Suche: 
Religionskritik - Nägel zum Sarg Gottes?

Ludwig Feuerbach dachte, er hätte Gott endgültig widerlegt. Karl Marx und Sigmund Freud bauten ebenfalls darauf. Und Friedrich Nietzsche war sogar davon überzeugt, dass er Gott getötet habe.
Es gibt eine gute Nachricht: Alle vier haben sich getäuscht. »Halleluja!«

 

 

PDF-Datei zum Drucken oder Download dieser Katechese

Diese Katechese ist auch als gedrucktes Heft (Nr. 069) erhältlich: Kostenlose Bestellung

Die drei Musketiere - und d'Artagnan

Zumindest im Religionsunterricht der Oberstufe gehören Feuerbach, Marx und Freud zu den Klassikern der Religionskritik. Aber auch darüber hinaus sind zumindest ihre Theorien bekannt und verbreitet. Die Frage muss also erlaubt sein: Haben diese drei (zusammen mit dem vierten Musketier - dem Draufgänger Nietzsche) Gott den endgültigen Todesstoß versetzt?

Zunächst einmal in Kurzform, was die drei denn so gesagt haben:

Ludwig Feuerbach
  1. Die Religion, wenigstens die christliche, ist das Verhalten des Menschen zu sich selbst, oder richtiger: zu seinem Wesen, aber das Verhalten zu seinem Wesen als zu einem anderen Wesen. Das göttliche Wesen ist nichts anderes als das menschliche Wesen, oder besser: das Wesen des Menschen, abgesondert von den Schranken des individuellen, d.h. wirklichen leiblichen Menschen, vergegenständlicht, d. h. angeschaut und verehrt als ein anderes, von ihm unterschiedenes, eigenes Wesen - alle Bestimmungen des göttlichen Wesens sind darum Bestimmungen des menschlichen Wesens.
  2. Die Religion ist die Entzweiung des Menschen mit sich selbst: Er setzt sich Gott als ein ihm entgegengesetztes Wesen gegenüber. Gott ist nicht, was der Mensch ist - der Mensch nicht, was Gott ist. Gott ist das unendliche, der Mensch das endliche Wesen; Gott vollkommen, der Mensch unvollkommen; Gott ewig, der Mensch zeitlich; Gott allmächtig, der Mensch ohnmächtig; Gott heilig, der Mensch sündhaft. Gott und Mensch sind Extreme: Gott das schlechthin Positive, der Inbegriff aller Realitäten, der Mensch das schlechtweg Negative.
  3. Das Abhängigkeitsgefühl des Menschen ist der Grund der Religion; der Gegenstand dieses Abhängigkeitsgefühles, das, wovon der Mensch abhängig ist und abhängig sich fühlt, ist aber ursprünglich nichts anderes, als die Natur. Die Natur ist der erste, ursprüngliche Gegenstand der Religion, wie die Geschichte aller Religionen und Völker sattsam beweist.
  4. Der Mensch glaubt Götter nicht nur, weil er Phantasie und Gefühl hat. sondern auch weil er den Trieb hat, glücklich zu sein. Er glaubt ein seliges Wesen, nicht nur, weil er eine Vorstellung der Seligkeit hat, sondern weil er selbst selig sein will; er glaubt ein vollkommenes Wesen, weil er selbst vollkommen zu sein wünscht; er glaubt ein unsterbliches Wesen, weil er selbst nicht zu sterben wünscht. Was er selbst nicht ist, aber zu sein wünscht, das stellt er sich in seinen Göttern als seiend vor, die Götter sind die als wirklich gedachten, die in wirkliche Wesen verwandelten Wünsche des Menschen; ein Gott ist der in der Phantasie befriedigte Glückseligkeitstrieb des Menschen. Hätte der Mensch keine Wünsche, so hätte er trotz Phantasie und Gefühl keine Religion, keine Götter. Und so verschieden die Wünsche, so verschieden sind die Götter, und die Wünsche sind so verschieden, als es die Menschen selbst sind. Der Trieb, aus dem die Religion hervorgeht, ihr letzter Grund ist der Glückseligkeitstrieb, also der Egoismus.
  5. Unser Verhältnis zur Religion ist kein nur verneinendes. sondern ein kritisches; wir scheiden nur das Wahre vom Falschen - obgleich allerdings die von der Falschheit ausgeschiedene Wahrheit immer eine neue, von der alten wesentlich unterschiedene Wahrheit ist. Die Religion ist das erste Selbstbewusstsein des Menschen. Heilig sind die Religionen, eben weil sie die Überlieferungen des ersten Bewusstsein sind. Aber was der Religion das Erste ist, Gott, das ist, wie bewiesen, an sich, der Wahrheit nach das Zweite, denn er ist nur das sich gegenständliche Wesen des Menschen, und was ihr das Zweite ist, der Mensch, das muss daher als das Erste gesetzt und ausgesprochen werden. Die Liebe zum Menschen darf keine abgeleitete sein; sie muss zur ursprünglichen werden. Dann allein wird die Liebe eine wahre, heilige, zuverlässige Macht. Ist das Wesen des Menschen das höchste Wesen des Menschen, so muss auch praktisch das höchste und das erste Gesetz die Liebe des Menschen zum Menschen sein. Homo homini Deus est - dies ist der oberste praktische Grundsatz, dies der Wendepunkt der Weltgeschichte.

