Liebe Schwestern und Brüder,
«Wie kommen wir in den Himmel?» Das ist eine Frage, die schon seit Jahrhunderten katholisch und evangelisch trennt. Wodurch wird der Mensch so gerechtfertigt vor Gott, dass er in den Himmel darf?
Gestern, am Reformationstag, wurde nun ein Dokument unterschrieben, dass diesen alten Streit beilegen soll. Ein Vertreter der ökumenischen Kongregation des Vatikans und ein Vertreter des lutherischen Weltbundes haben ihre Unterschrift unter diese gemeinsame Feststellung gesetzt.
Martin Luther, den diese Frage nach der Eintrittskarte in
den Himmel über Jahre hinweg schwer belastet hat, kam
eines Tages auf die genial einfache Antwort: «Allein
dadurch, dass der Mensch glaubt, wird er gerecht vor Gott.»
Dieser Glaube ist nach Luther nicht etwas, das der Mensch
tut. Er ist ein unverdientes Geschenk Gottes. Nach Luther
ist der Mensch nicht in der Lage ist, irgendetwas wirklich
Gutes zu tun.
Luther grenzte sich damit gegen die katholische Lehre ab,
die davon ausgeht, dass der Mensch durch die Gnade Gottes
befähigt wird, mit Gott zusammenzuwirken, also aktiv
zu werden. Diese Zusammenarbeit mit Gottes Gnade ist in der
katholischen Kirche von höchster Bedeutung:
Wir alle gehören allein schon durch unseren Glauben
zu den Heiligen Gottes. Ganz ohne Vorleistungen. Paulus bezeichnet
alle Christen als «die Heiligen, die zu Gott gehören.»
Allerdings ist diese Gabe mit einer Aufgabe verbunden: Wir
können diese Heiligkeit bewahren und darin wachsen, indem
wir mit Gott aktiv werden.
Die Armen, die im heutigen Evangelium genannt werden, sind
nicht deshalb schon selig, weil sie arm sind; die Verfolgten
nicht schon deshalb, weil sie verfolgt sind. Selig ist, wer
zu Armut und Verfolgung ja sagen kann - und sich darüber
sogar freuen kann, weil er so Christus ähnlicher wird.
Selig sind wir, wenn wir uns in der Demut üben, in der
Einfachheit, in der Freude am Guten.
Das aber setzt höchste Aktivität voraus! Das ist
nicht einfach; das kostet innere Überwindung und geistliche
Arbeit. Aber wir können das, weil Gott uns dazu seinen
Hilfe zugesichert hat. Genau das ist Mitwirkung mit der Gnade.
Luther aber lehnt jede Form dieser Mitwirkung ab. Der Mensch
kann zu seinem Heil nichts dazutun; dafür ist er zu schlecht
und unfähig. Vermutlich ist Luther zu dieser seltsamen
Ansicht gekommen, weil er nur die äußeren Formen
der Mitwirkung kennengelernt hat: Wallfahrten, Ablässe,
Prozessionen, Andachten, Gottesdienste und so weiter.
Alles das sind aber nur Dinge an der Oberfläche. Diese
Dinge zu tun, heißt noch nicht, ein aktiver Christ zu
sein! Ich werde erst dann zum aktiven Heiligen im eigentlichen
Sinne, wenn ich das alles Füllen kann: Mit Gebet, mit
Freude und mit Hingabe. Vielleicht sind die oberflächlichen
Christen zur Zeit Luthers mit schuld daran, dass Luther alle
diese hohl gewordenen Formen verwirft - und darüber hinaus
sogar jeglicher Form christlichen Tuns die Heilsbedeutung
nimmt.
Liebe Schwestern und Brüder, wir werden erst dann zu einer echten Einheit der Kirchen kommen, wenn wir den Anlass für dieses Missverständnis beseitigen: Den leeren, oberflächlich gelebten Glauben. Erst, wenn wir deutlich machen, dass auch für uns aktiver Glaube vor allem inneres Tun meint, können die Vorurteile abgebaut werden.
243 evangelische Theologie-Professoren haben der gemeinsamen
Feststellung, die gestern unterzeichnet worden ist, ihre Zustimmung
verweigert und einen Verzicht der Unterschrift gefordert haben.
243 evangelische Theologie-Professoren in Deutschland - das
sind so gut wie alle. Bis zur Einheit der christlichen Kirche
ist es noch ein langer Weg.
Der Beginn ist aber gemacht. Und das Hochfest Allerheiligen
sollte eigentlich verdeutlichen, was immer schon unser gemeinsamer
Glaube gewesen ist: Wir werden nicht heilig, indem wir uns
unseren Gott verdienen. Wir sind schon heilig, weil Gott uns
angenommen hat als seine Kinder.
Amen.
