdings NEIN sagte und sich gegen die Steuerzahlung aussprechen würde, dann würde er sofort von den Anhängern des Herodes bei den Römern angeschwärzt. Die sofortige Verhaftung wegen des Verdachtes, ein Aufrührer zu sein, wäre ihm sicher.

So in die Enge getrieben hofften die Pharisäer Jesus, diesen unbequemen Jesus, loszuwerden.
Aber nichts da. Jesus geht als Sieger aus dieser brenzligen Situation hervor. Nicht nur, dass er sich die Münze zeigen läßt – damit veranlasst er die Pharisäer sich ja unrein zu machen: sie müssen die Münze anfassen und zugeben, dass sie die Steuer zahlen
– nein, sein Satz: So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört! hilft ihm nicht nur aus der Klemme, sondern spricht eine Wahrheit aus, die bis heute gilt.

„Bezahlt eure Steuern, dem der sie erhebt. Er hat das Sagen und ein Anrecht darauf. Die Herrscher dieser Welt kommen und gehen. Gott aber gehört nicht euer Geld, sondern euer Herz. Denn er bleibt.“

Liebe Schwestern und Brüder,
ich kenne keinen, der gerne Steuern bezahlt. Weder damals wie heute. Steuern wurden gezahlt, um Anliegen der Allgemeinheit, die ein Einzelner nicht übernehmen kann, zu finanzieren: Die Sicherung der Grenzen durch die Armee, den Bau von Wasserleitungen, Handelswegen und dem Gerichtswesen.

Das gleiche gilt natürlich auch für unsere heutige Gesellschaft: Steuern, die wir zahlen, sind nicht (in erster Linie) das Privateinkommen der Bundeskanzlerin, sondern dienen auch uns selbst. Steuerbetrug ist immer ein Betrug am Mitbürger und letztlich eine Schädigung der eigenen Bürgerrechte. Zu diesen Bürgerrechten gehört aber auch, daß wir durch Wahlen und Eingaben die Rechtmäßigkeit und Angemessenheit von Steuern mitbestimmen wollen. Manche Abgabe ist für manchen zu hoch, manche Verwendung nicht zu akzeptieren, z. B. wenn Steuergelder für Abtreibungen verwendet werden sollten.

Dem Kaiser sollten wir darüber hinaus nicht nur Geld geben, sondern unsere Bereitschaft, an den gesellschaftlichen Aufgaben mitzuarbeiten. Die positive Gestaltung der Gesellschaft ist Bürgerpflicht. Und wir Christen tragen viel dazu bei und haben auch viel dazu beizutragen, damit nicht menschenverachtende Ideologen dies tun.

Was aber ist das, was Gott gehört? - Das, was wir Gott geben sollten, ist genausowenig wie die staatliche Steuer ein Privatvergnügen des Allmächtigen. Mehr sogar noch: Im Gegensatz zu unseren hochrangigen Politikern braucht Gott nichts von uns - gar nichts. Er ist nicht darauf angewiesen, dass wir ihm sein Dienstwagen finanzieren - er ist doch schon überall.
Es ist noch mehr wie beim Staat: Was wir Gott geben sollen, dient letztlich uns selbst. Wenn mit unserem Geld "Gotteshäuser" finanziert werden, dann sind es letztlich Häuser für die Menschen - in denen sie Gott begegnen können. Gott braucht kein Dach über den Kopf - aber wir brauchen einen Ort, an dem wir mit Gott unter einem Dach sein dürfen.
Was wir Gott noch geben können - die Einhaltung der Gebote, die Nächstenliebe, die Feier der Sakramente - dient auch letztlich uns selbst.
So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!
Und noch etwas lässt uns diese Antwort Jesu tiefer erkennen. Kaiser und Gott sind verschieden und nicht zu verwechseln.
Da wo aber das Geld zum Gott wird, also zum Götzen, da geht diese Trennung auseinander und führt zum Chaos. Letztlich liegt in der Vergötzung, der Anbetung des Profites, der Gewinnmargen, der Spekulation mit anderer Leute Geld der eigentliche Grund der Finanzkrise. Da wo Raffgier herrscht statt echter Frömmigkeit, geht alles den Bach runter. Dem einen oder anderen Banker wünsche ich, daß er die Folgen seiner Götzenverehrung am eigenen Leib bzw. auf seinem Konto spürt. So, daß er daraus lernt.

So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!
Wir sind jetzt hier, um Gott zu geben, was ihm gehört: unser Lob und Dank. Beschenkt werden wir dadurch. Was für ein Geschäft.

46. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2008)

Liebe Schwestern und Brüder!

„Allen Menschen wird zuteil Gottes Heil.“ so lautet der Kehrvers des Liedes aus dem Gotteslob Nr. 106.

„Allen Menschen wird zuteil Gottes Heil.“
Das ist das, wonach wir Menschen uns sehnen. Egal ob wir alt oder jung, gesund oder krank, Mann oder Frau, weiß oder schwarz sind.

Wir sehnen uns nach dem Heil, weil um uns so vieles unheil ist.
Da tobt der Krieg an vielen Ecken der Welt.
Da erkrankt ein lieber Mensch aus der Verwandtschaft oder Bekanntschaft.
Da gehen Ehen und Familien zu Bruch.
Da fühlt sich der eine oder andere innerlich leer, ausgebrannt.
Da weiß jemand nicht, warum er überhaupt noch leben soll, da ihm alles sinnlos erscheint.

Wir sehnen uns nach dem Heil. Genauer, wir sehnen uns nach einem, der alles heil machen kann. Nach dem, den wir mit dem etwas aus der Mode gekommenen Wort Heiland nennen.

Die Sehnsucht, das Heil, den Heiland zu sehen, verschlug Johannes den Täufer in die Wüste. Dort wollte er sich ganz auf die Ankunft des Messias bereiten.
Und er wollte die Menschen wachrütteln durch seine Predigt, dass auch sie dem Herrn den Weg bereiten.

Im Evangelium hören wir, wie der Täufer im Gefängnis Jesus fragen lässt: Bist Du der, der kommen soll? Bist Du wirklich der Heiland?

Jesus lässt ihm ausrichten:
Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören...
Ja, ich bin der Heiland. In meiner Gegenwart werden die Menschen gesund, heil, an Leib und Seele.

Ist dieser Jesus wirklich der Heiland, der, der kommen soll?
Diese Frage stellen uns Christen jene Menschen, die nicht an ihn glauben. Auch viele Christen, angefochten von einer unheilen Welt, fragen sich das.
Unser Lied antwortet auf diese Fragen ähnlich, wie es Jesus tat.
In der 3. und 4. Strophe heißt es:

Aus Gestein und Wüstensand werden frische Wasser fließen; Quellen tränken dürres Land, überreich die Saaten sprießen.
Blinde schaun zum Licht empor, Stumme werden Hymnen singen, Tauben öffnet sich das Ohr, wie ein Hirsch die Lahmen springen.

Aber stimmt das denn? Wo sehen wir denn Quellen aus dem Wüstensand entspringen? Wo singen denn die Stummen, wo springen denn die Lahmen?

Es gibt solche außerordentlichen Wunder. In Lourdes z. B. Oder bei den Heiligsprechungsprozessen werden solche unerklärlichen Ereignisse festgestellt. Da ist Gott am Werk. Da bricht das ewige Heil mit Macht in die unheile Gegenwart auf der Erde.

Aber es gibt auch weniger aufsehenerregende Wunder, die deutlich machen, dass Christus wirklich der Heiland aller Welt ist.

Ich durfte während meines Studiums in Freiburg erleben, wie aus einem verhärteten Herzen und einer verwüsteten Seele Ströme lebendiger Liebe flossen.
Da war ein Mann, der zwei Menschen auf dem Gewissen hatte. Mit einem Bombenanschlag riss er zwei Ausländer aus dem Leben. Verurteilt. Lebenslänglich.
Im Gefängnis kam er mit dem katholischen Seelsorger, bei dem ich wohnte, zusammen. Angesichts der Botschaft Jesu erkannte er seine tiefe Schuld. Er bekehrte sich.

Nicht nur, dass er seine Schuld und seinen Glauben in Kunstwerken verarbeitete, nein, er wurde zu der Vertrauensperson für alle im Gefängnis: wenn es zu Streit kam, vermittelte er zwischen den Insassen, den Wärtern, dem Anstaltsleiter.
Der Beamte, der ihn bei Freigängen begleiten musste, wurde sein Freund.

Ich habe nie wieder jemanden gesehen, der so wie er um die eigene Schuld wusste. Ich habe aber auch nie wieder jemanden gesehen, dessen Augen soviel Dankbarkeit ausstrahlten, weil er sich trotz der Schuld von Gott geliebt wusste. Aus dem Mörder ist ein Mensch geworden, der wirklich lieben kann.

Ich weiß von einer Frau, die im sowjetischen Kommunismus groß geworden ist. Ihre kommunistische Überzeugung schwankte mit der Zeit. Die Welt war ihr irgendwie unheimlich geworden. Sie suchte nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält, nach einer Heimat. Viele Jahre trug sie diese Fragen in sich. Blind war sie, ihre Lebenskraft wie gelähmt.

Eines Tages, als sie zufällig eine Kirche betrat, spendete der Priester den Segen. Sie sah die knienden Gläubigen. Und wie von selbst kniete auch sie nieder. Auf einmal fiel es ihr wie Schuppen von den Augen: Dieser Gott war es, den sie suchte. Mittlerweile ist sie eine bekannte Autorin christlicher Bücher.

„Allen Menschen wird zuteil Gottes Heil.“
Das ist die Verheißung, die wir uns gegenseitig mit dem Lied 106 zurufen. Uns und auch den Suchenden.
Vielleicht überlegen Sie in den nächsten Tage auch einmal, wo sie so etwas erlebt haben. Bei anderen. Bei Ihnen selbst.

Das kann eine Kraftquelle sein für ein Leben in einer unheilen Welt: zu wissen, dass es diesen Heiland wirklich gibt. Und dass er wirkt.

Um darüber nachzudenken, um die Gegenwart des Heilandes in der Welt zu entdecken braucht man Ruhe, eine Wüste. Wie Johannes. Versuchen Sie sich doch diesen Raum in der kommenden Woche zu erkämpfen. Trotz, gerade wegen der Hektik dieser Tage...

47. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2008)

Liebe Schwestern und Brüder!
Geht es Ihnen manchmal auch so? Denken Sie auch schon mal bei sich:„Also, lieber Gott, wenn Du jetzt ein richtiges Wunder machen würdest, dann könnte ich richtig glauben. Irgendeine mächtige Tat von Dir, die alle sehen, und alle könnten gar nicht anders als an Dich glauben.“

Ja, das wär’s doch: So ein richtiges Wunder, vor aller Augen.

Nun, dieses Experiment hat Gott schon mehrmals durchgeführt. Er hat schon vor aller Augen Wunder gewirkt. Er hat immer wieder in das Leben der Menschen, in das Weltgeschehen eingegriffen. Nur blieb der Erfolg leider aus.
Schauen wir nur auf das Evangelium von heute.

Da heilt Jesus einen Blindgeborenen. Einer, der nie sehen konnte, kann durch das Wirken Jesu auf einmal sehen. Ein Wunder. Ein wirkliches Wunder. Da müssten doch die Umstehenden zum Glauben kommen. Von Wegen.

Da wird gezweifelt, ob derjenige, der behauptet, blindgeboren zu sein, überhaupt blind war.

Da wird gezweifelt, ob derjenige, der behauptet sehend geworden zu sein, auch der ist, der am Straßenrand saß und bettelte, oder ob es sich lediglich um einen Doppelgänger handele.

Da wird gezweifelt ob derjenige, der behauptet, blindgeboren und geheilt worden zu sein, ein zuverlässiger Zeuge in eigener Sache sein kann, schließlich war die Blindheit in den Augen der Menschen damals eine göttliche Strafe für Sünder. Und kann man Sündern vertrauen? Erst recht Asozialen und Bettlern?

Da wird gezweifelt, ob derjenige, der behauptet blindgeboren und geheilt worden zu sein, überhaupt sagen kann, was und wie es geschehen ist. Er war doch blind. Er hat den Heilenden ja nicht einmal gesehen.

Da wird gezweifelt, dass eine Heilung an diesem Tage habe stattfinden können, wo doch am Sabbat verboten ist, sich die Hände durch einen Teig schmutzig zu machen.

Das Experiment mit dem Wunder ist gescheitert. Jedenfalls bei einem Großteil der Menschen. Gut, der Blindgeborene selbst und vielleicht einige wenige andere, aber sonst...?

Woran ist dieses Experiment gescheitert? Am Wunder selbst kann es nicht gelegen haben. Das war eindeutig, zwingend.

Nun das Experiment mit dem Wunder ist an denen gescheitert, die aufgrund des Wunders hätten zum Glauben finden können.

Sie waren nicht bereit, ein Wunder anzunehmen.
Sie konnten sich nicht vorstellen, dass Gott seine Macht ausgerechnet so demonstrieren wollte. An einem Sabbat, an einem Bettler, so ganz ohne Glanz und Gloria...
Wunder? Ja! Aber bitte nach unseren Kriterien und Vorstellungen.

Vielleicht hatten die Menschen damals auch verlernt, mit Wundern zu rechnen? Vielleicht war ihnen der Gedanke, dass Gott in unser Leben, in das Weltgeschehen eingreifen könnte, gänzlich verlorengegangen? Und weil sie mit dem Eingreifen Gottes nicht mehr rechneten, merkten sie es auch nicht mehr.

Wir merken, liebe Schwestern und Brüder, mit dem Wunder allein ist es nicht getan. Wir müssen schon bereit sein, Wunder sehen und anerkennen zu wollen.

Gott will niemanden zum Glauben zwingen. Das kann er auch nicht. Denn Glauben verlangt Freiheit.
Gott greift aber in unser Leben ein durch Wunder und wunderbare Fügungen. Das muss keine Heilung von Blindheit sein. Es genügt manchmal schon, dass mir gerade derjenige über den Weg läuft, der mir in dieser Situation helfen kann. Es liegt an uns, ob wir offen dafür sind. Es liegt an uns, ob wir sie wahrhaben wollen.

Wunder gibt es immer wieder, heißt es in einem Schlager.
Wunder gibt es immer wieder, so sagt auch die Kirche. Sie erkennt immer wieder nach langen Untersuchungen merkwürdige, aufsehenerregende Geschehnisse als Wunder an: z. B. Heilung von Kranken, Erscheinungen der Gottesmutter oder anderer Heiliger.
Die Kirche rechnet mit Wundern, rechnet mit dem Eingreifen Gottes und seiner Heiligen in unsere Welt und Zeit.

Indem sie Wunder untersucht und anerkennt, will sie die Gläubigen daran erinnern, dass Gott zu uns spricht, ihm unser Leben nicht egal ist.
Indem die Kirche diese Wunder aber auf das sorgfältigste untersucht und nur einen Bruchteil der vermeintlichen Wunder und Erscheinungen offiziell anerkennt, will sie uns Gläubigen aber auch vor einer Wundesucht warnen.

Es gibt Menschen, die von einer vermeintlichen Marienerscheinung zur nächsten jagen. Immer auf der rastlosen Suche nach dem religiösen Thrill, nach dem spirituellen Happening.
Es gibt auch Menschen, die Wunder, Wallfahrtsorte und alles, was damit zu tun hat, als groben Unfug und reine Geschäftemacherei ablehnen.

Die einen verlieren sich dann in einer wunderbaren Scheinwelt, verlieren den Bezug zur Realität, werden weltfremd. Vor lauter vermeintlichen Wundern, sehen sie die eigentlichen Wunder nicht.

Die anderen wiederum versperren sich einen Zugang zu Gott, indem sie Gott sozusagen das Recht absprechen, in unserer Welt, in das eigene Leben einzugreifen durch Zeichen und Wunder.

Überspitzt gesagt: Die einen hätten die Heilung des Blindgeborenen gar nicht wahrnehmen können, weil sie gerade auf dem Weg zu einer großartigen Gotteserscheinung mit ca. zweieinhalbtausend Menschen waren. Drei Sterne sollen auch vom Himmel fallen. Was ist dagegen schon so eine einfache Heilung. Dafür hat man doch keine Zeit.

Die anderen hätten der Heilung des Blinden jegliche Realität abgesprochen. Schließlich hätte Gott sie ja vorher fragen können, bevor er so etwas tun will. Wo kommen wir denn da hin.

Das Experiment mit dem Wunder.
Es scheitert nicht an Wundern. Es kann scheitern an unserer Bereitschaft, das Eingreifen Gottes wahrzunehmen und wahrhaben zu wollen.

Das Experiment mit dem Wunder.
Es geht weiter. Rechne ich mit Gott? Jetzt...

48. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2008)

Liebe Schwestern und Brüder!
Der Sonntag nach Pfingsten hat den Namen „Dreifaltigkeitssonntag“.
Eine jüngst geführte Umfrage hat an den Tag gelegt, dass nicht einmal die Hälfte der Deutschen Wissen, was wir an Pfingsten feiern. Gut, dass bisher noch niemand auf die Idee gekommen ist, eine Umfrage zur Dreifaltigkeit und deren Bedeutung zu machen. Vermutlich wären zwei Drittel der Deutschen – der Christen einschließlich – überfordert.
Gewiß, die Lehre von der Dreifaltigkeit oder die Trinitätslehre, ist eines der kompliziertesten Materien im Theologiestudium. Da geht es um das filioque oder die hypostatische Union oder sonst welche abstrakten Begriffe.
Die Dreifaltigkeit scheint ein Gebiet für Spezialisten zu sein. Was hat der normale Christ, der kein Theologieprofessor ist damit zu schaffen?
Nun eine ganze Menge. Ständig haben wir die Dreifaltigkeit im Mund, z. B., wenn wir das Kreuzzeichen machen, das Glaubensbekenntnis sprechen oder Kirchenlieder singen. Da ist ständig die Rede von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Wir sind sogar auf den Namen des dreifaltigen Gottes getauft worden. Das unterscheidend Christliche unserer Religion ist unser Glaube an die Dreifaltigkeit.
Und dennoch: das eigentlich Entscheidende, das Normale – die Dreifaltigkeit – ist uns Christen irgendwie flöten gegangen. Wir haben uns mit allem möglichen beschäftigt, kaum aber damit, was wesentlich ist und trägt.

Das ist unserer Gesellschaft auch passiert. Z. B. bei der Familie. Sie ist der Ort, aus dem heraus die Gesellschaft wächst und Bestand haben kann. Die Familie war aber in der Politik ein Stiefkind. Viel wichtiger schien es für sogenannte gleichgeschlechtliche Paare, die die Würde der Ehe und der Familie untergraben, rechtliche Verbesserungen zu erzielen. Glücklicherweise steht mittlerweile das Wohl der Familie wieder auf der politischen Tagesordnung, weil man gemerkt hat – zu spät gemerkt hat – dass ohne sie unsere Gesellschaft ausstirbt und unerträglich wird. Leider wird das Thema aber auch immer mehr zum Feld persönlicher Profiliersucht.
Liebe Schwestern und Brüder,
bleiben wir bei der Familie. Sie bietet uns einen guten Ansatz, das Entscheidende des heutigen Festes zu verstehen. Ich wage den kühnen Satz, dass die Dreifaltigkeit unsere Familie ist, in der wir leben und aufwachsen, in der wir in der Wahrheit erzogen werden und Kraft für unser Leben gewinnen.
Der eine und dreifaltige Gott, an den wir glauben, ist Beziehung. Der Vater liebt den Sohn, der Sohn den Vater und die Liebe der beiden ist der Hl. Geist. Die drei sind eins, vollkommene Liebe. Und Liebe will sich mitteilen, will wachsen. Deshalb hat Gott die Welt erschaffen und uns. Und er will, dass wir mit und in ihm Leben. Deshalb hat er seinen Sohn gesandt.
Gott ist in Jesus als Mensch zu uns gekommen. So sind wir seine Brüder und Schwestern geworden. Und auch untereinander sind wir Brüder und Schwestern, weil wir den einen Vater, den einen Bruder haben.
Aber mehr noch: wir sind nicht nur Brüder und Schwestern. Wir sind sogar Söhne und Töchter Gottes! Jesus hat uns seinen Geist gegeben. In der Taufe und in der Firmung, vor allem aber auch in der Eucharistie werden wir mit Christus eins.

Durch die Sakramente der Kirche, in denen der Hl. Geist wirkt und lebt, werden wir sozusagen von der Dreifaltigkeit adoptiert, Teil der himmlischen Familie. Und dieses große Geschenk wollen wir ja am Gemeindetag in den Blick nehmen.
Als Adoptivkind erhält man dann den Namen der Familie und hat das Recht auf das Erbe. Auch wir tragen einen Familien Namen „Christen“- „Kirche“ und uns ist das Erbe verheißen, dass Christus erworben hat, das ewige Leben.
Kinder die adoptiert werden, kommen oft aus schwierigen und dunklen Verhältnissen, aus zerrütteten und verwahrlosten Familien hierzulande oder als Waisen oder Opfer von Armut in anderen Ländern. Die Adoption ist für diese Kinder oft die einzige Rettung. Und immer wieder höre ich von der tiefen Dankbarkeit solche Kinder ihren Adoptiveltern gegenüber. Sie sind dankbar, weil sie sich gerettet, geachtet, geliebt fühlen. Sie wissen auch um die Opfer und Schwierigkeiten, die eine Adoption für die Eltern mit sich bringen kann. Sie wissen oft auch, dass sie sich nicht immer so dankbar gezeigt haben, wie sie es eigentlich sollten.
Sicherlich, es gibt auch auf Erden auch Adoptiveltern, die ihre Zöglinge schlecht behandeln. Doch in unserer himmlischen Adoptivfamilie kommen die Probleme allein von uns, den Adoptivkindern. Oft zeigen wir uns undankbar dem dreifaltigen Gott gegenüber, manchmal wollen wir unsere Sippschaft verleugnen, die Kirche, oder benehmen uns unseren Schwestern und Brüdern gegenüber schlichtweg ungezogen. Dabei wissen wir zuinnerst, dass wir der Zugehörigkeit zur Dreifaltigkeit eigentlich alles verdanken: dass bei uns nicht Sünde und Tod, sondern Vergebung und Leben das letzte Wort haben. Sie sind sozusagen unser familiärer „Stallgeruch“.
Schwestern und Brüder, wir werden von unserer Adoptiv-Familie nie verstoßen. Unser himmlischer Vater hat unendliche Geduld mit uns. Er ist Barmherzigkeit und mütterliche Liebe. Das wird gerade auch im Sakrament der Beichte immer neu erfahrbar.
Sie erneuert die Familienbande mit der Dreifaltigkeit. Dann wird auch die Eucharistie wieder zu einem frohen Mahl für alle. Auch am Tisch zuhause in unseren Häusern können wir oft erst zusammenkommen, wenn wir uns versöhnt haben, mit den Geschwistern und vor den Eltern.
Schwestern und Brüder, ich weiß, diese Gedanken sind angesichts der Größe des Geheimnisses der Dreifaltigkeit ein Nichts. Mir helfen sie aber immer wieder, etwas von dem Geheimnis für mein Leben fruchtbar zu machen. Ich hoffe Ihnen auch einige Anregungen zur Betrachtung zu geben.
Ich jedenfalls bin froh, ein solches Adoptivkind zu sein.

49. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2008)

Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm. Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar.

Liebe Schwestern und Brüder!
Die Weisen aus dem Morgenland gehen in die Knie vor dem Jesus Kind.
Und sie geben ihm Geschenke.

Beide Handlungen der Weisen sind Zeichen, weisen über sich hinaus.
Wer vor jemanden in die Knie geht, erkennt an: Du bist größer, mächtiger als ich. Die weisen gehen vor dem Kind Jesus anbetend in die Knie, weil sie in ihm den Größten und Mächtigsten sehen und bekennen wollen: Gott.

Gold, Weihrauch und Myrrhe sind bezeichnende Geschenke. Gold steht für die Macht und den Glanz des Königs. Weihrauch wird zur Ehre Gottes verbrannt und geopfert. Myrrhe wurde als Balsam für den verstorbenen, menschlichen Leib verwendet. Die Geschenke der Weisen - Gold, Weihrauch und Myrrhe- bezeichnen so Jesus als den König der Welt, wahrer Gott und wahrer Mensch.

Liebe Schwestern und Brüder,
wir brauchen Zeichen, damit wir eine tiefe Wahrheit entdecken und ausdrücken. Denn wir sind Menschen mit Sinnen. Ganzheitlich wollen wir spüren, schmecken, riechen, sehen, hören. Das gesprochene Wort allein reicht uns nicht.

Es reicht uns vor allem nicht, wenn wir lieben.
Liebende sagen meist„Ich liebe Dich.“ mehr durch ihre Taten und Gesten als durch ihre Worte.
Und die Liturgie der Kirche sagt in all ihrer Feierlichkeit und überlieferten Form, dass wir Gott lieben und uns von ihm geliebt wissen.

Wie die Weisen handeln auch wir. Wir sind zusammengekommen, um das Hl. Messopfer zu feiern. Die Gesten und Gebärden, die goldenen Gefäße und die prächtigen Gewänder, der feierlich geschmückte Kirchenraum sind auch bezeichnend: Sie zeigen, dass wir nicht uns und unsere Gemeinschaft hier im Raum feiern, sondern unseren Gott. Die Liturgie der Kirche ist der sinnenhafte Ausdruck unseres Glaubens, dass Gott in Jesus Christus unter uns wohnte und in den Gestalten von Brot und Wein eben dieser Jesus mit Leib und Blut unter uns ist und sich uns schenkt.

Wer sich in einen Menschen verliebt, dem fehlen oft die Worte, auszudrücken, was er empfindet. Deshalb greift er zu Geschenken, Küssen, Umarmungen und auch zu Liedern. Die Liebe ist DAS Thema der Musik, ob alt oder neu.

Gerade deshalb hat die Musik und das Lied seinen festen Platz in der Liturgie.
Ein großer Kenner und Liebhaber der Musik ist Papst Benedikt. Von ihm stammen folgende Worte:

...von Anfang an hat zur Heiligen Messe die Musik, das Singen, gehört.
Wenn der Mensch vor Gott steht, reicht ihm das bloße Reden nicht aus.
So wie ganz allgemein Liebe und Leid die Grenzen der bloßen Worte sprengen und einen Ausdruck suchen, der auch das Unsagbare einbegreift, so ist es auch in der Begegnung mit Gott, in der der Mensch sich selbst überschreiten will.

Während das Beten Israels auch die Instrumente, die Stimmen der Schöpfung, zu Hilfe gerufen hatte, um Gott angemessen zu antworten, hat die Kirche zunächst aus vielerlei Gründen nur die menschliche Stimme für würdig gehalten, ihre Freude an Gott und ihr Ringen mit Gott auszudrücken.
So ist der gregorianische Choral entstanden, dessen innere Reinheit und Leuchtkraft uns auch heute ganz unmittelbar die Gegenwart Gottes spüren lässt.
Im Mittelalter, in der Welt der Kathedralen, fing man an, nach noch mehr und nach Größerem zu suchen: Es entstand die Polyphonie.
Zur Orgel als einer Synthese der Stimmen der Schöpfung traten nun auch die verschiedenen Instrumente. Alles sollte aufgeboten werden, um Gott zu lobpreisen. Von da an sahen es die großen Meister der Komposition als eine ihrer höchsten Möglichkeiten an, dem Gotteslob in der Liturgie der Heiligen Messe musikalische Gestalt zu geben, Messen zu komponieren, gleichsam ihre Meisterschaft Gott selbst zu Füßen zu legen und dabei zugleich der Gemeinschaft der betenden Menschen zu dienen.

Liebe Schwestern und Brüder,
gerade an den vergangenen Feiertagen haben wir immer wieder gespürt, wie gut es tut, dass wir Gott mit Liedern preisen können.
In dieser Woche hören wir auch die Orgeln unserer Pfarrei beim Festival OrgelPlus erklingen.

Unsere Pfarrgemeinde ist reich, wenn wir auf die Kirchenmusik schauen:
10 Chöre und eine Instrumentalgruppe singen und spielen regelmäßig in unseren Kirchen. Immer wieder kommen andere als Gäste hinzu.
Es ist eine bunte Vielfalt.

Die kirchenmusikalische Vielfalt bei uns ist – so hoffe ich doch – Ausdruck dafür, dass wir als Pfarrgemeinde sozusagen sprachlos werden angesichts der Größe und Güte Gottes und nicht anders können als ihn vielstimmig zu preisen.
Sie ist Ausdruck dafür, dass wir Gott lieben und uns von ihm geliebt wissen.
Sie ist eine große Hilfe, wie der Papst es ausdrückt: der Gemeinschaft der betenden Menschen zu dienen., weil sie nicht zur eigenen Ehre erklingt, sondern zur Ehre Gottes.

Liebe Schwestern und Brüder,
...da fielen sie nieder und huldigten ihm. Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar. steht es von den Weisen in der Schrift.

Wir bringen unserem Gott unseren Gesang und unsere Musik als Gabe. Als Liebeslieder.
Wir danken allen in unserer Pfarrei, die sich in der Kirchenmusik engagieren und uns so helfen, unsere Sprachlosigkeit zu lösen und uns zu öffnen für den Gott, der in Jesus Christus uns heute erschienen ist. Amen.

50. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2008)

Liebe Gemeinde!

Im Evangelium haben wir gerade gehört, was damals geschehen ist. Aus dem fernen Morgenland kamen weise Leute, Magier, Sterndeuter – wir könnten auch sagen: Wissenschaftler – und fragten nach dem neugeborenen König der Juden, dem sie huldigen wollten. Ein Stern hatte ihnen nämlich die Geburt dieses Königs angekündigt. Wie man heute mit guten Gründen vermutet, war es eine seltene Sternkonstellation, nämlich ein Zusammentreffen der Planeten Jupiter und Saturn im Sternbild der Fische, was nur etwa alle 800 Jahre eintritt. Für die babylonische Sternkunde ist Jupiter der Stern des Weltenherrschers, Saturn der Stern Palästinas; das Sternbild der Fische war für sie ein Zeichen für die Endzeit. Daraus konnte man sich nach der damaligen Wissenschaft nur folgenden Reim machen: Der endzeitliche Weltenherrscher wird in Palästina geboren. Um diesen Weltenherrscher zu sehen, traten also die Sternkundigen aus dem Osten die 1000 km lange Reise an. Das war ganz gewiss kein touristisches Unternehmen, sondern eine sehr beschwerliche Expedition. Nur Menschen, die von einer tiefen Sehnsucht geleitet sind, echte Gottsucher, die ihr unruhiges Herz spüren, werden sich auf einen derart langen und ungewissen Weg machen. Nur sehr wenige Menschen spüren, dass sie zeit ihres Lebens Pilger und Wanderer zwischen zwei Welten sind, dass sie auf der Erde nur eine befristete Heimat haben und darum Ausschau halten müssen nach einem, der ihnen ewige Heimat bieten kann. Diese Sehnsucht, verbunden mit ihrer Wissenschaft hatte sie nun überraschenderweise nicht zu einem Königssohn im Palast, sondern zu einem unscheinbaren Kind in einer Krippe geführt. Im Evangelium heißt es dazu: „Als sie das Kind und seine Mutter erblickten, fielen sie nieder und beteten es an.“ Doch gerade diese überraschende Huldigung weist auf den eigentlichen Sinn des heutigen Festes hin, den Höhepunkt, auf den alles zustrebt: Jesus finden und ihn als Gott verehren. Darum auch die Geschenke, die die Sterndeuter mitgebracht haben: Gold – aller Glanz dieser Welt soll Jesus gehören! Weihrauch – aller Ruhm soll zu Gott emporsteigen! Myrrhe – unser Leben soll im Tod in Jesus aufgehen. Durch die Gaben drücken die Sterndeuter aus, dass sie gefunden haben, was sie suchten, dass ihre Unruhe gestillt ist: sie können glauben und im Glauben Ruhe finden. Sie verschenken sich selbst an das Kind mit allem, was sie sind und haben. Sie haben Gottes Liebe in ihrem Herzen gespürt und nun schenken sie sich ganz und gar an Gott zurück. So soll es auch in unserem Leben sein – daran erinnert uns dieses Fest. Was wir an Weihnachten gefeiert haben, soll nun nach außen sichtbar werden, soll in unserem Leben aufscheinen und wie ein Funke auf andere überspringen. Was ist denn ein Christ überhaupt? Einer, der in die Kirche geht? Einer, der etwas für gute Zwecke spendet? – Gewiss, aber das ist noch zu oberflächlich gesehen. Ein Christ ist einer, der Gottes Liebe im Herzen trägt, der daraus froh wird, der sich deswegen wohltuend von den anderen Leuten unterscheidet, die mit einem missmutigen Gesicht durch die Welt laufen und an allem und jedem etwas auszusetzen haben. Ein Christ ist einer sauber geputztem Fensterscheibe vergleichbar, durch die die Sonne in diese Welt hineinscheint, die Sonne der Liebe Gottes. Ein Christ – das ist einer, der weiß, dass er Kind Gottes ist, beschenkt mit einer unermesslich hohen Würde. Ein Christ kann deswegen gar nicht anders als Gottes Liebe in seinen menschlichen Worten und Gesten an andere weiterzugeben. Er strahlt die Liebe aus – aus seinen Augen, aus seinem Lachen, aus seinen Umarmungen, ja, auch aus seinen Tränen des Mitleids etwa für einen, der leidet. Ein Christ ist wie ein lebendiges Evangelium, an dem die Menschen, ohne selbst in die Bibel schauen zu müssen, die Frohe Botschaft ablesen können. Das ist unsere wahre Berufung als Kinder Gottes! Denken Sie nicht, das ist zu schwer, das ist zu ideal gedacht, wer schafft das schon?! Mit menschlicher Kraft ist das natürlich nicht zu schaffen. Es ist eine Gnade. Aber Gnade heißt nicht, dass man sie nicht bekommen kann. Gnade ist ein Geschenk von Gott, das jeder bekommt, der darum bittet. Nur wir bitten wohl zu wenig darum. Wir sollten uns nicht mit Mittelmäßigkeit begnügen, die vergleichbar ist mit einem total verschmutzen Glas, durch das nur wenig Sonnenlicht dringt. Bitten wir heute Gott um die Gnade, aus unserem Glauben froh zu werden und die Freude der Weihnachtszeit widerzuspiegeln!

51. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2008)

Liebe Schwestern und Brüder,
dass wir heute die Weihe einer Kirche zu Rom feiern, dass dieses Fest sogar die Texte des Sonntag verdrängt, zeigt die Wichtigkeit dieses Festes.
Da die Lateranbasilika der erste offizielle Amtssitz des Papstes war – ungefähr tausend lang – stellt uns dieses Fest mitten hinein in die Weltkirche. Wir sind durch unseren Glauben mit allen Schwestern und Brüdern aller Zeiten und Orte verbunden.
Da die Lateranbasilika das gleiche Patronat besitzt wie unsere Pfarrkirche, können wir auch an die Weihe dieser Kirche denken.

Wir begehen die Erinnerung an den Weihetag der Kirche mit einem Fest. Liturgisch wird das mit großer Feierlichkeit getan. Aber auch im weltlichen Bereich gibt es Feste: Die Kirchmeß-Feier, wie man den Weihetag im Deutschen auch nennt – ist der Ursprung einer jeden Kir-mes.

Der Weihetag der Kirchen soll also nicht vergessen werden. Denn ein solcher Weihetag erinnert uns an Wesentliches unseres Glaubens. Aber an was?

Ich möchte nun einen Prediger zu Wort kommen lassen, der in Rom am Weihetag der Lateranbasilika gesprochen hat. Sein Names ist Cäsarius von Arles. Die Predigt ist ca. 1500 Jahre alt. Aber von bleibendem Wert.

„Durch die Güte Gottes dürfen wir heute den Weihetag dieses Gotteshauses mit Freude und Jubel begehen. Der wirkliche und lebendige Tempel jedoch müssen wir selber sein.


Dennoch feiern die christlichen Völker mit Recht das Fest der Mutterkirche. weil sie wissen, dass sie durch diese Kirche im Geist wiedergeboren wurden. (...) Die erste Geburt gebar uns für den Tod, die zweite rief uns zum Leben zurück.
Vor der Taufe, meine Lieben, waren wir alle Tempel des Teufels, nach der Taufe wurden wir Tempel Christi.

Wenn wir aufmerksamer über das Heil unserer Seele nachdenken, erkennen wir auch, dass der eigentliche und lebendige Tempel Gottes wir selber sind.
Gott wohnt nicht bloß in dem, was von Menschenhand gemacht ist, und nicht in einem Haus aus Holz und Stein, sondern vor allem in der Seele, die nach dem Bild Gottes geschaffen und von der Hand des Künstlers selbst gebildet ist. Der heilige Apostel Paulus sagt: Gottes Tempel ist heilig, und der seid ihr.

Christus kam und warf den Teufel aus unserem Herzen hinaus, um in uns für sich einen Tempel zu schaffen. Nach Kräften wollen wir darum mit seiner Hilfe daran arbeiten, dass ihm in uns nicht durch böse Taten Unrecht geschieht. (...)

Wenn wir daher, meine Lieben, mit Freuden den Gedächtnistag des Gotteshauses feiern wollen, dürfen wir den lebendigen Tempel Gottes nicht in uns durch böse Werke zerstören. Wie wir die Kirche vorfinden wollen, wenn wir zu ihr kommen, geradeso müssen wir unsere Seele bereiten.“

Liebe Schwestern und Brüder,
ein schönes Bild ist das. Wir wollen unsere Seele sauber halten, wie wir unsere Kirche in Ehren halten, damit sie ein Ort sein kann, in dem man Christus begegnen kann.

Als Menschen sind wir aber nicht nur reine Geistwesen, wir haben auch unseren Leib und unsere Sinne.

Und als solche werden wir im Alltag oft und oft über Gebühr in Anspruch genommen: im Beruf, durch die Medien, in der Gesellschaft. Alles muß sich rechnen, muß sich lohnen. Da geraten wir auch als Christen in Gefahr, unsere Seele mit allem möglichen „zu zumüllen“, so daß der Herr darin keinen Raum mehr findet. Unsere Seele bedarf so des Öfteren einer Tempelreinigung.

Und dazu helfen uns die Gotteshäuser, die ja dem alltägliche Gebrauch entzogen sind. Die Kirchen werden als sakrale, geweihte Räume um so lebensnotwendiger – sagt der große deutsche Philosoph Josef Pieper

„je mehr der Absolutheitsanspruch des bloß Nutzenden die gesamte Existenz mit Beschlag zu belegen droht. Desto mehr bedarf der Mensch, um eines wahrhaft menschlichen Lebens willen, dieser Chance, aus dem akustischen und optischen Getöse (kaufe dies, trinke das, iß jenes, wähle den, amüsiere dich hier, demonstriere für oder gegen), aus diesem pausenlosen Angeschrienwerden immer wieder hinaustreten zu können in einen Raum, in welchem Schweigen herrscht und also wirkliches Hören möglich wird und das Vernehmen der Realität, auf welcher unser Dasein ruht und aus der es sich immerfort nährt und erneuert.“

Liebe Schwestern und Brüder,
wir dürfen sehr froh sein, daß wir in unserem Dorf so schöne Kirchen und Kapellen haben. Wir sind dankbar für unsere Pfarrkirche, die auch vielen Nicht-Kirchhellenern ein Anziehungspunkt ist.
Es ist gut zu wissen, daß sich die Kirchhellener immer wieder einsetzen, wenn es um den Erhalt und Unterhalt der Kirche geht.


Indem wir nämlich als Pfarrgemeinde unsere Kirchen offenhalten, halten wir in gewissem Sinne den Himmel offen.
Der Kirchbau erinnert uns daran, daß Gott unter uns wohnt und in uns wohnen will.

Der heutige Festtag macht deutlich, daß Gott in dieser Welt Raum hat, daß er in den Herzen der Menschen einziehen will, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.
Gott will Raum gewinnen in uns. Dann wird er Raum gewinnen in der Welt, weil die Menschen ihm durch uns begegnen.

Wir sind der Tempel Gottes. Wenn wir die Botschaft dieses Festtages ernstnehmen, dann erkennen wir auch unseren Auftrag auf dieser Erde, den ein Kirchenvater einmal so zusammengefasst hat:
„Was die Seele für den Leib, das ist die Kirche für die Welt.“

52. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2008)

Liebe Gemeinde!

An der Jahreswende legt es sich nahe, auf das vergangene Jahr zurückzublicken und zugleich gute Vorsätze für das Neue Jahr zu machen. Ich bin nun im fünften Jahr Pastor hier in St. Pankratius. Was hat dieses Jahr aus der seelsorglichen Perspektive gebracht? Zunächst ein paar Zahlen: 25 Kinder wurden von ihren Eltern zur ersten heiligen Kommunion geführt (für viele war dies auch die letzte). 27 Jugendliche sind gefirmt worden. 14 Kinder wurden getauft. Trauungen gab es keine. 5 Mitglieder unserer Gemeinde haben den Kirchenaustritt erklärt. 17 Personen sind gestorben. Im gleichen Zeitraum hat der Kirchenbesuch in erschreckend hohem Ausmaß abgenommen, und das in dem Jahr, in dem der Pfarrgemeinderat sich den Kirchenbesuch als Jahresthema vorgenommen hat. Eine wesentliche Folge ist der ebenfalls erhebliche Rückgang der Kollekte für die eigene Gemeinde: Waren es bisher rund 4.500 Euro, die jährlich für die Pfarrgemeinde gespendet wurden, so sind im Jahre 2007 nur noch 3000 Euro zusammengekommen, d.h. 35 % weniger. Dennoch möchte ich an dieser Stelle zunächst allen ein Wort des Dankes sagen, die im letzten Jahr ehrenamtlich in unserer Gemeinde mitgearbeitet haben. Manche haben sehr, sehr viel Freizeit geopfert, um das Gemeindeleben zu erhalten oder zu verlebendigen. Ohne diese vielen Dienste im einzelnen aufzählen zu können, darf ich als Pastor wohl sagen, dass es gerade diese Mitarbeit ist, die unsere Gemeinde lebendig erhält. Was ich selber dazu tun konnte, war vergleichsweise wenig. Haben Sie alle herzlichen Dank und geben Sie diesen Dank auch weiter! Ich muss aber auch mit allem Nachdruck darauf hinweisen, dass unsere Gemeinde ohne die großzügige Spende der Kirchenbesucher ihre vielfältigen Aufgaben nicht erfüllen kann. Die Kirchensteuerzuweisungen werden in den nächsten Jahren weiter zurückgeschraubt. In Capelle ist nicht einmal mehr Geld für den nötigen Kirchenanstrich da. An diesen Punkt werden auch wir bald kommen, wenn die Kollekten nicht wieder besser werden. Was viele übrigens nicht wissen: Es sind vorwiegend die Nichtkirchgänger, welche durch ihre Kirchensteuer den Betrieb der Gemeinden finanzieren. Der Großteil der Kirchenbesucher zahlt hingegen überhaupt keine oder nur sehr geringe Kirchensteuer. Wenn diese dann nur ein paar Cent in das Kollektenkörbchen werfen – was ist das dann anderes als Geiz? – Ich weiß, dass alles teurer wird und das Geld knapper. Aber nicht jeder hier gehört zu den Armen. Lassen Sie sich bitte im kommenden Jahr nicht lumpen! Der erste Tag des Jahres ist im liturgischen Kalender der Gottesmutter gewidmet. Diese Erklärung des 1. Januar zum Hochfest der Gottesmutter ist ein Aufruf zur Besinnung auf das Wesentliche unseres Glaubens, ein Aufruf zur gelassenen Gläubigkeit, gleichsam eine Medizin gegen die Gottvergessenheit und die übertriebene Zukunftsangst, die daraus entsteht. Wenn wir heute (morgen) auf Maria blicken, beten wir darum, dass ihr Glaube, ihre Fürsprache und ihr Segen das neue Jahr bestimmen mögen. Wir Christen können trotz aller Schwierigkeiten und Rückschläge gelassen in das Neue Jahr gehen, weil wir nicht alles selbst machen müssen; wir wissen: Gott hat schon an der Menschheit gehandelt, er hat in der Fülle der Zeit an Maria gehandelt, die uns den Heiland geboren hat. Jesus, der Sohn Gottes, hat uns freigekauft, damit wir Kinder Gottes werden (Gal 4,5) und das Reich Gottes erben. Das ist die große Gabe, die uns Gott geschenkt hat. Es ist ein geistiges Kapital, mit dem wir wuchern können und sollen. Ich wünsche mir sehnlich, dass wir Christen in Deutschland dieses Geschenk im kommenden Jahr mehr würdigen als im vergangenen. Von Maria heißt es, dass sie „alles, was geschehen war, in ihrem Herzen bewahrte und darüber nachdachte“ (Lk 2,19). In dieser Haltung kann sie uns ein Vorbild sein: Wir unterliegen heutzutage einer Dauerberieselung, die kaum jemandem noch Zeit zum Nachdenken lässt. Ständig strömen Nachrichten und Neuigkeiten auf uns ein, die Flut der Bilder und Worte reißt uns mit und macht uns wehrlos gegen Manipulation. Dagegen hilft die Meditation des Wortes Gottes, die stille Einkehr im Gebet. Die einfachste Weise, zur Ruhe zu kommen, ist immer noch die Mitfeier der Heiligen Messe, denn wem gelingt es schon zu Hause, eine halbe Stunde still zu werden und zu meditieren? Klagen wir nicht über den Rückgang der Gottesdienstbesucher, sondern nehmen wir uns vor, selber das Gebet und die Feier der Messe im Neuen Jahr wieder wichtiger zu nehmen! Dann wird für uns das Neue Jahr ein gutes Jahr in St. Pankratius werden!

53. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2008)

Liebe Gemeinde!

Das Osterfest war ursprünglich ein jüdisches Fest, es hieß Pascha, Vorübergang des Herrn. Man gedachte des Auszugs aus Ägypten und der erschütternden letzten Plage, vor der Gott sein Volk verschont hatte. Denn ihre Türpfosten waren mit dem Blut des Lammes bestrichen worden: dieses Blut war das Zeichen ihrer Rettung.

Bis heute ist es beim jüdischen Paschamahl Sitte, dass der jüngste Sohn den Vater fragt: „Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen?“ Und der Vater erzählt dann die lange Geschichte von Gott, dem Schöpfer und dem, der Abraham berufen hat, vom Volk Israel, das in Ägypten versklavt wurde und schließlich vom Auszug aus Ägypten durch die mächtige Hand Jahwes und vom Durchzug durch das Rote Meer.

Wenn der Herr vorübergeht und eingreift, dann ist nachher alles anders als vorher. Die Veränderung kann massiv äußerlich erfahrbar sein wie beim Vorübergang des Herrn an den ägyptischen Häusern oder beim Durchzug durch die Wasser des Roten Meeres. Sie kann aber auch wie bei Elija die Seele betreffen und sich nur durch ein sanftes, leises Säuseln bemerkbar machen; die äußeren Naturerscheinungen sind dann allenfalls Vorboten für die eigentliche und tiefe Veränderung, auf die es Gott ankommt, auf den Trost der Seele, die Bekehrung des Herzens: „Da zog der Herr vorüber: Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem Herrn voraus. Doch der Herr war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der Herr war nicht im Erdbeben. Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der Herr war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln.“ (1 Kön 19,11-12)

Auch wir haben in den letzten zwei (drei) Tagen den Vorübergang des Herrn gefeiert. Die Osternacht ist der Höhepunkt. Was würden wir antworten, wenn uns einer fragte: „Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen?“ Können wir darauf überhaupt antworten? Daran entscheidet sich, ob wir wahrhaft Christen sind.

Die Liturgie der Osternacht hilft uns, den Unterschied zu erkennen. Mitten in der Feier braust plötzlich die Orgel wieder auf, die Glocken läuten, das Licht wird entzündet. Nach der Lesung der alttestamentlichen Texte wird uns das unterscheidend Neue verkündet: das Neue Testament, die Frohe Botschaft. Das jüdische Pascha kennt nur die Erinnerung an den Vorübergang des Herrn und die Verschonung der Juden aufgrund der mit Blut bestrichenen Türpfosten. Die christliche Osternacht geht darüber hinaus: der Herr geht nicht nur vorüber, sondern er kommt auf die verzweifelten Jünger zu. Er dokumentiert seine Macht nicht mit einem Schreckensbild der Verwüstung, sondern er macht sich selbst zum Lamm, dessen Blut die Gläubigen heiligt. Die Verschonung, die er erwirkt, betrifft nicht das leibliche Leben, sondern die Gewissenslage der Seelen, sie wird nicht auf Zeit, sondern für die Ewigkeit gewährt.

In jener Osternacht hat eine grundlegende Veränderung die Welt ergriffen. Die (heutige) Ostersequenz beschreibt sie unter dem Bild eines Kampfes: „Tod und Leben stritten im Kampf, wie nie einer war; der Fürst des Lebens erlag dem Tod; zum Leben erstanden triumphiert er als König.“ Vom „Ostersieg“ sprechen auch viele Osterlieder. Auch das Exsultet, das Osterlob, benutzt eine entsprechende Ausdrucksweise: „Dies ist die selige Nacht, in der Christus die Ketten des Todes zerbrach und aus der Tiefe als Sieger emporstieg.“ Hierzu passt auch, dass Matthäus von einem gewaltigen Erdbeben berichtet, vom Auftreten eines furchterregenden Engels sowie davon, dass die „Wächter begannen vor Angst zu zittern und wie tot zu Boden fielen“. (Mt 28,4) – Aber wie schon bei Elija sollte klar sein, dass die äußeren Erscheinungen nur die Vorboten des tieferen Geschehens sind. Wenn der Herr vorüber geht, dann kann das tatsächlich Angst und Schrecken mit sich bringen, aber die Herzen werden damit noch nicht erreicht. Die Wächter haben nicht zum Glauben gefunden, ebenso wenig die Pharisäer, die Jesus ans Kreuz gebracht haben. Überhaupt kann niemand zum Glauben finden, der nur an sich und den eigenen Vorteil denkt, der nicht wenigstens einen Funken Liebe in sich hat. Man muss schon lieben, um die Erfahrung machen zu können, dass die Liebe stärker ist als der Tod. Man muss sich wecken lassen, um dem Auferweckten zu begegnen. Im Bild gesagt: Wer schwimmen lernen will, der darf nicht wasserscheu sein.

Um dieses Bild ein wenig weiter auszumalen: Der moderne Mensch ist wasserscheu in religiösen Dingen. Er sagt: „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass.“ Das fängt schon bei der Taufe an: Viele wünschen die Taufe für ihr Kind, aber sie sehen gar nicht ihre eigene Verantwortung für die religiöse Erziehung dem Kind gegenüber. Sie scheuen den Einsatz, das entschiedene JA zu Gott, zum Glauben, zur Kirche. So bleibt es bei einer Unentschiedenheit, die die Bibel auch Lauheit nennt: weder warm noch kalt. „Kann ja nicht schaden…“ Aber mit dem pflaumenweichen „Kann ja nicht schaden…“ bringt man nichts zustande. Auf so etwas baut man keinen Lebensentwurf. Auf diese Weise haben die ersten Jünger nicht zum Glauben gefunden, und so haben sie ihn auch nicht empfohlen.

Vielleicht denken Sie: Ja, wenn ich damals dabei gewesen wäre, dann könnte ich fester und entschiedener glauben. Aber so!? Wer weiß, ob das alles wirklich stimmt. Ist ja auch schon so lange her… – Noch einmal: Wer wasserscheu ist, wird niemals schwimmen lernen. Wer wie Pilatus fragt: „Was ist Wahrheit?“ und bloß sein eigenes Lebensinteresse verfolgt, der wird nie die Wahrheit finden. Wer aber schon angefangen hat, sein eigenes Wohl hintanzusetzen um der Wahrheit und der Liebe willen, der kann dem Auferstandenen begegnen: An dem geht Jesus nicht nur vorüber, sondern dem zeigt er sich – vielleicht ähnlich wie damals dem Elija gleichsam im sanften, leisen Säuseln, das auf dem Grunde der Seele zu spüren ist, ausgelöst z.B. durch die Mitfeier der Osterliturgie, nicht weniger aber auch durch die Begegnung mit einem wahrhaft gläubigen Christen.

„Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen?“ Das war die Frage des jüdischen Kindes. Jesus hat zwar auch mit seinen Jüngern das Paschamahl gefeiert, aber er hat das zeichenhafte Geschehen dann in seiner Person erfüllt; er hat dem Zeichen auch Taten folgen lassen und es so in Wirklichkeit umgesetzt. Seit der Osternacht hat der Tod seine endgültige Macht verloren; der Auferstandene lebt und kann jedem begegnen, der nicht „wasserscheu“ ist. Im letzten Buch der Bibel heißt es: „Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten, und wir werden Mahl halten, ich mit ihm und er mit mir.“ (Offenbarung 3,20) Wenn er anklopft, dann sollten wir ihn auch hereinlassen!

54. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2008)

Zur Weihnachten steht das Kind Jesus sozusagen im Mittelpunkt. Am letzten Tag der Weihnachtszeit öffnet sich unser Blick auf den hin, der Jesus seine Sohn gesandt hat: auf Gottvater.

Einige haben in der Kirchengeschichte ein Bild vom Vatergott entworfen, das mehr dem Bild eines Tyrannen ähnelt. Da wird Gott zu einem Vater, der nur darauf aus ist, seine Kinder für ihre Fehler und Sünden zu bestrafen, der Katastrophen, Epidemien und Gewalt über die böse Welt ausschüttet.
Gottvater ist aber kein Tyrann.

Andere haben aus dem barmherzigen Vater so eine Art lieben Onkel gemacht. Schon fast treudoof vergibt dieser Vater allen alles, weil er ja ach so gut und so lieb ist. Warum sich dann noch um Gebote kümmern, warum sich dann noch etwas von der Kirche sagen lassen?
Gottvater ist auch kein lieber Onkel.

Liebe Schwestern und Brüder.
Bei der Taufe Jesu sagt der Vater:
Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe.
Der Vater liebt den Sohn.
Jemanden lieben - das hat nichts mit dem zu tun, was uns Herz-und-Schmerz-Serien im Fernsehen suggerieren wollen.
Jemanden lieben - Das heißt wollen, daß jemand ist.
„Ich liebe dich!“ heißt: „Ich will, daß du bist, daß du mit mir bist. Ich will dich, so wie du bist. Mit all den guten und weniger guten Seiten an dir. Mit all den Möglichkeiten und Grenzen, die du hast.“

Der Vater liebt seinen menschgewordenen Sohn. Und in seinem Sohn liebt er uns.
Bei unserer Taufe hat er zu jedem, zu jeder von uns gesagt: „Du bist mein geliebter Sohn, meine geliebte Tochter.“
Er liebt uns so, wie wir eben sind, ganz menschlich. Vor Gott dürfen wir wirklich die sein, die wir sind: Menschen, mit all den guten und schlechten Seiten, mit unseren Möglichkeiten und Grenzen.

Jesus selbst stellte sich damals in die Reihe derer, die auf die Taufe des Johannes warteten. Diese Taufe war eine Taufe der Umkehr. Die, die sich taufen ließen, bekannten, daß sie Sünder waren. Jesus stellte sich damals also in die Reihe der Sünder.
Er selbst war kein Sünder. Aber er hat uns damit gezeigt, daß sein Vater auf unserer Seite steht.

Das heißt nicht, daß Gott die Sünde will. Nein, er verabscheut die Sünde. Aber er liebt die Sünder.
Er ist eben nicht Tyrann, eben nicht ein lieber Onkel.
Er ist ein erbitterter Feind der Sünde und ein wahrer Freund der Sünder.

Eben davon spricht das Sakrament der Taufe.
Die Taufe schenkt uns neues Leben, weil sie uns von der Sünde und vom Tod befreit. In der Taufe wird uns die Schuld vergeben und wir werden von der Erbsünde befreit.

Das Wort Erbsünde ist aus der Mode gekommen. Viele wissen nichts mehr damit anzufangen. Sünde kann man doch nicht vererben.

Ich erkläre diese Realität gerne mit einer Apfelkiste.
Stellen sie sich mal eine Kiste auf dem Markt vor. Voll mit den schönsten und saftigsten Äpfeln. Wunderschön grün und frisch.
Da kommt jemand und legt einen Apfel, mit einer kleinen faulen Stelle unten links in die Kiste.
Wenn nichts geschieht, wird bald die ganze Kiste nur noch voll fauler Äpfel sein. Obwohl der kleine faule Apfel nicht mit allen Äpfeln in der Kiste in Berührung kam, nur mit eins, zwei vielleicht, hat er die ganze Kiste sozusagen vergiftet. Nur wenn man die anderen Äpfel gut schützt, quasi imprägniert, bleiben sie resistent.
Diese faulige Atmosphäre ist sozusagen ein Bild für die Erbsünde. Seit dem ersten Mal, dass sich ein Mensch gegen Gott entschieden hat, ist in dieser Welt der Wurm drin. Schauen wir uns nur um in dieser Welt. Und in diese faulige Atmosphäre werden wir hineingeboren, obwohl wir doch eigentlich nichts dafür können. Erst recht nicht die kleinen Kinder.

Und wir würden darin untergehen, gäbe es nicht die Taufe. Sie ist – wenn man so will – eine Imprägnierung gegen die moderige, zum Tode neigende Atmosphäre der Sünde in und um uns. Die Beichte erneuert diesen Schutz, wenn er aus eigener Schuld leck geschlagen ist. Und wieder hört der Getaufte dann die tröstenden Worte Gottvaters: „Du bist mein geliebter Sohn, meine geliebte Tochter.“

Schwestern und Brüder,
Gregor von Nazianz schrieb einmal ein Loblied auf die Taufe:
„Die Taufe ist die schönste und herrlichste der Gaben Gottes ... Wir nennen sie Gabe, Gnade, Salbung, Erleuchtung, Gewand der Unverweslichkeit, Bad der Wiedergeburt, Siegel, und nach allem, was besonders wertvoll ist.
Gabe, denn sie wird solchen verliehen, die nichts mitbringen; Gnade, denn sie wird sogar Schuldigen gespendet;
Taufe, denn die Sünde wird im Wasser begraben;
Salbung, denn sie ist heilig und königlich (wie die, die gesalbt werden);
Erleuchtung, denn sie ist strahlendes Licht;
Gewand, denn sie bedeckt unsere Schande;
Bad, denn sie wäscht;
Siegel, denn sie behütet uns und ist das Zeichen der Herrschaft Gottes“

Der Getaufte ist damit hoffnungsfroher Realist:
Wer sich von diesem Sakrament beschenkt weiß, weiß ganz klar: „Sünde und Schuld gehören zu meinem Leben, zu dieser Welt unausweichlich dazu. All dem kann ich nicht enfliehen. Ich spüre es in mir und um mich herum.“
Er weiß aber auch mit dieser Realität umzugehen.
Er wird nicht versuchen, seine Schuld zu verdrängen.
Er wird sich nicht so leicht von der Traurigkeit über die eigene Sündhaftigkeit lähmen lassen. Oder blauäugig meinen, der Mensch macht schon alles gut, wie viele aus der Aufklärung entstandenen Ideologien.
Die Sünde verdrängen - sich von ihr lähmen lassen: Möglicherweise ist das häufiger der Grund, warum Menschen die Couch des Psychiaters aufsuchen.

„Du bist mein geliebter Sohn. Du bist meine geliebte Tochter.“
Das ist die Botschaft, die uns zu Schwestern und Brüdern, zur übernatürlichen Familie der Kirche macht.

„Du bist mein geliebter Sohn. Du bist meine geliebte Tochter.“
Das ist die Botschaft des heutigen Festes, das die liturgische Weihnachtszeit beendet.

Auf seine Weise faßt Dietrich Bonhoeffer diese Botschaft zusammen:
Der Menschgewordene ist das unergründliche Geheimnis der Liebe Gottes zu Welt. Gott liebt den Menschen. Gott liebt die Welt. Nicht einen Idealmenschen, sondern den Menschen, wie er ist; nicht eine Idealwelt, sondern die wirkliche Welt. ... Gott tritt auf die Seite des wirklichen Menschen und der wirklichen Welt gegen alle ihre Verkläger.“

55. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2008)

Liebe Gemeinde!

Petrus steht heute im Mittelpunkt der Lesung aus der Apostelgeschichte. Er ist soeben in das Haus des römischen Hauptmanns Kornelius aus dem palästinensischen Caesarea eingekehrt und hat erfahren, dass Gott auch die Heiden mit der Gabe des Heiligen Geistes beschenken will – was für einen Juden schwer vorstellbar war.

Darum ruft Petrus aus: „Wahrhaftig, jetzt begreife ich, dass Gott nicht auf die Person sieht, sondern dass ihm in jedem Volk willkommen ist, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist.“ (Apg 10,34f) Und dann fasst er in knappen Worten das Evangelium zusammen: „Ihr wisst, was im ganzen Land der Juden geschehen ist, angefangen in Galiläa, nach der Taufe, die Johannes verkündet hat: wie Gott Jesus von Nazaret gesalbt hat mit dem Heiligen Geist und mit Kraft, wie dieser umherzog, Gutes tat und alle heilte, die in der Gewalt des Teufels waren; denn Gott war mit ihm.“ (Apg 10,37f) – Petrus lässt das Evangelium mit der Taufe Jesu durch den Täufer Johannes beginnen. In der Tat – bei diesem Ereignis öffnete sich der Himmel: Gott wendet sich den Menschen wieder freundlich zu, indem er Jesus mit dem Heiligen Geist und mit Kraft „salbt“ (wie es heißt). Das äußerlich sichtbare Zeichen ist die Abwaschung mit dem Jordanwasser, innerlich geschieht etwas, das die Bibel mit einer Salbung vergleicht, also mit der Auftragung einer Substanz, die sofort unter die Haut eindringt und ihre heilende und stärkende Wirkung entfaltet. Der so Gesalbte – der Christus/ Messias – hört innerlich die Stimme des Vaters im Himmel: „Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe.“ (Mt 3,17)

Mit diesem Akt beginnt in der Tat die Erlösung der Menschheit. Nicht Jesus wird erlöst, er ist ja bereits der geliebte Sohn des Vaters, die Menschen dürfen nun hoffen, in Jesus ihren Erlöser gefunden zu haben. Und zwar nicht nur die Juden, sondern alle Menschen aller Völker und aller Zeiten.

Doch das mussten die Apostel erst einmal kapieren. Petrus musste eine ganze Zeit vom Geist Gottes bearbeitet werden, bis er sich überhaupt in das Haus des heidnischen Hauptmann begab. Für Juden war es nämlich ein unreiner Ort, den man nicht betreten durfte. Die Heidenmission begann also erst, als Petrus den Kornelius und seine Familie taufte. Das Evangelium ging von nun an von den Juden zu den Heiden, von Jerusalem nach Rom.

Wir wissen, dass sich nicht alle Heiden darüber so freuten wie der römische Hauptmann Kornelius. Einige reagierten mit Unverstand, andere mit Widerstand und Verfolgungen. Es gab abwartendes und spöttisches Interesse, und es gab religiöse Aufgeschlossenheit.

Wie steht es mit den Menschen heute, die ungetauft sind? Sind sie mit den Heiden damals vergleichbar? Die bloße Tatsache, dass sie nicht getauft sind, macht sie noch nicht zu Heiden. Ein Heide ist ein Mensch, der vorchristlichen Göttervorstellungen anhängt, der versucht, die Macht der Götter durch gewisse Gegenleistungen zu sichern; diese sind teils magischer, teils moralischer Art. Er stellt sich die jeweilige Gottheit nicht als ein moralisches oder gar liebendes Wesen vor, sondern als eine höhere Macht, die man allerdings durch bestimmte Verehrungsformen gnädig stimmen kann. – Solche Heiden gibt es in der modernen westlichen Welt fast gar nicht mehr. Die heutigen Ungläubigen sind keine Heiden, sondern sie sind „religiös unmusikalisch“, wie Habermas es in einem Gespräch mit Kardinal Ratzinger formuliert hat. Wären sie doch nur richtige Heiden! Dann könnte die christliche Verkündigung sie überraschen und zum Nachdenken bringen. Denn dem Heiden gegenüber ist das Evangelium wirklich genau das, was der Name besagt: Frohe Botschaft. Es sagt: Gott ist ein Gott der Liebe! Er interessiert sich für dich! Er will nicht dein äußerliches Opfer, sondern er will dich zum Freund haben. Er wartet nicht, bis du dies und das geleistet hast, sondern er geht dir entgegen, ja, er trägt sogar deine Sünden an deiner Stelle.

Der moderne ungläubige oder religiös unmusikalische Mensch kennt diese Antwort des Christentums. Er hat sie zur Kenntnis genommen und aufgeteilt; die eine Hälfte hat er behalten, die andere vergessen. Behalten hat er den Teil des Evangeliums, das ihm sagt: „Du, Mensch, bist unendlich wichtig.“ Vergessen hat er den Teil, in dem es heißt: „Du sollst Gott fürchten und tun, was recht ist!“ (Vgl. Apg 10,35) Vergessen hat er also gerade den Teil, der für die Heiden selbstverständlich war.

Was ist an die Stelle dieser Überzeugung getreten, an die sich Heiden wie Christen über Jahrhunderte erinnert haben? Der Glaube an den Fortschritt von Wissen und technischer Macht! Dieser Glaube macht den Menschen religiös unmusikalisch, denn er ist selbst eine Ersatzreligion. Alles, was die Religion dem Menschen verheißt, soll sich der Mensch selber verschaffen können: durch Wissenschaft, Technik und Fortschritt.

Diese Ersatzreligion ist freilich schon seit längerem ins Wanken geraten. Statt Segnungen bringt der technische Fortschritt vielerorts nur Probleme, Rückschläge und sogar Kata­strophen. Auch politisch und wirtschaftlich können wir feststellen, dass die von Gott losgelöste Vernunft die Menschheit keineswegs weitergebracht hat. Sie hat lediglich die Macht einiger weniger gestärkt – auf Kosten der großen Mehrheit.

Darum ist es nur eine Frage der Zeit, dass die Menschen aufwachen aus diesem Wahn, sich selber erlösen zu können, der immer mehr zum Alptraum wird. Der Philosoph Habermas hat dies erkannt; einstweilen leidet er noch unter seiner fehlenden religiösen Musikalität. Wie damals Petrus hat Kardinal Ratzinger sich nicht gescheut, mit dem Ungläubigen zu reden.

Gott ist geduldig, er kann warten. Er sendet seinen Geist, wohin es ihm gefällt. Für alle Zeiten bleibt bestehen, was wir in der Lesung gehört haben: „Für Gott ist in jedem Volk willkommen, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist.“ (Apg 10,35)

56. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2008)

Eis der Antarktis dünn wie nie
Bauer sucht Frau – 4 verliebt, 5 alleine
Europa – Größte Rezession in der Nachkriegszeit erwartet
Manager von Tokio Hotel – Natürlich singt Bill live

In Betlehem wir Jesus Christus geboren.

Boris Becker – Neue Frisur! Alte Freundin?
Selbstmord eines Kranken im britischen Fernsehen ausgestrahlt
Gundis Zambo macht das Dschungelcamp schön
Zwangsurlaub bei deutschen Autobauern – Retten die Milliardenhilfen


Liebe Schwestern und Brüder,

haben Sie es gemerkt:
In den Schlagzeilen dieser Tage geht die Nachricht von der Geburt Christi fast unter.
Zwischen den Nachrichten über Boris, Bill und BMW fällt die Botschaft von Betlehem kaum auf.

Die Zeitungen, Radio- und Fernsehsendungen sind voll mit Schlagzeilen.
Solche Schlagzeilen spiegeln etwas vom Seelenzustand einer Gesellschaft wider.

Zum einen werden wir mit Belanglosigkeiten bombardiert, z. B. über den Tagesablauf von kameraüberwachten Spießbürgern in einem Wohncontainer oder viertklassigen Stars im australischen Dschungel.
Nachrichten, die die Welt wahrhaftig nicht braucht, und die an Inhaltslosigkeit fast nicht zu unterbieten sind.
Zum anderen werden wir durch viele Nachrichten auch im Innersten beunruhigt.
Wie sicher ist unser Wirtschaftssystem? Haben wir blind auf den Konsum gebaut und geht jetzt alles den Bach runter?
Kommt der Klimaschutz unter die Räder oder gar zu spät? Schlägt die Natur zurück?
Was ist mit mir, wenn ich alt werde? Tragen dann noch die Sozialsysteme? Tötet man demnächst die Leidenden, weil die Gesellschaft kein Leid mitansehen will?

Belanglosigkeit und tiefe Beunruhigung.
Beides prägt die Schlagzeilen unsere Tage.
Beides prägt die Gemütsverfassung unserer Gesellschaft.

Dazwischen nun die Botschaft des heutigen Tages, die Botschaft von Weihnachten: Gott wird Mensch in Jesus Christus.

Gott wird Mensch auf der Erde. In Jesus Christus teilt Gott unser Schicksal.
Wenn Gott unser Leben auf Erden lebt in seinem Sohn, dann kann dieses Leben der Menschen nicht belanglos sein.
Die Botschaft von Weihnachten mahnt uns, unser Leben ernst zu nehmen.

Weil Gott unser menschliches Leben gelebt hat, können wir unser Leben nicht mit Belanglosigkeiten vertun, wenn wir wirklich menschlich leben wollen.

Angesichts des Kultes der um die Bewohner von Wohncontainern und Dschungelcamps oder heiratswilligen Bauern getrieben wird, habe ich die Befürchtung, dass aus dem einstigen Land der Dichter und Denker ein Land der Spinner und Spanner zu werden droht.

Denn die Stars und Sternchen der künstlichen Medienwelt, sind alles andere als Vorbilder; erst recht keine Helden, an denen man sein Leben ausrichten könnte.
Vorbildlich leben diejenigen, die in ihrem konkreten Lebensumfeld ihren Mann oder ihre Frau stehen. Und nicht in einem konstruierten Wolkenkuckucksheim.

Helden dieser Tage sind diejenigen, die sich bemühen, ihren Glauben zu leben und zu bekennen. Und das tagtäglich auch über Weihnachten hinaus, allen inneren und äußeren Anfechtungen zum Trotz.
Helden dieser Tage sind diejenigen, die gewissenhaft ihrer Arbeit nachgehen und sich zudem ehrenamtlich für die Gesellschaft engagieren, die nicht nur sich sehen, sondern auch das Ganze und die anderen.
Helden dieser Tage sind die Väter und Mütter, die in der Ehe zueinanderstehen und sich gemeinsam um die Kinder kümmern.

Jesus Christus ist schließlich auch nicht in einer Scheinwelt aufgewachsen, sondern in der konkreten Welt Palästinas, unter ärmlichen Umständen, in einem von den Römern besetzten Landstrich, unter Pharisäern, politischen Mitläufern und religiösen Schwärmern.
Den größten Teil seines Lebens hat er arbeitend, als Zimmermann verbracht.
Gerade deshalb ist seine Botschaft für uns von Belang. Die Flucht in die Welt der Belanglosigkeiten aus Spass-TV und Regenbogenpresse ist alles andere als christlich. Das nämlich ist „Opium fürs Volk“. Nicht der Glaube.

Die Botschaft von Weihnachten lautet: Gott wird Mensch in Jesus Christus.

Wenn Gott unser Leben teilt, dann sind wir ihm wichtig. Wenn er, der Ewige, in unsere Zeit hinabsteigt, dann ist ihm nicht gleichgültig, was aus uns wird.
Auch daran erinnert uns das Weihnachtsfest. Und das kann uns Halt geben angesichts der Nachrichten, die uns zu Recht beunruhigen.

Auch wenn die politischen und wirtschaftlichen Systeme, unser Staat ins Wanken geraten sollte. Gott ist da für uns.
Sein Reich ist ein ewiges Reich und steht allen offen. Und seine Kirche hat – wenn auch unter Verfolgung – viele Staats- und Gesellschaftsformen überlebt. Selbst die Nazis und die Kommunisten konnten seine Kirche nicht vernichten.

Auch wenn Katastrophen uns gefährden sollten.
Gott ist da für uns.
In all den bedrohlichen Szenarien, die sich uns darstellen, dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott es ist, der unsere Welt trägt und lenkt. Er lässt seine Schöpfung nicht ins Leere fallen. Die vergängliche Welt hat nicht das letzte Wort, denn Christus hat diese Welt besiegt. Für uns.

Auch wenn die Würde des Menschen und das Recht auf Leben mit Füssen getreten wird. Gott ist da für uns.
Mord, Krieg, Terroranschläge, Abtreibung, Euthanasie – all das scheinen Anzeichen dafür zu sein, dass uns Menschen das Maß verloren geht. Wir selber spielen uns immer mehr zu Herren über Leben und Tod auf. Die Würde des einzelnen Menschen wird immer mehr in Frage gestellt.
Bei Gott aber ist niemand vergessen. Unsere Namen sind in seine Hand geschrieben. Er wird uns nicht aus seiner Hand fallen lassen. Für jede, für jeden einzelnen von uns ist er Mensch geworden, um jeden einzelnen, jede einzelne von uns zu erlösen.

Die Botschaft von Weihnachten lautet: Gott wird Mensch in Jesus Christus.
Er ist nicht umsonst für uns Mensch geworden. Er hat sich nicht ohne Sinn erniedrigt. Durch seine Menschwerdung hat er uns erlöst, damit wir nicht unser Heil in einer halt- und heillosen Welt suchen.

Die Botschaft von Weihnachten bewahrt uns davor, dass unser Leben in Belanglosigkeiten dahindümpelt.
Die Botschaft von Weihnachten schenkt uns Hoffnung, wo andere verzweifeln, weil sie sich allein an vergängliche Güter festmachen.
In Betlehem wird Christus geboren. Gott ist da für uns.

Was für eine Nachricht...

57. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2008)

Liebe Gemeinde!

Jahr für Jahr hören wir am Weißen Sonntag das Evangelium vom sog. „ungläubigen Thomas“. Und fast jeder kann im Schlaf das Wort Jesu aufsagen: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ – Ich möchte dieses Wort heute in einen aktuellen Zusammenhang stellen, nämlich in die Debatte um das Lebensrecht von Menschen, die noch nicht oder nicht mehr über Kommunikationsfähigkeit verfügen, konkret also von Kleinkindern und demenzkranken Menschen.

In dieser Debatte kann es nämlich wahre Blindheit geben, sogar unter hochgebildeten Professoren. Hierzu gehört der australische Philosoph Peter Singer, der davon ausgeht, nur das sei wirklich, was man objektiv feststellen kann. In diesem Punkt ist er ganz mit dem sogenannten „ungläubigen Thomas“ einig. Daraus hat er aber eine erschreckende moralische Konsequenz gezogen: Gefragt, was eine Person ausmacht, beruft er sich auf objektiv feststellbare Merkmale wie Selbstbewusstsein, Selbstkontrolle, Sinn für Vergangenheit und Zukunft und die Fähigkeit, mit anderen Personen zu kommunizieren. Wer darüber verfügt, der ist in den Augen von Singer eine Person, wer darüber nicht verfügt, der ist keine Person. Also wäre zum Beispiel ein Schimpanse eine Person, nicht aber ein Embryo, nicht ein Säugling und auch nicht ein geistig schwer Behinderter. Genau das vertritt Peter Singer seit Jahren schon und hat darüber hinaus gemeint, dass Wesen, die keine Personen sind, nur ein eingeschränktes Lebensrecht besitzen. So hat er den empörenden Satz geschrieben: „Das Leben eines neugeborenen Kindes ist weniger wert als das eines ausgewachsenen Schweins.“ Solche Behauptungen hat er anscheinend am Schreibtisch und auf Kongressen aufgestellt, also weit entfernt von der Wirklichkeit und rein theoretisch.

Aber dann geschah etwas, das dem Erlebnis des Thomas an Ostern vergleichbar ist. Seine Mutter erkrankte an Alzheimer, sie wurde dement. Nach Singers eigener Definition war sie nun keine Person mehr. Dennoch organisierte er einen Pflegedienst, der 24 Stunden für seine Mutter bereit stand. Als man ihn auf den Widerspruch zu seiner Theorie ansprach, bekannte Singer in einem Interview: „Ich denke, dass diese Sache mir die Augen dafür geöffnet hat, dass diese Dinge sich für Menschen als sehr schwierig darstellen, die von diesen Problemen betroffen sind. Vielleicht ist es schwieriger, als ich früher dachte, weil es etwas anderes ist, wenn es sich um deine eigene Mutter handelt.“ – Auch wenn sich Singer um ein klares Bekenntnis herumdrückt, zeigt doch seine Praxis, dass ihm wirklich die Augen geöffnet wurden: Es gibt Dinge, die kann man nicht direkt mit Augen sehen, und dennoch sind sie wirklich, realer sogar noch als so manche objektiv feststellbaren Tatsachen.

Solcherart ist die menschliche Person als eine lebendige und geistige Ganzheit. Dem analytischen Blick des Wissenschaftlers ist dieses Ganze nicht zugänglich, und doch ist es da und wird schon vom kleinen Kind unmittelbar geschaut – sogar als Erstes, noch bevor es die Welt nach und nach auch in ihren Einzelteilen erfasst. Das Kind sieht seine Mutter als eine Einheit und Ganzheit, es sieht eine Person, und zwar eine ganz besondere Person, einen Menschen, der es lieb hat und sich ihm zuwendet. Das Kind sieht mit einem einzigen Blick eine geistige Gestalt, und es nimmt mit demselben Blick wahr, wie ihm die Mutter gerade zugewandt ist: freundlich bestätigend oder abweisend, tadelnd oder ermunternd, fröhlich oder besorgt. – Irgendwann wenn das Kind dann erwachsen geworden ist und von unserer Gesellschaft dazu verführt worden ist, nur das für existent zu halten, was man wissenschaftlich beweisen kann, wird das anfangs so Offenkundige plötzlich problematisch, und das alte Vertrauen wird von Zweifel zerstört.

Dann kommt der Spruch auf: „Ich glaube nur, was ich sehe“. Dieses Motto vertrat auch der Apostel Thomas. Er suchte sicheres Wissen und hielt darum das Detail für wichtiger als das Ganze: die Wundmale als Identifikationsmerkmale seines Herrn und Meisters Jesus Christus. Heute hätte er einen genetischen Fingerabdruck zur Identitätsfeststellung gefordert. – Ich möchte diese kritische Einstellung nicht in Bausch und Bogen verwerfen; aber sie hat doch ihre Grenzen, und die sollte man erkennen.

Und das hat Thomas dann auch getan, und darum ist von ihm im Evangelium überhaupt die Rede. Denn nachdem Jesus sich auf seine Forderung einließ und mit nur leichtem Tadel bedachte, da verließ Thomas seinen Standpunkt der Absicherung und bekannte weit mehr, als er selber sicher wissen konnte: „Mein Herr und mein Gott!“ Er drang damit zur Person vor, zum Geheimnis Jesu, das niemals in Wissen aufgelöst werden kann, das sich aber dem zeigt, der bereit ist, die begegnende Wirklichkeit ernstzunehmen und die eigene Denkweise daran zu messen und gegebenenfalls zu korrigieren, anstatt schon vorher wissen zu wollen, was es geben kann und was nicht. So wurde Thomas auch ein Vorbild für all diejenigen, die den Sprung des Vertrauens wagen

Liebe Gemeinde! „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Ich gewinne diesem Wort Jesu heute einen Sinn ab, der das Seligmachende des Glaubens in den Vordergrund rückt. Wer durch das Sehen und exakte Wissen zum Geheimnis der Wirklichkeit vorstoßen will, der hat einen beschwerlichen Weg vor sich, einen Weg, der dauernd zum Umkehren nötigt, einen Weg, der auf den längsten Strecken ein Irrweg ist. Wie selig ist da derjenige, der im Vertrauen auf den immer größeren Gott und auf Seine Zeugen von solchen Umwegen befreit ist! Aber wie dumm ist derjenige, der weder selber sehen will (weil das zu anstrengend ist) noch denen glaubt, die gesehen haben, sondern ausgerechnet denen sein Ohr zuneigt, die zwar sehen wollen, aber nicht sehen!!! Wie dumm ist der wissenschaftsgläubige Mensch!

58. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

Nun hat die Adventszeit wieder begonnen, und schon seit Wochen sehen wir in den Geschäften die Weihnachtsartikel, werden uns in der Werbung in aufdringlicher Weise alle möglichen Artikel angepriesen, hören wir von allen Ecken und Enden bis zum Überdruss Weihnachtslieder. Es gibt viele, die sagen, dass sie diesen ganzen Rummel leid sind, dass die schöne Adventszeit ihnen gar nicht mehr so schön vorkommt wie vielleicht früher einmal. Aber – wie ein chinesisches Sprichwort sagt – es ist besser, ein Licht anzuzünden als über die Finsternis zu schimpfen. Das haben wir eben gemacht, als wir den Adventskranz entzündet haben. Und das haben Sie gemacht, als Sie sich entschlossen haben, in die Kirche zu gehen. – Und als Sie den Kirchenraum betreten haben, da ist Ihr Blick sicher sogleich auf das wunderbare Chorwandgemälde gefallen. (Vielleicht haben Sie ja wie ich gestaunt, was für eine künstlerische Ader unsere Frauen da entfaltet haben.)

