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Predigtreihe zu Glaube - Hoffnung - Liebe
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1. Glaube - Ursprung: Predigt zum 2. Ostersonntag
(A)
Liebe Gemeinde!
Die Osterzeit bietet uns in ihren Sonntagslesungen vielfältige
Möglichkeiten zur Vertiefung unserer Gottesbeziehung.
Ich möchte dieses Angebot nutzen und Ihre Aufmerksamkeit
auf eine typisch christliche Überzeugung richten, die
leider in Vergessenheit zu geraten droht: die Überzeugung,
daß unsere Gottesbeziehung nur von Gott selbst hergestellt
werden kann, von uns Menschen hingegen nicht; das einzige,
was wir können, ist, dazu in Freiheit Ja zu sagen und
mitzuwirken mit dem zuvorkommenden Gott.
Die Beziehung, die wir Erdenbürger zu Gott haben, ist
aber dreifältig, sie verwirklicht sich in drei Grundakten,
im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe. Glaube, Hoffnung
und Liebe werden als "göttliche Tugenden" bezeichnet;
sie heißen so, weil wir sie nicht haben können,
ohne daß Gott sie uns schenkt, d.h. ohne daß er
unserem eigenen Akt des Glaubens, Hoffens oder Liebens schon
zuvorgekommen ist, um ihn zu ermöglichen.
Heute und an den kommenden Sonntagen möchte ich also
über diese drei Tugenden sprechen. Ich beginne mit dem
Glauben. Ich spreche nicht in erster Linie über den Inhalt
des Glaubens, sondern darüber, was es bedeutet, daß
der Glaube eine göttliche Tugend ist, und was wir Menschen
für unseren Glauben tun können und sollen.
Nach wie vor gibt es in der Bundesrepublik eine Mehrheit,
die sagt: "Ich glaube an Gott." Für viele besagt
dies aber nicht eben viel; sie haben eine diffuse Vorstellung,
daß es jenseits der sichtbaren Welt noch etwas Anderes
geben muß, eine Macht, die darüber steht. Wenn
sie sagen "Ich glaube...", dann sagen sie nicht
mehr als: "Ich nehme an, ich könnte mir vorstellen..."
Für ihr Leben hat das weiter keine Bedeutung. Sie werden
auch nicht beunruhigt durch Menschen, die sagen: Ich nehme
das nicht an, ich glaube nicht, oder ich glaube nur, was ich
sehe. In ähnlicher Weise können zwei Mediziner verschiedener
Meinung darüber sein, ob ein bestimmtes Krankheitssymptom
durch einen unbekannten Erreger ausgelöst wird oder durch
eine interne Ursache. Wenn der eine sagt: "Ich glaube
an einen externen Erreger", dann nimmt er an, daß
man diesen vielleicht nachweisen wird; aber wenn man es nicht
kann, dann ist es für ihn auch okay.
Offensichtlich ist dieses Modell für den Glauben absolut
unpassend. Ich glaube nicht so an Gott, wie ein Mediziner
einen noch unbekannten Erreger vermutet. Im Gegenteil: Mein
Glaube setzt eine gewisse Bekanntschaft mit Gott voraus. Er
ist eine Antwort auf eine Offenbarung, die Gott uns gemacht
hat. "Ich glaube an Gott" ist keine sachhafte Aussage,
sondern ein persönlicher Akt, der auf eine Person, nämlich
Gott gerichtet ist. Ich meine damit: "Ich glaube dir,
Gott, und ich glaube das, was du mir sagst. Ich baue auf dich,
ich setze mein Leben auf dich." - Und wenn ich das so
verstehe, dann werde ich allerdings doch sehr beunruhigt,
wenn andere Menschen in meiner Nähe diesen Glauben nicht
mit mir teilen.
Vielleicht fragen sich jetzt einige, wie das zugehen soll,
daß wir Gott schon kennen müssen, um an ihn zu
glauben. Glauben heißt doch gerade nicht wissen, oder?
- Das stimmt, aber so ausgedrückt, bleibt es mißverständlich.
Man könnte das so verstehen, als wäre der Glaube
fehlendes oder unvollständiges Wissen, eine Theorie,
deren letzte Vergewisserung noch aussteht. Aber so ist es
gerade nicht: Glauben ist eine andere, vom Wissen unterschiedene
Weise, der Wirklichkeit zu begegnen, und zwar der Wirklichkeit,
von der alles andere abhängt, der Wirklichkeit Gottes.
Ich kann nämlich durchaus etwas über Gott wissen,
ohne an ihn zu glauben, so ähnlich wie ich einen Menschen
recht gut kennen kann, ohne an ihm interessiert zu sein.
Die Bekanntschaft mit Gott, die für den Glauben vorausgesetzt
ist, ist freilich nicht so leicht dingfest zu machen. Sie
äußert sich in vielfältigen Erfahrungen, wie
sie in Kirchenliedern ausgedrückt werden, z.B.: "Lobet
den Herren, der alles so herrlich regieret, der dich auf Adelers
Fittichen sicher geführet, der dich erhält, wie
es dir selber gefällt. Hast du nicht dieses verspüret?"
- Gott kommt mir zuvor und rührt mich in der Tiefe des
Herzens an, und das geschieht auf verschiedenste und unaussprechliche
Weise. Meistens ist mir dieses Entgegenkommen Gottes nicht
bewußt, aber manchmal doch, und dann erfahre ich Seine
Gegenwart, sei es im Gebet, sei es im Gottesdienst, in der
Lesung der Heiligen Schrift, sei es im Dienst am Anderen,
sei es in der Liebe, die andere mir schenken, oder auch angesichts
der Schönheit der Schöpfung.
Aber, so könnten Sie mir entgegenhalten: das sind doch
keine echten Erfahrungen der Nähe Gottes, ich deute sie
vielleicht so; ich könnte sie auch ganz anders deuten.