Mit anderen Worten: Der Mensch leidet daran, das er nicht das ist, was er gerne wäre - deshalb erfindet er Gott. Gott ist eine Projektion seiner Sehnsüchte und Wünsche. Alles, was der Mensch in sich an Positivem entdeckt, schreibt er Gott zu - dem Menschen bleibt nur der negative Teil des Kuchens.

Feuerbach verlangt, um des Menschen willen, dass Gott abgeschafft wird. Erst dann, wenn wir nicht mehr einem fiktiven Gott dienen, können wir den Menschen in den Blick nehmen. Solange es Gott gibt, wird der Mensch vernachlässigt; denn wirkliche Nächstenliebe ist nur dann möglich, wenn sie um des Menschen willen geschieht - und nicht, weil Gott es verlangt.

Weiter mit dem Herrn Marx:

Karl Marx
Für Deutschland ist die Kritik der Religion im Wesentlichen beendigt, und die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik. Die profane Existenz des Irrtums ist kompromittiert, nachdem seine himmlische Oratio pro artis et focis (Gebet für die Künste und den heimischen Herd) widerlegt ist. Der Mensch, der in der phantastischen Wirklichkeit des Himmels, wo er einen Übermenschen suchte, nur den Widerschein seiner selbst gefunden hat, wird nicht mehr geneigt sein, nur den Schein seiner selbst, nur den Unmenschen zu finden, wo er seine wahre Wirklichkeit sucht und suchen muss.
Das Fundament der irreligiösen Kritik ist: Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewusstsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben und schon wieder verloren hat. Aber der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät. Dieser Staat, diese Sozietät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewusstsein, weil sie eine verkehrte Welt sind. Die Religion ist die allgemeine Theorie dieser Welt, ihr enzyklopädisches Kompendium, ihre Logik in populärer Form, ihr spiritualistischer Point-d'honneur, ihr Enthusiasmus, ihre moralische Sanktion, ihre feierliche Ergänzung, ihr allgemeiner Trost- und Rechtfertigungsgrund. Sie ist die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt: Der Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist.
Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Weit, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.
Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist.
Die Kritik hat die imaginären Blumen an der Kette zerpflückt, nicht damit der Mensch die phantasielose, trostlose Kette trage, sondern damit er die Kette abwerfe und die lebendige Blume breche. Die Kritik der Religion enttäuscht den Menschen, damit er denke, handle, seine Wirklichkeit gestalte wie ein enttäuschter, zu Verstand gekommener Mensch, damit er sich um sich selbst und damit um seine wirkliche Sonne bewege. Die Religion ist nur die illusorische Sonne, die sich um den Menschen bewegt, solange er sich nicht um sich selbst bewegt.
Es ist also die Aufgabe der Geschichte, nachdem das Jenseits der Wahrheit verschwunden ist, die Wahrheit des Diesseits zu etablieren. Es ist zunächst die Aufgabe der Philosophie, die im Dienste der Geschichte steht, nachdem die Heiligengestalt der menschlichen Selbstentfremdung entlarvt ist, die ,Selbstentfremdung in ihren unheiligen Gestalten zu entlarven'. Die Kritik des Himmels verwandelt sich damit in die Kritik der Erde, die Kritik der Religion in die Kritik des Rechts; die Kritik der Theologie in die Kritik der Politik.
Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.

Mit anderen Worten: Marx hält die Religion für ein Rauschmittel, zu dem der Mensch greift, weil er die Wirklichkeit nicht mehr ertragen kann. Das hat natürlich fatale Folgen: Anstatt die Wirklichkeit zu verändern, verfällt der Mensch in Lethargie und wartet einfach auf die Erlösung und das Jenseits. Gerade dadurch wird die Wirklichkeit aber immer grausamer.