Vielleicht wissen einige von Ihnen, dass der Priester Sieger Köder ursprünglich dieses adventliche Bild gemacht hat. Er hat ihm den Titel gegeben: „Ein Reis wird hervorgehen aus dem Stumpf Isais.“ Dieser Satz stammt aus dem Buch Jesaja, aus einem der großen Verheißungstexte – wir haben ihn gerade gehört. Der Stumpf Isais, das ist die zerschlagene Dynastie Davids; Isai war der Vater Davids. Er wird hier genannt, weil der Prophet die Neuordnung da ansetzen lässt, wo es noch keine Verderbnis gab, also beim Vater Davids, nicht bei dem zwar großen König, aber doch auch schon in Sünde gefallenen Menschen. Dass die davidische Dynastie untergehen wird, hat der Prophet ein paar Kapitel zuvor mit folgenden Worten angekündigt: „Bis die Städte verödet sind und unbewohnt, die Häuser menschenleer, bis das Ackerland zur Wüste geworden ist... Sie werden schließlich vernichtet, wie bei einer Eiche oder Terebinthe, von der nur der Stumpf bleibt, wenn man sie fällt.“ (Jes 6,11.13) Dieses Bild vom Baumstumpf hat der Maler aufgegriffen und eindrucksvoll dargestellt. Man sieht noch das Blut am gefällten Holz: Es ist das Blut der vielen gefallenen Juden, die dem Ansturm der Babylonier hilflos ausgeliefert waren. Die abgestorbenen Arme des toten Baumstumpfs ragen wie ein Flehruf zum Himmel, als würden sie rufen: „O komm, o komm, Emmanuel, mach frei dein armes Israel. In hartem Elend liegt es hier, in Tränen seufzt e auf zu dir.“ Rings um den Baumstumpf ist schwarze Dunkelheit. Sie steht für die Zeit der Unterdrückung der Juden in Ägypten und in Babylon, unter der Herrschaft der Perser, Mazedonier und später der Römer, aber ganz generell auch für alle dunklen Seiten im Leben. Doch die Finsternis wird von oben her aufgebrochen: „Das Volk, das im Dunkeln lebt, sieht ein helles Licht, über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf.“ Das ist die dritte Jesajastelle (9,1), die der Maler hier aufgreift. Wir hören sie immer in der Heiligen Nacht. Denn sie kündet die Geburt des Messias an. Aber schauen wir noch einmal zum Baumstumpf: Mitten zwischen den toten Armen wächst eine Rose. „Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht.“ (Jes 11,1) aus einem toten Stamm entsteht Leben. Gott schafft dieses neue Leben. Israel darf wieder hoffen. Mag die Nacht noch so dunkel sein, „das Licht leuchtet in der Finsternis“ (Joh 1,5). Mag der Tod scheinbar endgültig sein – die Kraft der Rose ist stärker. Sie wächst aus dem Tod, überwindet den Tod. So verbindet Sieger Köder in einem Bild die drei entscheidenden adventlichen Texte des Jesajabuches. Wir dürfen es nun in den kommenden Wochen anschauen und uns davon inspirieren lassen. Dass wir nicht über die Finsternis schimpfen, sondern ein Licht anzünden bzw. das Licht betrachten, das Gott in die Welt gesandt hat, damit sie nicht im Dunkeln bleibt und zugrundegeht. Beklagen wir nicht, dass wir in der Adventszeit soviel Stress haben! Nutzen wir vielmehr die Zeit, um unsere Hoffnung zu entflammen. Schauen wir dieses Hoffnungsbild immer wieder an; es sagt uns: „Du, Mensch, fürchte dich nicht! Du bist mein. Ich der Herr, bin dein Gott, dein Befreier. Fürchte dich nicht. Denn ich bin mit dir.“ (Jes 43, 1.3.5) Die Rose soll ein Zeichen dafür sein, wie teuer du Gott bist, wie sehr Gott dich liebt.

59. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

Wir sind in einer bewegten Zeit. Mobilität wird großgeschrieben in unserer Gesellschaft. Sie gilt als Voraussetzung für beruflichen Erfolg, blühendes Geschäft und Spaß in der Freizeit. Überhaupt sind viele von uns unterwegs. Fortbewegungsmittel gehören zu unserem täglichen Leben: Fahrrad oder Flugzeug, Bahn oder Bus – und vor allem das Auto, das ein bekannter Zeitkritiker als das „rollende Sakrament der Moderne“ bezeichnet hat (P. Sloterdijk). Unterwegssein heißt aber noch nicht viel. Es gibt auch eine leere Bewegung, eine Betriebsamkeit, die im Grunde zu nichts führt. Von einem jüdischen Rabbi ist uns die folgende Weisheit überliefert: Wenn einer Vorsteher ist, müssen alle nötigen Dinge da sein, ein Lehrhaus und Zimmer und Tische und Stühle, und einer wird Verwalter, und einer wird Diener und so fort. Und dann kommt der böse Widersacher und reißt das innerste Pünktlein heraus. Aber alles andere bleibt wie zuvor, und das Rad dreht sich weiter, nur das innerste Pünktlein fehlt. Der Rabbi hob die Stimme: Aber Gott helfe uns, man darf’s nicht geschehen lassen! Unser Problem ist nicht so sehr dies, den „Betrieb an sich“ auf Touren zu halten, sondern darüber zu wachen, dass das „innerste Pünktlein“ nicht abhanden kommt. Ohne es ist die Last nicht zu halten, und die Katastrophe wird um so größer, je schneller es rotiert. Die Frage ist: Wohin sind wir unterwegs? Wo ist das Ziel? Wonach streben wir? Welche Wege gehen wir als Menschen und als Christen? Auf dem Weg sind wir also in einem anderen, tieferen Sinn. Wir alle sind, durch unser Leben, durch unseren Glauben, auf dem Weg zu Gott. Mit vielen Bildern macht es die heilige Schrift immer wieder deutlich: Du zeigst mir den Pfad zum Leben; Er leitet mich auf rechten Pfaden; muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil, denn du bist bei mir. In der Geburt des Erlösers, auf die wir uns vorbereiten, und in seiner Gnade ist uns nicht nur ein äußerer Wegweiser gegeben, sondern ein innerer Helfer und Weggefährte, der uns auf dem Weg zur letzten Wahrheit unseres Lebens schon hier und jetzt führt, der uns in alle Wahrheit einführt. Nicht Betriebsamkeit und allgemeine Mobilität ist das Entscheidende, sondern der Aufbruch zu Gott. Wichtiger als alle geographischen Wege sind die Wege des Glaubens: der Weg zum Nächsten und der Weg zu Gott. Johannes der Täufer will auf den rechten Weg bringen, er will mobil machen. Er rüttelt auf, er bringt in Bewegung, er mahnt zum Aufbruch, damit wir so dem lebendigen Gott begegnen. Seine Botschaft ist markiert durch die Rufe: Kehrt um! ... Tut Buße!... Bringt Frucht hervor!... Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen! Das Wort Bereitet dem Herrn den Weg!, das von Jesaja stammt, meinte zu seiner Zeit: Gott hat sein Volk in der Verbannung in Babylon nicht verlassen; deswegen geht es darum, Jahwe in der Wüste voller Hoffnung von neuem einen Weg zu bereiten. Ja er selbst wird in der Einöde Pfade bereiten und für eine triumphale Rückkehr nach Jerusalem „alle Berge zu Wegen machen“. Bereitet dem Herrn den Weg!, so heißt es nun neu und definitiv bei Johannes dem Täufer, denn Gott kommt nun in seinem Sohn zu uns und geht in ihm endgültig seinen Weg zu uns Menschen. Ich bin der Weg! wird daher Christus rufen. Dieser Weg ist nicht nur Bild, nicht nur Weisung, er ist Person, in ihm haben wir Zutritt zum Vater. Der Advent macht uns den Wegcharakter unseres Lebens besonders deutlich. Er ist wesentlich Gottes Weg zu uns und unser Weg zu ihm. Wir gehen ihn gemeinsam mit der ganzen Kirche, aber er ist auch ein unübertragbar persönlicher Weg. Es gilt immer neu, einen Aufbruch auf Gott hin zu wagen, statt in bequemer Weise irgendwo stehen zu bleiben. Gott kommt auf uns zu – wir gehen auf Gott zu. Um dem Herrn den Weg zu bereiten, müssen wir uns selber auf den Weg machen. Sie haben sich heute auf den Weg zur Kirche gemacht. Auch in der Woche können Sie auf Gott zugehen, indem Sie auf andere Menschen mit Liebe und Freundlichkeit zugehen.

60. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2007)

O komm, o komm, Emmanuel!
So, liebe Schwestern und Brüder, beginnt das Lied, das uns heute als Grundlage für die Predigt dienen soll. Sie finden es unter der Nummer 902 im Gotteslob.

O komm, o komm, Emmanuel!
Emmanuel – das heißt: Gott mit uns.
Einen nahen, gegenwärtigen Gott erfleht dieses Lied. Die Melodie hat etwas Sehnsüchtiges. Ja, es scheint sehr dringend, sehr notwendig zu sein, das etwas geschieht. Die Schmerzgrenze ist erreicht, vielleicht sogar überschritten.

Wer ist es denn, der hier so fleht? Und warum?

Mach frei dein armes Israel. In hartem Elend liegt es hier, in Tränen seufzt es auf zu dir.
Es ist das Volk Gottes, das sich am Boden fühlt, niedergedrückt ist. Elend. Tränen. Israel scheint am Ende zu sein. Die, die Gottes Volk sind können nicht mehr. Sie fühlen sich von Gott in Stich gelassen. Sie brauchen seine Hilfe. Allein kommt sie nicht mehr weiter.

Niedergedrückt, am Ende, hilflos ausgeliefert, am Boden zerstört. Von Gott verlassen.

So fühlen wir uns Menschen auch manchmal.
Da wird die Krankheit zu einer innerlichen Zerreißprobe.
Da lässt eine schlimme Diagnose eine Welt in sich zusammenbrechen.
Da löst der Tod eines lieben Angehörigen tiefe Trauer aus.
Da verspürt man Angst angesichts der Rede von Klimakatastrophe.
Da ist man sprachlos angesichts der traurigen Fälle von sterbenden und verwahrlosten Kindern.
Und ich glaube, ja ich weiß, dass sich viele in diesen Momenten auch von Gott verlassen fühlen.

"Wie kann Gott das zulassen, Herr Pastor?"
"Warum ausgerechnet ich?"
"Was können denn die Kinder dafür?“

Ja, es gibt Grund zu klagen. Ja, manchmal ist es wirklich zum Weinen.

Vermutlich haben wir alle schon einmal innerlich rebelliert gegen das Elend und Unglück, das wir am eigenen Leibe erfahren oder bei anderen miterleben mussten.

Vielleicht haben wir uns auch schon mal mit dem lieben Gott angelegt, ihm mal richtig deutlich unsere Meinung gesagt:
"Sieh dir das doch mal an, Gott. Das darf doch wohl nicht wahr sein: Meine Krankheit ... sein Tod ...das Elend überall ... die Katastrophen im Fernsehen: Das kann doch wohl nicht wahr sein? Wie kannst du das nur zulassen?"

Schwestern und Brüder,
unser Lied ermuntert uns dazu, all den Kummer, die Sorgen, den Frust in uns ernst zu nehmen und sozusagen herauszuschreien. Es Gott vor die Füße zu werfen, es ihm ans Herz zu legen, es ihm hinzuhalten. Wie immer man es auch nennen mag.

Unser Lied ermuntert uns letztlich zu beten. Mit ganzem Herzen. Ganz ehrlich. Ohne Redeverbot.
Wir brauchen vor Gott aus unserem Herzen keine Mördergrube zu machen. Was raus muss, muss raus.
So lehrt uns auch das große Gebetbuch der Bibel, das Buch der Psalmen mit seinen großen Klage- und Bittpsalmen.

Das Gebet ist heilsam. Es verschafft Ruhe. Und auch in der größten Trostlosigkeit vermag es Halt und Hoffnung zu geben.

Das Gebet ist heilsam. Aber nicht, weil es ein irgendwie gearteter psychologischer Trick ist. Es ist auch kein psychotherapeutischer Automatismus.

Nein, das Gebet ist heilsam, weil es mit dem Heiland verbindet, mit dem Gott-mit-uns, mit dem Emmanuel.

Wer betet, wer vor Gott klagt, der rechnet noch mit Gott.
Wer sich innerlich mit Gott anlegt, ihn anklagt, der ist nicht ungläubig, nein, der glaubt an Gott. Deswegen ruft er ihn ja an. Auch wenn er ihn im Moment nicht versteht.

Der Glaube ist eine Beziehung. Zwischen mir und Gott.
Und so wie Menschen miteinander kommunizieren, reden müssen, so bedarf der Glaube auch des Sprechens miteinander.

Wir sprechen zu Gott, in dem wir zu ihm beten. Nicht nur dann, wenn es etwas zu beklagen gibt, aber auch dann.
Gott spricht zu uns durch sein Wort, durch die Feier der Sakramente und durch die Zeichen der Zeit, durch Begegnungen in unserem Leben.
Um für diese Sprache Gottes offen, empfänglich zu sein, bedürfen wir auch des Gebetes.

Liebe Schwestern und Brüder,
viele werden jetzt vielleicht denken: Beten ist ja schön und gut, aber was bringt es? Erhört Gott denn meine Bitten überhaupt?

Es ist wahr:
· Das Gebet heilt nicht die Krankheit, wie eine Tablette.
· Das Gebet macht die unheilvolle Diagnose nicht ungeschehen.
· Das Gebet gibt mir den Toten nicht zurück.
· Das Gebet kann nicht das Weltklima ändern oder uns Menschen die Verantwortung nehmen.

· Aber das Gebet heilt den Kranken, weil er sich in der Krankheit von Gott getragen weiß, der in seinem Sohn selber gelitten hat.
· Das Gebet heilt diejenige, die eine schlimme Diagnose erfahren hat, weil es ihr hilft, die Angst zu tragen, ohne zu verzweifeln, so wie der Herr im Ölgarten die Angst vor dem kommenden Tod überwunden hat.
· Das Gebet heilt die Trauernden und Verstorbenen, weil durch das Gebet die Hoffnung auf die Auferstehung Trost und Halt gibt. Das Leben geht weiter für die Trauernden und für den Toten, aber anders, verwandelt.
· Das Gebet schenkt Trost, weil es Hoffnung schenkt, dass im letzten alles gut wird. -> Spe salvi

O komm, o komm, Emmanuel!
Dieser Ruf ist nichts anderes als die Sehnsucht, dass Gott bei uns sein möge, egal, was geschieht.
Dieser Ruf ist immer ein Zeichen echten Glaubens, der vielleicht im Moment angefochten scheint.
Dieser Ruf verbindet uns mit Gott, der die Macht hat zu heilen, was verwundet ist.

O komm, o komm, Emmanuel!
Liebe Schwestern und Brüder,
vielleicht kann Sie dieser Gebetsruf ja in der kommenden Woche begleiten. Als ein Stoßgebet, das Sie offen macht für das Weihnachtsfest, das sie spüren lässt, dass ER, der Emmanuel, wirklich mit Ihnen ist.

61. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

Wir hören heute im Evangelium die Frage des Täufers: „Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?“ Es ist eine Frage, die damals den Täufer brennend bewegt hat, und müsste eigentlich auch die Frage sein, die für uns an erster Stelle steht.

Doch zuerst zum Täufer: Er ist am Tiefpunkt seines Lebens angelangt: seine Wirkmöglichkeit ist am Ende, er ist gefangen und gefesselt im dunklen Kerker des Herodes. Die feige Schwäche des Herodes hat ihn dorthin gebracht. Und was hat sich geändert? Was hat seine mutige Predigt genützt? – Nichts, so scheint es. Was er verkündet hat, ist anscheinend immer noch nicht Wirklichkeit geworden: Noch ist die Erde nicht mit Feuer getauft, die Spreu nicht vom Weizen getrennt; Herodes regiert und nicht der von Gott Gesandte. War seine Bußpredigt, war sein unermüdlicher Einsatz also umsonst, sein Leben sinnlos? Muss Johannes jetzt verzweifeln – an seiner Lage, an Jesus, den er doch als den Größeren, den Retter verkündet hat?

Jesus gibt die Antwort. Er tut es mit einem Hinweis auf die Prophezeiung des Propheten Jesaja (Lesung): „Blinde sehen wieder, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen auf, und den Armen wird das Evangelium verkündet.“ Konnte diese Antwort Johannes an seinem Tiefpunkt neue Hoffnung geben? Konnte sie ihm helfen, an Jesus keinen Anstoß zu nehmen – wie Jesus sagt: „Selig, wer an mir keinen Anstoß nimmt“?

Wir müssen dabei die skeptische Nachfrage im Ohr behalten: „Oder müssen wir auf einen anderen warten?“ Johannes fragt ja deshalb, weil er die prophetischen Verheißungen kennt, weil sein ganzes Leben von diesen Verheißungen gespeist war und weil er Jesus als den angekündigt hat, der diese Verheißungen erfüllt. Sollte er sich etwa getäuscht haben? – Genau auf diese Frage antwortet Jesus, wenn er den Propheten Jesaja zitiert und feststellt: Jetzt ist es erfüllt. Mit mir ist das Verheißene eingetreten.

Freilich – es ist anders eingetreten, als Menschen es sich erdacht hatten, auch anders, als Johannes es sich vorgestellt hatte. Jesus ist nicht gekommen mit der Wurfschaufel in der Hand, als der Vollstrecker des Zorngerichts Gottes, sondern allein mit der Waffe der Barmherzigkeit. Er hat nicht mit königlicher Macht das Römerregime hinweggefegt und den ehrlosen, fiesen und feigen Schmarotzer Herodes entmachtet – Grund genug für viele Juden, Anstoß an ihm zu nehmen. Aber er hat dennoch, ja viel mehr noch die alten Verheißungen erfüllt, indem er allen, den Armen zuerst, die Barmherzigkeit Gottes geschenkt hat, an Leib und Seele, durch Heilungen und durch Sündenvergebung.

Johannes der Täufer wird dies sehr gut verstanden haben, die Antwort Jesu hat seinen Blick erweitert und ihn aus seinen Zweifeln befreit.

Doch was ist mit uns heute? Auch für uns kann die Stunde kommen, wo alle unsere Hoffnungen zerplatzen, unsere Erwartungen zunichte werden, wo unser Glaube durch Schicksalsschläge so sehr geprüft wird, dass wir vielleicht denken: Habe ich mein ganzes Leben aufs falsche Pferd gesetzt? Ist Jesus vielleicht gar nicht derjenige, der Rettung und Heil bringt? Müssen wir noch auf einen anderen warten?

Die meisten Christen in Europa kennen Jesus von Nazareth von Jugend an; er stellt für sie kein Neuigkeits- und Überraschungserlebnis dar. Ihre Erinnerung an Jesus ist jedoch zumeist nivelliert, verkitscht, verweht. Darum suchen viele heute das ganz Andere, Neue. Ihnen geht es wie Johannes dem Täufer in seiner Gefängniszelle, der in den Zweifel geraten ist, ob der Messias vielleicht noch gar nicht gekommen ist.

Wie kommt es zu solchem Zweifel? – Der Zweifel nährt sich von falschen Bildern, die man sich von Gott und seinem Messias macht; wenn der wahre Jesus in einer Weise verfälscht, verkitscht und übermalt wird, dass der kritisch denkende Zeitgenossen befremdet und abgestoßen wird. „Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt.“ sagt Jesus. Dieser Anstoß hat manchmal mit der Art der Verkündigung zu tun, z.B. wenn gesagt wird: ‚Wenn ihr nur genügend betet, dann wird Gott euch schon erhören’ – so als ob Gott unser Wunscherfüllungsgehilfe wäre. Oder wenn der Ernst aus dem Evangelium herausgeschnitten wird, wenn so getan wird, als wäre alles easy, locker und leicht – und in Wahrheit will man es bloß bequem und gemütlich haben. Oder wenn sich die christliche Gemeinde zu sehr angepasst hat an den Stil dieser Welt, wenn die Christen sich nicht mehr durch ihren Lebensstil von den Nichtgläubigen unterscheiden, wenn sie so leben, als ob es Gott nicht gäbe. – Wenn dies geschieht, nehmen die kritisch Denkenden Anstoß. Die Jugendlichen werfen ihren Glauben weg, die Entrechteten und Leidenden wenden sich anderen Heilslehren zu.

Das dürfen wir nicht geschehen lassen! Wir müssen bei unserer eigenen Einstellung zu Jesus beginnen und sie erneuern. Die wichtigste Voraussetzung hierfür ist das ehrliche Eingeständnis, dass die Erde uns keine ewige Heimat bietet, dass wir also angewiesen sind auf einen Retter, der von oben kommt.

In acht Tagen singen wir wieder: „Christ, der Retter ist da!“ – Wir wollen es mit echter Überzeugung singen und nicht nur aus Gefühlsduselei. Treffen wir darum unsere Entscheidung für Christus neu – jetzt in dieser Messfeier und in den kommenden Tagen!

62. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2007)

Liebe Schwestern und Brüder,
seit einigen Jahren gibt es im Fernsehen sogenannte Casting-Shows, bei denen sich junge Talente (und solche, die sich dafür halten) einem Millionenpublikum präsentieren. Die meisten haben jahrelang für diesen Wettkampf um die Gunst einer Jury und der Zuschauer hart gearbeitet, aber nur ganz wenigen
ist ein wirklicher Durchbruch als Star gelungen wie etwa dem Handy-Verkäufer Paul Potts, dessen umwerfender Gesangs-Auftritt viele zu Tränen rührte und der nun die halbe Welt als Operntenor bereist.

Von einem Casting unter ganz anderen Vorzeichen erfahren wir im heutigen Evangelium zum vierten Adventssonntag. Gott selbst ist es, der hierbei einziges Mitglied der Jury ist. Man konnte sich auch nicht bei ihm bewerben, sondern Gott hat in seiner Weisheit selbst Ausschau nach einer geeigneten Kandidatin gehalten. Von ihm allein ging die Initiative aus. Gesucht war eine Jungfrau, die nach Gottes Urteil würdig war, seinen Sohn als Kind zur Welt zu bringen.

Bei Gott geht es anders zu. Er sucht die Kandidatin aus und kürt sie.
Und er hat ganz andere Kriterien, als sie die Bohlens dieser Welt haben. Einmal ganz abgesehen davon, dass er die Kandidaten nicht anpöbelt und niedermacht, wie dieser doch wohl eher drittklassige blonde Popmusiker –
bei Gott findet alles im Stillen statt, ohne große Show. Aber dafür mit Tiefe.

Gott sendet seinen Engel in ein Städtchen in Galiläa namens Nazaret, damals mit weniger als 200 Einwohnern ein verschlafenes Nest und so unbedeutend, dass es nirgendwo im Alten Testament erwähnt ist. Wir würden vielleicht dazu sagen: dunkelste Provinz.
Nazaret ist etwa 100 km und damit vier Tagesreisen von der Hauptstadt Jerusalem entfernt. Durch eine ausgeprägte Hanglage bestand die Mehrzahl der dortigen Wohnhäuser damals aus ausgebauten Höhlen, die es dort zahlreich gab.
Das ist weit entfernt vom Glamour des Showbiz.

Bei Gott geht es anders zu.
Während bei den Castingshows Menschen etwas leisten müssen, sich hinstellen müssen, in dem Bewußtsein: Ich kann das. Ich mach das. Ich bin klasse –
Sagt die Kandidatin Gottes: Mir geschehe.
Bei Gott geht es nicht um Macht, Leistung, Glänzenwollen oder –können, bei ihm siegt, wer dient, wer ertragen kann, in den Hintergrund tritt, damit der eigentliche Star glänzen kann.

Bei Gott geht es anders zu.
Groß ist bei Gott nicht der, der zum eigenen Ruhm sich bewirbt, sondern die, welche ihr Leben in den Dienst aller Menschen, in dem Dienst am Heil aller Menschen stellt.

Die Größe eines Menschen hängt nicht von seiner Macht ab, meist ist es zerstörerische und egoistische Macht – die Größe eines Menschen hängt von seiner Liebe, seiner Hingabe, seiner Teilhabefähigkeit ab.

Bei Gott geht es anders zu.
Ein Star oder sogenannter Superstar (oder was man dafür hält) muß sicherlich etwas können. Aber gerade die Sieger von Castingshows sind mittlerweile gut geplante, vermarketet Produkte.
Der Erfolg läßt sich kalkulieren

63. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

Ich möchte den heutigen 4. Advent noch einmal zum Anlass nehmen, mit Ihnen das Altarbild zu betrachten. Wir sehen den toten Baumstumpf und die Rose. Spontan kommt mir dabei in den Sinn: Das passt doch gar nicht zusammen. Hier sind Gegensätze zusammengestellt: Tod und Leben, Symbole von Vergänglichkeit und Ewigkeit. Das spannungsgeladene Bild ist ein Bild auch für den Widerspruch, der in der menschlichen Existenz liegt: Wir sind eingebunden in den Kampf ums Dasein und stehen insofern notgedrungen in der Konkurrenz mit den anderen. Aber wir sind auch Geistwesen, ausgestattet mit Vernunft und Liebe und tragen eine Friedens¬sehnsucht in uns, die keine Konkurrenz kennt. Einerseits unterliegen wir dem Gesetz des Stärkeren, andererseits dem der Barmherzigkeit. Einerseits liegt es in unserer biologischen Natur, dass wir sterben müssen, andererseits hegt jeder die Hoffnung auf Unsterblichkeit. Dieser Widerspruch ist in der Welt. Er gibt der Menschheit ein Rätsel auf, auf das schon viele Lösungsversuche gegeben worden sind. Ich nenne nur zwei: Platon hat das Rätsel auflösen wollen, indem er das materielle Leben abgewertet hat. Wenn der Tod aus der Materie kommt, dann ist auch nur der Geist wert zu leben, dann ist der Tod die befreiende Loslösung des Geistes aus dem Gefängnis des Körpers. Ganz andersherum argumentiert die moderne Biologie: Der Geist ist nach ihr aus der Materie herausentwickelt gemäß den Gesetzen vom Daseinskampf und vom Survival of the fittest. Darum gibt es auch gar keine echte Liebe, sondern es gibt nur die vitalen Interessen. Also ist die Sehnsucht nach Unsterblichkeit sinnlos. Die Bibel löst das Rätsel jedoch anders. Sie fragt tiefer nach dem Grund des Widerspruchs in der Schöpfung. Sie schlägt den Knoten nicht durch und begeht keinen denkerischen Kurzschluss, sondern sie hält die Spannung aus. Sie sagt: Die Konkurrenz und der Kampf ums Dasein sind nicht ursprünglich. „Gott hat den Tod nicht gemacht.“ (Weish 1,17) Und wenn das so ist, dann kann Gott den Tod auch wieder aufheben. Symbol dafür ist die Rose: Gott pflanzt auf dem toten Baumstumpf eine Rose und gibt so ein Zeichen für den Neu-Anfang, für die neue Schöpfung. So sehen wir in diesem Bild sowohl das Rätsel als auch die Auflösung. Die Rose ist das Zeichen der Liebe. Die Liebe kommt von oben: „Sie ist nicht von dieser Welt, die Liebe, die mich am Leben hält, oh, ohne dich wär’s schlecht um mich bestellt. Denn sie ist nicht von dieser Welt, die Liebe, die mich am Leben hält, oh, ohne dich wär’s schlecht um mich bestellt.“ Warum kommt die Liebe von oben? Weil sie Eigenschaften besitzt, die in dieser Welt sonst nicht vorkommen. Die Welt ist bestimmt von Egoismus, vom Kampf und vom Recht des Stärkeren, vom Ellenbogen. Das sehen wir jetzt z.B. wieder an der Mindestlohndebatte, die verlogener nicht sein kann. Da wollen die einen die Löhne drücken, um den Profit der Aktionäre zu steigern; die anderen wollen an die politische Macht und suggerieren den Wählern, sie könnten durch ihre Stimmabgabe ihren Lohn erhöhen – was eine Irreführung ist. Doch ganz gleich, wer das spricht: Immer dreht es sich um das eine: Macht und Geld – ums Überleben auf Kosten der anderen. Die Liebe stört in diesem Diskurs – sie wird ins Private abgeschoben. Das Leben wird offenbar nicht durch die Liebe bestimmt, sondern durch Geld und Macht. Darum ist es wahr: Die Liebe ist nicht von dieser Welt. Der Apostel Paulus hat damals zwei Fragen gestellt: Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt? (Röm 10.14) – Wir müssen heute folgende ganz verwandten Fragen stellen: Wie sollen die Menschen auf einen göttlichen Erlöser hoffen, wenn sie gar nicht auf die Idee kommen, dass es eine andere Hoffnung geben könnte als die auf den ökonomischen und technischen Fortschritt? Und woher sollen sie diese Idee haben, wenn ihnen alle Welt einredet, dass das Leben nicht mehr ist als ein zeitlich befristeter Kampf ums Dasein? Das ist in der Tat der Punkt, wo wir ansetzen müssen: Woher kommt diese Idee, die im Symbol der Rose auf dem toten Baumstumpf dargestellt ist? Sie wird von vielen belächelt als romantische Träumerei, von anderen zynisch verachtet als Vernebelung des Geistes. Und nicht wenige waren früher einmal von dieser Idee beseelt, wurden aber so oft enttäuscht, dass sie sie nun gewaltsam aus ihrer Seele herausgerissen haben und seitdem ihr Leben hassen und am liebsten wegwerfen würden. Was Not tut, ist eine Infragestellung und Widerlegung dieser Stimmen. Für manche genügt es vielleicht, das Altarbild einfach wirken zu lassen, um dann zur Zustimmung zu kommen: Ja, so ist es, „die Liebe ist nicht von dieser Welt, die Liebe, die mich am Leben hält.“ Wer darüber hinaus Vernunftgründe sucht, sich dieser Einsicht anzuschließen, der möge einmal die Logik der Zyniker in Augenschein nehmen. Wie argumentieren die denn eigentlich? Und dann sieht man sehr bald, dass hier immer aus der Machtperspektive argumentiert wird: Ein einzelnes Ich oder eine kleine Gruppe möchte sich ihr Überleben auf Kosten der Allgemeinheit sichern. Die Botschaft an die anderen lautet entweder einschmeichelnd: „Schließt euch unserem Denken an, dann bekommt ihr vielleicht auch etwas von dem Kuchen mit!“ Oder sie kommt mit Einschüchterungen daher: „Wagt es bloß nicht, unser Denken zu kritisieren! Wir haben die ganze Macht von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik auf unserer Seite! Also fügt euch und haltet still!“ – Doch was ist eine solche Rede wert? Nichts! Alle, die so sprechen, werden genauso sterben, wie diejenigen, die dadurch überredet oder eingeschüchtert werden sollen. Der Psalmist hat dafür folgende Worte: „Warum toben die Völker, warum machen die Nationen vergebliche Pläne? Die Könige der Erde stehen auf, die Großen haben sich verbündet gegen den Herrn und seinen Gesalbten. «Lasst uns ihre Fesseln zerreißen und von uns werfen ihre Stricke!» Doch er, der im Himmel thront, lacht, der Herr verspottet sie. Dann aber spricht er zu ihnen im Zorn, in seinem Grimm wird er sie erschrecken: «Ich selber habe meinen König eingesetzt auf Zion, meinem heiligen Berg.» (Ps 2,1-6) Liebe Gemeinde, lassen wir uns nicht einschüchtern! Lassen wir uns nicht die Hoffnung rauben, die uns so viele Jahre schon getragen hat! Hören wir nicht auf die lauten Stimmen, die doch nur von ihrem eigenen Vorteil gespeist sind! Sondern hören wir wieder auf die leise Verheißung der Bibel, die uns verkündet: „Immanuel – Gott ist mit uns!“ Gott hat den Tod nicht gemacht, Gott hat die Konkurrenz und den Unfrieden nicht gemacht, sondern Gott will, dass alle leben und in Frieden und in Fülle leben. Das ist unsere Hoffnung.

64. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2007)

Es ist schon wieder Advent. Man mag es nicht glauben. Aber es ist so.

Heute beginnt damit für uns auch ein neues Kirchenjahr. In diesem neuen Jahr werden uns an den Sonntagen besonders das Evangelium nach Matthäus begleiten.

Das hervorstechendste Wort des Evangeliums dieses ersten Adventssonntags lautet: „Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt… Darum haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.“

Manchmal fragt man sich, warum Gott uns etwas derartig Wichtiges wie die Stunde seines Kommens verborgen hält, die für einen jeden von uns im einzelnen mit der Stunde des Todes zusammenfällt.

Die traditionelle Antwort lautet: „damit wir wachsam seien und ein jeder glaubt, dass dies zu seinen Tagen geschehen kann“ (Hl. Ephräm der Syrer).

Der Hauptgrund aber ist, dass Gott uns kennt. Er weiß, welch schreckliche Angst wir hätten, kennten wir die genaue Stunde im Vorhinein und müssten wir zusehen, wie sie sich langsam, aber unvermeidlich nähert.

Gerade das ist es auch, was bei bestimmten Krankheiten die meiste Furcht einflößt. Zahlreicher sind heute die Menschen, die an plötzlichen Herzkrankheiten sterben, als jene, die an so genannten schweren unheilbaren Krankheiten leiden. Und dennoch: Wie viel mehr ängstigen diese Krankheiten, scheinen sie uns doch die Unsicherheit zu nehmen, die es uns gestattet zu hoffen.


Die Ungewissheit der „Stunde“ darf uns nicht dazu bringen, gedankenlos zu leben, sondern als Menschen, die wachsam sind.

Nimmt das liturgische Jahr seinen Anfang, so geht das weltliche Jahr zu Ende. Dies ist eine sehr gute Gelegenheit, um eine Überlegung über den Sinn unserer Existenz anzustellen.

Im Herbst lädt uns die Natur selbst dazu ein, über das Vergehen der Zeit nachzudenken. Was der Dichter Giuseppe Ungaretti über die Soldaten im Schützengraben auf dem Carso während des Ersten Weltkriegs sagte, gilt für alle Menschen: „Man ist wie im Herbst auf den Bäumen die Blätter.“ Das heißt: Man kann von einem Moment auf den anderen fallen. So sagt Dante Alighieri: „Die Zeit vergeht, und der Menschen wird dessen nicht gewahr.“

Ein Philosoph der Antike brachte diese grundlegende Erfahrung in einem Satz zum Ausdruck, der bis heute berühmt geblieben ist: „panta rhei – alles fließt“. Im Leben ist es wie beim Fernsehen: Die Programme folgen rasch aufeinander, und das neue löscht das ältere. Der Schirm bleibt derselbe, die Bilder aber wechseln.

So ist es mit uns: Die Welt bleibt, wir aber gehen einer nach dem anderen. Von allen Namen, Gesichtern, Nachrichten, die die Zeitungen und Fernsehsendungen von heute anfüllen – von mir, von dir, von uns allen –, was wird davon in ein paar Jahren oder Jahrzehnten bleiben? Nichts. Der Mensch ist nichts anderes als „ein von der Welle auf dem Strand des Meeres geschaffenes Zeichen, das von der nachfolgenden Welle ausgelöscht wird“.

Sehen wir zu, was uns der Glaube zur Tatsache, dass alles vergeht, zu sagen hat. „Die Welt und ihre Begierde vergeht; wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit“ (1 Joh 2,17). Es ist da also jemand, der nicht vergeht – Gott –, und es besteht die Möglichkeit, dass auch wir nicht gänzlich vergehen. Wenn wir den Willen Gottes tun, das heißt glauben, bei Gott sind.

In diesem Leben sind wir wie Menschen auf einem Floß, das durch die Strömung eines reißenden Flusses auf das offene Meer hinaus getrieben wird, von dem es keine Rückkehr gibt. In einem bestimmten Moment kommt das Floß an die Nähe des Ufers. Der Schiffbrüchige sagt: „Jetzt oder nie!“, und springt ans Festland. Was für eine Erleichterung, wenn er den Felsen unter seinen Füßen spürt! Das ist das Gefühl, das oft derjenige hat, der zum Glauben kommt. Aber er muß springen.

Die heilige Teresa von Avila hat als eine Art geistliches Testament das bekannt Wort hinterlassen : „Nichts soll dich ängstigen, nichts dich erschrecken. Alles vergeht, Gott allein bleibt.“

Liebe Schwestern und Brüder.
Das ist auch die Hoffnung, die unser Leben trägt und unser Handeln und Denken durchprägen sollte. Von dieser Hoffnung, dass Gott bleibt und dass wir bleiben, wenn wir uns an ihm festmachen – von dieser Hoffnung spricht die gestern veröffentlichte Enzyklika Benedikt XVI.

Das ist die Botschaft eines jeden ersten Adventssonntages. Das Kommen Christi als Herr der Welt – nicht als Kind in der Krippe – steht da im Vordergrund.
Auf IHN, seine Barmherzigkeit und Liebe zu hoffen – das ist eine adventliche Haltung, die uns nicht nur in diesen Tagen vor dem Weihnachtsfest gut zu Gesichte steht.

65. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

Das Ereignis der Verklärung nimmt eine ganz wichtige Stelle im Leben Jesu und seiner Jünger ein; darum nimmt Jesus auch drei Zeugen mit auf den Berg. Bevor Jesus seinen Leidensweg beginnt, sollen seine Jünger erfahren, welche Herrlichkeit ihm eigentlich zukommt und auf welches Ziel er zusteuert, wenn auch durch den Tod hindurch. Jesus weist auf seine Auferstehung voraus, damit der Glaube der Jünger gefestigt werde und sie so nicht irre werden, wenn sie ihn später werden leiden sehen.

Im zweiten Petrusbrief wird an das Geschehnis erinnert: „Denn wir sind nicht irgendwelchen klug ausgedachten Geschichten gefolgt, als wir euch die machtvolle Ankunft Jesu Christi, unseres Herrn, verkündeten, sondern wir waren Augenzeugen seiner Macht und Größe. Er hat von Gott, dem Vater, Ehre und Herrlichkeit empfangen; denn er hörte die Stimme der erhabenen Herrlichkeit, die zu ihm sprach: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe. Diese Stimme, die vom Himmel kam, haben wir gehört, als wir mit ihm auf dem heiligen Berg waren.“ (2 Petr 1,16-18)

Die Verklärung auf dem Berg erweckt zuerst ein Gefühl des Geborgenseins, sodann Staunen und Furcht. Die Jünger sind fasziniert und erschrocken zugleich. Das ist ganz angemessen für eine Gotteserscheinung, denn Gott ist das mysterium fascinosum et tremendum, das faszinierende Geheimnis, das zugleich erzittern läßt. Diesen majestätischen Aspekt Gottes haben wir heute zu sehr abgeblendet, indem wir nur das Nette und Niedliche an Gott herausgestellt haben. Von der unendlichen Erhabenheit Gottes, von seiner majestätischen Größe, Herrlichkeit und Macht, von seiner absoluten Heiligkeit machen wir uns kaum noch eine Vorstellung. Damit geht aber eine ungeheure geistige Verarmung einher und eine falsche Selbstsicherheit, die leicht dahin führen kann, was Paulus im Brief an die Philipper so ausdrückt: Man lebt als Feind des Kreuzes Christi, alles dreht sich um Essen und Trinken und irdische Vergnügen. Daß nicht der Bauch unser Gott wird, das ist nicht zuletzt der Sinn des Fastens. Doch verstehen kann diese Anstrengung nur, wer begriffen hat, wer Gott in Wahrheit ist: der absolut heilige, Ehrfurcht gebietende Herr des Himmels und der Erde.

Das haben damals die drei Jünger verstanden und nie wieder vergessen. Die Begegnung mit der umwerfenden Wirklichkeit Gottes, die alles Bekannte in den Schatten stellt, hat sie gerüstet für die kommende Zeit, die keineswegs einfach war.

Nutzen wir diese Fastenzeit, um auch uns zu rüsten für die Aufgaben des Lebens. Auch wenn wir nicht wie die Apostel zum Martyrium berufen sind, so sollen doch auch wir Zeugnis ablegen für unseren Glauben an Jesus Christus, was mitunter viel Mut kostet. Darüber hinaus erwarten jeden von uns früher oder später allerlei Leiden oder Krankheiten, die wir besser überstehen können, wenn unsere Beziehung zu Gott vertraut und gefestigt ist. – Die Verklärungsepisode wird uns nicht zuletzt auch deshalb heute verkündigt, damit wird Mut fassen und Kraft schöpfen für die Arbeit der Selbstdisziplin, zu der wir aufgerufen sind. Wir dürfen sicher sein: Alle Mühe dieses Lebens lohnt sich, keine Träne ist umsonst geweint, denn Gott hat denen Großes bereitet, die ihn lieben. (Vgl. 1 Kor 2,9)

66. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

Stellen Sie sich vor, ein Vater hat einen Sohn, der auf die schiefe Bahn geraten ist. Er hat Geld gestohlen und verjubelt, wurde erwischt und muß jetzt den Schaden wiedergutmachen. Der Vater bürgt für ihn, nimmt einen Kredit auf und bezahlt die Schuld seines Sohnes. Der Sohn verspricht ihm hoch und heilig, von nun ein rechtschaffenes Leben zu führen. Aber es dauert nicht lange, da beginnt er, sich wieder mit seinen schlechten Freunden zu treffen und die Nähe seines Vaters zu meiden. Es kommt zur Aussprache. Der Sohn sieht seine Schuld ein, ändert aber sein Leben nicht. So geht es lange Zeit.

Können Vater und Sohn auf Dauer so weiterleben? Oder muß der Vater dem Sohn nicht irgendwann eine Frist setzen: „Dies ist deine letzte Chance! Wenn du sie nicht nutzt, mußt du gehen?“

Das ist eine ernst gemeinte Frage, nicht nur ein Gleichnis. Können Menschen auf Dauer eine Gemeinschaft bilden, wenn auch nur einer von ihnen ständig die Liebe verletzt und nur egoistisch seinen eigenen Vorteil sucht? Nehmen wir an, es ist wirklich nur einer der Störenfried. Wird er nicht den Frieden der ganzen Gemeinschaft zerstören? – Wir werden wohl sagen müssen: Das gibt es gar nicht, daß nur einer sich falsch verhält und alle anderen richtig; jeder hat seinen eigenen Anteil am Unfrieden, an der Lieblosigkeit. Aber wenn es wirklich so sein sollte, daß alle gut sind bis auf einen, dann muß der Schlechte sich bessern; ansonsten kann er nicht bei den anderen bleiben.

Um es kurz und bündig zu sagen: Eine Ewigkeit mit Bösen zusammen zu sein, wäre die Hölle. Himmel dagegen ist, wo nur die Liebe regiert.
Nun ist Gott die Liebe selbst. Wir sind es gewohnt, uns Gott so vorzustellen, daß er keine Probleme hat mit den Sündern. Egal was Menschen auch anstellen, sie finden immer einen gnädigen Gott. Das ist zwar richtig, aber nur die eine Seite der Wahrheit! Richtig daran ist, daß Gott jedem, auch dem größten Sünder eine Chance gibt – und solange er lebt, immer wieder eine Chance. Falsch aber ist, zu denken, das bedeute, eine Umkehr sei also gar nicht nötig. Jesus sagt es im Evangelium gleich zweimal in äußerster Klarheit: „Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt.“ Nicht die einzelne Sünde ist für Gott ein Problem, sondern die fehlende Bereitschaft, sich davon wirklich abzuwenden.

Die Botschaft des heutigen Evangeliums ist eindeutig: Da werden Galiläer von Pilatus grausam ermordet; 18 Menschen finden den Tod beim Einsturz eines Turms. Wie soll man das verstehen? Verlockend und eingängig ist die Volksmeinung: Das Unglück ist die Strafe für begangene Sünden. Also: Sie waren selbst schuld. Die anderen, die nicht getroffen wurden, können sich sicher wähnen. – Doch Jesus sagt kategorisch: Nein! Solche Katastrophen sind niemals Zeichen der Schuld der Betroffenen. Denn wenn schon von Schuld gesprochen werden soll, dann muß man sagen: alle sind schuldig, ohne Ausnahme. Keiner kann sich sicher wähnen, solange er sich nicht aufrichtig von seiner eigenen Schuld abkehrt. Und zwar jetzt gleich, nicht irgendwann in der Zukunft.

Jesus sagt es im Gleichnis: Für den Feigenbaum ist es höchste Zeit, die Frucht zu bringen, die man ungeduldig von ihm erwartet. Dabei ist es eine besondere Gnade, daß der Weingärtner noch um Aufschub für ihn bittet, daß er sogar den Boden umgräbt und düngt, wo der Baum doch eigentlich schon seine Chance erhalten und verspielt hatte.

Offenbar sieht Jesus sich selbst in der Rolle des Weingärtners. Er hat Mitleid mit dem Feigenbaum, der ein Bild ist für die Stadt Jerusalem, die ihn und seine Botschaft ablehnt. So ruft er einmal aus: „Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die Boten, die zu dir gesandt sind. Wie oft wollte ich deine Kinder um mich sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt; aber ihr habt nicht gewollt. Darum wird euer Haus (von Gott) verlassen.“ (Lk 13,34) Er sieht voller Trauer den Untergang der Stadt voraus: „Als Jesus näher kam und die Stadt sah, weinte er über sie und sagte: Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was dir Frieden bringt. Jetzt aber bleibt es vor deinen Augen verborgen. Es wird eine Zeit für dich kommen, in der deine Feinde rings um dich einen Wall aufwerfen, dich einschließen und von allen Seiten bedrängen. Sie werden dich und deine Kinder zerschmettern und keinen Stein auf dem andern lassen; denn du hast die Zeit der Gnade nicht erkannt.“ (Lk 19,41ff)

Diese Worte Jesu gehen auch uns an. Jedem einzelnen ist die Chance zur Umkehr gegeben, aber keiner kann wissen, wie lange die Frist noch währt. Wir sind nicht besser als die Bewohner von Jerusalem. Aber wir sollen und wir können es sein – wenn wir die Gnade Gottes annehmen, die uns angeboten wird, nämlich jetzt. „Jetzt ist die Zeit der Gnade, jetzt ist er da, der Tag der Rettung.“ (2 Kor 6,2)

67. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

Angesichts des großartigen Gleichnisses von heute könnten wir uns einmal die Frage stellen: Wem gleiche ich zur Zeit am meisten: dem Vater, dem jüngeren oder dem älteren Sohn? Oder wir können auch umgekehrt fragen: Wem dieser drei bin ich am wenigsten ähnlich, mit welcher Verhaltensweise habe ich die größten Schwierigkeiten?

Ich schlage diese kleine Besinnungsübung vor im Hinblick auf die Ausstrahlung unserer Gemeinde nach außen. Gewiß hat dieses Gleichnis Jesu auf die Hörer aller Zeiten eine ungeheure Anziehungskraft ausgeübt, die hier erzählte Barmherzigkeit des Vaters zieht fast jeden unwiderstehlich an. Umgekehrt stößt die Hartherzigkeit und Sturheit des älteren Sohnes ab. Vermutlich war die Erfahrung solchen Verhaltens von seiten der führenden Juden für Jesus überhaupt der Anstoß, dieses Gleichnis zu erfinden. Er war traurig und enttäuscht, statt Begeisterung vorwiegend Empörung über seine Predigt zu erfahren. Man ließ ihn unmißverständlich wissen, daß man auf ihn und seine Botschaft gut verzichten konnte.

Auf diesen Punkt kommt es mir heute an. Genau dasselbe erleben wir Christen heute nämlich auch: daß man uns nicht hören will, daß man gut auf unsere Botschaft verzichten und ohne sie ganz gut leben kann. Was aber ist der Grund, daß wir diese Ablehnung erfahren? Es gibt hier nämlich die drei Möglichkeiten: weil die Mehrzahl der Christen sich so wie Jesus verhält und sich darum bei den Mächtigen, besonders den Ausbeutern und Kapitalisten verhaßt macht; oder weil sie sich wie der jüngere Sohn verhält und durch moralischen Tiefstand abstößt; oder weil sie sich wie der ältere Sohn verhält und ein Bild der Umbarmherzigkeit abgibt.

Vielleicht denken Sie jetzt, es gibt auch noch viele ganz andere Gründe, die in meiner Aufzählung nicht vorkommen, z.B. daß die Leute ganz einfach desinteressiert sind an religiösen Fragen, ohne daß dies mit dem Verhalten der Christenheit zusammenhängen muß. Das will ich nicht bestreiten, denn es gibt Zeiten in der Geschichte, da ist in der Tat weniger Offenheit für die Religion gegeben als zu anderen Zeiten. Das haben wir auch nicht in der Hand. Aber das soll uns nicht von der grundsätzlichen Prüfung unserer Frage abhalten, zumal es durchaus Anzeichen dafür gibt, daß wir derzeit vor einer Wende hin zu mehr religiösem Interesse stehen. Gerade dann aber ist es von um so größerer Wichtigkeit, daß wir Christen ein Bild nach außen abgeben, das einlädt und nicht vor den Kopf stößt.

Um es einmal so zu sagen: das Scheitern, das Jesus erleben mußte, hatte einen edlen Hintergrund und letztlich hatte es die besten Folgen. Denn das Kreuz ist Zeichen des Sieges, das „Blut der Martyrer ist der Same für neue Christen“ . Wer bei seinen Mitmenschen nicht ankommt, weil er Zeuge der Barmherzigkeit des Vaters ist, der ist auf der besten Seite und muß sich keine Vorwürfe machen. Dieses Zeugnis ist heute gewiß nicht leicht, leben wir doch in einer Gesellschaft, die den Menschen immer mehr nach seiner Leistungsfähigkeit beurteilt, in der den Müttern empfohlen wird, ihr Kind in eine Krippe zu geben, damit sie bald wieder arbeiten gehen können, während andererseits vielen Arbeitswilligen die Türen verschlossen werden. Geld regiert die Welt, für Barmherzigkeit ist nicht einmal mehr im Raum der Kirche Platz. Da klingen sehr schnell die biblischen Worte wie hohle Phrasen, vor allem in den Ohren der Verlierer. Aber auch diejenigen, die auf der Gewinnerseite stehen, sind von Angst um ihren momentanen Vorteil besetzt und von daher kaum imstande, sich den Verlierern in wirklicher Barmherzigkeit zuzuwenden.

Die schwache Ausstrahlung unseres Glaubens nach außen kann also damit zusammenhängen, daß die Mehrzahl der Christen dem Vater in unserem Gleichnis zu unähnlich ist bzw. daß es zu wenige Vorbilder der Barmherzigkeit gibt. Sie kann freilich auch darin ihren Grund haben, daß in unseren Reihen zu viele „verlorene Söhne und Töchter“ sind, die bei den Außenstehenden das Urteil aufkommen lassen: „Die sind ja auch nicht besser!“ Und schließlich könnte es sein, daß ein Großteil von uns mit der Zeit selbstgerecht und hartherzig geworden ist wie der ältere Sohn. – Ganz gleich wie ein jeder diese Besinnungsfrage für sich beantwortet, das heutige Gleichnis gibt uns den entscheidenden Anstoß für eine Vertiefung unserer Praxis als Christgläubige: Wir alle leben von der Barmherzigkeit und brauchen sie wie die Luft, die wir atmen. Nichts zieht den Menschen mehr zur christlichen Botschaft als die Güte und Barmherzigkeit Gottes. Sie schenkt uns Wert und Würde, die heute so sehr angegriffen und mit Füßen getreten werden. In unserer Gesellschaft leiden so viele unter dem Gefühl, wertlos zu sein oder ihre Würde verloren zu haben: z.B. Frauen, die nicht arbeiten können, genauso auch solche, die arbeiten müssen und ihr Kind in staatliche Obhut geben; unglücklich Verheiratete, die sich scheiden lassen, wie auch solche, die zusammenbleiben. Jeder sieht sich kollektiver Kritik und Abwertung ausgesetzt, kaum einer hört ein aufrichtendes und ermutigendes Wort. Sollte da unser Evangelium nicht aktuell sein?

Eine Welt ohne Barmherzigkeit ist ein kalter Ort. Sie allein hilft uns, unser Leben zu bejahen, gerade wenn es gebrochen oder von Unzulänglichkeit und Scheitern gezeichnet ist. Gott sagt sein JA zu uns und schenkt uns damit eine unverlierbare Würde. Seine Barmherzigkeit zieht uns an. Möge sie auch andere anziehen, weil sie sie an uns und durch uns erfahren!

68. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2007)

"Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne" heißt es. Und es stimmt vom Anfang her lässt sich vieles erst recht verstehen.

Ohne den Anfang mitbekommen zu haben, kann man einen Fernsehkrimi nicht verstehen.
Es ist oft entscheidend für menschliche Beziehungen wie und wo sie angefangen haben.

"Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne."
Das Evangelium heute spricht auch von einem Anfang.

Zum ersten Mal nämlich wirkt Jesus ein Wunder. der Hochzeit zu Kanaa.
Zum ersten Mal offenbart er sich vor der Welt als der Messias, der Herr.
Welcher Zauber diesem Anfang innewohnt, dieser Frage wollen wir heute ein wenig nachgehen.

Jesus wirkt das Wunder während einer Hochzeit.
So eine Hochzeit damals in Palästina dauerte zwischen drei und sieben Tagen. Das ganze Dorf und die komplette Verwandtschaft der Brautleute sind versammelt.
Jesus ist dabei. Mittendrin im Leben der Menschen. Er schließt sich nicht aus, dünkt sich nicht besser als die anderen. Er nimmt teil an der Freude der Menschen.
Ihm ist nicht egal, was um ihn herum geschieht. Die anderen sind ihm nicht egal.

Und auch deren Sorgen im Alltag sind ihm nicht egal.
Mich berührt es immer wieder, dass das erste Wunder Jesu keine Aufsehen erregende große Heilung oder Dämonenaustreibung war. Nein, er hilft einem in Verlegenheit geratenem Brautpaar und einem Wirt aus der Patsche. Wein fehlt. Das Fest würde sehr traurig enden.

Das verhindert der Herr durch sein Wunder. Ihm ist es egal ob die Gäste vielleicht zu viel getrunken oder der Wirt zu wenig einkalkuliert hat.
Er hilft ganz unscheinbar. Keiner weiß eigentlich am Ende, woher die sage und schreibe 600 Liter guten Weines kommen. Außer Jesus und Maria. Vielleicht noch die Diener, die das Wasser geschöpft haben...

Das ist das erste Zauberhafte, was ich in der ersten Wundertat Jesu finde: Ich und meine alltäglichen Sorgen sind ihm nicht egal. Er will sogar, dass ich mich freuen kann.

Der zweite Zauber der dem Anfang zu Kanaa innewohnt, ist die Tatsache, dass der Herr auf unsere Mithilfe baut.

Er, der Sohn Gottes, der Herrscher über Himmel und Erde- ER hätte doch schlicht und einfach so Wein in die großen Krüge befördern können.

Aber nein, erst müssen die Diener Wasser herschleppen.
Jesus sagte zu den Dienern: Füllt die Krüge mit Wasser. Und sie füllten sie bis zum Rand.

Die Diener müssen das alltägliche, normale Wasser heranschleppen, damit es verwandelt wird in den außerordentlichen Wein der Freude.

Unser Alltag, der oft ja so langweilig, eintönig, freudlos erscheinen mag, kann verwandelt werden, kann außerordentlich, ja ein Genuß werden.
Wie die Diener sollten auch wir versuchen, die Krüge bis zum Rand zu füllen, unser Bestes zu geben, da wo wir sind, sei es am Schreibtisch, am Herd, im OP, im oder in der Werkstatt.

Dabei kommt es nicht so sehr darauf an, große Dinge zu beginnen. Es reicht dem Herrn ja das Wasser.

Vielmehr dürfen wir die kleinen Schlusssteine nicht vergessen, den einen Brief eben doch noch zu Ende schreiben; das eine Gewürz doch noch zu verwenden, auch wenn man die neue Packung aus dem Keller holen muß, den Kollegen doch noch um Rat vor diesem Eingriff fragen, dieses eine Werkstück so herstellen, als wäre es für einen selbst. Es geht eben darum, die Krüge bis zum Rand zu füllen.

Das können wir unserem Herrn anbieten, den gut gelebten Alltag. Er soll, er wird etwas daraus Großes machen.
Die Diener haben zwar die Krüge bis zum Rand gefüllt, das Wasser in Wein verwandelt hat aber allein der Herr.
Die Diener haben ihre Pflicht getan und dann alles von Christus erwartet, ohne zu wissen, was er denn eigentlich mir der riesigen Menge an Wasser vorhat.

So lehrt uns das Wunder zu Kanaa eine Maxime für unser christliches Leben, die der Hl. Benedikt einmal so prägnant formuliert hat:

Betet, als ob alles von Gott abhinge,
und arbeitet, als ob alles von euch abhinge.

Pause – Wiederholung

Wenn wir uns das vornehmen zu tun, dann können Wunder geschehen. Kleine Wunder, ohne großes Spektakel.
Jesus hat nicht ein Wort über das Wasser gesprochen, geschweige denn irgendwelche Gebärden gemacht.

Es werden aber Dinge geschehen, die uns wie Wunder vorkommen, weil plötzlich der graue Alltag gar nicht mehr so grau scheint, weil das schale Wasser auf einmal nach köstlichem Wein schmeckt.

Der treue Dienst, die gutgemachte Arbeit der Diener und der Beistand Gottes haben ein Fest vor der totalen Pleite gerettet, Freude verbreitet. Alle konnten den Wunder-Wein verkosten.
Unser ehrliches Bemühen und Verrichten kann im Verein mit unserem aufrichtigen Gebet viele menschliche Unstimmigkeiten ausräumen und eine frohe Stimmung verbreiten. Ale verkosten dann die liebende Macht unseres Herrn.
Denn alle werden es irgendwie spüren, dass ER mittendrin ist, bei uns ist. Wie damals bei Hochzeit zu Kanaa.

Wie zauberhaft wäre dann unsere Welt...

69. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

Als man den Kirchenvater Hieronymus fragte, wie die Hochzeitsgesellschaft von Kana eine solche Weinmenge trinken konnte, da gab er zur Antwort: „Von diesem Wein trinken wir noch heute!“

Damit gibt der große Theologe um das Jahr 400 zu verstehen, daß uns diese Geschichte erzählt wird, um uns etwas über die Weise zu sagen, wie Gott sich zu uns Menschen verhält bis heute. Das berichtete Wunder steht nicht zufällig am Anfang des Johannesevangeliums: es ist das erste öffentliche Zeichen Jesu und will seine Herrlichkeit zur Erscheinung bringen. Es hat darum auch eine Verwandtschaft mit dem Weihnachtsgeschehen und der Taufe Jesu, die wir am letzten Sonntag gefeiert haben. So heißt es im Stundenbuch der Kirche in einem Gebet am Hochfest Erscheinung des Herrn: „Drei Wunder heiligen diesen Tag: Heute führt der Stern die Weisen zum Kind in der Krippe. Heute wurde Wasser zu Wein bei der Hochzeit. Heute wurde Christus im Jordan getauft, uns zum Heil, Halleluja!“

Das Wunder von Kana markiert den Beginn des öffentlichen Auftretens Jesu und ist wie eine grandiose Ouvertüre, in der Vieles vom späteren Wirken Jesu schon aufleuchtet. Das Evangelium beginnt mit einem Mangel: Der Wein ist ausgegangen. Wir müssen dabei wissen, daß Wein immer auch eine symbolische Bedeutung hat und für Freude und Fest steht. An Freude mangelt es also, obwohl Menschen zusammengekommen sind, um zu feiern und sich zu freuen. – Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, daß wir das auch kennen: Wir sind eingeladen, aber die Stimmung ist öd. Außer lauter Musik und wilder Zecherei gibt es nichts. Freude läßt sich nicht verordnen und nicht machen. Und das gilt nicht nur für Feste, sondern auch für das Zusammenleben überhaupt. Der Mangel an Freude ist eine allgemeine Erscheinung, eine Not, die wir alle kennen und x-mal erlebt haben. Freilich haben wir auch schon unsere Methoden gefunden, damit umzugehen: z.B. reichlich Alkohol konsumieren oder andere Versuche, den Mangel durch Konsum oder blinde Aktivität aufzufüllen. Es gibt Leute, die fahren Hunderte von Kilometern mit dem Auto, nur um ihre trübe Stimmung zu vertreiben. –

Wir sollten das, was hier über Jesus berichtet wird, nicht mit solchen Ersatzmitteln verwechseln! Jesus bringt keinen Ersatz, sondern die echte Wirklichkeit, kein Surrogat, sondern wahre Fülle. So sagt er es später: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ (Joh 101,10) Und interessant ist, wie er den Wein beschafft, nämlich über die Wasserkrüge, die dazu dienten, daß sich die Leute wuschen, wie das Gesetz es vorschrieb. Diese Art der Reinigung wird nun ebenfalls verwandelt und durch etwas Besseres ersetzt: Die Wasserkrüge werden zu Weinbehältern, die rituelle Waschung weicht den Sakramenten, die in der neuen Zeit gegeben sind, vor allem Taufe und Eucharistie. Die äußere Reinigung, die das Gesetz gefordert hat, geht in die innere Reinigung über, an der wir in der Eucharistie Anteil gewinnen. „Von diesem Wein trinken wir noch heute!“

Wir tun es immer dann, wenn wir zu Christus kommen und aus seiner Fülle empfangen, was vor allem in der Messe geschieht. Die Teilnahme an der Eucharistie ist ein Heilmittel gegen die Freudlosigkeit, die auch uns Christen zu schaffen macht. Natürlich nicht die bloße körperliche Anwesenheit ohne innere Teilnahme. Vielmehr die echte Mitfeier, d.h. das aktive Zuhören, das Mitsingen, das Einschwingen in die Hingabebewegung Jesu zum Vater, die sich z.B. im Gebet des Hl. Nikolaus von Flüe niederschlägt:

„Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir. Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu dir. Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.“ Aus diesem Gebet spricht eine Haltung, die Maria, die Mutter Jesu in vollendeter Form besessen hat. Darum hat sie auch den wichtigen Vermittlungsdienst leisten können, ohne ihren eigenen Willen über Gottes Willen zu stellen. Sie wurde nicht traurig, als Jesus ihre Bitte nicht sofort erfüllte, sondern fand vielmehr ihre Freude im schlichten Dienen, das in jenem Moment vor allem im zurückhaltenden Warten bestand und im Wort: „Was er euch sagt, das tut!“. Und gerade so machte sie das Wunder möglich.

Das heutige Evangelium stellt uns Maria als Vorbild vor Augen. Könnten doch auch wir so still und zurückhaltend warten und auf den Herrn vertrauen! Könnten doch auch wir unseren Eigenwillen zurücknehmen und den Willen des Vaters annehmen! Dann wären wir viel gelassener und weniger mißmutig. – Wir können das lernen: auf unsanfte Weise durch das Leben, auf milde Weise aber durch die eingeübte Mitfeier der Eucharistie.

Davon spricht das heutige Gabengebet: „Herr, gib, daß wir das Geheimnis des Altares ehrfürchtig feiern; denn sooft wir die Gedächtnisfeier dieses Opfers begehen, vollzieht sich an uns das Werk der Erlösung.“

70. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

Der Evangelist Lukas beginnt sein Evangelium mit einer interessanten Vorbemerkung. Sie macht deutlich, wozu er den Bericht über das Leben Jesu überhaupt verfaßt, welche Informationen er dazu eingeholt und welche Zeugen er befragt hat. So erfahren wir, wie wir seine Ausführungen verstehen sollen.

Wir fragen manchmal: Sind die neutestamentlichen Berichte auch wahr? Während in früheren Zeiten hieran überhaupt kein Zweifel war und man eine solche Frage schon für skandalös hielt, scheint es heute von einem kritischen Geist zu zeugen, wenn man die biblischen Erzählungen ins Reich der Legende verweist. Es handle sich nicht um Geschichte, sondern nur um Geschichten.

Doch Lukas will offensichtlich nicht bloße Geschichten erzählen, so wie auch der Autor des 2. Petrusbriefes klarstellt. „Denn wir sind nicht irgendwelchen klug ausgedachten Geschichten gefolgt, als wir euch die machtvolle Ankunft Jesu Christi, unseres Herrn, verkündeten, sondern wir waren Augenzeugen seiner Macht und Größe.“ (2 Petr 1,16) Dasselbe Wort von den Augenzeugen verwendet auch Lukas in seiner kurzen Vorbemerkung. Am Anfang der Überlieferungen, die Lukas gesammelt hat, müssen Augenzeugen stehen, damit sein Bericht auch „zuverlässig“ und glaubwürdig ist.

Freilich ist das geschriebene Evangelium nicht ein vom Himmel gefallenes Dokument, in dem uns Wort für Wort haarklein und detailgetreu berichtet wird, was Jesus gesagt und getan hat. Vielmehr ist es in einem Überlieferungsprozeß entstanden, der insbesondere drei Etappen umfaßt:

1. Das irdische Leben Jesu

Jesus hat selbst nichts geschrieben, nur mündlich gelehrt. Dabei wandte er vielfach eine Sprachtechnik an, die es sehr erleichterte, das Gesagte im Gedächtnis zu behalten, vor allem Bilder, Gleichnisse, rhythmische Wiederholungen sowie Parallelismen und Antithesen, z.B. „Die Ersten werden die Letzten sein, und die Letzten die Ersten.“ (Mt 20,16) Solche Sätze prägen sich ein wie markige Werbesprüche, und die Apostel, die sie häufiger hörten, brauchten sie gar nicht aufzuschreiben, sondern konnten sie ohne Mühe im Gedächtnis behalten.

2. Die mündliche Predigt der Apostel

Bald nach der Auferstehung und Himmelfahrt Jesus begannen die Apostel damit, überall von Jesus zu predigen. Sie schöpften aus ihren reichen Erfahrungen mit Jesus und erzählten das Erlebte natürlich so lebendig wie möglich, d.h. nicht in der Absicht, eine genaue historische Abfolge vom Leben Jesu zu geben, sondern betonten mal dies, mal jenes, je nach dem, was für die Hörer gerade nützlich erschien, um im Glauben gestärkt zu werden. Nicht die Oberfläche der Geschehnisse war ihnen wichtig, sondern der tiefe Sinn, der dahinter steckte und den sie nach Ostern klar erkannt hatten. Ob es 4000 oder 5000 Männer waren, die Jesus bei der Brotvermehrung gespeist hat oder ob es solcher Wunder mehr als eines gegeben hat, war ihnen nicht wichtig und kann darum heute auch nicht mehr entschieden werden.

3. Die geschriebenen Evangelien

Ungefähr 30 Jahre nach dem Tod Jesu begannen einige Autoren, die apostolische Predigt, die auf mündlichem Weg zu ihnen gelangt war, schriftlich festzuhalten. Vermutlich gab es zu der Zeit schon einige kleinere schriftliche Sammlungen von Einzelberichten. Lukas erwähnt, daß es „viele“ waren, die es bereits unternommen haben, erste Zusammenfassungen in schriftlicher Form abzufassen. Einige dieser Berichte hat er vor sich, anderem ist er selber genauer nachgegangen, „von Grund auf“, wie er sagt, um es vom Anfang der Überlieferungskette her, d.h. von den Augenzeugen zu verifizieren. Selbstverständlich mußte er für sein Werk in den literarischen Stoff selbst stark gestaltend eingreifen: durch Auswahl des Besseren oder Wichtigeren und Auslassung des Nebensächlichen; durch Einpassung in eine sinnvoll erscheinende Ordnung, die nicht unbedingt die chronologische sein mußte; durch eine Färbung und Gewichtung nach persönlicher Vorliebe und im Hinblick auf den Leserkreis. Während z.B. Matthäus, der für Judenchristen schrieb, viele Zitate aus dem Alten Testament einbaute, um zu beweisen, daß sie in Jesus erfüllt sind, mußte Markus, der für Heidenchristen schrieb, die jüdischen Gebräuche, z.B. die Reinigungsvorschriften eigens erklären. Lukas schreibt vor allem für die Armen und Geringen, und darum liegt ihm die Herausstellung der Barmherzigkeit Gottes am Herzen, worin eine „eine gute Nachricht für die Armen“ sieht (Lk 4,18). Sein Evangelium betont ferner stärker als die anderen das Wirken des Heiligen Geistes, den er erwähnt, wenn Matthäus einfach nur vom Guten spricht. (Lk 11,13; Mt 7,11)

Solche Differenzen zwischen den Evangelien schmälern nicht deren fundamentale Wahrheit. Sie zeigen nur, daß sie keine historischen Bücher im modernen Sinn sind, keine detaillierte, aber im übrigen langweilige Chronologie von Geschehnissen, die mit uns nichts zu tun hätten. Gerade weil das Berichtete den Hörer unbedingt angeht, also auch für uns heute über den großen Zeitenabstand hoch bedeutsam ist, darum konnten sich auch die Evangelisten nicht neutral und distanziert zurückhalten, sondern mußten ihren eigenen Glauben mit in ihr Werk einbringen, ihre glühende Liebe und Hingabe, ihre Freude und ihr Engagement.

Das Neue Testament ist etwas Einmaliges in der Weltliteratur. Religiöse Tiefe und historische Zuverlässigkeit treffen hier zusammen, wie es sonst nirgends der Fall ist. Wir Christen brauchen uns mit unserer Bibel vor niemandem zu verstecken. Wir sind nicht auf irgendwelche klug ausgedachten Geschichten hereingefallen!

Vgl. Klaus Berger: Sind die Berichte des Neuen Testamentes wahr? Ein Weg zum Verstehen der Bibel. Gütersloh 2002.

Vgl. Bernhard Wenisch: Geschichten oder Geschichte? Theologie des Wunders. Salzburg 1981.

71. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

Ich möchte heute zwei Fragen besprechen. 1. Warum werden die Landsleute Jesu in Nazareth so wütend auf ihn? Was erklärt ihren Stimmungsumschwung? Und 2. Was können wir tun, damit wir nicht von der Miesmacherei angesteckt werden?

Der Schlüssel zur Antwort auf die erste Frage steckt in der Bemerkung: „Ist das nicht der Sohn Josefs?“ Das heißt: Was kann er uns schon Neues sagen? – Wenn Jesus diese Einschätzung stehengelassen hätte, dann hätte er seine Sendung verraten. Er hätte sich in die viel zu engen Schubladen der Leute einsperren lassen, und man hätte ihn fortan nur nach Menschenart angesehen. Seine eigentliche Botschaft aber hätte keine aufnahmebereiten Hörer mehr finden können.

Andererseits wußte Jesus, daß die Einschätzung der Leute letztlich aus ihrem Neid stammte, der nach der Regel verfährt: „Also schloß er messerscharf, daß nicht sein kann, was nicht sein darf.“ Der neidische Mensch mißgönnt dem anderen Menschen seine Überlegenheit und seine Erfolge; überhaupt alles, was herausragt, ist ihm ein Dorn im Auge, und er muß es schlecht machen und niederhalten. „Wenn ich diese Fähigkeit schon nicht habe, dann soll sie auch kein anderer haben, dann darf sie keiner haben“, räsoniert er im stillen und schmiedet Pläne, wie er den vermeintlichen Konkurrenten zur Strecke oder wenigstens ins Wanken bringen kann. So dachten damals auch die Landsleute Jesu, die sich mit seiner neuen Rolle nicht anfreunden wollten. Der gefühlte Neid hielt Jesus vermutlich davon ab, in seiner Heimatstadt Wunder zu wirken, denn damit hätte er diesen nur noch vergrößert. Aber auch so war der Neid schon schlimm genug, er vergiftete das Klima in der Synagoge derart, daß alle weiteren Erklärungen Jesu nur noch Aggression erzeugten. Die Wahrheit hatte an jenem Tag keine Chance. Die spätere Passion Jesu zeichnet sich schon ab.

Nun zur zweiten Frage: Wie schützen wir uns vor dem verbreiteten Virus der Miesmacherei und den vielen negativen Gefühlen, die in uns und um uns herum wirksam sind? Offensichtlich bietet nicht einmal die Kirche einen durchgreifenden Schutz, war es doch damals eine Synagoge, in der sich die Aggressionen hochschaukelten, und sind es auch heute nicht selten Inhaber hoher politischer wie auch kirchlicher Ämter, die aus Mißgunst und Neid Intrigen spinnen und ihre mißliebigen Parteifreunde oder Mitbrüder verunglimpfen, demütigen und verleumden.

In der Gemeinde von Korinth etwa hat es Auswüchse dieser Art gegeben, Paulus beklagt sie eingehend in seinem Brief. Da gibt es eine Reihe von Leuten, die sich einbilden, was Besseres zu sein, vor allem deshalb, weil sie sich im Besitz gewisser Gnadengaben oder Charismen wähnen, die sie vor den anderen auszeichnen. Sie wollen diese Gaben aber nicht in den Dienst der Gemeinde stellen, sondern nur in ihrem kleinen Club pflegen, und so provozieren sie eine Spaltung der Gemeinde. Kurz: Sie wollen nicht dienen, sondern bewundert werden. Paulus legt seine ganze Persönlichkeit in die Waagschale, um gegen diese Aufgeblasenheit und Eitelkeit anzugehen.

Den Höhepunkt seiner Ausführungen bildet das Hohelied der Liebe, in dem er den Maßstab aufzeigt, an dem alle Gaben der Menschen gemessen werden müssen. Die Liebe ist demnach der Weg, „der alles übersteigt“. Sie ist der einzige Weg, der zum Ziel führt, während alles andere nicht ausreicht: weder die tiefste Erkenntnis noch die heroischste Ethik. Ich kann noch so glänzende Fähigkeiten haben, wenn ich nur mich selbst suche, nur mich verwirklichen will, dann laufen meine Begabungen ins Leere. Ich kann noch so fromm tun, noch so fromme Predigten halten, wenn es mir dabei nur um meine Selbstdarstellung geht, dann wächst daraus kein Segen. Ich kann alles verschenken, wenn es mir dabei nur darum geht, von den anderen bewundert zu werden, dann nützt mir das nichts. Ja, ich könnte selbst als Martyrer sterben, wenn dahinter nur eitle Ruhmsucht stünde, hätte ich nichts davon. Die Liebe ist der Prüfstein. An der Liebe entscheidet sich alles. Ohne Liebe ist alles nur klingende Schelle und lärmende Pauke – viel Lärm um nichts.

Die Liebe war der Beweggrund Gottes, in die Welt zu kommen und sie zu retten. „Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat.“ (Joh 3,16) Alle, die mit der Aufgabe betraut sind, diese Liebe Gottes vor der Welt zu leben und zu verkünden, müssen diesen Dienst selber aus Liebe und in Liebe tun, sonst sind sie keine Boten Gottes und reden nur aus sich selbst: aus ihrer Verachtung der anderen Menschen, ihrer Fehler, ihrer Wohlstandskultur, ihrem Mißbrauch der Macht oder der Natur. Solche Motive sind weit entfernt vom Niveau der christlichen Predigt. „Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf.“ (1 Kor 13,4)

So ist die Liebe auch der wirksamste Schutz gegen mögliche Verhärtung und gegen die Gefahr, vom allgemeinen Mißmut angesteckt zu werden. „Die Liebe erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf.“ (1 Kor 13,7) Die Liebe ist ein Höhenweg, der alles übersteigt. Wer sich auf diesen Weg einläßt, der sucht nicht sich selbst, sondern Gott. Der sucht nicht sich selbst, sondern den anderen. Darum hört wahre Liebe niemals auf, denn sie ist nicht nur der Weg zum Ziel, sondern auch das, was uns am Ziel erwartet: uneingeschränkte, ewige und selig machende Liebe.

72. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

Wenn die Meßfeier auf ihren Höhepunkt zusteuert, ruft der Priester uns auf: „Erhebet die Herzen!“ Natürlich meint diese Aufforderung nicht, daß sich nun alle erheben sollen, auch wenn dies dazu gehört. Vielmehr sollen von nun an alle in das Geheimnis Gottes eintreten, und zwar mit ganzem Herzen, Willen und Verstand.

In diesem Augenblick sind wir in einer ähnlichen Lage sind wie der Prophet Jesaja bei seiner Berufungsvision. Die Lesung erzählt, wie Jesaja Gott begegnet ist: er, der unwürdige, kleine Mensch dem heiligen, unnahbaren Gott. Deshalb ruft er aus: „Weh mir, ich bin verloren, ich bin ein Mensch mit unreinen Lippen.“ Er erfährt den unendlichen Abstand zu Gott, seinem Schöpfer, und seine eigene Unwürdigkeit angesichts der Heiligkeit Gottes. Und so läßt ihn der Gesang der Engel erschauern, die rufen: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerscharen. Von seiner Herrlichkeit ist die ganze Erde erfüllt.“

Genauso stehen wir vor Gott, und deshalb wiederholen wir ja in jeder Messe diesen Lobpreis der Engel, besser: wir stimmen in ihn ein, nachdem wir unsere Herzen zu Gott hin erhoben haben und unmittelbar vor der Wandlung stehen, d.h. dem Augenblick, wo Gott in unsere Mitte herabsteigt und Brot und Wein in den Leib und das Blut Jesu verwandelt. Müßten wir dann nicht eigentlich auch sagen: „Weh mir, ich bin verloren“?

Das ist der erste Teil der unheimlichen Begegnung zwischen dem Propheten Jesaja und Gott. Dann kommt ein Engel mit einer glühenden Kohle in der Hand und berührt damit den Mund des Propheten, um seine Schuld zu tilgen. Es geschieht etwas anscheinend sehr Schmerzhaftes – wer möchte schon seinen Mund an eine glühende Kohle halten? –, aber zugleich auch etwas Befreiendes, das die Lage des Propheten entscheidend verändert: Gott erscheint nicht mehr als der Erdrückende, Gefährliche und Bedrohliche, sondern als der Bittende und Fragende: „Wen soll ich senden? Wer geht in unserem Auftrag?“

Jagt uns Gott Schrecken ein? Müssen wir vor Gott Angst haben? Die Frage kommt aus einer schiefen Perspektive und kann uns darum in die Irre führen. Wir sollten besser anders fragen: Haben wir es manchmal nötig, erschreckt zu werden? Kann es für uns heilsam sein, daß wir aufgerüttelt werden aus einer falschen Sicherheit? Wenn ich z.B. auf der Autobahn fahre und langsam eindöse, für Sekunden das Bewußtsein verliere – muß ich da nicht aufgeschreckt werden, um nicht ins Verderben zu fahren? So ist es auch mit unserem religiösen Leben und mit der Praxis der Gottesdienstfeier: sie kann zur Routineangelegenheit werden – eine Gefahr, die besonders die Priester ständig bedroht. – Und auch unser Leben: Wie oft stecken wir in einer unfruchtbaren Selbstgefälligkeit, die uns für Gottes Ruf taub macht? Da kann ein Erschrecken sehr wohl heilsam sein, wenn es auch weh tut wie eine glühende Kohle.

So ist es auch Petrus und seinen Freunden gegangen, als sie Zeuge des wunderbaren Fischfangs wurden. Schlagartig wurde ihnen bewußt, wie klein und unwürdig sie waren im Vergleich zu dem erhabenen Herrn, der sogar über die Fische Macht hatte. So rief Petrus aus: „Herr, geh weg von mir, ich bin ein Sünder“. Das Erschrecken war nötig und heilsam, weil sie sonst nie auf die Idee gekommen wären, Jesus auf seinem Weg zu folgen und wie er Menschenfischer zu werden.

So sehen wir: Das Erschrecken ist das notwendige Durchgangsstadium zum neuen Selbstbewußtsein, das Gott uns schenkt, wenn er einem jeden von uns sagt: „Ich brauche dich. Ich will dich senden, für meine Dienste einspannen.“

So ruft uns Gott auch heute. Zum Beispiel wenn Katechetinnen gesucht werden für die Kommunionvorbereitung oder die Firmvorbereitung oder Leute für den Vorstand in KAB oder Frauengemeinschaft. „Weh mir, ich bin verloren“, mögen einige Eltern gedacht haben, als sie die vor ihnen stehende Aufgabe als Katechetinnen bedacht haben. Aber die Frage „Wen soll ich denn senden?“ hat sie ermutigt zu sagen: „Hier bin ich, sende mich!“ Und siehe da: Es geht, und zwar gut, wie ich fest annehme. Der Heilige Geist wirkt in den Herzen der Kommunionkinder, weil einige Eltern ihre Mitarbeit angeboten haben.