- Das gebe ich zu. Die genannten Erfahrungen können so
und so gedeutet werden. Aber nicht jede Deutung ist gleich
angemessen, im Gegenteil: manche Deutungen sind ganz und gar
unangemessen. Wenn mich ein Mensch z.B. anlächelt, ist
das eine Erfahrung, die ich etwa so deuten kann: dieser Mensch
will mir wohl, er teilt mir etwas von seiner Freundlichkeit
mit. Ich könnte es aber auch so deuten: Dieser Mensch
verstellt sich, er will mich unterschwellig manipulieren.
Ebenso kann ich eine religiöse Erfahrung nachträglich
verschieden deuten: Bei den Weltjugendtagen machten viele
Jugendliche eine Erfahrung der Nähe Gottes; manche von
ihnen sagten: hier hat sich mir Gott von einer seiner vielen
gütigen Seiten gezeigt. Andere dagegen ließen den
Zweifel zu: Warum läßt sich Gott nicht immer so
unmittelbar erfahren? Und sie kehrten in den Alltag zurück,
ob als nichts gewesen wäre...
Als die Jünger am Ostertag Jesus wiedersahen, war auch
dies eine Erfahrung, die einer Deutung bedurfte. Das sehen
wir am deutlichsten an der Reaktion des Thomas. Er sagt nämlich
zu Jesus: "Mein Herr und mein Gott!" Das war sein
Glaubensbekenntnis: "Du, Jesus, bist es, auf den ich
fortan mein Leben setze. Dir will ich glauben." Und Jesus
entgegnet ihm: "Weil du mich gesehen hast, glaubst du.
Selig, die nicht sehen und doch glauben." Offensichtlich
ist diese Bemerkungen auf uns gemünzt, die wir Jesus
nicht sehen können. Gott ist unsichtbar, und auch die
Apostel haben Gott nicht gesehen, sondern nur Jesus, der von
sich gesagt hat: "Wir mich gesehen hat, hat den Vater
gesehen." Diesem Wort haben sie Glauben geschenkt, und
so waren sie die ersten gläubigen Christen. Wir aber
sehen nicht einmal Jesus. Sind wir also in einer schlechteren
Lage als die Apostel? - Ja und nein. Einerseits schon: Denn
die Persönlichkeit Jesu war offensichtlich überaus
strahlend und vertrauenerweckend, und insofern mußte
der Umgang mit IHM den Glauben erleichtern. Andererseits aber
auch nicht: Denn auch heute gibt es strahlende und überzeugende
Christen, die wir sehen können und die zum Mitglauben
einladen. Ja, in gewisser Weise sind wir sogar in einer besseren
Lage als die Apostel, weil wir die ganze Kette der Zeugen
kennen, die Jesus in 2000 Jahren glaubend gefolgt sind. Wir
sehen, was die Jünger nicht sahen: Wie sich sein Gleichnis
vom Senfkorn bewahrheitet hat, wie aus einer winzigen Schar
eine riesige Kirche gewachsen ist. Wir haben viel weniger
Zweifel als die ersten Christen, ob Jesus vielleicht bloß
ein Spinner oder Träumer war.
So schauen wir in diesen Tagen besonders auf den Papst als
ein unübersehbares Leuchtfeuer des Glaubens. Jetzt wo
er das Ende seines Lebens erreicht hat, dringt es plötzlich
in das Bewußtsein der Massen: Dieser Mann war nicht
nur ein großer Glaubender, er war ein Apostel, wie die
Welt seit Paulus keinen gesehen hat. Papst Johannes Paul II.
war in seiner Person ein ganz einzigartiger Beweis für
das Wort Jesu vom Berge versetzenden Glauben, ein Zeuge des
fortlebenden Christus, vor dem jeder Unglaube lächerlich
wirkt. Zeit seines Lebens hat dieser Papst angekämpft
gegen die verbreitete Unentschlossenheit und Gleichgültigkeit
gegenüber der Wahrheit, und gegen die Strömung,
die er Kultur des Todes genannt hat. Millionen von Menschen
haben sich durch sein Zeugnis ansprechen und ermutigen lassen,
sich nun gleichfalls auf die Seite des Evangeliums zu stellen,
ihr Herz zu geben, d.h. zu glauben.
Der Glaube ist somit zweierlei: eine göttliche Gabe
und eine freie Antwort, die wir geben oder auch verweigern
können. Worauf es ankommt, ist, daß wir versuchen,
unseren Glauben zu vertiefen und ihn stärken zu lassen.
"Stärke unseren Glauben" baten schon die Apostel
ihren Herrn. So müssen auch wir darum beten, daß
Gott unseren Glauben stärkt. Und dabei können und
sollen wir mitwirken - indem wir den Glauben praktisch werden
lassen. Die erste Praxis des Glaubens ist das Gebet und der
Gottesdienst. Wer glaubt, will dem begegnen, auf den er sein
Leben baut. Darum ist die andächtig mitgefeierte Eucharistiefeier
der erste und wichtigste Ausdruck des Glaubens und zugleich
dessen Quelle und Kraft.
2. Hoffnung - Ursprung: 3. Ostersonntag (A)
Liebe Gemeinde!
Es hört sich an wie eine Resignation, wenn Petrus nach
dem dramatischen Ende seins Herrn und Freundes Jesus meint:
"Kommt, wir gehen wieder fischen!" Und die anderen
Jünger sind mit diesem Vorschlag sofort einverstanden
und rufen: "Wir kommen auch mit." Ihr Handeln ist
verständlich: Sie tun wieder das, was sie gelernt haben,
wo sie sich auskennen und verzichten auf die großen
Perspektiven für die Zukunft. Sie haben ihren Glauben
an Jesus nicht verloren, aber sie sind ohne Hoffnung.