Auch Marx fordert daher die Abschaffung der Religion - um des Menschen willen. Der Mensch wird erst dann die Umwälzung der Gesellschaft in seine Hände nehmen, wenn er vom Rausch der Religion befreit ist.

Diesen Gedanken nimmt der Begründer der Psychoanalyse auf:

Sigmund Freud
In vergangenen Zeiten haben die religiösen Vorstellungen trotz ihres unbestreitbaren Mangels an Beglaubigung den allerstärksten Einfluss auf die Menschheit geübt. Das ist ein neues psychologisches Problem. Man muss fragen, worin besteht die innere Kraft dieser Lehren, welchem Umstand verdanken sie ihre von der vernünftigen Anerkennung unabhängige Wirksamkeit?
Ich meine, wir haben die Antwort auf beide Fragen genügend vorbereitet. Sie ergibt sich, wenn wir die psychische Genese der religiösen Vorstellungen ins Auge fassen. Diese, die sich als Lehrsätze ausgeben, sind nicht Niederschläge der Erfahrung oder Endresultate des Denkens, es sind Illusionen, Erfüllungen der ältesten, stärksten, dringendsten Wünsche der Menschheit - das Geheimnis ihrer Stärke ist die Stärke dieser Wünsche. Wir wissen schon, der schreckende Eindruck der kindlichen Hilflosigkeit hat das Bedürfnis nach Schutz - Schutz durch Liebe - erweckt, dem der Vater abgeholfen hat. Die Erkenntnis von der Fortdauer dieser Hilflosigkeit durchs ganze Leben hat das Festhalten an der Existenz eines - aber nun mächtigeren - Vaters verursacht. Durch das gütige Walten der göttlichen Vorsehung wird die Angst vor den Gefahren des Lebens beschwichtigt, die Einsetzung einer sittlichen Weltordnung versichert die Erfüllung der Gerechtigkeitsforderung, die innerhalb der menschlichen Kultur so oft unerfüllt geblieben ist, die Verlängerung der irdischen Existenz durch ein zukünftiges Leben stellt den örtlichen und zeitlichen Rahmen bei, in dem sich diese Wunscherfüllungen vollziehen sollen. Antworten auf Rätselfragen der menschlichen Wissbegierde, wie nach der Entstehung der Welt und der Beziehung zwischen Körperlichem und Seelischem, werden unter den Voraussetzungen dieses Systems entwickelt; es bedeutet eine großartige Erleichterung für die Einzelpsyche, wenn die nie ganz überwundenen Konflikte der Kinderzeit aus dem Vaterkomplex ihr abgenommen und einer von allen angenommenen Lösung zugeführt werden.
Wenn ich sage, das alles sind Illusionen, muss ich die Bedeutung des Wortes abgrenzen. Eine Illusion ist nicht dasselbe wie ein Irrtum, sie ist auch nichtnotwendig ein Irrtum. Die Meinung des Aristoteles, dass sich Ungeziefer aus Unrat entwickle, an der das unwissende Volk noch heute festhält, war ein Irrtum, ebenso die einer früheren ärztlichen Generation, dass die Rückenmarkschwindsucht eine Folge von sexueller Ausschweifung sei. Es wäre missbräuchlich, diese Irrtümer Illusionen zu heißen. Dagegen war es eine Illusion des Kolumbus, dass er einen neuen Seeweg nach Indien entdeckt habe. Der Anteil eines Wunsches an diesem Irrtum ist sehr deutlich. Wir heißen also einen Glauben eine Illusion, wenn sich in seiner Motivierung die Wunscherfüllung vordrängt, und sehen dabei von seinem Verhältnis zur Wirklichkeit ab, ebenso wie die Illusion selbst auf ihre Beglaubigungen verzichtet.
Wenden wir uns nach dieser Orientierung wieder zu den religiösen Lehren, so dürfen wir wiederholend sagen: Sie sind sämtlich Illusionen, unbeweisbar, niemand darf gezwungen werden, sie für wahr zu hallen, sie zu glauben. Einige von ihnen sind so unwahrscheinlich, so sehr im Widerspruch zu allem, was wir mühselig über die Realität der Welt erfahren haben, dass man sie - mit entsprechender Berücksichtigung der psychologischen Unterschiede - den Wahnideen vergleichen kann. Über den Realitätswert der meisten von ihnen kann man nicht urteilen. Sowie sie unbeweisbar sind, sind sie auch unwiderlegbar.