Es ist ein Wunder, das sich täglich wiederholt und angesichts dessen wir immer wieder singen können und dürfen: „Heilig, heilig, heilig...“

73. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

Immer wieder wird gesagt, der Wohlstand sei schuld daran, daß so viele Menschen nicht mehr glauben. Das scheint mit Jesu Warnung übereinzustimmen: „Weh euch, die ihr reich seid; denn ihr habt keinen Trost mehr zu erwarten!“ Sollten wir also wünschen, arm zu sein?

Ich glaube nicht, daß irgend einer, der hier sitzt, so etwas wünscht. Wir können mit den Seligpreisungen und Weherufen Jesu ja auch nicht so umgehen, als gäben sie uns konkrete Normen des Handelns vor. Es handelt sich vielmehr um Jesu ureigene Empfindungen angesichts der Situation der Menschen um ihn herum. Jesus drückt seinen Schmerz aus, weil ihm die Hartherzigkeit seiner Zeitgenossen weh tut und ihn auf den Kreuzweg des Leidens geführt hat, aber auch, weil er die bösen Folgen für die Menschen voraussieht. So sagt Jesus zu den Frauen, die ihn beweinen: „Ihr Frauen von Jerusalem weint nicht über mich; weint über euch und eure Kinder! Denn es kommen Tage, da wird man sagen: Wohl den Frauen, die unfruchtbar sind, die nicht geboren und nicht gestillt haben.“ (Lk 23,29)

Tun uns die Herzenshärte unserer Mitmenschen und unsere eigene Gefühlskälte in ähnlicher Weise weh? Tut uns der Unglaube weh? – Warum sollte er uns denn wehtun? – Ich glaube nicht, daß es am Wohlstand liegt, daß so viele Menschen in Westeuropa in religiösen Dingen so gleichgültig geworden sind. Sonst wäre nicht verständlich, warum die mindestens ebenso wohlhabenden US-Amerikaner bis heute ihren Glauben nicht nur sehr hoch schätzen, sondern auch mehrheitlich den Gottesdienst besuchen – ungefähr 36 % jeden Sonntag. Ich schließe daraus: Es tut den Erwachsenen in Westeuropa viel weniger weh als denen in den USA, daß Gott in ihrem Alltag nicht vorkommt und daß ihre Kinder religiösen Hunger leiden. Sie sorgen sich um alles Mögliche: Ausbildung, Kleidung, Sport, Musik, Theater, usw., aber kaum um das einzig Wichtige.

Warum ist der Glaube das Wichtigste? Der Visionär Friedrich Nietzsche zeigt es uns anhand der Folgen des Unglaubens, den er freilich selbst herbeigewünscht hat:

„Wohin ist Gott? Ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet – ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszu­trinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Müssen nicht Laternen am Vormittage angezündet werden?“

Liebe Gemeinde! Der Unglaube kettet die Erde von ihrer Sonne los, so daß sie fortwährend in eine grauenhafte Kälte und Dunkelheit stürzt. Das Grauen hat unsere Gesellschaft schon seit längerer Zeit erfaßt. Unsere Kinder erfahren immer weniger Liebe und Geborgenheit, statt dessen werden sie immer früher in den Daseinskampf gezogen, in dem das Recht des Stärkeren gilt. Sollte das die einzige Erfahrung sein, die ihr Leben grundlegend bestimmt?

Der Pfarrgemeinderat hat neulich beschlossen, sich mit dieser Situation nicht abzufinden. In den nächsten Monaten werden wir mit verschiedenen Aktionen für den Glauben und den Gottesdienst werben. Aber bitte denken Sie jetzt nicht: „Gut, daß der Pfarrgemeinderat endlich mal was tut.“ Denn an dieser Aufgabe müssen wir alle mitwirken. Wir können uns nicht auf den Lorbeeren früherer Zeiten ausruhen. So wie mir mal ein Mann gesagt hat: „Unsere Oma geht ja jeden Tag in die Kirche; das ist doch das beste Vorbild für meine Kinder.“ Wobei er das Entscheidende übersehen hat: das eigene Vorbild. Wenn wir es nicht selber tun, dann springt kein Funke über, mögen da noch so viele sein, die in unserer Verwandtschaft ein frommes Leben führen.

Liebe Gemeinde! Wir müssen wieder entdecken, welchen unvergleichlichen Wert der Glaube hat und warum wir alle mit höchster Intensität wünschen sollten, daß keines unserer Kinder zum Atheismus verführt wird. Wenn wir dies erkannt haben, dann werden wir auch sehen, daß es beim bloßen, wenn auch dem intensivsten Wunsch nicht bleiben kann, sondern daß Taten folgen müssen, wenn es uns mit dem Wunsch ernst ist.

Als der atheistische Philosoph Voltaire starb, da sagte die Krankenschwester, die dabei war: „Für alles Geld Europas möchte ich keinen Ungläubigen mehr sterben sehen.“

Tut Ihnen die Vorstellung nicht weh, daß Ihre Kinder und Enkel womöglich einen ähnlich schrecklichen Tod haben wie Voltaire, ja daß sie schon ihr ganzes Leben als sinnlos und grausam erfahren müssen? Aus dem Weh folgt der Ruf nach Heilung. Wer Zahnschmerzen hat, geht zum Zahnarzt. Wem der Unglaube weh tut, der kehrt zu Gott zurück.

So müssen wir alle uns bekehren, umwenden, zu Gott zurückkehren, damit der Fluch des Unglaubens von uns genommen wird. Konkret bedeutet das, daß wir die Symbole für Gottes gegenwärtige Liebe wieder zum Sprechen bringen und in unseren Alltag zurückholen, z.B. das Tischgebet, das Kreuz, das Weihwasser, vor allem aber die rechte Feier des Sonntags, der nicht allein durch Ausschlafen und gemeinsames Familienfrühstück bestimmt sein darf.

Bei alledem darf uns nicht die Angst aufhalten, daß unsere Nachbarn und Arbeitskollegen uns vielleicht die kalte Schulter zeigen: „Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und aus ihrer Gemeinschaft ausschließen, wenn sie euch beschimpfen und euch in Verruf bringen um des Menschensohnes willen. Freut euch und jauchzt an jenem Tag; euer Lohn im Himmel wird groß sein!“

Gallup-Umfrage, März 2000. Danach gehen weitere 24 % einmal im Monat in die Kirche.

74. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

Die heutige Schriftlesungen führen uns den Tod vor Augen, den Abgrund, vor dem wir Menschen stehen und der uns Angst machen kann, der uns traurig und verzweifelt macht und uns den Halt nimmt. Demgegenüber erfahren wir heute: Der Tod ist nur die vorletzte Wirklichkeit. Die letzte Wirklichkeit ist das Leben, das Leben in Person.

Jesus begegnet einem Beerdigungszug. Eine Frau, die bereits ihren Mann verloren hat, beklagt nun auch noch den Tod ihres einzigen Sohnes. Jesus macht keinen Bogen um sie, er schottet sich nicht ab und sucht keine Ausflüchte. Er geht vielmehr auf diese Frau zu und tröstet sie: „Weine nicht!“ Und dann zeigt er ihr, daß er Macht sogar über den Tod besitzt: Er erweckt den Toten wieder zum Leben und gibt ihn seiner Mutter zurück. Damit gibt er ein gewaltiges, aufrüttelndes, ja geradezu furchterregendes Zeichen der Hoffnung und führt so lebendig vor Augen, daß die alten Prophezeiungen vom Reiche Gottes sich zu erfüllen beginnen: Alle Tränen sollen einst abgewischt werden, wenn Gott endlich alle widergöttlichen Mächte beseitigt hat.

Was aber kann dieser Text für uns heute bedeuten? Er ist geeignet, unseren Glauben an Gott zu stärken, der das Leben selbst ist. Dadurch gewinnt ferner unsere Hoffnung wieder festen Grund, unsere Hoffnung auf ein Leben jenseits des Todes. Vor allem aber werden wir zur tätigern Liebe ermutigt, konkret zum Mitleid: Das Leid und die Trauer der anderen sollen uns zu Herzen gehen, wir sollen für ihren Schmerz unsere Augen öffnen und nicht wegschauen.

Die Episode des heutigen Evangeliums könnte die Überschrift tragen: „Der Herr hatte Mitleid.“ Ja, sein Mitleid war so groß, daß er etwas tat, was eigentlich erst Ostern geschehen sollte. Aber Jesus konnte angesichts seines übergroßen Mitleides nicht so lange warten.

Wenn wir ihn schon nicht nachahmen können in seiner wunderbaren Totenerweckung, so können wir es doch im Mitleid. Aber das ist gar nicht so leicht. Man möchte keine Fehler machen und kein falsches Wort sagen. Darum schweigen wir so oft und meiden die Trauernden. Aber für dieses ist es dann doppelt schlimm, müssen sie dann doch denken, daß sie auch noch von ihren Freunden im Stich gelassen werden.

Anteilnahme ist darum eine Kunst, denn die vielen gut gemeinten Worte sind schon tausendmal zur Phrase erstarrt, und viele sind da sehr empfindlich und wollen solche Worte nicht hören. Aber andererseits: Wer diese schwierige Lage mit einem trauernden Menschen aushält und Anteil nimmt, der tut ein sehr gutes Werk und ein sehr nötiges. Denn er hält demjenigen den Himmel offen, für den sich gerade alles verschlossen hat, für den, der an nichts mehr glauben und auf nichts mehr hoffen kann. Der Trost eines Freundes kann hier die Rettung sein, sein Mitleid das einzige Licht.

75. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

Nicht auszurotten ist der Hang des Menschen, über abwesende Dritte zu reden und insbesondere über deren wirkliche oder vermeintliche Fehler herzuziehen. Warum tun die Menschen das so gerne? Die anderen? Nur die anderen? Oder sollte ich mich selbst lieber gleich mit einschließen?

Daß solcher ehrabschneiderische Tratsch nicht okay ist, fällt uns nur selten auf, meistens haben wir dabei sogar ein gutes Gewissen. Woran liegt das? Ich denke, es liegt daran, weil wir tief in unserem Unterbewußtsein spüren, daß wir keineswegs völlig okay sind, daß unser moralischer Zustand ungefestigt ist und daß es viele Schwachstellen gibt, die besser nicht ans Tageslicht kommen sollten; wir verdrängen sie. Und eine sehr wirksame Methode der Verdrängung besteht in der Wegwendung der Aufmerksamkeit auf die Schwächen und Fehler anderer. So räsonieren wir gerne ungefähr so: „Solange es noch Menschen gibt, die schlechter sind als ich, brauche ich mir um mich selbst keine Sorgen zu machen, und habe ich keinen Grund, mich zu ändern und zu bekehren.“

Jesus hat im Beispiel vom Pharisäer und Zöllner im Tempel diese selbstgerechte Denkweise treffsicher auf den Punkt gebracht: „Gott, ich danke dir, daß ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort.“ (Lk 18,11) Ganz genauso denkt auch der Pharisäer Simon, bei dem Jesus zum Essen eingeladen ist und der ganz sicher kein schlechter Mensch war, vielmehr ein zu Recht angesehener Mann. Ihm war gar nicht aufgefallen, daß er es an den gebührenden Höflichkeitserweisen Jesus gegenüber hatte fehlen lassen. Da kam ihm die Frau gerade recht, die vermutlich stadtbekannte Sünderin, die in wunderbarer Weise von seinen eigenen Versäumnissen ablenken konnte. Ich vermute, daß in ganz ähnlicher Weise den CSU-Politikern Beckstein und Huber und die außereheliche Affäre des Gesundheitsministers zupaß kam, um nur ein aktuelles Beispiel zu nennen.

Aber wichtiger noch als die moralische Frage nach Schuld und Entschuldigung ist die theologische Frage nach unserem Stand vor Gott. Im Beispiel vom Pharisäer und Zöllner sagt Jesus: „Ich sage euch: Der Zöllner kehrte als Gerechter nach Hause zurück, der andere nicht. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ (Lk 18,12) Dem Pharisäer Simon gibt er eine ähnliche Lehre: „Deshalb sage ich dir: Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie (mir) so viel Liebe gezeigt hat. Wem aber nur wenig vergeben wird, der zeigt auch nur wenig Liebe.“ (Lk 7,47)

Jesus wird nicht müde, ein Bild von Gott zu zeichnen, das es wirklich verdient, Frohe Botschaft genannt zu werden. Die Sünderin hat Jesus vermutlich schon vorher erlebt: als wortgewaltigen Prediger, als barmherzigen Helfer in der Not und als eine Persönlichkeit mit einer Ausstrahlung, die gerade die in ihrem Selbstwertgefühl zutiefst erniedrigten Sünder anzog und sie erkennen ließ, daß er ihr Leben grundlegend wenden konnte. Wir können uns ausmalen, was die Begegnung mit diesem Mann für sie bedeutete: Endlich einer, der sie annimmt, der sie nicht wegstößt, der ihr wieder Hoffnung gibt, aus der Verlorenheit ihrer Existenz herauszukommen! Jedenfalls erfaßte diese Frau in der Begegnung mit Jesus, daß die Liebe, von der die Schriftgelehrten in blutleeren Worten und abstrakten Prinzipien redeten, ohne sie in der Praxis zu üben, wirklich existiert und daß sie tatsächlich schöner und erhebender ist als die Art von Liebe, der sie sich bisher hingegeben hatte.

Da erwacht ihr Glaube und leitet nun die ganze Leidenschaft und Liebeskraft dieser Frau in ganz neue Bahnen. Sie durchbricht alle Schranken der Zurückhaltung und nähert sich Jesus beim Gastmahl, um ihm ihre dankbare Liebe zu zeigen. Obwohl ihr Vorhaben zutiefst peinlich und anstößig ist, führt sie es aus und nimmt die damit verbundene Demütigung in Kauf, und Jesus, dessen Freiheit durch keine falschen Rücksichten gebunden ist, läßt es geschehen, womit er schon wortlos andeutet, daß er die Liebe dieser Frau annimmt. Jesus bleibt souverän, obwohl er spürt, was in Simon vorgeht, daß dieser nun auch über ihn schlecht denken wird. Feinfühlig lenkt er das Gespräch von der Frau ab und versachtlicht es, und so schützt er sehr geschickt die Intimsphäre der Frau. Er gibt zu verstehen: Ihre Schuld und Reue gehen keinen von euch etwas an.

Das Gleichnis von den beiden Schuldnern soll den theologisch geschulten Pharisäer zur Einsicht führen, daß Gottes Barmherzigkeit bald größer, bald geringer ist – je nach der Größe der Schuld, daß sie aber immer ein Geschenk ist und als solches dankbare Gegenliebe erweckt. So lädt er den Pharisäer ein, einzustimmen in die dankbare Freude der Frau, ähnlich wie der Bruder des verlorenen Sohns sich freuen soll, daß der Verlorene wiedergefunden wurde.

Aber diese Art zu denken, ist neu und ungewohnt für Simon und neu auch noch für uns Christen heute. Schadenfreude ist auch für uns noch die reinste Freude, und Freude über die Umkehr eines Sünders fast nur aus den Heiligenviten bekannt.

Die Botschaft Jesu ist nie nur theoretisch gemeint. Sie betrifft unser Handeln, sie appelliert an unsere Liebe. Sucht nicht, vor den anderen als Gerechte dazustehen, indem ihr mit Fingern auf andere zeigt und euch an ihrem Schaden freut, sondern handelt wie Jesus, indem ihr die Schuld der anderen zudeckt und euch nur über das, was gut ist, freut!

76. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

Wenn ein Kind geboren wird, ist es immer ein Zeichen, daß Gott lebt. Diese indische Weisheit leuchtet in der Erzählung des heutigen Evangeliums neu auf. Wir feiern selten den Geburtstag eines Heiligen, fast immer seinen Todestag, als den „Geburtstag für den Himmel“. Nur bei zwei Heiligen feiern wir auch den irdischen Geburtstag für diese Welt: bei Maria (am 8. September) und am heutigen Tag das Geburtsfest Johannes des Täufers. Denn diese beiden Menschen waren nicht nur außerordentlich heilig, sondern ihre Geburt hat uns auch Gottes Heil näher gebracht. Als sie geboren wurden, da wurde der Menschheit ein neuer Anfang des Heils geschenkt. Im Anfang ist das Ganze und seine Vollendung schon keimhaft grundgelegt. So sieht es jedenfalls die Heilige Schrift. Das zeigt auch der Name Johannes: Jahwe ist gnädig. Das neu geborene Kind soll nicht so heißen wie sein Vater; sein neuer Name soll anzeigen, daß sich Jahwe in diesem Kind auf neue Weise seines Volkes erbarmt.

Den Geburtstag Johannes des Täufers feiern wir sechs Monate vor dem Geburtsfest Christi, am 24. Juni. Darin besteht ein tiefer Sinn: Am Tag der Sommersonnenwende, da, wo die Mittagshöhe der Sonne ihren höchsten Punkt erreicht hat, soll das Geburtsfest des Johannes auf den Triumph des Lichtes Christi hinweisen. Von nun an werden die Tage wieder kürzer. Darin sah der hl. Augustinus eine kosmische Bestätigung für das Johanneswort: „Dieser Jesus muß wachsen, ich aber muß kleiner werden.“

Was aber war die Sendung des Täufers? Warum war Johannes so wichtig für Gottes Erlösungsplan? Darauf kann in zweifacher Weise geantwortet werden: historisch und theologisch.

1. Die historische Bedeutung des Täufers. Sie ergibt sich aus seinem Tun. Johannes war ein wahrer Prophet, wie ihn Israel lange nicht mehr gesehen hatte. Schon die außergewöhnlichen Umstände seiner Geburt ließen die Frage aufkommen: „Was wird wohl aus diesem Kind werden?“ – Tatsächlich war die Hand des Herrn mit Johannes, dessen Leben so radikal anders war, daß er die Aufmerksamkeit des ganzen Volkes auf sich zog. Seine Umkehrpredigt war so gewaltig, daß sich viele Menschen dem Taufritus unterzogen, den er eigens erfunden hatte. Die Leute fragten einander und ihn selbst, ob er nicht vielleicht der angekündigte Messias sei. Doch Johannes sagte immer wieder: „Ich bin es nicht. Nach mir kommt einer, der stärker ist als ich und ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe auszuziehen. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.“ (Mt 3,11)

Das Wirken des Täufers war von eminenter Bedeutung für Jesus von Nazareth. Er war in der Tat dessen Wegbereiter. Ohne sein Zeugnis wäre Jesus vermutlich nicht so schnell bekannt geworden. Viele der Jünger des Johannes folgten bald Jesus nach – mit vollem Einverständnis des Täufers: „Als Jesus vorüberging, richtete Johannes seinen Blick auf ihn und sagte: Seht, das Lamm Gottes! Die beiden Jünger hörten, was er sagte, und folgten Jesus.“ (Joh 1,36f)

2. „Lamm Gottes“! Dieses Symbolwort, das wir in jeder hl. Messe verwenden, leitet zur theologischen Bedeutung dieses letzten Propheten des Alten Bundes über. „Seht das Lamm Gottes“, rief Johannes damals aus und zeigte auf Jesus. Matthias Grünewald, der Maler des berühmten Isenheimer Altarbildes, hat sich von diesem Wort inspirieren lassen und den Täufer unter dem Kreuz Jesu positioniert – mit einem langen Finger, der auf den Gekreuzigten weist, weil er alle vorchristlichen Opfer in sich vereinigt und überbietet – wie ein Lamm, das für die Sünden der Menschen geschlachtet wird. Dieses Bild stellt keine Historie dar, denn Johannes war schon tot, als Jesus am Kreuz hing. Grünewald malt Heilsgeschichte, Glaubensgeschichte. So stellt er auch unter dem Kreuz das Lamm dar, dessen Blut in den Kelch fließt und auf die Eucharistie hinweist: „Durch Christi Wunden sind wir geheilt.“ (Jes 53,5)

Der Täufer ist der Fingerzeig Gottes. Sein großer Finger weist auf Christus hin: Dieser muß wachsen, d.h. in unserem Leben größer werden, wir müssen kleiner werden, d.h. wir müssen unser eigenes Ich zurücknehmen, um Platz zu schaffen für den, „der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat“. (Gal 2,20)

3. Wer ist heute Fingerzeig Gottes in der Welt? Wer weist heute hin auf die Bedeutung der Eucharistie, in der uns Christus als das geopferte Lamm begegnet und in der wir das ewige Leben haben? – Im Pfarrgemeinderat machen wir uns seit Monaten Gedanken darüber, wie wir unseren Mitmenschen die Feier der Heiligen Messe am Sonntag ans Herz legen können. Aber ich spüre die Resignation nur zu gut, und auch ich bin manchmal tief enttäuscht über die sich ausbreitende Mißachtung der Sonntagsmesse. Da denke ich manchmal: Wofür sich noch anstrengen? Wenn die Leute lieber schlafen und verschiedenen Freizeitaktivitäten nachgehen wollen – was regen sie sich dann auf, wenn vielerorts Kirchen geschlossen werden? Müssen wir uns wundern, wenn in einer solchen Zeit niemand mehr Priester werden will?

„Sein Name sei Johannes“: Jahwe ist gnädig. Das heutige Fest soll uns die Resignation nehmen und neue Zuversicht geben, daß unsere Mühe nicht vergeblich ist. So wie jedes neugeborene Kind von Gottes Güte kündet, so erinnert uns die Geburt des Täufers an die große Macht Gottes, der stärker ist als alle menschliche Bequemlichkeit und Verblendung.

77. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2007)

Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes.
Liebe Schwestern und Brüder,
dieses Wort werden Sie vermutlich gut kennen, es zumindest schon einmal gehört haben.

Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes.
Der Herr bedient sich hier eines Bildes aus dem Alltag der landwirtschaftlich geprägten Welt des damaligen Israels.

Für uns, die wir doch eher städtisch geprägt sind, leuchtet dieses Bild auf Anhieb nicht ein. Und wenn wir an das Pflügen denken, kommen uns wohl eher die Traktoren mit ihren gewaltigen, schweren Pflügen in den Sinn, die die Erde scheinbar wie Butter durcharbeiten.

Damals, zur Zeiten Jesu, war das anders. Der Pflug wurde meist von einem Rind gezogen. Und der Pflug selbst war aus Holz, vielleicht auch einmal aus Metall. Er war aber niemals sonderlich schwer. Deshalb musste der Bauer sich mit seinem ganzen Gewicht auf den Pflug legen, um ihn sozusagen schwer zu machen, damit er die nötige Tiefe gewann, um den Boden wirklich gut bearbeiten zu können.

Wenn der Bauer sich aufrichtete, verlor das Pflügen an Tiefe. Diese Arbeit verlangte vom Bauern also vollkommene Aufmerksamkeit ohne Kompromisse.

Einer, der die Hand an den Pflug legte und zugleich zurückschaute, riskierte also an Gewicht und Tiefe zu verlieren, seine Arbeit um den Ertrag zu bringen.

Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes.
Jesus wendet dieses Bild auf die Menschen an, die ihm nachfolgen wollen, auf diejenigen, die für das Reich Gottes taugen wollen.
Er wendet auf uns Christen an.

Unser Glaube soll Tiefe haben, soll die Erde für die Saat bereiten, soll sichtbare Spuren hinterlassen, damit das Reich Gottes Gestalt annehmen kann in unserem Leben und im Leben unserer Gesellschaft.
Dazu bedarf es des ganzen Einsatzes. Wie der Bauer sich mit seinem ganzen Gewicht auf den Pflug legen muss, so verlange der Herr von uns, dass wir uns mit unserer ganzen Person der Nachfolge Christi verschreiben. Halbheiten nützen weder dem Bauern, noch dem Glaubenden.
Man kann nicht nur ein bisschen glauben, das, was man gerade passend, nett findet.
Man kann auch nicht nur zu bestimmten Zeiten glauben, dann, wenn einem so feierlich zumute ist, wenn man gerade das Bedürfnis danach hat.

Wer glauben will, wer mir nachfolgen will, sagt Jesus, der muß es mit Haut und Haar wollen, der muß sich ganz mir überlassen. Anders geht es nicht. Andernfalls wird der Glaube flach, ohne Tiefe, hinterlässt keine Spuren.

Vielleicht ist dieser fehlende Wille, es ernst mit dem Glauben zu machen, auch Ursache dafür, dass das einst "christliche Abendland" nun eine Verfassung hat ohne Gottesbezug, ohne Hinweis auf die christlichen Wurzeln. Die Gläubigen, die Kirche, die christlichen Politiker haben scheinbar zu wenig Gewicht in diesem Europa.

Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes.
Das Bild sagt auch, dass der Glaube nicht rückwärtsgewandt ist. Es gilt nicht zurückzuschauen, sondern voranzugehen.

Nicht das, was war, soll uns beschäftigen, sondern das, was kommt, und das, was zu tun bleibt.

In unserer Zeit ist die Versuchung groß, zurückzublicken. Wie oft höre ich es, wie sich die Älteren erinnern, wie voll damals die Kirchen waren, wie präsent die Kirche in der Gesellschaft war, wie viel man in der Familie gebetet hat. Und manchen überkommt eine gewisse Nostalgie: So müsste es wieder sein, so wie damals.

So verständlich diese Regungen sind, sie helfen im Heute nicht weiter. Die Kirche, die Gesellschaft der 50er, 60er Jahre ist nicht die Kirche, nicht die Gesellschaft in 2007. Aber in dieser Welt 2007 gilt es, dem Glauben Gewicht zu geben. Das heißt nicht, dass man das Gute und Bewährte vergisst und über Bord wirft. Es will in der Sprache von heute gesagt werden.

Wenn man so will, muss die Kirche heute aktuell sein. Das heißt nicht, dass sie sich dem Zeitgeist anpassen muß. Denn: Aktuell ist nicht das, was eine Gesellschaft gerade will, sondern aktuell ist vielmehr das, was eine Gesellschaft braucht.
Die Kirche muß nach vorne schauen. Das kann sie voll Hoffnung und Vertrauen, weil ihr der Herr den Rücken stärkt.

Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes.
Was für die Kirche als Ganze gilt, hat auch Bedeutung für den einzelnen Christen. Denn manchmal kann es sein, dass uns unsere Vergangenheit zu sehr beschäftigt, dass wir zu sehr an unsere Fehler und Sünden denken. Wir sollen aber nicht zurückschauen auf das, was war, sondern nach vorne schauen, auf das, wozu wir berufen sind.
Der vietnamesische Kardinal van Thuan hat das einmal sehr schön ausgedrückt: Die Heiligen haben eine Vergangenheit. Die Sünder eine Zukunft.

Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes.
Sich ganz und gar auf das Abenteuer des Glaubens einlassen, ohne Wenn und Aber, ohne Mittelmäßigkeit. Und dabei hoffnungsfroh und zuversichtlich in die Zukunft sehen.
So taugen wir für das Reich Gottes. So werden wir das, was die Kirche heilig nennt, treue Diener und Dienerinnen des Herrn.
So kann unser Leben Spuren hinterlassen, aus denen Gutes erwachsen kann, so wie auf einem gut durchpflügten Feld das Getreide wächst und gedeiht.

78. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

Zur Freiheit sind wir befreit und berufen – das hat uns die heutige Lesung in Erinnerung gerufen und dazu die Mahnung ausgegeben: „Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch!“ (Gal 5,13) Wir haben es mit einem ganz zentralen Punkt der Verkündigung des heiligen Paulus zu tun, einem Punkt, der allezeit aktuell ist. Was ist damit aber gemeint?

Wie nimmt man sich die Freiheit als Vorwand für das Fleisch? Wenn man seinen egoistischen Launen freien Lauf gewähren will und dazu die gegebene Freiheit mißbraucht. Beispiele gibt es genug: Kinder, die spät abends heimlich fernsehen; Jugendliche, die die „sturmfreie Bude“ ausnutzen; Verheiratete, die bei Kegelausflügen über die Stränge schlagen; Angestellte, die während der Arbeitszeit privat telefonieren und im Internet surfen usw. Zu alledem ist die Freiheit nicht da. Paulus setzt betont dagegen: „Dient einander in Liebe!“ Die Freiheit ist für die Liebe da, und Liebe ist wesentlich wechselseitiger Dienst.

Nun wird der eine zustimmen und sagen: Genau so ist es! und ein anderer wird sagen: Das ist mir zu hoch! Ein bloßes Ideal, das keiner erreicht. Gewiß sieht die Welt meistens anders aus: Die Menschen wollen einander nicht dienen, zumindest nicht umsonst, sondern dabei wenigstens etwas verdienen. Aber es dürfte auch klar sein, daß der pure Egoismus selbstzerstörerische Folgen hat. Paulus drückt dies drastisch so aus: „Wenn ihr einander beißt und verschlingt, dann gebt acht, daß ihr euch nicht gegenseitig umbringt.“ (Gal 5,15) Der Egoismus hat keinen Bestand, denn er ist parasitär: er lebt von der Bereitschaft anderer, dem Gemeinwohl zu dienen, einer Bereitschaft, die er aber selber nicht aufbringt; darum wird eine durch und durch egoistische Welt zugrundegehen. Anders die Liebe: sie führt kein Schmarotzerdasein und lebt nicht auf Kosten anderer, sondern im Gegenteil: Wer seine Freiheit für die Liebe einsetzt, der stellt seine eigenen Interessen zurück, um anderen das Leben zu ermöglichen und zu erhalten. Das tun die Eltern für ihre Kinder, die Eheleute füreinander, die ehrenamtlich Engagierten für ihren Verein oder ihre Gemeinschaft – um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Wir wissen aber, daß wir noch sehr weit vom Idealzustand entfernt sind: Erstens müßten alle Menschen und Menschengruppen so handeln, also auch z.B. die Lehrer für ihre Schüler, die Chefs für ihre Angestellten, die Reichen für die Armen – und sicher müßten auch umgekehrt die Schüler ihre Lehrer achten, die Angestellten ihre Chefs und die Armen ihre Wohltäter. Davon aber kann nur sehr begrenzt die Rede sein. Und zweitens mischt sich auch in die Liebe der Erstgenannten immer das hinein, was Paulus das „Fleisch“ nennt, also Egoismus, Eifersucht, Neid, Streitlust, Arroganz, Selbstgerechtigkeit oder Ungeduld, so daß selbst in den Familien keine heile Welt ist, und auch die Kirche geht hier nicht mit bestem Beispiel voran.

Viele haben daraus für sich den Schluß gezogen, daß die Menschen eben schlecht sind, also müsse jeder das Beste für sich daraus machen. Ich denke an so viele Griesgrame und Übellaunige, die ständig über andere Menschen meckern und herziehen, denen nichts gut genug ist, die aber selbst kaum einen Finger rühren, damit das Leben besser wird. Sie haben den Kampf aufgegeben. Ihre ganze ständig geäußerte Empörung gegen die böse Welt macht nur denjenigen, die sich um das Gute bemühen, das Leben unnötig schwer und nimmt ihnen die Kraft und den Mut.

Bin ich vielleicht schon in Gefahr, mich der Fraktion der Nörgler anzuschließen? Dann sollte ich mir unbedingt folgende Frage vorlegen: Wie liebenswürdig erscheinen mir die anderen Menschen? Sehr – wenig – oder gar nicht? Denn es gilt die Regel: „Je mehr man liebt, desto liebenswürdiger erscheinen einem die anderen.“ – Freilich gilt auch das Umgekehrte: Je mehr wir lieben, desto liebenswürdiger erfahren uns die Mitmenschen. Allein unsere gelebte Liebe kann andere Menschen anstecken und für das Gute begeistern. Allein so werden sie nach dem Geist fragen, der uns leitet.

Dieser Geist ist der Heilige Geist, der Geist, der uns zu Kindern Gottes macht und so von aller Knechtschaft befreit. Wer die „Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Röm 8,21) erfahren hat, dem liegen Intoleranz und Fanatismus fern. Es ist eine ständige Versuchung der Christen, wenn sie die Macht dazu haben, den Glauben und die Gerechtigkeit des Reiches Gottes gewaltsam durchzusetzen. So wollen Johannes und Jakobus angesichts der verweigerten Gastfreundschaft Feuer auf ein samaritisches Dorf fallen lassen. Jesus muß sie zurechtweisen. (Lk 9,55)

Freiheit und Liebe sind Früchte des Heiligen Geistes. Als solche müssen sie erbetet sein. Sie sind indessen nicht minder Frucht einer guten Erziehung und guter Vorbilder. Der eine zieht den andern mit – nach oben oder nach unten. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit! Ihr seid zur Freiheit berufen.Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch, sondern dient einander in Liebe!“

79. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2007)

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

„Freut euch darüber, daß eure Namen im Himmel verzeichnet sind.“ Mit diesen Worten wendet sich Jesus an jene 72 Jünger, die er ausgesandt hat, damit sie ihm in die Städte und Dörfer vorhergehen, in die er selber kommen will.
Die Jünger sind gerade eben zurückgekommen, denn sie haben ihren Auftrag erfüllt und konnten in Jesu Namen viel Großes und Wunderbares wirken: Sie heilten Kranke, verkündeten das Evangelium vom Reich Gottes und trieben Dämonen aus.
Es ist verständlich, daß sie nun bei ihrer Rückkehr voll Freude von ihren Erfahrungen und Erlebnissen erzählen. Sie sind stolz auf ihre „Erfolge“.
Jesus hört sich das alles geduldig an.
Dann aber belehrt er sie darüber, daß sich die Jünger all das Große nicht selber zuzuschreiben haben. Sie sind ja gesandt worden und haben in der Vollmacht dessen gewirkt, der ihnen den Auftrag gegeben hat. Ihre Kraft kommt von Gott allein. Der himmlische Vater hat im Heiligen Geist seinen Sohn in diese Welt gesandt; und der Sohn – Jesus Christus – sendet die aus, die er erwählt hat: die Apostel, die Jünger sowie alle, die an sein Wort glauben.
Die Jünger dürfen jetzt nicht beim Äußeren stehenbleiben, so großartig ihr Wirken auch war. Wesentlich ist nicht, daß ihnen die „Geister gehorchen“, sondern daß sie von Gott geliebt und erwählt sind, daß sie berufen sind, ins Reich Gottes einzutreten, daß ihre Namen „im Himmel verzeichnet sind“.
Liebe Brüder und Schwestern!
Von uns hat niemand die Gabe der Krankenheilung und des Wirkens von Wundern erhalten – und wenn dies so wäre, dann müßte dies von der Kirche erst geprüft werden –, wir dürfen aber die Worte Jesu an die Jünger in gewissem Sinn auch auf uns anwenden, wenn er sagt: Freut euch, daß eure Namen im Himmel verzeichnet sind!
Gottes Wille ist unser Heil, unsere Rettung. Dazu ist ja der Sohn Gottes Mensch geworden, und dafür ist er gestorben und auferstanden, um uns zu erlösen von allem Bösen.
Unsere Welt ist keine „heile“ Welt: es gibt die Sünde, das Leid, den Tod. Doch die Macht des Bösen ist ein für allemal gebrochen durch das Heilswerk des Erlösers, das er in Macht und Herrlichkeit vollenden wird, wenn er wiederkommt am Ende der Zeiten. Auch uns wurde das Reich Gottes verkündet
Und wir sind bereits eingetreten in dieses Reich durch die heilige Taufe, die wir empfangen haben. Freuen wir uns also, daß wir gleichsam jetzt schon „Himmelsbürger“ sind! Im Glauben gehören wir zu Jesus Christus, und diese Gemeinschaft verbindet uns auch untereinander in der von Christus gestifteten und vom Heiligen Geist geleiteten Kirche.
Freut euch, daß eure Namen im Himmel verzeichnet sind!
Liebe Schwestern und Brüder, mal ehrlich:
Freuen Sie sich wirklich darüber? Haben Sie sich jemals darüber gefreut? Kommt Ihnen das überhaupt einmal in den Sinn: Hurra, der Herr hat mich erlöst.
Den Christen wird oft vorgeworfen, dass sie nicht einen sonderlich frohen, erlösten Gesichtsausdruck haben. Und das stimmt auch wirklich zum Teil. Es gibt Vertreter des Christentums, des Katholizismus, die alles andere als Freude ausstrahlen, vielmehr ständig mosern, gegen den Papst, die Bischöfe, den Pastor usw.
Ihnen ist die christliche Freude verlorengegangen, weil sie sich zuwenig von der eigentlichen Botschaft des Evangeliums und der Kirche beeindrucken lassen und sich fast ausschließlich auf Nebenschauplätzen austoben.
Wir aber, wir sollten den Rat des Herrn hören und ernstnehmen:
Freut euch, daß eure Namen im Himmel verzeichnet sind!
Als ich die Pilger unserer Gemeinde aus Lourdes wiederkommen gesehen habe, da sah ich diese Freude aus den Augen blitzen. Diese Freude kam vom gemeinsam erlebten Gebet zusammen mit den anderen aus der Gruppe und den Kranken und all den Pilgern aus der ganzen Welt. Ich hoffe, dass die jungen Christen, mit denen ich gleich im Anschluß an die Messe nach Assisi wallfahren werde, ähnlich froh heimkehren werden.

Blicken wir noch einmal zurück auf die zweiundsiebzig Jünger, die Jesus ausgesandt hat! Welche Aussichten hat ihnen Jesus gegeben? Durften sie mit vorbehaltloser Anerkennung von Seiten der Menschen rechnen? Keineswegs! Die einen würden das Wort Gottes annehmen, die anderen es ablehnen und womöglich auch die Boten des Evangeliums schlecht behandeln. Der Jünger steht nicht über seinem Meister. Wie sie ihn verfolgt haben, so werden auch seine Jünger verfolgt werden. Wie sein Wort Aufnahme findet, so dürfen auch die Verkünder des Evangeliums Gehör und Annahme erwarten.
Wir alle, liebe Brüder und Schwestern, sollen durch unser Leben Zeugen der frohen Botschaft des Glaubens sein, die uns anvertraut worden ist. Es gehört mitunter Mut und Zivilcourage dazu, sich zum Glauben zu bekennen, wo dies aufgrund sogenannter „political correctness“ nicht erwünscht ist. Wenn wir aber nicht eintreten für die Werte, die uns als Christen verbinden, wer wird dann unsere Gesellschaft gestalten? Die Wölfe unter die wir gesandt worden sind, schlafen nicht. Der Teufel macht keinen Urlaub.
Eine „Zivilisation der Liebe“ läßt sich nur aufbauen auf dem Fundament des christlichen Glaubens, der nicht nur mit den Lippen bekannt wird, sondern auch in die Tat umgesetzt werden soll. Glaube und Leben müssen eine Einheit bilden!
Haben wir keine Angst, denn Gott ist bei uns. Seine Liebe trägt uns und wirkt in den Herzen der Menschen, die Gott im Heiligen Geist anruft, seine Botschaft im Glauben anzunehmen.

80. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

„Homo homini lupus“ – „der Mensch ist für den Menschen ein Wolf“, so hat der Philosoph Thomas Hobbes gesagt und damit gemeint, daß die Menschen einander feindlich gegenüberstehen, weil sie um ihr Überleben kämpfen müssen und jeder dabei des anderen Konkurrent ist. Diese Wolfsnatur des Menschen lasse sich zwar zähmen, indem die Menschen sich einer höheren Autorität unterwerfen, die sie vor gegenseitigen Übergriffen schützt. Aber dennoch bleibe der Mensch im Grunde seines Wesens egoistisch und friedlos.

Ich glaube nicht, daß Hobbes damit das Wesen des Menschen richtig bestimmt hat, aber ganz unrecht hatte er wohl auch nicht. Im Licht der Bibel gesehen, trifft seine Beschreibung auf den Menschen zu, so weit er von der Sünde bestimmt ist. Sie kommt jedoch an ihre Grenze, sobald es um die Erlösung geht. Für Hobbes kann die Wolfsnatur nicht geheilt, sondern allenfalls gebunden und eingeschränkt werden. Das Evangelium Jesu Christi verkündet uns dagegen die Hoffnung auf einen Frieden, der aus einem erneuerten Herzen des Menschen kommt: nicht einen, „wie die Welt ihn gibt“. (Vgl. Joh 14,27)

Zwischen der Welt mit ihrem wolfsähnlichen, unfriedlichen Verhalten und dem Reich Gottes als dem Inbegriff des Friedens gibt es keinen kontinuierlichen Übergang, denn beide sind durch einen Gegensatz getrennt. Darum sendet Jesus seine Jünger mit den Worten aus: „Ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe.“ Hier die Wölfe, d.h. diejenigen, die sich mit Gewalt und gegen die anderen das Überleben sichern wollen, dort die Schafe, d.h. jene, die ihr Leben allein von Gott erwarten und darum keine irdische Feindschaft mehr kennen. Ein ungleicher Kampf, möchte man meinen, von vornherein aussichtslos für die Schafe! Und doch stehen wir hier vor dem Geheimnis der Erlösung, das Thomas Hobbes anscheinend nicht kannte oder jedenfalls völlig verkannt hat. Der Apostel Paulus, der ungefähr 25 Jahre nach dem Kreuzestod Jesu seinen Brief an die Galater geschrieben hat, erklärt, wie das Kreuz Jesu tatsächlich die entscheidende Wende gebracht hat: die Wende in seinem eigenen Leben und die geschichtliche Wende zu einer neuen Epoche, die seitdem nach Christi Geburt gezählt wird.

Er schreibt: „Ich aber will mich allein des Kreuzes Jesu Christi, unseres Herrn, rühmen, durch das mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt. Denn es kommt nicht darauf an, ob einer beschnitten oder unbeschnitten ist, sondern darauf, daß er neue Schöpfung ist.“ (Gal 6,14f) Die Welt ist für den Apostel tot, die „alte Welt“ nämlich, in der die Menschen einander Wolf sind, die Welt, die sich nicht um Gott und seinen Willen kümmert, sondern nur um sich selbst. Dagegen steht die „neue Schöpfung“, die Gott eingeleitet hat, indem er Jesus, den Gekreuzigten, auferweckt hat. Auf diese neue Schöpfung kommt es allein an, denn nur sie hat auf ewig Bestand, während die alte friedlose Welt sich selbst zugrunderichtet. Für den Gegensatz von alter Welt und neuer Schöpfung gilt das Wort Jesu: „Wer sein Leben zu bewahren sucht, wird es verlieren; wer es dagegen verliert, wird es gewinnen.“ (Lk 17,33) Wer Wolf bleiben will, wird als Wolf sterben. Wer sich aber wie ein wehrloses Lamm den Händen Gottes anvertraut, der wird zwar wie alle anderen aus dem irdischen Leben scheiden, um dann jedoch das Leben in Fülle haben. (vgl. Joh 10,10)

Die neue Schöpfung ist freilich noch nicht in ihrer vollendeten Gestalt sichtbar, denn sie ist mit der alten gleichsam vermischt. Alte und neue Schöpfung sind wie Unkraut und Weizen durcheinander gemischt. Unsere Gesellschaft enthält neben den christlichen Werten, die sie über Jahrhunderte durchsäuert haben, noch viel Rücksichtslosigkeit, Brutalität und Ungerechtigkeit. Und auch in jedem einzelnen kämpfen gleichsam zwei Seelen in der Brust.

Die Aussendungsrede Jesu gibt uns eine Regel an die Hand, wie wir mit dieser Spannung am besten umgehen. Das erste, was die ausgesandten Jünger tun sollten, war, den Häusern, in die sie kamen, Frieden zu wünschen. „Und wenn dort ein Mann des Friedens wohnt, wird der Friede, den ihr ihm wünscht, auf ihm ruhen.“ (Lk 10,6) Zwar gibt es auch Ablehnung und Mißerfolg, aber wo Menschen für die Botschaft der Liebe eine gewisse Aufnahmebereitschaft zeigen, da wirkt der Segen wie eine Kraft, die die Wirklichkeit positiv verändert. Der Friede ist kein unerreichbares Fernziel, denn wir Christen sind mit dem österliche Frieden Christi beschenkt und werden es immer neu: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden geben ich euch“ (Joh 14,27). Der Friede Christi kann und soll von uns, seinen Jüngern, ausströmen wie Wasser aus der Quelle, wie der Strahl aus der Sonne. Nicht immer erreicht er sein Ziel, oft versickert unsere Friedfertigkeit in der Bosheit der Umwelt, manchmal zischt es auf, wie wenn Feuer von Wasser getroffen wird. Aber oft erreicht er auch sein Ziel, kommt an und zeigt seine umwandelnde Kraft. So wie ein Lächeln fast unwiderstehlich ein anderes Lächeln herausfordert, so ruft der Christ, der im Frieden Christi ruht, bei seinen Mitmenschen ein freundliches Echo hervor.

„Ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe.“ – Jesus ist uns vorangegangen als das Lamm, das unschuldig am Stamm des Kreuzes geschlachtet wurde. Seine wehrlose Ohnmacht war das größte Zeichen seiner Liebe. Er hat uns damit den schlimmsten Teil der Friedensmission abgenommen. Seitdem hat die Friedensbotschaft in aller Welt Gehör gefunden und ihre verwandelnde Kraft entfaltet. Wenn wir nur ein kleines bißchen Ehre haben, dann müßte uns dies herausfordern zu einem eigenen Zeugnis des Friedens – in der sicheren Hoffnung, daß dieses Werk alle Anstrengung lohnt.

81. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2007)

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn man eine Umfrage machen würde, welches denn wohl das bekannteste Gleichnis sei, das Jesus erzählt hat, dann würde neben dem Gleichnis vom verlorenen Sohn bzw. dem barmherzigen Vater sicherlich auch das Evangelium von heute genannt werden: Der barmherzige Samariter.

Selbst jene, die mit der Kirche sozusagen nichts am Hut haben, kennen großteils diesen Teil der Hl. Schrift. "Ein barmherziger Samariter zu sein" ist in die bildhafte Sprache des Alltags eingegangen. Große Künstler haben sich dieses Themas angenommen, z. B. Vincent van Gogh, der auf eindrucksvolle Weise darstellt, wie der Samariter denjenigen auf sein Reittier setzt, der unter die Räuber gefallen war.

Der Barmherzige Samariter ist uns sympathisch: er sieht die Not, hat Mitleid und hilft selbstlos und tatkräftig.
Der Barmherzige Samariter: das ist auch das Idealbild für alle in der Pflege und Medizin beschäftigten.
Insofern ist die Botschaft des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter klar und einfach: Der wichtigste Mensch ist der, dem du gerade begegnest. Der wichtigste Moment ist jetzt. Die wichtigste Tätigkeit ist die, in der du jetzt Gutes tun kannst.
Doch ich glaube, das Gleichnis hat auch noch eine andere Dimension, eine Tiefendimension. Es ist wie eine Muschel, die man im Meer finden kann. Man öffnet die Muschel, und wenn man Glück hat, ist darin eine Perle, etwas Wertvolles und Schönes, auf das es ankommt. Und eine solche Perle können wir auch im Gleichnis finden. Schauen wir einmal genauer hin:
Da ist dieser Mann, von dem wir weder wissen, was er beruflich macht, noch, wie alt er ist und was er vorhat. Wir wissen nur, daß er von Jerusalem kommt und nach Jericho will. Das heißt: Man kann annehmen, daß es sich um einen frommen Mann handelt, um einen, der den Tempel besucht und ein Opfer dargebracht hat. - Ein solcher Mann ist in den Augen des Gesetzeslehrers, der Jesus in das Gespräch verwickelt hat, sofort sympathisch. Man könnte denken: dieser Mann, der da unterwegs ist und überfallen wird, in dem kann ich mich wiederfinden! Ja, dieser Mann - der bin ich selbst! Genau das will Jesus hier: daß der Hörer des Gleichnisses sich mit diesem Mann, der da unter die Räuber fällt, identifiziert! Daß er sagt: Ja, das bin ich!
Genau darum geht es Jesus. Die drei Figuren, die jetzt auftauchen - der Priester, der Levit, schließlich der Mann aus Samarien - sie zeigen durch ihr praktisches Verhalten: nicht der, von dem ich es vielleicht am ehesten erwarte, weil er mein Verwandter, mein Stammesgenosse oder mein Verbündeter ist, sondern der, der mir helfend zur Seite steht, der ist es, der sich mir als mein Nächster erweist!
Was tut also Jesus? Er dreht die Frage des Gesetzeslehrers um. Der Gesetzeslehrer wollte ja wissen: Wie komme ich in den Himmel? - Eine berechtigte Frage, eine Frage, die zeigt, daß es ihm um's Ganze geht. Jetzt aber zwingt ihn Jesus, sich in die Rolle des verletzten, blutenden, ausgeraubten Mannes zu versetzen, der da im Staub liegt und dem die eigenen Mitmenschen nicht helfen!
Was könnte das denn anderes bedeuten, als daß Jesus sagen will: Du Mensch, der du überlegst, was du selber tun kannst, um in den Himmel zu kommen, du mußt dir erst einmal bewußt sein, wer du eigentlich bist! Du mußt dir bewußt sein, daß du selber geschlagen, ausgeplündert und blutend daliegst - durch die Sünde, der du dich ausgeliefert hast, durch die Macht des Bösen, die dir alles genommen hat, was dir wichtig und heilig war!

Und wenn du das erkannt hast, wer du bist und was du hast, dann dankst du für den Menschen, dem du bisher aus dem Weg gegangen und für den du nicht viel übrig gehabt hast, weil er aus Samarien kommt. Er wird jetzt für dich ganz wichtig, denn er rettet dein Leben, er hebt dich auf sein Reittier, er bringt dich in die Herberge, wo man für dich sorgt und du dich erholen kannst!
Ich bin sicher, daß Jesus genau an dieser Stelle von sich selber spricht. Er spricht vom barmherzigen Samariter. Und in der Gestalt dieses Mannes aus Samarien will Jesus selbst erkannt werden. Warum können wir das annehmen? Darauf gibt es zwei Antworten: Einmal, weil Jesus weiß, daß er eines Tages von seinen eigenen Glaubensbrüdern ausgestoßen, verraten und ausgeliefert wird, daß man mit ihm nichts mehr zu tun haben will. - Und zum anderen, weil dieses Gleichnis im Lukasevangelium kurz nach der Stelle kommt, wo es heißt, daß Jesus sich entschließt, nach Jerusalem zu gehen: Jerusalem - da wird er verworfen werden, da wird er auch auferstehen und seine Sendung vollenden.
Und auf diesem seinen Weg nach Jerusalem begegnet er uns, die wir durch die Sünde kraftlos geworden sind und wie Ausgeraubte am Boden liegen. Er lindert unsere Schmerzen mit dem Öl der Sakramente. Er nimmt uns mit in die Herberge, wo wir ausruhen können: ein wunderbares Bild für die Kirche und den Gottesdienst, der uns zu uns selbst und zum lebendigen Gott kommen läßt.
Und so ist dieses Gleichnis wirklich eine Perle und ein Schatz, der uns anvertraut ist, damit wir Jesus, den wahren Samariter, finden und durch ihn leben.

82. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

Immer wieder kommen Menschen an meine Tür, die von mir Hilfe erwarten, meistens finanzieller Art. Selten habe ich diese Bettler mit leeren Händen weggeschickt – nur dann, wenn sie in kurzer Zeit allzu häufig gekommen sind, unverschämt waren oder ganz offensichtliche Lügengeschichten erzählt haben. Aber auch wenn ich Grund habe zu glauben, daß sie mir etwas Unwahres erzählen, gebe ich ihnen meistens etwas. Allerdings bin mir ich nicht immer sicher, daß das richtig ist.

Oft fällt mir die heutige Beispielgeschichte ein, und dann frage ich mich, ob sie überhaupt anwendbar ist auf solche Betteleien. Etwas anderes ist es beispielsweise, wenn ich mit dem Auto an einem Unfall vorbeifahre und keiner ist da, der erste Hilfe leistet. Dann bin ich gefordert – ganz egal, was für wichtige Termine ich habe. Ich muß anhalten und den Verletzten beistehen, so gut ich kann.

Wo ist der Unterschied? Ich sehe zwei wichtige Unterschiede: 1. in der Dringlichkeit der geforderten Hilfe und 2. in meinen eigenen Möglichkeiten zu helfen. Die Bettler auf der Straße oder an meiner Haustür haben keine erste Hilfe nötig; sie sind zwar in einer sehr bemitleidenswerten Lage, aber nicht in Lebensgefahr. Manchmal erwecken sie nicht einmal Mitleid, sondern eher das Gegenteil: Zorn und Empörung, weil sie so unglaublich dreist sind. Und zum zweiten: die Spaziergänger, die an den Bettlern vorbeigehen, und die Hausbewohner, die angebettelt werden, wären völlig überfordert, wenn sie verpflichtet wären, den vielen Elendsgestalten zu helfen.

Was folgt daraus? Eine ganz wichtige Regel der Moral, daß nämlich unsere Verantwortung begrenzt ist, und zwar begrenzt durch unsere eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten. Nicht alle Menschen sind uns gleich nah; einige sind weit weg außerhalb unseres Verantwortungsbereichs, andere stehen uns näher und wieder andere stehen uns am nächsten.

Da unsere Möglichkeiten begrenzt sind, ist auch unsere Verantwortung begrenzt. Wir können nicht allen Armen und Kranken auf dieser Welt helfen, und darum müssen wir es auch nicht. Wir sollen da helfen und Gutes tun, wo Menschen uns wirklich nahe sind, d.h. vor allem in der Familie, am Arbeitsplatz und in der Kirchengemeinde.

Das ist die eine Lehre, die ich aus dem heutigen Evangelium ziehe. Sie entlastet mich und macht mich gerade dadurch frei für andere Werke der Liebe, Werke der Übergebühr, wie man sie auch genannt hat.

Denn davon handelt das Evangelium auch und gibt mir noch diese zweite Lehre: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40) Wenn ihr das tut, was über Pflicht und Schuldigkeit hinausgeht, dann seid ihr wirklich Kinder Gottes und habt keine enge Krämerseele. An der Bereitschaft zu solcher Liebe hat man in zwanzig Jahrhunderten die Christen erkannt. Also an einer Liebe, die weder fragt: „Was bekomme ich dafür?“, noch sich gezwungen sieht, weil Pietät und Anstand ein entsprechendes Verhalten gebieten.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal auf die Bettler an der Tür zurückkommen. Nicht selten verfahren diese nach einem ziemlich schäbigen Argumentationsmuster: Sie wollen mir einreden, daß ich als Pfarrer ja wohl durch mein Amt oder wenigstens durch Sitte und Anstand gehalten sei, ihnen großzügig Geld zu geben. Sie nutzen damit mein Amt aus und halten meine Freundlichkeit für selbstverständlich. Entsprechend undankbar treten sie auf. Das ist eine Verhaltensweise, die ich auch in anderem Zusammenhang schon öfter beobachtet habe: Da wird einem Menschen großzügig Zeit und Aufmerksamkeit geschenkt, und anschließend sagt dieser nur halbherzig „Dankeschön“; statt dessen gibt er seinem Helfer zu verstehen, daß sich sein Verhalten ja eigentlich von selbst verstehe. Darf man etwa von einem Christen nicht Liebe erwarten? – Wenn einem solches gesagt wird, kann selbst der geduldigste und freundlichste Mensch die Beherrschung verlieren! Das sind tiefe Nadelstiche, die dem liebenden Samariter die Freude an der guten Tat echt versauern.

Es wird oft gesagt, daß unsere Gesellschaft kälter geworden ist. Ich glaube auch, daß das zutrifft. Aber das liegt nicht nur daran, daß es weniger Menschen gibt, die bereit sind, wie der barmherzige Samariter über Gebühr Gutes zu tun; es liegt auch an der empörenden Undankbarkeit, die den zum Guten bereiten Menschen entgegengebracht wird. Ich habe kein Recht, über die kalte Welt zu schimpfen, wenn ich nicht selbst Licht und Wärme in meiner Umwelt verbreite.

83. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

Glücklich der Mensch, der einen Schatz hat! Stimmen Sie mir zu? Haben Sie selbst einen Schatz? Ist es Ihr Ehepartner, sind es Ihre Kinder, gibt es einen besonderen Gegenstand, den Sie als Ihren Schatz betrachten, oder ist es Ihr Ansehen, Ihre Stellung, Ihr Beruf?

Oder wissen Sie gar nicht genau, ob es etwas gibt, was es wert ist, Ihr Schatz genannt zu werden? Müssen Sie erst überlegen, Pro und Contra abwägen? Jedenfalls haben wir soeben ein Kriterium gehört, durch das sich Schätze auszeichnen: „Wo dein Schatz ist, das ist auch dein Herz.“ Glücklich der Mensch, der einen Schatz hat, denn er hat etwas, an das er sein Herz hängen kann. Nichts ist auf die Dauer nämlich schlimmer als ein leeres, unerfülltes Herz, ein Herz, das zwar zur Liebe geschaffen ist, aber nicht wirklich lieben und sehnen kann.

Das Herz ist der Sitz unseres Fühlens und Liebens, nicht nur ein Organ, das unseren Körper mit Blut versorgt, sondern eines, das all unserem Denken, Reden und Tun eine Seele gibt, es durch und durch mit kraftvollen Gefühlen durchströmt und unser Dasein mit tiefem Erleben füllt. Eine Maschine ist ein Ding ohne Herz: sie fühlt nichts, ersehnt nichts, bangt nicht, hofft nicht, hängt sich an nichts, kennt keinen Schatz. Mag sie auch noch so gut funktionieren – sie verdient unseren Respekt nicht. Wie anders ist doch der Mensch, vor allem wenn er sein ganzes Herzblut in seine Tätigkeit steckt – und wenn er sein Herz an die wirklich hohen Güter verliert, an die, die es wert sind!

„Cor dare“ – sein Herz geben, das ist das lateinische Wort („credere“) für glauben. Der Hebräerbrief sagt es so: „Feststehen in dem, was man erhofft, überzeugt sein von Dingen, die man nicht sieht.“ (Hebtr 11,1) Nicht bloß mit dem Verstand eine unsichtbare Sache für möglich oder sogar wahr halten, sondern einen Schatz im Herzen haben, nämlich den wahren und einzigen Schatz, den Ewigen Gott, und für diesen Schatz alles tun und alles hingeben. „Alles meinem Gott zu Ehren in der Arbeit, in der Ruh“. Abraham verließt um dieses Schatzes willen seine Heimat und zog in die Fremde, ja, er war sogar bereit, seinen innig geliebten Sohn zu opfern. Das ist Glaube!

Das ist sicher auch ein Ideal, das uns heute vor Augen gestellt wird, während wir zugleich wissen, daß wir weit davon entfernt sind. Denn wir tragen „den Schatz in zerbrechlichen Gefäßen“ (2 Kor 4,7), unser Wissen und Verstand ist mit Finsternis umhüllet, wir tun uns schwer damit, den wahren Schatz von den vielen anderen wertvollen Dingen zu unterscheiden. Wir sind nicht ohne weiteres geneigt, „das Unvergängliche mehr zu lieben als das Vergängliche“. Und darum können wir die Aufforderung Jesu auch nicht genauso wörtlich nehmen wie Franziskus oder Antonius, die ihre ganze Habe verkauften, um den Schatz im Himmel zu gewinnen.

Wir können es nicht, und wir müssen es auch nicht. Aber auch für uns gilt die Devise: „Macht euch Geldbeutel, die nicht zerreißen.“ Das ist, finde ich, einer der genialsten Sprüche, die Jesus eingefallen sind. Gerade weil die allermeisten von uns darauf angewiesen sind, Geld zu haben und zu sparen, um sich und die Angehörigen zu versorgen, gerade deshalb brauchen wir ein Korrektiv, das uns davor bewahrt, das Geld als den Schatz zu betrachten, an den wir unser Herz hängen. Denn in der Tat hat das Geld ja eine Reihe Merkmale, die auch einem Schatz zu eigen sind: Es kann nahezu jedem Mangel und jeder Bedürftigkeit abhelfen, fast alle Not lindern, und so verheißt es Glück und Sicherheit für die Zukunft. Darum zieht es auch das Menschenherz so magisch an und läßt es nicht los, auch wenn der Wohlstand ein Maß erreicht hat, das man sich vorher nicht einmal erträumt hat. So wird das Geld zum Götzen, zum Mammon. Es befreit zwar von Sorgen, aber um den hohen Preis, daß das Herz am Ende ganz eng und versklavt ist. Ein seltsamer Schatz!

Damit es gar nicht erst so weit kommt, sollen wir regelmäßig die Mahnung beherzigen, uns Geldbeutel zu machen, die nicht zerreißen, und uns einen Schatz zu verschaffen, der nicht abnimmt (Lk 12,33). Die Währung, die Jesus hier im Blick hat, ist die Liebe, die Hingabe, das Wohltun, das Abgeben, Teilen und Spenden. Die Liebe ist nämlich das einzige Gut auf dieser Erde, das wächst, indem es austeilt. Sie ist darum eigentlich nicht mehr von dieser Welt, sondern kommt aus einer anderen Welt. Die Liebe ist das einzige Gut, das unser Herz wahrhaft sättigt, ohne einen schalen Nachgeschmack zu hinterlassen. Gewiß haben Sie es in Ihrem Leben schon erfahren, daß die Freude am Schenken größer sein kann als die am Beschenktwerden. Wie viele Geschenke zieren unsere Wohnungen – aber welches davon ist schon ein echter Schatz? Wo Sie aber einmal Ihr Herz verschenkt haben, da haben Sie einen Schatz gewonnen, oder sollte ich mich irren?

Wir können wohl nicht in alle Tätigkeit unser Herzblut investieren. Aber damit uns nicht das Blut in den Adern gefriert und andere uns nur noch als Eisblock erfahren, sollten wir die Währung der Liebe wenigstens in kleineren Portionen ausgeben: jeden Tag und unbeirrt von den Undankbarkeiten unserer Mitmenschen. Auch diese tragen ja den Schatz in zerbrechlichen Gefäßen und brauchen immer wieder einen Anstoß zur Überwindung des eigenen Egoismus; vielleicht hilft ihnen heute gerade unser erster Schritt.

84. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2007)

Überraschend unbequem ist der Jesus des heutigen Evangeliums, liebe Schwestern und Brüder!
Nicht von der Liebe zum Nächsten oder dem Frieden untereinander oder der Seligkeit der Barmherzigen spricht er, sondern vom Zwietracht, Streit, Entzweiung.

Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, nicht Frieden, sondern Spaltung.

Wer nur diesen Satz liest oder hört, der kann es mit der Angst zu tun bekommen. Mit einer Angst vor Gottesstreitern, die in der Nachfolge Jesu ohne Rücksicht auf Verluste alles Nichtchristliche, ja alle Nichtchristen ausrotten wollen.
Vielleicht kommt dem einen oder der anderen die Phantasie von christlichen Fundamentalisten, die wie die z. Zt. wütenden Islamisten Terror und Schrecken verbreiten. Jesus ein Kriegstreiber?

Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, nicht Frieden, sondern Spaltung.
Dieser Satz ist sperrig und seine Botschaft irritiert. Wenn man diesen Satz isoliert liest. Was sagt er aber aus, wenn man ihn im Sinnzusammenhang liest, zusammen mit den Worten davor und danach? Was sagt er aus, wenn man ihn vor dem Hintergrund des ganzen Lebens und der Botschaft Jesu liest?

Jesus ist kein Kriegstreiber. Er war niemals ein Feldherr, der seine Truppen mit Waffengewalt gegen Andersgläubige geführt hat. Das hat Mohammed getan, aber nicht Jesus.
Das Wort Jesu ruft uns nicht auf, mit Brutalität gegen alles Nichtchristliche oder gegen die Nichtchristen um uns vorzugehen.

Ihm geht es vielmehr um unser Inneres. Einen inneren Feldzug sollen wir führen gegen das Unchristliche, Nichtchristliche in uns. Es geht ihm um unsere Entscheidung: für oder gegen IHN. Ganz oder gar nicht.

Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. sagt ER.
Das Element Feuer ist in der Sprache der Bibel ein Bild für das Wirken, die Anwesenheit Gottes. Als Feuersäule geht er dem Volk Israel in der Wüste voran. Im Feuer, das brennt aber nicht verbrennt, offenbart es sich dem Mose. Das Feuer von oben verzehrt das Opfer des Abraham.
Das Feuer ist aber auch Bild für die Prüfung, die Reinigung, die Entscheidung. Mit einer glühenden Kohle wird die Zunge Jesajas von Engeln gereinigt. Oft spricht die Schrift davon, dass Menschen wie Gold im Feuer gereinigt werden müssen.

Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen.
Der Herr will, dass wir uns für IHN entscheiden. Ganz Feuer und Flamme für IHN sind. Für IHN, der wie er sagt mit einer Taufe getauft werden muss. Er meint damit sein Kreuz.
„Wer mir nahe ist, ist dem Feuer nahe“ überliefert der Kirchenvater ein Wort Jesu, das nicht zur Bibel gehört.

Wer Jesus nahe sein will, muss sich entscheiden. Und das ist nicht immer leicht. Jesus ist ja nicht einer, der mit schönen Kalendersprüchen daherkommt. Für fromme Allgemeinplätze und nette Benimmregeln ist er nicht ans Kreuz geschlagen worden. Er starb am Holze des Kreuzes, weil er sich als der Sohn Gottes offenbarte.

„Wer mir nahe ist, ist dem Feuer nahe“ – An Jesus scheiden sich die Geister. Und deshalb auch die Menschen. Wer sich für Christus entscheidet, erntet nicht unbedingt Applaus. Es kann sein, dass sich Menschen von ihm abwenden, dass Freundschaften infrage gestellt werden, dass es auch zuhause zu Konflikten kommt. Darauf geht der Herr deutlich ein, wenn er sagt: Denn von nun an wird es so sein: Wenn fünf Menschen im gleichen Haus leben, wird Zwietracht herrschen: Drei werden gegen zwei stehen und zwei gegen drei.

Wer sich für Christus entscheidet – und damit auch für seine Kirche – kann nicht nur mit Zustimmung rechnen. Gerade in einer Zeit, wo man das Religiöse einzuebnen versucht in ein esoterisches Wohlgefühl oder zu pädagogisieren versucht, als sei Religion nur eine Art wohlfeile Moral für Gutmenschen. Diese Form der unverbindlichen Religiosität scheint mit in unseren Tagen vorherrschend zu sein, eine Art kleinster gemeinsamer Nenner, nach dem Motto: Irgendwie glauben wir doch alle an den einen Gott.

Ein Christ aber, glaubt nicht irgendwie an einen Gott. Er sieht das Antlitz Gottes in Jesus Christus. Und jeder, der in die Augen Jesu schaut, muß sich entscheiden: für oder gegen ihn. Damit einher geht die Entscheidung für die Kirche, seinen mystischen Leib.

Vielen scheint eine solche feste Haltung unmöglich zu sein. Deshalb tut es gut, spornt es an, auf Menschen zu blicken, die sich entschieden haben. Es tut gut sich ein Vorbild an den Heiligen und Seligen zu nehmen.
An ihnen hat mich immer wieder fasziniert, dass sie, nachdem sie sich ganz für Christus entschieden hatten, innerlich frei waren, um für das wirklich Gute einzutreten. Ich denke da z. B. an Mutter Teresa, an Thomas Morus, an Elisabeth von Thüringen oder auch an die Gründerin des Ordens unserer Schwestern in Grafenwald, an Magdalena Postel.

Aber ist das was für uns? Nehmen wir da den Mund nicht etwas zu voll, wenn wir uns mit Heiligen messen wollen?

Die Antwort gibt die Lesung aus dem Hebräerbrief:
Da uns eine solche Wolke von Glaubenszeugen umgibt, wollen auch wir alle Last und die Fesseln der Sünde abwerfen. Lasst uns mit Ausdauer in dem Wettkampf laufen, der uns aufgetragen ist, und dabei auf Jesus blicken, den Urheber und Vollender unseres Glaubens; er hat angesichts der vor ihm liegenden Freude das Kreuz auf sich genommen, ohne auf die Schande zu achten, und sich zur Rechten von Gottes Thron gesetzt.

Das Vorbild der Heiligen und Seligen - die nicht vom Himmel gefallen, sondern auf der Erde gewachsen sind – kann uns ein Ansporn sein, es ihnen gleichzutun. Zumindest uns zu bemühen.

Wer mir nahe ist, ist dem Feuer nahe. – Für Christus und seine Kirche brennen – das ist Heiligkeit.
Und es ist ein offenes Geheimnis, dass es Weltkrisen gibt, weil es an Heiligen mangelt.

Es liegt auch an Ihnen, Dir und mir und der Art, wie wir unseren Glauben ernstnehmen, ob sich etwas zum Guten wendet oder nicht.

85. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

Vermutlich haben Sie schon mal etwas von den amerikanischen Fernsehpredigern gehört. Sie erreichen hohe Einschaltquoten und können sich durchaus mit den kommerziellen Fernsehshows messen. Sie sind erfüllt von guter Laune, sie feiern den Überfluß und sie bieten den Menschen genau das, was sie sehen und hören wollen. Sie tun damit wahrscheinlich ziemlich genau das Gegenteil von dem, was Jesus getan hat, denn Jesus hat den Menschen nicht das geboten, was sie wollten, sondern nur das, was ihnen nottat. Das heutige Evangelium gibt uns da ein eindrucksvolles, ja bestürzendes Beispiel.

Vielleicht sind wir schon zu sehr von der geruhsamen Fernseh-Welt eingelullt, daß wir für diese Worte gar kein Verständnis mehr aufbringen. Und doch haben sie über die Jahrhunderte ihr Echo gefunden und Menschen aus falschen Bahnen geworfen – hinein in eine lebendige Beziehung zu Christus. So der berühmte Philosoph Blaise Pascal, in dessen Rock man nach seinem Tode die folgenden Worte auf einem Zettel eingenäht fand:

„Feuer, Gewißheit, Gewißheit, Empfindung, Freude, Friede, Vergessen der Welt und aller Dinge, ausgenommen Gott.“

Ja, Pascal und viele andere haben es erfaßt, was Jesus wollte, nämlich Feuer auf die Erde werfen, das Feuer der göttlichen Liebe, den Heiligen Geist! Mit Leidenschaft gegen Gleichgültigkeit und Trägheit ankämpfen trotz allen Widerstands, ja, Widerstands bis zum Tod! Wenn unsereins, besonders aber die Fernseh-Leute von Liebe sprechen, dann spürt man wenig von innerer Glut, von Entschiedenheit und der unbeirrbaren Bereitschaft, allen Widerständen entgegenzutreten. Im Fernsehen werden uns überwiegend erotische Hochglanz-Bilder präsentiert, lächelnde, vor Gesundheit strotzende Stars, die allseits beliebt sind und von Moral wenig verstehen, geschweige denn praktizieren. Da ist kein Feuer, weder heiß noch kalt, sondern es weht eine laue Luft, eine unentschiedene Beliebigkeit und zugleich eine naive Weltfremdheit, die alles als Unterhaltung und Amüsement aufnimmt, aber keine Ernsthaftigkeit kennt.

Das Feuer der Liebe Christi kommt aus einer ganz anderen Welt. Es drängt zur Entscheidung, und wen es in Brand gesetzt hat, der kann gar nicht anders, er muß dieses Feuer weitergeben, zugleich aber der satten Seichtheit des bloßen Zeitvertreibs entsagen. Da kann es schon mal passieren, daß ein Jugendlicher seinen Eltern sagt: „Ich will Priester werden“ – und die Eltern sind bestürzt, in weitaus größerer Aufregung, als wenn er ein uneheliches Kind gezeugt hätte. Eine solche Situation meinte Jesus beispielsweise, als er davon sprach, daß er nicht Frieden, sondern Spaltung bringen wollte – nicht weil er etwas gegen Harmonie und Eintracht hatte, sondern weil das Feuer der Liebe es nicht duldet, wenn man es mit der Gemütlichkeit der Gartenlaube zu ersticken sucht.

Oft habe ich allerdings das Gefühl, die geruhsame Gartenlauben-Mentalität habe schon so sehr von uns Christen Besitz ergriffen, daß es gar nicht mehr dazu kommt, daß junge Menschen daraus ausbrechen und dem Feuereifer Christi nachstreben wollen. „Wie froh wäre ich“, sagt Jesus, das Feuer wäre schon entfacht. Müssen wir uns diese Sehnsucht Jesu nicht zu eigen machen und alles daran setzen, daß unsere Kinder und natürlich zuerst auch wir selbst von der Liebe Jesu in Brand gesetzt werden?

Bei meiner Primiz hat ein guter Freund gepredigt und dabei u.a. das Stichwort gebraucht: „Ihr müßt Kohlen nachlegen, sonst geht der Ofen aus.“ Der Feuerofen der Liebe Gottes, der seit der Taufe in unseren Herzen brennt, braucht immer wieder neue Kohlen, die ihn neu entflammen. Das Feuer kann erkalten, gewiß. Aber wir können diesem Feuer auch wieder neue Nahrung geben, gleichsam Kohlen ins Feuer werfen. Und wie macht man das?

  • Jesus suchen im Gebet und in der Lektüre der Bibel. Er selbst war es, der den Jüngern den Sinn der Schrift erschloß, und er erschließt sich dort auch uns.
  • Jesus suchen in seiner Gemeinde, seiner Kirche. Jeder kann dem anderen ein zweiter Christus sein. Freilich nur unvollkommen, facettenhaft. Aber so ist es. Schauen Sie auf Ihre Mitchristen in diesem Sinne, lassen Sie sich von den positiven Seiten der Anderen mitreißen, anstatt nach negativen zu suchen und über sie herzufallen. Unsere Kirche heute leidet ja wohl vor allem daran, daß der eine dem andern zunächst mal etwas Schlechtes unterstellt und das Gute nicht anerkennen will. Wieviel Kraft geht dadurch verloren, wieviel Enttäuschung wird so provoziert, wieviel Kälte bricht so in die Kirche ein!

Öffnen wir uns dem Originalton der Stimme Jesu Christi, der uns aufruft, ihm allein zu vertrauen und seiner Liebe mit Entschiedenheit nachzufolgen.

Vgl. Neil Postman:Wir amüsieren uns zu Tode. Frankfurt 1988, S. 149.

86. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2007)

Schwestern und Brüder!

„Die Hölle gibt es doch gar nicht!“ oder „Die Hölle ist leer!“
So höre ich viele Menschen reden. Auch viele Christen.

Die Menschen glauben zwar größtenteils daran, dass es nach dem Tode irgendwie weitergeht;

aber den Glauben daran, dass im Jenseits die Guten von den Bösen geschieden werden, die einen in den Himmel, die anderen an einen Ort der ewigen Verdammnis kommen – diesen Glauben verweisen die meisten Menschen –eben auch viele Christen- in das Reich der Legenden.

Nun, an einer gewissen Ablehnung des Gerichtsgedanken ist auch etwas Richtiges dran:
Ein Glaube der sich nur an Gott und an das Gute hält, weil man Angst hat, in der Hölle zu landen, ist ein nicht sehr befreiender Glaube.
Gott und den Menschen soll man lieben, weil beide liebenswert sind, und nicht allein, weil sonst das ewige Feuer droht.
Eine Ehe, die nur aufrechterhalten wird, weil sonst Unterhaltszahlungen drohen, ist keine echte Ehe mehr, erst recht keine Liebe.

Dennoch: Das Leben aus der Sicht des berühmten Karnevalsliedes „Wir kommen alle, alle, alle in den Himmel“ zu beurteilen hat verheerende Folgen.

Das wäre ein Freibrief für jeden und jede, das zu tun, wonach es einem gerade gelüstet. Nach dem Motto:
Ob ich kaufe oder stehle, ob ich die Wahrheit sage oder lüge, ob ich töte oder das Leben der anderen achte, ist ja egal:
Zum Schluss komme ich ja ohnehin in den Himmel.
Der barmherzige Vater im Himmel degeneriert dann zum treudoofen Onkel.

Ein Glaube, der ein Gericht ablehnt, nimmt unser Leben dann nicht wirklich ernst.
Sowohl das Leben der Heiligen und Seligen, als auch das Leben, der Hitlers und Stalins aller Zeiten.
Aber auch Ihr Leben und das meinige nimmt eine solche Haltung nicht ernst.

Machen wir uns nichts vor:
Es gibt so etwas wie das persönliche Gericht eines jeden Menschen vor Gott.
Bei Gericht dürfen wir nicht daran denken, dass dort ein willkürlicher Despot sitzt und nach Lust und Laune verurteilt. Ein Richter nimmt sorgfältig auf, was war und ist. Danach entscheidet er.
Denn Gott nimmt unser Leben ernst. Er nimmt das ernst, was wir sind und was wir tun.
Das ist keine Drohung, keine Drohbotschaft, mit der ich Ihnen Angst einjagen will.
Das ist eine Frohbotschaft, die die Liebe Gottes zu uns Menschen ausdrückt. Nur wer wirklich liebt, nimmt den Geliebten auch wirklich ernst.

Es ist Gott eben nicht egal, was wir tun und wie wir leben, so wie es Eltern nicht egal sein kann, was ihre Kinder tun und wie sie leben.

Gott nimmt uns ernst.
Nichts anderes hat Jesus, unser Herr, immer und immer wieder gesagt.
Zum Beispiel beantwortet er die Frage aus dem Evangelium heute: „Herr, sind es nur wenige, die gerettet werden?“
indem er auf den Ernst des Lebens verweist: „Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen!“

Es geht Jesus nicht darum, stur und leblos irgendwelche Gebote einzuhalten, um mit einer weißen Weste durchs Leben zu kommen.

Es geht ihm darum, dass wir auf das unbedingte JA! der Liebe Gottes zu uns mit einem ebenfalls unbedingten JA! zu Gott antworten. Darauf kommt es am Ende an. Nicht mehr. Nicht weniger.

Aber dieses JA! gilt es einzuüben. Und dazu helfen uns die Gebote Gottes, die Gottes- und die Nächstenliebe.
Wir müssen dieses JA! schon hier und jetzt leben. Wir können dieses JA! nicht auf die Ewigkeit verschieben. Dann ist nämlich die Türe zu, und wir stehen draußen.

Wessen Leben immer nur aus halbherzigen „JA, irgendwie schon“, „JA, morgen“ „JA, vielleicht“ bestanden hat,
oder wessen Leben eine ganze Reihe von bewussten, deutlichen und ausdrücklichen „NEIN!“ beinhaltet hatte, für den wird es unter Umständen in der Ewigkeit zu spät sein. Dann nämlich ist die Tür ein für alle mal verriegelt. Das ist die Botschaft des heutigen Evangeliums.

Liebe Schwestern und Brüder!
Noch einmal: Dies ist keine Drohbotschaft.
Das Evangelium endet ja schließlich mit einer hoffnungsfrohen Vision: Aus allen Himmelsrichtungen kommen Scharen von Menschen, die im Reich Gottes zu Tische sitzen, die also „Drin“ sind.
Übrigens hat die Kirche nie gesagt, wer in der Hölle sei, sondern nur die Seligen und Heiligen genannt, von denen wir glauben, dass sie schon im Himmel sind.

Für uns Christen gilt, dass wir die begründete Hoffnung auf einen „Freispruch“ haben, weil Jesus Christus selbst für uns eintritt. Schließlich ist er genau darum Mensch geworden, um für uns einzutreten. Und mit einem solchen Anwalt können wir das Gericht wirklich bestehen

Wenn wir uns bemühen, dann dürfen wir – egal, ob es uns immer gelingt oder vielleicht auch nicht- uns auch getrost auf die Barmherzigkeit Gottes verlassen.
Bemühen müssen wir uns aber schon: „Müht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen.“

87. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

Ein erfolgreicher Vertreter verliert wegen Alkohol am Steuer seinen Führerschein und damit auch seine Arbeit; er kann die monatlichen Zinsen und Tilgung für seinen Neubau nicht mehr bezahlen, verliert auch noch sein Haus und sackt ein paar Stufen ab. Seine früheren Freunde gehen ihm nun öfter aus dem Weg, seine drei Kinder werden von ihren ehemaligen Freunden geärgert, weil sie sich die angesagten Klamotten nicht mehr leisten können. Und Sprüche kann er sich genug anhören: „Das kommt davon, wenn man zu hoch hinaus will! Man sollte auch nicht soviel trinken!“ – Und ein ganz aktuelles Beispiel: Ein Politiker und Bürgermeisterkandidat hat seinen Lebenslauf gefälscht und unrechtmäßig vorgegeben, einen Doktortitel zu besitzen. Kurz vor der Wahl fliegt seine Hochstapelei auf. Er muss seine Kandidatur zurückziehen, verliert alle Anerkennung und muss mit einem Strafverfahren rechnen. Die neue Existenz, die er sich gerade aufzubauen im Begriff war, ist ein Scherbenhaufen.