Über diese göttliche Tugend spreche ich heute. In
gewisser Weise fällt sie uns modernen Menschen schwerer
als der Glaube und die Liebe. Das meint auch Charles PÉGUY:
"Der Glaube, den ich am liebsten mag, sagt Gott, ist
die Hoffnung... Der Glaube wundert mich nicht... Ich bin so
strahlend sichtbar in meinen Geschöpfen... Daß,
um mich nicht zu sehen, diese armen Leute wirklich mit Blindheit
geschlagen sein müßten....
Die Liebe, sagt Gott, das wundert mich nicht.
Die
Liebe ist ganz natürlich, ... sie ist die erste Bewegung
des Herzens.
Aber die Hoffnung, sagt Gott, das verwundert mich wirklich
sehr.
Das ist wirklich erstaunlich. Daß diese
armen Kinder sehen, wie das alles zugeht, und daß sie
glauben, morgen gehe es besser... Das ist verwunderlich, und
das ist entschieden das größte Wunder unserer Gnade.
So daß es mich selber verwundert. Denn Glaube sieht
nur, was ist. Sie aber sieht, was sein wird. Und Liebe liebt
nur, was ist. Sie aber liebt, was sein wird."
Hoffnung richtet sich auf ein zukünftiges Gut. Sie sagt:
"Es wird gut ausgehen; es wird ein gutes Ende nehmen."
Erhoffen können wir nur etwas, was wir sehnsüchtig
herbeiwünschen, was wir aber nicht in der Hand haben;
etwas, von dem wir dennoch in freudiger Zuversicht erwarten,
das es uns zuteil wird. Wir können das Erhoffte nicht
bewirken, herbeischaffen oder erzeugen, aber es wäre
keine Hoffnung, wenn wir nicht irgendwie gewiß wären,
daß unsere Erwartung sich einst erfüllen wird.
Nun gibt es vielerlei, was wir erhoffen: gutes Wetter, einen
guten Ausgang einer Prüfung, Gesundheit, langes Leben,
Gedeihen der Kinder, Erfolge aller Art. Das ist völlig
normal und in Ordnung. Menschen, die mit einem natürlichen
Optimismus ausgestattet sind, sind uns normalerweise unmittelbar
sympathisch. Sie strahlen uns an und machen kurzzeitig unser
Leben ein wenig heller. Solche Art von Zuversicht ist eine
wertvolle Gabe, die aber als solche noch nicht ohne weiteres
Tugend ist. Selbst Petrus und seine Freunde hatten nach Jesu
Tod noch dies und das zu erhoffen; jedenfalls hofften sie
auf einen guten Fischfang. Aber sie hofften nicht mehr auf
einen guten Ausgang ihres Lebens überhaupt, darauf, daß
Jesus "der sei, der Israel erlösen werde" (Lk
24,21). Diese Hoffnung hatten sie begraben. Aber dabei handelte
es sich eben um die eine Hoffnung, neben der es keine anderen
Hoffnungen gibt, die eine und fundamentale Hoffnung, die sich
nicht auf ein einzelnes Gut richtet, sondern auf einen umfassenden
Sinn, auf ein zukünftiges Heilsein des ganzen Lebens.
Und allein diese eine Hoffnung, von der wir nur im Singular
sprechen können, verdient es, Tugend genannt zu werden,
sie ist göttliche, d.h. von Gott geschenkte Tugend.
Was ist das Besondere an dieser Hoffnung? Es tritt gerade
dann zutage, wenn die Hoffnungen, die es im Plural gibt, zusammenbrechen
und ihren Sinn verlieren. Dies ist bei allen unheilbar Kranken
oder auch bei den Martyrern der Fall; auf negative Weise auch
bei denen, die sich das Leben zu nehmen versuchen. Wenn die
gewöhnlichen Alltagshoffnungen dahinschwinden, dann kann
die echte Hoffnung ihr strahlendes Gesicht erheben, oder aber
auch die Verzweiflung, die verborgen schon da war, den Menschen
vollends übermannen.
Am todkranken Papst konnten wir erfahren, was die christliche
Hoffnung ausmacht. Er schrieb an die polnischen Schwestern,
die ihn seit vielen Jahren pflegen: "Ich bin froh, seid
ihr es auch." Der unheilbar Kranke bezieht seine Freude
aus dem umfassenden Heil, das Gott allein geben kann, das
aber noch unsichtbar ist. Diese Freude nimmt die Hoffnung
vorweg, von der Paulus sagt: "Denn wir sind gerettet,
doch in der Hoffnung. Hoffnung aber, die man schon erfüllt
sieht, ist keine Hoffnung. Wie kann man auf etwas hoffen,
das man sieht? Hoffen wir aber auf das, was wir nicht sehen,
dann harren wir aus in Geduld." (Röm 8,24f)
Nun sagte ich eingangs, daß dem modernen Menschen die
Hoffnung schwerer fällt als der Glaube und die Liebe.
Wer nicht hofft, glaubt nicht, daß sein Leben wirklich
einen Sinn hat und auf eine Erfüllung angelegt ist, die
in der Zukunft liegt und von Gott verheißen ist. Wer
nicht hofft, nimmt die Nicht-Erfüllung vorweg; er ist
verzweifelt. Unsere Epoche ist der Versuchung zur Verzweiflung
in besonderer Weise ausgesetzt.
Das sieht man freilich nicht auf den ersten Blick, denn allenthalben
wird uns ja ein vordergründiger Optimismus präsentiert
und eingeredet, alles wäre easy, leicht und locker. Doch
dahinter steckt eine Mentalität, die Sören Kierkegaard
als "Verzweiflung der Schwachheit" bezeichnet hat.