Mit anderen Worten: Der Mensch sehnt sich nach einem unfehlbaren Vater - und erkennt am Ende seiner Kindheit, dass der eigene, menschliche Vater diese Sehnsucht nicht erfüllen kann. Also denkt er sich einen himmlischen, allmächtigen Vater - und glaubt an ihn.

Freud hält sich gar nicht mehr mit der Forderung auf, die Religion müsse abgeschafft werden, er geht davon aus, dass das in unmittelbarer Zukunft geschieht.

Mit Feuerbach, Marx und Freud haben wir sozusagen die drei Musketiere der Religionskritik kennen gelernt, die alle einen ähnlichen Grundsatz verfolgen. Der vierte Musketier, Friedrich "d'Artagnan" Nietzsche, weicht davon ab: Für ihn ist Gott schlicht ermordet worden:

Friedrich Nietzsche
Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittag eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: »Ich suche Gott! Ich suche Gott!« - Da dort gerade viele von denen zusammen standen, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein großes Gelächter. Ist er denn verlorengegangen? sagte der eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der andere. Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen, ausgewandert? - so schrieen und lachten sie durcheinander. Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. »Wohin ist Gott?« rief er, »ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet - ihr und ich. Wir alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was täten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Müssen nicht Laternen am Vormittage angezündet werden? Hören wir noch nichts von dem Lärm der Totengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch nichts von der göttlichen Verwesung? - Auch Götter verwesen! Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet - wer wischt dies Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnefeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen? Es gab nie eine größere Tat - und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Tat willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!«

Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn. Endlich warf er seine Laterne auf den Boden, dass sie in Stücke sprang und erlosch. »Ich komme zu früh«, sagte er dann, »ich hin noch nicht an der Zeit. Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert - es ist noch nicht his zu den Ohren der Menschen gedrungen. Blitz und Donner brauchen Zeit, das Licht der Gestirne braucht Zeit, Taten brauchen Zeit, auch nachdem sie getan, um gesehen und gehört zu werden. Diese Tat ist ihnen immer noch ferner als die fernsten Gestirne - und doch haben sie dieselbe getan!«

Man erzählt noch, dass der tolle Mensch desselbigen Tages in verschiedene Kirchen eingedrungen sei und darin sein Requiem aeternam deo angestimmt habe. Hinausgeführt und zur Ruhe gesetzt, habe er immer nur dies entgegnet: »Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Grüfte und Grabmäler Gottes sind?«
Kritik an der Kritik

 

  1. Wenn Feuerbach behauptet: "Das göttliche Wesen ist nichts anderes als das menschliche Wesen", dann stellt sich die Frage, ob damit die jeweiligen Gottheiten der Religionen hinreichend erklärt werden können. Zumindest in den biblischen Religionen zeigt sich Gott als ein unerwartetes Wesen; dem Menschen entgegengesetzt und manchmal gar nicht wünschenswert.

  2. Wenn Feuerbach schreibt: "Gott und Mensch sind Extreme: Gott das schlechthin Positive, der Inbegriff aller Realitäten, der Mensch das schlechtweg Negative." dann entspricht das nicht dem biblischen Befund: In der christlichen Tradition wird der Mensch gerade in seiner Gutheit Gott-ähnlich gesehen. Der Mensch ist im Gegensatz zu Gott endlich, aber nicht negativ. Feuerbachs Befund scheint nicht korrekt zu sein.

  3. Wenn Feuerbach schreibt: "Das Abhängigkeitsgefühl des Menschen ist der Grund der Religion", dann kann der gläubige Mensch dem durchaus zustimmen, ebenso der Erkenntnis, dass "das, wovon der Mensch abhängig ist und abhängig sich fühlt, aber ursprünglich nichts anderes, als die Natur" ist.
    Wenn Feuerbachs allerdings schließt, dass es nur diese geschilderten Abhängigkeiten gibt, verlässt er seinen Beweisgang. Denn genau das will er ja beweisen - er setzt es aber einfach voraus. Ob es wirklich keine andere Abhängigkeit als die von der Natur gibt, und die Folgerung, das Abhängigkeitsgefühl von den Naturmächten sei verantwortlich für die religiöse Anschauung, folgt daraus nicht logisch und ist durchaus zweifelhaft.