Zwei Streiflichter durch unsere Welt, beliebig lassen sich ähnliche Beispiele finden. „Wer zu stehen meint, der gebe acht, dass er nicht fällt“, mahnt schon der Apostel Paulus (1 Kor10,12). Und der Volksmund sagt: „Hochmut kommt vor dem Fall.“ – Das ist die eine Seite: Wer zu den Ersten gehört hat, kann plötzlich auf der Verliererseite stehen, auf dem letzten Platz. – Aber rechtfertigt das die Häme und Schadenfreude der anderen? Das ist die andere Seite: Mit Hinweis auf den eigenen guten Leumund neigen wir Menschen dazu, andere zu verachten, die aus welchem Grund auch immer auf einen der letzten Plätze abgerutscht sind. Es ist immer leicht, die Fehltritte anderer aufzudecken und sich darüber zu erheben, aber wir sollten, bevor wir das tun, das Wort Jesu bedenken: „Ja, es gibt Letzte, die Erste sein werden, und es gibt Erste, die Letzte sein werden.“

Dieses Wort Jesu wie auch sein Bildwort von der engen Tür sind eine Mahnung an uns, jeden Tag umzukehren. „Herr, Herr“ sagen allein genügt nicht, auch nicht die regelmäßige Mahlgemeinschaft mit Jesus bei der Heiligen Messe und das Hören der Verkündigung, denn wir sollen „nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit“ (1 Joh 3,18). „Bemüht euch mit allen Kräften!“, sagt Jesus, denn die Umkehr, die von uns gefordert ist, ist schwer, und auch uns gilt die Mahnung: „Wer zu stehen meint, der gebe acht, dass er nicht fällt.“

Das Wort Jesu von den Ersten und den Letzten hat diese zwei Seiten: Mahnung für diejenigen, die sich allzu sicher wähnen, und Trost für diejenigen, die verzweifelt sind. Jesus ist weit davon entfernt, ein Schwarz-Weiß-Bild zu zeichnen, das es uns ermöglichen würde, die Menschheit in Gute und Böse einzuteilen und schnell unseren Platz auf der Seite der Guten zu finden. Es soll uns vielmehr helfen, beide Seiten in uns selbst zu entdecken: den Hochmut zu bändigen und der Verzagtheit mit Mut zu begegnen.

Jesus nennt keine Zahlen, wie viele Menschen gerettet werden. Das hätten wir vielleicht gerne, um uns eine Sicherheit zu verschaffen und uns dann auf unseren Lorbeeren ausruhen zu können. Gegen ein solches Missverständnis setzt Jesus das Wort von der engen Tür. Nicht um damit zu sagen, dass die Chance, gerettet zu werden, gering ist, sondern um uns vor trügerischer Selbstsicherheit zu bewahren.

Das Bildwort von der Tür sagt doch zuerst dies: Die Tür steht für alle offen; „Gott will, dass alle gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen.“ (1 Tim 2,4) Die Frage ist nur: Schätzen wir das auch recht ein? Schätzen wir uns selber richtig ein? Ich meine damit: Sehen wir, dass wir selber zuerst der Gnade Gottes bedürfen, und zwar nicht nur einmal, sondern immer wieder? Wenn ich die Fehler anderer so klar erkenne, sind mir meine eigenen genauso bewusst? Wenn ich mich unter den Ersten wähne, halte ich das dann für mein Verdienst? (Oder bin ich vielleicht nur bisher nicht erwischt worden?)

In einem Hochgebet heißt es: „Wäge nicht unser Verdienst, sondern schenke gnädig Verzeihung.“ Das ist die richtige Haltung vor Gott, und wer sie einnimmt, der wird sich schwerlich über einen anderen Menschen erheben, ihn verurteilen oder abschreiben. Wenn wir diese Haltung einnehmen, können wir immer wieder Trost, Kraft und Mut gewinnen und eine Geborgenheit in Gott erfahren, die unser Glaube in erster Linie schenkt. Und dann ist es auch selbstverständlich und leicht, diese Aufrichtung des Glaubens auch anderen zuzugestehen, gerade den vermeintlich Letzten. Sonst kehrt sich das Verhältnis von Ersten und Letzten leicht um.

88. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

Die Schriftlesungen des heutigen Sonntags empfehlen eine Tugend, die heute nur selten genannt wird und für viele sogar negativ besetzt ist: die Demut. Viele verstehen unter Demut oft nur ihr Zerrbild: sie haben einen schwachen, mit Minderwertigkeitskomple-xen beladenen Typ vor Augen oder einen schmierigen Kriechertyp, deren falsche Be-scheidenheit vorwiegend dazu dient, ihrer eigenen Verantwortung aus dem Weg zu gehen. In Wahrheit geht es jedoch um das Ideal des Menschen, der sich selbst recht ein-zuschätzen weiß und sich nichts auf seine Charaktereigenschaften, Titel und Erfolge ein-bildet.

Der hl. Pfarrer von Ars hat gesagt: „Die Demut ist das Fundament aller anderen Tugen-den. Wenn sie uns fehlt, nützen uns alle anderen Tugenden nichts.“

Das klingt übertrieben. Wir können es aber nachvollziehen, wenn wir uns das entge-gengesetzte Laster vergegenwärtigen, den Hochmut oder Eigendünkel. Unsre Sprache hat dafür noch weitere Ausdrücke: Überheblichkeit, Arroganz, Hybris, Eitelkeit und Aufgeblasenheit. Es gilt zwar erstens: Kein Fehler macht einen anderen so unbeliebt wie der Hochmut. Aber andererseits gibt es auch keinen Fehler, den wir so schwer bei uns selbst bemerken. Je hochmütiger wir selber sind, um so weniger fällt es uns auf, aber um so mehr verdammen wir den Hochmut bei anderen. Je mehr ich selbst im Mittelpunkt stehen will, um so mehr ärgert es mich, wenn ein anderer sich in den Mittelpunkt stellt. Je mehr ich mich in meiner eigenen Überlegenheit über andere sonne, um so mehr trifft es mich, wenn ein anderer seine Überlegenheit über mich herausstellt, mich von oben herab behandelt oder mich zurücksetzt.

Der Hochmut lebt wesensmäßig von der Konkurrenz, vom Vergleich mit anderen; er ist das Vergnügen, anderen überlegen zu sein. Er verlangt nach Wettbewerb und kennt darum keine Grenzen. Der Hochmut macht die Menschen untereinander zu Feinden, ja, er ist die Feindschaft schlechthin. Er ist der Hauptgrund für alles Elend in jedem Volk und jeder Familie. Er ist ein geistiger Krebs, der den letzten Rest von Liebe, von Zufrie-denheit und sogar von gesundem Menschenverstand zerstört. Dies sehen wir heute z.B. an einer Unterart des Hochmuts, der Eitelkeit und dem Körperkult. Studien der letzten vierzig Jahre belegen, dass die Zufriedenheit der Menschen mit ihrem eigenen Aussehen dramatisch gesunken ist, gerade weil für die Selbstverschönerung ein immer höherer Aufwand betrieben wurde. Je mehr man investiert, um so größer sind die Chancen, un-zufrieden zu sein.

Wo der Hochmut die Herzen der Menschen bestimmt, da herrscht eine Hackordnung, die keine Rücksicht kennt. Jeder benutzt den anderen als Mittel zur eigenen Selbststei-gerung, als Trittbrett um höherzukommen. Die anderen werden klein gemacht, damit man selbst als der Größere dasteht. Das gibt es schon bei Kindern, in Jugendgruppen, nicht selten auch in Ehen und Familien. Ins Maßlose gesteigert, ist der Hochmut das Strukturprinzip der Hölle.

Wir dürfen nicht verkennen, dass auch wir selbst infiziert sind von Hochmut und Selbst-herrlichkeit. Wir haben im Herzen böse Antriebe. Aber wir können auch auf gute Erfah-rungen zurückblicken: Wenn wir z.B. ganz selbstvergessen beim anderen waren und die Sorge um unser eigenes Ich gar keine Rolle spielte – ging es uns da nicht besser als bei anderen Gelegenheiten, wo wir uns fast zwanghaft mit anderen vergleichen mussten und ständig das Gefühl hatten, zu kurz zu kommen? Haben wir es nicht schon wieder-holt erlebt, dass andere Menschen uns gerade dann sympathisch fanden, wenn wir uns bescheiden zurückgehalten haben, anstatt unsere Person in den Vordergrund zu schie-ben? Zeigt uns also nicht die Selbstbeobachtung, dass der Hochmut in der Tat Unzufrie-denheit und Unfrieden erzeugt?

Jesus sagt prägnant: „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden, und wer sich selbst er-niedrigt, wird erhöht werden.“ Damit will er keine rein menschliche Klugheitsregel aufstel-len, in dem Sinne, wie Friedrich Nietzsche das Wort verdreht hat: „Wer sich selbst er-niedrigt, will erhöht werden.“ Vielmehr meint er den ewigen Ausgleich durch den gött-lichen Richter, wie es im Spruch heißt: „Gott tritt den Stolzen entgegen, den Demütigen aber schenkt er seine Gnade.“ (Jak 4,6; 1 Petr 5,5) Doch das ewige Gericht zeichnet sich schon in diesem Leben ab: die Hochmütigen sind unbeliebt und voller Verbitterung, und allein die wahrhaft demütigen Menschen haben nicht nur viele Freunde, sondern auch ein frohes Herz – wie Maria, die von sich sagt: „Meine Seele preist die Größe des Herrn, denn auf die Demut seiner Magd hat er geschaut.“ (Lk 1,46.48)

89. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

Am letzten Sonntag habe ich über die Demut und ihren Gegensatz, den Hochmut, gesprochen. Heute möchte ich den Faden wieder aufnehmen und ein anderes Gegensatzpaar bedenken, das aus der Reihe der so genannten sieben Todsünden genommen ist: die Trägheit bzw. ihren positiven Gegensatz, den Starkmut.

Hierzu möchte ich anknüpfen an den Vergleich, den Jesus im heutigen Evangelium anstellt: „Wenn einer von euch einen Turm bauen will, setzt er sich dann nicht zuerst hin und rechnet, ob seine Mittel für das ganze Vorhaben ausreichen?“ Wer das Ziel will, der muss auch die Mittel wollen. Das aber ist keineswegs selbstverständlich; vielmehr kommt es immer wieder vor, dass man eine Sache zwar eigentlich haben will, aber man hat keine Lust, das dazu Nötige einzusetzen. So würden viele gern mit dem Rauchen aufhören, aber sie scheuen die Entzugserscheinungen. Oder jemand würde gern Englisch sprechen können, aber er sieht sich gegen die Arbeit an, die er investieren müsste. Beispiele gibt es genug, die das illustrieren, wogegen Jesus sich wendet.

Dass wir es hier mit der Trägheit zu tun haben, leuchtet vermutlich leicht ein. Was aber ist die Trägheit eigentlich, und warum wird sie von den Theologen als eine der sieben Haupt- oder Todsünden angesehen? Wenn wir die Trägheit beschränken würden auf Faulheit und Bequemlichkeit, dann ließe sich das allerdings nicht einsehen. Warum sollte der Müßiggang „aller Laster Anfang“ sein? Nicht die Muße ist schlecht, und auch die Neigung zur Bequemlichkeit ist noch keine Sünde; aber die Geisteshaltung, die sich dahinter verbirgt oder verbergen kann, hat tatsächlich etwas an sich, das direkt gegen Gott gerichtet ist, und darum geht es bei dem Laster, das die Alten „acedia“ genannt haben und das sowohl Trägheit als auch Traurigkeit einschließt. Gemeint ist die Verweigerung von Anstrengung, insbesondere von geistiger Anstrengung – und zwar aus einem Gefühl der Traurigkeit und Verzagtheit heraus, das Sören Kierkegaard als „Verzweiflung der Schwachheit“ bezeichnet hat. Wer von dieser Verzweiflung der Schwachheit befallen ist, wagt es nicht mehr, er selbst zu sein; er weigert sich, sein eigenes Wesen und seine Berufung anzunehmen: sie ist ihm zu hoch und zu schwer, denn sie mutet ihm eine Würde zu, die ihm eben als Zumutung erscheint, als etwas, für das er sich zu schwach fühlt – „Verzweiflung der Schwachheit“. Das gibt es bei Erwachsenen und sogar schon bei Kindern. Neulich war ich in der Grundschule, um für den morgigen Familiengottesdienst zu werben. Daraufhin sagte mir ein Junge: „Das ist nichts für uns. Wir schlafen immer bis halb 10.“ Entscheidend war die Verachtung, die in seinen Worten lag: Wie kann man nur so blöd sein, für den Gottesdienst früher aufzustehen? Wie können Sie mir bloß eine solche Überwindung zumuten? – Ich frage mich dagegen entsetzt: Wie kann man nur seine Kinder schon in so jungen Jahren zu solch erbärmlicher Trägheit und Respektlosigkeit erziehen?

Der Mensch, der von Trägheit geprägt ist, weicht seiner Berufung aus, er geht sich selbst aus dem Weg und verliert sich in Ablenkungen jeder Art. Er ist wie Jona, der vor Gott fliehen will, damit er den schweren Auftrag nicht ausführen muss. Die Berufung zu einem ewigen Leben bei Gott macht ihn nicht froh, sondern ärgert ihn, so wie er überhaupt über alles unzufrieden und nörglerisch ist. Weil er sich nicht vorstellen kann und will, dass es Freude an Gott gibt, kann er nicht mehr danken. Im Extremfall wird er depressiv und lebensüberdrüssig. Wenn Gott ihm schon das Leben geschenkt hat, so räsoniert er, dann müsse er ihm die Erfüllung dieses Lebens gefälligst in den Schoß legen, anstatt ihn aufzufordern, an seiner Vervollkommnung selbst zu arbeiten.

Von hier aus verstehen wir vielleicht besser, warum der hl. Thomas von Aquin die Trägheit das „Kopfpolster Satans“ genannt hat. Vielleicht kommen wir sogar dahin, wenigstens ansatzweise die schockierenden Sätze Jesu aus dem heutigen Evangelium zu verstehen: über das Geringachten von familiären Banden, Leib und Leben im Vergleich zum Reich Gottes, das Jesus als unmittelbar nahe gekommen ansah. Wer dieses Ziel so klar im Blick hatte wie Jesus, der musste nun auch die Mittel ergreifen, die zu ihm hinführten und alles andere hintanstellen: Nur wer das wollte, der konnte Jünger Jesu sein und mit ihm eine Lebens- und Schicksalsgemeinschaft bilden. Bloßes kraftloses Wünschen hilft nichts, wenn das Ziel durch allerlei Hindernisse verstellt ist. Da muss man die Hindernisse ausräumen! Wer das nicht tun will, sondern untätig herumsteht und andere machen lässt, der arbeitet dem Ziel entgegen.

Im Grunde ist das klar. Anstößig für uns ist eher die Übertragung dieser Forderungen Jesu auf die ganze Gemeinde, für die weder klar ist, dass die Welt jeden Augenblick untergehen kann, noch, dass familiäre Beziehungen dem Reich Gottes im Weg stehen. Aber will der Evangelist die Forderung Jesu wirklich buchstäblich auf seine Gemeinde und sogar auf alle späteren Gemeinden übertragen? – Es geht doch wohl eher um die geistige Haltung und Konsequenz, von denen wir unser Handeln bestimmen lassen sollen – je nach den Umständen mal so, mal so, aber eben überzeugt, unbeirrt und mit frohem und starkem Mut. D.h. wenn man z.B. spürt, dass die Blutsbande ein Hindernis für den Glauben sind, dann muss man sich davon befreien; oder wenn man merkt, dass die weltliche Karriere oder das Luxusleben nach und nach die Religiösität ersticken, dann muss man sich nach Alternativen umsehen; wer diese Konsequenz fürchtet, ruht sich auf dem Kopfkissen des Teufels aus.

Der Trägheit und der geistigen Unlust ist die Tugend der Tapferkeit oder des Starkmutes entgegengesetzt. Wie gewinnt man Starkmut? In erster Linie durch mentales Training, durch das Betrachten des geistig Edlen und Schönen, also u.a. auch durch das, was wir hier im Gottesdienst tun: Kontemplation Gottes und seiner Herrlichkeit, für die es sich lohnt, sich anzustrengen. Auch die Betrachtung der Hässlichkeit der feigen Bequemlichkeit kann uns aufrütteln: „Mir nach spricht Christus, unser Held, mir nach, ihr Christen alle. … Ein böser Knecht, der still kann stehn, sieht er voran den Feldherrn gehen.“

Vgl. Heiko Ernst: Wie uns der Teufel reitet. Von der Aktualität der 7 Todsünden. Berlin: Ullstein, 2006, 183.

Am letzten Sonntag habe ich über die Demut und ihren Gegensatz, den Hochmut, gesprochen. Heute möchte ich den Faden wieder aufnehmen und ein anderes Gegensatzpaar bedenken, das aus der Reihe der so genannten sieben Todsünden genommen ist: die Trägheit bzw. ihren positiven Gegensatz, den Starkmut.

Hierzu möchte ich anknüpfen an den Vergleich, den Jesus im heutigen Evangelium anstellt: „Wenn einer von euch einen Turm bauen will, setzt er sich dann nicht zuerst hin und rechnet, ob seine Mittel für das ganze Vorhaben ausreichen?“ Wer das Ziel will, der muss auch die Mittel wollen. Das aber ist keineswegs selbstverständlich; vielmehr kommt es immer wieder vor, dass man eine Sache zwar eigentlich haben will, aber man hat keine Lust, das dazu Nötige einzusetzen. So würden viele gern mit dem Rauchen aufhören, aber sie scheuen die Entzugserscheinungen. Oder jemand würde gern Englisch sprechen können, aber er sieht sich gegen die Arbeit an, die er investieren müsste. Beispiele gibt es genug, die das illustrieren, wogegen Jesus sich wendet.

Dass wir es hier mit der Trägheit zu tun haben, leuchtet vermutlich leicht ein. Was aber ist die Trägheit eigentlich, und warum wird sie von den Theologen als eine der sieben Haupt- oder Todsünden angesehen? Wenn wir die Trägheit beschränken würden auf Faulheit und Bequemlichkeit, dann ließe sich das allerdings nicht einsehen. Warum sollte der Müßiggang „aller Laster Anfang“ sein? Nicht die Muße ist schlecht, und auch die Neigung zur Bequemlichkeit ist noch keine Sünde; aber die Geisteshaltung, die sich dahinter verbirgt oder verbergen kann, hat tatsächlich etwas an sich, das direkt gegen Gott gerichtet ist, und darum geht es bei dem Laster, das die Alten „acedia“ genannt haben und das sowohl Trägheit als auch Traurigkeit einschließt. Gemeint ist die Verweigerung von Anstrengung, insbesondere von geistiger Anstrengung – und zwar aus einem Gefühl der Traurigkeit und Verzagtheit heraus, das Sören Kierkegaard als „Verzweiflung der Schwachheit“ bezeichnet hat. Wer von dieser Verzweiflung der Schwachheit befallen ist, wagt es nicht mehr, er selbst zu sein; er weigert sich, sein eigenes Wesen und seine Berufung anzunehmen: sie ist ihm zu hoch und zu schwer, denn sie mutet ihm eine Würde zu, die ihm eben als Zumutung erscheint, als etwas, für das er sich zu schwach fühlt – „Verzweiflung der Schwachheit“. Das gibt es bei Erwachsenen und sogar schon bei Kindern. Neulich war ich in der Grundschule, um für den morgigen Familiengottesdienst zu werben. Daraufhin sagte mir ein Junge: „Das ist nichts für uns. Wir schlafen immer bis halb 10.“ Entscheidend war die Verachtung, die in seinen Worten lag: Wie kann man nur so blöd sein, für den Gottesdienst früher aufzustehen? Wie können Sie mir bloß eine solche Überwindung zumuten? – Ich frage mich dagegen entsetzt: Wie kann man nur seine Kinder schon in so jungen Jahren zu solch erbärmlicher Trägheit und Respektlosigkeit erziehen?

Der Mensch, der von Trägheit geprägt ist, weicht seiner Berufung aus, er geht sich selbst aus dem Weg und verliert sich in Ablenkungen jeder Art. Er ist wie Jona, der vor Gott fliehen will, damit er den schweren Auftrag nicht ausführen muss. Die Berufung zu einem ewigen Leben bei Gott macht ihn nicht froh, sondern ärgert ihn, so wie er überhaupt über alles unzufrieden und nörglerisch ist. Weil er sich nicht vorstellen kann und will, dass es Freude an Gott gibt, kann er nicht mehr danken. Im Extremfall wird er depressiv und lebensüberdrüssig. Wenn Gott ihm schon das Leben geschenkt hat, so räsoniert er, dann müsse er ihm die Erfüllung dieses Lebens gefälligst in den Schoß legen, anstatt ihn aufzufordern, an seiner Vervollkommnung selbst zu arbeiten.

Von hier aus verstehen wir vielleicht besser, warum der hl. Thomas von Aquin die Trägheit das „Kopfpolster Satans“ genannt hat. Vielleicht kommen wir sogar dahin, wenigstens ansatzweise die schockierenden Sätze Jesu aus dem heutigen Evangelium zu verstehen: über das Geringachten von familiären Banden, Leib und Leben im Vergleich zum Reich Gottes, das Jesus als unmittelbar nahe gekommen ansah. Wer dieses Ziel so klar im Blick hatte wie Jesus, der musste nun auch die Mittel ergreifen, die zu ihm hinführten und alles andere hintanstellen: Nur wer das wollte, der konnte Jünger Jesu sein und mit ihm eine Lebens- und Schicksalsgemeinschaft bilden. Bloßes kraftloses Wünschen hilft nichts, wenn das Ziel durch allerlei Hindernisse verstellt ist. Da muss man die Hindernisse ausräumen! Wer das nicht tun will, sondern untätig herumsteht und andere machen lässt, der arbeitet dem Ziel entgegen.

Im Grunde ist das klar. Anstößig für uns ist eher die Übertragung dieser Forderungen Jesu auf die ganze Gemeinde, für die weder klar ist, dass die Welt jeden Augenblick untergehen kann, noch, dass familiäre Beziehungen dem Reich Gottes im Weg stehen. Aber will der Evangelist die Forderung Jesu wirklich buchstäblich auf seine Gemeinde und sogar auf alle späteren Gemeinden übertragen? – Es geht doch wohl eher um die geistige Haltung und Konsequenz, von denen wir unser Handeln bestimmen lassen sollen – je nach den Umständen mal so, mal so, aber eben überzeugt, unbeirrt und mit frohem und starkem Mut. D.h. wenn man z.B. spürt, dass die Blutsbande ein Hindernis für den Glauben sind, dann muss man sich davon befreien; oder wenn man merkt, dass die weltliche Karriere oder das Luxusleben nach und nach die Religiösität ersticken, dann muss man sich nach Alternativen umsehen; wer diese Konsequenz fürchtet, ruht sich auf dem Kopfkissen des Teufels aus.

Der Trägheit und der geistigen Unlust ist die Tugend der Tapferkeit oder des Starkmutes entgegengesetzt. Wie gewinnt man Starkmut? In erster Linie durch mentales Training, durch das Betrachten des geistig Edlen und Schönen, also u.a. auch durch das, was wir hier im Gottesdienst tun: Kontemplation Gottes und seiner Herrlichkeit, für die es sich lohnt, sich anzustrengen. Auch die Betrachtung der Hässlichkeit der feigen Bequemlichkeit kann uns aufrütteln: „Mir nach spricht Christus, unser Held, mir nach, ihr Christen alle. … Ein böser Knecht, der still kann stehn, sieht er voran den Feldherrn gehen.“

Vgl. Heiko Ernst: Wie uns der Teufel reitet. Von der Aktualität der 7 Todsünden. Berlin: Ullstein, 2006, 183.

90. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2007)

Liebe Schwestern und Brüder,

Neben zwei anderen Gleichnissen hören wir heute im Evangelium die Erzählung vom verlorenen Sohn oder dem barmherzigen Vater.
Wir kennen dieses Gleichnis. Es ist uns seit Kindestagen vertraut. Oft haben wir es gehört.

Es gibt eine Unmenge an Schriften, Meditationen und Erklärungen dazu. Häufig wurden Szenen aus diesem Gleichnis auch gemalt. Ein ganz besonders bekannte Beispiel stammt von Rembrandt, das die Rückkehr des Sohnes in die Arme des Vaters auf ergreifende Weise illustriert.

Wir wollen gleich das Evangelium in seiner ganzen Länge hören.
Anschließend möchte ich nur wenige Deutungen geben.
Das Wichtigste wird sein, dass wir alle dieses Gleichnis auf uns und in uns wirken lassen. Es wir uns im Inneren anrühren, so wie es schon viele Menschen bewegt hat.

Während des Evangeliums können Sie sitzen bleiben

Das Gleichnis vom verlorenen Sohn zeigt,
wer wir sind,
was die Sünde ist,
wer Gott für uns ist.

Im verlorenen Sohn sehen wir uns, uns und unsere Freiheit.
Aus freiem Willen lässt sich der Sohn seinen Erbteil auszahlen.
Aus freiem Willen verlässt er das Haus des Vaters.
Aus freiem Willen verschleudert er sein Geld.

Aber es gilt auch:
Aus freiem Willen kehrt der Sohn zurück, kehrt er um.

Wir können uns entscheiden: dafür oder dagegen.
Wir unterliegen zwar manchen Zwängen, aber wir sind keine Marionetten. Weil wir frei sind, uns zu entscheiden, tragen wir Verantwortung für unser Leben, für das Gute und das Böse, das wir tun.

Um unseren Willen in die richtige Richtung zu lenken, müssen wir immer wieder das tun, was auch der verlorene Sohn getan hat: Innehalten, in sich gehen, an den Vater denken.
Freilich sollte eine solche Gewissenserforschung nicht nur dann geschehen, wenn wir schon am Boden zerstört sind, sozusagen am Schweinetrog. Nein, wir sollten jeden Tag uns ein paar Minuten dafür nehmen. Z. B. vor dem Schlafengehen oder in der Mittagspause.

Am Tiefpunkt angelangt erkennt der Sohn seinen Fehler:
Er hat die Geborgenheit, Sicherheit und Liebe bei seinem Vater aufgegeben. Er hat nur noch sich selbst, seine Begierden, seine Lust, sich zu zerstreuen, gesehen.
Er wollte, dass es niemand über ihn gibt, er wollte sich selbst genügen.
Zu meinen "Ich reiche mir. Ich habe niemanden nötig. Ich weiß allein am besten, was gut ist." – das zu meinen, heißt mit anderen Worten, sein zu wollen wie Gott.
Nur er genügt sich selbst. Nur er hat niemanden nötig. Nur er weiß, was gut, was böse ist.
Das aber nicht anerkennen zu wollen, heißt sich selber zu einer Art Gott zu erheben: Das ist die Sünde.
Die Sünde trennt uns vom Vater. Die Sünde drückt uns an den Boden, weil wir uns überfordern:
Wir sind nur Menschen, wir sind keine Götter!

Der Sohn hat sich vom Vater getrennt. Aber der Vater hat sich nie von seinem Sohn losgesagt.
Als der Sohn reumütig zurückkehrt, wird er vom Vater freudig aufgenommen. Ja, er gibt ihm alles zurück. Dem neidischen Bruder macht der Vater deutlich: Was wir feiern ist sozusagen eine Wiederauferstehungsfest. Dein Bruder war tot und nun lebt er wieder.

Durch unsere Sünden sagen auch wir uns mehr oder weniger von Gott los. Aber er bleibt unser barmherziger Vater. Wenn wir umkehren und bereuen, dann wird er uns vergeben, egal was geschehen war.

Ebenso herrscht auch bei den Engeln Gottes Freude über einen einzigen Sünder der umkehrt.
Auch wir werden dieses Auferstehungsfest miterleben. Wir können es miterleben in jeder Beichte. In diesem Sakrament werden wir, die wir uns von Gottvater getrennt haben, wieder aufs neue und noch stärker mit ihm vereint. Das Sakrament der Versöhnung ist daher das Sakrament der Freude. Freude darüber, dass die heilbringende Gemeinschaft zwischen mir und Gott wiederhergestellt ist.

Liebe Schwestern und Brüder,
das Gleichnis vom verlorenen Sohn bzw. vom barmherzigen Vater – es ist wohl eines der schönsten und tiefsten der Hl. Schrift. Lassen Sie seine befreiende Botschaft in Ihnen wirken. Vielleicht hilft dieses Gleichnis uns allen, dass wir unser Bemühen um eine gute Gewissenserforschung verstärken, dass wir das Sakrament der Buße, die Beichte neu entdecken und in Anspruch nehmen.

Dann wird schon heute im Himmel bei den Engeln Feststimmung sein. Und wir werden mit innerer Freude erfüllt werden.

91. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

Ein beliebter und erfolgreicher Hochschullehrer, glücklich verheiratet mit zwei wohlgeratenen Kindern, fährt zu einem Klassentreffen und kehrt davon völlig verändert zurück: Seine ehemaligen Klassenkameraden haben ihm von ihren verschiedenen Karrieren und Erfolgen erzählt, und seitdem nagt der Neid an dem bis dahin glücklichen und zufriedenen Mann. Seine wohlgeordneten Verhältnisse kommen ihm plötzlich mittelmäßig und langweilig vor, sein Gehalt erschient ihm lächerlich im Vergleich zu dem seiner früheren Mitschüler, obwohl einige viel dümmer als er waren. „Warum haben die anderen, was ich nicht habe? – So viele Jahre schon strenge ich mich an und gönne mir kaum eine Pause – doch wie wenig wird das honoriert. Aber die trüben Tassen und Versager – die schöpfen überall den Rahm ab.“ Der Professor wird vom Neidgefühl so zerfressen, dass er zu einem Psychiater gehen muss.

„So viele Jahre schon diene ich dir, und nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt; mir aber hast du nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte. Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, … da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet.“ (Lk 15,29f) Aus dem Lamento des älteren Sohnes im Gleichnis spricht der Neid, eine der sieben Wurzelsünden, eine Sünde, die ihre eigene Strafe im Gepäck hat, denn sie macht wie keine andere Sünde einsam und unzufrieden. Der ältere Sohn will am Fest nicht teilnehmen, der Professor kann sich seines Lebens nicht mehr freuen. „Der Neid frisst seinen eigenen Herrn.“ Er sticht, nagt und frisst, ist wie ein Wurm in uns und redet uns immer wieder ein, dass wir zu kurz kommen und benachteiligt werden. – Wie steht es mit Ihrer Lebensfreude?

Kain neidet Abel die Gunst Gottes, Geschwister belauern einander, ob der andere vielleicht mehr bekommt: mehr zu essen, mehr Aufmerksamkeit, mehr Zuwendung. Als meine kleinen Nichten in Kanada sprechen lernten, war ein Ausruf von Anfang an im Repertoire: „ Me too !“ – „Ich auch!“ Wenn ein Kind ein Spielzeug haben will, das einem anderen gehört – wie oft hört es dann: „Nein, damit will ich jetzt selbst spielen.“ Die Botschaft ist klar: Das sollst du nicht haben, du sollst nicht in den Genuss von dem kommen, was mir zusteht. Die Angst, selber zu kurz zu kommen, wandelt sich sogleich in Missgunst: Was ich nicht habe, soll der andere auch nicht haben.

Unsere moderne Konsumwelt setzt diesen Neid voraus und lebt von ihm. Permanent stimuliert die Werbung unsere Wünsche, damit wir inmitten des Überflusses das Gefühl haben, uns fehle etwas, wir hätten noch nicht, was uns glücklich machen kann.

Aber der Neid ist nicht harmlos. Den neidischen Menschen selbst verkrüppelt er und wühlt in ihm viele andere negative Gefühle auf: Traurigkeit und Missgunst. Der neidische Mensch sucht einen Ausgleich für das eigene Unglück und findet ihn in der Herbsetzung der beneideten Menschen: („der da, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat“) oder in der Schadenfreude, in Rache durch Intrigen oder Denunziation. Im Extremfall führt der Neid zu Ressentiment und Hass, wie wir am Beispiel Kains sehen können, aber auch z.B. Hitlers, der seinen mangelnden Erfolg mit tiefem Hass auf die beneideten Juden kompensierte und in vielen Deutschen und Österreichern auch willige Neidgenossen fand.

Wie gehen wir mit aufkommendem Neid um? Der Professor, den ich eingangs erwähnt habe, konnte seinen Neid überwinden, indem er mit Hilfe des Psychiaters aufhörte, ständig auf die Besitztümer der anderen zu schauen, und sich stattdessen bewusst machte, wie viel er selbst hatte und wie gut es ihm doch eigentlich ging. Er lernte, seinen eigenen Selbstwert wieder durch das zu definieren, was er Positives geleistet und erreicht hatte, und nicht durch den Vergleich mit anderen. Überhaupt ist das Sich-Vergleichen die Wurzel von Neidattacken. Man kann es auch übertreiben mit dem Vergleichen, vor allem dann, wenn die Maßstäbe, die man dabei setzt, unpassend sind. Wenn man das Vergleichen schon nicht lassen kann, dann sollte man sich auch gleichsam nach unten vergleichen: mit Menschen, denen es schlechter geht, und davon gibt es bekanntlich mehrere Milliarden.

Zweitens sollte man sich überlegen, was einen Menschen denn in Wahrheit zufrieden macht: Sind es denn wirklich Besitz, Geld, Freizeit und Status? Sind wir neidisch, weil wir unglücklich sind, oder unglücklich, weil wir neidisch sind? Macht nicht vielmehr das Bewusstsein glücklich, lieben zu können und selbst geliebt zu sein, vor allem von Gott, der spricht „Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein.“ – Ist es nicht Dummheit und schnöde Undankbarkeit, das zu vergessen?

Und drittens kann es auch helfen, sich einmal zu überlegen, was es den Menschen denn womöglich gekostet hat, um die Position zu erreichen, für die ich ihn beneide. Vielleicht hat er hart arbeiten müssen und auf Freizeit, Bequemlichkeit und Beliebtheit verzichtet – während ich selber all das zur Genüge hatte und weiterhin habe.

Der ältere Sohn im Gleichnis hat seinen Bruder wegen der Barmherzigkeit beneidet, die ihm der Vater geschenkt hat. Ob er aber bereit gewesen wäre, mit ihm zu tauschen und all die Demütigungen zu ertragen, die dieser erlebt hat? Ob er selbst wohl verloren, ja seelisch tot sein wollte? Und wenn nicht – wie kann er dann neidisch sein?

Vgl. Heiko Ernst: Wie uns der Teufel reitet. Von der Aktualität der 7 Todsünden. Berlin: Ullstein, 2006, 69f.

92. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2007)

Liebe Schwestern und Brüder,

dieses Evangelium ist schon irgendwie komisch. Es scheint, als ob da ein anderer Jesus auftritt, einer den wir so nicht kennen.

Jedenfalls dieser eine Satz wirkt auf mich – und vielleicht auch auf Sie – zumindest befremdlich:

Und der Herr lobte die Klugheit des unehrlichen Verwalters und sagte:
Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes.

Was soll das? Will der Herr uns zu regelrechtem Betrug aufrufen?

Selbst der Hl. Augustinus fragt: "Warum hat uns der Herr dieses Gleichnis erzählt?"

Und er gibt sich und uns eine Antwort, die weiterführt:
"Nicht um den Diener als nachahmenswertes Vorbild hinzustellen, sondern um hervorzuheben, dass er Vorsorge für die Zukunft traf, und um die Christen zu beschämen, denen eine solche Entschlossenheit fehlt."

Und der Diener reagiert ja wirklich entschlossen. Allerdings erst kurz vor Toreschluß und in einer sehr fragwürdigen Weise. Kurz bevor er entlassen wird, betrügt er seinen Arbeitgeber, um sich Freunde für das Leben später zu kaufen. Geschickt mit egoistischem Kalkül. Schlau aber ungerecht.

Und in seiner Entschlossenheit, für seine Zukunft zu sorgen, sollen wir dieses Kind dieser Welt zum Vorbild nehmen. Auch vor uns steht nämlich ein dringender Termin, ein Wendepunkt.
Den verdrängen wir aber gerne. Ich meine unseren Tod.
Dieses Gleichnis fragt uns nach unserer Entschlossenheit, für unsere ewige Zukunft zu sorgen.

Und wie der untreue Verwalter das Geld seines Arbeitgebers zur Verfügung hatte, so haben auch wir Materielles und Immaterielles treuhänderisch zu verwalten, um unsere Zukunft vorzubereiten:
All das nämlich, was uns Gott geschenkt hat: unseren Besitz, all die irdischen Güter und unsere charakterlichen Anlagen und Talente.

Damit gilt es zu wirtschaften. Aber nicht auf Kosten von Betrug und Hinterziehung oder Bestechung.
Es gilt, das in die ewige Zukunft zu investieren, was unser irdisches Leben ausmacht.
Und dabei gibt es eine Regel:
Nicht das, was ich für mich behalte, was ich mit Händen und Klauen verteidige, werde ich mitnehmen. Nein, das Totenhemd hat keine Taschen.
Ich werde das in der Ewigkeit besitzen, was ich auf Erden weggegeben habe.
Ich habe von Gott Talente geschenkt bekommen, damit ich durch sie andere beschenke.
Mir sind irdische Güter anvertraut, damit ich sie gut verwalte.

Das ist die christliche Sicht der Dinge dieser Welt. Sie sind nicht Selbstzweck, sondern sie sind Mittel, um mein Leben zu gestalten, es den anderen angenehmer zu machen und dadurch Gott zu loben.

"Alle guten Gaben, alles, was wir haben, kommen, Gott, von Dir. Wir danken Dir dafür." So lautete das erste Tischgebet, das ich gelernt habe.
Und es ist wahr: Alles Gute kommt von Gott, ist anvertraut, geschenkt. Und unser Umgang damit zeigt, ob wir dem Schenkenden, nämlich unserem Schöpfer, dafür dankbar sind.

Deshalb ermahnt uns der Herr im Evangelium:
Wer in den kleinsten Dingen zuverlässig ist, der ist es auch in den großen, und wer bei den kleinsten Dingen Unrecht tut, der tut es auch bei den großen.
Wenn ihr im Umgang mit dem ungerechten Eigentum nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann das wahre Gut anvertrauen? Und wenn ihr im Umgang mit dem fremden Gut nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann euer wahres Eigentum geben?

Wir sehen, dass der Herr sozusagen einen direkten Zusammenhang zwischen Himmel und Erde sieht: Wie Du gelebt hast auf Erden, hat Einfluß auf Dein ewiges Leben.
Wie Du mit den geschenkten irdischen Gütern und Talenten umgehst, das ist auch relevant für das größte Geschenk, das dich erwartet: der Himmel.

Gerade deshalb ist das Christentum keine Weltflucht, wie wir sie in so vielen ostasiatisch angehauchten Meditationsreligionen feststellen müssen.
Nein, der Christ zieht sich nicht in eine spirituelle Scheinwelt zurück, sondern er nimmt die Welt und die Gesellschaft um sich herum sehr ernst. Er setzt sie nicht absolut, aber er vernachlässigt sie auch nicht. Man könnte sagen: Für ihn gibt es nicht nur den Himmel oder nicht nur die Erde. Für ihn gibt es den Himmel durch die Erde.

Der Herr weist darauf hin, dass wir auch die kleinsten Dinge zuverlässig verwalten sollen. Es geht nicht darum, Großartiges, Aufsehenerregendes zu gründen oder zu vollbringen. Es geht um die Aufmerksamkeit für das, was jetzt, im Moment dran ist:
· Den unangenehmen Anruf jetzt zu machen und nicht auf den Sankt Nimmerleinstag zu verschieben.
· Das Auto jetzt in die Werkstatt zu bringen, bevor sich dieses komische Geräusch zu einem großen Schaden entwickelt.
· Die vom Arzt verordnete Therapie pünktlich und gewissenhaft zu erfüllen, damit mein Leib nicht unnötig Schaden nimmt.
· Bei der nächsten Gelegenheit, das bürgerliche Recht und die christliche Pflicht wahrzunehmen und zu wählen, egal wie das Wetter und die Laune gerade so ist.

Wer in den kleinsten Dingen zuverlässig ist, der ist es auch in den großen, und wer bei den kleinsten Dingen Unrecht tut, der tut es auch bei den großen.
Wenn ihr im Umgang mit dem ungerechten Eigentum nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann das wahre Gut anvertrauen? Und wenn ihr im Umgang mit dem fremden Gut nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann euer wahres Eigentum geben?

Mir scheint, das am Anfang sperrige Evangelium hat es in sich, damit jeder und jede von uns in sich geht, damit jeder und jede von uns sich die Fragen stellt:
Wie setzte ich all das ein, was der Herr mir geschenkt hat? Nehme ich diese Welt ernst, weil Gott ernst nehme und den Himmel?

93. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

Am heutigen Caritas-Sonntag haben wir die übliche Leseordnung abgeändert und passend zum Jahresthema das Evangelium von der Kindersegnung ausgesucht. Das Thema ist aktuell: Wir haben die weltweit niedrigste Geburtenquote in der Bundesrepublik mit 1,36 Kindern je Frau. 2005 sank die Geburtenzahl auf den niedrigsten Stand seit 1946.

Viele Zeitgenossen wollen keine Kinder. Sie sehen in ihnen eine Last und ein Armutsrisiko. Andere empfinden Kinder als Störenfriede. Gewiss gibt es immer noch viele junge Paare, die Kinder wollen und Kinder bekommen. Aber inzwischen gibt es neue Probleme, die zum Teil erheblich sind. Mittlerweile gilt jedes siebte Kind in Deutschland als arm und sozialhilfebedürftig. Die Zahl ist in erschreckendem Ausmaß gewachsen. Dazu kommt oft eine geistige Armut, die Kinder daran hindert, sich entsprechend ihren Veranlagungen zu entfalten und menschenwürdig aufzuwachsen.

Aber auch auf der anderen Seite des Spektrums gibt es Probleme, die von Pädagogen und Soziologen mit Sorge wahrgenommen werden: Kinder, die wie Prinzen und Prinzessinnen behandelt werden, die verwöhnt und verzärtelt werden und kaum jemals Grenzen gezeigt bekommen. Kinder brauchen die Eltern als Gegenüber und als Maß, an dem sie sich orientieren können. Sie brauchen Normen und Werte, die ihrem natürlichen Egoismus eine Grenze setzen. Weil auch Kinder sündigen und Fehler machen können, brauchen sie eine feste Hand, damit sie zu charakterfesten Menschen heranreifen können. Doch die wird ihnen oft vorenthalten.

Ein weiterer Punkt: Durch den Pisa-Schock scheint das ganze Schulsystem in Frage gestellt zu sein. Kinder sollen früher eingeschult und in nur 12 Jahren zum Abitur geführt werden. Das stellt schon die Kleinen unter enormen Stress. Elfjährige müssen inzwischen 34 Unterrichtsstunden pro Woche zur Schule, d.h. oft dreimal nachmittags und anschließend noch Hausaufgaben machen. Man raubt den Kindern die schönste Zeit ihres Lebens – und wozu? Dass man ihnen dann, wenn sie ihre Schulkarriere in Siebenmeilenstiefeln hinter sich gebracht haben, sagt: „Wir brauchen euch nicht, wir haben keine Ausbildungsplätze für euch und auch keine Arbeit.“

Jesus begegnet Kindern anders. Als seine Gefährten Kinder von ihm fernhalten wollen, um ihn zu schützen, da reagiert er unwillig und verärgert: „Lasst die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran! Denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes.“ Sie sind besondere Menschen! Und er nimmt sie in die Arme und segnet sie. Er schätzt die Kinder nicht, weil sie dies und das geleistet haben, sondern weil sie von Gott geliebt und gewollt sind; weil sie wertvoll sind. So erinnert uns Jesus heute daran: Kinder sind besondere Menschen. Sie verdienen geliebt zu werden, weil sie ein Wert sind, der alle Anstrengungen und Mühen rechtfertigt.

Für unsere Gesellschaft dagegen ist das Kind oft Konsumgut geworden, das man sich je nach Lust und Finanzlage leistet oder nicht. Und es wird schon sehr früh von der Wirtschaft als Konsument wahrgenommen und umworben, von der Politik als zukünftiger Leistungsträger und Steuerzahler. Nur nicht als Mensch, als einmaliges und unverwechselbares Du mit Wert und Würde, die von Gott stammen.

Diese Erkenntnis aus dem Glauben ist noch etwas anderes als die augenblicklich in den Medien beschworene Sorge über die demographische Entwicklung und die Überalterung der Gesellschaft. Die Politik und bestimmte gesellschaftliche Gruppierungen sind wach geworden. Sie sorgen sich um die Zukunft. Aber es geht dabei vorrangig ums zukünftige Geld, das die Politiker übrigens schon ausgegeben haben, indem sie immer neue Schulden aufgehäuft haben, und nun vor einem doppelten finanziellen Engpass stehen. Um die verhängnisvolle Entwicklung zu stoppen oder gar umzukehren, werden ein weiteres Mal finanzielle Umschichtungen gefordert, um jungen Paaren mehr Anreize zu geben, Kinder in die Welt zu setzen: mehr Kindergeld; kostenlose Ganztagsbetreuung in Kindertagesstätten; steuerliche Besserstellung der Familien…

Das sind vermutlich richtige und auch sehr überlegenswerte Vorschläge. Aber glauben wir nicht, dadurch die Freude am Kind und den Mut zum Kind spürbar und nachhaltig stärken zu können! Das Problem ist doch die Grundeinstellung zum Kind – und die muss sich ändern. Das Kind darf nicht länger als Hindernis auf dem Weg in die freie Entfaltung der eigenen Persönlichkeit empfunden werden. Im Gegenteil: Gerade das Kind hilft auf dem Weg der Persönlichkeitsentfaltung. Das können uns die vielen Ehepaare sagen, die sich nach einem Kind sehnen, aber keins bekommen können. Das Kind muss uns wieder für sich gewinnen durch das, was es ist: ein Geschenk, das reich macht und das Leben bereichert.

Jesus zeigt sich nicht nur als Freund der Kinder, sondern sagt sogar gegen unseren Prestige- und Leistungskult: „Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ (Mk 10,15) Das Reich Gottes kann nämlich nicht durch Anstrengung und Leistung erworben werden, es ist ein Geschenk für den, der glaubt. Es kommt uns von oben entgegen, wir müssen nur Herz und Hände öffnen. Das Kind kann uns da ein Vorbild sein, denn es schaut auf, während wir Erwachsenen meist auf andere herabschauen. Aufschauen ist eine Blickrichtung, die Gott, den Vater, wahrnehmen lässt und das Herz mit Vertrauen erfüllt. Jesus selbst hat uns diese Blickrichtung vorgelebt, indem er immer wieder zum himmlischen Vater aufschaute, ihm dankte und seinen Segen auf die Menschen herabrief. Mit seiner ganzen strahlenden Existenz war Jesus auf den Vater ausgerichtet und eben darum auch den Menschen so herzlich zugewandt. Wer wie ein Kind das Aufschauen übt, der wird nicht auf andere herablassend niederschauen und der wird auch nicht bloßer Zuschauer sein, den das Elend dieser Welt nicht berührt.

Ein Lied von Kathi Stimmer-Salzeder kann uns das Jahresmotto der Caritas „Mach dich stark für starke Kinder!“ vielleicht noch ein wenig näher bringen:

1. Kinderaugen - große Augen, voller Staunen, weit und hell.
Wie ein Spiegel aller Liebe, die sie spüren, die sie sehn.
Kinderaugen - Hoffnungsaugen, immer wieder voller Glauben
Tränen sind wie Regen, der befreit, aufgefangen von Geborgenheit.

[Refrain:]
Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind,
dem wird es verloren geh’n.
Denn Gottes Reich ist denen versprochen, die wie Kinder sind,
denn Gottes Reich ist denen versprochen, die wie Kinder sind.

2. Kinderhände – weiche Hände, voller Kraft und doch so zart,
wenn sie streicheln, wenn sie fassen, das, was zu begreifen ist.
Kinderhände – starke Hände, kämpfen gegen Widerstände
und sind von Vertrauen angerührt, wenn sie eine Hand voll Liebe führt.

3. Kinderlachen – welch ein Lachen! Pflanzt sich fort, macht gut und froh.
wie ein Speicher voller Sonne, welch ein Reichtum - Herzlichkeit.
Kinderlachen – Wunderlachen, kann in Herzen Frieden machen.
Menschenwege finden einen Sinn, geben sie sich diesem Wunder hin.

94. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2007)

Ein Viertel der Menschheit verbraucht drei Viertel der Energie auf dem Globus, während der Mehrheit der restlichen drei Viertel gerade einmal ein Viertel der weltweit zu vorhandenen Energie zu Verfügung steht.

Mit den Millionen-Etats der europäischen Fußballclubs ließen sich die Haushalte zahlreicher afrikanischer Staaten sanieren.
Während Hamilton und Co Milliarden Dollar auf den Rennstrecken dieser Welt verfahren, haben Abermillionen von Menschen nicht einmal die Möglichkeit, sich ein kleines Auto zu leisten.

Während bei uns Hunderttausende von Euros ausgegeben werden, damit Frauen ihre Haut zum x-ten Mal straffen und Männer keine Glatze mehr haben müssen, entbehren die meisten Menschen dieser Welt einer medizinischen Grundversorgung.

Liebe Schwestern und Brüder,
das sind nur wenige Schlaglichter auf den Zustand unserer Welt.

Es war einmal ein reicher Mann, der sich in Purpur und feines Leinen kleidete und Tag für Tag herrlich und in Freuden lebte.
Vor der Tür des Reichen aber lag ein armer Mann namens Lazarus, dessen Leib voller Geschwüre war. Er hätte gern seinen Hunger mit dem gestillt, was vom Tisch des Reichen herunterfiel.
Unsere Welt ist die Welt dieses Reichen und des Lazarus.
Wir sind die Reichen. Der weitaus überwiegende Teil lebt aber wie Lazarus.

Das sollten wir uns hier in Deutschland immer wieder einmal vor Augen führen, wenn wir in die aktuellen Klage-Litaneien einstimmen: Wir klagen nämlich auf ziemlich hohen Niveau.
Oder, wie es mir einmal ein afrikanischer Mitbruder halb im Scherz, halb ernst sagte: "Wir in Afrika, hätten gerne Eure Probleme. ... Dann ginge es uns nämlich wesentlich besser als jetzt."

Damit will ich die Krise, in der sich unser Land (trotz Aufschwungbewegung) befindet, nicht schönreden. Aber etwas relativieren will ich sie schon.
Es liegt eine Art depressiver Schleier auf unserer Gesellschaft: Alles wird schlimmer. Immer mehr Kürzungen, Einsparungen. Ja, es gibt sogar eine steigende Tendenz zur Armut.

All das wiegt umso schwerer, weil wir das seit sage und schreibe sechzig Jahren nicht mehr gewohnt sind. Seit der Stunde Null, also nach Ende des Krieges 1945, ging es ja nur bergauf. Die Bundesrepublik war das Wirtschaftswunderland. So stark, dass es sogar die neuen Länder im Osten sanieren konnte, ohne total bankrott zu gehen.
Sage und schreibe sechzig Jahre lang ging es nur aufwärts, gab es immer nur ein Mehr, ab und zu mal ein Weniger.
Seit einigen Jahren nun ist die Waage hin zum Weniger umgekippt. Das spürt jeder von uns, nicht nur diejenigen, die von Hartz IV betroffen sein werden. Auch die Kirche merkt das deutlich.

Wie soll man dieser Entwicklung begegnen? Die einen rufen nach einem Staat, der eingreift. Die anderen wollen alles dem freien Markt überlassen. Wenn man so will ist der "kalte Krieg" zwischen Kapitalisten und Kommunisten nun auf rein sozio-ökonomischer Ebene wieder ausgebrochen.

Was sagt da die Kirche? Sie setzt weder auf die eine noch auf die andere Seite. Ihr grundlegendes Prinzip heißt auf diesem Feld der Gesellschaft: Subsidiarität.

Hinter diesem Prinzip verbirgt sich – einfach gesprochen – dass jeder erst einmal für sich selbst verantwortlich ist. Wenn aber jemand aus eigenen Kräften seine Situation nicht in den Griff bekommen kann, hilft ihm die Solidargemeinschaft. Aber erst dann.
Diese Grundlinie katholischer Soziallehre bewahrt den Einzelnen davor, Opfer eines ungebremsten, kalten Kapitalismus zu werden. Gleichzeitig will sie die nötige Eigeninitiative gegen einen alles kontrollierenden Staatsapparat verteidigen.

Mir scheint, dass sich unsere Gesellschaft zu sehr auf den Staat verlassen hat. Der konnte – als es ihm noch gut ging – mit Vergünstigungen um sich werfen von denen andere Nationen nur geträumt haben.
Auch wenn es hart klingt, so meine ich doch richtig feststellen zu können, dass wir in der Bundesrepublik über unsere Verhältnisse gelebt haben. Wir haben uns an viele Annehmlichkeiten gewöhnt. Jetzt aber heißt es auch wieder zurückstecken zu können. Und das tut weh.

In einer gewissen Weise hat sich hier erfüllt, was der Prophet Amos in der Lesung sehr drastisch ausdrückt.
Weh den Sorglosen und den Selbstsicheren.
Ihr liegt auf Betten aus Elfenbein und faulenzt auf euren Polstern.
Zum Essen holt ihr euch Lämmer aus der Herde und Mastkälber aus dem Stall. Ihr grölt zum Klang der Harfe, ihr wollt Lieder erfinden wie David. Ihr trinkt den Wein aus großen Humpen... und sorgt euch nicht über den Untergang.

Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt. Eine neue Bescheidenheit täte uns gut. Das ist das, was wir neu lernen müssen.
Das Prinzip der katholischen Soziallehre, die Subsidiarität weist dazu einen guten Weg – in Deutschland, Europa und für die gesamte Weltwirtschaft, die aus den Fugen geraten ist.
Noch ist unsere Gesellschaft eher der reiche Mann als der arme Lazarus. Das sollten wir nicht vergessen.

95. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

„Wir haben nichts in die Welt mitgebracht, und wir können auch nichts aus ihr mitnehmen. Wenn wir Nahrung und Kleidung haben, soll uns das genügen. Wer aber reich werden will, gerät in Versuchungen und Schlingen, er verfällt vielen sinnlosen und schädlichen Begierden, die den Menschen ins Verderben und in den Untergang stürzen. Denn die Wurzel aller Übel ist die Habsucht. Nicht wenige, die ihr verfielen, sind vom Glauben abgeirrt und haben sich viele Qualen bereitet.“ (1 Tim 6,7-10)

Das sind Worte des alternden Apostels Paulus an seinen Schüler Timotheus. Paulus hat seine Erfahrungen mit Menschen gemacht, die der verfluchten Sucht nach dem Geld verfallen sind: Sie werden von ihrer Gier aufgefressen, verlieren alle Freude an Gott, haben kein Mitgefühl mehr mit ihren Mitmenschen und stürzen unweigerlich ins eigene Verderben. Dabei ist es eigentlich so leicht, die entscheidende Einsicht zu gewinnen, die dem Strudel der Habgier entkommen lässt: Du kannst nichts mitnehmen, das letzte Hemd hat keine Taschen. Aber irgendwie kann man dieses Wissen doch auch wieder verdrängen, es wirkt jedenfalls kaum.

Darum ist es von Zeit zu Zeit nötig, die ernsten Aussagen der Bibel zu den Gefahren der Geldgier neu ins Bewusstsein kommen zu lassen. Die Habsucht ist ein Götzendienst, sagt der Epheserbrief (5,5). „Weh euch, die ihr reich seid; denn ihr habt keinen Trost mehr zu erwarten.“ (Lk 6,24) Und noch drastischer: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.“ (Mt 19,24) Diese sprichwörtlich gewordene Warnung stützt sich auf das rätselhafte Phänomen, dass die Habsucht sich nie begnügen kann, sondern schier unersättlich immer weiter giert und rafft. Wo das Raffen und Anhäufen zum Selbstzweck geworden ist, da haben Vermögen und Besitz ihre ursprünglich positive Rolle verloren und sind zum Mammon geworden, zum Götzen, der den Habgierigen kontrolliert und schikaniert. Nicht er besitzt die Dinge, sondern sie besitzen ihn!

Das Evangelium führt uns diese psychologische Dynamik eindringlich vor Augen: Der reiche Mann denkt offenbar nicht daran, seinen opulenten Reichtum mit dem armen Lazarus zu teilen, ja, nicht einmal, ihm wenigstens etwas von den Resten zu geben. Mit welchen Ausreden mag er sich vor den Pflichten zu drücken versucht haben, die das Alte Testament allen Begüterten gegenüber den Armen klar auferlegt hat, denn Eigentum verpflichtet? Z.B. „Wenn bei dir ein Armer lebt, … dann sollst du nicht hartherzig sein und sollst deinem armen Bruder deine Hand nicht verschließen.“ (Dtn 15,7) Oder in prophetischer Warnung bei Amos: „Hört dieses Wort, die ihr die Schwachen verfolgt und die Armen im Land unterdrückt. Ihr sagt: … Wir wollen den Kornspeicher öffnen, das Maß kleiner und den Preis größer machen und die Gewichte fälschen. Wir wollen mit Geld die Hilflosen kaufen, für ein paar Sandalen die Armen. Sogar den Abfall des Getreides machen wir zu Geld. Beim Stolz Jakobs hat der Herr geschworen: Keine ihrer Taten werde ich jemals vergessen.“ (Am 8,4-7)

„Jeder ist sich selbst der Nächste“, „das Hemd ist mir näher als der Rock“, „wer nichts hat, ist selber schuld“ – und viele andere Sprüche gehen um, um der Verpflichtung des Eigentums auszuweichen. Aber es sind nur die Ausflüchte des Geizigen, dem schon der Gedanke ans Teilen weh tut.

Da ist es schon ein Skandal, wenn nicht nur in der Werbung, sondern auch sonst im öffentlichen Leben der Geiz als Tugend gepriesen wird. Anstatt den knickrigen Haltefest wenigstens mit Spott zu bedenken, wird sein krankhaftes Jagen nach Schnäppchen auch noch als nachahmenswert und „geil“ hingestellt. Doch der Geiz ist Ausdruck einer tief sitzenden Angst, die das Leben ersticken lässt und schlechte Laune, Missmut und Bosheit gebiert. Der geizige Mensch ist klein, bitter und hässlich.

Die ökonomischen und politischen Folgen der Habsucht sind keineswegs rosiger. Gewiss ist es wahr, dass das Besitzstreben die Gesellschaft wohlhabend gemacht hat. Wenn es um den eigenen Grundbesitz und den eigenen Erfolg geht, strengen sich die Menschen mehr an, als wenn sie nur für das Allgemeinwohl arbeiten müssen. Aber es ist ein Irrtum, dass die blanken egoistischen Interessen der Reichen „wie von unsichtbarer Hand“ den Wohlstand auch der Armen befördern, wie Adam Smith vor über 200 Jahren behauptet hat und wie der Neoliberalismus es heute wieder behauptet. In Wahrheit werden im globalisierten Kapitalismus die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer. Die Verlierer im Kampf ums Dasein werden immer mehr ausgegrenzt, man nennt sie sogar abfällig den „unvermeidlichen Bodensatz“. Eine unbeschreibliche Gefühllosigkeit hat die Menschen ergriffen, nicht nur die 800.000 Millionäre in Deutschland, sondern alle sozialen Schichten, soweit sie von der „demokratisierten Habsucht“ infiziert sind.

Jesus malt im Gleichnis das Schicksal des Habsüchtigen nach dem Tode aus. Es ist töricht, seine Lehre als Drohbotschaft zu verunglimpfen und totzuschweigen. Unser Leben auf der Erde ist endlich, nach dem Tod beginnt das ewige Leben, dessen Unendlichkeit unsere besten Kräfte jetzt schon mobilisieren sollte. Das letzte Hemd hat keine Taschen. Wir können nichts mitnehmen. Einzig unsere guten Taten nehmen wir mit. Sie sind gleichsam die Währung, mit der im Reich Gottes gehandelt wird. Mit der praktischen Nächstenliebe bauen wir an unserer Zukunft.

Heiko Ernst: Wie uns der Teufel reitet. Von der Aktualität der 7 Todsünden. Berlin: Ullstein, 2006, 121.

96. Predigtvorschlag

Liebe Gemeinde!

Der reiche Bauer, von dem wir im Evangelium gehört haben, hätte für die reiche Ernte eigentlich ein großes Dankopfer darbringen müssen. Aber Danke zu sagen, war wohl nicht seine Sache. Worum es ihm ging, fasst er prägnant im Selbstgespräch zusammen: „Ruh dich aus, iss und trink und freu dich des Lebens!“ (Lk 12,19)

Doch Jesus nennt dieses Denken Narrheit. Wer „nur für sich selbst Schätze sammelt, aber vor Gott nicht reich ist“ (Lk 12,21), ist ein Narr, denn er hat nicht begriffen, dass unser Dasein auf der Erde begrenzt ist und dass sich darum nicht alles ausschließlich um dieses irdische Leben drehen darf. Vielmehr kommt es darauf an, vor Gott reich zu sein, denn Gott ist unser Ziel, und unser Leben hier auf der Erde ist gedacht als Weg zu Gott, als Einübung in die ewige Liebe.

Diejenigen Haltungen, die den Menschen von seinem ewigen Ziel abbringen, nennt die Theologie Todsünden. Von der Habgier habe ich am letzten Sonntag gesprochen, sie ist auch im heutigen Evangelium Thema. Dass aber auch die Unmäßigkeit im Essen und Trinken, die Völlerei, zu dieser Gruppe von todbringenden Sünden gehört, ist nicht ohne weiteres einsichtig. Wem soll denn der unmäßige Esser schaden außer sich selbst? Ist er nicht eher ein friedlicher und geselliger Zeitgenosse, der keiner Fliege etwas zuleide tut?

Essen und Trinken sind keineswegs etwas Schlechtes, und auch der damit verbundene Genuss soll nicht madig gemacht werden. Davon zeugen die vielen biblischen Vergleiche des Gottesreiches mit einem Hochzeitsmahl. Wie sonst hätte Jesus ausgerechnet Brot und Wein zu den Zeichen seiner eucharistischen Gegenwart in der Kirche machen können? – Aber hier wie auch im Falle des Geldes liegt der Haken in der Verkehrung der rechten Ordnung, Vergötzung genannt. Der Apostel Paulus weiß ein Lied davon zu singen. Im Brief an die Philipper schreibt er: „Viele - von denen ich oft zu euch gesprochen habe, doch jetzt unter Tränen spreche - leben als Feinde des Kreuzes Christi. Ihr Ende ist das Verderben, ihr Gott der Bauch.“ (Phil 3,18f) Wir leben nicht, um zu essen und zu genießen, sondern wir essen und trinken, um zu leben, und wir leben, um lieben zu können: Gott und die Menschen. Wenn diese Ordnung verdreht ist, dann kommt der Mensch vom rechten Weg ab. Noch einmal Paulus: „Die Speisen sind für den Bauch da und der Bauch für die Speisen; Gott wird beide vernichten.“ (1 Kor 6,13) Das klingt drastisch, ist aber heilsame Wahrheit. Es gibt einen Zusammenhang zwischen Jenseitsglauben und Konsumverhalten: Wenn es nur dieses eine Leben gibt, muss ich möglichst viel davon mitbekommen. „Wenn Tote nicht auferweckt werden, dann lasst uns essen und trinken; denn morgen sind wir tot“, schreibt der Apostel Paulus. (1 Kor 15,32) Die Gier nach Leben kennt dann kein Maß. Wenn man seine Identität nicht von Gott her erwartet und erhofft, sucht man sie im Kaufen, Konsumieren und Einverleiben.

Doch die Maßlosigkeit im Konsum wirkt auch zurück auf die spirituelle Dimension des Menschen: Wer immer nur an Essen, Trinken und Genießen denkt, der hat keinen Blick mehr für die Schönheit der Schöpfung, sondern nur mehr für den Genuss, den sie verspricht. Die Völlerei zerstört und verschlingt alles, was sie berührt. Zurück bleiben verwüstete Buffets, leer gefressene Tafeln und Berge von Abfall, Essensresten und Unrat. Hinzu kommen meist noch unzählige Mengen an Papier, Pappe und Plastik, die unsere Müllberge ins Gigantische wachsen lassen und Zeugnis geben von ökologischer Maßlosigkeit einerseits und Gedankenlosigkeit und Hartherzigkeit gegenüber den Hungernden andererseits.

Der maßlose Konsum stört somit nicht nur das Gottesverhältnis, sondern auch das Verhältnis zum Nächsten. Wer sich der Fressgier ergeben hat, ist egoistisch und selbstbezogen. Er neigt zur Verschwendung und verliert die Ehrfurcht vor den Schöpfungsgaben, verliert die Dankbarkeit und die Solidarität mit den zahllosen Hungernden dieser Erde.

Freilich hat die Völlerei heute ein anderes Gesicht als zu den Zeiten, als die Lebensmittel überall knapp und nur den Reichen in Fülle zugänglich waren. Heute kann sich fast jeder Deutsche mit den besten Speisen mehr als satt essen. Wurde früher der Dicke beneidet, weil er offensichtlich reich war, so ist es heute beinahe umgekehrt: Die Reichen sind schlank und die Armen sind dick. In allen Schichten der Gesellschaft sind wir fast permanent mit Essen beschäftigt, es ist geradezu zur Obsession geworden. In unserer Überflussgesellschaft werden unseren Augen nahezu ständig irgendwelche verführerischen Nahrungsmittel dargeboten: Süßigkeiten, Kuchen, Salzgebäck, Chips, Snacks usw. Und wenn wir es auch meistens schaffen, zu widerstehen, lassen wir unserem Appetit doch spätestens bei einer der zahllosen Einladungen ungehemmten Lauf. So sind wir inzwischen so weit gekommen, dass Essen und Trinken als Bedrohung erfahren werden, als Risikofaktoren, die das Leben verkürzen, statt es zu erhalten. Wenn Essen und Trinken früher eine Art Ersatzreligion sein konnten, so gilt dies heute für die Gesundheitsmoral. Neuerdings schreiben Theologen Bücher „wider die Diät-Sadisten, den Gesundheitswahn und den Fitness-Kult“. Aber es ist wieder nur die alte Vergötzung des Bauches, die hier die theologische Kritik herausfordert. In jedem Fall wird an die Stelle der wahren Religion ein Ersatz geschoben, der den Menschen auf seine animalische Stufe reduziert und seine geistige Dimension ignoriert.

Der reiche Bauer im Gleichnis hätte für seine reiche Ernte Gott danken und seinen Reichtum mit anderen teilen sollen, dann wäre er vor Gott reich und kein Narr gewesen. Damit sind uns zwei Stichwörter gegeben, die uns erinnern, wie wir uns gegen die Verführung zur gierigen Unmäßigkeit wappnen können: Dankbarkeit und Solidarität. Wer vor und nach dem Essen Gott dankt und um seinen Segen bittet, der macht sich den Wert der Schöpfungsgaben bewusst und bewahrt seinen Geist davor, im rein sinnlichen Genuss zu versinken. Wer noch dazu der Armen und der Hungernden gedenkt, der wird schwerlich zuviel essen. So schickte auch Tobit angesichts der reich gedeckten Tafel seinen Sohn los, um einen Armen aus dem Kreis der gottesfürchtigen Juden einzuladen. (Tob 2,1f) Gelebte Solidarität mit den Hungernden ist in jedem Fall ein wirksameres Mittel gegen die Völlerei als 1000 Diäten.

Vgl. Manfred Lütz: LebensLust. Wider die Diät-Sadisten, den Gesundheitswahn und den Fitness-Kult. München: Pattloch, 2002.

97. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2007)

In jener Zeit sagte Jesus den Jüngern durch ein Gleichnis, dass sie allezeit beten und darin nicht nachlassen sollten.

Liebe Schwestern und Brüder,
durch die Liturgie der Kirche spricht Jesus auch heute zu uns. Das was er seinen Jüngern damals sagte ist nicht passé, vorbei, vergangen, ohne Bedeutung für das Heute.

Jedes Wort des Herrn ist auch an Dich und mich gerichtet. Jetzt, hier in Grafenwald, in der Kirche Hl. Familie sagt er zu jedem und jeder von uns, dass wir allezeit beten und darin nicht nachlassen sollten.

Warum sollen wir beten?
Beten heißt, mit Gott reden, Gott preisen, Gott danken, Gott bitten. Wer betet, lebt sein Leben mit Gott. Er rechnet mit Gott.

Wer betet, sagt letztlich: "Gott ist Gott. Niemand anders. Ich bin nicht Gott. Ich bin Mensch."
Wer betet, ist also ein Realist, wenn man so will.
Derjenige, der Gott aus dem Blick verliert, macht oft Dinge, Personen oder sich selbst zum Gott, zum Mittelpunkt und Ursprung des Lebens. Aber damit täuscht er sich selbst, lügt sich in die Tasche, verdrängt die Wirklichkeit.

Schlimmer noch: Wenn der Mensch sich selbst zum Gott macht, dann wird er unmenschlich den anderen gegenüber. Dann wird der barmherzige Vater oft durch einen grausamen Despoten ersetzt. Das sieht man an den gottlosen Regimes des Nationalsozialismus oder des Kommunismus.
Wenn der Mensch sich selber zum Gott macht, zum Maß aller Dinge, dann überfordert er sich gnadenlos selbst. Er stößt an seine Grenzen. Er läuft ständig Gefahr, diese Grenzen zu überschreiten und dann die Kontrolle zu verlieren. Denken wir nur an die Möglichkeiten aber auch Gefahren der Gentechnik. Der Mensch steht heute ständig unter Strom, weil er immer Angst haben muss, dass eine Maschine stehen bleibt, ein Kraftwerk in die Luft geht und so weiter.

Da, wo der Mensch sich selbst zum Maß aller Dinge, zum Gott macht, da verliert er seine Mitte, ja letztlich sich selbst.
Nur mit Gott ist der Mensch wirklich Mensch.
"Nur wer Gott kennt, kennt auch den Menschen" sagte Romano Guardini.

Viele Probleme unserer Welt, unserer Gesellschaft rühren aus einer Gottvergessenheit. Gerade Westeuropa ist gott-los geworden, wir haben ihn irgendwie verloren. Und damit auch das richtige Maß.

In jener Zeit sagte Jesus den Jüngern durch ein Gleichnis, dass sie allezeit beten und darin nicht nachlassen sollten.

Durch das Gebet lernen wir Gott tiefer kennen. Und damit auch uns.
Deshalb ist es auch die Kirche, die vieles über den Menschen sagen kann und zu sagen hat.
Wohlgemerkt die betende Kirche, nicht diejenige, die sich auf äußerliche Planungen, Sitzungen und Pastoralpapiere beschränkt.

Einer, der diese betende Kirche repräsentiert ist der Heilige Vater. Er selbst ist ein großer Beter. Deshalb hat er der Welt auch einiges zu sagen. Ich durfte das noch vor kurzem erfahren, zusammen mit einigen Pilgern aus Kirchhellen. Wir waren in Rom. Bei der Audienz.

Man wirft ihm dabei häufig vor, nicht aktuell, nicht up to date zu sein. Dabei vergessen die Kritiker, dass nicht das aktuell ist, was eine Gesellschaft gerade will, sondern aktuell ist vielmehr das, was eine Gesellschaft gerade besonders benötigt.

Der Papst steht im Blick der Weltöffentlichkeit. Er gilt als eine moralische Autorität. Er wird nicht müde, die Opfer von Krieg, Ungerechtigkeit und Rücksichtslosigkeit zu benennen und sie so vor dem Totschweigen zu bewahren. Gerade auch deshalb hat er Paul Josef Cordes zum Kardinal erhoben. Dieser Deutsche ist seit Jahren Chef von „Cor unum“ und weiß wie kaum ein anderer Bescheid über die schreckliche Not unzähliger Menschen. Ich kann mich an eine Begegnung mit ihm entsinnen. Das war vor drei Jahren. Mit Tränen in den Augen erzählte er von dem was er zwei Tage zuvor in Dafur sehen musste.

Liebe Schwestern und Brüder.
Damals haben Aaron und Hur dem Mose die Arme gehalten, damit der Kampf gegen die Amalekiter gewonnen werden kann. Unser Gebet heute soll unserem Heiligen Vater unter die Arme greifen, damit nicht die Kultur des Todes und des Hasses obsiegt.

In jener Zeit sagte Jesus den Jüngern durch ein Gleichnis, dass sie allezeit beten und darin nicht nachlassen sollten.
Vielleicht kann dieses Wort ein Ansporn sein, über Ihr persönliches Gebetsleben nachzudenken und es möglicherweise neu zu ordnen, zu erweitern.
Das Beten lässt uns Gott erkennen.
Das Beten lässt uns uns selber besser erkennen.
Das Beten ist ein Mittel gegen ein gottvergessenes und damit unmenschliches Leben.

98. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

Das Gleichnis des heutigen Sonntags möchte ich zum Anlass nehmen, über den Zorn zu sprechen und damit ein vorletztes Mal die sieben Wurzelsünden zu thematisieren. Der ungerechte Richter muss den Zorn der Witwe fürchten, und darum gibt er ihr schließlich nach. Witwen galten im Alten Testament als Inbegriff der Hilflosigkeit, sie waren arm, isoliert und hatten keine Machtmittel, ihre Interessen durchzusetzen. Sie konnten höchstens an das Mitleid der Einflussreichen appellieren, doch das war eine höchst unsichere Stütze. Schon damals waren die Mächtigen der Gesellschaft der Versuchung zu Korruption und Amtsmissbrauch ausgeliefert, und keineswegs waren alle gottesfürchtig und fromm. Jesus wählt ausdrücklich das Beispiel eines Richters, „der Gott nicht fürchtete und auf keinen Menschen Rücksicht nahm“ (Lk 18,2).

Nun kommt es ihm im Gleichnis darauf an, zu erörtern, wie barmherzig und gerecht Gott im Vergleich zu den Menschen ist, die manchmal sogar trotz ihrer Schlechtigkeit anderen Gutes tun, so wie hier der Richter. „Wenn nun schon ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gebt, was gut ist, wieviel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn bitten.“ (Mt 7,11) Mir kommt es heute dagegen darauf an, den gefürchteten Zorn der Witwe als Auslöser für das Nachgeben des Richters zu betrachten. Wäre es richtig und in Ordnung, wenn sie dem ungerechten Richter ins Gesicht schlüge? Gibt es einen gerechten, gar einen heiligen Zorn? Und warum ist Zorn dann eine Todsünde?

Dass es gerechten Zorn gibt, steht außer Frage. Denn es gibt Unrecht, empörendes Unrecht, und der angemessene Affekt darauf ist Zorn. Er kann eine edle Emotion sein, wenn er von einem edlen Menschen ausgeht. Eins der bekanntesten Beispiele ist die Vertreibung der Händler und Wechsler aus dem Tempel. Aber auch im Alltag ist manchmal Zorn nötig und angemessen, denn er verschafft Gehör, wenn man sonst überhört würde, er wirkt reinigend und klärend, nicht selten etwa im engen Familienkreis, wo Gefahr besteht, dass einer die Ohren auf Durchzug geschaltet hat.

Aber wir wissen alle, dass der Zorn sehr häufig ausartet und gänzlich unangemessene Formen annimmt: als blinde Wut, zerstörerischer Jähzorn und Aggressivität, ferner als kalter Ärger, schwelender Groll und giftige Rachsucht. Er kann zu ohnmächtiger Wut ausufern, über die eigene Machtlosigkeit noch rasender werden als über den eigentlichen Auslöser. Dann führt er zur Weißglut, in Raserei und sinnloses Toben. Aber auch wenn er sich äußerlich zügeln lässt, kann der Zorn den Menschen innerlich vergiften und verbittern, kann krank machen, vor allem herzkrank oder auch depressiv. Wie viele andere Sünden hat der Zorn die eigene Strafe im Gepäck.

In der modernen Gesellschaft scheint der Zorn eine ganz besondere Verbreitung gefunden zu haben: die Kriminalitätsrate steigt weiterhin bedrohlich, Gewaltausbrüche gegen Kinder lassen uns erschrecken, Schulhöfe werden zu Schauplätzen von Mobbing und Gewalt, bis dahin, dass Amokläufer sie in blutige Schlachtfelder verwandeln; auf Straßen und Autobahnen grassiert die Aggression, „Road-Rage“ genannt, der Terrorismus ist ein weltumspannendes Problem geworden, das tagtäglich Hunderte von Menschenleben fordert. Und nicht zu vergessen: die Grundstimmung in unserem Land ist mürrisch und missmutig, die Leute kriegen beim gering­sten Anlass „einen dicken Hals“, sie ärgern sich über alles und sie verklagen einander, was das Zeug hält.

Allein diese kurze Aufzählung dürfte einen weiteren Beweis unnötig machen, dass der Zorn wirklich eine schlimme Sünde ist und die Wurzel von Elend und Grauen in der Welt. Doch was ist der Grund für die Zunahme der Aggression, und was kann der einzelne dagegen machen? Der Apostel Jakobus schreibt dazu: „Woher kommen die Kriege bei euch, woher die Streitigkeiten? Doch nur vom Kampf der Leidenschaften in eurem Innern. Ihr begehrt und erhaltet doch nichts. Ihr mordet und seid eifersüchtig und könnt dennoch nichts erreichen. Ihr streitet und führt Krieg.“ (Jak 4,1f) Neid, Begehren, Eifersucht, ja auch die übrigen Wurzelsünden sind oft Auslöser von Aggression, also vor allem auch Hochmut und Habgier. Kaum ein Krieg wurde geführt, ohne dass die fehlgeleitete Leidenschaft eines einzelnen oder einer Gruppe am Anfang stand.

Diese psychischen Ursachen werden zum Teil durch bestimmte Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens verstärkt. So haben wir unser Leben in den letzten Jahrzehnten zunehmend verrechtlicht und dadurch ein sehr hohes Anspruchsdenken geschaffen. Was man früher als unvermeidlichen Schicksalsschlag hingenommen hat, das wird heute als ungerecht empfunden, und man sucht immer einen Schuldigen und einen, der für das Unglück bezahlt. Meistens ist dies der Staat, manchmal auch ein einzelner Mensch: der Arzt, die Krankenschwester, der Kollege oder wer immer. Auch der verbreitete Groll gegen Gott kommt aus einem übersteigerten Anspruchsdenken.

Ein zweites kommt hinzu: Der moderne Mensch ist in vieler Hinsicht zum Einzelkämpfer geworden, herausgelöst aus den engen Bindungen an eine Gemeinschaft, hochgradig individualisiert und auf sich selbst zurückgeworfen. Das führt zu verzerrter Wahrnehmung der Wirklichkeit, wie man am Beispiel des Autofahrers gut sehen kann. Da er in seinem Fahrzeug aus Blech und Glas eingekapselt ist und nicht wissen kann, was in den anderen Fahrern vor sich geht, neigt er leicht dazu, diese anderen als Feinde anzusehen, die ihm absichtlich die Vorfahrt nehmen, oder als Idioten, die nicht Auto fahren können. Diese Neigung, über die anderen zu urteilen und ihnen alles Mögliche, vor allem Schlechtes zu unterstellen, ist nicht nur beim Autofahren anzutreffen, sondern auch sonst im Alltagsleben. Paul Watzlawik hat diese Unterstellungsmanie in seinem Bestseller „Anleitung zum Unglücklichsein“ meisterhaft karikiert:

„Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Aber vielleicht war die Eile nur vorgeschützt, und er hat etwas gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und da bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht's mir wirklich. - Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch bevor er «Guten Tag» sagen kann, schreit ihn unser Mann an: «Behalten Sie sich Ihren Hammer, Sie Rüpel!»“

Wenn man die Ursachen einer Verfehlung kennt, dann kann man sie auch leichter vermeiden. Gegen den zuletzt erwähnten Unterstellungswahn hilft das Gespräch, vor allem das eigene Zuhören. Zuhören ist vielleicht die wichtigste Fertigkeit, um Ärger vorzubeugen. Wer zuhört, weiß: Die anderen haben auch ihre Probleme, und sie sind keineswegs alle bösartig und streitsüchtig. Die Besserwisser, die nicht zuhören können, sind in hohem Maße herzinfarktgefährdet. Dem entspricht der Rat des Apostels Jakobus: „Denkt daran, meine geliebten Brüder: Jeder Mensch soll schnell bereit sein zu hören, aber zurückhaltend im Reden und nicht schnell zum Zorn bereit.“ (Jak 1,19) – Ein zweites Heilmittel gegen die Aggressivität sind Toleranz und Vergebungsbereitschaft: Die anderen so lassen können, wie sie sind, sie nicht anders haben wollen – das spart sehr viel Ärger. Und wenn sie uns tatsächlich einmal etwas Böses angetan haben, dann wird der Zorn am besten durch Vergebung abgebaut. Wer Vergangenes vergangen sein lassen kann, der hat mehr Kraft für die Gegenwart und Zukunft. Das empfiehlt auch der Apostel Paulus: „Lasst euch durch den Zorn nicht zur Sünde hinreißen! Die Sonne soll über eurem Zorn nicht untergehen.“ (Eph 4,26)

Paul Watzlawick: Anleitung zum Unglücklichsein. Vom Schlechten des Guten oder Hekates Lösungen. München: Piper Verlag, München, 1986, 40f.