Die Geisteshaltung, um dies es hier geht, besteht darin, daß
der Mensch nicht wagt, er selbst zu sein; er weigert sich,
sein eigenes Wesen und seine Berufung anzunehmen: sie ist
ihm zu hoch und zu schwer, denn sie mutet ihm eine Würde
zu, die ihm eben als Zumutung erscheint, als etwas, für
das er sich zu schwach fühlt; darum "Verzweiflung
der Schwachheit". Der Mensch, der davon geprägt
ist, weicht seiner Berufung aus, geht sich selbst aus dem
Weg und verliert sich in Ablenkungen jeder Art. Weil er nicht
in sich ruhen, nicht bei sich selbst zu Hause sein kann, muß
er den freilich vergeblichen Versuch machen, aus der eigenen
Mitte auszubrechen - zum Beispiel in die Rastlosigkeit des
Arbeitens oder auch in die unersättliche Neugierde der
Schaulust und des Tratsches. Der Lärm der Unterhaltungsindustrie
übertönt das Bewußtsein, daß man an
der Mitte seines Lebens vorbeilebt und für die Zukunft
eigentlich keine Erwartungen hat. Und da die verborgene Verzweiflung
jeden Moment an die Oberfläche gelangen kann, müssen
der Lärm und die Reizüberflutung immer stärker
werden. Die öffentliche Neugier soll den Menschen in
eine Scheinwelt leerer Reizdinge einsperren; symptomatisch
sind Fernsehsendungen wie "Big Brother", sie dienen
als Droge gegen das lauernde Bewußtsein, in der Seele
krank zu sein und das Ziel des Lebens verfehlt zu haben.
Von dieser "Verzweiflung der Schwachheit", die
mit der nach außen gespielten optimistischen Lebensart
einhergeht, sind auch wir Christen angekränkelt. Das
Fernsehen und die sonstigen Einflüsse der modernen Welt
verfehlen ihre Wirkung nicht. Der durchschnittliche Christ
pendelt deshalb oft zwischen Optimismus und Pessimismus, zwischen
übertriebener Weltbejahung und Weltverachtung. Wenn wir
etwa von den düsteren Prognosen für unser Land erfahren,
dann beginnen wir gern, zu jammern und verbittert zu klagen.
Dabei können Krisen durchaus heilsam sein. Sie entstehen
durch Enttäuschung, und Enttäuschung besagt dabei
durchaus auch etwas Positives, nämlich Befreiung aus
einer Täuschung. Freilich ist solche Befreiung nur selten
willkommen, sie tut weh, sie geht unter die Haut. Wenn ich
z.B. schwer krank werde, zerbricht die heimlich gepflegte
Illusion uneingeschränkter Vitalität; wenn ich ein
mühsam erstrebtes Ziel nicht erreiche, muß ich
einsehen, daß ich aufs falsche Pferd gesetzt habe. Aber
gerade in solchen Enttäuschungen bricht mit aller Macht
die Frage auf, ob meine Existenz im Ganzen von solchen enttäuschten
Hoffnungen abhängt, oder ob sie sich nicht einer höheren
Wirklichkeit verdankt, nämlich Gott, der allein der Grund
meiner tiefsten Hoffnung sein kann. In der Bedrängnis
hoffen - das ist wahrhaft "Hoffnung gegen alle Hoffnung"
(vgl. Röm 4,18).
Wenn die Hoffnung so verstanden wird, ist klar, daß
sie eine Haltung ist, die in gewisser Weise das Menschenmögliche
übersteigt, eben eine göttliche Tugend. Nur Gott
kann mir letztlich die Kraft geben, die irdischen Ziele zu
übersteigen und auf das Ewige Leben zu hoffen. Natürlich
braucht diese Hoffnung einen Grund, der sie rechtfertigt.
Dieser Grund ist kein anderer als Jesus Christus, der den
Tod besiegt hat.
Die Welt braucht nicht unbedingt optimistische Menschen,
aber sie bedarf dringend solcher Menschen, die Hoffnung ausstrahlen,
tiefe vom christlichen Glauben geprägte Hoffnung. Nur
die echte Hoffnung wird dem Ernst und Elend dieses Lebens
gerecht; nur der Hoffende kann in Leid und Enttäuschung
Frieden und Freude bewahren.
Darum gilt die Bitte des Apostels Paulus in seinem Römerbrief
auch für unsere Zeit: "Der Gott der Hoffnung aber
erfülle euch mit aller Freude und mit allem Frieden im
Glauben, damit ihr reich werdet an Hoffnung in der Kraft des
Heiligen Geistes." (Röm 15,13)
3. Liebe: Die Neuheit der Liebe - Ursprung: Predigt
zum 5. Ostersonntag (A)
Liebe Gemeinde!
Das heutige Evangelium enthält fast alle Schlüsselwörter,
die Johannes, dem Evangelisten, wichtig sind: Glauben, Sehen,
Erkennen; ferner Wahrheit und Leben; schließlich auch
das Ineinandersein von Vater und Sohn, das sich fortsetzen
soll im Ineinander von Christus und den Christen, wie Jesus
besonders am Weinstockgleichnis deutlich macht. "Ich
in ihnen [den Christen] und du [Vater] in mir" (Joh 17,23),
betet Jesus.
Dieses Ineinander ist das Wesen und Ziel der Liebe. Wer den
anderen liebt, der strebt danach, mit ihm EINS zu sein. Der
himmlische Vater liebt seinen menschgewordenen Sohn so innig
und dieser liebt seinen Vater ebenso, daß Jesus sagen
kann: "Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.
Glaubst du nicht, (Philippus,) daß ich im Vater bin
und daß der Vater in mir ist?" (Joh 14,9f)
Jesus ist das Bild des Vaters, seit Ewigkeit ruht er am Herzen
des Vaters und ist darum der einzige, der den Vater gesehen
und nun von ihm Kunde gebracht hat. (Joh 1,18) An Jesus können
wir leibhaftig anschauen, wer Gott ist und wie er handelt;
daß Gott die Liebe selbst ist (1 Joh 4,8.16).