  4. Feuerbach schließt aus der Tatsache, dass der Mensch in Gott die Erfüllung all seiner Wünsche sieht, dass Gott zwecks Wunscherfüllung erfunden wurde (Projektionstheorie). Dieser Schluss ist nicht zwingend: Aus einer Motivation einer Erkenntnis kann nicht auf den Wahrheitsgehalt des Erkannten geschlossen werden. (Wenn ich mir z.B. wünsche, ich hätte einen reichen Onkel in Amerika, weil ich dringend Geld brauche, und mir daraufhin ein Anwalt erklärt, ich hätte tatsächlich einen reichen Onkel in Amerika, der mir Geld schenken wolle, kann ich daraus nicht schließen, dass dieser Onkel nur eine Projektion sei).

  5. Tatsächlich erklären die meisten Religionen diese Entsprechung zwischen Sehnsucht des Menschen und der Erfüllung durch einen Gott durch das "Geschaffensein des Menschen auf Gott hin". Ob diese Erklärung glaubwürdig ist oder nicht - sie ist zumindest erlaubt und widerlegt somit Feuerbach.

  6. Feuerbach glaubt, dass der religiös motivierte Mensch weniger direkt lieben würde; der religiös befreite, d.h. atheistische Mensch aber unmittelbar lieben und deshalb moralischer sein wird. Ein Blick in die Geschichte der Menschen zeigt zwar, dass die Religionen mit Licht und Schatten behaftet sind. Kein atheistisches Gesellschaftssystem aber hat sich in den letzten Jahrhunderten moralisch den religiösen Systemen überlegen gezeigt (eher im Gegenteil: Die größten Verbrechen der letzten hundert Jahre wurden durch atheistische Systeme verübt. Es stellt sich die Frage, ob es überhaupt atheistisch motivierte Bewegungen gibt, die auch nur annähernd dem religiösen Engagement nahe kommen).

Grundsätzlich gilt - wie auch im Nachfolgenden für Marx und Freud - dass Feuerbach keine echte Widerlegung der Existenz Gottes versucht, sondern sich vor allem fragt, warum die Menschen (unter der Annahme, es gäbe keinen Gott) noch an Gott glauben. Alle Religionen behaupten, sie würden deshalb an Gott glauben, weil es Ihn gäbe und sie sich somit nur der Realität entsprechend verhalten. Ludwig Feuerbach antwortet nicht - wie es zu erwarten wäre -, indem er sich der Frage annimmt, wie denn die Realität tatsächlich beschaffen ist, ob dort denn ein Gott zu finden ist oder ob es dort zumindest Hinweise auf die Existenz eines Gottes anzutreffen sind. Er nimmt sich der Behauptung der Religion "Wir glauben an Gott, weil es ihn gibt!" an und widerspricht: "Nein, Ihr glaubt an Gott, weil Ihr Eure Wünsche auf ein jenseitiges Wesen projiziert!"

Natürlich ist dieser Widerspruch kein wirkliches Argument gegen die Existenz Gottes; er erfolgt ja auch nicht auf der Ebene der Wirklichkeitsbeschreibung ("Schauen wir mal, ob wir in der Realität einen Gott finden..."), sondern auf der Ebene der Psychologie ("Wie kommt es, dass Ihr glaubt, dass es einen Gott gibt?"). Eine solche Verlagerung in die Psychologie ist nur dann berechtigt, wenn von vorne herein klar ist, dass es sich bei dem Geglaubten um ein Hirngespinst handelt. So wird auch kein Arzt, dem von einem Patienten berichtet wird, in seinem Haus wimmele es von lachenden und beleidigenden weißen Mäusen, zunächst nachprüfen, ob diese Mäuse real vorhanden sind, sondern sofort fragen, woher es komme, dass der Patient so etwas (erwiesenermaßen Verrücktes) behauptet.

So ähnlich dachten auch die Zeitgenossen Feuerbachs, Marx' und Freuds: Da der Glaube an einen lebendigen, wunderwirkenden Gott erwiesenermaßen verrückt ist, stellt sich die Frage nicht, ob er vielleicht doch existiert. Es gilt lediglich zu erklären, warum diese Krankheit - der christliche Glaube - noch immer existiert und so schwer auszurotten ist.