Vgl. Heiko Ernst, 166.

99. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

„Der Herr ist der Gott des Rechts.“ (Sir 35,15) Dieser Satz aus der heutigen Lesung ist Frohe Botschaft. Frohe Botschaft vor allem für die, die unterdrückt, ausgebeutet, verfolgt und an den Rand gedrängt sind. Für die Unterdrücker und Ausbeuter dagegen ist der Satz eher bedrohlich, denn er bedeutet, dass die von Menschen errichteten Unrechtsstrukturen in dieser Welt nicht von ewiger Dauer sind, dass Gott vielmehr dazwischentritt und sein Recht durchsetzt.

Am heutigen Weltmissionssonntag sollten wir die Gelegenheit nutzen, uns einmal in die Lage der armen und unterdrückten Völker zu versetzen, die von Bürgerkriegen heimgesucht werden oder in denen eine brutale Zwei-Klassen-Gesellschaft herrscht. Was kann den Menschen dort echte Hoffnung geben? Leere Versprechungen haben sie schon zur Genüge gehört. Der Glaube an das Gute im Menschen ist ihnen gründlich ausgetrieben worden – was bleibt da noch? Nur eins kann ihnen Hoffnung geben: der Glaube an den gerechten Gott, der ihr Schreien hört und sie aus ihrem Elend rettet – und zwar nicht etwa ein bloß gepredigter Glaube, sondern ein Glaube, der von den Verkündern durch und durch gelebt, bezeugt, vielleicht sogar bis zum Blutvergießen bezeugt wird. Nur die Kirche, die den mächtigen Unterdrückern mutig entgegentritt, mit ihnen nicht gemeinsame Sache macht, sondern klar und eindeutig für Gerechtigkeit eintritt, kann in ihrer sonst so hoffnungslosen Welt Hoffnung geben und den Lebensmut der Menschen neu entfachen und stärken.

Mission ist die Fortsetzung der unermüdlichen Predigttätigkeit Jesu: „Den Armen verkündete er die Botschaft vom Heil, den Gefangenen Freiheit, den Trauernden Freude.“ Freilich beschränkt sich die Frohe Botschaft Jesu nicht auf die Verkündigung einer rein innerweltlichen Freiheit und Gerechtigkeit. Das heutige Evangelium spricht von einer viel tiefer gehenden Befreiung, nämlich von der Befreiung von Schuld. Und auch hier hat die Frohe Botschaft zwei Seiten: „Dieser Mann ging gerechtfertigt nach Hause, jener nicht.“ Was dem reuigen Sünder froh- und freimachende Botschaft ist, das ist dem selbstgerechten Pharisäer Mahnung und Anklage. Nur wer vor Gott eingesteht, dass seine Hände leer sind, der hört das befreiende Wort von der Sündenvergebung. Wer sich dagegen in Selbstgerechtigkeit gefällt, der verweigert die Solidarität mit den andern Menschen und wird genau deswegen von Gott nicht gerechtfertigt.

Was bedeutet das für uns? Eine Geschichte von Martin Buber kann uns eine Verstehenshilfe geben: Ein Rabbi sagt von sich selbst: Ich bin sicher, der kommenden Welt teilhaftig zu werden. Wenn ich vor dem obern Gericht stehe und sie mich fragen: „Hast du nach Gebühr gelernt?“, werde ich antworten: „Nein.“ Dann fragen sie wieder: „Hast du nach Gebühr gebetet?“, und ich antworte desgleichen: „Nein“. Und sie fragen zum dritten: „Hast du nach Gebühr Gutes getan?“ Und ich kann auch diesmal nicht anders antworten. Da sprechen sie das Urteil: „Du sagst die Wahrheit. Um der Wahrheit willen gebührt dir ein Anteil an der kommenden Welt.“

Wenn wir so ehrlich vor Gott sind, dann werden wir solidarisch mit den anderen Menschen, auch mit denen, die ganz anders sind als wir. Dann können wir nicht mehr so leicht sagen: „Ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin … wie dieser ‚Punkt-Punkt-Punkt’ dort.“ Zöllner gibt es keine mehr, aber es gibt den Jugendlichen, der eine Riesendummheit begangen hat, das Paar, dessen Ehe zerbrochen ist, den Arbeitskollegen, der des Diebstahls überführt wurde usw. Wenn ich auf einen Menschen mit dem Finger zeige, dann zeigen drei Finger auf mich selbst. Das Gebet des Zöllners kann uns helfen, ehrlicher uns selbst gegenüber zu werden: „Gott, sei mir Sünder gnädig.“ So ein Gebet verändert – uns selbst und dann auch die Menschen um uns herum. Wenn heute überhaupt etwas den Lichtstrahl der Frohen Botschaft in die Herzen der Menschen trägt, dann ist es die tiefe demütige Ehrlichkeit, die keinen Fehler nur beim anderen sieht, sondern immer zuerst bei sich selbst, die sich einfühlen kann in die Beschämung des Überführten und die darum die Fehler anderer nicht aufdeckt, sondern diskret zudeckt. – Wäre die Welt nicht viel schöner und lebenswerter, wenn die Menschen solche Milde an den Tag legten?

Damit sind wir beim Anliegen des Weltmissionssonntags: Die sanfte Wahrheit von Gottes Güte und Milde möge sich überall auf der Welt verbreiten und alle Selbstgerechtigkeit vertilgen, die doch nur Ausgrenzung, Hass, Fanatismus und sogar Terrorismus zur Folge hat!

Dieses Anliegen kann und soll sich freilich auch in unserer Spendenbereitschaft ausdrücken. Was wir hier nicht tun können, das tun die Missionare in den verschiedensten Ländern der Welt. Sie brauchen dafür Geld – das wissen wir –, und sie brauchen auch unsere Unterstützung im Gebet. Wenn unser Gebet nicht zuerst um die eigenen Interessen kreist, sondern zur Fürbitte für andere wird, ist es Ausdruck unserer hochherzigen Gesinnung und insofern auch das lebendigste Zeichen unserer Freiheit als Kinder Gottes, unserer Freiheit, vom eigenen Ich absehen zu können, um so alles im größeren Horizont der Liebe zu sehen.

100. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

Wir schütteln leicht über das Verhalten anderer den Kopf, wenn es uns fremdartig und lächerlich erscheint. So wird es auch bei den Einwohner von Jericho gewesen sein, als sie den Oberzöllner Zachäus auf den Baum steigen sahen. Und doch kann man sein Verhalten verstehen, ja, man kann die ganze verkorkste Lebensgeschichte des Zöllners unter einen Schlüsselbegriff fassen und so verstehen. Zachäus wollte angesehen und anerkannt sein. Und darin glich er fast allen anderen Menschen, nur dass nicht alle mit denselben Mitteln danach streben.

Das erste Mittel, das Zachäus einfiel, war Reichtum und Besitz. Ich denke, da unterschied er sich noch nicht so sehr von den meisten anderen Menschen. Aber aus welchen Gründen auch immer ergriff er ausgerechnet den Beruf des Zollpächters, und damit hatte er zwar eine Karriere als Reicher sicher, aber Ansehen konnte er dadurch nicht erwerben. Die Zöllner vollzogen im Auftrag der ungeliebten Besatzungsmacht die römische Abgaben- und Steuerhoheit. Aber sie waren nicht nur Finanzbeamte des verhassten Kaisers, sondern trieben auch noch die Steuern übergebührlich in die Höhe, und niemand konnte ihnen das verwehren. Dies taten sie, weil ihr eigenes Einkommen an die Höhe der von ihnen eingetriebenen Abgaben abhängig war. Sie konnten zwar nicht den Staat durch Steuerhinterziehung betrügen, aber den Steuerzahler durch überhöhte Zölle.

Vermutlich ist der Gedanke, durch Reichtum glücklich zu werden, zu verlockend, um ihn nicht auszuprobieren, wenn man die Möglichkeit dazu hat. Aber wenn man dann in die Jahre kommt, merkt man irgendwann, dass es ohne gesellschaftliche Anerkennung nicht geht. Und die hatte Zachäus mitnichten, im Gegenteil, er gehörte zu den meistgehassten Leuten seiner Zeit, die Zöllner wurden oft in einem Atemzug mit Dirnen, Sündern und Heiden genannt. – Wie konnte Zachäus, der vermutlich alles andere als dumm war, die nötige Anerkennung gewinnen? Und von wem konnte er sie bekommen?

Ich kann mir vorstellen, dass solche Fragen in vielen Köpfen herumspuken. Wie viele Zachäus-Existenzen gibt es in unserem Land? Wohlhabende Leute, die irgendwann merken, dass sie aufs falsche Pferd gesetzt haben, die bereuen, dass sie in jungen Jahren sich haben bestechen, verlocken oder korrumpieren lassen?! Die vielleicht mit ihrer Beziehung gescheitert sind, weil ihnen die Karriere wichtiger war, oder die mit ihrer Gesundheit dem Geld hinterhergelaufen sind und sich nun gezwungen sehen, mit ihrem Geld der Gesundheit hinterherzulaufen… Manche haben nicht einmal mehr Verwandte, die etwas von ihnen wissen wollen…

Zachäus jedenfalls bekommt eine zweite Chance, und er ergreift sie auch. Als er hört, dass Jesus in die Nähe kommt, steigt er auf einen Baum, um ihn von dort aus auf jeden Fall sehen zu können. Genau weiß er nicht, wer dieser Jesus ist und ob es sich überhaupt lohnt, nach ihm Ausschau zu halten. Aber die innere Unruhe treibt ihn nach draußen und nach oben auf diesen Baum. – Vielleicht kann man dies vergleichen mit den heutigen Weltjugendtreffen und anderen Großveranstaltungen, zu denen Menschen strömen, um einer tief innen gespürten Sehnsucht nach Heilung und Liebe zu folgen.

Zachäus wird von Jesus tatsächlich gesehen, aber nicht nur das: Jesus hat gleich für ihn den rechten Blick und das rechte Wort. Er lässt sich von ihm einladen und schenkt ihm so eine Anerkennung, die Zachäus schon seit Jahren von niemandem mehr bekommen hat. Je mehr er Jesu grenzenlose Güte spürt, um so leichter fällt es ihm, seinen bisherigen Lebensentwurf zu korrigieren und einen Neuanfang zu wagen.

Zachäus wird so der Prototyp des bekehrten Sünders. Sein verletztes Leben wird geheilt, nun kann er sich wieder vor den anderen sehen lassen und sich durch ein moralisch integres Handeln selbstverdiente Anerkennung erwerben. – Solches geschieht auch heute etwa bei Weltjugendtagen, es sollte und müsste aber auch im christlichen Gemeindealltag möglich sein. Es muss gar nicht so spektakulär sein. Ein einfaches Wort der Anerkennung gegenüber dem anderen, über dessen Verhalten man den Kopf schütteln möchte, kann dazu den Anfang machen. Wer wie Jesus einfühlend und gütig den rechten Blick und das rechte Wort findet, der kann eine Folge von Ereignissen initiieren, die ungeahnt positive Wirkungen haben: „Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden.“

101. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2007)

Schwestern und Brüder!
Da spricht das Jesus von der Endzeit, vom Ende, verbreitet Endzeitstimmung im heutigen Evangelium. Seuchen, Kriege, Erdbeben, Verfolgungen seien nur deren Vorboten. Starker Tobak. Einige sehen darin nur Drohbotschaft statt Frohbotschaft.

Von ganz anderem spricht Paulus in seinem Brief an Thessalonicher. Da wird keine Drohkulisse des letzten Tages aufgebaut, sondern es geht schlichtweg um Allerweltskram. Um die tägliche Arbeit und um den täglichen Lebensunterhalt der Christen, die in Ruhe ihrer Arbeit nachzugehen und ihr selbstverdientes Brot zu essen haben.
Auch das passt dem einen oder der anderen nicht. Im Gottesdienst, muß es doch um Höheres gehen, der Gottesdienst soll uns doch erbauen unseren Alltag irgendwie erheben aus seinem Trott.

Beide Stellen der Heiligen Schrift, die uns heute die Liturgie vorlegt, scheinen verbindungslos nebeneinander zu stehen. Endgericht und Alltag. Beide passen nicht nur vielleicht einigen nicht, sondern sie scheinen gar nicht zusammen zu passen. Auf dem ersten Blick.

Doch die Kirche ist in Ihrer Liturgie sehr weise. Wenn wir tiefer schauen passen gerade diese Lesung und das Evangelium zusammen. Sie sind miteinander verwoben, weil Sie uns nämlich die christliche Lebenshaltung vor Augen führen.

Schwestern und Brüder!
Die Christen der frühen Gemeinde in Thessaloniki lebten in der Naherwartung, sie glaubten, dass das was im Evangelium beschrieben wird, bald eintritt. Sie vermuteten, dass sie das Kommen Christi am letzten Tag noch persönlich erleben würden. Paulus dachte das übrigens auch.

Einige aus der Gemeinde sagten sich: „Wenn das Ende nahe ist, was bringt mir dann noch meine Arbeit, mein Alltag. Auf den besonderen Augenblick am Ende der Zeit muß ich auch mit besonderem Tun vorbereiten. Was soll ich mit einem ordentlichen Leben angesichts des außerordentlichen Endes?“ Und so kam es, das einige aus der Gemeinde, sich wohl in ein religiöses Schwärmertum flüchteten, den Alltag Alltag sein ließen und mit der Welt, wie sie war nicht mehr am Hut hatten.

Freilich, wollten sie schon irgendwie versorgt werden, was zu essen haben. Und so lagen sie anderen Gemeindemitgliedern wohlmöglich auf den Taschen. Auf diese Situation geht Paulus ein, wenn er schreibt:
Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen.11 Wir hören aber, daß einige von euch ein unordentliches Leben führen und alles mögliche treiben, nur nicht arbeiten.12 Wir ermahnen sie und gebieten ihnen im Namen Jesu Christi, des Herrn, in Ruhe ihrer Arbeit nachzugehen und ihr selbstverdientes Brot zu essen.

Paulus selbst hatte so gehandelt. Er hatte während seiner Predigtreisen immer wieder in seinem Handwerk gearbeitet, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Und das, obwohl er ebenfalls dachte, das Kommen Christi sozusagen live mitzuerleben.

Schwestern und Brüder!
In einem Punkt hat sich Paulus geirrt: Das Ende der Welt, der Letzte Tag lässt immer noch auf sich warten.

Daß er kommen wird, wissen wir. Das ist eindeutiges Zeugnis der Schrift. Da hilft kein Herumdeuteln. Wir wissen nur nicht wann. Es könnte auch gleich, jetzt, in drei Jahren, in drei Jahrzehnten sein. Es könnte auch während unser Lebenszeit sein.
Das hat zur Folge, dass wir sozusagen wie die frühen Christen in der Erwartung des Endes Leben sollen. Darum ruft uns der Herr ja immer wieder zur Wachsamkeit auf, damit uns der Tag nicht unvorbereitet trifft.

In einem anderen Punkt ist uns Paulus Vorbild und Orientierung: Er zeigt uns, wie wir als Christen in dieser Welt leben, auch wenn wir um deren Ende wissen und um das Gericht.
Die christliche Lebenshaltung besteht darin, unserer Arbeit nachzugehen. Den Alltag, wie er ist, anzunehmen. Unsere Pflichten zu erfüllen. Und zwar in Ruhe.

Gott gab jedem Ding dieser Welt nämlich nicht nur das Sein, sondern auch Sinn. In der Wirklichkeit – und nur dort: in der realen von Gott erschaffenen Welt – werden wir den Sinn des Lebens finden. Und zu dieser Wirklichkeit gehört die Arbeit. Von Anfang an. Sie ist nicht etwa Folge der Erbsünde, sondern schon vor dem Sündenfall gibt der Schöpfer dem Menschen den Auftrag, die Erde durch Arbeit zu gestalten.
Gott, der Herr, nahm also den Menschen und setzte ihn in den Garten von Eden, damit er ihn bebaue und hüte. heißt es im Buch Genesis.

Als Christen flüchten wir uns nicht in die Scheinwelten der Massenmedien und virtuellen Räume;
betäuben wir unsere Sinne nicht mit Drogen, um der Realität zu entfliehen;
setzten wir nicht auf religiöse Praktiken, die uns in Trance oder Ekstase versetzen.

Weltflucht ist die Sache der Christen nicht. Aber Moment, gibt es da nicht die Orden, die diese Welt verlassen? Gibt es nicht die Tage der Einkehr, Exerzitien, so wie ich gerade welche hinter mir habe?

Nun, die Orden – selbst die radikalsten im Christentum – haben eines immer verbindlich: jeder und jede muß arbeiten. Die Arbeit der Benediktiner hat unseren Kontinent gestaltet.
Und Tage der Einkehr sind nicht Weltflucht, sondern Umkehr zur Welt hin. Sie bewahren uns, den alltäglichen „Ach wenn doch“-Versuchungen nachzugeben: „Ach wenn ich doch einen anderen Beruf hätte“, „Ach wenn ich doch eine andere Frau hätte“, „Ach wenn ich doch besserer Gesundheit wäre.“, „ach wenn, ach wenn, ach wenn...“
Tage und Zeiten der Einkehr – so auch jede Hl. Messe – helfen uns die Welt so zu sehen, wie sie ist. Und sie auch so, wie sie ist, zu umarmen.

Und genau das ist Nachfolge Christi. Die Welt umarmen, ja leidenschaftlich lieben.
Denn Sie ist aus Gottes guten Händen gekommen. Wir haben sie verunstaltet.
In ihr hat Jesus, der Sohn Gottes, gelebt. Dreißig Jahre hat er verborgen in Nazareth gelebt, wie einer von uns.
Und er hat diese Welt und uns so sehr geliebt, dass er sie sogar erlöst hat.

Liebe Schwestern und Brüder,
ruhig unserer Arbeit nachgehen, den Alltag annehmen, wie er gerade ist und kommt – das ist die beste Art und Weise als Christ zu leben. Diese Welt bereitet uns auf die kommende vor. Und in dieser Welt können wir, wenn wir aufmerksam sind, schon einen Vorgeschmack der kommenden verkosten. Nur wer diese Welt flieht, wird die kommende verlieren.

102. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

Am Ende des Kirchenjahres werden uns immer wieder die ernsten Worte vom Ende der Welt und den Schrecken, die damit verbunden sind, zugemutet. Schon die Jünger fragen: „Wann wird das geschehen?“ Doch Jesus sagt ihnen nur anspornend: „Seht euch vor, lasst euch nicht irreführen.“ Er spricht nicht als Wahrsager, sondern als Prophet, als Weisheitssager. Und der Sinn der Prophetie ist nicht die wortwörtliche Erfüllung, sondern die Umkehr der Menschen, auf dass die vorausgesagten Ereignisse gerade nicht eintreffen. Die Mahnung richtet sich an die Menschen aller Zeiten: „Sehr euch vor, lasst euch nicht irreführen. Haltet euch bereit.“

Das sind ernste Gedanken, die uns am Volkstrauertag beschäftigen, wo wir der vielen Toten und Opfer der unzähligen Kriege gedenken. Aktuell gedenken wir in Südkirchen auch derjenigen, die am vergangenen Sonntag vom Unglück betroffen wurden: des lebensgefährlichen verletzten Mirko, seiner Eltern und Angehörigen und aller, die seelisch in Mitleidenschaft gezogen worden sind. Der schreckliche Vorfall zeigt uns: Was sonst nur an fernen Orten geschieht, kann plötzlich auch bei uns eintreffen; wovor wir uns sicher dünken, das kann uns dennoch ereilen. Wir kennen nicht den Tag und die Stunde. Unser Leben ruht auf unsicherem Boden.

An solchen Tagen und bei solchen Geschehnissen wird uns bewusst: Die Welt ist nicht in Ordnung. Sie ist durcheinander geraten. Sie hat sich von Gott losgelöst, seit der Mensch von Anbeginn die Schöpfungsordnung durchbrochen hat und seine eigenen Wege gehen wollte. Die Folge der Sünde sind die zahllosen Streitigkeiten, Kriege und inzwischen sogar Umweltkatastrophen. – Das sollen wir ganz realistisch bedenken und mutig zur Kenntnis nehmen.

Aber damit ist der Sinn der Weissagung Jesu noch nicht ausgeschöpft. Das Evangelium bleibt nicht bei der Beschreibung der üblen Zustände stehen, sondern öffnet den Blick für die Überwindung des Bösen: „Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen.“ Es gibt eine Versuchung, wankend zu werden, zu resignieren und zu denken, das Böse sei stärker als das Gute. Dieser Versuchung gilt es mit aller Kraft zu widerstehen, denn sie stammt vom Bösen, der die Guten verblenden und schwächen will. Doch das Gegenteil ist wahr: Gott ist immer stärker als das Böse, und am Ende wird das Gute allein Bestand haben. Bis dahin müssen wir freilich warten, aushalten und kämpfen. Jeder kann und muss seinen Teil dazu beitragen, dass das Böse nicht überhandnimmt. Keiner darf sich in die Schmollecke verziehen und sich der Tatenlosigkeit hingeben.

Das Ende des einzelnen Menschen wie auch das Ende der Welt ist immer Ankunft der Herrschaft Gottes und Jesu Christi. In diesem Sinne haben wir auch im Eingangslied gesungen: „Komm, Herr Jesu, komm, führ die Welt zum Ende, dass der Tränenstrom sich in Freude wende.“ Dieses Ende ist alles andere als schrecklich, vielmehr das Ende allen Schreckens.

Wer dies im Glauben annimmt, wird nun keineswegs die Flucht aus der Welt antreten und nur noch darauf warten, bis endlich der Tod kommt. Einem solchen Missverständnis tritt der Apostel Paulus gebieterisch entgegen: „Wir hören, dass einige von euch ein unordentliches Leben führen und alles mögliche treiben, nur nicht arbeiten. Wir ermahnen sie und gebieten ihnen im Namen Jesu Christi, des Herrn, in Ruhe ihrer Arbeit nachzugehen und ihr selbstverdientes Brot zu essen.“ (1 Thess 3,11f) Das Ende, auf das wir zugehen, soll uns nicht lähmen, sondern anspornen. „Jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde, heute wird getan oder auch vertan, worauf es ankommt, wenn er kommt“, heißt es in einem Lied. Heute noch können wir aus vergangener Schuld etwas Gutes machen, heute noch können wir einen Groll begraben und neue Herzlichkeit ausstrahlen.

Die Zustände in unserer Gesellschaft sind kein Schicksal. Wir haben es in der Hand, wie unsere Umwelt aussieht, jedenfalls zu einem Teil. Jeder kann etwas tun, in der Summe ist es viel. Wenn wir uns auf den Wert der Gemeinschaft besinnen und uns nicht aus der Solidarität miteinander begeben, dann sind wir stark. Die Kraft der Gemeinschaft haben wir am Dienstag beim Gottesdienst wieder erfahren. Vergessen wir das nicht!

Jesus ruft uns heute zu: „Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das ewige Leben gewinnen.“ Dafür lohnt es sich. Amen.

103. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

Um uns selbst zu erkennen, kann es mitunter nützlich sein, uns in eine andere Person zu versetzen. Der Apostel Petrus lädt uns dazu heute förmlich ein. Als er zu seinen Freunden sagt: „Ich gehe fischen“, da brennt in ihm noch die Erinnerung an seine schmähliche Verleugnung. Was tun mit solchen unangenehmen Erinnerungen? Am besten verdrängen – durch handfeste Arbeit, durch Tun dessen, was man gewohnt ist, bei dem man nicht nachdenken muß.

Aber die Rechnung will nicht aufgehen: Nicht einmal die Fische tun, was sie sollen. Alles geht schief. Alles ist umsonst. Die ganze Welt hat sich gegen mich verschworen. Ist es nicht so? – Petrus ist verzweifelt, traurig, beschämt. Er fühlt sich schmutzig, müde, überfordert, weiß nicht mehr weiter. Selbst die Nähe seiner Freunde kann ihn nicht aus seiner Trübsal herausreißen; er bleibt auf sein Ich zurückgeworfen, fühlt sich einsam und leer. So wird es langsam Tag, und man muß zusehen, daß man nach Hause kommt.

Doch in dem Moment passiert etwas: Ein Fremder steht am Ufer – es erscheint alles irgendwie unwirklich – er möchte etwas zu essen haben – dabei haben sie doch nichts. Und dann fordert er sie noch auf, die Netze erneut auszuwerfen. Warum sie es tun, ist ihnen selbst nicht ganz klar. Vielleicht erinnern sie sich an die Zeit, die ihnen so lange zurückzuliegen scheint, an die wunderbare Zeit, als es noch Wunder gab, als Jesus noch quicklebendig unter ihnen war. Doch als das Wunder wieder passiert, da weiß Petrus: es ist der Herr. Die Schamröte schießt ihm ins Gesicht, er will nur noch ins Wasser, um abzuwaschen, was er angerichtet hat, nicht wiedergutmachen kann und gerade dabei war, zu vergessen.

Er taucht wieder aus dem Wasser auf, fängt sich, bekommt wieder etwas Sinnvolles zu tun: er kann das Netz an Land ziehen und die Fische herausholen. Ihre Zahl ist anscheinend bedeutungsvoll. Aber das berührt Petrus im Augenblick nicht. Er stillt seinen Hunger und genießt die Gegenwart seines Meisters: alles wie früher! Wenigstens für eine Zeit darf er so empfinden, doch dann muß er das gefürchtete Gespräch führen. Aber der Meister macht ihm keine Vorwürfe. Er fragt ihn nur: „Liebst du mich?“ – Die Antwort ist sehr abgewogen: „Ja, Herr, du weißt…“ Sein eigenes Wissen ist ihm nicht mehr geheuer, seit er so großspurig gesagt hat: „Mein Leben will ich für dich hingeben“ (Joh 13,37) – und dann so jämmerlich versagt hat. Dreimal allerdings fragt Jesus ihn so, denn dreimal hat Petrus ihn aus Furcht verleugnet. So wird die Schuld endgültig getilgt, und die Erinnerung daran ist nicht mehr belastend. Fortan kann Petrus Mitleid haben mit allen anderen, die schwach werden. Denn das muß er, soll er doch nun das höchste Amt antreten, das Jesus zu vergeben hat: „Weide meine Lämmer, hüte meine Schafe, weide meine Schafe.“ Die jungen Lämmer soll er lehren und stärken, die Schafe tapfer führen und die eigensinnigen erwachsenen Schafe weiden.

Was wäre aus Petrus geworden, wenn sein Meister nicht der große Pädagoge gewesen wäre, der er war? Wenn Jesus aus Enttäuschung einen anderen, z.B. den treuen Johannes zum Ersten der Apostel erwählt hätte? Vermutlich wäre Petrus dann trübselig geworden, bitter und verschlossen. Wieder einer mehr von denen, die vom Leben enttäuscht wurden, ohne Hoffnung und ohne Perspektive. Aber so ist es eben nicht gekommen! Ostern bedeutet nicht nur das Ereignis der Auferstehung Jesu, es bedeutet viel mehr: der glimmende Docht wird neu zum Brennen gebracht, der gefallene Mensch aufgerichtet, die vergangene Schuld wird in das Vermögen zu höchster Einfühlsamkeit und Barmherzigkeit gewandelt.

So könnte und sollte es auch bei uns sein: Mensch, wer du auch bist, höre die Stimme des Meisters, der dich nach deiner Liebe fragt! Es ist derselbe, der dich aus der Lethargie weckt, dir einen Auftrag gibt – vielleicht nicht, ein Netz einzuholen, vielleicht aber, ein Fahrrad zu reparieren oder ein Buch auszuleihen. Laß dir nicht von den Fehlern der Vergangenheit alle Zukunft verbauen! Ergreife die Chance und antworte wie Petrus: „Du weißt, Herr, du weißt alles. Du weißt, daß ich dich liebe.“

104. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

„Wir sind doch keine Schafe! Bleib mir weg mit dem Bild vom guten Hirten!“ So mögen manche denken, die sich als mündige Christen und nicht als zu hütende Schafe angesprochen wissen wollen.

Andererseits hat wohl jeder Mensch eine Seite an sich, die man seine schwache Seite nennen könnte, jeder sehnt sich mehr oder weniger stark nach Geborgenheit, nach Orientierung und Angenommensein. Unsere Welt ist kompliziert geworden, sie verlangt immer mehr das erwachsene, mündige und kritische Denken, sie ist immer schwerer zu durchschauen. Während wir Menschen auf der einen Seite dieser Anforderung gewachsen zu sein bemüht sind, suchen wir suchen auf der anderen Seite nach einem Raum oder einer Gruppe, wo wir angenommen sind, wo wir ganz einfach Mensch sein dürfen, ohne daß man uns nach Leistung und Verdienst fragt. Diese Sehnsucht wird vom Bild des guten Hirten angesprochen.

Dazu muß man wissen, dass ein Hirte in Palästina zur Zeit Jesu großes Ansehen genoß. Das Land war nämlich weitgehend unwirtlich, das Gras war spärlich, und die Herde mußte ständig von einem Platz zum anderen überwechseln. Es gab keine Schutzmauern, und so war die ständige Anwesenheit des Hirten unter der Herde erforderlich.

Im Alten Testament hat sich Gott selbst als Hirte seines Volkes bezeichnet. „Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen“ (Ps 23,1). Auch die Führer des Volkes Israel erhalten den Titel Hirte, aber sie werden daran auch gemessen und von Fall zu Fall auch kritisch beurteilt. So von Ezechiel, der ihnen ins Stammbuch schreibt: „So spricht Gott, der Herr: Weh den Hirten Israels, die nur sich selbst weiden. Müssen die Hirten nicht die Herde weiden? Ihr trinkt die Milch, nehmt die Wolle für eure Kleidung und schlachtet die fetten Tiere; aber die Herde führt ihr nicht auf die Weide. Die schwachen Tiere stärkt ihr nicht, die kranken heilt ihr nicht, die verletzten verbindet ihr nicht, die verscheuchten holt ihr nicht zurück, die verirrten sucht ihr nicht, und die starken misshandelt ihr.“ (Ez 34,2-4) Und dann folgt die Verheißung: „Denn so spricht Gott, der Herr: Jetzt will ich meine Schafe selber suchen und mich selber um sie kümmern.“ (Ez 34,11) Diese soll sich mit dem künftigen Messias erfüllen: „Wie ein Hirt führt er seine Herde zur Weide, er sammelt sie mit starker Hand. Die Lämmer trägt er auf dem Arm, die Mutterschafe führt er behutsam“ (Jes 40,11). Dieses Bild des vollkommenen Hirten findet seine volle Verwirklichung in Christus. Er ist der gute Hirte, der sich auf die Suche nach dem verlorenen Schaf macht; er hat mit dem Volk Mitleid, weil er in ihm „Schafe ohne Hirten“ erkennt (vgl. Mt 9,36).

Der Abschnitt des heutigen Evangeliums hebt einige Charakteristiken des guten Hirten hervor. Zunächst wird gesagt, dass der Hirte und seine Schafe sich bestens kennen: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir.“ Während in bestimmten Nationen Europas die Schafe in erster Linie wegen ihres Fleisches gehalten werden, werden sie in Israel vor allem wegen ihrer Wolle und ihrer Milch gezüchtet. So blieben sie jahrelang in der Gesellschaft des Hirten, der schließlich den Charakter jedes einzelnen Schafes kannte und es mit einem Kosenamen rief.

Ebenso kennt Jesus seine Jünger. Er kennt sie „beim Namen“, was für die Bibel heißt: in ihrem innersten Wesen. Er liebt sie mit einer persönlichen Liebe, die einen jeden so erreicht, als wäre er der einzige, der vor ihm steht.

Der Abschnitt aus dem Evangelium sagt uns noch etwas über den guten Hirten. Er „gibt sein Leben hin für die Schafe, und keiner wird sie seiner Hand entreißen“. Diese enge Verbundenheit mit dem Hirten wird sogar dreimal wiederholt: Was uns Jesus durch sein Opfer am Kreuz und seine Auferstehung schenkt, ist bereits ewiges Leben, und wer es empfängt und nicht ablehnt, der kann nie mehr zugrundegehen, es kann ihn niemand der Hand Jesu entreißen, und es kann ihn auch niemand der Hand Gottes, des Vaters, entreißen.

Angesichts dieser starken Verheißung können wir allen selbsternannten Führern der Menschheit gelassener begegnen; also denjenigen, denen an den Schafen nichts liegt, die vielmehr nur ihr „ Schäfchen ins Trockene bringen“ wollen, d.h. die nur an sich selbst denken. Solcherart sind heute etwa zahlreiche Menschheitsbeglücker im Fernsehen, die sich einbilden, den Zuschauern ihre Sicht der Dinge aufdrängen zu müssen. Es ist gefährlich, wenn Menschen sich als Lehrmeister der Menschheit aufspielen. Da werden Führer leicht zu Verführern. Dann braucht es eine starke Gegenkraft, die uns davor bewahrt, von solchen Leuten nicht ins Verderben gerissen zu werden.

Leider müssen wir zugeben, daß wir vor dem anderen Menschen, der sich als Wolf gebärdet, mehr Furcht haben als vor Gott. Menschenfurcht ist aber das Kennzeichen der bezahlten Knechte, der schlechten Hirten. Unser Vorbild sollte indessen Christus sein, der gute Hirte, der keine Furcht hatte – weder vor dem Tod noch vor sonst einer irdischen Macht.

Am heutigen Sonntag betet die Kirche um geistliche Berufe, d.h. darum, daß sich immer wieder junge Menschen bereit finden, dem Ruf Jesu zu folgen und in seine Nachfolge zu treten als gleichfalls gute Hirten, die sich um die ihnen anvertrauten Christen wahrhaft sorgen und sich für sie einsetzen.

105. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

Im Evangelium haben wir von dem neuen Gebot gehört, das Jesus uns gegeben hat: einander zu lieben, so wie er uns geliebt hat. Über Liebe zu reden ist leicht, sie zu üben und zu tun aber schwer.

Wir geben zwar ohne weiteres zu, jedenfalls im allgemeinen, daß es uns an Liebe mangelt. Aber wir lassen uns nicht gern fragen: „Und was willst du daran ändern?“ Eine solche Frage würde leicht Ärger auslösen. Denn den Mangel an Liebe empfinden wir nicht als Makel, unsere Mittelmäßigkeit erschreckt uns nicht.

Hinzu kommt, daß wir uns von anderen nicht sagen lassen wollen, daß uns ein wenig mehr Liebe wohl anstünde. Schon wenn ein anderer nur leise andeutet, mich darüber belehren zu können, was ich denn aus Nächstenliebe zu tun oder zu lassen hätte, reagiere ich empfindlich mit Abwehr und Zorn. Was bildet der oder die sich eigentlich ein? – Und weil ich das weiß, tue ich mich auch schwer damit, anderen Empfehlungen zu geben, wie sie das Gebot der Nächstenliebe konkret umsetzen könnten oder sollten.

Nun sagt aber Jesus, daß unsere Liebe so groß sein soll, daß sie als Erkennungszeichen dient und eine Empfehlung für andere ist. „Daran werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr einander liebt.” Die Liebe soll anderen zum Motiv für ihre Bekehrung werden, sie soll unsere Gesellschaft durchsäuern und menschlicher machen.

Ich kenne Christen hier in unserer Gemeinde, die genau das tun. Sie setzen sich für ihre Mitmenschen ein, strahlen sie an und schenken ihnen Zeit und Zuwendung. Das ist wunderbar. Was mich dabei jedoch bedrückt, ist die Undankbarkeit, die sie vielfach erfahren müssen. Ihre Liebe wird wie etwas Selbstverständliches erwartet und angenommen, ja geradezu gefordert. Selten ein Wort des Dankes, noch seltener der spürbare Erfolg, die Seele des anderen ein wenig zum Besseren umgeformt zu haben, aus einem Griesgram – jedenfalls für eine kurze Zeit – einen frohen Menschen gemacht zu haben. Strahlen Sie mal einen muffeligen Menschen an – es ist fast so wie bei einem Schwarzen Loch: alles Licht wird aufgesaugt, es kommt nichts zurück. Fragen Sie denselben Menschen anschließend, ob er sich an etwas Gutes in jüngster Zeit erinnern kann: ihm wird nichts einfallen.

Wie soll sich da die Verheißung Jesu erfüllen: „Daran werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr einander liebt”? Wie kann man da ein liebender Mensch bleiben? Wie in der Liebe gar noch wachsen?

Das Geheimnis besteht darin, die wahre Quelle der Liebe aufzusuchen und von ihr zu trinken. Allein Jesus kann den Durst nach vollkommener Liebe stillen: „ Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke !“ (Joh 7,37) Wer sich von der Liebe Jesu ergreifen läßt, der wird nach und nach an der Wurzel seiner Seele geheilt und zu einem liebenden Menschen umgestaltet werden. – Es ist ein Geheimnis, das nur demjenigen offensteht, der sich darauf einläßt, der sich auf die Suche begibt, weil er sich nicht satt und selbstzufrieden mit Halbheit und Oberflächlichkeit begnügt. Mutter Teresa zum Beispiel hat dieses Geheimnis entdeckt und aus ihm gelebt. Sie verrät uns, aus welcher Quelle sie ihre schier unerschöpfliche Liebe bezieht:

„Die Tätigkeit der Schwestern, alles was wir tun, ist einzig und allein die Frucht des Gebetes, die Frucht unserer Einheit mit Jesus in der Eucharistie. Dank dieser Einheit ist es uns möglich, uns dem Dienst an den Aussätzigen, den Sterbenden, den Kindern, denen die unerwünscht sind, und anderen Menschen hinzugeben. Wenn wir abends nach Hause kommen, halten wir eine Stunde lang Anbetung. Das ist der größte Schatz der Missionarinnen der Nächstenliebe.“

Wir sollten uns nicht von der Nörgelei und vom Griesgram unserer Zeit beirren lassen. Nach wie vor lassen sich andere Menschen von der Liebe berühren und verändern. Doch wir müssen immer zuerst bei uns anfangen und unser eigenes Herz an den Quell der Liebe bringen. Von anderen Liebe zu fordern, die man selbst nicht bereit ist zu geben, ist erbärmlich und schnöde.

Noch einmal Mutter Teresa:

„Denke nicht, daß Liebe, um wahrhaftig zu sein, außerordentlich sein muß. Notwendig ist nur, unablässig zu lieben. Wie kann eine Lampe brennen ohne unablässige Zufuhr kleiner Öltropfen?

Liebe Freunde: Was sind unsere Öltropfen in unseren Lampen? Es sind die kleinen Dinge des Alltags: die Freude, die Großherzigkeit, die kleinen guten Taten, die Demut und die Geduld. Ein einfacher Gedanke an jemand anderes. Unsere Art still zu sein, zuzuhören, zu vergeben, zu reden und zu handeln. Das sind die wahren Öltropfen, die unsere Lampen unser ganzes Leben hindurch lebhaft brennen lassen.“

106. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

Der Text, den wir gerade im Evangelium gehört haben, wird „das Hohepriesterliche Gebet“ genannt. Jesus betet zum Vater in seiner besonderen Rolle als Mittler zwischen Gott und den Menschen, eben als Priester, als Hoherpriester. Das Gebetsanliegen Jesu ist vor allem die Einheit der Christen: Sie - d.h. wir - sollen eins sein nach dem Vorbild der Einheit zwischen Gott Vater und seinem Sohn.

Es ist ein ausgesprochen schöner Text, er gewährt uns einen tiefen Einblick in das innere Leben Gottes, in das innige Verhältnis, das Jesus zu seinem himmlischen Vater hatte. Aber wenn ich Sie jetzt fragen würde, ob Sie mir auch nur einen Satz wiederholen könnten, gäbe es vermutlich kaum jemanden, der dazu in der Lage wäre. Das ist nicht als Vorwurf gesagt, vielmehr geht es mir selber ja auch so, daß ich beim Zuhören eines schwierigen Textes nicht recht mitkomme, womöglich ganz aussteige und dann das Ganze als langweilig empfinde.

Bleiben wir da mal kurz stehen: Was ist Langeweile? Wann kommt sie auf? – Zum Beispiel: Jemand erzählt uns etwas, das uns überhaupt nicht interessiert. - Oder: Wir haben keine Beschäftigung, und die Zeit, die wir gerne mit etwas füllen möchten, ist wie ein leeres Gefäß. - Oder: Jemand erzählt uns etwas schon zum 10. Mal. Das kennen wir alles schon.

Das sind drei verschiedene Formen der Langeweile:
• die Verbindungslosigkeit einer Sache mit uns selber
• die Leere, Ungefülltheit, fehlende Gespanntheit
• die Öde des immer Selben, das fehlende Neue, Überraschende.

Warum kommt uns die Schriftlesung und auch das Beten in der Kirche manchmal langweilig vor? – Weil es mit uns nichts zu tun zu haben scheint. – Weil wir das alles schon mal gehört haben, es ist doch nichts Neues. – Weil wir selber nichts erwarten, unser Denken ist leer.

Bevor ich mit dem Theologiestudium anfing, dachte ich: Das muß ja ungemein langweilig sein! Aber es dauerte nur ein paar Wochen, da war ich fasziniert von dem Vielen, das ich lernte, was mir neu war und was mir neue Horizonte für mein Leben aufschloß. Kurz darauf stieß ich auf folgende Sätze, die mich herausforderten:
• „Denke nicht wie ein Spießer. - Mache dein Herz weit, weltweit, katholisch. Flattere nicht wie eine Henne, wenn du wie ein Adler aufsteigen kannst.“
• „Dein Leben darf kein fruchtloses Leben sein. - Sei nützlich. - Hinterlasse eine Spur. Leuchte mit dem Licht deines Glaubens und deiner Liebe. - Entzünde alle Wege der Erde mit dem Feuer Christi, das du im Herzen trägst.“
• „Wären doch dein Verhalten und deine Worte so, daß jeder, der dich sieht oder mit dir spricht, unwillkürlich dächte: Der da beschäftigt sich mit dem Leben Jesu."

Das ist es, dachte ich mir. Eine Spur hinterlassen, andere faszinieren, begeistern. Erst einmal selber begeistert sein von diesem Jesus Christus, und dann alles Spießertum ablegen und ein weltweites Herz gewinnen.

Sehnen wir uns nicht nach solchen Menschen? Solchen, die leuchten, die wirklich ein Vorbild sind und die den Glauben neu würzen und aus seiner spröden Erstarrung befreien? Jesus war ein solcher Mensch, und die Apostel wurden es durch ihn, und deren Nachfolger wieder durch sie usw. Mut bekamen sie durch Jesus, Selbstvertrauen, Kraft und Ausstrahlung, Hoffnung und genug Impulse zu guten Werken. Sie wuchsen über sich selbst hinaus, weil sie ihr Spießertum abgelegt hatten – dank ihres festen Vertrauens auf Jesus. Das ist das Gegenteil von Langeweile und Chips-Essen vor der Flimmerkiste, das ist Leben pur, Spannung bis zum letzten Atemzug.

Das ist das Leben eines Christen.

Es kommt auf die Einstellung an, die wir einer Sache entgegenbringen. Bibel oder Gottesdienst werden von dem als langweilig empfunden, der gar nicht erst den Versuch macht, diese Dinge an sich herankommen zu lassen. Wie viele haben mit dem Erwachsenwerden auch ihre kindhafte religiöse Wißbegierde abgelegt und meinen, alles Wesentliche schon zu kennen!? Aber so ist es eben nicht. Wer sich offen hält für Gottes Heiligen Geist, der kann jeden Tag etwas Neues und Überraschendes erleben beim Beten, beim Mitfeiern des Gottesdienstes, beim Lesen der Bibel.

Zum Beispiel der Text heute: Er sagt uns das absolut Unerwartete: Wir können und sollen in die Einheit des Vaters mit seinem Sohn mit hineingenommen werden. Wir dürfen am innersten Leben der göttlichen Dreifaltigkeit Anteil erhalten. Es ist die Herrlichkeit. Es ist mehr als schön. Es ist wunderbar, erstaunlich, unbegreiflich, total umwerfend.

Wenn wir es doch begriffen!!!

107. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

Wir feiern alle Heiligen zusammen. Wie ist es überhaupt zu diesem Fest gekommen? In Rom waren während der Christenverfolgungen viele Martyrer in den Katakomben begraben worden. Später wurden die Gebeine dieser Verstorbenen als Reliquien verehrt, und es entwickelte sich deswegen sogar eine eigene Art von Kriminalität, der Reliquienraub: Die Gebeine waren vor Dieben nicht mehr sicher. So mussten sie in Sicherheit gebracht werden. Dies geschah im Jahr 609 unter Papst Bonifatius IV., der die Gebeine karrenweise in das Pantheon brachte, den ehemaligen Allgöttertempel, der nun dem Gedenken aller Heiligen geweiht wurde. Das Volk erschauderte beim Anblick so vieler Gebeine der Heiligen, so dass man sich entschloss, ein Fest eigens zu Ehren aller Heiligen einzuführen.

Was aber ist ein Heiliger? Streng genommen gibt es keine heiligen Menschen, nur Gott ist heilig. Aber der Mensch kann von Gott geheiligt werden. Er kann, so wie ein dunkles Stück Eisen, das feurig wird, wenn es ins Feuer gelegt wird, vergöttlicht werden, wenn er ganz in Gott eingetaucht ist. Dies geschieht in der Taufe. Aber wir wissen: das ist nur der Anfang, gleichsam der Same, der sich nun weiter entfalten kann und soll, damit er Frucht bringt. Dieses Wachstum in Glaube und Liebe ist ganz auf Gottes Gnade zurückzuführen, aber es hängt auch vom freien Mitwirken des Einzelnen ab.

Einige Menschen sind da leuchtende Beispiele, und die nennen wir dann heilig. Aber was für ein Bild haben wir von den Heiligen? Ich fürchte, es ist nicht immer derart, dass wir uns von ihrem Leben angezogen und fasziniert fühlen. Es gibt schiefe Vorstellungen von ihnen: dass sie irgendwie traurige Gestalten sein müssen, die von allen irdischen Freuden nichts wissen wollen, weil sie ganz und gar auf das Jenseits hin leben. Oder dass sie so abgehoben sind vom normalen Leben, dass sie uns sowieso nichts zu sagen haben. Gerade von den berühmten Heiligen denken wir oft so, etwa vom hl. Franziskus oder von der hl. Elisabeth, deren Armutsideal uns beinahe erschreckt, dass wir unwillkürlich denken müssen: Das ist kein Weg für mich.

Hier möchte ich nun sagen: Gewiss – das mag sein, dass kaum jemand so radikal auf seinen Besitz verzichten kann wie die genannten beiden. Aber: Heiligkeit ist kein bestimmtes Programm, keine genau festgelegte Lebensform, sondern eine intensive Verbundenheit mit Gott, die sich im Alltag so oder so äußern kann – ganz verschieden, je nach den Zeitumständen und den charakterlichen Eigenarten eines Menschen. Darum ist es auch gut, alle Heiligen auf einmal in den Blick zu nehmen, damit auch die Vielfalt, in Heiligkeit zu leben, bewusst wird. Es gab heilige Bettelmönche wie heilige Könige, heilige Priester und heilige Eheleute, sogar Kinder, die heilig gesprochen wurden. Gemeinsam war ihnen nur das eine: dass Jesus Christus die Mitte ihres Lebens war. Oder anders gesagt: Dass sie sich ihrer Gotteskindschaft bewusst waren und daraus lebten. „Seht, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes und wir sind es.“

Leben aus der Kindschaft Gottes. Das ist ganz leicht und dann auch wieder eine schwere Herausforderung. Nur wer sich geliebt weiß, kann selber Liebe schenken. Das gilt für die Erziehung der Kinder, und es gilt für unsere christliche Lebensführung. Je tiefer Gottes Liebe in unsere Herzen eindringt, um so mehr werden wir davon ergriffen und umgestaltet. Ich bin sicher: auch in dieser Gemeinde gibt es Menschen, die ganz tief von Gottes Liebe berührt sind und an deren Augen dies aufscheint. Sie fallen nicht unbedingt auf, aber sie schenken ihren Mitmenschen dadurch Hoffnung und Trost. Sie sind die wahren Stützen der Gemeinde.

Und das geheime Gesetz, das Gott in unsere Natur gelegt hat, wird an ihnen beispielhaft erfahrbar: Glücklich wird nicht der, der viel hat, sondern der, der viel gibt. Oder wie Jesus es ausdrückt: „Selig, die arm sind vor Gott, die Barmherzigen, die reinen Herzens sind, die Frieden stiften – denn ihnen gehört das Himmelreich.“

Das bedeutet freilich nicht, dass den von Jesus so charakterisierten Menschen nichts Böses mehr widerfährt. Kind Gottes sein muss keineswegs immer Spaß machen. Es kann auch weh tun und Mühe bereiten. Ja, oft scheint es geradezu so, als würde Gott ausgerechnet denen, die ihn am meisten lieben, das Schlimmste zumuten. Die Standhaftigkeit ist denn auch oft, die die Heiligen auszeichnet. Mit dem Blick nach oben – die Füße fest auf dem Boden der Wirklichkeit, gehen sie ermutigt durch Gottes Liebe ihren Weg. Das sind die Heiligen. Das ist auch heute faszinierend.

108. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

Wenn Kinder in eine neue Schulklasse kommen, dann fragen sie einander zuerst nach dem Namen. Der Name ist ein Zeichen für die einmalige Persönlichkeit. Man möchte nicht mit einem anderen verwechselt werden. Darum kann es für Kinder auch belastend sein, wenn mehrere in ihrer Klasse den gleichen Namen tragen.

Nun hört man immer wieder, die großen Weltreligionen würden im wesentlichen denselben Gott verehren, ob dieser nun Jahwe, Allah oder sonstwie heiße. Der Name sei doch nebensächlich – es gebe schließlich nur einen Gott.

Ist der Name, mit dem wir Gott nennen, tatsächlich nebensächlich? Oder verbirgt sich hinter dieser Meinung eine Verwechslung, die wir unter Menschen keineswegs entschuldigen würden? Wenn ich in den Fernen Osten reise, wo ich die Menschen kaum unterscheiden kann, wäre es dann nicht ein großer Fehler, zu sagen, daß alle gleich aussehen? Sollte ich mir nicht vielmehr Mühe geben, die Unterschiede wahrzunehmen und jedem einzelnen in seiner Besonderheit gerecht zu werden?

Als Mose im brennenden Dornbusch Gott erschien, da frage Mose als erstes nach dem Namen, den er den Israeliten als Gottesnamen nennen sollte. Und er erhielt zur Antwort: „Ich bin der Ich-bin-da: Jahwe, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.“ (Ex 3,14f) – Gott hat dem Mose seinen Namen genannt, das heißt, er ist herausgetreten aus der Verborgenheit, er hat sich uns Menschen gezeigt und hat uns angesprochen. Der Name Jahwe ist das Zeichen für die unendlich reiche Persönlichkeit dieses Gottes, der mit den Menschen eine Geschichte angefangen und in Jesus Christus, seinem Sohn, in innigster Weise vertieft hat. Gott will Mit-Liebende – so hat es einmal ein großer Theologe ausgedrückt.

Demgegenüber hat z.B. der Name „Allah“ eine ganz andere Bedeutung. Zunächst einmal ist er nicht als Eigenname zu verstehen, sondern besagt schlicht „der Gott“. Zweitens wird von diesem Gott bei jedem Gebetsruf gesagt: „Er ist Allah, der EINE Allah, der Immerwährende, ER zeugt nicht und ist nicht gezeugt und nichts ist ihm gleich.“ Noch klarer sagt es der Koran (4, 171): „Darum glaubt an Allah und seine Gesandten und sagt nicht [von Allah, daß er] dreifaltig [sei]! … Allah ist nur ein einziger Gott. Er ist darüber erhaben, einen Sohn zu haben.“

Das heißt, mit dem Glauben an Allah verträgt es sich nicht, ihn als Vater, Sohn und Heiligen Geist zu bekennen. Allah kann nicht der Gott und Vater Jesu Christi sein.

Diese Erkenntnis ist freilich noch äußerst dürftig – von Gott nur zu wissen, daß sein Name gleichsam ein Programm ist, eine Botschaft. Es kommt vielmehr darauf an, diese Botschaft auch zu kennen, den Gott immer besser kennenzulernen, der sich uns in Jesus Christus geoffenbart hat. Und wir hören heute im Evangelium, daß die kurze Zeit des irdischen Lebens Jesu nicht ausgereicht hat, die Menschen mit Gott, dem Vater, bekannt zu machen. „Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen.“ Erst wenn der Geist der Wahrheit kommt, wird er sie nach und nach in die ganze Wahrheit einführen.

Es ist so wie bei flüchtigen Bekanntschaften: Man kennt einander nur ganz oberflächlich, man kann sich leicht irren und den einen mit dem anderen verwechseln. Erst wenn man sich über längere Zeit hinweg kennt und eine gemeinsame Geschichte erlebt hat, kennt man den anderen wirklich. So hat uns Jesus damals einen Blick auf die vielen Facetten seiner Persönlichkeit werfen lassen, aber es bedurfte doch eines langen Nachdenkens, bis seine Jünger verstanden, wer er war und was es z.B. bedeutete, als er sagte: „Ich und der Vater sind eins.“ (Joh 10,30)

Das heutige Fest Dreifaltigkeit macht uns in besonderer Weise deutlich, daß Gott in sich selbst lebendig ist und innere Bezüge aufweist, weil er die Gemeinschaft von Vater, Sohn und Geist ist. In Ewigkeit geht aus dem Vater der Sohn hervor, und aus der gegenseitigen Liebe beider entspringt der Heilige Geist. Indem Gott sein Wesen ausspricht, zeugt er den Sohn. Indem Gott Vater und Sohn einander lieben, hauchen sie den Heiligen Geist.

Doch es sind nicht drei Götter, sondern drei Personen, die nur ein einziges Wesen besitzen. Die Verschiedenheit zerstört die Einheit nicht, so wie auch verschiedene Stimmen in einer harmonischen Melodie eine Einheit bilden. Die einzelne Stimme gewinnt an Schönheit, wenn sie mit anderen Stimmen zusammenklingt. Gott Vater spaltet sich nicht auf, wenn er den Sohn zeugt und mit diesem den Geist haucht. Ihre Einheit ist durch eine unvorstellbare Liebe geprägt, an der wir Menschen Anteil erhalten sollen. Denn „die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Geist, der uns gegeben ist“ (Röm 5,5).

Wir könnten wir diesen unendlich liebenden Gott verwechseln mit einem Gott, der lediglich Unterwerfung fordert?!

109. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

Es waren einmal drei weise Könige, die wohnten in einem fernen Land, im Morgenland...

Unser Evangelium beginnt nicht so, nicht mit „es war einmal“, sondern mit einer geschichtlichen Zeitangabe: „Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Bethlehem geboren worden war...“ Und dennoch – glaube ich – ist für viele die Geschichte, die im Evangelium berichtet wird, wie ein Märchen. Schön, ergreifend, wunderbar, um sie Kindern zu erzählen, aber nicht als wahre Begebenheit ernst zu nehmen.

Ist das schlimm? Oder ist es gleichgültig, solange nur irgendein Sinn aus dem Evangelium gezogen wird? Zum Beispiel die gute Tradition, daß in diesen Tagen Kinder durch die Straßen ziehen, verkleidet als die Heiligen Drei Könige, um den Segen Gottes in die Häuser zu tragen. Ist das nicht eine wundervolle Anwendung des Evangeliums?

Ich werde niemals sagen, daß das Dreikönigssingen etwas Schlechtes sei oder daß es nichts mit dem Evangelium zu tun habe. Aber wenn das alles wäre, was wir heute sinnvollerweise aus dem Evangelium entnehmen können, dann wäre das doch sehr bedenklich. Bedenklich in dem Sinne, daß wir etwas zu bedenken hätten. Neu nachzudenken nämlich über Wahrheit und Geschichte, und das heißt über den Sinn unseres Lebens.

Ich möchte dieses Bedenken so beginnen: Als ich ungefähr 18 Jahre alt war, wollte ich wissen, was die Wahrheit ist. Was ist Wahres dran an der Bibel, am Glauben der Kirche, speziell an der Gottessohnschaft Jesu Christi und seiner Auferstehung? Zu jener Zeit waren meine beiden Brüder vom Glauben abgefallen und fühlten sich seit Jahren schon als Atheisten. Eines ihrer Hauptargumente war skeptischer Art: Es gibt so viele Religionen und noch mehr Meinungen – woher sollen wir wissen, daß ausgerechnet die katholische Kirche die Wahrheit kennt? – Ein sehr schlagendes Argument, nicht wahr? Es ist beunruhigend, wenn man es überhaupt an sich herankommen läßt. Aber ich wollte es wissen. Das erste große Ereignis, das mich einer Antwort näher brachte, war eine Tagung mit dem Thema: „Der Atheismus als politisches Problem“. Fünf Referenten sprachen dort fünf Tage lang über ihre Forschungen. Der erste war ein Historiker, der mit Max Horkheimer kurz vor dessen Tod einen Briefwechsel geführt hatte und berichtete, wie Horkheimer (einer der Begründer der Frankfurter Schule) eine „Sehnsucht nach dem ganz Anderen“ spürte und die politisch gravierenden Folgen des wachsenden Atheismus zu fürchten begann. Das war 1973. – Mit diesen Ausführungen war nur ein kleiner Teil der Antwort gegeben, sozusagen der Abgrund aufgerissen, vor dem jeder steht, der keinen Glauben hat, und vor dem die Gesellschaft steht, wenn nur noch eine Minderheit gläubig ist.

An den kommenden Tagen sprachen zwei Philosophen, ein Theologe und ein Naturwissenschaftler. Sie trugen so faszinierend vor, daß wir jungen Leute bis spät abends, ja sogar bis in die Nacht hinein zuhörten und fragten und diskutierten. Jede radikale Frage war erlaubt – und dabei wurde mir klar, daß das Christentum auf jeden Fall die größten Köpfe auf seiner Seite hat.

Es würde zu weit führen, mein langes Suchen und Fragen im einzelnen darzustellen. Im nachhinein betrachtet, waren es die begnadetsten Jahre meines Lebens. Ich hatte gesucht und gefunden. (Übrigens nicht nur ich allein, sondern unter anderen auch einer meiner Brüder.) Und damit bin ich wieder bei den Weisen aus dem Morgenland. Was ist das Besondere an diesen Leuten? Sie hatten einen Stern aufgehen sehen, den sie als Vorboten eines neuen Königs deuteten – nach den strengen Kriterien ihrer damaligen Sternwissenschaft. Der Einwand zählt nicht, daß diese Wissenschaft aus heutiger Sicht veraltet ist. Wenn Gott überhaupt etwas durch Zeichen sagen will, dann muß er an das Verständnis der Menschen anknüpfen, an das tatsächlich verfügbare Verständnis. Er muß seine Zeichen in den Horizont des menschlichen Verstehens einfügen, sonst sprechen sie nicht. Also hat Gott diese Sternkonstellation verfügt, die nach damaliger Wissenschaft als Zeichen gedeutet werden mußte. Vermutlich sogar, ohne irgendein Naturgesetz außer Kraft zu setzen. Aber es war ein Zeichen für die, die sehen konnten.

Aber wichtiger ist, was die Sterndeuter taten. Sie machten sich nämlich auf den Weg, auf die Suche. Sie wollten vom Zeichen zum Bezeichneten finden, zum neu geborenen König selbst. Sie suchten die Wahrheit und scheuten weder Zeit noch Mühe. Wie viele Einwände mußten sie sich wahrscheinlich vorher anhören:

  • „Es gehen viele Sterne auf. Woher wollt ihr wissen, daß dieser Stern gerade etwas so Besonderes sein soll?“ – Oder:
  • „Ihr habt doch alles, was ihr braucht. Ihr habt Geld, Kleidung und jeden Luxus. Wozu wollt ihr diese beschwerliche Reise machen?“ – Oder:
  • „Ihr könnt nicht gehen; ihr werdet gebraucht. Denkt an eure Familien: Wir müssen noch dieses Haus bauen und jenes Geschäft tätigen. Später, ja später habt ihr vielleicht Zeit für derartige Spinnereien..."
Die Weisen ließen sich nicht beirren. Und deshalb fanden sie Jesus und die Wahrheit. Nur deshalb werden sie auch im Evangelium erwähnt – als die Helden der Wahrheitssuche. Es ist zu vermuten, daß sie anschließend den Glauben in ihre Heimat brachten.

Wir dürfen heute nicht sagen: „Es war einmal...“ Es kann und soll auch heute so sein. Wir haben es nicht mit einem Märchen zu tun, sondern mit Wahrheit und Geschichte, die jeden einzelnen angeht. Dazu noch ein paar Anmerkungen.

Ich bin davon überzeugt, daß die meisten Menschen in Deutschland sehr wohl wissen, daß Geld und Besitz nicht das Wichtigste im Leben sind, ja, daß sich viele und wohl von Jahr zu Jahr immer mehr Menschen nach „dem ganz Anderen“, nach der Wahrheit sehnen. Haben sie keinen Stern, der ihnen Zeichen gibt? Doch sie haben ihn, nämlich die Kirche. Sichtbar für alle, die sehen wollen, aber auch vielen Fragen und Einwänden ausgesetzt:

  • „Es gibt viele Religionen. Woher wollt ihr wissen, daß die christliche Kirche gerade etwas so Besonderes sein soll?“ – Oder:
  • „Ihr habt doch alles, was ihr braucht. Ihr habt Geld, Kleidung und jeden Luxus. Wozu wollt ihr diese beschwerliche Suche nach der Wahrheit machen?“ – Oder:
  • „Ihr könnt nicht auf die religiöse Suche gehen; ihr werdet gebraucht. Denkt an eure Familien: Wir müssen noch dieses Haus bauen und jenes Geschäft tätigen. Später, ja später habt ihr vielleicht Zeit für derartige Spinnereien...“

Hinzu kommen noch ganz verdrehte Gedanken, die vor allem solche bewegt, die aus christlichem Elternhaus stammen, aber den Glauben verloren haben:

  • „Ist es nicht egal, was der einzelne glaubt? Hauptsache, er ist glücklich.“ – Oder:
  • „Hauptsache, man ist ein guter Mensch.“

Gute Menschen waren die Sterndeuter auch vorher schon. Aber weise wurden sie erst, nachdem sie gesucht und gefunden hatten. Und glücklich wird man auch erst, wenn man die Wahrheit gefunden hat.

Darum möge sich jeder in diesem Jahr vornehmen, neu nach der Wahrheit zu suchen und dabei Orientierung an dem Stern zu nehmen, den Gott bis zum Ende der Zeiten aufleuchten läßt, an der einen, heiligen, allumfassenden und apostolischen Kirche.

110. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

Was hat Jesus Neues gebracht? So fragen viele immer wieder, und eine einfache Antwort scheint nicht ohne weiters auf der Hand zu liegen. Der Theologe Franz Mussner hat ein lesenswertes Büchlein zu dieser Frage herausgebracht. In 15 Kapiteln gibt uns der Gelehrte Auskunft über das Neue, das Jesus gebracht hat. Das ist für uns deshalb so wichtig, weil wir immer wieder in der Gefahr stehen, die Botschaft Jesu für altbekannt zu halten und eher nach etwas anderem Ausschau halten, das unseren Drang nach Neuem befriedigen könnte. Zu dem Neuen, das Jesus in die Welt gebracht hat, gehört die neue Sicht des Menschen, die Paulus in seinem Kolosserbrief beschreibt. Wir haben daraus soeben einen Abschnitt gehört. Gleich der erste Satz ist wegweisend: „Ihr seid von Gott geliebt, seid seine auserwählten Heiligen.“ (Kol 3,12) Neu ist an diesem programmatischen Satz, dass hier nicht mit einer Aufforderung begonnen wird, nicht mit einem Gebot, sondern mit einer Feststellung. Die christliche Ethik ist immer Antwort auf die vorausgehende Liebe Gottes zu uns. Zuerst sind wir geliebt – von Gott – seit Ewigkeit; alles andere ist Antwort auf diese überraschende Wahrheit. Wenn Sie sich einmal fragen: »Warum bin ich überhaupt auf der Erde?«, dann ist das die Antwort: Ich bin, weil ich geliebt werde. Das Hauptwort im heutigen Lesungstext ist „auserwählt“: Gott hat jeden einzelnen von uns seit Ewigkeit aus einer unendlichen Fülle von Möglichkeiten quasi auserwählt – noch bevor die Schöpfung war. Paul Gerhardt drückt dies so aus: „Da ich noch nicht geboren war, da bist du mit geboren, und hast mich dir zu eigen gar, eh ich dich kannt’, erkoren. Eh ich durch deine Hand gemacht, da hast du schon bei dir bedacht, wie du mein wolltest werden.“ Die nächste Frage, die man sich dann stellen kann, lautet: »Wozu bin ich auf der Erde?, was ist meine Bestimmung?« Die Antwort darauf lesen wir in den folgenden Versen. Paulus spricht bildhaft vom neuen Gewand, das wir nun gleichsam anziehen sollen, indem wir bestimmte Grundhaltungen in uns ausbilden, die zum christlichen Leben gehören, eben zum Neuen, das mit Jesus in die Welt gekommen ist. Kurz: Wir sollen als neue Menschen leben, indem wir auf Gottes Liebe antworten. „Darum bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld.“ Jesus gibt das Maß für den neuen Menschen vor, das Maß, das hier in fünf Grundhaltungen aufscheint. Zuerst „aufrichtiges Erbarmen“: Diese Haltung hat Jesus vorgelebt und in seiner Bergpredigt ausdrücklich genannt: „Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden.“ (Mt 5,7) Eine Eigenschaft, die die Bibel immer zuerst Gott zugesprochen hat, soll der neue Mensch verwirklichen, und er kann es, weil er von Gott geliebt ist. Dann als zweites die Güte: Sie ist auf das Gute gerichtet, das es in jedem Menschen gibt, sie sieht es, stellt es heraus, lobt es und stärkt es durch gutes Zureden, Aufmunterung und Ansporn. Ein Lehrer, eine Erzieherin ist gütig zu nennen, wenn er bzw. sie die Fehler und Schwächen beim anderen zudeckt, nachsieht, den anderen vor der Beschämung schützt und jede schlimme Etikettierung im Keim verhindert und statt dessen die gute Seite hervorkehrt und verstärkt. – Fehlt uns diese Güte nicht allenthalben? Drittens die Demut: Für diese Haltung hatte die heidnische Antike noch nicht einmal ein Wort – so fremd und neu ist dieser Mut zum Dienen, den Jesus gezeigt und wärmstens empfohlen hat. Er ist das Gegenteil des Personenkults, die Bedingung für echte Gemeinschaft. Vor allem in einer gefallenen Welt, in der jeder immer wieder schwach wird und Fehler macht, kann es ohne Demut keinen Neuanfang geben, sondern nur Trotz, Verachtung und Ausgrenzung. Viertens die Milde oder Sanftmut. Sie öffnet sich dem Nächsten friedlich und gewaltlos, ohne ihm zu nahe zu treten, ohne ihn zu übermächtigen. Sie verzichtet nicht nur auf Gewalt, sondern sogar auf ihr eigenes Recht, sie schlägt dem anderen die Wahrheit nicht um die Ohren, sondern hält sie ihm hin wie einen Mantel, in den er hineinschlüpfen kann. Schließlich fünftens die Geduld oder Langmut. Das griechische Wort (makrojumi1a) besagt soviel wie „ein weites Herz haben“. Gott hat unendlich viel Geduld mit uns, er „lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte (Mt 5,45) weil er „geduldig ist mit euch und nicht will, dass jemand zugrunde geht, sondern dass alle sich bekehren.“ (2 Petr 3,9) Menschen mit einem engen Herzen regen sich über alles auf; es muss alles nach ihren Vorstellungen gehen, sonst werden sie unerträglich. Darum mahnt der Apostel: „Ertragt euch gegenseitig, und vergebt einander, wenn einer dem andern etwas vorzuwerfen hat. Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!“ (Kol 3,13) Die Krone und Wurzel dieser fünf Grundhaltungen ist die Liebe. „Vor allem aber liebt einander, denn die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht. (Kol 3,14) Das griechische Wort Agape meint nicht die Liebe, die auf die eigene Lust bedacht ist, sondern diejenige, die das Gute für den Nächsten will, die Verantwortung übernimmt und zum Verzicht bereit ist, wenn das Heil des anderen es erfordert. Die Heilige Familie wird uns heute als Maß für ein christliches Familienleben vorgestellt, denn in ihr sehen wir die genannten Grundhaltungen in Vollkommenheit verwirklicht. Wir sollten aus ihr keine konkreten politischen Ideale ableiten, aber es spiegelt sich das christliche Menschenbild in ihr. Wer nach erzieherischen Idealen fragt, sollte auf Maria und Josef schauen, die ihrem Sohn aufrichtiges Erbarmen, Güte, Demut, Milde und Geduld vorgelebt haben, so dass dieser „Gefallen fand bei Gott und den Menschen“ (Lk 2,52) und später seinem Messias-Amt gewachsen war.

111. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2007)

„Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?“

So, liebe Schwestern und Brüder, rügen die zwei Engel die Apostel, die Christus nachschauen, der in den Himmel auffährt.

„Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?“
Das ist aber doch natürlich, dass sie ihm nachschauen. Ihm, der in den Himmel aufgenommen wird. So ein Spektakel sieht man schließlich nicht alle Tage.

„Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?“
Sicherlich liegt in den Blicken der Apostel auch etwas Wehmut und Schmerz über den Abschied von ihrem Herrn. Wie wird es weitergehen, ohne IHN an der Seite zu haben? Solche Fragen können lähmen, den Blick verengen.

„Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?“
Dieser Ruf der Engel soll zu einem Perspektivenwechsel bei den Jüngern führen. Sie sollen die Welt mit neuen Augen sehen, jetzt, wo der Herr im Himmel ist.

Das Leben Jesu hilft uns die Welt mit neuen Augen zu sehen.
Er hat unser menschliches Leben geteilt. In allem war er uns gleich, außer der Sünde.
All das, was wir Menschen auf Erden erleben, hat der Sohn Gottes auch erlebt: Geburt, Kindheit, Lernen, Arbeit, Tränen, Schweiß, Angst, Liebe, Freude, Leiden, Tod.
All das ist ihm nicht fremd.
Und deshalb hat all das auch mit Ihm, mit dem Sohn Gottes zu tun. Und deshalb können wir auch in all dem, was diese Welt ausmacht Ihm, Gott nämlich, begegnen. In dieser Welt können wir Ihm dienen.
Diese Welt, dieser Planet Erde, unser Alltag – das sind die Orte, wo wir als Christen, als Jünger Jesu leben und leben sollen.
Und diese Welt, diesen Planeten Erde, unseren Alltag können wir uns nicht aussuchen.

Die Himmelfahrt Jesu hilft uns die Welt mit neuen Augen zu sehen.
Die Welt ist zwar der Ort, der uns Menschen zugewiesen ist, aber es gibt ein Mehr. Wenn Jesus die Erde verlässt und zu seinem Vater in den Himmel auffährt, dann liegt darin auch für uns eine Verheißung. Das Tagesgebet der Messe drückt diese mit folgenden Worten aus:
In der Himmelfahrt Deines Sohnes, hast Du den Menschen erhöht. Schenke uns das feste Vertrauen, dass auch wir zu der Herrlichkeit gerufen sind, in die Christus uns vorausgegangen ist.

Diese Welt, die vergeht, dieser Alltag, der manchmal so zermürbend sein kann – das ist nicht alles.
All das Leid, die Sorgen, die Trauer und Angst, die einem begegnen – das ist nicht alles.

Es gibt ein Mehr, ein ewiges, herrliches Mehr, das all unsere Vorstellungskraft übersteigt.
Ein Mehr, in dem wir von allem, was uns hier unten einengt und bedrängt, befreit werden, in dem unsere Sehnsucht nach glücklichem Leben gestillt wird.
Ein Mehr, in dem wir endlich die sein können, die wir in Wahrheit sind.
Deshalb ist die christliche Religion eben nicht "Opium für das Volk". Wir Christen müssen nicht mit Rauschmitteln in eine andere Welt fliehen. Wir Christen sind nüchterne, realistische Menschen, die ihrer Hoffnung auf eine erlöste Welt in dieser unerlösten Welt Ausdruck verleihen, in Taten, Worten und Gebeten.

„Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?“
Die Engel treiben die Jünger an, nicht wie Salzsäulen stehen zu bleiben, sondern sich aufzumachen.

Sich aufzumachen in die Welt, in der sie leben. In der auch Jesus gelebt hat.
Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen.
Damit alle diese Welt sehen, wie sie in Wirklichkeit ist: kostbar aber endlich.
Damit allen die neue, wunderbare Perspektive eröffnet wird: es gibt ein ewiges Leben, das unsere Sehnsucht stillt.

Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen.
Das ist der Auftrag der Jünger in dieser Welt. Unser Auftrag als Christen.
In uns will Christus weiterleben. Unsere Münder, unsere Hände sollen seine Botschaft weiterführen. Jeder, jede von uns ist dazu berufen, ein anderer Christus, ja Christus selbst zu sein.

Wenn wir so mit Christus vereint sind, uns jetzt und hier bemühen, sein Leben weiterzuleben, werden wir auch sein Leben im Himmel in der Herrlichkeit des Vaters erleben.

Christi Himmelfahrt lässt uns so die Welt mit neuen Augen sehen: Als den Ort, wo wir das Leben Jesu weiterführen sollen.
Und als den Weg, der uns zur wahren Freude führt.

Als Christ in dieser Welt zu leben, lohnt sich.

112. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

„Herr, stellst du in dieser Zeit das Reich für Israel wieder her?“

Diese Frage beschäftigte die Apostel ganz besonders. Sie hatten seit Ostern Jesus immer wieder gesehen, und sie konnten sich nichts anderes vorstellen, als daß Jesus sich nun bald als der Messias offenbaren und das ehemalige Reich wiederherstellen würde. Sie wären dann so etwas wie Minister unter der Regierung Jesu, ihres Herrn.

Doch es kommt dann anders: Jesus geht in die himmlische Herrlichkeit ein, kehrt dorthin zurück, von wo er gekommen war und läßt die Seinen scheinbar allein zurück. Nach all den freudigen Ereignissen von Ostern war das wieder ein ernüchterndes Erlebnis. Aber Jesus geht nicht einfach weg, sondern kündigt die Sendung des Heiligen Geistes an, dessen Kraft seine Jünger erfüllen wird. Er erklärt sogar: „Es ist gut für euch, daß ich fortgehe. Denn wenn ich nicht fortgehe, wird der Beistand nicht zu euch kommen; gehe ich aber, so werde ich ihn zu euch senden.“ (Joh 16,7) – Der Heilige Geist ist die große Gabe des auferstandenen und erhöhten Herrn an seine Kirche. Ohne diesen Beistand und Tröster bleibt alles menschliche Tun der Vergeblichkeit ausgeliefert; es wird durchkreuzt, hintertrieben und zerstört. Menschliche Reiche, selbst die mächtigsten, wie das römische Kaiserreich oder die kommunistische Herrschaft der Sowjetunion, zerfallen und werden durch junge, frischere Kulturen abgelöst. Die Kirche wäre schlecht beraten, wenn sie auf rein menschliche Kräfte setzte statt auf die Kraft des Heiligen Geistes, wenn sie anstelle ihrer ureigenen Sendung Ministersessel bevorzugte.

Es ist nichts Neues, wenn ich darauf hinweise, daß es dennoch immer wieder die Versuchung gegeben hat, den kirchlichen Dienst auf irdische Machtstrukturen zu gründen, und nicht nur die Versuchung, sondern auch das entsprechende ungeistliche Verhalten. Und auch nicht nur im Großen, sondern ebenso im Kleinen. Denn – Hand aufs Herz – wer wünscht sich heute nicht vollere Kirchen? Wer würde für dieses Ziel nicht auch den Sozialdruck früherer Zeiten als nützliches Mittel in Kauf nehmen?

Doch Jesus verspricht nichts dergleichen. Der Heilige Geist genügt. Er wird den Jüngern helfen, Zeugen zu sein in Jerusalem, in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde.

Ebenso genügt auch uns der Heilige Geist. Er wird uns helfen, Zeugen zu sein für das Evangelium. In den folgenden Tagen sind wir eingeladen, besonders um den Heiligen Geist zu beten. Denn „ohne sein lebendig Weh’n kann im Menschen nichts besteh’n“, heißt es in der Pfingstsequenz. Allein der Heilige Geist kann uns den Weg weisen in unserer unübersichtlichen Zeit und unser Denken neu auf Gott ausrichten. Er allein kann uns Geschmack an Gott geben, eine Neigung zum Gebet und zum christlichen Dienst. Ohne diese Neigung können wir andere nicht überzeugen, sind wir eben keine Zeugen des Evangeliums.

Feiern wir in diesem Sinne Eucharistie und freuen uns an der Muße, die uns das heutige Fest gewährt!

113. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

„Einen guten Rutsch“ wünschen sich die Leute heute (gestern), d.h. einen guten Anfang, denn das meint das hebräische Wort „rosch“, das wir zu „Rutsch“ verballhornt haben. Jedes neue Jahr ist in der Tat ein Anfang, und den ersten Tagen wohnt ein besonderer Zauber inne, der Zauber des Unberührten und Neuen, der Reiz des Unbekannten und Verlockenden.

All die Hoffnungen und Befürchtungen, die wir im Herzen tragen, bringen wir vor Gott, der die Zeiten kennt. Was immer da vor uns steht – der entscheidende Anfang ist bereits gemacht, das erfahren wir heute in der Lesung. Denn Gott ist auf die Erde gekommen und hat die Zeit zur Heilszeit gemacht, hat einen Neuanfang gesetzt, den niemand mehr rückgängig machen kann. „Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, damit wir die Sohnschaft erlangen.“ (Gal 4,4f)

All unsere menschlichen Anfänge ruhen auf diesem göttlichen Anfang. Darum ist es angemessen, den ersten Tag im Jahr der Muttergottes zu weihen, weil wir ihr den neuen Anfang, den Gott mit der Menschheit gemacht hat, verdanken. Weil sie Ja gesagt hat zu Gottes Plänen, konnten diese Wirklichkeit werden. Durch ihren Glauben ist das Tor zum Himmel wieder geöffnet worden. Darum wird sie Mutter der Glaubenden und Mutter der Kirche genannt.

Über ihre Glaubenshaltung wird im heutigen Evangelium eine kurze Bemerkung gemacht, die wir nicht achtlos übergehen sollten: „Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach.“ (Lk 2,19) Sie begriff nicht alles, was da geschehen war, aber sie versuchte es zu verstehen, indem sie es in ihrem Herzen bewahrte. Nicht nur in ihrem Gedächtnis, nicht nur mit ihrem Verstand! Das Herz ist der Sitz der Gefühle und Affekte, das Vermögen des Willens und der Liebe. Maria setzte ihre ganze geistige Kraft ein, um das Geschehen, das Gott gewirkt hatte, in rechter Weise würdigen zu können. So wie sie ihren Sohn neun Monate unter ihrem Herzen getragen hatte und mit ihm schwanger ging – mit ihrer ganzen Liebeskraft und Zuneigung –, so trug sie nun das Gehörte und Gesehene in ihrem Herzen, um davon ganz erfüllt und durchdrungen zu werden. Dieses Nachdenken und Meditieren hat nicht nur neun Monate gedauert, sondern ihr ganzes Leben; und auf diese Weise hat Maria eine Weisheit erlangt, die selbst Salomo nicht besaß, ist sie zum „Sitz der Weisheit“ geworden.

Wie kann das Jahr 2007 zu einem guten Jahr werden? Die meisten meinen, dazu müßten wir mehr Geld haben, eine bessere Wirtschaft, eine funktionierende Gesundheitsversorgung usw. Doch dies alles kommt erst an zweiter Stelle, wenn es überhaupt kommt. Zuerst ist Weisheit vonnöten, ein Urteilsvermögen, das die Dinge ins rechte Licht zu stellen vermag und das die Rangfolge der Werte beachtet. Solche Weisheit fällt nicht vom Himmel und läßt sich auch nicht in einem Volkshochschulkurs mal eben so nebenbei erwerben. Sie ist die Frucht langen Nachdenkens und Meditierens, und zwar über die zentralen Geschehnisse der Geschichte, über das, was Paulus die „Fülle der Zeit“ nennt.

Der Dichter Friedrich Spee beschreibt dieses Nachdenken in einfachen Worten: „In seine Lieb versenken will ich mich ganz hinab.“ – Das kann jeder, dazu braucht man kein Studium, dazu braucht man nur eine Geisteshaltung, wie Maria sie uns exemplarisch vorgelebt hat. Der Barockdichter Paul Gerhardt hat sie in dem folgenden Vers zusammengefaßt:

„Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen;

und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen.