"Nicht darin besteht die Liebe, daß wir Gott geliebt
haben, sondern daß er uns geliebt und seinen Sohn als
Sühne für unsere Sünden gesandt hat",
schreibt Johannes in seinem ersten Brief (1 Joh 4,10) und
reflektiert so das Kommen Jesu in unsere Welt. Und er zieht
sofort die Schlußfolgerung: "Liebe Brüder,
wenn Gott uns so geliebt hat, müssen auch wir einander
lieben." (1 Joh 4,11)
Das ist ein Gebot, aber zuerst einmal ist es ein Geschenk:
"Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch
den Heiligen Geist, der uns gegeben ist." (Röm 5,5)
Die Liebe ist Gabe und Aufgabe. Sie ist Gabe, weil Gott uns
zuerst geliebt und dadurch zur Liebe allererst fähig
gemacht hat. Und sie ist Aufgabe, weil sie Sache des freien
Willens ist und nicht ein automatisches oder magisches Geschehen
in uns. Weil sie beides ist: freies Verhalten und göttliche
Gabe, darum ist sie eine göttliche Tugend, und zwar die
erste und ranghöchste.
Als freie Zuwendung zum anderen ist die Liebe etwas Urmenschliches
und jedermann Bekanntes, nichts Neues. Insofern ist das Gebot
der Liebe altbekannt. Andererseits ist die Liebe, die Gott
uns erwiesen und zu der er uns erwählt hat, etwas bis
dahin Unerhörtes, schlechthin Überraschendes, etwas,
das den sog. "alten Menschen" völlig überfordert.
Darum schreibt Johannes: "Liebe Brüder, ich schreibe
euch kein neues Gebot, sondern ein altes Gebot, das ihr von
Anfang an hattet. Das alte Gebot ist das Wort, das ihr gehört
habt. Und doch schreibe ich euch ein neues Gebot, etwas, das
in ihm und in euch verwirklicht ist; denn die Finsternis geht
vorüber, und schon leuchtet das wahre Licht." (1
Joh 2,7f)
Was ist so neu an der Liebe, von der das Neue Testament insgesamt
mit 320 Wortvorkommnissen spricht? Es sind vor allem zwei
Aspekte, die die Liebe als ein neues Gebot erscheinen lassen:
1. Die von Jesus verkündete, gelebte und geforderte Liebe
kennt keine Grenze, sie grenzt keinen Menschen aus, sie überwindet
selbst das Freund-Feind-Gegensatz. In diesem Sinne sagt Jesus
in der Bergpredigt: "Ihr habt gehört, daß
gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und
deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde
und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne
eures Vaters im Himmel werdet; denn er läßt seine
Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er läßt
regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nämlich
nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr
dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner?"
(Mt 5,43-46)
Der alte, d.h. der egoistische Mensch erschrickt angesichts
dieser Worte, sie erscheinen ihm als Zumutung. Doch Jesus
ist den Weg dieser Liebe bis zur Vollendung gegangen: "Da
er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen
seine Liebe bis zur Vollendung." (Joh 13,1) Und "Vollendung"
heißt hier Tod, Selbstaufopferung. Jesus erklärt
die Grenzenlosigkeit seiner Liebeshingabe mit folgenden Worten:
"Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer
sein Leben für seine Freunde hingibt." (Joh 15,13)
Und zu diesen Freunden zählt Jesus nicht nur diejenigen,
die treu zu ihm halten, sondern auch noch Judas, den er ausdrücklich
noch "Freund" nennt, als dieser ihn verriet (Mt
26,50), ja im Grunde auch seine Peiniger, für die er
sterbend betet: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen
nicht, was sie tun." (Lk 23,34)
Die grenzenlose Liebe ist bereit zur Vergebung und kennt auch
darin kein endliches Maß, kein "Jetzt ist es aber
genug!" Als Petrus fragt, "Herr, wie oft muß
ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt?
Siebenmal?", da antwortet ihm Jesus: "Nicht siebenmal,
sondern siebenundsiebzigmal." (Mt 18,21f) Das heißt:
immer und unbegrenzt oft.
Wieder erschrickt der alte Mensch in uns: Wer soll denn dazu
fähig sein? Wie schwer fällt es uns, auch nur ein
einziges Mal zu vergeben, wenn wir tief verletzt worden sind!
Ein Vertrauensbruch z.B. kann eine Beziehung zerstören,
weil die Kraft zur Vergebung fehlt. Müssen wir also folgern,
daß die Beziehung von Anfang gar keine Liebe gewesen
ist? Denn die Liebe ist nach den Worten des Apostels Paulus
doch langmütig und gütig (1 Kor 13,4), "sie
erträgt alles" (1 Kor 13,7) und "trägt
das Böse nicht nach" (1 Kor 13,6). Ja, wenn ein
Mensch dazu nicht mehr fähig ist, dann muß er sich
fragen, ob seine Liebe erkaltet ist, ob er sie womöglich
verlassen hat (vgl. Offb 2,4).
Wenn wir bei solchen Betrachtungen stehenbleiben, könnten
wir entmutigt werden oder - was noch schlimmer wäre -
trotzig aufbegehren und denken: "Wenn das so ist, dann
will ich vom Neuen Testament gar nichts mehr hören!"
Darum sollten wir das bereits zitierte Wort aus dem 1. Johannesbrief
noch einmal hören und bedenken: "Nicht darin besteht
die Liebe, daß wir Gott geliebt haben, sondern daß
er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere
Sünden gesandt hat." Hier kommt der 2. Aspekt zum
Ausdruck, an dem die Neuheit der christlichen Botschaft von
der Liebe aufscheint: Die Liebe ist kein Werk des Menschen,
sondern Frucht des Heiligen Geistes (Gal 5,22).