Auch heute noch finden wir landauf, landab ähnliche Erklärungen für die Religion. Die Frage "Warum gibt es Religionen" findet in einem Internet-Forum (zusammengefasst) folgende Antworten:

Das Christentum beispielsweise ist in einer politisch ziemlich ungewissen Zeit entstanden. Die Menschen waren unsicher und vom irdischen Leben hat man sich nicht viel erhofft. Aus diesem Grunde haben viele Menschen ihre Hoffnungen ins Jenseits verlegt. Der Glaube, dass es nach einem leidvollen und ungewissen Leben ein paradiesisches Jenseits gäbe, spendete Trost.
Der Glaube an einen Messias, der im Judentum wurzelt, weist auch auf irdisches Leid und irdische Machtlosigkeit des Volkes hin. Wahrscheinlich standen sogar die meisten Religionen unter anderem aus diesen Ungewissheiten und Unsicherheiten.
Generell entstanden Religionen auch dadurch, dass viele Naturkräfte noch nicht rational erklärt werden konnten. Natürlich sucht der Mensch immer nach Erklärungen. Wenn er der Wahrheit nicht näher kommt, bietet das Raum für mystische/religiöse Interpretationen.
Wir alle kennen den Spruch: "Jetzt hilft nur noch beten". Das sagen wir gewöhnlich, wenn wir in einer lebensbedrohlichen Situation sind und man mit normalen Mitteln nicht mehr weiterkommt. Und genau hier liegt auch der Ursprung der Religion. Man schafft sich ein allmächtiges Gegenüber, dass man in brenzligen Situationen um Schutz und Hilfe anflehen kann.
Man kann es auch psychologisch erklären: Das Kind hat seine Eltern, an die es sich um Schutz und Hilfe wenden kann. Der Erwachsene schafft sich Gott oder Götter, damit auch er in den Genuss dieser Hilfe kommen kann. Speziell das Christentum hat sich da eine recht kindliche Einstellung bewahrt. "Vater unser, der du bist im Himmel .."

Einmal abgesehen davon, dass einige der Vermutungen an der Realität vorbeigehen (so ist das Christentum eben nicht in einer politisch besonders unruhigen Zeit entstanden), folgen diese Erklärungen so ziemlich genau dem gleichen Muster wie schon Feuerbach, Freud und Marx.

Allerdings dürfen wir auch mit den Kritikern des Glaubens an Gott nicht zu hart sein:

  1. Die Argumentation auf der Ebene der Wirklichkeitsbeschreibung ("Finden wir in der Realität einen Gott oder zumindest Hinweise auf Ihn?") ist deutlich schwerer zu führen als auf der psychologischen Ebene ("Wie können wir erklären, dass Menschen an Gott glauben?").
  2. Ein logisch unangreifbarer Beweis, dass Gott nicht existiert, ist kaum zu führen; vielleicht sogar gar nicht: Der sogenannte "Nicht-Existenz-Beweis" ist zumindest naturwissenschaftlich nicht möglich.
  3. Was möglich wäre, ist eine kritische Beleuchtung der von den Gottgläubigen angeführten Gründe für die Existenz Gottes.
  4. Allerdings begründen viele gottesfürchtige Menschen ihren Glauben selbst eher psychologisch ("Der Glaube gibt mir Kraft, Zuversicht und Mut"; "Ich könnte ohne einen Glauben an ein ewiges Leben nicht durchhalten"; "Hätte ich meinen Glauben nicht gehabt, so wäre ich sicherlich innerlich zerbrochen"). All diese von überzeugt glaubenden Menschen angeführte Gründe sind nicht wirklich Argumente für die Existenz Gottes - sondern ebenfalls nur psychologische Gründe

Letztlich müssen wir, die wir von der Existenz Gottes überzeugt sind, argumentativ in Vorleistung gehen und darlegen, warum wir davon überzeugt sind, dass Gott in Wirklichkeit existiert. Feuerbach, Marx & Co. dürfen dann, wenn sie mögen, unsere Argumente beleuchten, zerpflücken und widerlegen. Falls ihnen das gelänge, hätten sie zwar immer noch keinen Beweis geliefert, dass Gott wirklich nicht existiert - aber doch zumindest alles auf der argumentativen Ebene getan, um bei ihrer Wirklichkeitsauffassung (nämlich einer Wirklichkeit ohne Gott) zu bleiben und - immerhin - eine echte Pattsituation erreicht.

Natürlich glauben Feuerbach, Marx, Freud und ihre heutigen Nachfolger, dass es solche Argumente ("Hinweise auf die Existenz Gottes") nicht gibt und machen sich weder die Mühe, sie in Ruhe anzuhören, geschweige denn zu bewerten. Das ist ihr eigentliches Manko.

Was eine gottlose Welt allerdings mit sich bringt, hat vermutlich nur Nietzsche wirklich verstanden. Aber bevor wir zu ihm kommen, noch ein paar Bemerkungen zu den "Feuerbach-Klonen" Marx und Freud.