O daß mein Sinn ein Abgrund wär und meine Seel ein weites Meer,

daß ich dich möchte fassen.“

Ihr inniger Glaube hat Maria zu einem tiefsinnigen und weisen Menschen gemacht. Am Neujahrstag sollen wir sie uns zum Vorbild nehmen, damit auch wir an Tiefe und Weisheit gewinnen. Dann rutschen wir nicht einfach ins nächste Jahr hinein, sondern fangen es auch gut an und dürfen die Hoffnung haben, daß Gott alles, was er mit uns zusammen anfängt, auch zu einem guten Ende führt.

114. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2007)

Dann ging Petrus nach Hause, voll Verwunderung über das, was geschehen war.

Liebe Schwestern und Brüder!

Ein eigenartiger Schluss des Osterevangeliums. Jedenfalls empfinde ich das so.
Wäre nicht ein Petrus, der voll Freude ausruft: „Christus ist erstanden!“ angebrachter.
Statt eines überschwänglich jubelnden Petrus begegnet uns ein nachdenklicher, sich wundernder Petrus.
Das Ende dieses Evangeliums hat nichts von der Freude, von dem Halleluja, von der Feierlichkeit unserer Osterliturgie, die wir gerade feiern.

Das leere Grab war für ihn erst einmal schwer zu verkraften.
Das leere Grab wirft für ihn erst einmal alles über den Haufen.
Das leere Grab lässt in ihm Fragen aufsteigen:
Was bedeutet die Botschaft der Engel: Er ist nicht hier, er ist auferstanden?
Wer ist dieser Jesus, dem ich gefolgt bin, der mein Leben verändert hat, den ich verraten habe, der hier beerdigt lag? Wer ist er wirklich?

Später ist Petrus das alles klar geworden. Spätestens seit der Sendung des Hl. Geistes weiß er, was Auferstehung bedeutet, wer Jesus Christus wirklich ist.
Nach Pfingsten nämlich wird er zum ersten großen Prediger der Frohen Botschaft von der Auferstehung der Toten. Als erster Papst bekennt er vor der Welt, dass Jesus Christus, der Herr der Welt, der Herr über Leben und Tod ist.

Anlässlich dieses Osterfestes, anlässlich der Botschaft vom leeren Grab stellen auch wir uns mit Petrus die Fragen:
Was ist Auferstehung? Und wer ist dieser Jesus?

Was ist die Auferstehung?
Bei Umfragen unter Christen wurde vor kurzem deutlich, dass weiß Gott nicht der Großteil an eine Auferstehung Jesu und der Toten glaubt. Bei vielen ist auch ein falsches oder zu kurzes Verständnis über dieses Glaubensgeheimnis anzutreffen.

Es gibt Menschen, Christen, die die Auferstehung mit der Wiedergeburtslehre, der Reinkarnation ostasiatischer Religionen verwechseln oder vermengen.
Die Reinkarnation setzt voraus, dass wir mehrere Leben auf Erden haben. Je nach dem vorherigen Leben werde ich als Mensch oder Tier oder sonst etwas wiedergeboren.
Diese Wiedergeburt ist aber eine Bestrafung. Ziel ist es, nicht mehr an die Erde gebunden zu sein, sondern in das Nichts, in das Nirwana einzugehen.

Wir Christen glauben hingegen, dass wir nur ein Leben auf dieser Erde haben, in dem wir uns auf den Himmel vorbereiten. Und dieser Himmel ist kein Nichts, sondern wir werden darin als ganze Menschen, mit verklärten Leib und geläuterter Seele auf ewig leben. Außerdem ist uns die Erde als Gabe von Gott geschenkt worden: Auf ihr zu leben ist trotz aller Mühsal eine Gnade und keine Bestrafung. Nein, mit Reinkarnation hat das leere Grab nichts zu tun.

Was ist die Auferstehung?
Jesus lebt in seiner Botschaft weiter, sagen viele. Das, was er gelehrt hat, ist lebendig in der Kirche. Die Sache Jesu geht weiter.

Sicherlich, die Lehre Jesu wird weitergetragen von Generation zu Generation. Ähnlich wie die Erinnerung an liebe Verstorbene in uns weiterlebt. „In unseren Herzen lebst du weiter“ heißt es dann oft auf Totenzetteln. Das Gedächtnis der Toten zu pflegen, ist gut und wertvoll.

Aber das ist nicht die ganze Wahrheit, an die wir glauben.
Jesus Christus lebt nicht weiter, weil die Kirche ihn verkündet.
Vielmehr gilt: Die Kirche verkündet Jesus Christus, weil er wirklich lebt.

Der Herr lebt in der Herrlichkeit des Vaters, als der Auferstandene, auch wenn die Kirche ihn nicht mehr auf Erden verkünden sollte.
Unsere lieben Verstorbenen leben in der Ewigkeit, auch dann wenn sich keiner mehr an sie erinnert.
Es wäre schrecklich, wenn wir nur in den Herzen der anderen weiterleben würden. Was, wenn Menschen einsam gelebt haben und keiner sich ihrer erinnert? Was, wenn die Menschen, die sich eines Verstorbenen erinnern, selber sterben?

Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, sondern er ist auferstanden!
In diesen Worten der Engel ist kurz zusammengefasst, was wir Christen glauben:
Jesus, der Gekreuzigte, lebt als der Auferstandene nicht hier in dieser Welt oder nur in unserer Erinnerung, sondern er lebt wirklich beim Vater. Deshalb ist das Grab auch leer.

Wer ist dann dieser Jesus?
Er ist nicht nur ein Prediger der Liebe Gottes. Er ist nicht nur ein guter Mensch. Er ist nicht nur einer, der sich der Armen und Kranken annahm. Er ist nicht nur ein Wunderheiler. Er ist nicht nur unser Bruder.
Dieser Jesus ist all das, aber er ist noch viel mehr:
Er ist der Sohn Gottes, er ist der menschgewordene Gott. Er ist der Herr über Leben und Tod. Er ist das Leben.

Unser Herr spricht:
Ich bin die Auferstehung und das Leben, wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt; und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht sterben.

Gott hat sich mit uns Menschen in seinem Sohn Jesus Christus sosehr verbunden, dass er in ihm unseren Tod gestorben ist. Und er hat sich in ihm sosehr mit uns Menschen verbunden, dass wir an seinem ewigen Leben Anteil erhalten, an seiner Auferstehung.

Wer sich an Christus festmacht wird wirklich auferstehen. Wie er. Auf ewig.
Wer sich von ihm lossagt, wird sterben, tot sein. Auf ewig.

Wer ist dieser Jesus?
Er ist der Herr. Herr über Leben und Tod.

Wenn wir wirklich leben wollen, wenn wir wirklich auferstehen wollen, dann kommen wir an ihm nicht vorbei.

Wir müssen uns entscheiden, wenn wir auf sein leeres Grab schauen.
Für oder gegen ihn.

Dann ging Petrus nach Hause, voll Verwunderung über das, was geschehen war.
Liebe Schwestern und Brüder!
Petrus hat sich den Fragen gestellt: Was ist Auferstehung? Wer ist dieser Jesus?
Er glaubte und verkündete: Auferstehung heißt wirklich als ganzer Mensch auf ewig zu leben. Jesus ist der Herr über Leben und Tod.
Petrus hat sich entschieden. Für ihn.
Und er wird dann mit all den anderen gejubelt haben: Halleluja!
Und er wird dann mit all den anderen den Glauben an die Auferstehung und an Christus, den Sohn Gottes vor der Welt bekannt haben.

Folgen wir dem Aufruf des verstorbenen Papstes Johannes Paul II. In der Osternacht 2005 konnte er nicht mehr selber predigen. Seine Worte verlas Kardinal Ratzinger. Worte, die ein Vermächtnis sind an uns, an Sie, an Dich, an mich:
„Lasst uns aufwachen aus unserem müden, schwunglosen Christentum! Erheben wir uns und folgen wir Christus, dem wahren Licht, dem wahren Leben. Amen!“

115. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

Es gibt kein Fest der Christenheit, das derartig faszinierend ist und eine ähnlich reichhaltige Liturgie aufweist wie das Osterfest, insbesondere die Feier der Osternacht. Vermutlich gibt es aber auch kaum ein anderes Fest, dessen Inhalt Anlaß zu so vielen Zweifeln, Mißverständnissen und Neudeutungen gegeben hat wie das Osterfest.

Herz und Verstand werden beide angesprochen, aber für manchen stehen beide im Gegensatz. So stemmt sich Goethes Faust mit seinem Verstand gegen die Osterbotschaft: „Was sucht ihr mächtig und gelind, ihr Himmelstöne mich im Staube? – Klingt dort umher, wo weiche Menschen sind. Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.“ – Andererseits ist er zutiefst unglücklich und trostbedürftig, und gerade dem Selbstmord entronnen, ruft er aus: „O tönet fort, ihr süßen Himmelslieder, die Träne quillt, die Erde hat mich wieder“.

Dieses Gegeneinander von Glaube und Unglaube, Hoffnung und Verzweiflung hat auch schon die ersten Osterzeugen bestimmt, so die Frauen, die am Ostermorgen zum Grab kamen, um den Leichnam ihres geliebten Herrn zu salben, so auch Petrus und die anderen Apostel, Thomas und die Emmausjünger. Die Frauen, die statt des erwarteten Leichnams Jesu zwei Engel am Grab vorfanden, waren geschockt und schauten zu Boden. Doch die Frage der Engel holt sie aus ihrer Erstarrung heraus und ruft sie zur Entscheidung: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“

Diese Frage hallt durch die Jahrhunderte, und immer wieder werden Menschen durch sie aufgerüttelt und mit dem Kern unseres Glaubens neu konfrontiert. Die Frauen suchen Jesus, aber sie suchen ihn an der falschen Stelle, im Grab nämlich, bei den Toten. Das war ganz verständlich und überhaupt nicht zu tadeln, denn schließlich waren sie ja Zeugen seiner grausamen Hinrichtung gewesen. Und doch suchten sie am falschen Ort, und sie hätten es besser wissen können, wenn sie sich an die Worte ihres Meisters erinnert hätten: „Der Menschensohn muß den Sündern ausgeliefert und gekreuzigt werden und am dritten Tag auferstehen.“ Ja, das hatte Jesus so vorausgesagt – aber konnten sie es in diesen traurigen Stunden noch in lebendiger Erinnerung haben? Die Trauer hatte ihnen die Kehle zugeschnürt und die Erinnerung blockiert; ihr Glaube an Jesus war der Verzweiflung gewichen. So suchten sie Jesus nicht unter den Lebenden.

Und es dauerte einige Zeit, bis sie ihre Depression überwunden hatten und das Wort der Engel nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich aufgenommen hatten. Daß Jesus tatsächlich lebte und nicht bei den Toten weilte – das mußten sie erst einmal gegen die bedrückende Erfahrung der vergangenen Tage anglauben. Da mußten sie ihre ganze seelische Kraft aufbringen, und die allein hätte auch nicht ausgereicht, das wissen wir von Thomas, der Ostern nicht dabei war und dem deshalb der Augenschein fehlte, um das wahrhaft Unglaubliche glauben zu können. Es widersprach ja jedem gesunden Menschenverstand, daß ein Toter wieder lebendig wurde, und da schien es viel plausibler, das Gerede von der Auferstehung Jesu als Wunschdenken abzutun und sich mit dem Tod abzufinden.

Das gilt zu jeder Zeit, auch heute. Ich weiß nicht, wie viele Menschen den Lebenden nach wie vor bei den Toten suchen, aber es sind vermutlich viele. Ich nenne nur zwei Gruppen von Menschen. Da sind zum einen die Menschen, die sich an die Wissenschaft halten und argumentieren: Der Tod gehört zu den unabänderlichen Tatsachen des Lebens. Alle müssen sterben, und wer gestorben ist, dessen Leben ist unwiderruflich zu Ende – ausnahmslos. Dies ist ein ehernes Gesetz der Natur, gegen das man sich am besten nicht auflehnt. Wer dennoch von einem ewigen Leben träumt, der beweist damit nur, daß er der Wahrheit nicht ins Auge sehen kann; er ist im Grunde zu bemitleiden oder zu verachten. – Wer so denkt, der sucht die Wahrheit bei den Toten, denn er hält sich in seiner Wissenschaftsgläubigkeit nur an die sterbliche Materie und sieht diese als maßgebend für die ganze Wirklichkeit an. Aber warum soll sich die geistige Welt an die Gesetze der vergänglichen Materie halten? Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?

Zum zweiten sind da die vom Leben Enttäuschten. Sie denken: Es lohnt sich nicht, sich für andere einzusetzen, denn Undank ist der Welten Lohn. Jede gute Tat versinkt in Vergessenheit, aber das Recht des Stärkeren setzt sich gegen alles durch. Das Böse ist ein Teufelskreis, das Gute hat da keine Chance. „Was ist Wahrheit?“ – so fragt nicht nur Pilatus, sondern so fragen alle Zyniker und die Machtmenschen. – So wenig wie Jesus dem Pilatus geantwortet hat, so wenig gibt es eine theoretische Antwort auf diese resignierte Frage. Man kann höchstens die Gegenfrage stellen: Was suchst du den Lebenden bei den Toten? Gewiß gibt es den Teufelskreis des Bösen, aber die Liebe kann ihn durchbrechen, und sie hat ihn immer wieder durchbrochen. Statt Pilatus eine Antwort auf die Frage „Was ist Wahrheit?“ zu geben, hat Jesus ein praktisches Zeugnis für die Wahrheit, die er in Person ist, gegeben, und zwar ganz konsequent bis zum Äußersten. So hat er gezeigt: Wahrheit ist Liebe, und Liebe ist Wahrheit. Das Böse ist demgegenüber die Unwahrheit, es ist nur für eine gewisse Frist stärker, langfristig aber wird es vergehen. Ja, der Tod selbst ist nichts anderes als der Untergang all dessen, das nicht in der Wahrheit und in der Liebe ist. Wer nur das Böse sieht und die Vergeblichkeit des Guten, der sucht noch bei den Toten.

Wende also deinen Blick, starre nicht wie das Kaninchen auf die Schlange, sondern laß dir sagen, daß alles Böse endlich ist, Gottes Liebe aber unendlich! „Wach auf, du Schläfer, und steh auf von den Toten, und Christus wird dein Licht sein.“ (Eph 5,14) Suche den Lebenden nicht mehr bei den Toten, sondern suche ihn dort, wo der Teufelskreis des Bösen schon durchbrochen wurde! Denn so spricht der Herr: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben.“ (Joh 11,25) – Laßt uns diese freudige Botschaft mit nach Hause nehmen: „O Jesu, all mein Leben bist du, ohne dich nur Tod.“

116. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2007)

Das Weihnachtsfest, liebe Schwestern und Brüder, war einmal das Fest der Kinder par exelance. Das war es einmal. Mir scheint, dass es nun hauptsächlich ein Fest für Erwachsene geworden ist. Das sieht man an den Regalen, den Schaufenstern, den Anzeigen und Werbeblättern.
War es früher die Freude der Großen, die Kleinen zu beschenken, so meine ich feststellen zu müssen, dass es heute hauptsächlich darum geht, dass Erwachsene sich gegenseitig eine Freude machen.

Das liegt wahrscheinlich daran, dass immer mehr Erwachsene keine Kinder kennen, die sie beschenken könnten. Darauf hat der fast alles regierende Markt reagiert.

Unser Land – wie viele andere in Westeuropa auch – hat immer weniger Kinder. Das ist so und wird auch erst einmal so bleiben, auch wenn im vergangenen Jahr mehr Kinder geboren wurden als die Jahre zuvor.

Deutschland vergreist. Kindertagesstätten werden nicht nur wegen der Kosten reihenweise geschlossen. Es gibt schlicht zu wenig Kinder.

Das ist der Politik mittlerweile auch aufgefallen, nachdem der drohende Kollaps der Sozialsysteme von niemanden mehr übersehen werden konnte.

Kinder zu kriegen ist zu teuer geworden. Das ist eine der immer wieder angefügten Begründungen des Kindermangels. Aber war das früher anders? Waren Kinder nicht immer teuer, eine finanzielle Belastung? Reiche Länder müssten dann doch eigentlich eher mehr Kinder haben als ärmere? Aber dem ist ja nicht so.

Mütter können den Beruf und die Kindererziehung nicht mehr in Einklang bringen. Ein weiteres vielzitiertes Argument.
Deshalb unternimmt man viele Anstrengungen Kindergarten- und Krippenplätze zu vermehren und flexibler zu gestalten.
Als Träger von vier Kindertageseinrichtungen weiß unsere Pfarrei, was das heißt. Diesen Dienst wollen wir wohl zur Unterstützung der Familien gerne tun.

Dabei kommen mir aber manchmal Zweifel, ob es dem Großteil der Lösungsansätze wirklich um die Kinder geht. Wichtiger scheinen hier wohl die Belange der Wirtschaft zu sein. Frauen sollen frei sein, um im Berufsleben das Bruttosozialprodukt anzukurbeln. Nichts dagegen.

Nur wenn in einer Gesellschaft als Arbeit ausschließlich anerkannt wird, was auch Geld einbringt, jeder Ansatz zur Entlohnung von Familienarbeit aber mit Schlagworten wie "Herdprämie" oder "Heimchenbonus" abzutöten versucht wird, kann es jedenfalls nicht weit her sein mit einer Wertschätzung von Familie. Und dass Menschen, die eben darauf hinweisen – manchmal auch ungelenk oder provokativ – dass solche Menschen in den Medien mit Dreck beworfen oder gar bei laufender Kamera des Studios verwiesen werden, stimmt mich mehr als nachdenklich.

Wirtschaftliche und gesellschaftliche Hemmnisse gibt es. Und sie haben ihre Auswirkung auf die Zahl der Kinder. Sicherlich. Aber Probleme dieser Art gab es immer.

Das Problem scheint tiefer zu liegen.
Es ist der Mangel an Hoffung verbunden mit dem, was das mit sich bringt: der Verlust an Vertrauen in die Zukunft, Lebenskraft, Kreativität, Poesie und Lebensfreude.

So wie die Ehe ein Akt des Vertrauens, des Sich-Trauens ist, so ist das Kinderkriegen vornehmlich ein Akt der Hoffnung. Hoffnung auf Zukunft für die Welt, in die hinein die Kinder geboren werden.

In diese Welt kann man doch keine Kinder mehr setzten – So sagen viele und denken dabei an Kriege, Klimakatastrophe, globalisierter Ungerechtigkeit. usw. Viele haben keine Hoffnung für diese Welt mehr.

Und tatsächlich, wer seine Hoffnung allein in diese Welt setzt, der wird bald keine Hoffnung mehr für diese Welt haben. Der wird resignieren, stagnieren, leblos die Hände in den Schoß fallen lassen.

Hoffnung für die Welt trägt nur der in sich, der seine Hoffnung nicht in die Welt setzt, sondern auf deren Schöpfer.
Gott kennenlernen – den wahren Gott, das bedeutet Hoffnung empfangen. schreibt Benedikt XVI in seiner Enzyklika „Spe salvi“ – Auf Hoffnung hin. Und damit ist er am Puls der Zeit.

Der Glaube schenkt Hoffnung, weil er uns über diese Welt hinaushebt. Wieder der Papst:
Nicht die Elemente des Kosmos, die Gesetze der Materie, herrschen letztlich über die Welt und über den Menschen, sondern ein persönlicher Gott herrscht über die Sterne, das heißt über das All; nicht die Gesetze der Materie und der Evolution sind die letzte Instanz, sondern Verstand, Wille, Liebe – eine Person. Und wenn wir diese Person kennen, sie uns kennt, dann ist wirklich die unerbittliche Macht der materiellen Ordnungen nicht mehr das Letzte; dann sind wir nicht Sklaven des Alls und seiner Gesetze, dann sind wir frei. ...
Das Leben ist nicht bloßes Produkt der Gesetze und des Zufalls der Materie, sondern in allem und zugleich über allem steht ein persönlicher Wille, steht Geist, der sich in Jesus als Liebe gezeigt hat.

Wer Hoffnung hat, lebt anders, dem ist neues Leben geschenkt worden. Und deshalb vermag er auch neues Leben zu schenken.
Aus den Kindern blicken uns nicht nur hoffnungsvolle Augen an, sondern die Hoffnung selbst.
In den Schriften Charles Peguy gibt es eine schöne Stelle – ich habe sie leider nicht mehr so schnell gefunden –darin beschreibt er Glaube, Hoffnung und Liebe wie drei Schwestern, die sich an den Händen haltend einhergehen. In der Mitte ist die Hoffnung. Ein kleines Kind, das die anderen beiden größeren Geschwister zieht.
Wenn die Hoffnung stehen bleibt, bleibt alles stehen, heißt das.

Kinder sind Hoffnung. Wo wenig Kinder sind, ist wenig Hoffnung.

Liebe Schwestern und Brüder,
wir haben als Christen Hoffnung. Denn wir feiern heute die Geburt eines Kindes – Gottes Sohn Jesus Christus strahlt uns mit seinen hoffnungsfrohen Augen an. Gott hat Hoffnung für uns, für diese Welt.
Diese Hoffnung ist kein billiger Optimismus, keine Vertröstung nach dem Motto: Wird schon irgendwie.
Diese Hoffnung ist angefochten – am Kreuz schien sie sogar besiegt zu sein – aber sie ist unsterblich, ewig nicht zerstörbar, weil sie die Welt und ihre Schrecken besiegt hat.

Das göttliche Kind in der Krippe ist der Hoffnungsträger – keine politischen Parteien, Ideologien oder esoterische Ersatzreligionen.
Unsere Hoffnung könne wir stärken – gerade auch in der Anfechtung – wenn wir auf das Kind in der Krippe schauen. Die Umstände seiner Geburt waren alles andere als ein hoffnungsvoller Einstieg in die Welt. Statt eines staatlich mitfinanzierten Krippenplatzes hatte Er nur in einer ärmlichen Krippe Platz.
Es gilt, auf dieses Kind zu schauen, mit ihm zu sprechen, auf ihn zu hören, zu beten – dann wird die Hoffnung in uns wachsen.

In seiner Enzyklika nennt der Papst das Gebet eine Schule des Hoffens.
Pflegen wir das Gebet. Persönlich.
Aber auch besonders in der Familie zu Hause. Unsere Hoffnung reicht weiter, wenn wir nicht nur an Weihnachten beten und zur Kirche gehen.

Liebe Schwestern und Brüder.
Weihnachten war das Fest für die Kinder. Kinder sind unsere Zukunft, sind Zeichen der Hoffnung, das alles gut wird und Gott uns trägt und lenkt.
Weihnachten ist das Fest des göttlichen Kindes, das uns reich beschenkt. Es sagt uns ohne Worte: Gott hat Hoffnung für euch und diese Welt.
Dieses Kind beten wir an. Diesem Kind vertrauen wir uns an. Voller Hoffnung.

117. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

Jahr für Jahr hören wir die wunderbare Geschichte von der Geburt des Jesuskindes, und wir hören sie immer wieder gern. So geht es vermutlich den meisten heute nacht (heute morgen): sie sind freudig gestimmt und voller guter Erwartungen. Das neu geborene Kind weckt in uns Menschen den Beschützerinstinkt, es vertreibt die Härte aus unserem Alltag und rührt uns zu zärtlichen Gefühlen. Doch wir sollten bei diesen Gefühlen nicht stehen bleiben. Schauen wir auf das diesjährige Altarbild, das Frauen nach einer Vorlage des Priesters und Künstlers Sieger Köder gestaltet haben! Am vierten Adventssonntag habe ich dazu gesagt, dass dieses Bild uns das Rätsel des Menschen vor Augen führt und zugleich schon die biblische Lösung des Rätsels andeutet. Das Rätsel besteht im Widerspruch, der in unserem Leben waltet: Wir stehen in Konkurrenz mit den anderen und müssen ums Überleben kämpfen – und zugleich sehnen wir uns nach Frieden, nach Aufhebung der Konkurrenz. Wir müssen sterben und wollen doch ewig leben. Wir unterliegen einerseits dem Gesetz des Stärkeren und andererseits dem der Barmherzigkeit. Dieser Widerspruch schlägt uns in dem Bild entgegen: der tote Baumstumpf und darauf die Rose; die Dunkelheit und mitten drin das helle Licht, das von oben herabscheint. Nicht nur das Rätsel wird uns hier dargestellt, sondern auch bereits die Auflösung. „Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart. Wie uns die Alten sungen, von Jesse kam die Art und hat ein Blümlein bracht mitten im kalten Winter wohl zu der halben Nacht.“ Mit Jesse ist Isai gemeint, der Vater des Königs David: Aus der niedergegangenen davidischen Dynastie soll ein neuer Spross hervorgehen – mit dichterischer Freiheit hier unter dem Bild der Rose vorgestellt. Und dieser Spross, diese Rose ist Maria bzw. ihr Sohn Jesus: „Das Röslein, das ich meine, davon Jesaja sagt, ist Maria, die reine, die uns das Blümlein bracht. Aus Gottes ewgem Rat hat sie ein Kind geboren und blieb doch reine Magd.“ – Das heißt: Als Maria ihren Sohn Jesus zur Welt gebracht hat – was wir eben heute mit den Christen auf der ganzen Welt feiern –, da hat sich die alte Verheißung erfüllt, da ist der Retter geboren, auf den die Welt bis dahin voller Sehnsucht gewartet hat. „Das Blümelein so kleine, das duftet uns so süß; mit seinem hellen Scheine vertreibt’s die Finsternis, wahr’ Mensch und wahrer Gott, hilft uns aus allem Leide, rette von Sünd’ und Tod.“ Ich sagte, dass damit auch schon die Auflösung des Rätsels gegeben ist. Was ist durch das neu geborene Kind in der Krippe anders geworden? Wenn ich diese Frage vor 2000 Jahren dem König Herodes gestellt hätte, so hätte dieser vermutlich gedacht: »Ich weiß nicht. Aber vielleicht macht mir dieses Kind bald Konkurrenz und erhebt Anspruch auf meinen Thron.« Und er hätte damit nur gezeigt, dass er nichts verstanden hat. Wie übrigens so viele damals und heute. Aus dem Fluch von Konkurrenz, Kampf und Krieg befreit nicht einer, der ebenfalls in diesen Kategorien denkt. Das hieße den Teufel mit Beelzebub austreiben. Dieses Denken hat den Herodes dazu gebracht, eine Unzahl von kleinen Kindern in Bethlehem zu töten, und es bringt die heutigen Herodesse an den Schaltstellen der politischen und wirtschaftlichen Macht immer wieder neu dazu, zu drohen, zu erpressen, zu diffamieren, mundtot zu machen oder gar zu töten und zu morden. Was ist durch das neu geborene Kind in der Krippe anders geworden? Dass Gott in die Welt eingreift, indem er gerade nicht den Weg der Macht und Gewalt wählt, sondern den Weg der Erniedrigung und Armut, den Weg der wehrlosen Liebe, die nicht droht und übermächtigt, sondern bittet und einlädt. Das ist die eigentliche Überraschung, die uns Jahr für Jahr neu in Staunen versetzen sollte. Aber nicht nur überraschend ist diese Botschaft, sondern auch tröstend für jeden, der an der Ungerechtigkeit dieser Welt zu verzweifeln droht. Denn wir wissen ja, dass es nicht bei dem Zeichen geblieben ist, welches das kleine Kind aussendet, das zwar nicht alle, aber doch sehr viele Herzen erweichen kann, sondern dass Jesus später konsequent diesen Weg der Liebe weitergegangen ist. Jesus war kein Softie, der uns etwa zuruft: „Lach doch, Gott liebt dich!“ Das hätte niemanden überzeugt – weder damals noch heute. Nein, Jesus hatte eine überragende Ausstrahlung und Autorität, eine Ehrfurcht gebietende Persönlichkeit und eine überlegene Argumentationskraft, die seine Gegner in den Schatten stellte. Aber Jesus hat diese seine menschlichen Fähigkeiten einzig und allein für den Dienst an den Menschen eingesetzt, zum Schutz für die Verachteten und Entrechteten, die Niedrigen und Geringen, auch für die Sünder. Jesus hatte vor niemandem Angst, denn er wusste sich in der Hand seines Vaters sicher geborgen, er kannte keine Konkurrenz, sondern kündete einen umfassenden Frieden im Reiche Gottes, das mit ihm angebrochen war. Wieso ist dieser Friede in der Person Jesu schon gekommen? Was hat sich geändert, seit Jesus auf der Erde war? Es hat doch seitdem immer wieder Kriege und Streitigkeiten gegeben! – Jesus war der erste, der die Gewalt der Bosheit freiwillig an seinem eigenen Leib ausgehalten und getragen hat. Wie ein Lamm hat er die Sünden getragen und dadurch gerade weggenommen. Als er sich dem Kreuzesurteil unterwarf, hat er den Teufelskreis der Gewalt gebrochen und einen neuen Anfang ermöglicht, einen neuen Weg, eine neue Lebensweise, welche nach und nach die Welt verändert hat. Alle, die sich Jesus im Glauben angeschlossen haben, sind durch die Jahrhunderte hindurch den neuen Weg der Liebe gegangen, haben sozusagen überall, wo tote Stümpfe waren, neue Sprosse der Hoffnung gepflanzt – wie sähe die Welt ohne diese vielen überzeugten Christen, ohne die Heiligen aus? Wir sollten nicht so oft klagen: »Warum ist noch so viel Elend in dieser Welt?« Sondern eher ausrufen: »Wie schlimm könnte es sein ohne den christlichen Glauben und die christliche Liebe!« In diesem Zusammenhang erinnere ich an die Geschichte vom jungen Mann, der im Traum einen Laden betritt. Hinter der Theke steht ein Engel. Er fragt den Engel: »Was verkaufen Sie, mein Herr?« Der Engel antwortet freundlich: »Alles, was Sie wollen.« Der junge Mann beginnt aufzuzählen: »Dann hätte ich gern das Ende aller Kriege in der Welt, bessere Bedingungen für die Randgruppen der Gesellschaft, Beseitigung der Elendsviertel in Lateinamerika, Arbeit für die Arbeitslosen, mehr Gemeinschaft und Liebe in der Kirche und. .. und ...« Da fällt ihm der Engel ins Wort: »Entschuldigen Sie, junger Mann, Sie haben mich falsch verstanden. Wir verkaufen keine Früchte, wir verkaufen nur den Samen.« Das Altarbild zeigt uns nicht, wie eine Rose die Stelle des Baumstumpfs einnimmt, sondern wie sie auf ihm wächst. Eine Änderung und Verbesserung der Welt ist nicht anders möglich als durch das geduldige Wachsen und Reifen des Guten, durch den Samen des guten Vorbildes, das nach und nach das Denken und Handeln der Menschen umformt. Gott hat in seinem Mensch gewordenen Sohn Jesus Christus dazu den Anfang gemacht. Weihnachten gibt das frohe Hoffnungssignal, dass die Welt nicht im Dunkel versinken wird, sondern vom Licht verwandelt wird. Weihnachten ermutigt uns, selber den Weg der Liebe zu gehen, nicht einzustimmen in der Klagelied der Unzufriedenen und nicht mitzumachen beim allgemeinen Hauen und Stechen, der verbreiteten Selbstbedienungsmentalität zu widerstehen und die eigene Kraft einzusetzen für den Dienst am anderen Menschen, wie Jesus und die Heiligen es uns vorgelebt haben.

118. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2007)

„Ach, hören Sie doch auf, Herr Kaplan, die Jugend glaubt doch an nichts mehr.“
„Glauben – schön und gut. Aber wie die Kirche mit den Frauen umgeht. Nein, Danke!“
„Natürlich gehe ich zur Kirche. Ich bin gläubig. Aber warum ich beichten soll, das sehe ich irgendwie nicht ein.“
„An einen Gott kann ich glauben, an einen, der die Welt erschaffen hat. Aber daß Jesus der Sohn Gottes ist, daran zu glauben, fällt mir schwer.“

Solche und ähnliche Sätze höre ich häufig als Kaplan.
In diesen Sätzen, liebe Schwestern und Brüder, geht es um Zweifel.
Ganz sicher sind jetzt unter uns auch einige, die Zweifel in sich tragen, was Gott, Glaube und Kirche anbelangt.
Aber dürfen die hier im Gottesdienst sein. Das ist doch nur was für richtig fest Glaubende. Oder etwa nicht?

Nun, im Glauben zu zweifeln, heißt noch lange nicht, nicht zu glauben.
„Viele Zweifel sind noch lange kein Unglaube.“ Hat Kardinal Newmann gesagt.

Wer Zweifel in sich trägt, wer nicht alles kommentarlos hinnimmt, wer sich nicht mit glatten Formeln zufrieden gibt, zeigt, dass ihm der Glaube wichtig ist. So wichtig, dass er ihn auch tiefer, gewisser verstehen will. Wer zweifelt, der sucht und fragt.
Deshalb ist ein Zweifler kein Ungläubiger.

Und auch zweifelnde Gläubige haben ihren Platz in der Kirche.
Davon spricht das heutige Evangelium.

Da ist Thomas, genannt Didymus –Zwilling. Er gehört zu den Jüngern. Ja, er gehört gar zu den Zwölf, also zum engsten Kreis um Jesus.

Und er hat Zweifel, ob das alles stimmt, was die anderen über die Auferstehung Jesu sagen.
Er hat Zweifel und sucht nach Antworten, will Gewissheit.
Er will im wahrsten Sinne des Wortes begreifen, dass der Auferstandene auch der Gekreuzigte sei. Deshalb will er seine Hände in die Wundmale Jesu legen.

Diese Zweifel, die seinen Glauben an Jesus zutiefst erschüttert haben müssen, sagt er offen seinen Mitbrüdern, denen, die glauben.

Und dann kommt ein Satz im Evangelium, den ich sehr bemerkenswert finde:
Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder versammelt, und Thomas war dabei.

Thomas war dabei. Die Jünger haben Thomas nicht aus ihrer Gemeinschaft verbannt. Die Glaubenden haben den Zweifler nicht verstoßen. Nein, Thomas war dabei.
Das wird nicht ohne Spannung gewesen sein. Auf der einen Seite die euphorischen Zeugen der Auferstehung, auf der anderen Seite der Zweifler. Schließlich zweifelt Thomas ja nicht nur am Glauben, er zweifelt ja auch die Glaubwürdigkeit der anderen an. Der eine oder andere wird Thomas nicht sonderlich grün gewesen sein.

Und dennoch heißt es: Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder versammelt, und Thomas war dabei.

Das heißt für uns: Auch diejenigen, die am Glauben zweifeln, die kritische Fragen stellen, die auch andere und ihren Glauben infrage stellen, gehören zur Kirche.
Sie gehören dazu, wenn sie sich wirklich um Antworten bemühen, wenn ihre Fragen echt sind, ihre Zweifel keine Ablehnung des Ganzen, sondern eine Suche nach dem Ganzen des Glaubens sind.

Gerade junge Christen stellen ihre Fragen und Anfragen. Für viele ältere ist das ein Ärgernis oder eine tiefe Sorge.
Ärgernis, weil die Jugendlichen nicht fraglos das tun, was die Älteren tun.
Sorge, weil die Älteren befürchten, dass die Jüngeren sich von Gott und Kirche endgültig wegbewegen.

Die junge Generation hat das Recht, zu hinterfragen, Zweifel an Bestehendem zu erheben. Ansonsten wäre es keine Jugend. Die kritische Auseinandersetzung mit der Welt gehört zum Erwachsenwerden dazu. Und ich persönlich bin froh, wenn sich Jugendliche in unseren Tagen überhaupt den Fragen nach Gott, Glaube und Kirche annehmen. Das zeigt zumindest, dass ihnen diese Fragen am Herzen liegen.

Aber nicht nur die junge Generation hat das Recht, zu hinterfragen. Jeder von uns sollte freimütig seine Fragen stellen, seine Zweifel äußern können. Niemand sollte dem anderen deshalb den Kopf abreißen oder ihn verunglimpfen.

Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder versammelt, und Thomas war dabei.
Thomas ist trotz seiner Zweifel bei den Jüngern geblieben. Und in ihrer Mitte ist er dem Auferstandenen begegnet. Seine Zweifel schwanden. Er konnte gläubig bekennen: Mein Herr und mein Gott.
Hätte Thomas die Gemeinschaft der Jünger verlassen, wäre es dazu nicht gekommen. Die Kirche ist und bleibt der Ort, wo wir unsere Fragen stellen können und sollen. In ihr finden wir die Antworten, auch wenn sie uns manchmal nicht sofort einleuchten. Oder wir uns schwer mit ihnen tun.

In der Gemeinschaft der Kirche haben alle Platz, die ehrlich suchen und fragen. In der Gemeinschaft der Kirche können sie –wie Thomas- Christus begegnen, Zweifel möglicherweise ausräumen.

Vielleicht nehmen Sie folgende Fragen mit nach Hause:
Wo habe ich Zweifel im Glauben? Wo bin ich ein Thomas?
Wo suche ich meine Antworten? In der Kirche?
Wann habe ich das letzte Mal mit jemandem darüber gesprochen und mit wem? Was hat mich gehindert, darüber zu sprechen?
Kenne ich einen wie den Thomas? Nehme ich in mit in die Gemeinschaft der Jünger, in die Kirche?

119. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2007)

Liebe Gemeinde!

„Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“ Wie oft haben Sie dieses Jesuswort schon gehört! Ich denke mir manchmal, dieses Wort leidet ein wenig unter Verschleiß sowie darunter, für eine billige Vertröstung mißbraucht zu werden: Wenn wir schon nicht sehen und begreifen können, dann sollen wir uns wenigstens damit trösten, daß uns die Seligkeit verheißen ist.

Ich möchte dagegen heute die Frage stellen: Besteht denn die Anfechtung gegen den Glauben vorrangig darin, daß wir keine Augenzeugen des Ostergeschehens sind und es auch nicht sein können? Fällt es uns schwer zu glauben, weil wir damals nicht dabei waren? Liegt die Schwierigkeit zu glauben nachgerade im fehlenden Wissen, oder liegt sie vielleicht ganz woanders?

Josef Pieper macht darauf aufmerksam, daß es gerade der Wissende besonders schwer hat, zu glauben. Also derjenige, der sich auskennt, der Theologe, ist ganz besonders stark angefochten von der Versuchung, den Glauben aufzugeben. Warum ist das so? Weil er sich nicht einfach vom großen Strom der Glaubenden tragen lassen und gleichsam mitschwimmen kann, sondern weil er alle Gegenargumente durchdenken muß, die im Laufe der Jahrhunderte gegen den Glauben ersonnen worden sind. Er muß sie an sich herankommen lassen und sich ihnen stellen. Insofern ist er, wie der heilige Thomas von Aquin gesagt hat, dem Martyrer zu vergleichen, der trotz aller Gewalt den Glauben nicht preisgibt. Denn auch im Inneren des Menschen spielen sich Kämpfe ab zwischen den Einsprüchen der eigenen Vernunft und dem Willen, ihnen standzuhalten. Von den Tausenden dieser vernunftgespeisten Zweifel will ich nur einen nennen: Wie kann Gott seine allumfassende Rettungsaktion der Menschheit an einen einzelnen Menschen binden, an einen Ort und einen Zeitpunkt in der Geschichte? Wie soll in einem Menschen die Universalität des Heiles begründet sein? Und wieso läßt Gott diese weltbewegende Botschaft über den dünnen Faden der geschichtlichen Überlieferung vermitteln? – Oder etwas einfacher formuliert: Was haben wir Späteren mit den Osterereignissen von damals zu tun?

Joseph Ratzinger hat sich über 50 Jahre lang mit Fragen dieser Art herumgeschlagen und nun in einem ganz neuen Buch die Summe seiner theologischen Einsichten präsentiert. Ohne zu übertreiben, darf man wohl sagen, daß der heutige Papst zu den Martyrern des Glaubens im gerade dargelegten Sinne gehört: Er hat zeitlebens die teilweise überaus heftigen Gegenargumente gegen den Glauben bis auf den Grund reflektiert und ihnen mit aller Glaubenskraft standgehalten. Sein Buch über Jesus von Nazareth gibt davon Zeugnis. Es ist kein offizielles Lehrschreiben der Kirche, darum lädt der Papst ausdrücklich zu Kritik und Widerspruch ein. Es legt vielmehr dar, wie dieser große Theologe Antwort zu geben versucht auf die Haupteinwände historischer Kritik gegen die universale Bedeutung Jesu Christi. Ein gewöhnliches päpstliches Lehrschreiben würde diese Einwände einfach mit Hinweis auf die Tradition der Kirche und die entsprechenden Lehrentscheidungen zurückweisen und die nähere Begründung den Theologen überlassen – man könnte auch sagen: den martyriumsbereiten Christen, die sich in die Abgründe der Zweifel zu begeben trauen, gleichsam in die Höhle des Löwen. Wer diese Auseinandersetzung überstanden hat und noch dazu als Sieger, der kann ein Buch wie das erwähnte schreiben.

Nicht für jeden Christen ist dieses Buch hilfreich und notwendig. Aber für diejenigen, die zumindest hin und wieder wie der Apostel Thomas von Zweifeln geplagt werden und sich nicht mehr so ohne weiteres dem Strom der Glaubenden anschließen können, ist dieses Buch wie ein Leuchtturm – ganz ähnlich wie das unbeirrte Zeugnis der Martyrer für die Schwankenden und Entmutigten. Es zeigt, daß der Glaube trotz aller Anfechtung Bestand haben kann, und sein Autor zeigt, daß man dabei durchaus selig bleiben oder werden kann.

Um zum Anfang zurückzukommen: Das Wort Selig sind, die nicht sehen und doch glauben will uns nicht vertrösten, und noch weniger will es uns dazu anleiten, auf die Bestätigung unserer Vernunft zu verzichten – nach dem Motto: „Augen zu und durch!“ Es macht lediglich darauf aufmerksam, daß die Augenzeugenschaft auf eine kurze Phase beschränkt ist, ohne daß deshalb die späteren Gläubigen im Nachteil sind. Uns fehlt nichts nur deshalb, weil wir Ostern nicht dabei waren. Wir haben nicht größere Schwierigkeiten zu glauben als die Apostel. Aber ganz gleich, ob jemand Augenzeuge der Osterereignisse war oder nicht – wer glaubt und standhaft bleibt, der wird selig sein, nicht erst in Zukunft, sondern im Akt des Glaubens. Denn darum geht es: „daß ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.“

120. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2006)

Mein Sohn, Deine Sünden sind Dir vergeben.

Liebe Schwestern und Brüder,
das ist das eigentliche Wunder in der Heilungserzählung, die wir im Evangelium gehört haben.

Die Heilung des Leibes kommt erst nachher. Wesentlich scheint für Jesus die Heilung der Seele zu sein, die Vergebung der Sünden.

Ich glaube an die Vergebung der Sünden. So bekennen wir.
Gott vergibt die Schuld. Das glauben wir.

Aber manchmal kommen in mir Zweifel auf.
Gerade wenn ich im Beichtstuhl sitze.
Wenn wir als katholische Christen an die Vergebung der Sünden glauben, warum nimmt dann kaum jemand mehr das Sakrament der Vergebung wahr?
Warum sitzen Pastor Stücker und ich im Beichtstuhl und warten häufig so lange vergeblich, daß jemand kommt?
Viele sind es nämlich nicht gerade, die kommen. Meistens ein vielleicht mal zwei. Häufig niemand.

Die geringe Zahl derjenigen, die zur Beichte kommen, ist nicht gerade ein flammendes Zeugnis der Kirchhellener Bevölkerung für ihren Glauben an die Vergebung der Sünden.

Gut, vor Weihnachten kamen ein wenig mehr Menschen. Aber auch deren Anzahl war so gering, daß man meinen könnte: Die Katholiken in Kirchhellen sündigen nicht. Und mit Verlaub, das glaube ich wiederum nicht.
Vielleicht gehen die ja woanders beichten, versuche ich mich manchmal zu trösten. Aber weder die Nachbarpfarrer noch die Pater vom Jugendkloster berichten von Schlangen vor ihren Beichtzimmern.
Es bleibt dabei: Hier wird wenig gebeichtet. Warum ist das so?

Sicherlich, es hat schwere Fehler in der Beichtpraxis gegeben. ältere Menschen erzählen von Druck, Angst, Zwang, Herzlosigkeiten.

Mich haben andere Erfahrungen geprägt: Wenn ich an meinen Beichtunterricht zurückdenke, und der ist nun auch schon fünfundzwanzig Jahre her, da war nichts zu spüren von Angstmacherei usw.
Natürlich kostete mir die Beichte im Anfang Überwindung, aber letztlich war es immer ein sehr tröstendes und schönes Erlebnis für mich.

Und die Kommunionkinder in dieser Gemeinde haben vor Weihnachten zumindest ähnlich positive Erfahrungen gemacht. Ebenso die Firmlinge vor der Firmung.

Jedenfalls meine ich das erkennen zu können in den Gesichtern der Kinder, die zum erstenmal beichten.
Da wird im Beichtstuhl auch schon mal gelacht.
Ab und zu kommen dann Eltern und erzählen, wie schön die Erfahrung der Beichte für die Kinder war.

Und spätestens da frage ich mich dann: Warum kommen dann so wenige aus dieser Elterngeneration zur Beichte, wenn das doch so gut zu gehen scheint?
Brauchen denn bloß noch Kinder die Vergebung der Sünden?

Nein, wir haben sie alle nötig. Bitter nötig. Ich auch. Darum gehe ja auch ich als Priester beichten. Regelmäßig.

Und seit meiner ersten Beichte habe ich noch nie erlebt, daß ein Beichtvater mich – entschuldigen Sie das Wort - abgesaut hat.
Im Gegenteil. Vielfach hat mich der Zuspruch des Priester aufgebaut.
Und aufgebaut hat mich auch immer die Gewißheit, daß Gott mir vergeben hat.
So war, so ist jede Beichte für mich ein Neuanfang, ein neues Aufleben.

„Was soll ich denn beichten? Ich hab doch gar keinen umgebracht.“, sagen viele.
Abgesehen davon, daß man einen Menschen nicht nur mit Messer oder Pistole, sondern auch mit der Zunge oder im Gedanken umbringen kann,
geht es darum, die kleinen Lieblosigkeiten, die kleinen Vergehen gegen Gott, gegen den Nächsten und gegen sich selbst vor Gott zu tragen, damit er sie heilt, er sie vergibt.

Es geht in der Beichte eben auch darum, die kleinen Risse in der Staumauer auszubessern, damit sie nicht weiter aufreißen und irgendwann die Mauer dem Druck der Wassermassen nicht mehr standhalten kann und zusammenbricht.
Es geht darum sozusagen das Dach unserer Seele vom Schnee der Unaufmerksamkeiten und Lieblosigkeiten zu befreien, damit es nicht einstürzt.

Die Beichte hilft so, aufmerksam zu bleiben, damit in mir irgendwann nicht doch der Damm bricht und dann tatsächlich jemanden umbringe. Auch wenn wir es nicht gerne hören: Jeder und jede von uns ist eigentlich zu allem fähig.
Es gibt tiefe Abgründe im Menschen, in mir. Und daß diese mich nicht verschlingen, dazu hilft mir das regelmäßige Bekenntnis dieser meiner Abgründe.

Gefahr erkannt, Gefahr gebannt.

In der Beichte lerne ich mich besser kennen,
kann ich lernen, auch mit meinen dunklen Seiten umzugehen,
werden meine dunklen Seiten verwandelt durch die Vergebung Gottes.
In der Beichte erfahre ich: Gott schenkt mir einen neuen Anfang, ein neues Leben.
Letztlich höre ich Jesus zu mir sprechen: Mein Sohn meine Tochter, Deine Sünden sind Dir vergeben.

Wie gesagt: Jesus geht es im Evangelium zuerst um die Heilung der Seele, dann um die Gesundung des Körpers.

Der Gelähmte im Evangelium kann wieder laufen, nachdem Jesus ihm zuerst die Sündenvergebung zugesprochen hat.

Ich stelle immer wieder fest – egal ob ich Beichte höre oder selber beichte – dass die Absolutionsformel „Und so spreche ich Dich los von Deinen Sünden“ oft innerlich Gelähmten wieder neuen Schwung verleiht,
dass die Beichte zurecht immer öfter das Sakrament der Freude genannt wird.

Sicherlich, den Weg in den Beichtstuhl zu finden, kostet Überwindung. Aber was nehmen wir Menschen nicht oft für Opfer auf uns, um unseren Körper zu stählen, ihn gesund zu halten. Sollte unsere Seele etwa zu kurz kommen?

Mein Sohn, Deine Sünden sind Dir vergeben.
Dieses Wort Jesu wartet auf Sie und auf mich. Amen.

Übrigens an jedem Samstag von 16.00 – 16.45 Uhr besteht hier in der Kirche Gelegenheit zur Beichte. Sie können auch uns Pastöre gerne um einen anderen Termin ansprechen.

121. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2006)

Predigtvorschlag nach Mk 1, 12-15; 1 Petr 3, 18-22

Liebe Gemeinde!

Gegen die Kirche wird immer wieder der Vorwurf erhoben, sie wolle den Menschen nur ein schlechtes Gewissen einreden, damit sie sich ihrem Einfluß ausliefern und so leichter manipuliert werden können. Wie immer ist auch an diesem Vorwurf etwas dran – es hat solchen Mißbrauch gegeben und gibt ihn auch in unserer Zeit hier und dort. Aber zum einen gilt die Regel: abusus non tollit usum, der schlechte Gebrauch hebt den guten nicht auf! Und zum anderen dürfen wir auch darauf hinweisen, daß das Motiv der Erlösung von der Schuld gar nicht von den Christen erfunden wurde. Es ist viel älter und kommt besonders häufig vor in den Mythen der Menschheit sowie in vielen Märchen. Viele Märchen beginnen mit der Schilderung einer Not, und sie reden sehr oft von einem Retter, der den geheimen Fluch löst und den Menschen ein neues Leben ermöglicht. Ja, gerade auch die moderne Fantasy-Literatur ist ganz erfüllt mit solchen Motiven, und das beweist eindringlich, daß Not und Schuld einerseits und Erlösung andererseits der menschlichen Erfahrung und Sehnsucht zutiefst entsprechen.

So muß der Vorwurf an die Adresse derjenigen zurückgegeben werden, die ihn gegen uns erheben. Wer laut oder insgeheim fordert, daß von Sünde und Schuld möglichst gar nicht mehr die Rede sein soll, damit die Menschen endlich unbesorgt tun können, was ihnen gut dünkt, der verschweigt eine ganz wesentliche Wahrheit; er befreit den Menschen nicht, sondern liefert ihn einer Geistlosigkeit aus, die ihn letztlich entwürdigt. Und es ist sehr die Frage, ob besagte Geistlosigkeit den Menschen nicht erst recht anfällig macht für raffinierte Beeinflussung.

Um der Wahrheit und der Würde des Menschen willen sieht sich also die Kirche veranlaßt, weiterhin von Sünde und Erlösung zu sprechen, besonders in der Fastenzeit. Sie hält uns die biblischen Bilder vor Augen, damit wir uns darin wiederfinden. So spricht Jesus etwa vom verlorenen Schaf, das sich im Gestrüpp verfangen hat und aus eigener Kraft nicht mehr herausfindet. Dieses Schaf ist ein Bild für den Menschen, der sich durch die Sünde verirrt und verloren hat. Jesus aber vergleicht sich selbst mit dem guten Hirten, der dem Schaf nachgeht und es aus den Dornen wieder herausholt.

Dieses Bild nimmt die heutige Lesung aus dem 1. Petrusbrief auf, wenn es heißt: „Christus ist der Sünden wegen ein einziges Mal gestorben, er, der Gerechte, für die Ungerechten, um euch zu Gott hinzuführen“. (1 Petr 3,18) Entscheidend ist die Zielrichtung: „um uns hinzuführen zu Gott“. Er ist dorthin gegangen, wohin die Sünde den Menschen geführt hat, d.h. im Bilde gesagt: ins Dornengestrüpp. Er hat sich der Macht der Sünde ausgesetzt und ist das Risiko eingegangen, selber in die Bosheit der Menschen hineingezogen zu werden. Wer sein Leben für andere einsetzt, der bleibt nicht schadlos. Das erfahren schon Ärzte und Krankenpfleger, die von den Kranken angesteckt werden können, oder Polizisten, die in Ausübung ihrer Pflicht manchmal verletzt werden. Das hat Jesus erfahren, als er sich mit uns Sündern eingelassen hat.

Um uns zu Gott hinzuführen und zurückzuführen – darum ist Christus bis zum Äußersten gegangen, bis zum Tod am Kreuz. Sein Tod war die Folge seiner Bereitschaft, uns Menschen nachzugehen in alle Verirrungen hinein, uns dort herauszuholen und wieder zurückzuführen in das Reich Gottes. Er mußte sterben, nicht weil Gottes Gerechtigkeit seinen Tod gefordert hätte, sondern weil es Menschen gab, die sein Werk vereiteln wollten. Nur insofern kann man sagen, daß Jesu Tod gottgewollt war, als Gott Treue und Gehorsam verlangt, und dem hat Jesus vollauf entsprochen, er war treu und gehorsam – ohne Einschränkung, in äußerster Konsequenz – bis zum bitteren Tod.

Doch dieser Tod hat das Ziel nicht vereitelt: uns Menschen zu Gott hinzuführen. Weil Jesus ihn freiwillig angenommen hat aus Liebe zu uns, darum konnte er uns das Leben geben, das wir ohne ihn nicht hätten. Das Opfer Jesu hat dem Reich Gottes auf der Erde wieder Geltung verschafft. Nun ist dieses Reich endlich wieder nahe, ist es nicht mehr fern und unerreichbar.

Und daraus folgt der stets aktuelle programmatische Umkehrruf: „Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ Kehrt um von falschen Lebensgewohnheiten, die von Gott wegführen, die letztlich den Tod bringen. Wendet euch neu dem Evangelium zu, der Botschaft von der Erlösung aus Schuld und Sünde. Laßt den guten Hirten sein Werk an euch tun, bittet um Vergebung und nehmt sie an!

40 Tage Zeit sind uns nun wieder gewährt, diese innere Ausrichtung auf Gott neu zu üben. Das Fasten ist dazu eine wirksame Hilfe, die keineswegs als veraltet abgetan werden sollte. In einer Präfation heißt: „Durch das Fasten des Leibes hältst du die Sünde nieder, erhebst du den Geist, gibst du uns die Kraft und den Sieg durch unseren Herrn Jesus Christus.“ Nehmen wir diese Zeit als Chance wahr, unser Leben wieder am Hohen und Edlen auszurichten, anstatt bloßer Mittelmäßigkeit zu verfallen. Mit den Worten eines geistlichen Schriftstellers: „Dein Leben darf kein fruchtloses Leben sein. Sei nützlich. Hinterlasse eine Spur. Leuchte mit dem Licht deines Glaubens und deiner Liebe!“

Das sind wir unserer Würde als Kinder Gottes schuldig, und das sind wir Christus schuldig, der sich nicht zu schade war, den bitteren Weg der Entsagung, des Leidens und des Opfers zu gehen.

122. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2006)

Es gibt Gerüchte, die sich enorm hartnäckig halten. Ein solches Gerücht lautet: „Die Kirche ist leibfeindlich.“

Man macht das gerne an der Sexualmoral und an den Fastengeboten der Kirche fest.
Sicherlich, es gab Menschen in der Kirche, die prüde und vertrocknet wirkten, die durch übertriebene Kasteiungen ihrem Körper unverhältnismäßig viel Leid zufügten.
Aber man darf von den Fehlformen nicht auf die eigentlich gültige Lehre der Kirche schließen.

„Die Kirche ist leibfeindlich.“ - Dieser Satz kann gar nicht stimmen.

Bester Beweis dafür ist die Krippe hier in der Kirche.
Wir glauben an einen Gott, der Fleisch angenommen hat in Jesus Christus. Dieser Gott ist in seinem Sohn leibhaftig unter uns gewesen.
Keine Religion kennt das. Die Inkarnation - die Menschwerdung Gottes - ist und bleibt etwas zutiefst Christliches, etwas, was andere Religionen nicht kennen und sich nicht vorstellen können.

Gott leibhaftig unter uns Menschen - Zur Zeit der ersten Christen war das ein Skandal. Alles Körperliche, Leibliche war minderwertig gegenüber dem Geistigen. „Seele gut, Leib schlecht“ lautete damals die Devise.
Und noch heute gibt es viele Formen der Abwertung des Leibes, gerade in esoterischen, ostasiatisch verbrämten Meditationsformen. Die Seele soll darin vom Leib befreit, erlöst werden.

Die Kirche hat dagegen immer die „Auferstehung des Fleisches“ gehalten.
Der Mensch wird als Ganzer erlöst, mit Leib und Seele. Der Mensch ist schließlich Leib und Seele.
So gesehen ist die Kirche nicht leibfeindlich, sondern leibfreundlich.

Der Leib hat für uns Christen eine hohe Bedeutung, er ist etwas enorm Kostbares. Das haben wir in der Lesung aus dem ersten Korintherbrief gehört, in dem es heißt:
Oder wißt ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt?

Der Leib des Menschen - ein Tempel des Hl. Geistes, ein Tempel Gottes.
Er ist uns geschenkt worden, wir haben ihn nicht selber gemacht. Der menschliche Leib ist eine Schöpfung Gottes. Und was für eine.

Die verschiedenen inneren Organe in ihrer ganzen Komplexität ermöglichen erst unser Leben.
Die Sinnesorgane erlauben uns, miteinander in Kontakt zu treten.
Der Leib ermöglicht es, daß wir uns in dieser Welt bewegen, sie gestalten und formen können.
Wir haben nicht nur einen Leib, wir sind Leib.

Wenn wir diesen Leib von Gott geschenkt bekommen haben, müssen wir auch in irgendeiner Weise damit umgehen. Und zwar so, daß wir dem Geschenk und dem Schenkenden gerecht werden.
In der Lesung faßt Paulus das prägnant zusammen, indem er die Korinther damals und uns heute aufruft:
Verherrlicht Gott in eurem Leib!

Wie aber kann das konkret geschehen?

Nun, wenn der Leib wirklich Tempel Gottes also etwas Heiliges ist, dann sollten wir ihn auch heilighalten, ihn ehren, ihn pflegen.

Gott in unserem Leib verherrlichen hieße dann,
ihm die nötige Hygiene zukommen zu lassen, ihn gesund zu halten, ihm den nötigen Schlaf zu gewähren.
Alles Maßlose sollten wir von ihm fernhalten.

Verherrlicht Gott in eurem Leib!
Dazu paßt nicht, sich unkontrolliert mit allen möglichen Speisen oder Rauschmitteln vollzustopfen.
Dazu paßt nicht, sich jedes Wochenende volllaufen zu lassen und die Nacht zum Tage zu machen. Das sind keine Heldentaten, mit denen man angeben müßte.
Dazu paßt nicht, seinen Body ohne Rücksicht auf Verluste zu stählen, mit übertriebenem Training oder Einnahme von unerlaubten Mittelchen.

Verherrlicht Gott in eurem Leib!
Dazu paßt nicht, die körperliche Unversehrtheit der anderen zu gefährden, indem man sie z. B. im Verkehr oder am Arbeitsplatz unnötigen Gefahren aussetzt.
Dazu paßt nicht, andere zu einem übertriebenen Konsum von Speisen, Getränken und Drogen zu animieren.

Wer das Maß im Umgang mit seinem Leib oder dem Leib der anderen aus den Augen verliert, versündigt sich gegen Gott, versündigt sich gegen den Tempel Gottes.

Verherrlicht Gott in eurem Leib!
Der Leib hat im Christentum, in der Sicht der Kirche eine hohe Würde. Wir sind Leib. Und alles, was den Leib und seine Regungen vom ganzen Menschsein trennt, kann nicht richtig sein. Das gilt gerade im Bereich der Sexualität.

Aus diesem Grunde wehrt sich die Kirche vehement gegen Einflüsse, die den Körper zu einem sexuelles Objekt degradieren.
Die körperliche Sexualität hat ihren Rahmen in der festen Liebesbindung zweier Mensch zueinander, die sich in der Ehe zwischen Mann und Frau – und nur zwischen Mann und Frau -verwirklicht. Alles andere ist in Wahrheit unmenschlich, wird dem Menschen nicht gerecht.

Deshalb verurteilt die Kirche Pornographie, Prostitution und alles, was die Trennung von Sexualität und Liebe fördert.
Dazu zählen auch künstliche Befruchtungs- und Verhütungsformen.
Dazu zählt auch das Erzählen oder Gutheißen schlüpfriger Bemerkungen oder Zoten. Der sogenannte versaute Witz hat im Mund eines Christen nichts zu suchen.

Verherrlicht Gott in eurem Leib!
Dieser Aufruf gilt auch jetzt im Gottesdienst.
Das Sitzen, das Knien, das Stehen sind körperliche Ausdrucksformen für unsere innere Haltung. Der Körper hilft uns beten.
Deshalb ist es gut, uns immer wieder zu prüfen, ob und wie wir mit unserem Leib beten.
Es geht nicht darum, sich stock und steif zu verhalten, aber die Kniebeuge sollte auch als solche erkannt werden; und das Kreuzzeichen sollten wir nicht so schlagen, als ob wir eine Fliege von unserem Gesicht vertreiben wollten.

Verherrlicht Gott in eurem Leib!
Wenn wir diesem Aufruf in unserem persönlichen Leben nachkommen, wird es demnächst vielleicht in der Gerüchteküche brodeln: „Schon gehört, die Kirche ist leibfreundlich.“

123. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2006)

Liebe Mitchristen!

Seit ich die Szene von der Tempelreinigung kenne, die wir gerade im Evangelium gehört haben, habe ich mir immer wieder die Frage gestellt: Warum handelt Jesus hier so schroff, so unvorbereitet und unvermittelt – geradezu gewalttätig, während er doch sonst voller Güte und Milde ist? Hätte er nicht seine Kritik am geschäftigen Treiben im Tempel etwas diplomatischer zum Ausdruck bringen können, anstatt sofort mit einer Geißel loszuschlagen? Mußte er so nicht auf völliges Unverständnis und Feindlichkeit stoßen, zumal doch der Handel im Vorhof des Tempels von der Tempelbehörde genehmigt war, damit der vorgeschriebene Opferkult vonstatten gehen konnte?
Eine erste Antwort gibt das energische Wort Jesu: „Macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!“ Die Handelsgeschäfte entweihen den Tempel, das Haus Gottes, das Haus des Vaters Jesu! Die Händler und Wechsler sind wie Störenfriede, die die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und so dem wahren Eigentümer des Tempels, Gott, die Ehre rauben. Das will Jesus, der ganz auf die Ehre seines Vaters bedacht ist, nicht dulden, und so treibt er sie alle voll Zorn hinaus. Dieses eigentümlich schroffe Vorgehen erinnert an die alten Propheten, die oft durch Zeichenhandlungen ihre Botschaften an die Menschen unterstrichen. Jesus gibt damit zu erkennen, daß er eine besondere göttliche Sendung hat, die ihn dazu ermächtigt, die bestehende Tempelordnung massiv anzugreifen.
Solche prophetische Kritik fordert zur Entscheidung heraus – und genau das beabsichtigte Jesus. Es gibt manchmal festgefahrene Denkgewohnheiten und Blickverengungen, die nur durch eine scharfe Konfrontation aufgedeckt werden können. So war es damals mit dem Opferkult im Tempel: An sich sollte das Lob Gottes im Vordergrund stehen, die Anbetung, der Dank und die Bitte um Verzeihung der Sünden; stattdessen war der Kult immer mehr veräußerlicht worden und diente nicht selten als Alibi für den fehlenden Gehorsam gegenüber Gott. Die Geschäftemacherei im Tempelvorhof war dabei nur der äußere Ausdruck einer inneren Fehlhaltung vor Gott:

  • Anstatt Gottes Ehre zu suchen, suchte man die eigene.

  • Anstatt Gott mit einem reuigen und demütigen Herzen zu dienen, bot man ihm äußere Opfer an, mit denen man sich aus der Verantwortung stehlen wollte, auch innerlich umzukehren von Hochmut und Selbstsucht.

  • Der Opferkult war zum Geschäft mit Gott entartet, nicht die Liebe zu Gott und die Treue zu seinem Bund bestimmten das religiöse Leben, sondern Lippenbekenntnisse und geheuchelte Frömmigkeit.

Und für all das hatte man ein perfektes System von Gesetzen und Vorschriften parat, das die Veräußerlichung des Kultes scheinbar legitimierte, ja den Blick für das Verkehrte daran fast völlig verstellte.

Die prophetische Zeichenhandlung, die Jesus in Form der Tempelaustreibung vollzog, wirkte da wie eine Ladung Dynamit, die die engen Mauern des verkehrten Denkens erschütterte und den An-Stoß zum Umdenken gab. Jeder konnte spüren, daß Jesus sich mit Vollmacht und mit heiligem Eifer für die Rechte Gottes einsetzte. Das, was vorher fraglosselbstverständlich war, wurde plötzlich massiv in Frage gestellt, und das, was fast völlig aus dem Blick geraten war, nämlich die rechte Verehrung Gottes, rückte wieder in den Vordergrund.

Uns wird diese Episode heute erzählt, weil auch wir gleichsam bei uns aufräumen müssen. Denn wir sind selbst der Tempel Gottes. Paulus fragt: „Wißt ihr nicht, daß ihr Gottes Tempel seid und daß der Geist Gottes in euch wohnt?“ – „Christ, erkenne deine Würde!“ Der Geist Gottes wohnt in dir! Laß diesen Tempel nicht durch äußerliche Geschäftigkeit entarten, sondern sei dir stets bewußt, daß du Kind Gottes bist und als solches eine erhabene Bestimmung trägst. Wir dürfen nicht vergessen, daß wir „Gesalbte des Herrn“ sind, Christen (so heißt das griechische Wort auf Deutsch übersetzt), geheiligte Menschen, d.h. solche, die niemals auf rein irdische Ziele festgelegt werden, geschweige denn für innerweltliche Zwecke ausgenutzt und mißbraucht werden dürfen.

Wir dürfen uns nicht unter unserer Würde verkaufen! Wir dürfen den Gott, der uns diese unvergleichliche Würde schenkt, nicht eintauschen gegen den Mammon, den Gott des Geldes! Wie oft fragen wir uns: „Was bringt mir der Glaube? Was habe ich davon, zur Kirche zu gehen?“ Die Antwort sollte immer wieder dieselbe sein: Hier begegne ich meinem Gott, der mich annimmt, wie ich bin, der mich nicht nach dem mißt, was ich habe oder was ich leiste. Die öffentliche Meinung verweigert heute Gott die Ehre, weil man die eigene sucht, weil man nur solche Götter akzeptieren will, die Macht, Lust und Geld versprechen. Wir dürfen da nicht mitmachen! Zu früheren Zeiten gingen wir in den Gottesdienst, weil wir gesehen werden wollen. Zu diesen Zeiten gehen wir nicht, weil wir nicht gesehen werden wollen. Das ist der veräußerlichte Gottesdienst, den Jesus anprangert: es fehlt die innere Beteiligung, es ist keine wirkliche Beziehung zu Gott da.

Es ist Fastenzeit: Zeit, die Vergebung Gottes zu erbitten und Jesus neu ins Herz einzulassen. Zeit, den alten Müll herauszuwerfen, so wie Jesus den Tempel von Müll gereinigt hat, es ist Zeit zum Beichten. So wie der Leib Jesu Tempel des Heiligen Geistes war, so ist es unser Leib, denn wir sind getauft und mit Heiligem Geist beschenkt. Diesen Tempel nicht zur Räuberhöhle verkümmern zu lassen, das ist der Sinn der österlichen Bußzeit. Amen.

124. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2006)

Liebe Gemeinde!

„Er hat alles gut gemacht“, sagen die Leute über Jesus (Mk 7,37). „Er löscht den glimmenden Docht nicht aus und das geknickte Rohr zerbricht er nicht.“ (Jes 42,3; Mt 12,20)

Das wird uns heute an einem typischen Arbeitstag Jesu deutlich gemacht. Nach einem Aufsehen erregenden Auftritt in der Synagoge begibt sich Jesus in das Haus des Simon, wahrscheinlich, um sich auszuruhen. Aber Petrus und Andreas kommen sofort mit einem Anliegen: Ihre Mutter leidet an einem Fieber, und Jesus zögert nicht, sie zu heilen. „Er ging zu ihr, faßte sie an der Hand und richtete sie auf. Da wich das Fieber von ihr, und sie sorgte für sie.“ (Mk 1,31)

Jesus nimmt die Kranke bei der Hand und richtet sie auf. Diese Bewegung des Aufrichtens ist kennzeichnend für die anderen Heilungen und überhaupt für das Wirken Jesu. Jesus richtet auf, leiblich und seelisch, alle, die zu ihm kommen. Wie viele Dinge gibt es in der Welt, die uns Menschen niederdrücken und den Kopf hängen lassen! Wieviel Anlaß gibt es, zum Heiland zu gehen, um von ihm aufgerichtet zu werden. Kein Wunder also, daß Jesus am Abend umlagert wird: „Die ganze Stadt war vor der Haustür versammelt.“ (Mk 1,33) – Wie viele Menschen hätten wohl an der Gemeindemission teilgenommen, wenn die Patres die Gabe der Heilung gehabt hätten!?!

Sie hatten diese Gabe nicht – genausowenig wie ich. Aber sie hatten andere Gaben, so wie jeder von uns mit irgend etwas begabt ist, um andere Menschen aufzurichten. Denn das ist doch der Kern von Jesu Botschaft: Das Reich Gottes ist gekommen, und damit ist die Macht der Sünde und der Dämonen gebannt. Die Wunderheilungen Jesu bezeugen das, sie sind die Zeichen für die innere Heilung und Aufrichtung, die mit Jesus gekommen ist. Aber damit ist auch sofort klar, daß Jesus nirgendwo bleiben kann; er muß vielmehr „anderswohin gehen, in die benachbarten Dörfer“, damit er „auch dort predigt“; denn dazu ist er gekommen. (Mk 1,38) Wohlweislich heißt es: damit er „auch dort predigt“. Nicht die Heilungen stehen im Mittelpunkt, sondern die Predigt vom Reich Gottes. Keiner darf ihn für seine privaten Ziele einspannen und festhalten. Im Gegenteil: wer Jesus begegnet ist, dessen Herz soll sich weiten und für den umfassenden Horizont öffnen, vor dem Jesu Wirken allein verständlich ist: für Gottes Reich und das heißt für Gemeinschaft und Liebe, die alle partikulären Interessen aufsprengt.

Wer von Jesus aufgerichtet wurde, sei es im geistigen, sei es im seelischen oder im leiblichen Sinne, der ist selber aufgerufen, aufzurichten und aufzubauen, am Reich Gottes mitzubauen. Nicht ab, sondern aufbauen. Das Handeln des Christen ist nicht destruktiv, sondern konstruktiv. Wir bauen auf durch unser Beispiel und durch ein gutes Wort. Ein Sprichwort aus der Mongolei sagt: „Ein gutes Wort ist wie drei Monate Wärme, ein böses Wort wie sechs Monate Frost.“ Das können wir brandaktuell am Beispiel der Karikaturen Mohammeds sehen: Die lieblose Lust am Spott und an der Destruktion der Glaubensüberzeugungen anderer läßt die Atmosphäre frostig werden und vergiftet das Klima.

Im Epheserbrief heißt es: „Über eure Lippen komme kein böses Wort, sondern nur ein gutes, das den, der es braucht, stärkt, und dem, der es hört, Nutzen bringt.“ (Eph 4,29) Das ist echter Dienst am anderen und an der Gesellschaft! Wenn wir Christen diesen aufbauenden Dienst nicht leisten, dann ist unser Salz schal geworden. Ignatius von Loyola sagt: „Jeder gute Christ muß mehr dazu bereit sein, die Aussage des Nächsten für glaubwürdig zu halten, als sie zu verurteilen. Vermag er sie nicht zu rechtfertigen, so forsche er nach, wie jener sie versteht; versteht jener sie aber in üblem Sinn, so verbessere er ihn mit Liebe.“ –

Liebe Mitchristen! „Er hat alles gut gemacht“, sagten damals die Leute über Jesus. Unsere Zeitgenossen werden zum selben Urteil nur kommen können, wenn sie sehen, daß die heutigen Jünger Jesu sich gleichfalls berufen fühlen, aufzurichten und aufzubauen – in Wort und Tat.

125. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2006)

Mein Sohn, Deine Sünden sind Dir vergeben.

Liebe Schwestern und Brüder,
das ist das eigentliche Wunder in der Heilungserzählung, die wir im Evangelium gehört haben.

Die Heilung des Leibes kommt erst nachher. Wesentlich scheint für Jesus die Heilung der Seele zu sein, die Vergebung der Sünden.

Ich glaube an die Vergebung der Sünden. So bekennen wir.
Gott vergibt die Schuld. Das glauben wir.

Aber manchmal kommen in mir Zweifel auf.
Gerade wenn ich im Beichtstuhl sitze.
Wenn wir als katholische Christen an die Vergebung der Sünden glauben, warum nimmt dann kaum jemand mehr das Sakrament der Vergebung wahr?
Warum sitzen Pastor Stücker und ich im Beichtstuhl und warten häufig so lange vergeblich, daß jemand kommt?
Viele sind es nämlich nicht gerade, die kommen. Meistens ein vielleicht mal zwei. Häufig niemand.

Die geringe Zahl derjenigen, die zur Beichte kommen, ist nicht gerade ein flammendes Zeugnis der Kirchhellener Bevölkerung für ihren Glauben an die Vergebung der Sünden.

Gut, vor Weihnachten kamen ein wenig mehr Menschen. Aber auch deren Anzahl war so gering, daß man meinen könnte: Die Katholiken in Kirchhellen sündigen nicht. Und mit Verlaub, das glaube ich wiederum nicht.
Vielleicht gehen die ja woanders beichten, versuche ich mich manchmal zu trösten. Aber weder die Nachbarpfarrer noch die Pater vom Jugendkloster berichten von Schlangen vor ihren Beichtzimmern.
Es bleibt dabei: Hier wird wenig gebeichtet. Warum ist das so?

Sicherlich, es hat schwere Fehler in der Beichtpraxis gegeben. ältere Menschen erzählen von Druck, Angst, Zwang, Herzlosigkeiten.

Mich haben andere Erfahrungen geprägt: Wenn ich an meinen Beichtunterricht zurückdenke, und der ist nun auch schon fünfundzwanzig Jahre her, da war nichts zu spüren von Angstmacherei usw.
Natürlich kostete mir die Beichte im Anfang Überwindung, aber letztlich war es immer ein sehr tröstendes und schönes Erlebnis für mich.

Und die Kommunionkinder in dieser Gemeinde haben vor Weihnachten zumindest ähnlich positive Erfahrungen gemacht. Ebenso die Firmlinge vor der Firmung.

Jedenfalls meine ich das erkennen zu können in den Gesichtern der Kinder, die zum erstenmal beichten.
Da wird im Beichtstuhl auch schon mal gelacht.
Ab und zu kommen dann Eltern und erzählen, wie schön die Erfahrung der Beichte für die Kinder war.

Und spätestens da frage ich mich dann: Warum kommen dann so wenige aus dieser Elterngeneration zur Beichte, wenn das doch so gut zu gehen scheint?
Brauchen denn bloß noch Kinder die Vergebung der Sünden?

Nein, wir haben sie alle nötig. Bitter nötig. Ich auch. Darum gehe ja auch ich als Priester beichten. Regelmäßig.

Und seit meiner ersten Beichte habe ich noch nie erlebt, daß ein Beichtvater mich – entschuldigen Sie das Wort - abgesaut hat.
Im Gegenteil. Vielfach hat mich der Zuspruch des Priester aufgebaut.
Und aufgebaut hat mich auch immer die Gewißheit, daß Gott mir vergeben hat.
So war, so ist jede Beichte für mich ein Neuanfang, ein neues Aufleben.

„Was soll ich denn beichten? Ich hab doch gar keinen umgebracht.“, sagen viele.
Abgesehen davon, daß man einen Menschen nicht nur mit Messer oder Pistole, sondern auch mit der Zunge oder im Gedanken umbringen kann,
geht es darum, die kleinen Lieblosigkeiten, die kleinen Vergehen gegen Gott, gegen den Nächsten und gegen sich selbst vor Gott zu tragen, damit er sie heilt, er sie vergibt.

Es geht in der Beichte eben auch darum, die kleinen Risse in der Staumauer auszubessern, damit sie nicht weiter aufreißen und irgendwann die Mauer dem Druck der Wassermassen nicht mehr standhalten kann und zusammenbricht.
Es geht darum sozusagen das Dach unserer Seele vom Schnee der Unaufmerksamkeiten und Lieblosigkeiten zu befreien, damit es nicht einstürzt.

Die Beichte hilft so, aufmerksam zu bleiben, damit in mir irgendwann nicht doch der Damm bricht und dann tatsächlich jemanden umbringe. Auch wenn wir es nicht gerne hören: Jeder und jede von uns ist eigentlich zu allem fähig.
Es gibt tiefe Abgründe im Menschen, in mir. Und daß diese mich nicht verschlingen, dazu hilft mir das regelmäßige Bekenntnis dieser meiner Abgründe.

Gefahr erkannt, Gefahr gebannt.

In der Beichte lerne ich mich besser kennen,
kann ich lernen, auch mit meinen dunklen Seiten umzugehen,
werden meine dunklen Seiten verwandelt durch die Vergebung Gottes.
In der Beichte erfahre ich: Gott schenkt mir einen neuen Anfang, ein neues Leben.
Letztlich höre ich Jesus zu mir sprechen: Mein Sohn meine Tochter, Deine Sünden sind Dir vergeben.

Wie gesagt: Jesus geht es im Evangelium zuerst um die Heilung der Seele, dann um die Gesundung des Körpers.

Der Gelähmte im Evangelium kann wieder laufen, nachdem Jesus ihm zuerst die Sündenvergebung zugesprochen hat.

Ich stelle immer wieder fest – egal ob ich Beichte höre oder selber beichte – dass die Absolutionsformel „Und so spreche ich Dich los von Deinen Sünden“ oft innerlich Gelähmten wieder neuen Schwung verleiht, dass die Beichte zurecht immer öfter das Sakrament der Freude genannt wird.

Sicherlich, den Weg in den Beichtstuhl zu finden, kostet Überwindung. Aber was nehmen wir Menschen nicht oft für Opfer auf uns, um unseren Körper zu stählen, ihn gesund zu halten. Sollte unsere Seele etwa zu kurz kommen?

Mein Sohn, Deine Sünden sind Dir vergeben.
Dieses Wort Jesu wartet auf Sie und auf mich. Amen.

Übrigens an jedem Samstag von 16.00 – 16.45 Uhr besteht hier in der Kirche Gelegenheit zur Beichte. Sie können auch uns Pastöre gerne um einen anderen Termin ansprechen.

126. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2006)

Liebe Gemeinde!

Wir kennen alle solche Situationen, da man nicht mehr weiter weiß: Man fühlt sich wie gelähmt. Das Leben geht an einem vorbei, man sitzt nur da und wartet, daß endlich etwas passiert, das einen da herausholt. Und wenn es länger dauert und ganz schlimm wird, dann wird man depressiv: man hat an nichts mehr Freude und möchte sich nur verkriechen. Solche Situationen gibt es im Leben des Einzelnen wie auch in der Gesellschaft als ganzer. So ist unser ganzes Volk durch die Arbeitslosigkeit und die desolate Finanzlage derzeit wie gelähmt. Es wird zwar viel diskutiert, aber man scheint der Lösung nicht näher zu kommen; der eine blockiert den anderen, es geht nicht voran.

Das heutige Evangelium handelt von solcher Lähmung: von der des Kranken, aber auch von der Menge, die den Weg blockiert, und von den Schriftgelehrten, die unfähig sind, die Heilung zu akzeptieren. Die Geschichte steht wie ein Scharnier zwischen zwei Abschnitten des Markus-Evangeliums: sie schließt den Abschnitt der Heilungsberichte ab und eröffnet zugleich den Abschnitt der Streitgespräche; von beiden Literaturgattungen hat sie etwas. Das verbindende Element liegt in der Befreiung von einer Blockade. Das Reich Gottes wird nämlich zum einen blockiert von Krankheiten, Dämonen und von der Sünde. Jesus durchbricht die Blockaden mit Vollmacht und zeigt so, daß das Reich Gottes in seiner Person angebrochen ist. Zum anderen wird das Reich Gottes gleichfalls blockiert von Menschen, die Jesus, dem Messias, im Weg stehen, und zwar sowohl von den Gutwilligen als auch von so manchem Engstirnigen und Verstockten.