Das Werk der Liebe ist bereits vollbracht und seine Frucht
uns geschenkt - das ist die Frohe Botschaft, die uns keiner
nehmen und ausreden kann! Darum kann Jesus sagen: "Ich
bin der Weg und die Wahrheit und das Leben." Jesus zeigt
nicht nur den Weg zum Vater so wie ein Morallehrer, er selbst
ist der Weg und die Brücke zum Vater. Jesus sagt nicht
nur die Wahrheit, eine Wahrheit, die kalt und hart wäre,
er ist die Wahrheit in Person, die im Fleisch erschienene
Liebe Gottes: voller Wärme und Anziehungskraft. Jesus
redet nicht nur vom Leben, er selbst ist das Leben und ist
gekommen, damit auch wir das Leben in Fülle haben. (Joh
10,10)
Worauf es allein ankommt, ist, mit Jesus zum Vater zu gehen
(vgl. Joh 14,12), uns immer mehr von Jesus umgestalten zu
lassen, bis wir selbst so voll strahlender Liebe sind wie
er. Solange wir auf der Erde leben, ist dieser Weg mühsam,
steinig, ein Weg, den wir im Glauben und in der Hoffnung gehen;
dereinst sind wir am Ziel, und was bleibt, ist die Liebe.
"Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese
drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe."
(1 Kor 13,13)
4. Liebe: Liebe, Lust und Pflicht
- Ursprung: 6. Ostersonntag (A) - Mai 2005
Liebe Gemeinde!
Am letzten Sonntag habe ich über die Tugend der Liebe
gesprochen und insbesondere herausgestellt, daß die
Liebe etwas Neues ist, eine von Gott geschenkte Umwandlung
unseres Willens, die uns allererst befähigt, Gott und
den anderen Menschen zu lieben. Weil diese Liebe neu ist,
erscheint sie dem sog. "alten Menschen" als Überforderung.
Wie aber steht es mit dem Menschen, der durch die Taufe eine
"neue Schöpfung" geworden ist (2 Kor 5,17)?
Empfinden wir, die wir getauft sind, die Botschaft von der
Liebe als froh- und freimachend, oder doch eher als schwer
und belastend? Wie kommt es, daß wir so oft keine Lust
zu dieser Liebe haben?
Ich habe absichtlich die Worte "Lust" und "Liebe"
zusammengestellt. Was empfinden Sie, wenn Sie beide Worte
zusammen hören? Hat Liebe etwas mit Lust zu tun oder
gerade nicht? Hier gibt es zwei extreme Auffassungen: Nach
der einen ist Liebe geradezu ein anderes Wort für Lust,
vor allem für die sexuelle Lust; nach der anderen hat
nur der wahre Liebe in sich, der die eigene Lust und Laune
überwinden kann und eben nicht nur das tut, wozu er gerade
Lust hat. Beide Auffassungen sind einseitig. Sie sagen beide
etwas Richtiges, aber verdecken auch einen wichtigen Teil
der Wahrheit. Die erste Auffassung beachtet nicht, daß
wir in einer sündigen Welt leben, die zweite mißachtet,
daß uns die Liebe tatsächlich eine Lust ist oder
jedenfalls sein soll, hier auf der Erde zumindest ab und zu,
im Himmel ganz gewiß uneingeschränkt.
Wir leben in einer sündigen Welt, sagte ich. Das ist
der Schlüssel für das Auseinanderfallen von Lust
und Liebe, für die Zerrissenheit in uns selbst, die Paulus
so beschreibt: "Denn ich begreife mein Handeln nicht:
Ich tue nicht das, was ich will, sondern das, was ich hasse."
(Röm 7,15) Z.B. schreie ich meinen Ehepartner an, obwohl
ich ihm doch eigentlich nur Gutes sagen wollte. Paulus spricht
die Erfahrung aus, daß wir oft etwas tun, wovon wir
einsehen, daß es nicht richtig ist, weil es gegen die
Liebe ist; und solches Handeln hassen und verabscheuen wir
aus tiefster Seele, auch wenn wir selbst so handeln. Der Grund
ist: die Natur ist aus dem Gleichgewicht geraten, sie ist
nicht mehr integer. Unser Herz geht nicht immer mit, wenn
wir dem Menschen nahe sind, den wir lieben. Nicht immer tun
wir gern, was wir doch aus Liebe tun möchten oder sollen.
Eltern lieben ihr Kind, aber wenn es schreit, dann erscheint
es ihnen womöglich als Nervensäge. Ehepartner lieben
einander, und doch empfinden sie manchmal die Anwesenheit
des anderen als störend. Kinder lieben ihre Eltern, aber
nicht selten empfinden sie deren Anordnungen als Einschränkung
ihrer Freiheit. Und so könnte ich fortfahren, die mangelnde
Lust an der Liebe zu schildern. Lust und Liebe sind nicht
identisch. Wer nur das tut, wozu er Lust hat, der hat keine
Liebe in sich.
In dem Maße, in dem Lust und Liebe auseinandertreten,
nimmt die echte Liebe den Charakter der Pflicht an. Das was
sie eigentlich will, wozu ihr aber allzu oft die Neigung fehlt,
muß sie sich quasi äußerlich auferlegen -
als Pflicht oder als Gebot. Die Pflicht ist keine Einschränkung
der Liebe, sondern ihr Ausdruck. Darum kann Jesus sagen: "Wenn
ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten." (Joh
14,15) Freilich ist es ein Zeichen von Unvollkommenheit solcher
Liebe, wenn sie ohne eigene Neigung, sondern nur in Kraft
der Pflicht das Gute tut. Aber das ist immer noch besser,
als wenn jemand gar nicht aus einer eingesehenen Pflicht handelt,
sondern von außen dazu genötigt wird. Dies wäre
z.B. der Fall, wenn ein Kind sich für ein Geschenk nur
deshalb bedankt, weil es sonst von seinen Eltern bestraft
würde. Besser ist es, wenn es aus eigener Einsicht "Danke"
sagt, auch wenn es dem Geber gegenüber Abneigung empfindet.
Noch besser ist es allerdings, wenn das Kind sich gern bedankt,
weil es sich wirklich über das Geschenk freut und echte
Gegenliebe zum Geber empfindet, so daß der Dank quasi
aus dem Kind herausplatzt. Das sind drei Stufen des guten
Handelns: Handeln nur gemäß der Pflicht, die ganz
äußerlich bleibt; Handeln aus Pflicht, die innerlich
akzeptiert ist; Handeln aus innerlich geliebter Pflicht.