Kommen wir zu Marx
  1. Im Wesentlichen gleicht die Kritik an Marx' Überlegungen zur Religion der Kritik an Feuerbach. Darüber hinaus gilt, dass die Behauptung, Religion habe primär betäubende Wirkung - und eben keine oder kaum aktivierende - durch die neutrale Wirklichkeitsbetrachtung widerlegt ist. Es ist offensichtlich so, dass zumindest die Christen (sehr wohl aus ihrer religiösen Überzeugung heraus) viel - wenn nicht sogar den Hauptteil - zur Verbesserung der menschlichen Lebensbedingungen weltweit beigetragen haben.

  2. Gerade der unbedingte, über den Tod hinausgehende Widerstand bspw. der Märtyrer macht deutlich, dass die Vertröstung auf ein glückliches Jenseits nicht automatisch lähmt, sondern auch zu unbeirrbaren, opferbereiten Einsatz für Umwälzungen bereit macht.

  3. Marx übersieht, dass die Voraussetzung für eine Revolution die Erkenntnis von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit ist. Gibt es aber kein himmlisches Ideal, sondern nur das faktische Diesseits, so wird der Maßstab für Gerechtigkeit auch rein diesseitig - und damit beliebig (siehe z.B. den historischen Kommunismus und dessen satirischer Kritik z.B. in Animal farm). Die Beurteilung der Gegenwart (Kapitalismus) und die Setzung eines Zieles (Kommunismus) setzt einen Ideal voraus, nach dem der Idealist strebt. Genau das tut der Christ, wenn er an Gott glaubt. Der strenge Materialismus kann dagegen keine Ideale erzeugen oder erklären.

  4. Marx ist davon überzeugt, dass das Grundübel der Welt in den ungerechten Verhältnissen liegt - nicht im Menschen selbst. Denn der Mensch ist - laut Marx - das, was die Gesellschaft aus dem Menschen macht. Deshalb verurteilt Marx alle Versuche, unmittelbar den Menschen zu verändern (z.B. durch Moral) und fordert die Revolution der Verhältnisse. - Letztlich sind es aber die Menschen, die die Gesellschaft verändern, zumindest die Sozial-Revoutionäre müssen Menschen mit veränderten Herzen und Idealen sein. Genau das aber ist der Grundansatz des Christentums: Wer die Herzen der Menschen verändert, verändert auch die Strukturen. Denn nicht die Strukturen machen den Menschen, sondern Menschen schaffen Strukturen.

  5. Die Anfrage an Feuerbach (Nr. 6) gilt auch und vor allem für Marx.

Und zuletzt zu Freud
  1. Freud meint, seine plausible Erklärung der religiösen Phänomene sei eine Widerlegung des übernatürlichen Grundes der Religion. Das gilt allerdings nur, wenn seine Erklärung die einzig mögliche Herleitung des Glaubens sei. Dem ist aber offensichtlich nicht so.

  2. Freud ist der Meinung, dass die Religion die herbeigewünschte Antwort auf tiefgreifende Fragen und Ängste des Menschen sei. Wenn nach ihm diese Antworten nur scheinbare sind, dann stellt sich die Frage, wie denn die Wirklichkeit tatsächlich aussieht: Ist und bleibt der Mensch schutz- und vaterlos? Wie will Freud diese "Heidenangst" überwinden?

  3. Freud schließt aus der Tatsache, dass Religion Wunscherfüllung sei, darauf, dass sie Illusion ist. Die Frage, ob die Religion nicht dennoch einen Wirklichkeitswert hat, stellt er ausdrücklich nicht: "Wir heißen also einen Glauben eine Illusion, wenn sich in seiner Motivierung die Wunscherfüllung vordrängt, und sehen dabei von seinem Verhältnis zur Wirklichkeit ab."

  4. Nach Freud ist die Religion Illusion, weil sie nicht beweisbar ist - ohne diese Behauptung zu überprüfen oder zu belegen: "Sie sind sämtlich Illusionen, unbeweisbar ... Einige von ihnen sind so unwahrscheinlich, so sehr im Widerspruch zu allem, was wir mühselig über die Realität der Welt erfahren haben, dass man sie - mit entsprechender Berücksichtigung der psychologischen Unterschiede - den Wahnideen vergleichen kann. Über den Realitätswert der meisten von ihnen kann man nicht urteilen. Sowie sie unbeweisbar sind, sind sie auch unwiderlegbar."