Zunächst die Gutwilligen: Indem sie in Scharen vor der Türe stehen, sind sie ein Hindernis für den Gelähmten, den Schwächsten; sie versperren ihm den Weg zum Leben. Nicht weil sie böse sind, sondern weil sie in ihrem eigenen Durst nach Leben und in ihrer Angst, zu kurz zu kommen, die Sensibilität für den anderen verloren haben, der noch viel schwächer ist als sie selbst. Sie sehen ihn vielleicht, aber sie erfassen nicht wirklich, wie es ihm geht, und lassen ihn nicht durchkommen. – Das scheint mir ein präzises Bild für das derzeitige Massenverhalten gegenüber den Arbeitslosen und Hartz-IV-Empfängern zu sein: Von der eigenen Angst gelähmt, benachteiligt zu werden, läßt die Solidargemeinschaft es zu, daß die Ärmsten und Schwächsten von den Quellen des Lebens abgeschnitten werden und verelenden. Mit ihnen kann man es ja machen, denn sie haben ja keinen einklagbaren Rechtstitel wie die Beamten, die Rentner und die vielen anderen, die eine mächtige Lobby hinter sich haben.

Wir müssen uns klarmachen: Auch wir sind gelähmt, wenn wir den Schwachen blockieren. Sobald wir uns dieses Verhalten bewußt machen, schämen wir uns, aber wir wissen auch keinen Ausweg. Gerade darin besteht ja unsere Unbeweglichkeit, unsere Lähmung. Dann brauchen wir jemand anderen, der uns da herausholt, der uns eine Alternative aufzeigt. Genau das tun die vier Männer, sie nehmen die Tatsachen nicht einfach hin, sie durchbrechen die Stagnation, sie brechen sie auf und öffnen eine neue Perspektive: Vom Dach her lassen sie den Gelähmten zu Jesus herunter. Jesus ist beeindruckt, denn darin offenbart sich für ihn ein tiefer, kreativer Glaube. Wenn ein Mensch glaubt, dann geschieht auch etwas: „Alles kann, wer glaubt.“ (Mk 9,23) Wer glaubt, für den sind die blockierenden Tatsachen keine endgültigen Hindernisse, sondern ein Aufruf, etwas zu ändern. Wo andere wie das Kaninchen die Schlange anstarren und keine Lösung mehr erwarten, da fängt der Glaubende an zu handeln.

Durch dieses befreiende Handeln der vier Männer ist die entscheidende Wendung bereits eingeleitet. Ja, sie haben sogar etwas getan, das von derselben Art ist wie das Handeln Jesu: sie tragen Hindernisse weg, die das Reich Gottes blockieren. Genau das tut Jesus nämlich auch, indem er sagt: „Deine Sünden sind dir vergeben.“ Sünden vergeben heißt, die Blockaden gegen Gottes Herrschaft abtragen und wegtragen, denjenigen, der aus Gottes Liebe herausgefallen ist, wieder in sie hineinholen. In dieser Lage war der Gelähmte, in dieser Lage sind aber auch alle, die sich von den blockierenden Tatsachen lähmen lassen.

Das sehen wir am deutlichsten am Verhalten der Schriftgelehrten. Anstatt sich über die ungeahnte Befreiungstat zu freuen, suchen sie das Haar in der Suppe: Sie beschuldigen Jesus der Gotteslästerung, und am Ende werden sie Jesus mit dieser Begründung sogar ans Kreuz bringen. Sie wollen gar nicht, daß sich etwas ändert, daß Jesus ihre beschränkten Vorstellungen von Gott korrigiert, daß er sich gerade auch derjenigen Menschen annimmt, die sie längst abgeschrieben haben. Vom Schicksal des Gelähmten sind sie nicht betroffen, sie bleiben in der passiven Zuschauerrolle und fällen von dort aus ihre selbstgefälligen Urteile.

Diese Blockade gegen Gottes liebende Herrschaft ist die massivste und am schwersten zu durchbrechende. Hier kann Jesus nicht einfach ein machtvolles Wort der Heilung sprechen wie bei den Kranken und Besessenen oder wie gerade beim Gelähmten. Er kann nur an die freie Vernunft der Widerständigen appellieren und argumentieren. Darum folgen im Markus-Evangelium ab hier die Streitgespräche als die Form, wie Jesus geistige Blockaden gegen Gottes Reich zu überwinden versucht. Das Argument, das er hier in Anschlag bringt, ist freilich kaum zu widerlegen: Wenn er Macht hat, das Schwierigere zu tun, dann erst recht auch das Leichtere. Das Schwierigere oder jedenfalls das scheinbar Schwierigere ist die Befreiung des Kranken von seiner Lähmung durch ein bloßes Wort. Und genau das tut Jesus: „Ich sage dir: Steh auf, nimm deine Tragbahre, und geh nach Hause!“ Diese Vollmacht besitzt Jesus also; warum dann nicht auch die Vollmacht, Sünden zu vergeben? – Die Umstehenden jedenfalls sind vom Argument Jesu überzeugt und vom Gesehenen begeistert.

Liebe Gemeinde! Was aber ist unsere innere Antwort auf das heute Gehörte? Ich finde, wir müssen unseren Begriff vom Reich Gottes und dem, was ihm lähmend im Wege steht, neu überdenken. Wir verdienen den Namen Christ erst dann, wenn wir echt glauben wie die vier Männer im Evangelium. Und dazu gehört erstens, daß wir die lähmende Angst, zu kurz zu kommen, überwinden und aufmerksam werden für die Schwachen um uns herum. Und zweitens, daß wir uns von den Schwierigkeiten des Alltags und den Blockaden der Gesellschaft nicht einschüchtern lassen, sondern entschlossen nach neuen Möglichkeiten Ausschau halten. Wir müssen nicht selber die Lösung für die Probleme parat haben, es ist schon viel, wenn wir sie nicht blockieren, noch besser, wenn wir hier und da eine Tür öffnen.

Das können wir auf geistige Weise jetzt in der Eucharistie tun und uns darin einüben, indem wir für andere Menschen beten und sie so in die Nähe von Jesus bringen, damit er sich ihrer annimmt.

127. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2006)

Liebe Gemeinde!

„Was bemühst du den Meister noch länger?“ – Eine verständliche Frage. Denn beim Tod hört die menschliche Macht endgültig auf. Da ist nichts mehr zu machen. Der Tod ist ein radikales Ende, ein Abschied ohne Wiederkehr.

Darum ist der Tod so schrecklich, zum Verzweifeln schrecklich. Seit es Menschen gibt, kämpfen sie gegen den Tod an und müssen doch jedesmal die Aussichtslosigkeit ihres Kampfes eingestehen. Wenn der Tod in unseren persönlichen Lebenskreis einfällt, dann erwachen existentielle Fragen: Warum müssen wir überhaupt sterben? Wozu bin ich eigentlich auf dieser Welt? Ist vielleicht das ganze Leben sinnlos, wenn nach dem Tod alles aus ist?

Zu Beginn meines Studiums habe ich diese Frage intensiv durchdacht und die Antworten der verschiedenen Religionen verglichen. Die überzeugendste Antwort war für mich die des Apostels Paulus: „Wenn Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube nutzlos, und ihr seid immer noch in euren Sünden.“ (1 Kor 15,17) D.h. Paulus stellt einen Zusammenhang her zwischen der Auferstehung Jesu von den Toten und unserer Hoffnung auf Auferstehung von den Toten. Die eine ist die Ursache der anderen. Die Auferstehung Jesu ist aber eine geschichtliche Tatsache, die einhellig bezeugt ist und anfangs nicht einmal von den Nichtgläubigen bestritten wurde. In diesem geschichtlichen Ereignis von Ostern, das wir Jahr für Jahr und Sonntag für Sonntag feiern, ist unsere Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod begründet.

Diese Hoffnung ist keine bloße Vertröstung; wir haben es nicht mit einem Märchen zu tun, sondern mit wirklicher Geschichte. Alles paßt zusammen. Als erstes gilt: „Gott hat den Tod nicht gemacht. Zum Dasein hat er alles geschaffen.“ (Weish 1,13f) Der Tod ist ein Übel, das nicht ursprünglich zum Schöpfungsplan Gottes gehörte, sondern gleichsam erst nachträglich hineinkam, nämlich aufgrund der Sünde, die den Menschen in die Knechtschaft führte. Doch dabei hat es Gott nicht belassen, er hat den Menschen aus der Verlorenheit erlöst, und damit hat er Ostern begonnen, als er Jesus aus dem Tode befreite. Denn Gott ist Herr über Leben und Tod. Gott kann vom Tod befreien. Die Begebenheit, die wir heute im Evangelium gehört haben, zeigt dies eindrucksvoll auf und belegt damit vor allem, daß dieser Jesus von Nazareth wahrhaft göttliche Vollmacht hat. So ist es kein Wunder, wenn der Evangelist bemerkt, daß „die Leute vor Entsetzen außer sich gerieten“ (Mk 5,42).

Doch was bedeutet das für unser Leben? Was Jesus zum toten Mädchen sagt (Talita kum – ich sage dir, steh auf), das sagt er auch jetzt zu jedem einzelnen von uns. Wir sollen durchaus jetzt schon aufstehen und leben:
- Wir können ohne Angst und Einschüchterung leben. Wie die hl. Theresia von Avila sagt: „Nichts soll dich ängstigen, nichts dich erschrecken. Alles geht vorüber. Gott allein bleibt derselbe. Alles erreicht der Geduldige, und wer Gott hat, der hat alles. Gott allein genügt. Solo Dios basta.“
- Wir sollen gelassen bleiben angesichts von Ungerechtigkeiten, angesichts des eigenen Leids und des körperlichen Verfalls, den wir jetzt oder irgendwann erleben, und auch angesichts von Trauer und Bitternis. Gelassen schließlich auch, wenn wir den Hohn der Mächtigen ertragen müssen. Wenn wir solches erleben, dann sagt der Herr zu uns: „Talita kum! Laß dich nicht unterkriegen, steh auf! Denn ich habe die Macht, dir aufzuhelfen und dein Leben zu bewahren.“
- Jetzt schon aufstehen und leben heißt ferner, sein Herz mit Liebe füllen, nicht mit Kleinmut, Mißmut, Bitternis, Zorn oder Gram. Denn die Liebe allein bleibt, sie hat Bestand bis in die Ewigkeit.
- Jetzt schon aufstehen und leben heißt, in christlicher Würde leben, mit erhobenem Haupte, nicht mit gesenkter Miene, aufrecht stehend, mit Selbstbewußtsein, weil wir Gott im Rücken haben und eine Zukunft vor uns, die unendlich herrlicher ist als alles, was wir kennen.
- Talita kum – das sagt Jesus zu uns vor allem, wenn wir die Eucharistie feiern, denn sie ist das Gedächtnis seines Todes und seiner Auferstehung. Steh auf, tritt herzu und iß vom Brot des Lebens. „Wer von diesem Brot ißt, wird in Ewigkeit leben.“ (Joh 6,51)

128. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2006)

Liebe Gemeinde!

Wer läßt sich schon gern etwas sagen? Wer nimmt gern von einem anderen Mahnung, Kritik und Zurechtweisung an? Ja, selbst Belehrung empfindet man oft als Zumutung, vor allem wenn meint, es komme aus Besserwisserei.

Weil wir Menschen so gestrickt sind, daß wir viel lieber Schmeichelreden hören als Tadel, darum gibt es so wenige, die den Mut finden, die Wahrheit zu sagen. Die Wahrheit – damit meine ich nicht irgendwelche belanglosen Dinge, die passiert sind, sondern die wirklich bedeutsamen Zusammenhänge, die immer etwas mit Gut und Böse zu tun haben und mit Irrtum, Verfehlung und Schuld. Der Prophet Jona läuft vor seinem Prophetenauftrag davon, ebenso wehrt sich Ezechiel mit Händen und Füßen gegen seine Berufung zum Propheten, denn er weiß, er soll den „abtrünnigen Söhnen Israels, die sich gegen Gott aufgelehnt haben“ (Ez 2,3) die Wahrheit sagen; er soll seinen Landsleuten, die ein „trotziges Gesicht und ein hartes Herz“ (Ez 2,4) haben, ins Gewissen reden. Aus dem auserwählten Volk ist ein „widerspenstiges Volk“ (Ez 2,5) geworden – ist da nicht die Mühe des Prophetendienstes von vornherein zum Scheitern verurteilt?

So denken wir und beweisen damit ein wiederholtes Mal, wie wenig Edelmut wir besitzen. Wir ziehen es vor, geschmeichelt zu werden, und wir scheuen davor zurück, unangenehme Wahrheiten zu sagen, weil wir den vorhersehbaren Mißerfolg fürchten. Muß ich das überhaupt durch Beispiele belegen? Nur ein einziges Beispiel aus einem aktuellen Film, der nun in der 37. Woche läuft. Der Film heißt „Wie im Himmel“. Darin spielt eine junge Frau, die in einem Kirchenchor mitsingt und eine Affäre mit einem Mann hat, von dem jeder außer ihr weiß, daß er verheiratet ist; aber niemand sagt es der Ahnungslosen. Zwei Jahre reden alle darüber, aber keiner öffnet ihr die Augen. Dazu hätte es gewiß keines besonderen prophetischen Mutes bedurft, sondern der schlichte Anstand hätte es geboten. Was für ein erbärmliches Verhalten! Aber so geschieht es in jedem Dorf wieder und wieder.

Wenn es einen Punkt gibt, an dem für alle sichtbar und unbestreitbar aufstrahlt, wie anziehend und erleichternd unser Glaube ist, dann ist es die unentwegt bezeugte Eigenschaft Gottes, den trotz seiner moralischen Verkommenheit Menschen nicht fallenzulassen, nicht zu resignieren, sondern mit unglaublicher Zuversicht immer wieder neu an seine guten Seiten zu appellieren. Es ist Gottes Edelmut, der für mich so leuchtend herausragt, daß auch ich meinen Kleinmut wieder überwinden kann. Gott gibt nicht auf, obwohl er doch die Schwäche des Menschen nicht nur kennt, sondern immer wieder bitter erfahren hat. Anders als wir Menschen weist Gott nicht Schuld zu, sondern nimmt sie weg, nagelt uns nicht auf unsere Fehler fest, sondern läßt sich in seinem Sohn selbst an das Holz nageln – um uns so von der Schuld zu befreien.

Doch das Schlimmste und Furchtbarste kommt erst noch: Diese Wahrheit über Gott, die doch so befreiend und entlastend, so tröstlich und aufrichtend, so ermutigend und beflügelnd ist, selbst diese Wahrheit kommt nicht an beim Menschen. Er will sie nicht hören. Jesus, der mit seinem ganzen Leben für diese Wahrheit eingestanden ist, er wird abgelehnt. Er, der den Kreislauf der Schmeichelrede und Lüge durchbricht, der aussteigt aus der Selbstbeweihräucherung und Selbstgerechtigkeit seiner Landsleute, er, der in Wort und Tat das Bild von Gott, seinem Vater, wieder zurechtrückt, er bekommt den Unwillen seiner Verwandten zu spüren, sich von ihm belehren zu lassen.

Es heißt nur lapidar: „Und er wunderte sich über ihren Unglauben.“ „Verwunderung“ ist nur ein schwacher Ausdruck für das, was Jesus in seiner Seele empfunden haben wird. Warum wollen sie diese geniale Botschaft nicht hören? Warum machen sie lieber so weiter wie bisher, gefangen in ihren Unvollkommenheiten und abhängig von der willkürlichen Anerkennung ihrer wankelmütigen Mitmenschen, die heute so und morgen so urteilen? Warum lassen sie sich durch die Ausstrahlung Jesu nicht beflügeln, und warum freuen sie sich nicht über die unermeßliche Anerkennung, die er ihnen im Namen Gottes schenkt? – Die Antwort ist: Weil sie das gar nicht für möglich halten. Weil sie Jesus zu kennen meinen, weil sie ihn in eine ihrer engen Schubladen gepackt haben. War er nicht der einfache Zimmermann, dem sie schon mal einen Auftrag gegeben haben? Im Johannesevangelium heißt es, daß die Leute sagen: „Wenn der Messias kommt, weiß niemand, woher er stammt. Aber von dem hier wissen wir, woher er stammt.“ (Joh 7,27) Ja, das ist der Punkt: die Leute glauben, Jesus zu kennen, und darum glauben sie ihm nichts. Darauf antwortet Jesus: „Ihr kennt mich und wißt, woher ich bin? Aber ich bin nicht in meinem eigenen Namen gekommen, sondern er, der mich gesandt hat, bürgt für die Wahrheit. Ihr kennt ihn nur nicht.“ (Joh 7,28)

Liebe Gemeinde! Die Wahrheit finden wir nur, wenn wir bereit sind, unser Schubladen-Denken zu überwinden und von der uns begegnenden Wirklichkeit größer zu denken. Es ist nicht alles so unedel wie unser eigenes Herz! Gott kann da Wunder wirken, wo wir solchen Glauben aufbringen. Ohne Glauben aber bleibt alles beim Alten, und das wäre sehr traurig.

129. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2006)

Liebe Gemeinde!

Am letzten Sonntag hörten wir von der Ablehnung Jesu in seiner Heimatstadt Nazareth. Lapidar hieß es da am Schluß: „Und er wunderte sich über ihren Unglauben.“ Die Leute glaubten, Jesus zu kennen, und darum glaubten sie ihm nichts. Die Ablehnung gehört von Anfang an zur Glaubensgeschichte. Auch uns Christen heute macht sie zu schaffen.

Heute erfahren wir, wie Jesus auf die Ablehnung und den Unglauben reagiert hat. Jesus zieht sich nicht zurück und jammert nicht über die Verstocktheit der Seinen. Was er vielmehr tut, ist: er sammelt seine Jünger. Das wird ganz kurz angedeutet mit den Worten: „Jesus rief die Zwölf zu sich...“

So ruft er auch in diesem Augenblick die zu sich, die zu ihm gehören wollen, d.h. uns. Vor der Sendung steht die Sammlung. Wir sind versammelt, um uns zu sammeln und auf das Zentrum des Glaubens zu besinnen. So hat es auch Paulus gemacht, als er im Gefängnis saß und nichts mehr tun konnte als Briefe schreiben. Seinen Brief an die Epheser beginnt er mit einer Besinnung auf Gottes erwählende Liebe: „Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus: Er hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel. Denn in ihm hat er uns erwählt vor der Erschaffung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor Gott; er hat uns aus Liebe im voraus dazu bestimmt, seine Söhne zu werden durch Jesus Christus...“ – Der tiefste Grund unserer Existenz liegt in der ewigen Erwählung durch Gott, in unserer Berufung, Kinder Gottes sein zu dürfen. Gottes Segen liegt über unserem Leben – was auch immer uns im einzelnen widerfährt. Dieses Bewußtsein ist nötig, damit unser Tun Wirkung und Erfolg haben kann. Ohne die Sammlung beim Herrn sind wir einsam und versprengt, anfällig dafür, von den oberflächlichen Strömungen des Lebens bewußtlos hin und her gerissen zu werden. Das ist der eigentliche Grund, warum die Mitfeier der sonntäglichen Eucharistie so wichtig ist.

Dann kann der zweite Schritt folgen, die Sendung in die Welt und ihre konkreten Aufträge, die sie uns gibt. Wir sind gesandt, die Frohe Botschaft auch im Mund zu führen, von ihr zu sprechen und Zeugnis zu geben. Bemerkenswert ist, daß Jesus seine Jünger zu zweit ausgesandt hat. Kein Apostel sollte allein sein mit seinen Schwierigkeiten. So geschieht es auch meistens, wenn Christen sich heute auf den Weg machen, das Evangelium in die Häuser zu bringen: Ob Caritas, ob Frauengemeinschaft oder sonst eine Gruppe – ihre Abgesandten gehen sehr gerne zu zweit los, um kranke Menschen oder Geburtstagsjubilare zu besuchen. Auch die Zeugen Jehovas halten sich strikt an diese Regel. Nur die Pfarrer werden einzeln losgeschickt. So kommt es zu einem fatalen Individualismus der Amtsträger, manchmal sogar zu Vereinsamung und zu Depressionen.

Gewiß geht es „zu zweit“ nicht immer besser als allein, jedenfalls dann nicht, wenn die zwei sich als Konkurrenten verstehen und eher gegeneinander als miteinander arbeiten, wenn der eine den anderen argwöhnisch beäugt und ihm seinen Erfolg neidet und Mißerfolg gönnt. Dann ist das Alleinsein das geringere Übel. Aber das geringere Übel sollte nicht als das Non plus Ultra verkauft werden! Man sollte nicht so tun, als ob alles wunderbar in Ordnung wäre, und berechtigte Kritik unterdrücken! Viel eher sollte man das Evangelium als Maßstab nehmen und von da aus die Lage beurteilen.

Und im Evangelium lesen wir immer wieder, daß es zuallererst auf die Umkehr ankommt. So auch im heutigen Text: „Die Zwölf machten sich auf den Weg und riefen die Menschen zur Umkehr auf.“ Es darf nicht bei Schönrederei bleiben. Ohne Umdenken und Umkehren bleiben wir dem Reich Gottes fern.

Nutzen wir die Ferienzeit, um uns in der Gegenwart des Herrn zu sammeln und seinen Umkehrruf in uns einzulassen.

130. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2006)

Liebe Gemeinde!

Alfred Delp hat einmal gesagt: „Brot ist wichtig, die Freiheit ist wichtiger, am wichtigsten ist die unge­brochene Treue und die unverratene Anbetung.“ Das sind die Stichwörter meiner heutigen Überlegungen: Brot, Freiheit und Treue.

Brot

Zunächst das Brot. Der Mensch ist auf Nahrung angewiesen. Die alten Römer gaben die Losung aus: „Panem et circenses“, d.h. „Brot und Spiele“. Diese Losung gilt auch heute noch weithin. Das Volk sucht sich die Führer aus, die für sichere Lebensversorgung mit Unterhaltungs­wert einstehen. Dabei bleibt freilich der Gruppenegoismus herrschend; sonst würden die westlichen Regierungen wesentlich mehr für die Entwicklungshilfe tun und hätten längst mehr für die Entschuldung der Länder der Dritten Welt getan. Wie viele Menschen warten darauf, daß wenigstens von dem verteilt wird, was bei uns übrig bleibt. Brot teilen bleibt auch im Neuen Jahrtausend eine zwingende Verpflichtung.

Freiheit

„Hier ist ein kleiner Junge, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische.“ Das Kind gibt einfach, gutwillig und vertrauensvoll, was es hat. In diesem Geben äußert sich Freiheit. Der Junge hängt nicht an dem, was er hat. Wie anders ist es dagegen oft bei uns, die wir im Überfluß haben und uns doch schwertun mit dem Abgeben. Der Wohlstand hat nicht nur gute Seiten. Er kann auch abhängig machen und das Herz einengen.

Leben ist mehr als Sattsein. „Der Mensch lebt nicht von Brot allein.“ Er hungert nach Liebe, nach Zuwendung, nach Ernstgenommenwerden, Wegweisung und Trost. Um dies zu erfahren, muss ich frei werden von den Dingen, die mich binden, frei werden für höhere Werte. Frei wie der kleine Junge. – Als Jesus aufblickte und vom Kind das Brot entgegennahm, als er dann das Dankgebet sprach und an die Leute aus­teilte, da war dieses Tun ein schöpferischer Akt, der uns ermöglicht, dasselbe zu tun. Unser Leben gewinnt eine neue Qualität, wenn wir frei sind zu geben, wenn wir aus uns herausgehen und uns mit dem anderen austauschen.

Treue und Anbetung

Die Menschenmenge sieht, daß Jesus ihnen Brot und Fisch im Überfluß geben kann, und will sich seiner Wunderkraft versichern, ihn zum König machen. Die Masse folgt zunächst eigennützig, und bald folgt sie gar nicht mehr.

Die Jünger Jesu aber sind bei ihm geblieben, ihm treu geblieben. Und Jesus fragt sie beim Letzten Abendmahl: „Habt ihr an etwas Mangel gelitten?“ – „Sie antworteten: „Nein!“ Ihre Treue und ihr Glaube haben sich ausgezahlt. Treue ist Festigkeit im Entschluß, zu dem zu stehen, der mich angenommen und den ich angenommen habe, sie ist gefordert, wenn die Neigung in eine andere Richtung geht, wenn Widerstände sich auftürmen und Nachteile in Kauf zu nehmen sind, wenn es (scheinbar) „nichts mehr bringt“.

Es gibt Zeiten, da ist es leicht, treu zu sein, z.B. dann, wenn das Leben gesichert erscheint, wenn sich alles im rechten Augenblick wie von selber einstellt. Dann ist es leicht, das Wort Jesu zu befolgen: „Euch aber muß es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben.“ (Mt 6,33)

Dann aber kommt wieder eine Zeit, wo sich der alte Mensch in uns meldet mit seiner Habsucht und seinem Geiz, wo das Berechnen beginnt und die Angst um das eigene Ich. Dann wird es Zeit, sich an die frühere Zeit zu er­innern, wie ein Kind auf Jesus zu schauen, der weiß, was zu tun ist. Dann ist Vertrauen angesagt, neues liebendes Sich fest machen im Herrn: „Der Herr ist mein Hirte; nichts wird fehlen.“

131. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2006)

Liebe Gemeinde!

Die heutige Lesung erzählt von Elija, der in die Wüste geht und sich den Tod wünscht. Er war auf der Flucht vor der Königin Isebel, die Grund zum Zorn gegen ihn hatte und tödliche Rachepläne hegte. Elija hatte nämlich in einem aufsehenerregenden Wettstreit zuerst die Machtlosigkeit der Baalspropheten demonstriert und sie dann anschließend umbringen lassen. Dies geschah im 9. vorchristlichen Jahrhundert unter dem König Ahab. Das Volk, das von Isebel zum Götzendienst verführt worden war, bekehrte sich aufgrund der wundersamen Ereignisse wieder zu Jahwe, dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, aber anscheinend war dieser Gesinnungswandel nicht von langer Dauer. Elija ist jedenfalls ganz auf sich allein gestellt und verliert schließlich in der Wüste all seinen Lebensmut. Der so glaubensstarke und mutige Künder des Wortes Gottes muß erfahren, was immer wieder denen widerfährt, die sich von Gott senden lassen: Erfolglosigkeit, Einsamkeit, Verfolgung, Selbstzweifel, Trostlosigkeit, Angst. Vielleicht macht gerade diese Seelenlage ihn uns so sympathisch, ihn, der sonst so streng erscheint, so leidenschaftlich um die Sache Gottes besorgt und so siegesgewiß, daß man beinahe schon Angst bekommt. Nein, Elija muß alle Höhen und Tiefen des Lebens durchschreiten, sein Glaube ist genauso angefochten wie der unsrige, denn er ist ein schwacher, zerbrechlicher Mensch wie wir alle. Aber zugleich ist er ein echtes Vorbild für uns und ein Beispiel dafür, daß Gott seine Getreuen nie verläßt. Gewiß – Elija braucht eine ganze Zeit, um zu begreifen, daß die einfachen Gaben von Brot und Wasser Engelsgaben sind, von Gott geschenkt zu seinem Trost, aber dann macht er sich auch wieder auf, um Gottes Nähe neu zu suchen. Halten wir einen Moment inne und beziehen diese Szene auf uns: Kennen wir nicht auch die Erfahrung der Wüste, der Einsamkeit, der überhand nehmenden Probleme? Lassen wir uns dann von den niederdrückenden Gefühlen ersticken – oder öffnen wir die Augen für die vielen kleinen Zeichen der Hilfe Gottes, Dinge vielleicht, die uns selbstverständlich geworden sind, obwohl sie es nie sind; oder Menschen, die uns wie Engel begegnen, die uns ein verstehendes, helfendes Wort sagen? Wie lange brauchen wir dann, um aus der Tatenlosigkeit zu erwachen und neuen Mut zu schöpfen? – Vielleicht erwarten wir ja eine andere Art der Antwort von Gott, als er sie zu geben bereit ist, ein umwerfendes Eingreifen Gottes so ganz nach unserem Geschmack, nach der Weise, wie Menschen denken. Und dann lassen wir die Hände sinken und machen Gott Vorwürfe, anstatt uns auf die neue Suche nach ihm und seiner Weisung zu begeben. Die Lesung ist als Hintergrund für die Rede Jesu über das eucharistische Brot ausgewählt worden. Sie soll also erklären, was Jesus eigentlich meint, wenn er sagt: „Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist.“ Wir sollen begreifen, daß die heilige Speise, die uns in der Messe gereicht wird, für unseren Lebensweg so nötig ist wie die Engelsspeise, die Elija neuen Lebensmut gegeben und mit der er sich für den Weg zum Gottesberg Horeb gestärkt hat. Der Mensch lebt nicht von Brot allein, nicht nur von den materiellen Gütern dieser Erde, denen doch die Vergänglichkeit anhaftet. Wir leben letztlich aus Quellen, zu denen wir selbst keinen Zugang haben. Ob sie sich öffnen oder schließen, hängt nicht von unserem Geldbeutel ab. Jesus ist diese Quelle in Person, denn er ist nicht nur ein Bote Gottes, sondern der Sohn Gottes, der „im Schoße des Vaters ruht“ und somit selber Quell des Lebens ist. Die Eucharistie öffnet uns die Quellen des Lebens. „Wer glaubt, hat das ewige Leben. … Wer von diesem Brot ißt, wird in Ewigkeit leben.“ (Joh 6,47. 51) Essen des Brotes – Kommunizieren – ist dabei ein ganzmenschlicher Vorgang, nicht einfach nur ein mechanisches in-den-Mund-Nehmen und Runterschlucken. Wer ohne Glauben und ohne Liebe die Kommunion empfängt, kommuniziert gar nicht, denn er öffnet sich nicht für die Gemeinschaft mit Gott und den anderen Kommunikanten. Jesus drückt das so aus: „Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts.“ (Joh 6,63) Nur ein Kommunizieren im Heiligen Geist hat lebensspendende Wirkung. Ich sehe es immer wieder an den Gesichtern der Menschen, die zur Kommunion gehen: sie leuchten und strahlen. Sie bringen Licht in ihre Umwelt, sie sind wie Engel für die Entmutigten und Erschöpften, sie tragen dazu bei, daß wir alle den langen Weg zum Gottesberg schaffen. – Seien auch Sie so ein Engel!

132. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2006)

Liebe Gemeinde!

„Wollt auch ihr weggehen?“ – Diese Frage Jesu richtet sich heute an uns – über den Zeitenabstand von 2000 Jahren hinweg, jetzt! „Wollt auch ihr weggehen?“ So viele sind schon gegangen, sind protestierend ausgezogen aus der Kirche, die meisten aber schweigend einfach ferngeblieben, weggeblieben, zu Hause geblieben, nicht mehr wiedergekommen – so wie damals schon zu Jesu Zeiten und wie es immer wieder geschah in der langen Geschichte der Kirche. Jeder so mit seinen Gründen, immer andere: weil es zu hart zugeht in der Kirche, weil die Worte Jesu zu hart klingen, weil die Worte des Papstes zu hart klingen, weil das Verhalten der Geistlichen zuweilen anstößig erscheint, weil das Verhalten der Christen insgesamt zu wünschen übrig läßt, weil es einfach nicht mehr die Mühe zu lohnen scheint, weil es auch ohne Gott ganz gut zu gehen scheint... „Wollt auch ihr weggehen?“ Hören wir diese flehende Frage Jesu noch? Ist es uns egal, was mit der Kirche geschieht? Mit den vielen Kindern hier in Südkirchen, die den Sonntagsgottesdienst nicht mehr kennen, obwohl sie eine lange Kommunionvorbereitung mitgemacht haben? Mit ihren Eltern, die eine gute christliche Praxis aufgegeben haben, die sie als Kinder noch eingeübt hatten? Spüren wir noch den Wunsch in uns, sie zurückzuholen? – Doch dazu müssen wir uns selbst in der Kirche wohlfühlen, dürfen nicht die anderen beneiden, die sich von den Christenpflichten befreit haben. Wir müssen uns vor Augen führen, was wir verlieren würden, wenn auch wir einfach weggingen. – Dazu hilft uns das Wort des Petrus, die Antwort auf die Frage Jesu. Als unbedeutender Fischer hatte er in aller Klarheit erkannt, daß es keinen anderen Weg gibt, außer Jesus zu folgen. Wohin sollen wir denn sonst gehen? Wohin? Es gibt doch keinen anderen, der Worte ewigen Lebens schenkt. Es gibt zwar viele kluge Leute, viele Meinungen, viele Ideologien und Weltverbesserungsvorschläge, aber sie alle bauen nur auf den eigenen kläglichen, mit Finsternis umhüllten Verstand. Königreiche erstehen und fallen, Ideologien werden geboren und stürzen wieder zusammen, das alles ist Menschenwerk – aber Gottes Wort bleibt auf ewig bestehen. So gesehen, gibt es nichts Vernünftigeres, als zu glauben und treu zu bleiben. Wer glaubt, der baut auf den festesten Grund, der in Ewigkeit nicht wanken wird. Und dennoch ist Glauben schwer, weil wir eben so oft nichts davon spüren, weil unser Verstand nicht nachkommt, weil so oft keine Hochstimmung da ist, und auch weil viele unserer Bekannten weggegangen sind. Sollten wir es ihnen gleichtun und den Glauben wegwerfen? Nur wohin könnten wir dann gehen? Uns bleibt letztlich doch nur die Antwort des Petrus: „Nein, wir bleiben bei dir, denn du allein hast Worte ewigen Lebens.“ Wenn wir davon zutiefst überzeugt sind, dann können wir es auch den anderen glaubhaft machen, die weggegangen sind oder die noch gar nicht richtig angekommen sind. Es ist ja vielfach einfach Unwissenheit, religiöse Unwissenheit, die Menschen von den Quellen des ewigen Lebens fernhält. Nur wenige Christen sind über einen Kinderglauben hinausgekommen, und die heutigen Kinder wissen noch weniger. Wie können sie da Jesus als ihren Freund erkennen, für den es sich lohnt zu leben und sogar zu sterben? Und es gibt ja auch nicht sehr viele Vorbilder, an die man sich halten kann, Menschen, die die Freundschaft mit Jesus authentisch vorleben. In einer immer stärker säkularisierten Gesellschaft fehlt es an Einübungsfeldern für den Glauben, an Orten des Glaubens. Immer seltener ist die Familie ein solcher Ort des Glaubens. Wo früher gebetet oder über den Glauben gesprochen wurde, da läuft heute der Fernseher. Bei jedem Tauf- und Brautgespräch rede ich über die Notwendigkeit, dem Glauben eine feste Gestalt im Familienleben zu geben, feste Gewohnheiten im Laufe des Tages auszubilden, die dem religiösen Leben Ausdruck verleihen, v.a. das Tischgebet. Und ich stelle immer wieder fest, daß die jungen Leute interessiert und wohlwollend zuhören. Aber wenn ich der einzige bleibe, der darauf hinweist, dann wird dabei wohl nichts herauskommen. Eine einzelne Stimme ist zu schwach im großen Konzert der Meinungen. Darum bitte ich Sie dringend: Erheben auch Sie Ihre Stimme! Geben Sie Zeugnis von Ihrem Glauben und davon, wie Sie ihn gelernt haben! Oder wollen auch Sie weggehen?

133. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2006)

Liebe Gemeinde!

Viele Menschen arbeiten viel an ihrem äußeren Erscheinungsbild und geben auch eine Menge Geld dafür aus. Denn sie wollen sich überall „sehen lassen können“. „In diesem Kleid, mit diesem Anzug oder mit dieser Frisur kannst du dich doch nicht blicken lassen!“ hören Ehefrauen genauso wie Ehemänner.
Nicht nur die äußere Etikette muß eingehalten werden, auch für unser charakterliches Erscheinungsbild gelten oft äußerliche Regeln. Meistens ist es am besten, „sich bedeckt zu halten“, sich keine Blößen zu geben. Sogar unsere Toten werden geschminkt und hergerichtet, damit sie ansehnlich werden. Man hat in unserer Welt halt kein Ansehen, wenn der Mensch sich zeigt, wie er ist oder wenn er sich eine Blöße gibt.

Warum soviel Aufwand, um „sich blicken lassen zu können“? Warum soviel Empörung, wenn die Etikette mal nicht eingehalten wird? Es hängt wohl mit der menschlichen Ursehnsucht nach Vollkommenheit zusammen, mit der Meinung, man müsse alles perfekt machen. Weil das aber in der Wirklichkeit wohl nie erreicht wird, werden die größten Anstrengungen unternommen, um die Unvollkommenheiten äußerlich zu verdecken. Es fängt an mit der Schminke, die die Haut glätten und makellos machen soll, es geht weiter mit den Regeln der Höflichkeit und des Anstands, und es hört auf bei all den kleinen und großen Lebenslügen, die so Vieles glätten und verdecken müssen, damit man nach außen makellos dasteht.

Schrammen, Narben, Wunden und Verletzungen des Lebens müssen überdeckt werden. Krankheit, Entstellung, Leiden und Kreuz passen nicht in unser Menschheitskonzept. Wenn wir die Frage stellen: „Wie geht es dir?“ erwarten wir stets die Antwort: „Danke, gut!“ Eine gegenteilige Auskunft bringt uns leicht aus der Fassung. Und doch zeigt ein Blick hinter die Wohnungstüren, daß fast überall ein Leiden, eine Krankheit oder ein seelischer Kummer verborgen ist.

Die Christen verehren einen Gott, der sich nicht gescheut hat, die ganze Schwäche des Menschen anzunehmen. „Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht. Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt“. So sieht es der Prophet Jesaja (53,3f) schon 750 Jahre vor der Kreuzigung Jesu. „Für die Juden das größte Ärgernis, für die Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber Gottes Kraft und Gottes Weisheit.“ (1 Kor 1,23f)

Schon zu Lebzeiten stellte sich Jesus gegen den unehrlichen Vollkommenheitswahn. Seine Verkündigung geht immer wieder darauf hinaus, daß wir uns vor Gott blicken lassen können, so wie wir sind, ohne unsere Schwächen verstecken zu müssen. Jesus will vom Zwang des Perfektionismus befreien. In Israel hatte sich im Laufe der Jahrhunderte eine Menge religiöser Vorschriften angesammelt. Sie mußten erfüllt werden, um sich vor Gott sehen lassen zu können. Hier tritt Jesus mit einer bewundernswerten Freiheit auf. Er rückt zurecht, was im Namen seines Gottes zurechtgerückt werden muß. Dreierlei hält er den Pharisäern und Schriftgelehrten entgegen, die sich empören, als sie merken, daß die Jünger Jesu sich nicht an die Reinheitsvorschriften halten:

1. Menschliche Satzungen, sagt er, seien ihnen wichtiger als der Wille Gottes. Statt nach dem Willen Gottes zu fragen, haben sie ein kompliziertes System von Vorschriften ausgeklügelt, das kaum jemand einhalten konnte. Damit versperren sie vielen Menschen den Zugang zu Gott, der im übrigen viel großzügiger ist, als die Menschen denken, wenn sie immer so aufs Äußerliche bedacht sind. Der große heilige Gott gerät nicht in peinliche Verlegenheit, wenn der Mensch so kommt, wie er ist: zerschunden, geplagt, voller Schmutz oder sogar mit vielen Blößen, die er sich gegeben hat, mit Schuld, die er auf sich geladen hat. Selbst eine begangene Sünde raubt uns nicht das Ansehen vor Gott, wenn diese im Herzen ehrlich bereut worden ist.

2. Der zweite Vorwurf geht tiefer: Die äußere Einhaltung einer Vorschrift macht innerlich noch lange nicht rein. Nicht das Äußere ist vor Gott entscheidend, sondern allein das Herz. Hier, im eigenen Herzen entscheidet sich, ob jemand rein ist oder nicht. Und da es Gott allein ist, der in das Herz der Menschen schauen kann, kann es sein, daß so mancher, der nach außen unbescholten und makellos erscheint, vor Gott geringer dasteht als einer, dessen Verirrung öffentlich bekannt ist, der aber sich innerlich schon lange davon abgewendet hat.

3. Und das Dritte, das Jesus seinen Gegnern klarmacht: „Nichts, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen, sondern was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein.“ – „Von innen, aus dem Herzen der Menschen kommen die bösen Gedanken.“ (Mk 7,15.21) – Das könnte man Innenweltverschutzung nennen. Jede Tat des Menschen hat ihren Ursprung im Innern, im Herzen. Im Talmud heißt es: „Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte. Achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen."

Wenn das Herz allein entscheidend ist, dann sollten wir mehr auf unser eigenes Innere achten als auf unser äußeres Erscheinungsbild. Der Glaube ist die stärkste Kraft, die unser Inneres verändert, die in uns positive Kräfte freisetzt und die negativen Gedanken bekämpft. Kultivieren wir deshalb unseren Glauben durch Gebet und Gottesdienst.

Und zum anderen: Enthalten wir uns eines Urteils über den Wert oder Unwert unserer Mitmenschen. Das ist allein Gottes Sache!

134. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2006)

Liebe Gemeinde!

Das Motto unseres Pfarrfestes „Gemeinsam statt einsam“ richtet unsere Aufmerksamkeit auf die Gemeinschaft. „Gemeinschaft“, lateinisch Communio, ist eines der Hauptworte unseres Glaubens. Zugleich ist die Gemeinschaft aber auch ein Wert von allgemeinmenschlichem Rang, sie wird von jedermann geschätzt und anerkannt, aber nicht unbedingt gelebt. Im Gegenteil: Noch nie haben so viele Menschen unter Einsamkeit gelitten wie zu unsrer Zeit. Das hat viele Gründe, ich zähle nur einige auf: Zunächst ist es der Wohlstrand, der möglich macht, daß Menschen aus einer gemeinschaftlichen Wohnung ausziehen und als Single leben. Dazu kommt der allseits beklagte Geburtenrückgang: Wir haben nicht mehr so viele Kinder, und entsprechend kleiner sind die Familien geworden. Dazu kommt die von vielen abverlangte Mobilität: Wie oft müssen Menschen aus beruflichen Gründen umziehen und ihre angestammten Wurzeln verlassen. Wie schwierig ist dann jedesmal, neue Kontakte zu knüpfen. Ferner gibt es heute viele Möglichkeiten, die freie Zeit allein zu verbringen: vor dem Fernseher oder dem Computer, inzwischen sogar in Fitneßstudios. Nicht zuletzt halten die traditionellen Bindungen nicht mehr so fest: die Nachbarschaften, Vereine oder die Kirchengemeinde. Die Bindungen werden lockerer oder zerbrechen ganz. Hieran haben oft auch verfehlte Einstellungen der Menschen schuld: Ein wachsender Egoismus, die Angst sich zu binden aufgrund übertriebener Liebe zur Freiheit und ein Lust-und-Laune-Denken. Wir sehen: die Einsamkeit hat vielfältige Wurzeln. Keineswegs haben die Einsamen immer selbst schuld an ihrer Einsamkeit. Aber ebensowenig dürfen sie die Schuld grundsätzlich bei den anderen suchen. Aber das ist heute nicht mein Thema. Vielmehr möchte ich heute zwei Dinge besonders ansprechen: den Wert der Gemeinschaft und den Schlüssel zum Aufbau guter Gemeinschaft. Vom ersten Punkt handelt die Geschichte, vom zweiten das heutige Evangelium. VOM WERT DER GEMEINSCHAFT Die afrikanische Geschichte erzählt von fünf Vögeln, denen Gott eine schöne Stimme geschenkt hat, die einzeln, für sich aber zu schwach klingen. Erst im Verein klingen sie schön und erfreuen den Bauern. Das ist ein schönes Beispiel für die vielen Dinge des Lebens, die man nur gemeinsam tun kann. (Kinder suchen Beispiele: Mannschaftsspiele, sich freuen, sprechen, ein Fest feiern…) Unser ganzes Leben beruht auf Arbeitsteilung. Jeder ist auf viele andere Menschen angewiesen und steckt in einem Netz von Abhängigkeiten, ohne welches er gar nicht überleben könnte. Daß wir z.B. hier in der Kirche diese Lautsprecheranlage haben, ist das Werk von vielen Spezialisten. Ich habe das Mikrophon nicht gebaut. Und so geht es weiter mit den anderen Gegenständen hier und mit dem Gebäude insgesamt, das nur von vielen Händen gebaut werden konnte. An dieser Tatsache kann man vorbeisehen und denken, daß man doch ganz gut ohne andere leben kann. Aber das ist eine Illusion, die nur aufgrund des Geldes möglich ist. Wir brauchen nur Geld – könnte man meinen, dann haben wir andere Menschen nicht nötig. Aber das ist eine Illusion. Zum zweiten gibt es noch eine Reihe von Dingen, die man zwar alleine tun kann, die aber nur mit anderen zusammen richtig Spaß machen. (Kinder suchen Beispiele: Essen, ins Kino gehen, arbeiten, Sport treiben, singen…) Herr Schlüter putzt die Kirche auch nicht allein, sondern macht es zusammen mit seiner Frau. Und ich möchte Sie einmal fragen: Beten Sie eigentlich lieber alleine oder lieber gemeinsam mit anderen? (Die meisten Leute geben durch Handzeichen bekannt, daß sie lieber in der Kirche beten.) Auch glauben, hoffen und lieben geht mit anderen zusammen viel besser als allein. Die Frucht guter Gemeinschaft ist vollendete Harmonie. DER SCHLÜSSEL ZUM AUFBAU GUTER GEMEINSCHAFT Aber das ist nicht immer so. Es gibt auch Gemeinschaft, die anödet, nervt, einengt, fesselt und erstickt. Dann möchte man ausbrechen. Ein Sprichwort bringt es auf den Punkt: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“ Es gibt also Hindernisse guter Gemeinschaft, und damit hat auch Jesus zu tun, der seine Jünger gerne zu einer guten Gemeinschaft aufbauen will. Er merkt, daß dies gar nicht so einfach ist. Im heutigen Evangelium hören wir, wie die Jünger sich streiten. Worüber? Sie wollen alle der Größte sein. Wer ist der Wichtigste, der Schönste, der Bester, der Klügste? Wer kann sich am meisten leisten, hat die schönsten Schuhe an, wer glänzt am meisten in der Schule, wer singt am besten usw. Diese Frage stammt aus einem tief sitzenden Geltungsdrang, aus Eitelkeit und Ehrsucht, und sie führt zu Neid, Mißgunst, Eifersucht und Mobbing. Im anderen nicht den Bruder / die Schwester sehen, sondern den Konkurrenten – das ist die eigentliche Wurzel für die schlechte Stimmung unter den Jüngern, das macht die Gemeinschaft schwer erträglich. Wenn man dies erfährt, möchte man ausbrechen aus der Gemeinschaft. Was empfiehlt Jesus also zu tun? Welchen Schlüssel hat er anzubieten? Er sagt: „Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern der Größte unter euch soll werden wie der Kleinste, und der Führende soll werden wie der Dienende.“ (Lk 22,26) D.h. Gemeinschaft lebt von der Liebe, die bereit ist zu dienen. Er fragt: „Welcher von beiden ist größer: wer bei Tisch sitzt oder wer bedient? Natürlich der, der bei Tisch sitzt.“ (Lk 22,28) Das kennen wir alle: Da sitzen die Leute am Tisch und lassen die anderen springen; sie haben ja das Geld, sie können sich bedienen lassen. Und dann wird noch gemeckert, weil es nicht schnell genug geht. Aber Jesus mahnt: Der Größere soll seine Größe dadurch zeigen, daß er sich klein macht und bedient, wie Jesus es selbst vorlebt hat: „Ich aber bin unter euch wie der, der bedient.“ Was würde heute wohl passieren, wenn keiner mit anpacken und mithelfen würde? Es gäbe nichts zu essen und zu trinken, keine Musik, nichts. Die Gemeinschaft braucht Menschen, die nicht fragen: „Was habe ich davon? Was bekomme ich dafür“, Menschen, die nicht sagen: „Sollen doch die anderen machen. Wieso ich?!“ Vielmehr müßten wir fragen: „Wieso ich nicht? Wieso eigentlich nicht ich?“ Warum sollte ich z.B. nicht die leeren Gläser oder das dreckige Geschirr zurückbringen? Natürlich darf das Dienen keine Einbahnstraße sein, vielmehr sollte es ein wechselseitiges Geben und Nehmen sein. Sein Leben als Dienst verstehen, seine Gaben als Aufgaben, seine Talente einsetzen für die Gemeinschaft. So ergänzt sich alles zu wunderbarer Harmonie. Das ist der Schlüssel zum Aufbau guter Gemeinschaft: die Bereitschaft zum Dienen. So können wir heute gemeinsam unser Pfarrfest feiern. Der Grund für unsere Gemeinschaft ist schon gelegt: Jesus Christus. In der Eucharistie führt er uns in die Kommunion mit ihm und untereinander.

135. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2006)

Liebe Gemeinde!

In Indien wurde einmal ein Mädchen, das seinen kleinen Bruder bergauf trug, gefragt: „Wird dir die Last nicht zu schwer?“ – „Das ist keine Last“, antwortete das Mädchen, „das ist mein Bruder“. In diesen kurzen Worten kommt sehr schön zum Ausdruck, was Nächstenliebe ist. Sie ist keine Kraftanstrengung, die auch noch zu leisten ist und gerade noch geschultert werden kann. Nächstenliebe ist nicht zuerst eine Tat, sondern eine Einstellung, eine innere Haltung, die dem Tun vorausgeht und ihm die Seele gibt.

Wir werden daran erinnert, daß die Liebe zum Nächsten aufs engste mit der Liebe zu Gott zusammenhängt. Der Jakobusbrief spricht dies unmißverständlich aus: „Meine Brüder, was nützt es, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es fehlen die Werke? Kann etwa der Glaube ihn retten?“ (Jak 2,14) Glaube ohne Werke ist toter Glaube (Jak 2,17), im Grunde bloß geheuchelt, denn der Glaube „kommt in der Liebe zur Wirksamkeit“ (Gal 5,6). Und wo es an dieser Frucht fehlt, da ist auch das ganze Gewächs nichts wert.

Der Papst macht in seiner Enzyklika sehr eindringlich auf die Einheit von Gottes- und Nächstenliebe aufmerksam. Er geht aus von der Frage: „Können wir Gott überhaupt lieben, den wir doch nicht sehen?“ (DCE n. 16) Dazu zitiert er aus dem 1. Johannesbrief: „Wenn jemand sagt: ‚Ich liebe Gott’', aber seinen Bruder haßt, ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht“. (1 Joh 4, 20) Er erklärt dazu, „daß die Nächstenliebe ein Weg ist, auch Gott zu begegnen, und daß die Abwendung vom Nächsten auch für Gott blind macht.“ In dem Beispiel von eben: Das Mädchen, das seinen Bruder aus Liebe trägt, begegnet in ihrem Tun dem lebendigen Gott, der die Liebe selbst ist. Es lernt die Gottesliebe in der konkreten Liebe zum Nächsten, zum Bruder.

Und umgekehrt: der Bruder spürt in der Liebe seiner Schwester die Liebe Gottes. Gott geht – wie der Papst sagt – „durch Menschen“ immer neu „auf uns zu“; er geht also in dem Mädchen auf den kleinen Jungen zu und trägt ihn, indem das Mädchen ihn trägt.

Das Mädchen empfindet seinen Bruder nicht als Last. Das Tragen ist keine Zumutung, nichts äußerlich Auferlegtes, vielmehr eine Tat, die aus dem Innern seines Herzens herauskommt. So ist das Ideal der Liebe: daß die Pflichten leicht werden, keine äußerlichen Gebote mehr sind, daß der Wille desjenigen, den ich liebe, mit meinem Willen eins wird, so daß ich gern tue, was der andere von mir erwartet bzw. wozu mich meine Verantwortung aufruft. Genauso ist aber auch das Ideal der Gottesliebe: daß – so schreibt der Papst: „der Wille Gottes nicht mehr ein Fremdwille ist für mich, den mir Gebote von außen auferlegen, sondern mein eigener Wille aus der Erfahrung heraus, daß in der Tat Gott mir innerlicher ist als ich mir selbst. Dann wächst Hingabe an Gott. Dann wird Gott mein Glück.“ (DCE n. 17)

Es gibt somit einen Weg von der Nächstenliebe zur Gottesliebe, aber es gibt ebenso einen Weg von der Gottesliebe zur Nächstenliebe – beide stehen in einer „notwendigen Wechselwirkung“. Ich zitiere: „Wenn die Berührung mit Gott in meinem Leben ganz fehlt, dann kann ich im anderen immer nur den anderen sehen und kann das göttliche Bild in ihm nicht erkennen.“ (DCE n. 18) Denn Nächstenliebe heißt ja, dem anderen „den Blick der Liebe“ geben, und das ist so gut wie unmöglich bei Mitmenschen, die ich kaum kenne oder die mir wenig sympathisch sind. Dann muß ich „von Gott her lieben“, „aus der Perspektive Jesu Christi heraus“, der jeden Menschen als Freund annimmt. Dann kann auch der Fremde wie ein Bruder, wie eine Schwester, wie ein Freund werden, denn „sein Freund ist mein Freund.“ Oder wie Jesus einmal gesagt hat: „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40)

Und wieder umgekehrt – ich zitiere wieder: „Wenn ich aber die Zuwendung zum Nächsten aus meinem Leben ganz weglasse und nur ‚fromm’ sein möchte, nur meine ‚religiösen Pflichten’ tun, dann verdorrt auch die Gottesbeziehung. Dann ist sie nur noch ‚korrekt’, aber ohne Liebe. Nur meine Bereitschaft, auf den Nächsten zuzugehen, ihm Liebe zu erweisen, macht mich auch fühlsam Gott gegenüber. Nur der Dienst am Nächsten öffnet mir die Augen dafür, was Gott für mich tut und wie er mich liebt. … Liebe wächst durch Liebe.“

Mit diesen Gedanken beschließt der Papst den ersten Teil seiner Enzyklika, um im zweiten Teil auf das Liebestun der Kirche, die Caritas, einzugehen. Hierauf komme ich vielleicht später noch einmal zurück. Aber mir scheint heute ein aktueller Hinweis angebracht: Der Papst hat in einer Vorlesung in Regensburg in Glaubenssachen Frieden und Gewaltlosigkeit angemahnt und einen mittelalterlichen Kaiser zitiert, der die Frage gestellt hat, welchen Beitrag der Islam dazu gegeben hat und heute gibt. Dem Kaiser Manuel ging es in seinem damaligen Dialog mit einem persischen Muslimen um die christliche Einsicht, daß Gewalt im Widerspruch zum Wesen Gottes und zum Wesen der Seele steht. Diese Einsicht, die sich aus dem Doppelgebot der Liebe ergibt, vermißt er bei Mohammed. Dieser dachte und handelte aus der Vorstellung, daß Gott sich mit seiner Allmacht durchsetzt und daß folglich derjenige, der Gott auf seiner Seite weiß, auch Gewalt anwenden darf, um der Wahrheit Raum zu geben. Jesus jedoch hat dieser Denkungsart widersprochen und Gott als einen Gott der Liebe gepredigt. Der Papst zitiert den Kaiser: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, daß er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten.“ Diese Kritik am Djihad, am Heiligen Krieg, also an der Durchsetzung religiöser Überzeugungen mit Gewalt und Terror, war damals berechtigt und ist auch heute nicht weniger legitim. Es ist eine Tatsache, daß der Koran den Heiligen Krieg empfiehlt und daß Mohammed selbst aus diesem Geist heraus Gewalt ausgeübt hat. Hierauf hinzuweisen, ist keine Beleidigung Mohammeds und der Muslime – wie es z.B. die Karikaturen gewesen sind, vielmehr ein Appell an den guten Willen aller Menschen, sich nachdrücklich von Terror und Gewalt zu distanzieren. Gerade die verbrecherischen Terroranschläge der letzten fünf Jahre beweisen die Notwendigkeit, daß insbesondere die führenden Religionsvertreter Gewalt im Namen Gottes ächten. Dies zeigen um so mehr die gewaltsamen Reaktionen, die aus dem von Papst Benedikt beklagten Ungeist stammen und von Menschen geschürt werden, die Freude an Chaos, Krieg und Gewalt haben. Wir dürfen uns von diesen verbrecherischen Freunden des modernen Djihad nicht einschüchtern lassen, dürfen nicht tolerieren, daß der Papst als der Bote des Friedens und der Liebe von Predigern des Hasses zum Schweigen gebracht wird.

136. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2006)

Liebe Gemeinde!

Schon am letzten Sonntag haben wir eine Leidensweissagung Jesu gehört; heute hörten wir die zweite, und es folgt noch eine dritte, die uns in einigen Sonntagen vorgelesen wird. Welch eine Tragik! Der Menschensohn, der in diese Welt gekommen ist, um alle Menschen „von ihren Krankheiten und Leiden zu heilen“ (Mt 9,35), wird den Menschen ausgeliefert und von ihnen zu Tode gebracht. Ich erinnere mich, wie ich als Kind gefragt habe, was das für böse Menschen gewesen sind, die Jesus so grausam gequält und getötet haben. Und meine Mutter antwortete: Das waren nicht nur einige wenige, das waren alle Menschen – auch die heute Leben den. – Natürlich habe ich das nicht wirklich verstanden, aber ich habe es mir gemerkt. Die Frage, das mich damals beschäftigt hat und die immer wieder aufsteigt, ist die, wa rum sich der Zorn der Ungerechten ausgerechnet gegen den Unschuldigen richtet, ge gen den, der nichts Böses, sondern nur Gutes getan hat. Die heutige Lesung läßt uns ein wenig verstehen, worin das Motiv liegt: Der Gerechte ist dem Ungerechten ein „lebendiger Vorwurf, … denn er führt ein Leben, das dem der andern nicht gleicht, und seine Wege sind grundverschieden.“ (Weish 2,14-15) Die Lebensweise des Gerechten ent larvt das Unrecht der Bösen, die ihr falsches Tun gern unter dem Mantel der Gerech tigkeit zu verbergen trachten. Dies gilt im kleinen wie im großen Stil. Denn keiner möchte als schlecht angesehen werden, und jeder reagiert allergisch auf Tadel an seiner Lebensführung. Nun könnte man einwenden: Gut, angenommen, das ist wirklich so. Aber damit ist noch nicht die Gewalttätigkeit erklärt, die sich gegen den Gerechten entlädt. Warum greifen die Ungerechten zu derart grausamen Mitteln, um ihren vermeintlichen An kläger zum Schweigen zu bringen? – Dazu ist zu sagen, daß es zur Gewalttätigkeit si cher nur unter bestimmten Umständen kommt, z.B. wenn sich ein Haufen von Menschen zusammengerottet hat, die durch eine besondere Wut enthemmt sind. Das kann freilich sehr schnell passieren, wenn überhaupt eine Feindschaft empfunden wird und die Bereitschaft da ist, dem lästigen Feind zu „zeigen, was eine Harke ist“. Die Men schenkenner aller Zeiten haben gewußt, daß in jedem Menschen ein gewisses Gewalt potential vorhanden ist und daß fast alle mit dem Strudel der Gewalttätigkeit mitgeris sen werden, wenn sie in seine Nähe geraten. Darum wäre es töricht, zu denken: „Ich bin doch so friedliebend, mir kann so etwas nicht passieren. Ich könnte nicht einmal einer Fliege was zuleide tun.“ – Nein, ich fürchte, unter Umständen ist jeder von uns zu den schlimmsten Entgleisungen fähig. Darum kommt es entscheidend darauf an, daß wir aus unserem Herzen alle Feind schaft verbannen. Denn sie ist der Ansatzpunkt für jede Art von Aggression gegen den anderen. Wer im eigenen Herzen Feindschaft zuläßt, der gehört bereits zu den Un gerechten im Sinne des Buches der Weisheit und damit zu denen, die potentiell den Unschuldigen und Wehrlosen unterdrücken. Jesus hat den Zorn der Ungerechten auf sich geladen, und er wußte, daß der Tag kommt, an dem sich dieser Zorn in Form von höchster Gewalt entladen würde. Dar über hat er mit seinen Jüngern gesprochen, aber sie verstanden ihn nicht, ja, wollten ihn nicht verstehen. Sie wollten lieber „Friede, Freude, Eierkuchen“ mit Jesus, wollten mit Kompromissen leben – so wie wir alle –, wollten vor allem ihre menschlichen Ei telkeiten pflegen, indem sie permanent darüber nachdachten und stritten, wer von ih nen der Größte sei. – Wir müssen da ganz still sein, denn auch wir ergehen uns oft und oft in solchen kleingeistigen Vergleichen und finden da auch nichts weiter dran auszu setzen. Aber die Frage Jesu macht die Jünger doch betroffen: „Worüber habt ihr unterwegs ge sprochen?“ Jesus setzt sich, um ihnen etwas mitzuteilen, was höchst wichtig ist für ihre Jüngerschaft: „Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein.“ (Mk 9,35) Vor zwei Wochen habe ich schon näher ausgeführt, daß es die dienende Lie be ist, die Jesus seinen Jüngern und damit uns allen hier einschärft. Sie muß das Mar kenzeichen der Kirche sein. Um diese Lehre zu unterstreichen, stellt Jesus ein Kind in die Mitte und nimmt es in die Arme. Kaum ein Mensch kann sich dieser Symbolik verschließen, denn ein kleines Kind erweckt in uns den Impuls, es zu beschützen und zu umsorgen. Jesus sagt: Jeder Mensch soll in uns diesen Impuls erwecken, wir sollen jeden Menschen annehmen, respektieren und in unsere Fürsorge aufnehmen. Das wäre das Gegenteil von der Feindschaft, die leider unsere Welt bestimmt und das Leben so unerträglich macht. Wir können und dürfen nicht warten, bis andere damit anfangen, diese Lehre Jesu um zusetzen. Es haben im übrigen schon viele damit angefangen, aber wir haben es noch gar nicht wahrgenommen, weil wir zu sehr mit uns selbst beschäftigt waren, mit unse rer Eitelkeit, und weil wir dem anderen so gern Böses unterstellen, wodurch doch nur unser eigenes böses Denken zum Ausdruck kommt. Wir müssen selbst anfangen, unser Herz von Aversionen zu befreien und es mit Liebe anzufüllen.

137. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2006)

Liebe Gemeinde!

Das Erntedankfest gehört zu den ältesten Festen der Menschheit. Wenn die Ernte des Jahres eingebracht ist, dann hat man es verdient, auszuruhen und zu feiern. Darum versammeln wir uns heute um den Altar, um den Geber aller Gaben zu preisen. Wir tun dies in der Feier der Eucharistie, der höchsten Form der Danksagung. In der Lesung ist der Apostel Jakobus zu Wort gekommen. Er redet den Reichen ins Gewis-sen und prophezeit ihnen die große Katastrophe. Sie haben gespart und gegeizt, aber das aufgehäufte Vermögen wird nichts mehr wert sein. Eine Inflation wird all ihr Gold und Sil-ber entwerten. Die schöns¬ten Modellkleider und die teuersten Maßanzüge werden in den Schrän¬ken verstauben und ein Fraß der Motten, weil es keine Gelegenheit mehr gibt, sie zu tragen. So etwas kann auch uns passieren. Weltweit gibt es zahlreiche Beispiele für den Absturz rei-cher Leute und ganzer Gesellschaften ins Elend. Es gibt keine Garantie für weiteres Wachs-tum. Habgier und Geiz sind kein geeignetes Mittel, sein Leben auf Dauer zu erhalten – das macht das heutige Gleichnis ganz unmißverständlich klar. Jakobus redet den Reichen ins Gewissen. Wer sind diese Reichen heute? Auf wen trifft die Charakterisierung zu: Andere um ihren gerechten Lohn betrügen, ein üppiges und ausschweifendes Leben führen, den Gerechten verurteilen und umbringen? – Ich denke da aktuell an die Firma BenQ, die in unverantwortlicher Weise einen ganzen Produktionszweig in Deutschland zugrundegerichtet hat – nicht ohne sich zuvor das Knowhow zu beschaffen, um später im eigenen Land Profit machen zu können. Tausende von Menschen in Deutschland werden vom Management ei-nes Konzerns zuerst zu niedrigen Löhnen gezwungen und dann in die Arbeitslosigkeit ent-lassen – das ist Ausbeutung im modernen Stil. Dafür gibt es immer wieder neue Beispiele, viel zu viele. Die Mahnung des Jakobusbriefs trifft gewiß auf keinen aus unserer Gemeinde zu. Welcher Bauer zahlt seinen Knecht nicht aus? Diese Zeiten sind vorbei. Die von Jahr zu Jahr weniger werdenden Land¬wirte müssen ohne Knechte und Mägde ihre Höfe bewirt-schaften. Maschinen ersetzen den Menschen. Es geht alles schneller und kosten¬günstiger. Heute muß man froh sein, wenn man seine Milch verkaufen kann. Heute ist man beim Ver-kauf des Viehs von den Launen des Marktes abhängig oder von unvorhersehbaren Skanda-len, die das Vertrauen der Verbraucher erschüttern. Heute steht man in fortwährendem Konkurrenzkampf mit an¬deren Ländern und ihrem Warenangebot. Dies alles gibt dem Ern-tedank einen anderen Stellenwert. Dennoch darf uns die gewachsene Unsicherheit der heutigen Zeit nicht zum Jammern und Klagen verführen. Nach wie vor ist Dankbarkeit angesagt. Im Vergleich mit anderen Län-dern gehören wir immer noch zu den Reichen. Wir leben nicht schlecht. Die meisten haben ein gut gefülltes Sparkonto. Darum müssen wir auch fragen: Meint Jakobus mit seiner Mah-nung wirklich nur die anderen? Jedenfalls will er uns die Augen öffnen für die Not der anderen. Wie schnell sind wir oft mit unseren Urteilen über Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben! Wie hart fällt manches Urteil über Menschen aus, die auf der Straße leben! – Die Dankbarkeit für die Ernte, über-haupt für die Schöpfungsgaben, mit denen wir gesegnet sind, soll ins Teilen münden. Das verstehen schon die Grundschulkinder, die am letzten Freitag ihren Erntedankgottesdienst gefeiert haben. Sie fanden unter vielen gefüllten Körben auch einen leeren Korb vor und wußten sogleich, was das bedeuten sollte: Vom Überfluß abgeben, damit auch die Armen leben können. Denn eines ist sicher: Am Ende haben wir alle gleich viel, das letzte Hemd hat keine Taschen. „Geben“, so sagte eine alte Bäuerin, „geben, muß man mit warmen Hän-den.“ Menschen in Not kann geholfen werden. Jeder von uns kann seinen Beitrag leisten. Ernte-dank wird auf diese Weise nicht nur Lobpreis des Schöpfers und Gebers aller guten Gaben, sondern auch ein Teilen der Gaben mit unseren Mitmenschen in nah und fern.

138. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2006)

Liebe Gemeinde!

„Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.“ – Dieses Wort Jesu ist uns gut vertraut. Wir hören es bei jeder Trauung, und auch sonst wird es häufiger zitiert. Jesus hat dieses Wort nicht aus dem Alten Testament übernommen wie das andere Wort: „Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen, und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins.“ (Mk 10,7f) Jesus interpretiert vielmehr das alttestamentliche Zitat, indem er lehrt, dass Gott es ist, der Mann und Frau zu einem Fleisch verbindet. Das war wirklich eine neue Lehre, die weder damals selbstverständlich war noch es heute ist. Zur Zeit Jesu gab es zum einen die Auffassung, dass man die Ehe aus nahezu jedem beliebigen Grund wieder auflösen konnte. Zum anderen gab es eine strengere Lehre: nach ihr bestand ein Recht zur Ehescheidung nur für den Fall der Untreue. Von Jesus erwarteten die Fragesteller, dass er die Streitfrage entschied und sich dabei in die Fallen der pharisäischen Wortklauberei verstrickte. Er würde sich entweder zum strengen Gesetzes¬buch¬staben bekennen und seinen Ruf als Prediger der Barmherzigkeit verlieren oder die laxe Auslegung vertreten und dann als Verräter seiner eigenen Prinzipien dastehen. Aber es kam anders: Jesus stellte vielmehr klar, dass das Gesetz, auf das sich seine Gegner beriefen, bereits ein Zugeständnis an die menschliche Hartherzigkeit darstellt; am Anfang der Schöpfung hatte Gott einen anderen Plan, den Plan der unaufkündbaren Liebe zwischen Mann und Frau. Diese Liebe hat der Schöpfer Mann und Frau eingestiftet und sie gerade dadurch verbunden. Diese Liebe sollte so sein, wie es später Paulus ausgedrückt hat: „Sie erträgt alles, … hält allem stand“ (1 Kor 13,7), sie hält insbesondere auch den Kränkungen und Verfehlungen des anderen Partners stand. – Wer dagegen ein hartes Herz hat, wer die Schuld beim anderen sucht, statt sie zu ertragen und mit ihm zu tragen, der wird nicht lange standhalten und eine Ehekrise sehr bald durch eine Scheidung zu beenden suchen. Es geht Jesus wie so oft um die Barmherzigkeit: Sie ist das Kennzeichen des angebrochenen Reiches Gottes. Der Streit um die strengere oder laxere Gesetzesauslegung ist ein Streit jenseits der Barmherzigkeit, ein Disput um den Buchstaben, geistlos und lieblos. Doch der alttestamentliche Buchstabendienst soll dem neutestamentlichen Dienst des Geistes weichen! (Vgl. 2 Kor 2,7f) Das Gesetz Gottes soll zur Liebe führen, nicht zur Selbstgerechtigkeit; darum kommt es nicht auf den Buchstaben an, sondern auf den Geist. Wer diesen Geist der Liebe hat, wessen Herz vom Heiligen Geist erfüllt ist (Röm 5,5), der spürt schon anfänglich, wie der Geist ihn belebt, das Vertrocknete tränkt, die Verhärtungen auflockert und das Erkaltete wärmt. Wer in die Welt eintaucht, von der Jesus predigt, der wird nicht mehr so leicht die Moral als Waffe gegen seinen Mitmenschen oder gar gegen seinen Ehepartner einsetzen. Wir hören leider aus Jesu Worten meistens heraus, als ob er uns ein noch strengeres Gesetz zumutete als die strengsten Gesetzeslehrer seiner Zeit. Barmherzigkeit als das neue Supergesetz! So kann man es ja tatsächlich verstehen: „Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden. Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden.“ (Lk 6,37) Aber es ist eben kein Gesetz, das uns klein macht, bedrängt und anklagt, sondern ein neuer Zugang zu Gott, der unser Herz weit macht, beflügelt und freimacht. Barmherzigkeit ist überhaupt kein Gesetz, nichts Einklagbares, sondern ein Geschenk, aus dem wir leben und das wir weitergeben dürfen. Das heißt dann freilich auch, dass Barmherzigkeit keine Einbahnstraße ist. Sofern die Rede möglich ist, dass man sie üben soll, dann natürlich auch in alle Richtungen, insbesondere auch gegenüber denjenigen, deren Ehe gescheitert ist, z.B. weil einer der Partner oder beide nicht fähig waren, die nötige Barmherzigkeit dem anderen gegenüber zu erweisen. Es ist nicht im Sinne Jesu, über andere die Nase zu rümpfen, weil sie es nicht geschafft haben, ihr Treueversprechen einzuhalten. Von außen kann keiner beurteilen, welche Schwierigkeiten sie gehabt haben, an denen sie schließlich gescheitert sind. Das Evangelium fügt gleichsam zur Verdeutlichung die Episode von der Segnung der Kinder hinzu. Die Kinder werden hier ausdrücklich Vorbild für jeden hingestellt, der das Reich Gottes aufnimmt, also gerade auch für die Eheleute, die, wenn sie sich ihrer Kindschaft Gott gegenüber bewusst sind, dem Partner nicht mit der Haltung überlegener Erwachsenheit gegenübertreten können. Kinder sind noch nicht so stur, die Versöhnung mit dem anderen abzulehnen, doch gerade an dieser Sturheit gehen die Beziehungen der Menschen kaputt: „Der ist für mich gestorben!“ - „Mit dem rede ich kein Wort mehr.“ - „Wenn die nicht den ersten Schritt tut, dann ist es eben aus; ich werde jedenfalls nicht zu Kreuze kriechen...“ (usw.) Kinder streiten sich zwar, aber sie können sich auch schnell wieder vertragen. Und zweitens: Wer vor Gott die Haltung des Kindes bewahrt, dem fällt es leichter, die unvermeidlichen Spannungen des Lebens zu ertragen und dem anderen Verständnis und Wohlwollen entgegenzubringen. Kindschaft vor Gott – das schließt drittens auch die Tugend der Dankbarkeit ein. Diese Tugend ist dem Anspruchsdenken unserer Zeit fremd. Man will für nichts danken, man will vielmehr seine Rechte einfordern. Wer aber immer nur auf seine Rechte bedacht ist – auch gegenüber dem Ehepartner –, der wird für die kleinen Aufmerksamkeiten im Alltag blind, der wird gedankenlos und undankbar und kann auf Dauer keine Beziehung durchhalten. Menschen, die sich ihr Kindsein bewahrt haben, gehört das Reich Gottes.

139. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2006)

Liebe Gemeinde!

Das Markusevangelium legt Jesus folgendes Wort als sein allererstes in den Mund: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ Daß Gott nun seine Herrschaft auf der Erde errichtet, daß sein Reich nahe ist – davon war Jesus nicht nur mit größter Festigkeit überzeugt, das hat auch all seinen Umgang mit den Menschen geprägt und seine Predigt grundlegend bestimmt.

Was ist die Konsequenz, wenn Gott auf der Erde herrscht und nicht mehr der sündige Mensch? – Dann wird alles anders, dann bekommt alles ein anderes Gewicht. Paulus hat es einmal sehr deutlich ausgedrückt: „Ich sage euch, Brüder: Die Zeit ist kurz. Daher soll, wer eine Frau hat, sich in Zukunft so verhalten, als habe er keine, wer weint, als weine er nicht, wer sich freut, als freue er sich nicht, wer kauft, als würde er nicht Eigentümer, wer sich die Welt zunutze macht, als nutze er sie nicht; denn die Gestalt dieser Welt vergeht.“ (1 Kor 7,29-31) Die Gestalt dieser Welt vergeht, ihre Struktur ändert sich dramatisch, wenn Gottes Reich kommt. Wenn das Ziel erreicht ist, verlieren die Mittel zum Ziel ihren Wert, wenn das Vollendete da ist, muß man sich nicht mehr mit dem Vorläufigen und Unvollkommenen begnügen. Wofür Schätze ansammeln, wenn das Leben auf ganz andere und viel effektivere Weise gesichert werden kann?

Der Ankündigung der Nähe des Gottesreiches folgt der Ruf zur Umkehr, zum Glauben und zur Nachfolge – ganz logisch. Jesus ruft überzeugte Mitstreiter für das Reich Gottes in seine Nachfolge. Die ersten waren damals Simon, Andreas, Johannes und Jakobus, einer der späteren war der Mann, von dem das heutige Evangelium spricht. Dieser fragt für uns ganz nachvollziehbar: „Was muß ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“ (Mk 10,17) – Die Frage ist völlig unabhängig davon, ob das Reich Gottes nahe ist oder fern ist, ob Jesus mit seiner Predigt recht hat oder nicht, die Frage ist eine typische Menschheitsfrage, die noch nichts von der überraschenden Botschaft gehört, daß Gott sich selbst auf den Weg zum Menschen machen will, um ihn zu retten. – Jesus antwortet deshalb anfangs auch ziemlich nüchtern und erinnert fast hausbacken an die Zehn Gebote. Diese beschreiben den Weg zum ewigen Leben. Vielleicht will Jesus dem Mann damit auch einen Gewissensspiegel vorhalten, um ihn zu prüfen, ob er denn auch niemandem seinen gerechten Lohn vorenthält und ob er für seine alten Eltern sorgt. Doch der Mann kann gelassen antworten, daß er von Jugend an alle diese Gebote befolgt hat.

An diesem Punkt sieht Jesus die Chance, dem Mann seine eigentliche Botschaft anvertrauen zu können. Ausdrücklich sagt der Evangelist, daß Jesus ihn ansah und liebgewann – so wie er so viele andere Menschen zuvor in sein Herz geschlossen und in seine Nachfolge berufen hat. Er beginnt so: „Eines fehlt dir noch.“ (Mk 10,21) Das soll nicht heißen: Ein Gebot fehlt dir noch, ein 11. Gebot, das Moses noch nicht kannte. Sondern vielmehr: Ein Zuspruch fehlt dir noch, der letzte Sinn fehlt dir noch, die Erfüllung fehlt dir noch. Merkst du es nicht selbst, wie leer du bist trotz deines Reichtums, wie einsam trotz deiner Freunde? Hältst du nicht sehnsuchtsvoll Ausschau nach etwas, was dich wirklich trägt und hält, nach einer Liebe, für die es sich lohnt, alles zu geben? – Und nichts wünscht sich Jesus sehnlicher, als daß die Menschen es merken, daß er selbst es ist, der die Sehnsucht stillen kann, der der Schatz ist, der das unruhige Herz endgültig zufrieden macht.

Vielleicht war Jesus zu schnell mit der sogleich hinterher gestellten Forderung (aber vermutlich hat der Evangelist wie sonst auch ein langes Gespräch nur drastisch gekürzt und auf das Wesentliche zusammengezogen): „Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!“ (Mk 10,21) – Nicht alle Menschen konnten oder wollten Jesus in diesem Punkt Glauben und Vertrauen schenken, daß mit ihm wirklich das Reich Gottes gekommen ist, daß er wirklich über einen bleibenden Schatz im Himmel verfügte und daß es nur darauf ankommt, alles Hinderliche abzustreifen, insbesondere das Hängen am Besitz. Der Mann gehörte zu denen, die traurig weggingen und dem Ruf Jesu widerstrebten. Er hing zu sehr an seinem Vermögen, das er zu seiner Lebenssicherung erworben hatte und das doch niemals das Leben endgültig zu sichern imstande ist. Das Vordergründige, Vorläufige und Sichere war ihm lieber als das Endgültige, aber eben nicht unmittelbar Sichtbare, von dem Jesus sprach.

Hat der Mann das ewige Leben, das er gesucht hat, verloren? Wir müssen es umdrehen: Gott hat einen Menschen verloren, der berufen war, Zeuge für sein ewiges Reich zu werden. Der Mann, der die Berufung ausgeschlagen hat, wird wahrscheinlich zeitlebens den Stich im Herzen gespürt haben: »Weil ich immer Sicherheit gesucht habe, ist mein Herz leer geblieben.« Für uns Hörer und Leser des Evangeliums soll die Begebenheit zum Anlaß werden, unser Verhältnis zu Jesus Christus zu überdenken. Ist es so, wie ein Wortspiel von Lothar Zenetti es sagt: „Was Jesus für mich ist? Einer der für mich ist. Was ich von Jesus halte? Daß er mich hält.“ Papst Benedikt XVI. drückt es so aus: „Habt keine Angst vor Christus. Er nimmt nichts, und er gibt alles.“

140. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2006)

Liebe Gemeinde!

Er hat lange auf diesen Augenblick gewartet, dieser Blinde am Straßenrand von Jericho – sein Name ist sogar noch überliefert: Bartimäus. Mit seinem ganzen Wesen sehnt er sich nach Heilung, nach Licht. Jetzt ist die Chance da, und er ruft mit lauter Stimme: „Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner.“ Er stört sich nicht an den vielen, die die Not des Blindseins nicht kennen und ihm befehlen zu schweigen, er schreit nur noch viel lauter.

Es ist leicht, diese Begebenheit auf unser geistliches Leben zu übertragen. Zwar ist uns der Herr immer nahe, aber manchmal geht er auch vorüber, wenn wir ihn nicht durch lautes Rufen auf uns aufmerksam machen. Der heilige Augustinus sagt in einer Predigt: „Ich fürchte, Jesus könnte an mir vorübergehen und nicht wiederkommen.“ – Das ist in der Tat ein ernster Gedanke. Wir können ihn beziehen auf unser persönliches Leben wie auch auf die großen Entwicklungen in der Welt.

1. In unserem persönlichen Leben kommt es immer wieder vor, daß wir merken: wir kommen alleine nicht zurecht. Wir wissen nicht, welcher Weg der richtige ist, wohin wir uns wenden sollen, welcher Stimme wir folgen sollen, was jetzt für uns dran, was zu tun ist. Oder wir erkennen uns plötzlich nicht wieder und haben auch ein getrübtes Bild von der Welt und von unseren Mitmenschen. Das Gute und Schöne zeigt sich nicht mehr, wir sehen nur noch die Schattenseiten des Lebens – als wären wir blind geworden. Geistige und geistliche Blindheit ist nicht weniger schlimm als die leibliche, aber sie kommt viel häufiger vor, zu gewissen Zeiten fast bei jedem Menschen.