Die höchste Stufe der vollkommenen Liebe, auf der Lust
und Liebe sich gegenseitig stützen und verstärken,
ist uns in diesem Leben leider nicht immer oder vermutlich
nur selten gewährt. Meistens müssen wir uns mit
der zweiten Stufe begnügen, auf der sich die Liebe mit
der Pflicht verbünden muß, will sie Bestand haben.
Wie oft fällt es uns z.B. schwer, auf den anderen Rücksicht
zu nehmen oder mit seinen Schwächen Nachsicht zu haben!
Des anderen Last tragen ist nur ganz selten süße
Pflicht, etwa für die Verliebten oder für die echten
Heiligen, meistens ist es schwer, nicht Lust, aber nichtsdestoweniger
Werk der Liebe, ja Erfüllung des Gesetzes Christi (Gal
6,2).
Von Gebot und Pflicht zu reden, ist heutzutage nicht besonders
angesagt. Es gibt schon zu viele Pflichten im Beruf, im harten
Alltag; da sollte wenigstens die Freizeit Spaß machen
- so empfinden es die meisten Menschen. Dagegen will ich auch
gar nichts sagen. Aber ich muß doch darauf aufmerksam
machen, daß das Höchste und Wichtigste im Leben
die Liebe ist, die Liebe zum anderen Menschen und die Liebe
zu Gott. Sobald ich in Beziehung mit anderen Menschen stehe
und diese nicht einfach nur egoistisch ausnutzen will, habe
ich Verantwortung für sie - d.h. bin ich aufgefordert
zur Antwort auf den Wert des anderen und auf seine berechtigten
Bedürfnisse. Die Anerkennung des anderen ist gerade Liebe.
Den anderen nicht als Objekt meiner Selbstverwirklichung betrachten,
sondern ihn in sich wertschätzen und ihm wohlwollen,
das ist Liebe.
Nur ausnahmsweise ist damit ein tiefes Gefühl verbunden,
und darum wird solche alltägliche Anerkennung des anderen
und das auf ihn gerichtete Wohlwollen meistens unterschätzt.
Wenn aber im Fernsehen die Opfer von Naturkatastrophen gezeigt
werden und eine Flut von Spenden einsetzt, dann sind starke
Gefühle im Spiel, und die Spender fühlen sich als
wahre Helden der Nächstenliebe. Hier täuschen wir
uns gern über uns selbst. Wieviel Liebe wirklich in uns
ist, das können wir aus solchen außergewöhnlichen
Vorfällen nicht ersehen, sondern nur daraus entnehmen,
wie wir tagtäglich - wenn auch ohne besondere Gefühle
- mit unseren Mitmenschen umgehen und wie wir unsere mitmenschlichen
Pflichten erfüllen.
Darum sage ich immer wieder zu Leuten, die mich fragen, was
sie tun sollen, um in der Liebe zu wachsen: Tut erst einmal
eure Pflicht! Das ist schon sehr viel. Versucht, eure Pflicht
gern zu tun, legt alle Liebe in die kleinen Dinge des Alltags
hinein und träumt nicht von großen Heldentaten!
Wer dies beherzigt, dem gilt das Wort aus dem heutigen Evangelium:
"Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es,
der mich liebt; wer mich aber liebt, wird von meinem Vater
geliebt werden, und auch ich werde ihn lieben und mich ihm
offenbaren." (Joh 14,21)
5. Liebe: Allein die Liebe genügt
- Ursprung: 7. Ostersonntag (A) - Mai 2005
Liebe Gemeinde!
Am letzten Sonntag habe ich über Liebe und Pflicht gesprochen,
über die oft fehlende Lust zur Liebe. Heute möchte
ich die Trilogie über die drei göttlichen Tugenden
abschließen mit Gedanken über den Ewigkeitswert
der Liebe.
Am letzten Sonntag habe ich gesagt: Wenn die Liebe schon
hier auf Erden eine Lust ist, dann wird sie es im Himmel erst
recht sein, und zwar uneingeschränkt. Weil aber die Natur
durch die Sünde aus dem Gleichgewicht geraten ist, kommt
es oft vor, daß die Liebe mühsam ist und wir nicht
gern tun, was wir doch aus Liebe tun möchten oder sollen.
Das muß ich jetzt noch ein wenig präziser ausdrücken.
Liebe ist nicht dasselbe wie die Lust, auch nicht im Himmel,
Liebe hat vielmehr eine gewisse Lust oder Freude zur Folge.
Aber diese Lust können wir nicht anzielen, so ähnlich
wie wir uns auf ein genußvolles Essen freuen können
und nun die Schritte planen, die nötig sind, damit uns
die Lust des Essens schließlich zuteil wird. Die Liebe
kann niemals ein bloßes Mittel zum Zweck der Luststeigerung
sein. Sie ist vielmehr Zweck in sich selbst und nur als solcher
überhaupt möglich.
Hier kann uns die Sprache täuschen, denn wir sagen ja
auch: "Ich liebe diese Speise und jenen Wein." Aber
das ist doch etwas anderes, als zu sagen: "Ich liebe
diesen Menschen." Denn ich liebe den Menschen nicht um
des Genusses willen, den er mir verschafft - wenn es so wäre,
müßten wir urteilen, daß gar keine echte
Liebe vorliegt, sondern nur eine gewisse Attraktion, ein Anreiz,
der mir Erfüllung eines Bedürfnisses verspricht.
Von personaler Liebe sprechen wir erst, wenn wir den anderen
um seiner selbst willen lieben, achten und ehren, nicht weil
er ein Gut für mich ist, sondern weil er in sich selbst
gut ist. Den Unterschied von beiden Affekten können wir
sehr leicht erkennen, wenn wir uns fragen, wie wir jeweils
reagieren auf ein Gut-für-mich und auf ein Gut-in-sich:
Etwas ist für mich gut, wenn es sich meinen Wünschen
und Bedürfnissen anschmiegt und fügt - dann und
gerade deshalb liebe ich es. Die Liebe, die sich aber auf
den Wert einer Person an sich richtet und diesen anerkennt,
bejaht und hochschätzt, hat die umgekehrte Zielrichtung:
sie gibt sich selbst an diesen hin, sie nimmt nicht, sondern
gibt, macht nicht gefügig, sondern fügt sich, hält
nicht fest, sondern läßt sich los, läßt
sich nicht bedienen, sondern dient.
Aber gerade wenn sie dies tut, wenn die Liebe sich dienend
hingibt, dann erfährt sie eine ungeahnte Freude, die
nicht angezielt war und nicht angezielt werden konnte, weil
sie gar nicht im Blickfeld war. Die Freude, von der ich spreche,
überragt alle natürliche Lust, sie ist selbst kein
Werk der Natur, sondern zeugt von der Wirklichkeit Gottes,
der uns eben so geschaffen hat, daß wir zur wahren Erfüllung
erst kommen, wenn wir aus unserem Egoismus heraustreten, aus
der natürlichen Verhaftung an das eigene Ich. "Wer
sein Leben zu bewahren sucht, wird es verlieren; wer es dagegen
verliert, wird es gewinnen", sagt Jesus (Lk 17,33). Und
von sich selbst stellt er fest: "Denn auch der Menschensohn
ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu
dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für
viele." (Mk 10,45)
Daß solche Liebe bis zur Lebenshingabe führt,
gehört nicht grundsätzlich zu ihrem Wesen, sondern
ist Folge der Sünde. In einer Welt ohne Sünde gibt
es keinen Schmerz der Hingabe, sondern nur die unbändige
Freude der Hingabe. Was für eine Welt kann das sein?
Wenn es sie überhaupt gibt, dann kann es nur die jenseitige
Welt sein, die die Bibel "Himmel" nennt.
Eine Welt ohne Sünde ist eine Welt, in der die Hingabe
des einen vom anderen nicht mit Undank belohnt, nicht ausgenutzt
oder schnöde zurückgewiesen, sondern mit freudiger
Anerkennung und Gegenliebe beantwortet wird. Es ist eine Welt,
in der die Liebe des einen die um so größere Liebe
des anderen auslöst und so immer weiter bis hin zu unendlicher
Steigerung, weil keiner festhalten und für sich allein
behalten will, was er vom anderen empfängt. Eine Welt
ohne Sünde ist eine Welt ohne Egoismus und ohne die Angst,
etwas zu verlieren oder zu verpassen. Das muß uns wie
eine Utopie erscheinen: Wie soll das möglich sein? -
Und doch sehen wir, daß es ansatzweise diese Welt schon
gibt, denn in jeder Liebestat wirft sie ihren leuchtenden
Schein in unser Leben hinein.
Wir spüren, daß es ein wirklicher Kampf zwischen
zwei Mächten ist, der hier stattfindet: Licht kämpft
gegen Finsternis, Liebe gegen Egoismus, Leben gegen den Tod.
Und das Merkwürdige ist: Gerade den egoistischen Menschen
müßte es ein Anliegen sein, daß die Liebe
den Sieg davon trägt, denn sie wollen ja, daß andere
sie bedienen. Doch solche gäbe es nicht mehr in einer
Welt, in der keiner mehr dienen will, sondern alle nur noch
bedient werden wollen; das wäre eine Welt, in der jeder
gegen jeden kämpft, eine so schreckliche Welt, daß
selbst die Bösen keine Lust am Leben mehr hätten
- es wäre die Hölle. Und doch wird kein egoistischer
Mensch durch diese Aussicht veranlaßt, sich zu ändern
und auf die Seite der Liebe überzuwechseln, vielmehr
lediglich denken: "Rette sich, wer kann." Aber niemand
kann sich selbst retten, weil der Egoismus kein Weg zur Rettung
ist, sondern der Weg ins Verderben, gemäß Jesu
Wort: "Wer sein Leben zu bewahren sucht, wird es verlieren."
Rettung ist um keinen geringeren Preis zu erhoffen als den
der Liebe. Jeder der liebt, hat dadurch bereits Anteil am
Sieg Gottes über das Böse. Jede Liebestat bringt
uns dem Himmel und der endgültigen Rettung einen Schritt
näher. So gesehen, gibt es in unserem Leben überhaupt
nur eine Kategorie von sinnvollen Taten: die Werke der Liebe.
Sinnvoll sind nur Liebestaten! Alles andere kann sehr zweckvoll
und gewinnbringend sein, für die Ewigkeit indes ist es
nur wertloses Stroh. So schreibt Paulus im Hohenlied der Liebe:
"Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete,
hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes
Erz oder eine lärmende Pauke. Und wenn ich prophetisch
reden könnte und alle Geheimnisse wüßte und
alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße
und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die
Liebe nicht, wäre ich nichts." (1 Kor 13,1-2) Das
ist so, weil die Liebe die einzige Verbindung dieses Lebens
mit dem ewigen Leben ist, das einzige, was in beiden Leben
genau gleich ist, weil die Liebe eben das Vollkommenste ist,
was es in dieser Welt gibt, und niemals aufhört (1 Kor
13,8), denn es trägt den Keim des Ewigen bereits in sich.
Allein die Liebe genügt. Eine Seligkeit unter dem Niveau
der Liebe ist in Gottes Schöpfungsplan nicht vorgesehen.
Wenn man dies verstanden hat, dann wird man auch den Satz
von Augustinus nicht mißverstehen: "Liebe und tu,
was du willst. ... Die Wurzel der Liebe soll das Innerste
deines Herzens sein: aus dieser Wurzel kann nichts als Gutes
hervorkommen."