Wenn wir merken, daß auch wir davon befallen sind, dann wird es Zeit, daß wir Christus herbeirufen, der immer wieder auch unsere Wege kreuzt. Die Bitte des blinden Bettlers „Ich möchte wieder sehen können“ sollten wir zu unserer eigenen Dauerbitte machen: „Ja, Herr, nimm die Blindheit von meinen Augen, die mich hindert, deine väterliche Liebe zu erkennen.“ Von der Stunde unserer Geburt an bis zum letzten Atemzug werden wir von der Liebe Gottes umfangen und gehen gleichgültig an ihr vorbei. Unsere Augen sehen nicht, wie Jesus uns jeden Tag nahe ist, wie er jeden Tag darauf wartet, uns sein helfende Hand zu reichen. Unsere Aufmerksamkeit ist auf vergängliche Dinge gerichtet, die uns mit ihrem gleißenden Licht anlocken und den Blick auf die entscheidenden und bleibenden Werte verstellen. – Doch Jesus kann jede Blindheit heilen und uns die geistige Klarheit neu schenken, wenn wir ihn nur innig und unbeirrt darum bitten.

2. Doch gilt dies nicht nur für unser persönliches Leben, sondern auch für das gesellschaftliche Leben und sogar für das ganze Weltgeschehen. In diesem Bereich sehen wir sogar am ehesten ein, daß guter Rat teuer ist, hat uns doch seit langem schon der Fortschritts­opti­mis­mus verlassen und einer allgemeinen Zukunftsangst Platz gemacht. Hier sind wir Christen gefragt, ob wir unseren Glauben als eine weltverändernde, heilende und befreiende Kraft oder nur für eine Privatsache ansehen. Wenn wir uns wie die anderen nur auf rein innerweltliche Strategien verlassen, dann sind auch wir von Mutlosigkeit und Resignation bedroht, die sich einstellen, wenn die ergriffenen Maßnahmen versagen. Europa steht am Scheideweg: Wird es wie der blinde Bartimäus den vorübergehenden Christus zu Hilfe rufen, oder wird es weiterhin seine christliche Vergangenheit in stolzer Verachtung mit Füßen treten? Die zwölf Sterne der europäischen Flagge erinnern an Maria, die in der Offenbarung geschildert wird als „Frau, mit der Sonne bekleidet … und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt.“ (Offb 12,1) Aber in der europäischen Verfassung soll von Gott nicht einmal die Rede sein. Die Völker Europas, die einst ihre Geisteskraft und ihren Glauben so stolz in alle Welt getragen haben, sind im Materialismus versunken und suchen ihr Heil nur noch in der Ökonomie. Die muslimischen Völker haben nur Verachtung für uns übrig. Und sie wissen: bald wird Europa nicht nur arm an Kindern sein, sondern auch seinen wirtschaftlichen Reichtum verlieren – wenn wir uns nicht ändern und uns auf Christus besinnen, der nur darauf wartet, uns fragen zu können: „Was soll ich dir tun?“

141. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2006)

Liebe Gemeinde!

Weltuntergangsängste und entsprechende Mythen sind so alt wie die Menschheit selbst. Die Menschen wissen nämlich – anders als die Tiere –, daß sie sterben werden, ja, daß alles Irdische vergänglich ist. „Windhauch ist alles“, das haben die Teilnehmer der Bibelwoche in der letzten Woche immer wieder vom Prediger Kohelet gehört, „es ist alles Windhauch“, d.h. flüchtig und vergänglich.

Dieses Menschheitswissen greift Jesus auf und bestätigt es mit kräftigen Bildern. Er benutzt dabei die sog. apokalyptischen Vorstellungen, die zu seiner Zeit sehr im Umlauf waren: daß sich die Sonne einst verfinstern wird, daß der Mond nicht mehr scheint und gar die Sterne vom Himmel fallen – alles gewaltige Zeichen für das Ende und den Untergang der Welt. Aber er bestätigt nicht einfach die verbreiteten Vorstellungen, sondern er lenkt sie in eine andere Richtung, denn er malt nicht nur den Schrecken aus, sondern kündigt zugleich die Rettung an: die Engel werden die „Auserwählten aus allen vier Himmelrichtungen zusammenführen“ (Mk 13,27). Mitten im katastrophalen Ende soll von Gott her, bei der Wiederkunft Christi, das endgültig und ewig Bleibende errichtet werden. Das Flüchtige, das nur Windhauch ist, geht zwar zugrunde, aber von Gottes bleibender Ewigkeit her wird der Mensch, der sich in Gott festgemacht hat, gerettet.

In die gleiche Richtung geht der Vergleich mit dem Feigenbaum. Jesus verwendet den Feigenbaum öfter als Bild für das auserwählte Volk Israel. Einmal verflucht er einen unfruchtbaren Feigenbaum, weil dieser keine Frucht bringt, wozu er doch da ist (Mk 11,12-14). Ebenso weint er über Jerusalem, weil seine Bewohner nicht erkannt haben, was ihnen Frieden bringt. (Lk 19,41f; vgl. 13,34) Hier aber kündigt er eine frohmachende Veränderung an: „Lernt etwas aus dem Vergleich mit dem Feigenbaum! Sobald seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, wißt ihr, daß der Sommer nahe ist.“ (Mk 13,28) D.h. für den verdorrten Feigenbaum gibt es die Hoffnung auf einen neuen Sommer; Israel wird eines Tages aufblühen und Frucht bringen, die Frucht der gläubigen Hinwendung zum wirklichen Messias.

Dies alles soll inmitten von Bedrängnis und Schrecken geschehen. Was vom Menschen her die reine Katastrophe zu sein scheint, das ist von Gott her gesehen neues Aufblühen und Fruchtbarwerden, ist Zeit der Ernte Gottes. Das also können wir vom Vergleich mit dem Feigenbaum lernen: daß das Weltende für die Gläubigen nicht den Zusammenbruch ins Nichts hinein ist, sondern Aufbruch ins Ewige Gottes.

Soviel ist gewiß. Anderes dagegen bleibt ungewiß, vor allem wann das alles geschehen wird. „Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater.“ (13,32) Wir können den Tag nicht berechnen, und wir sollen uns erst recht nicht irremachen lassen von Leuten, die zu wissen meinen, der Tag sei bald gekommen – ganz gleich, ob sie sich auf die Klimakatastrophe oder sonst etwas berufen. Apokalyptische Ängste schüren ist etwas Unverantwortliches, denn es lähmt den Menschen und hindert ihn daran, seinen Verstand und Phantasie einzusetzen zur Abwendung der gegenwärtigern Gefahren. Hüten wir uns vor den Sektierern, die unter dem Mantel der Frömmigkeit den Menschen zuerst verängstigen und dann unfrei machen!

Halten wir uns besser an diejenigen Menschen, die zu anderen Zeiten vor ähnlichen Problemen wie wir heute standen und sie in Gelassenheit und Gottvertrauen angegangen sind. Der Not der Vergänglichkeit ist z.B. der Barockdichter Andreas Gryphius mit folgendem Gedicht entgegengetreten:

Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen.

Mein sind die Jahre nicht, die etwa mögen kommen.

Der Augenblick ist mein, und nehm’ ich den in Acht,

so ist der mein, der Zeit und Ewigkeit gemacht.

142. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2006)

Liebe Gemeinde!

„Deus caritas est. Gott ist die Liebe.“ Diesen Satz aus dem 1. Johannesbrief kennen seit einem halben Jahr fast alle Menschen. Denn so hat Papst Benedikt XVI. seine erste Enzyklika überschrieben. Ich möchte Ihnen dieses päpstliche Lehrschreiben heute und an den folgenden Sonntagen vorstellen und die wichtigsten Aussagen erklären. Heute möchte ich beginnen mit der Grundaussage. Was hören wir eigentlich aus dem programmatischen Wort heraus „Gott ist die Liebe“? Was ist gemeint? Unser Papst sagt, hier sei die Mitte des christlichen Glaubens ausgesprochen, das christliche Gottesbild wie auch das Bild vom Menschen. Vielleicht wird es klarer, wenn ich es negativ sage: Die Mitte unseres Glaubens ist nicht die Erkenntnis, ebensowenig ein Ritus, nicht eine Unterwerfung, nicht eine schriftliche Urkunde, nicht eine bestimmte Tradition; unser Glaube hat es nicht mit Macht zu tun, weder mit der göttlichen Macht noch dem Versprechen, durch den Glauben mehr Macht zu haben. Und so könnte ich fortfahren… Nein, all das macht unseren Glauben nicht aus, sondern einzig die Liebe verdient es, als das Wesentliche des Glaubens genannt zu werden. Wir glauben an einen Gott der Liebe, und das heißt zuerst und vor allem: Gott ist ein Jemand, eine Person mit Name und Gesicht, mit dem Vermögen zu lieben und geliebt zu werden. So heißt es im 1. Joh 4,7f: „Liebe Brüder, wir wollen einander lieben; denn die Liebe ist aus Gott, und jeder, der liebt, stammt von Gott und erkennt Gott. Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist die Liebe.“ Und weiter (V. 10): „Nicht darin besteht die Liebe, daß wir Gott geliebt haben, sondern daß er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat.“ Es lohnt sich, kurz darüber nachzudenken, warum Papst Benedikt ausgerechnet dieses Thema zum Inhalt seiner ersten Enzyklika erwählt hat. Er selbst spricht davon, daß dies „eine Botschaft von hoher Aktualität und von ganz praktischer Bedeutung“ ist, weil wir in einer Welt leben, „in der mit dem Namen Gottes bisweilen die Rache oder gar die Pflicht zu Haß und Gewalt verbunden wird“. (n. 1) Damit erinnert er an die Bedrohung der heutigen Welt durch eine neue Form des Terrorismus, der insofern nie dagewesene Ausmaße angenommen hat, als hier die religiösen Gefühle gläubiger Muslime für die inhumansten Zwecke eingespannt und mißbraucht werden. Offenbar hegt der Papst die Hoffnung, daß die Menschen guten Willens diesem verderblichen Denken leichter widerstehen können, wenn sie sich bewußt machen, daß Gott die Liebe ist und darum niemals zur Legitimation von Gewaltanwendung herangezogen werden kann. Eine zweite Absicht richtet sich mehr auf uns Christen in Europa, die wir die Botschaft von der Liebe Gottes schon so lange kennen und tradieren und doch anscheinend immer noch weit entfernt davon sind, sie wirklich innerlich aufgenommen und umgesetzt zu haben. Vielmehr sieht es ganz so aus, als taumelten wir immer zwischen zwei Extremen hin und her, ohne die rechte Mitte zu finden: Das eine Extrem betont Gottes Heiligkeit und entsprechend seinen Zorn über die Sünde; das Evangelium wird dann als Drohbotschaft verstanden; das äußere Verhalten wird durch sozialen Druck und durch Angstmache reguliert; man tut zwar das Rechte, aber nur ungern, gezwungen und ohne Überzeugung, und man will aus diesem Zwang ausbrechen. – Das andere Extrem betont Gottes nachsichtige Güte und Barmherzigkeit, angesichts derer die Rede von Sünde antiquiert erscheint; das Evangelium wird als Bestätigung des Menschen verstanden, als freies Angebot, dem keinerlei Verbindlichkeit zukommt, als folgenloser Appell an das Werteempfinden der Menschen; die Menschen folgen ihren Launen und beginnen sich wieder nach strenger Ordnung sehnen. Obwohl das ein wenig schwarz-weiß gezeichnet ist, trifft es wohl weitgehend zu. Ich vermute, der Papst wollte mit seiner Enzyklika zeigen, daß beide Extreme vom Unverständnis der Liebe Gottes geprägt sind. Das erste nicht, weil es ganz auf Angst und Druck baut, das zweite aber ebensowenig, weil Liebe hier mit unverbindlicher Nachsichtigkeit verwechselt wird. Denn man spricht hier vom harmlosen „lieben Gott“ und hat ein Bild von Gott im Kopf wie das von einem Urgroßvater, der seinen Lebensabend im Heim verbringt. Man besucht ihn an Feiertagen und hört sich seine alten Geschichten an. Grundsätzlich ist man ihm schon dankbar, vor allem, wenn er auch jetzt noch Geschenke verteilt oder weil man sich ein Erbe erwartet. Aber ansonsten läßt man ihn im heutigen Leben nicht mitreden. Ein solcher Glaube kostet nicht viel, bringt aber auch nichts; er ist wirkungslos, und die Rede von Liebe ist unwahr. Das sagt die heutige Lesung ganz klar: „Wer sagt: Ich habe ihn erkannt!, aber seine Gebote nicht hält, ist ein Lügner, und die Wahrheit ist nicht in ihm.“ (1 Joh 2,4) Liebe Gemeinde! Die Enzyklika des Papstes könnte man als Kommentar zu diesem Satz auffassen: „Wer sagt: Ich habe ihn erkannt!, aber seine Gebote nicht hält, ist ein Lügner, und die Wahrheit ist nicht in ihm.“ Als einen Kommentar jedoch, der an die Freiheit des Hörers oder Lesers appelliert, nicht als Rückfall in die alte Form der Drohbotschaft. Denn so könnte man den Satz ja auch verstehen und dann mißdeuten: Wenn ihr die Gebote nicht haltet, dann seid ihr Lügner. Fangt also schon mal an, euch vor dem Zorn Gottes zu fürchten! So nicht! Eher so: Lügt euch nicht in die Tasche! Macht euch nichts vor, und laßt euch nichts vormachen! Glaubt ihr wirklich, daß ihr freier werdet, wenn ihr das Gebot der Liebe in den Wind schlagt? Daß ihr frei werdet, wenn ihr den Tag des Herrn, den Sonntag, zum Werktag degradiert? Es ist doch gerade umgekehrt: Die Gesetze der Ökonomie zwingen immer mehr Menschen, rund um die Uhr, auch nachts und sonntags, zu arbeiten. Sie machen uns nicht frei, sie machen uns kaputt. Seht ihr nicht, daß Gottes Gebote unser bester Schutz davor sind, ausgebeutet und kaputt gemacht zu werden? Der Glaube ist nichts Theoretisches, sondern etwas Praktisches, er ist eine Praxis, ein Handeln. Johannes sagt dies mit folgendem etwas merkwürdig klingenden Satz: „Wenn wir seine Gebote halten, erkennen wir, daß wir ihn erkannt haben.“ (1 Joh 2,3) Gott erkennen, an Gott glauben heißt immer auch, tun, was er uns sagt, denn er sagt uns nichts anderes, als in der Liebe zu bleiben und aus der Liebe zu leben. Glauben heißt, auf Gottes Liebe antworten und sie erwidern. „Wer sich aber an sein Wort hält, in dem ist die Gottesliebe wahrhaft vollendet.“ (1 Joh 2,5) In allen Geboten geht es immer nur um das Eine: die Liebe zu Gott und zum Nächsten umzusetzen. Dann halten wir uns an sein Wort und erfahren, daß der Glaube uns trägt.

143. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2006)

Liebe Gemeinde!

„Meine Kinder, wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit.“ (1 Joh 3,18) Mit der Anrede „Meine Kinder!“ erteilt uns der Evangelist eine gütige und eindringliche Mahnung: Wir sollen nicht nur schöne Worte gebrauchen, sondern Taten folgen lassen. Liebe ist nicht nur ein Wort, Liebe, das sind Worte und Taten. Liebe ist nicht von der Wahrheit zu trennen, und Wahrheit ist im biblischen Sprachgebrauch nie etwas rein Theoretisches, sondern immer etwas Praktisches. Mein Freund und Lehrer in Paderborn pflegt seit ein paar Jahren „Wahrheit“ so zu definieren: Wahrheit ist die Fähigkeit, mich und den anderen am Leben zu erhalten. Im Gegensatz zur Wahrheit steht das Eigeninteresse; das Interesse ist die Schrumpfform der Wahrheit, in der ich nur mich selbst am Leben erhalten will. Mit dieser Definition sind wir schon beim Schnittpunkt der heutigen Lesungen mit dem Beispiel unseres Pfarrpatrons, des hl. Pankratius. Dieser jugendliche Marytrer hat das Interesse, sein eigenes Leben zu erhalten, hintangestellt und für die Wahrheit Zeugnis abgelegt. Dies konnte er, weil er wußte, daß Gott die Wahrheit selber ist, denn Gott hat die Fähigkeit, alle partikulären Interessen zu versöhnen und alle Menschen auf Dauer am Leben zu erhalten. So hat Pankratius sein junges Leben loslassen und in die Hände seines Schöpfers zurückgeben können. Die Kirche aber hat darin immer den Triumph gesehen und gefeiert, den Sieg der Wahrheit über das Interesse, den Sieg des Glaubens über die Welt, den Sieg der Liebe über den Egoismus. Gott ist groß, das sieht man an den Großtaten gerade der Kleinen und Schwachen. „Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge schaffst du dir Lob.“ (Ps 8,3) Liebe Brüder und Schwestern! Wir brauchen die Heiligen, weil sie uns das Evangelium vorgelebt haben. Wir brauchen sie zur Erinnerung und zum Wachwerden, wenn wir saumselig geworden sind. Wir brauchen sie, damit wir frohe Zuversicht schöpfen und uns nicht von den schlechten Nachrichten, die das Leben bietet, nach unten ziehen lassen. Wir brauchen sie, weil sie uns helfen, in der Kirche und bei der Praxis des Glaubens zu bleiben. BLEIBEN! Dieses Wort haben wir heute sehr oft gehört, zweimal in der Lesung und neunmal im Evangelium. Wieder und wieder betont Johannes, wie wichtig es ist, mit Christus verbunden zu bleiben, in ihm zu bleiben. Man darf vermuten, daß der hochbetagte Lieblingsjünger Jesu diese Mahnung aus der traurigen Erfahrung heraus geschrieben hat, daß viele der ersten Christen nicht geblieben sind, sondern sich wieder von Christus getrennt haben – teils weil sie irrigen Lehren gefolgt sind, teils weil sie vielleicht nicht genug Durchhaltevermögen besaßen. Laßt euch nicht entmutigen! rief er damals den Christen zu. Sucht eure Bleibe nicht woanders, auch wenn euch die Kirche nicht mehr die Heimat und Geborgenheit zu schenken scheint, die ihr in ihr gesucht habt! Das Gleichnis vom Weinstock ist eine Antwort auf diese Anfechtung. Trennt euch nicht von der Kraftquelle eures Lebens! Macht euch nicht los von der Sonne, sonst stürzt ihr in die eisige Kälte des Weltraums. Jesus bleibt bei uns, steht zu dir und mir – laß es dir gesagt sein! „Nimm Gottes Liebe an, du brauchst dich nicht allein zu mühn. Denn seine Liebe kann in deinem Leben Kreise ziehn. Und füllt sie erst dein Leben und setzt sie dich in Brand, gehst du hinaus, teilst Liebe aus, denn Gott füllt dir die Hand.“ – So heißt es in einem Lied von Kurt Kaiser. Das Erste ist immer das Annehmen der Liebe, Glauben, daß Gott wirklich mich meint und mich liebt. Das ist gar nicht so einfach, weil uns das Gewissen so oft anklagt, das Herz verurteilt. Wir sind zwar auch sehr oft im Unschuldswahn befangen, aber dann auch wieder in der Angst, versagt zu haben und keine Liebe zu verdienen finden, die rechte Mitte zwischen beiden Extremen finden wir nicht. Darum ist unser Herz voll Unruhe, ist nicht fest, nicht geborgen, heimatlos, immer auf der Flucht, solange es die Wahrheit nicht gefunden hat. „Wir werden unser Herz in Gottes Gegenwart beruhigen“, schreibt Johannes. „Denn wenn das Herz uns auch verurteilt – Gott ist größer als unser Herz, und er weiß alles.“ – „Wenn dein Herz dich unruhig macht, wenn du fühlst, daß nichts ist, wie es sein sollte; wenn dich die große Verantwortung für dieses oder jenes drückt ... - dann gib dich ins Wissen Gottes. Er weiß. Er weiß in ewiger Liebe um alles, auch um dich.“ (R. Guardini) Ganz gleich, welche Stürme in deiner Seele wüten – stürze dich in das Meer des gütigen göttlichen Verstehens und Erbarmens! Nimm Gottes Liebe an! Dann kommt der zweite Schritt wie von selbst, das Fruchtbringen, die eigenen Taten der Liebe. „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht.“ (Joh 15,5) Verbunden sind der erste und der zweite Schritt, das Annehmen der Liebe und die eigenen Taten der Liebe, durch das Bleiben am Weinstock, das Bleiben in der Gemeinschaft mit Christus. Jetzt bei der Feier der Eucharistie wird diese Gemeinschaft neu genährt und vertieft, unser Bleiben erneuert und gefestigt. Hier wird uns das wahre Leben geschenkt, ein Leben, das nicht mehr in Konkurrenz mit den Interessen anderer steht, weil es aus der Wahrheit Gottes stammt. Brot, das lebt und Leben spendet! Kommt und schmeckt das Brot des Lebens!

144. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2006)

Liebe Gemeinde!

„Gott ist (die) Liebe.“ Heute hören wir die Aussage wieder, die der Papst als Überschrift seiner ersten Enzyklika gewählt hat. In meiner 2. Predigt darüber möchte ich über die verschiedenen Bedeutungen des Wortes „Liebe“ sprechen.

Der Papst macht auf die Schwierigkeit aufmerksam: „Das Wort ,,Liebe’’ ist heute zu einem der meist gebrauchten und auch mißbrauchten Wörter geworden, mit dem wir völlig verschiedene Bedeutungen verbinden.“ (n. 2) Und er zählt einige Beispiele auf: Vaterlandsliebe, Liebe zum Beruf, Liebe unter Freunden, Liebe zur Arbeit, Liebe zwischen den Eltern und ihren Kindern, zwischen Geschwistern und Verwandten, Liebe zum Nächsten und Liebe zu Gott. Er fragt: Gehören alle diese Formen zusammen, ist Liebe eine einzige Wirklichkeit? Oder haben wir es mit vielen verschiedenen Phänomenen zu tun, die nur zufälligerweise mit einem einzigen Wort bezeichnet werden?

Immerhin gibt es in anderen Sprachen verschiedene Wörter, während wir nur dies eine Wort „Liebe“ zur Verfügung haben. Im Griechischen und Lateinischen gibt es drei Arten von Liebe:

3Eroß / amor – Fili1a / dilectio – Aga1ph / caritas.

Der Eros meint die Liebe zwischen Mann und Frau, die bräutliche Liebe und v.a. das Verliebtsein. Der Eros kann den Menschen geradezu übermächtigen, er kommt gleichsam von außen über ihn. Der Eros richtet sich ganz exklusiv auf einen einzigen Menschen. – Die Agape (Caritas) meint die Nächstenliebe. Sie kommt aus dem Eigenen des Menschen, insbesondere aus der gläubigen Einsicht. Es handelt sich um die schenkende, selbstvergessene Liebe, die sich auf viele Menschen erstrecken kann und soll, letztlich sogar auf alle.

Dazwischen liegt die Freundschaftsliebe. Von ihr handelt die Enzyklika nur am Rande, Jesus aber spricht im heutigen Evangelium ausdrücklich von ihr: Sie steht im Gegensatz zum Verhältnis von Herr und Knecht. Sie meint wahre Zuneigung, die aber nicht erotisch ist und darum auch nicht exklusiv. Man kann viele Freunde haben, verliebt ist man aber nur in eine Person. Die Freundschaftsliebe basiert auf einer Geistesverwandtschaft, die große Freude auslöst: Da ist ja einer, der genauso denkt und empfindet wie ich! Einer, der mich versteht!

Das erste große Thema der Enzyklika ist aber das Verhältnis von Eros und Agape. Um das Problem zu sehen, müssen wir uns ihre gegensätzlichen Eigenschaften noch einmal vor Augen führen:

Der Eros kommt überfallartig über mich, wie man am Beispiel des Verliebtseins sieht. Der / die andere überwältigt mich und verheißt mir ein unbändiges Glück. Dieses Gefühl hebt mich über alles hinaus, was ich im Alltag erlebe, und schenkt mir unsagbare Lebensfreude und Erfüllung. Darum wird der Eros gerne mit der Trunkenheit und dem Rausch verglichen, ja mit Raserei und Wahnsinn. Darum ist er auch oft vergöttlicht worden; viele heidnische Religionen hatten einen Gott der Liebe, die Römer etwa den Gott Amor, mit dem man sich im Kult verbinden wollte. So kam es zur sog. Tempelprostitution, was von der Bibel scharf als Perversion und Abgötterei verurteilt wurde.

Wie anders ist da die Agape, die Caritas, sie hat nichts davon, ist gleichsam nüchtern und vergeistigt. Diese Liebe kommt nicht wie ein Überfall von außen, sondern mehr von innen, aus der Vernunft und als Frucht des Glaubens. Hinter ihr steht nicht die Selbstsucht, sondern die Selbstlosigkeit; sie will nichts gewinnen, sondern frei schenken.

Der Eros ist somit begehrend, die Agape schenkend, der Eros egoistisch, die Agape selbstlos, der Eros will empfangen, die Agape geben, der Eros kommt aus einer Leere, die Agape aus einer Fülle.

Papst Benedikt stellt nun fest, daß beide Formen der Liebe einander bedingen, und darum gehören sie zusammen und bilden beide das eine Phänomen der Liebe. Ohne die Ergänzung durch die andere Form der Liebe wird der Eros schrankenlos, ja, zerstörerisch. In diesem Zusammenhang fällt der berühmte und oft zitierte Satz: „Der zum ,Sex’ degradierte Eros wird zur Ware, zur bloßen ,Sache’; man kann ihn kaufen und verkaufen, ja, der Mensch selbst wird dabei zur Ware.“ (n. 5) Zur Ware werden will kein Mensch, das sieht jeder ein. Dies ist aber erst die Endstufe eine Verfehlung, deren Vorstufen nicht so klar als Irrformen der Liebe erkannt werden. Daß man überhaupt von einem anderen Menschen erwartet, daß er mich endgültig glücklich machen kann – darin liegt schon die Verkehrung, ein doppelter Irrtum, denn

1. sollte die wahre Liebe nicht fragen: Wie kann ich glücklich werden?, sondern: Wie kann ich den anderen glücklich machen?

2. kann nur Gott endgültiges Glück schenken. Ein Mensch ist mit dieser Aufgabe überfordert.

In der Enzyklika wird besonders der 1. Punkt betont. Wahre Liebe ist erst dann gegeben, wenn der egoistische Zug überwunden ist, wenn die Liebe das Gute zuerst für den Geliebten will, wenn sie darum auf das eigene Glück verzichten kann und will, wenn sie bereit wird zum Opfer. (n. 6) Jesus drückt dies im heutigen Evangelium so aus: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“ (Joh 15,13) Wer liebt, der sehnt sich so sehr nach dem Glück des anderen, daß er sein eigenes Glück hintanstellt, ja, sein Leben hingeben kann, wenn die Liebe entsprechend groß ist. Der Papst bringt ein anderes Jesuswort ins Spiel (Lk 17,33): „Wer sein Leben zu bewahren sucht, wird es verlieren; wer es dagegen verliert, wird es gewinnen.“ Damit wird ein tiefer Zusammenhang von Lieben und Sterben aufgezeigt; der Papst spricht vom „Weg aus dem in sich verschlossenen Ich zur Freigabe des Ich, zur Hingabe und so gerade zur Selbstfindung, ja, zur Findung Gottes“. (n. 6) Das ist eine tiefe Einsicht: Um wahres Glück zu finden, muß ich aus mir herausgehen, mein verschlossenes Ich sprengen, mich vergessen, mich hingeben, an den anderen übergeben und so in gewisser Weise sterben, aber ich werde mich dadurch gerade nicht verlieren, sondern das Leben gewinnen. Denn so ist Gott: Gott ist hingebende Liebe, im scheinbaren Verlieren gewährt er das Leben.

Dies also ist das erste große Thema der Enzyklika: in der Vielfalt der verschiedenen Formen der Liebe ihre Einheit erkennen. Die Antwort ist in der christlichen Offenbarung enthalten, die sagt: Alle Liebe wurzelt in Gott. Auch die bräutliche Liebe, der Eros, stammt von Gott, aber sie ist nicht selbst göttlich, sondern bedarf der Ergänzung, sonst stürzt sie ab. Die Ergänzung kommt ihr von der schenkenden Liebe zu, der Agape. Diese aber kommt uns zuerst von Gott selbst entgegen. „Nicht darin besteht die Liebe, daß wir Gott geliebt haben, sondern daß er uns geliebt hat.“ (1 Joh 4,10) Diese Liebe Gottes ist das Angebot seiner Freundschaft. Wir dürfen Gottes Freunde sein, nicht nur seine Knechte, dürfen auf einer Augenhöhe mit ihm stehen, mit ihm geistesverwandt werden. Und Paulus, der dies tief erfahren hat, ruft aus: „Wenn Gott für uns ist, wer ist dann gegen uns?“ (Röm 8,31) Wenn Gott mein Freund ist, was können meine Feinde dann noch gegen mich ausrichten? Wovor muß ich dann noch Angst haben?

145. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2006)

Liebe Gemeinde!

„Wenn Gott uns so geliebt hat, müssen auch wir einander lieben.“ (1 Joh 4,11) Der Evangelist Johannes stellt diese Folgerung auf angesichts der überraschenden Aussage, daß „Gott (die) Liebe ist.“ (1 Joh 4,8.16) Papst Benedikt kommentiert diese Aussage dahingehend, daß uns hier ein ganz neues Gottesbild vor Augen gestellt wird. (DCe n. 9) Für uns erscheint diese Aussage vielleicht gar nicht so neu, weil unsere Tradition sie seit Jahrhunderten überliefert, so daß sie eher alt und nichtssagend zu sein scheint.

Aber der Schein trügt, denn auch in unserer Zeit herrscht ein Denken vor, in das die Liebe nicht so recht hineinpaßt. Das Denken, das ich meine, ist vom Willen zur Macht bestimmt. Der moderne Mensch hat, wie der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker gesagt hat, mit Wissenschaft und Technik das Wagnis einer „ Erkenntnis ohne Liebe“ unternommen. Am Anfang der Neuzeit hoffte René Descartes, daß die Technik uns Menschen „zu Herren und Eigentümern der Natur machen“ könnte und daß insbesondere die Medizin uns vor allerlei Krankheiten, „ja vielleicht sogar auch vor Altersschwäche bewahren“ können müßte. Er sah den Leib des Menschen als eine Maschine an, die man mit den nötigen Kenntnissen beliebig lange in Betrieb erhalten kann. Seit diesen Worten sind gut 300 Jahre vergangen, die Atombombe ist gebaut worden und hat ihren Schrecken über die Menschheit gelegt. Aber die Menschen träumen weiter vom Sieg der Technik über die Natur und verdrängen ihre eigene Sterblichkeit. Sie setzen auf die machtförmige Wissenschaft und überlassen der Liebe höchstens den zweiten Platz in ihrem Leben.

Fragen Sie einmal in Ihrem Bekanntenkreis: Was ist die alles bestimmende Wirklichkeit? Sie werden verschiedene Antworten bekommen, aber wohl kaum hören, daß es die Liebe sei. Viele werden sagen: das Geld; andere werden auf Wissenschaft und Technik verweisen, wieder andere auf die militärische Macht. Da sind sich selbst Präsident Bush und der iranische Diktator Mahmud Ahmadineschad vermutlich einig. Denn auch wenn sie beide ein verschiedenes Gottesbild haben, so wird dieses doch in genau diesem einen Punkt übereinstimmen: ihr Gott ist der Allmächtige, und jeder will seinen Gott durch den Erfolg erweisen, den er in der Geschichte errungen hat – letztlich durch Inanspruchnahme menschlicher Macht. Aber wir brauchen gar nicht so weit zu gehen und die Inhaber höchster Ämter zu befragen, auch der kleine Mann auf der Straße wird so urteilen: Wenn es überhaupt einen Gott gibt, dann muß er die alles bestimmende Wirklichkeit sein, d.h. er wird zur Durchsetzung seiner Interessen alle seine Macht einsetzen. Und wenn er dies nicht tut, dann gibt es ihn gar nicht. Das meine ich, wenn ich eingangs sagte, auch unser Denken sei vom Willen zur Macht bestimmt oder jedenfalls infiziert.

Die Bibel fordert uns heraus, dieses unser Denken in Frage stellen zu lassen und zu ändern. Wir sollen uns auf die überraschende Botschaft einlassen, daß Gott zwar allmächtig ist, aber daß er vor allem die Liebe ist und daß er deshalb nicht einfach die Wirklichkeit nach seiner beliebigen Willkür beherrscht, sondern der menschlichen Freiheit Raum zur Entfaltung läßt. Gott hat in seiner Liebe zu seinen Geschöpfen so großen Respekt vor unserer Freiheit, daß er seine eigene Freiheit und Macht zurückzieht, selbst dann, wenn die Freiheit zum Bösen mißbraucht wird.

Wie wenig wir das wirklich verstanden haben, zeigt sich daran, daß wir immer sogleich entrüstet fragen, warum Gott denn dies und das zugelassen hat. Warum läßt Gott es zu, daß so viele Verbrechen geschehen? Warum geht es den Guten so schlecht und den Bösen so gut? – Ich behaupte nicht, daß ich eine Antwort auf diese oft wirklich bedrängende Frage wüßte. Die kann nur Gott selbst geben. Aber dies eine sollte doch klar sein: Wenn Gott auch die Bösen zum Guten führen will – was ich fest glaube –, dann kann er das nur erreichen, indem er durch seine werbende Liebe ihr Herz erreicht; dann muß er wohl viel Geduld haben – wie uns die Heilige Schrift ausdrücklich versichert (Röm 2,4; 2 Petr 3,9) –, denn er kann nicht einfach mit Gewalt durchsetzen, was doch aus Einsicht und freier Entscheidung kommen soll. Die Liebe zieht sich darum immer wieder zurück und gebraucht keine Gewalt, sondern wartet in selbstgewählter Ohnmacht ab, bis der andere verstanden hat. Und gerade so erweist sich die Liebe als die größte Macht dieser Welt, als diejenige Wirklichkeit, die uns letztlich aus der Macht der Nichtliebe und des Todes erlösen wird. Aber das ist ein Glaubenssatz, der durch die Erfahrung nur unvollkommen gedeckt ist.

Der Papst weist in diesem Zusammenhang auf eine Stelle beim Propheten Hosea hin. Hier geht es um den Abfall des Gottesvolkes vom Bund; Israel hat sozusagen die „Ehe“ gebrochen – „den Bund; Gott müßte es eigentlich richten, verwerfen. Aber gerade nun zeigt sich, daß Gott Gott ist und nicht ein Mensch: »Wie könnte ich dich preisgeben, Efraim, wie dich aufgeben, Israel? ... Mein Herz wendet sich gegen mich, mein Mitleid lodert auf. Ich will meinen glühenden Zorn nicht vollstrecken und Efraim nicht noch einmal vernichten. Denn ich bin Gott, nicht ein Mensch, der Heilige in deiner Mitte« ( Hos 11,8-9).“ Und Benedikt XVI. kommentiert: „Die leidenschaftliche Liebe Gottes zu seinem Volk – zum Menschen – ist zugleich vergebende Liebe. Sie ist so groß, daß sie Gott gegen sich selbst wendet, seine Liebe gegen seine Gerechtigkeit. Der Christ sieht darin schon verborgen sich anzeigend das Geheimnis des Kreuzes: Gott liebt den Menschen so, daß er selbst Mensch wird, ihm nachgeht bis in den Tod hinein und auf diese Weise Gerechtigkeit und Liebe versöhnt.“ (n. 10)

Der Papst fährt nun fort, indem er das biblische Gottesbild als eine großartige Synthese deutet, eine Synthese von Vernunft und Liebe, von Erkenntnis und Hingabe, von Nüchternheit und Leidenschaft. Was wir Menschen so gerne trennen, das ist in Gott Eines; jede Einseitigkeit verbietet sich von hier aus. Auch die Differenzen im Begriff der Liebe sind geeint, wie der Papst schreibt: „Damit ist der Eros aufs Höchste geadelt, aber zugleich so gereinigt, dass er mit der Agape verschmilzt.“ Darum kann es auch eine liebende Vereinigung des Menschen mit Gott geben, „aber diese Vereinigung ist nicht Verschmelzen, Untergehen im namenlosen Ozean des Göttlichen, sondern ist Einheit, die Liebe schafft, in der beide – Gott und der Mensch – sie selbst bleiben und doch ganz eins werden.“ (n. 10)

Das neue Gottesbild hat ein neues Menschenbild zur Folge. Darüber werde ich beim nächsten Mal sprechen.

Carl Friedrich von Weizsäcker: Die Geschichte der Natur. Zürich: Hirzel, 1948, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 61964, 126.

René Descartes: Discours de la méthode. Hamburg: Meiner, 1990, VI, 2.

146. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2006)

Liebe Gemeinde!

Der Evangelist Lukas beginnt seine Nacherzählung der Heilsgeschichte mit großen Namen: Kaiser Tiberius, Pontius Pilatus, Herodes u.a. Alle wichtigen Menschen der damaligen Zeit werden genannt, aber keiner nimmt Notiz von dem, was dann als das eigentliche Ereignis erzählt wird: Johannes der Täufer tritt auf und erfüllt die Weissagung des Propheten Jesaja, indem er sagt: „Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen! Jede Schlucht soll aufgefüllt werden, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, was uneben ist, soll zum ebenen Weg werden. Und alle Menschen werden das Heil sehen, das von Gott kommt.“

Die große politische Welt bekommt nichts mit von dem, was sich da am Jordan abspielt, aber die kleinen Leute erkennen, daß etwas Großes sich ankündigt und daß dieser Johannes anscheinend endlich wieder ein von Gott gesandter Prophet ist.

So ist es auch heute: Zwar bestimmen die Großen die Politik und die Wirtschaft, aber die wirklich entscheidenden Ereignisse und Bewegungen haben sie nicht in der Hand. Das kann uns Mut machen, wenn wir oft denken: Was können wir schon ausrichten? – Wir können viel, wenn wir uns nur anrühren und bewegen lassen von dem Großen, das Gott in der Geschichte getan hat und weiter tut. Ein einzelner Mann wie Johannes der Täufer hatte die Kraft, Jesus den Weg zu bereiten, und eine nicht unbeträchtliche Volksmenge ließ sich auf diesen Weg bringen. Damals wußte niemand, auch nicht Johannes, wohin das alles führen würde. Ja, anfangs wußte man noch nicht einmal, wer denn dieser Messias war, dem der Täufer den Weg bereitete.

Auch wir wissen heute nicht, was die Zukunft bringt. Aber wir wissen besser als die Leute damals, daß der Erlöser und Heiland tatsächlich gekommen ist, wir kennen ihn. Oder müßten wir sagen: Wir kennen ihn doch nicht ganz? Wir sollten ihn eigentlich viel besser kennen, aber wir haben uns um anderes gekümmert. – Wie dem auch sei – heute wie damals gilt es, diesem Einzigen, der alle Not wenden kann, den Weg zu bereiten. Denn wäre Gott tausendmal in Bethlehem geboren, doch nicht in dir, du wärest ewiglich verloren.

Das größte Unglück des Menschen besteht darin, keine Sehnsucht mehr zu haben, nichts mehr zu erhoffen, was das Irdische übersteigt. Das ist ein Unglück, weil der Mensch dann zu klein von sich selber denkt, er bleibt ein Gefangener der Dinge und der irdischen Maßstäbe und neigt am Ende entweder zu Depressivität oder zu Zynismus. Glücklich aber ist, wer ein Herz voller Sehnsucht hat, wer täglich neu sein Herz auf Gott hin ausweitet, um die Maße des Himmels zu bekommen. Wenn wir unser Herz zu Gott erheben, dann empfinden wir Freude und Trost, wir wachsen über uns hinaus, Gott entgegen.

Lassen wir uns nicht einschüchtern von dem, was die Welt groß nennt! Blicken wir lieber auf Christus, der uns befreien will. Räumen wir alle Hindernisse weg, die unser Herz an das Irdische ketten! „Bald wird kommen unser Gott, herrlich werden wir ihn schauen. Allen Menschen wird zuteil Gottes Heil.“

147. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2006)

Ich finde diesen Täufer Johannes faszinierend, ja nachahmenswert, liebe Schwestern und Brüder!

Keine Angst, ich will Sie nicht in die Wüste schicken. Auch dürfen Sie nicht erwarten, daß ich demnächst im härenden Gewand durch Grafenwald gehe. Auch will ich mich nicht ausschließlich von Insekten und wildem Honig ernähren. Dann bliebe von mir schmalen Kerlchen ja bald garnichts mehr über.

Nein, in einem anderen, wesentlich wichtigeren Punkt, finde ich den Täufer nachahmenswert: In seiner Art nämlich von Jesus Christus zu sprechen.

Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen. Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht.
So heißt es über ihn in der Hl. Schrift.

Das Licht ist Jesus Christus, der Herr. Er ist die Lichtquelle, die strahlt.
Johannes verstand sich als eine Art Reflektor, als eine Art Spiegel, der das Licht Christi wiederspiegelt.

So wie der Mond nur strahlt, weil er das Licht der Sonne reflektiert, so leuchtet Johannes der Täufer, weil er vom Licht Christi angestrahlt wird.
Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis abgeben für das Licht.

Dieser Johannes muß einen enormen Eindruck auf die Leute damals gehabt haben. Ansonsten wären sie nicht so zahlreich zu ihm gepilgert.
Sicherlich, bei vielen wird auch eine gewisse Sensationslust mit im Spiel gewesen sein: Wann sieht man schon so einen Mann, der nicht nur rein äußerlich aus dem spießbürgerlichen Rahmen fällt.

Sein Auftreten hat für Aufregung gesorgt. Die Leute fragten sich, ob er der Messias sei. Das Volk war voller Erwartung.

Und er hat auf diese Frage ganz offen und ehrlich geantwortet.
Er hat sich nicht zum Messias gemacht: „Ich bin nicht der Messias. Nach mir kommt einer, der stärker ist als ich, und ich bin es nicht wert ihm die Schuhe zu öffnen.“
Er hat also nicht angegeben oder übertrieben. Er hat sich selbst nicht überschätzt.

Er hat sich aber auch nicht unterschätzt. Er hat sich nicht unter Wert verkauft.
Er wußte um seine Bedeutung, seinen Auftrag, den Gott ihm gegeben hatte. Deshalb lehrte er die Menschen, was sie tun sollten und er taufte sie mit Wasser, um sie auf die Taufe mit dem Geist vorzubereiten.

Er hat schlicht und einfach die Wahrheit über sich und über Jesus Christus gesagt:
Christus ist der Herr, ich bin sein Diener.
Christus ist das Licht, ich spiegle nur sein Licht wieder.

Liebe Schwestern und Brüder!
Als Christen sind auch wir aufgerufen, für Christus Zeugnis abzulegen.

Aber mal ehrlich: Hat Ihnen schon jemand einmal die Frage gestellt, mit der sich auch Johannes konfrontiert sah, die Frage: Wer bist Du?
Wenn Menschen mit uns Christen zusammenkommen – weckt das in ihnen eine Erwartung nach mehr?
Wenn nicht? Warum nicht?
Könnte es sein, daß wir Christen, ich schließe mich da mit ein, nicht mehr auffallen?
Kann es ein, daß wir Christen keine Fragen in den Herzen der anderen mehr aufwerfen?
Kann es sein, daß wir in der Masse aufgegangen sind?
Oder noch anders gefragt: Sind wir vielleicht spießbürgerlich geworden, Menschen, die so mitschwimmen?

Natürlich, wir sind normale Bürger unseres Landes. Wir haben die gleichen Rechte und Pflichten wie die anderen.
Aber wir haben bestimmte von Gott gegebene Wertvorstellungen, die wir in die öffentliche Diskussion einbringen sollen.

Und da heißt es auch schon einmal, sich den Zorn der öffentlichen Meinung zuzuziehen, die mit Gott nichts mehr am Hut zu haben scheint.
Und da heißt es auch schon mal, sich auszuklinken, nicht mitzumachen mit der Masse.

Ich kann mich als Christ nicht über die miserable moralische Qualität der Fernsehsendungen aufregen und gleichzeitig fast jeden Nachmittag irgendwelche fragwürdigen Talkshows ansehen.

Ich kann mich als Christ nicht über die Jugend beschweren, die ja gar nicht mehr zur Kirche geht, und gleichzeitig selbst immer wieder Ausnahmen für mich persönlich geltend machen, wenn es um die Einhaltung der nach wie vor verpflichtenden Sonntagspflicht geht.

Man darf sich nicht nur das Etikett „Christlich“ geben. Man muß sich auch bemühen, danach zu leben. Das gilt für einzelne, wie für Verbände, wie für Parteien.
Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis abgeben für das Licht. heißt es von Johannes dem Täufer.
Er hat das Licht Christi in seine Umwelt hineingetragen. Er war wie ein Spiegel.

Auch wir sind aufgerufen in diese Welt die hell- und heilmachenden Strahlen des christlichen Glaubens zu senden.

Aber es gelingt uns nicht immer. Oft ist unser Spiegel verschmutzt, verklebt, blind. So kann das Licht Christi von uns nicht in seiner ganzen Leuchtkraft reflekiert werden.
Es kann sogar sein das der Spiegel unseres Herzens so verdreckt ist, daß wir uns selber nicht mehr darin erkennen können.

Wie jeder Badezimmerspiegel bedarf auch unser innerer Spiegel einer regelmäßigen Reinigung, damit er seine Aufgabe erfüllt und nicht an die Seite gestellt oder gar weggeworfen wird.

Johannes der Täufer war die Stimme in der Wüste, die rief:
Ebnet den Weg für den Herrn! Kehrt um!
Als eine der großen Gestalten des Advent ruft er uns auch heute noch zu Umkehr auf.

Als der künftige Pfarrpatron der großen Gemeinde ruft er uns in Gedächtnis, wofür wir da sind: Zeugnis zu geben für Christus, Räume eröffnen, um ihm zu begegnen, andere auf Christus hinweisen.
Die Kirche als Ganze und jede einzelne Pfarrei ist nie für sich selber da. Es geht nicht bloß um uns. Es geht in aller erster Linie um IHN
Wer wirklich umkehrt, der strahlt vor Freude. Der strahlt aber auch das Licht Christi aus, so wie es damals Johannes der Täufer tat.

148. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2006)

Liebe Gemeinde!

Das bischöfliche Hilfswerk Adveniat, das Jahr für Jahr zu Spenden für die armen Länder aufruft, hat in diesem Jahr eine Anstecknadel herausgebracht, die es wert ist, beachtet zu werden. Sie zeigt den Kopf einer Mariendarstellung, die einzigartig in der Welt ist. Der Journalist Paul Badde hat im vorletzten Jahr ein Buch über dieses Marienbild geschrieben, das bald zum Bestseller avancierte. Das Bildnis ist bekannt als die „Jungfrau von Guadalupe“.

Seine Entstehungsgeschichte ist abenteuerlich, geradezu unglaublich. Es war im Jahre 1531 in der Nähe von Tenochtitlan, der heutigen Stadt Mexiko. In jener Zeit hatten die Spanier das Land der Azteken zwar erobert und die alten Herrscher entmachtet, aber sie hatten die Herzen der Einwohner nicht gewonnen. Obwohl keine heidnische Religion blutrünstiger war als die der Azteken – deren Götter forderten Tausende von grausamen Menschenopfern –, fand der christliche Glaube der Konquistadoren wenig Gehör.

Eine Ausnahme war der arme Bauer Juan Diego, der schon bald nach der Eroberung Mexikos getauft worden war. Auf dem Wege zur Kirche in einer weit entfernten Stadt hatte er am 9. Dezember 1531 auf dem Berg Tepeyac eine Erscheinung der Jungfrau Maria. Sie erschien ihm als Frau mit indianischem Aussehen und gab ihm in seiner Sprache den Auftrag, ihr zu Ehren auf dem Berg eine Kapelle zu errichten. Juan Diego ging zum Bischof, doch dieser glaubte ihm nicht. Drei Tage später erhielt Juan Diego bei einer weiteren Erscheinung an derselben Stelle den Auftrag, Rosen zu pflücken und sie dem Bischof als Beweis zu bringen. Er fand die blühenden Rosen mitten im Schnee und nahm sie in seinen Umhang. Als er sie vor dem Bischof ausschüttete, zeichnete sich dort, wo die Blumen waren, in seinem Mantel das Bild der Jungfrau Maria ab.

Dieses Bild ist bis heute erhalten, obwohl der Stoff des Umhangs, Agavefaser, ähnlich unserem Jutestoff, normalerweise nur rund 20 Jahre hält. Sofort verbreitete sich die Nachricht von dem Wunder, und der Bischof ließ kurz darauf die Kapelle bauen. Später wurde dann eine riesige Basilika erbaut, um den immer zahlreicheren Wallfahrern Raum zu geben. Viel wichtiger und erstaunlicher aber ist die Wirkung, die das Bild auf die Ureinwohner Mexikos hatte: Die Menschen fanden in dem Bild die Wahrheit des christlichen Glaubens bestätigt.

Maria ist auf dem Bild als Mestizin dargestellt, d.h. als indiospanischer Mischling, womit angezeigt ist, daß sie die beiden Kulturwelten vermittelt. Sie steht außerhalb der Reihe der Sieger und Besiegten. Während die indianischen Götter Masken trugen, ist dieses Antlitz ohne Maske: Maria ist also keine Göttin, sondern eine menschliche Mutter. Gleichwohl ist sie größer als die einheimischen Götter, weil sie die Sonne verdeckt, sie jedoch nicht auslöscht. Sie ist mächtiger als die höchste Gottheit, der Sonnengott, mächtiger auch als der Mondgott, denn sie steht auf dem Mond, zertritt ihn aber nicht. Sonne, Mond und Sterne sind versöhnt und in Frieden zusammen – ganz im Gegensatz zu den geläufigen aztekischen Vorstellungen. In deren alter Überlieferung wurde das Erscheinen von neuen Sternen als Zeichen dafür gedeutet, daß das Ende einer Epoche gekommen war. So war zehn Jahre vor der Eroberung eine Unzahl von Sternen erschienen. Wie diese das Zeichen des Endes gewesen waren, so kündigten sie auf dem Mantel der Gottesmutter den Beginn einer neuen Ära an. – Die Tunika der Gottesmutter ist mattrot, die Farbe des höchsten Gottes, der dem Menschen das Leben schenkt. Rot ist auch die Farbe des Ostens, der siegreich aufgehenden Sonne, also auch Symbol des wiedergeborenen Lebens. Vor der Brust der Frau sind schwarze Bänder befestigt; sie waren bei den Frauen das Zeichen ihrer Mutterschaft. – Der Mantel der Gottesmutter ist blaugrün. Blau war die Farbe des Himmels, Grün die Farbe der Jade, die für die Azteken unvergleichlich wertvoller war als Gold und Silber. Grün und Blau waren Zeichen der Göttlichkeit, sie stellen die beiden Kräfte des Universums dar. Sie bedeuten Fruchtbarkeit und Leben. Sie bezeichnen die Gottesmutter als Mutter und Königin des Universums. – Ein Engel trägt die Figur der Gottesmutter in der Art, wie man bedeutende Personen auf den Schultern trug.

Das anmutige Bild und seine Symbolwelt war für das Volk wie ein Buch, ein symbolreicher Katechismus, den alle lesen konnten. Die Menschen erkannten in diesem Bild die Wahrheit der christlichen Offenbarung und bekehrten sich in unvorstellbaren Massen. Innerhalb von zehn Jahren traten 7 bis 8 Millionen Menschen zum Christentum über, und diese Bewegung ergriff auch auf die anderen lateinamerikanischen Länder.

Es ist gut, wenn wir uns acht Tage vor Weihnachten dieses Bild anschauen und in ihm die Frohe Botschaft wiederfinden, die allen Menschen verkündigt wird, die wir Europäer aber oftmals für veraltet und wertlos abtun. Gott hat auf die Niedrigkeit der armen Jungfrau Maria geschaut, und in ihrem Gesicht spiegelt sich nun die Freude über diese Erwählung und über das Erbarmen Gottes. Ähnlich schaut Gott auf jeden einzelnen von uns und will uns aus der Macht der lebensfeindlichen Mächte befreien.

Ich wünsche Ihnen, daß Sie in dem Bild der Jungfrau von Guadalupe das Frohmachende unseres Glaubens neu entdecken können. Dann können Sie erfahren, was der Apostel Paulus uns heute in der Lesung zusagt: „Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in der Gemeinschaft mit Christus Jesus bewahren.“ (Phil 4,7)

Paul Badde: Maria von Guadulupe. Wie das Erscheinen der Jungfrau Weltgeschichte schrieb. München: Ullstein, 22004.

149. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2006)

Liebe Gemeinde!

Einige von Ihnen haben in den letzten Wochen eine der abendlichen Roratemessen miterlebt und dabei wahrscheinlich gespürt, wie gut es tut, in einer dunklen Kirche allein bei Kerzenschein stille zu werden und zu beten. Da gehen unsere Adventslieder noch tiefer zu Herzen, und die bekannten eucharistischen Gebete beginnen neu zu sprechen und machen unsere Antwort des Glaubens leichter.

Es geht doch darum, daß das Wort Gottes mich in meinem heutigen Alltag erreicht. Wann trifft es mich so, daß es mich ändert und bessert? Was kann ich dafür tun, daß es nicht an mir vorbeirauscht?

Das heutige Evangelium stellt uns die Gestalt Marias vor Augen, und in ihr treffen wahre Größe und unverstellte Offenheit für das Wort zusammen. Ja, an ihr wird deutlich, daß der Mensch in dem Maße groß wird, in dem er sich von Gott in Anspruch nehmen und von ihm führen läßt. Elisabeth preist ihre Cousine selig, weil sie geglaubt hat; und dieser Glaube war nicht so ein billiges „Herr, Herr“-Sagen, sondern eine bis in die letzte Lebensader dringende Grundentscheidung für Gott, eine totale Verfügbarkeit für Seine Offenbarung und Seine Führung. Wie sollte ihr kleiner Verstand schon verstehen, daß sie als Jungfrau Mutter werden sollte – und zwar die Mutter des Höchsten Gottes? Und mußte sie nicht damit rechnen, daß ihre Nachbarn und sicher auch ihr Bräutigam Josef ganz etwas anderes denken würden? In dieser Situation dennoch das Ja des Glaubens zu sprechen, war gewiß ungeheuer schwer, denn es bedeutete, ihr ganzes Leben von Gottes Plänen durchkreuzen zu lassen – und so kam es dann ja auch. Maria sagte JA zu ihrem Kind, zu den wirklich äußerst schwierigen Lebensumständen, die sich daraus ergaben, und sie sagte zuletzt noch JA, als sie ihren Sohn am Kreuz sehen mußte, was für sie die größte Schande bedeuten mußte.

Maria blieb fest im Glauben verwurzelt, daß Gott in ihrem Sohn Jesus wirkt, und am Ende durfte sie dann mit ihren Freunden das unbegreifliche Geschehen der Auferstehung erleben. Ähnlich ergeht es auch uns: auch unsere Lebenswege erfahren ihre geheimnisvolle Sinngebung meistens erst nach langen Jahren: Glücklich, wer auch in den dunklen Stunden an die Erfüllung des eigenen Lebens glauben kann und auf den verborgen wirkenden Gott sein Vertrauen setzen kann!

Das Beispiel Marias müßte uns doch Aufwind geben, in unserer Zeit Hoffnung und Gestaltungskraft zu zeigen. So sehr das Schicksal unserer Gemeinde im Dunkel der Zukunft liegt, so sehr gilt es heute, voller Zuversicht die anstehenden Dinge anzupacken.

Für mich als Pastor ist es nicht leicht, immer mit Hoffnung und Freude voranzugehen. Die Doppelaufgabe belastet mich schwer, und ich weiß kaum, den so verschiedenen Pflichten gerecht zu werden. Überall bleibt Wichtiges ungetan, und ich kann diesen Zustand nicht ändern. Dazu kommt noch, daß die Gutmeinenden sich manchmal gegenseitig im Wege stehen und ihre Energie in unnötigen Eifersüchteleien aufbrauchen. – Ich möchte allen so gerne Mut und Zuversicht vermitteln und spüre doch, wie sehr ich am Ende meiner Kraft angelangt bin.

Liebe Schwestern und Brüder! Wir gehen auf Weihnachten zu, haben das Licht von Bethlehem schon fast erreicht. Lassen wir uns von Maria den Weg zeigen zu unserem Herrn, der zwar durch so manche Finsternis führt, der aber sicher im strahlenden Licht des göttlichen Glanzes endet – beim Kind in der Krippe von Bethlehem. Amen.

150. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2006)

Liebe Gemeinde!

Am letzten Sonntag habe ich gesagt, daß Europa am Scheideweg steht: Wird es sich eingestehen, daß es wie der blinde Bartimäus auf Hilfe von oben angewiesen ist und wird es sich wieder auf Christus besinnen, oder wird es weiterhin seine christliche Vergangenheit in stolzer Verachtung mit Füßen treten? Mit dieser Frage habe ich Sie etwas ratlos zurückgelassen, da ich nicht gesagt habe, was Sie und ich damit zu tun haben bzw. was wir denn tun können, damit die Deutschland und die Völker Europas wieder auf einen guten, d.h. vom christlichen Glauben bestimmten Weg kommen.

Das Versäumte möchte ich heute nachholen. Die erste wichtige Einsicht, die hierhin gehört, ist: Ein Staat oder ein Staatenverbund ist kein Subjekt im Gegenüber zu den Staatsbürgern, sondern vielmehr die Gemeinschaft aller Subjekte, die zum Gemeinwesen gehören. Wir sind der Staat, und wir sind Europa, freilich nicht wir allein, sondern noch ganz viele Menschen mit uns, aber immerhin sind wir ein Teil des Ganzen. Wir können und wir dürfen uns nicht einreden lassen, was der Staat und was die Europäische Gemeinschaft tun, das geschähe völlig unabhängig von unserem Denken und Handeln. – Aber genau diese Vorstellung steckt in den Köpfen. Denn wie sonst ist es zu erklären, daß unser Land zu 70 Prozent aus Christen besteht und doch zunehmend den Eindruck erweckt, als wäre es ein reiner Atheistenstaat? Offenbar betrachten die meisten Christen ihren Glauben als Privatsache und somit als ein persönliches Gut, das im öffentlichen Leben nichts zu suchen hat.

Nun ist es aber eine Tatsache, die inzwischen sogar von Jürgen Habermas, dem führenden Vertreter atheistischer Sozialphilosophie, anerkannt wird, daß eine Gesellschaft von rein diesseitig orientierten Menschen immer egoistischer wird und daran eines Tages zugrunde gehen muß. Wer rein diesseitig orientiert ist, dem fehlt das Motiv, sich für das Gemeinwohl einzusetzen. Egoismus ist parasitär: er lebt von der Bereitschaft anderer, dem Gemeinwohl zu dienen, einer Bereitschaft, die er aber selber nicht aufbringt. Eine Gesellschaft, die der dienenden Liebe ihr wichtigstes Motiv raubt, nämlich den religiösen Aufblick zu Gott, sägt den Ast ab, auf dem sie selbst sitzt.

Würden die Christen ihren Glauben nicht als Privatsache betrachten, dann würde sich in unserem Land und in ganz Europa Entscheidendes ändern. Ich denke, die erste und bedeutendste Konsequenz wäre die Wiederherstellung des sozialen Friedens. „Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden“, sagt Jesus in der Bergpredigt. (Mt 5,9) Daß uns die Seligpreisungen am Allerheiligenfest vorgelesen werden, hat unter anderem darin seinen Grund, daß es die Heiligen waren, die hier auf Erden die Bergpredigt gelebt und ins öffentliche Leben eingebracht haben. Es waren Menschen wie du und ich, die uns vorgemacht haben, daß und wie der Glaube tatsächlich die Gesellschaft zu gestalten vermag. Das ist die zweite Einsicht, die ich Ihnen heute eröffnen möchte: Es ist möglich, den Glauben in die Praxis umzusetzen in einer Weise, die das öffentliche Leben zum Guten verändert.

Am Gut des Friedens möchte ich dies ein wenig näher ausführen. In der letzten Weihnachtspredigt habe ich gesagt: Heute spricht jedermann von der Notwendigkeit, etwas für die Gesundheit zu tun, doch wer mahnt die Menschen zur regelmäßigen Friedensarbeit? Wir dürfen den Frieden nicht als etwas selbstverständlich Gegebenes auffassen, sondern als eine ständige Aufgabe, weil er ein Gut ist, das ähnlich zerbrechlich ist wie die Gesundheit. Friede entsteht auch nicht einfach durch das Gebet im stillen Kämmerlein, so wichtig das Gebet ganz gewiß ist. Friede erfordert Einsatz und Mut, mitunter Zivilcourage. Wir dürfen nicht tatenlos zusehen oder wegsehen, wenn andere Menschen Gewalt anwenden. Wir dürfen die Verantwortung nicht einfach an andere abschieben, sondern müssen sie selbst wahrnehmen. Ob Südkirchen das friedliche Dorf bleibt, das es ist, hängt entscheidend davon ab, wie sehr sich seine Bewohner einmischen und einsetzen. Wir dürfen unter uns keine soziale Ungerechtigkeit zulassen, sondern müssen unsere Phantasie anstrengen, um Lösungen für die großen Probleme zu finden, die aus der Arbeitslosigkeit erwachsen. Der Rückzug ins Private ist das größte Verhängnis, das wir uns selber bereiten. Er ist das Gegenteil der Heiligkeit, ein Zeichen von Schwäche und Verantwortungslosigkeit.

Die Heiligen machen uns Mut, aus dem privaten Raum ins öffentliche und politische Leben einzutreten. Ihre Nähe zu Gott brachte sie in die Nähe zu den Menschen und machte sie zu einem Sauerteig, der die Gesellschaft von innen her mit Geschmack versah.

Unser Land hat Heilige gehabt und hat sie auch heute noch. Sie sind unsere wahren Vorbilder, sie spornen uns an und befreien unser Herz von Armut und Enge, auf daß auch wir unsere Berufung entdecken, Friedensstifter zu sein in dieser Welt.

151. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2006)

Liebe Schwestern und Brüder,
wie passt dieses Evangelium zum Fest Christkönig?

Da wird doch nichts von einer Königsmacht deutlich. Jesus sagt zwar er sei ein König, aber das wirkt doch lächerlich in dieser Situation.
Als Jesus vor Pilatus stand, hatten scheinbar die Römer und die herrschenden Juden die volle Macht über Jesus. Ganz sicher war Jesus kein König, kein Mächtiger, denn er starb ja am Kreuz. Und trotzdem sagt er von sich: Ja, ich bin ein König.
Scheinbar hatten am Anfang dieses Jahrhunderts, als das Fest Christkönig eingeführt wurde, ganz andere Kräfte die Macht in der Hand. Und doch hielten die Christen daran fest:

Der eigentliche König ist und bleibt Jesus Christus.
Scheinbar haben auch heute ganz andere Kräfte die Macht auf ihrer Seite. Für viele ist es das Geld, das alle regiert. Für andere ist es die politische Macht, die Wirtschaft, die Banken oder einfach nur die USA.
Und trotzdem bleiben die Christen dabei: Jesus ist der eigentliche Herr.
Aber, und das gehört dazu: «Mein Königreich ist nicht von dieser Welt.» Er will nicht einfach sein Königreich gegen die Reiche dieser Welt setzen. Und so geht es auch beim Christkönigsfest nicht darum, allen Politikern und Staatsmännern das Vertrauen zu entziehen und nur noch Gott zu gehorchen. Es geht vielmehr darum, sich selbst zu fragen, nach welchen Maßstäben ich mich hier in dieser Welt eingerichtet habe.

  • Wer in unserer Welt als ein Großer und Mächtiger gelten möchte, der muss andere Menschen fest im Griff haben.

  • Im Königreich Jesu ist der ein Großer und Mächtiger, der muss sich selbst im Griff hat.

  • In unserer Welt zählt derjenige als ein König, der viele Menschen unter sich hat. Je mehr es sind, desto bedeutender ist er.

  • Im Glauben ist der ein König, der selber den Menschen dient. Dabei kommt es nicht darauf an, wie vielen er dient, sondern mit welcher Hingabe er es tut.

  • In der kommerziellen Welt gilt der als ein König, der sich gut verkaufen und vermarkten lässt. Ob als König der Popmusik, König der Volksmusik oder als ein Meister des Humors.

  • In der Welt unseres Königs ist selbst der wertvoll, der nichts mehr zu verkaufen hat, weil er von Gott geliebt wird; arm ist nur der, der ärmlich denkt, schlechtes tut und wenig liebt.

  • In der Welt der Politik ist der der wichtigste, der bei seiner Wahl die meisten Stimmen auf sich vereinigen konnte.

  • In der Welt Jesu ist der der Größte, der seine Stimme zum Lob Gottes einsetzt.

Das heißt nicht (wenn ich diese Gegenüberstellung mache), dass die Welt nur schlecht ist. Aber sie wird immer schlechter, wenn wir uns nicht darum bemühen, nach anderen Maßstäben zu denken und zu leben.

Das Königreich Jesu ist nicht von dieser Welt, weil die Maßstäbe, mit der Gott uns bemisst, vollkommen andere sind.
Mit welchen Maßstäben Gott uns misst, können wir in unserer Kirche immer wieder sehen. Schauen Sie auf das Kreuz:
Jeder und jede von uns ist das ganze Blut Christi wert. Jeder und jede von uns ist von ihm geliebt. Für jeden und jede ist er gestorben. Die selige Mutter Teresa sprach immer wieder davon, dass man lieben muß, bis es weh tut. Wir tun uns damit wirklich schwer, wir haben sogar Manschetten, uns selbst in den Finger zu pieken. Noch schwerer ist es, für jemanden anderen zu leiden.
Jesus ist für uns gestorben, damit wir leben. Das ist unser König.

Und sein Reich strahlte auf, wo ein Hl. Maximilian Kolbe sich anbot für einen anderen zu sterben.
Und sein Reich strahlt schon unter uns auf, wo wir in seinem Namen für andere da sind, Opfer bringen, lieben.
Es ist letztlich das Reich, das alle anderen überdauern wird. Denn die einzige Macht, die nicht korrupt macht, ist die Macht der Liebe. Amen.

152. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2006)

Liebe Gemeinde!

In der letzten Predigt über die Enzyklika des Papstes habe ich über das neue Gottesbild gesprochen, das sich in dem Satz äußert: „ Gott ist (die) Liebe .“ Der heutige Dreifaltigkeitssonntag stellt uns eben diese Liebe, die Gott wesenhaft und in sich ist, heraus: Gott ist kein einsamer Monarch, sondern in sich selbst ein Gegenüber von Personen, die einander unendlich lieben und in dieser Liebe so sehr EINS sind, daß es keine Spaltung, keine Trennung, kein Zerwürfnis, keine Entfremdung, keinen Mißklang und keine Konkurrenz gibt. Die biblische Offenbarung vom Dreifaltigen Gott ist darum keine bloße Zutat zum Christentum. Sie ist vielmehr der Höhepunkt der Selbstoffenbarung Gottes. Sie besagt, daß Gott im tiefsten Wesen Liebe ist, Mitteilung seines unendlichen strömenden Lebens: vom ewigen Vater zum ewigen Sohn, von beiden zum Heiligen Geist: Austausch und Beziehung in der Einheit des göttlichen Wesens.

Heute möchte ich darüber sprechen, welche Folge diese Offenbarung Gottes für das Bild vom Menschen hat. Denn wenn der Mensch, wie es schon im ersten Buch der Bibel heißt, nach dem „Bilde Gottes“ geschaffen ist (Gen 1,26), dann muß es einen Unterschied auch für das Menschenbild machen, ob zu Gott wesenhaft die Liebe gehört oder nicht. Und tatsächlich erzählt uns die Bibel schon ein paar Seiten später, daß „es nicht gut ist, daß der Mensch allein bleibt“ (Gen 2,18). Wenn Gott in seinem innersten Wesen Beziehung ist, dann ist der nach seinem Bild geschaffene Mensch ohne Beziehungen unvollständig – sozusagen nur ein halber Mensch. Doch kommt hier nur eine Beziehung zu einem anderen Menschen in Frage, Tiere sind dazu nicht in der Lage, dem Menschen die nötige Hilfe und Ergänzung zu sein. Als darum Gott dem Mann die Frau hinzuschafft, ruft dieser aus: „Das ist endlich Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch“. (Gen 2,23) Und dann folgt eine Prophezeiung: „Darum verläßt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau, und sie werden ein Fleisch.“ (Gen 2,24)

Der Papst findet an dieser Erzählung zwei Punkte bemerkenswert: Der erste betrifft die Weise der menschlichen Liebe, die Eros genannt wird. Er schreibt: „Der Eros ist gleichsam wesensmäßig im Menschen selbst verankert; Adam ist auf der Suche und »verläßt Vater und Mutter«, um die Frau zu finden; erst gemeinsam stellen beide die Ganzheit des Menschseins dar, werden ,,ein Fleisch’’ miteinander.“ – Und dann kommt er auf den zweiten Punkt zu sprechen, den Sinn des Eros: „Nicht minder wichtig ist das zweite: Der Eros verweist von der Schöpfung her den Menschen auf die Ehe, auf eine Bindung, zu der Einzigkeit und Endgültigkeit gehören. So, nur so erfüllt sich seine innere Weisung. Dem monotheistischen Gottesbild entspricht die monogame Ehe. Die auf einer ausschließlichen und endgültigen Liebe beruhende Ehe wird zur Darstellung des Verhältnisses Gottes zu seinem Volk und umgekehrt: die Art, wie Gott liebt, wird zum Maßstab menschlicher Liebe. Diese feste Verknüpfung von Eros und Ehe in der Bibel findet kaum Parallelen in der außerbiblischen Literatur.“ (DeC n. 11)

Fassen wir es noch einmal kurz zusammen: 1. Der Mensch ist gleichsam unvollständig, solange er ohne Beziehung in Einsamkeit lebt. 2. Die erotische Liebe zwischen Mann und Frau ist dem Menschen eingestiftet, damit die zwei sich zur Ganzheit ergänzen. Gerade in dieser Liebesbeziehung können sie Ebenbild der göttlichen Liebe sein. 3. Diese Beziehung ist exklusiv und auf Endgültigkeit angelegt; sie sagt: „Nur du – und du für immer!“ Und dies ist so, weil dies die Art ist, wie Gott liebt, und weil Gottes Liebe den Maßstab für die menschliche Liebe abgibt.

Der Eros ist freilich nicht die einzige Form der Liebe. Der Mensch steht noch in anderen Beziehungen zu seinen Mitmenschen, und auch hierin spiegelt sich sein Geschaffensein nach dem Bilde Gottes. So werden die Brautleute unmittelbar vor ihrer Trauung gefragt: „Sind Sie beide bereit, als christliche Eheleute Mitverantwortung in der Kirche und in der Welt zu übernehmen?“ Das heißt: In dem Augenblick, in dem es um die exklusivste Bindung von Menschen aneinander geht, wird deutlich gemacht, daß diese Bindung nicht als isolierte Zweisamkeit verstanden werden darf, sondern wesentlich auf Außenbeziehungen angelegt ist. Anders gesagt: Der Mensch ist ein soziales Wesen, und diese seine Natur erschöpft sich nicht darin, einen Lebenspartner zu finden, zu heiraten und Kinder zu zeugen. So vielgestaltig die Liebe ist, so mannigfaltig können und sollen auch die Beziehungen sein, in denen der Mensch seine soziale Natur verwirklicht. In dem ganzen zweiten Teil seiner Enzyklika geht der Papst auf die christliche Caritas ein, das Liebestun der Kirche, zu dem jeder einzelne berufen ist. Und immer wieder weist er auf die eigenartige Struktur der menschlichen Sozialnatur hin, die nur dann zur Selbstverwirklichung kommt, wenn der Mensch „aus der Enge seines Daseins heraus“ geht (n. 4; 14), wenn er „den Weg aus dem in sich verschlossenen Ich zur Freigabe des Ich, zur Hingabe und so gerade zur Selbstfindung“ (n. 6) geht.

Das christliche Menschenbild ist somit weit entfernt von einem Individualismus, der von der Autonomie des Einzelnen ausgeht und die Gemeinschaft als etwas nur Sekundäres auffaßt. Es ist aber genauso weit vom Kollektivismus entfernt, der das einzelne Individuum mißachtet und als bloßen Teil eines großen Ganzen betrachtet, so wie in einem Ameisenhaufen alle gleichgeschaltet sind, und der einzelne nicht für sich, sondern für das Kollektiv da ist. In beiden extrem entgegengesetzten Vorstellungen wird der Liebe keine Bedeutung beigemessen: der Individualist kennt nur die Selbstliebe, der Kollektivist hat kein personales Gegenüber und verliert selbst sein persönliches Gesicht in der Masse, in der er gerne untergeht.

Wenn Jesus kurz vor seiner Himmelfahrt den Auftrag gibt, zu allen Völkern zu gehen, alle Menschen zu seinen Jüngern zu machen, sie auf den Namen des Dreifaltigen Gottes zu taufen und sie zu lehren, alles zu befolgen, was er geboten hat (Mt 28,19f), dann wünscht er, daß alle, die die Liebe Gottes erfahren haben, diese auch weitergeben – und zwar uneingeschränkt. Die Mission ist selbstverständlich für denjenigen, der von der Liebe Gottes ergriffen ist. Es wäre schnöde Undankbarkeit, wollte ich diese Liebe nur für mich allein haben, und törichter Unverstand, wenn ich nicht wünschte, daß alle Menschen gleichfalls von dieser Liebe ergriffen würden. Der Papst fordert uns auf, Menschen zu sein, „die von der Liebe Christi berührt sind, deren Herz Christus mit seiner Liebe gewonnen und darin die Liebe zum Nächsten geweckt hat. Ihr Leitwort sollte der Satz aus dem Zweiten Korintherbrief sein: »Die Liebe Christi drängt uns« (2 Kor 5, 14). (n. 33)

153. Predigtvorschlag

von Pfr. Dr. Axel Schmidt (erstellt: 2006)

Liebe Gemeinde!

Wenn ich Sie fragen würde: „Was bedeutet eigentlich das Wort ‚Hostie’?“, dann gäbe es vermutlich kaum jemanden, der mir die ursprüngliche Wortbedeutung nennen könnte: nämlich ‚Opfer’ oder ‚Opfertier’. Wir verbinden mit der Eucharistie alles Mögliche, am wenigsten aber den Gedanken an einen Opferkult. Das war in der Urkirche anders. Da sah man ganz klar den Zusammenhang zwischen Jesus Christus, der Eucharistie und den alttestamentlichen Opferkulten.

Der Hebräerbrief zeigt uns diesen Zusammenhang auf: „Denn wenn schon das Blut von Böcken und Stieren und die Asche einer Kuh die Unreinen, die damit besprengt werden, so heiligt, daß sie leiblich rein werden, wieviel mehr wird das Blut Christi unser Gewissen von toten Werken reinigen.“ (Hebr 9,13f) Und kurz vorher heißt es: Christus „ist ein für allemal in das Heiligtum hineingegangen, nicht mit dem Blut von Böcken und jungen Stieren, sondern mit seinem eigenen Blut, und so hat er eine ewige Erlösung bewirkt.“ (Hebr 9,12) – Was heißt das? Es heißt, kurz gesagt, erstens, daß Jesu Tod ein Opfer gewesen ist, d.h. ein Hingabeakt und eine Gabe an den Vater zum Zweck der Vergebung und Versöhnung. Zweitens: Dieses Opfer ist ein für allemal geschehen, es ist nicht wiederholbar, sondern steht einmalig in der Geschichte da, weil es eine Kraft hat, die alle bisherigen Opfer übersteigt. Und drittens: an diesem Opfer nehmen wir Anteil, wenn wir die Eucharistie feiern: Die Kommunion ist die Hostie, die Opferspeise: der geopferte Leib Jesu.

Aber warum Opfer, warum Tod, warum Blut? Wir finden die Antwort in der Enzyklika des Papstes über die Liebe Gottes. Am letzten Sonntag habe ich von der menschlichen Sozialnatur gesprochen, die nur dann zur Selbstverwirklichung kommt, wenn der Mensch „den Weg aus dem in sich verschlossenen Ich zur Freigabe des Ich, zur Hingabe und so gerade zur Selbstfindung“ geht (DeC n. 6). Der Papst begründet diesen Gedanken mit einer Schriftstelle:

„Wer sein Leben zu bewahren sucht, wird es verlieren; wer es dagegen verliert, wird es gewinnen“ ( Lk 17, 33)... Jesus beschreibt damit seinen eigenen Weg, der durch das Kreuz zur Auferstehung führt – den Weg des Weizenkorns, das in die Erde fällt und stirbt und so reiche Frucht trägt; aber er beschreibt darin auch das Wesen der Liebe und der menschlichen Existenz überhaupt von der Mitte seines eigenen Opfers und seiner darin sich vollendenden Liebe her.“ (n. 6)

Liebe ist demnach wesentlich Hingabe, und als Hingabe ist sie Opfer: Verzicht auf das Eigene zum Wohle des anderen. In einer Welt, die mit Bosheit angefüllt ist, kann die Liebe sogar die Gestalt des blutigen Opfers annehmen – und gerade so überwindet sie die Bosheit von innen her.

Der Papst zeigt von hier aus den Zusammenhang mit der Eucharistie auf: „Diesem Akt der Hingabe hat Jesus bleibende Gegenwart verliehen durch die Einsetzung der Eucharistie während des Letzten Abendmahles.“ Die Eucharistie ist die Feier, in der der Opfertod Jesu immer neu gegenwärtig gesetzt wird, damit alle Menschen, eben auch wir, zugegen sein können und die Frucht der Versöhnung erhalten. Während der Alte Bund einen Kult erforderte, bei dem immer neue Opfertiere geschlachtet werden mußten, hat Christus mit seinem Blut einen neuen Bund gestiftet, der am Kreuz ein für allemal besiegelt wurde und unsererseits keine neuen Opfer erfordert, sondern lediglich die Bereitschaft, uns davon erfüllen und umwandeln zu lassen.

Und nun kommt ein sehr tiefer Gedanke in der Enzyklika:

„Wenn die antike Welt davon geträumt hatte, daß letztlich die eigentliche Nahrung des Menschen – das, wovon er als Mensch lebt – der Logos, die ewige Vernunft sei: Nun ist dieser Logos wirklich Speise für uns geworden – als Liebe. Die Eucharistie zieht uns in den Hingabeakt Jesu hinein. Wir empfangen nicht nur statisch den inkarnierten Logos, sondern werden in die Dynamik seiner Hingabe hineingenommen.“ (n. 13)

Wovon lebt der Mensch? Nach der Auffassung der griechischen Philosophen lebt der Mensch von der Theorie, der Schau, der Vernunft. Die christliche Lehre überbietet diese Meinung: Der Mensch lebt zwar auch von alledem, aber mehr noch lebt er von der Liebe. Ja, er kann nur leben, wenn Logik und Liebe keine Gegensätze mehr sind, wenn sie zusammengehen. Und darum darf die Kommunion auch nichts Statisches bleiben, kein bloßes Konsumieren und Besitzen; sie zielt vielmehr auf eine Dynamik, auf die Liebe Christi nämlich, an der der Kommunizierende Anteil nehmen kann und soll. Der Empfang der Opferspeise soll mich selbst bereit machen zur Liebe, zum Mitgehen mit der Liebe Christi, zum Eingehen in sein Opfer; die Kommunion soll wirklich sein, was das Wort bedeutet: Gemeinschaft.

Hieran schließt sich ein weiterer wichtiger Gedanke: Die Kommunion ist nie etwas Isoliertes, das allein einem einzelnen zukommt.

„In der Kommunion werde ich mit dem Herrn vereint wie alle anderen Kommunikanten: »Ein Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib, denn wir alle haben teil an dem einen Brot«, sagt der heilige Paulus (1 Kor 10, 17). Die Vereinigung mit Christus ist zugleich eine Vereinigung mit allen anderen, denen er sich schenkt. Ich kann Christus nicht allein für mich haben, ich kann ihm zugehören nur in der Gemeinschaft mit allen, die die Seinigen geworden sind oder werden sollen. Die Kommunion zieht mich aus mir heraus zu ihm hin und damit zugleich in die Einheit mit allen Christen.“ (n. 14)

Die Liebe Gottes macht sich gerade darin kund, daß sie die von ihr Ergriffenen berührt und zu einem Leib zusammenschmilzt. In dieser Mitte des christlichen Kultgeschehens ist jeder Egoismus ausgeschlossen! Man kann nun nicht mehr Kult und Ethos getrennt praktizieren oder gegeneinander ausspielen, also das eine tun und das andere lassen. Wer ohne Liebe an der Eucharistie teilnimmt, dem fehlt das wichtigste – er geht leer aus. Ich zitiere:

„Im ‚Kult’ selber, in der eucharistischen Gemeinschaft ist das Geliebtwerden und Weiterlieben enthalten. Eucharistie, die nicht praktisches