  5. Wenn Freud behauptet, die Religion stehe im Gegensatz zur Wirklichkeit, dann identifiziert er offensichtlich die Wirklichkeit mit der naturwissenschaftlichen Sicht der Wirklichkeit, denn gerade in der alltäglichen Realität hat sich die Religion sehr wohl bewährt.

  6. Wenn Freud über die religiösen Lehren behauptet: "Einige von ihnen sind so unwahrscheinlich ... dass man sie ... den Wahnideen vergleichen kann.", dann meint er offensichtlich einige Lehren, nicht alle. Ist deshalb die Religion an sich schon eine Illusion? Oder macht es Sinn, die Religion von diesen "unwahrscheinlichen" Lehren zu befreien, um die wahre Religion zu erhalten?

Noch einmal als abschließende Bemerkung: Freuds, Feuerbachs und Marx' Kritik ist eine Kritik post iudicatum: Zuerst wird der Schluss gefasst, dass es Gott nicht gibt, und danach wird versucht, eine Erklärung für die (penetrante) Existenz der Religion zu finden. Diese Religionskritiken sind also nicht Widerlegung der Existenz Gottes, sondern Begründungen für einen Glauben an Gott unter der (unbewiesenen Voraussetzung), dass Gott nicht existiere.

Heinz Zahrnt hat dazu einen guten Text geschrieben. Darin macht er deutlich, dass die drei Musketiere der Religionskritik eigentlich gar nicht so schlecht gewesen sind: Sie haben der Religion sogar einen Dienst erwiesen. Denn sie haben nicht Gott und auch nicht die Religion abgeschafft, sondern von falschen Gottesvorstellungen befreit. Es geht nämlich in der Religion niemals darum, an Gott zu glauben, weil uns das irgendetwas bringt. Wir glauben an Gott nur aus einem einzigen Grund: Weil es ihn gibt.

Im Horizont der Welt ist Gott nicht notwendig. Der Mensch, kann auch ohne Gott Mensch sein - sowohl gut leben als auch gut handeln. Den Glauben an Gott unter dem Gesichtspunkt des Zwecks als notwendig erweisen zu wollen, ist ein verächtliches Unterfangen, weder für Gott noch für den Menschen schmeichelhaft. Einen Gott, den man gebraucht, braucht es nicht - ein brauchbarer Gott ist immer ein Götze.
Was die Motivation des christlichen Gottesglaubens betrifft, so haben hier der neuzeitliche Säkularisierungsprozess und die atheistische Religionskritik vereint zu einer Art »Götzendämmerung« geführt. Wie in der Religionsgeschichte allgemein, drohte auch im Christentum das Gottesbild immer wieder von den privaten Interessen der Gläubigen und den Kräfteverhältnissen in der Gesellschaft zweckbestimmt zu werden: Weil die Bauern am guten Wetter interessiert waren, wurde Gott für sie zum Wettergott; weil die Soldaten sich den Sieg wünschten, riefen sie Gott als den Schlachtenlenker an; weil die Herren ihre Macht zu erhalten trachteten, beriefen sie sich auf Gott als den Hüter der Ordnung; weil die Besitzenden ihren Besitz zu rechtfertigen suchten, nannten sie Gott den Geber aller guten Gaben; weil die Armen und Unterdrückten sich nach Gerechtigkeit und Freiheit sehnten, riefen sie das Reich Gottes als klassenlose Gesellschaft aus. So suchte jeder bewusst oder - unbewusst sein eigenes Suppentöpfchen auf dem Feuer des göttlichen Altars mitzukochen.
In dem Maße jedoch, in dem Gott infolge der fortschreitenden Säkularisierung der Welt praktisch aus einem Lebensbereich nach dem anderen verdrängt wurde und die atheistische Religionskritik diesen Verdrängungsprozess, zugleich theoretisch als die Aufhebung eines falschen, Bewusstseins deutete, erwies ein nützlicher Gott sich mehr und mehr als überflüssig und enthüllte sich so nachträglich als ein selbstgemachter Götze.
Gott ist kein Lückenbüßer an den Grenzen der Wissenschaft, kein Problemlöser in den Zwängen der Politik und auch kein Narkotikum für die Seele, um den ständigen Schmerz des Daseins aushalten zu können. Wenn es um das geht, was das Leben zuletzt hält und trägt, dann verliert das bloß Nützliche und Zweckmäßige ohnehin sehr bald an Wert.
Entgegen allen Versuchen und Verführungen, den christlichen Glauben an Gott für den Menschen als nutzvoll und damit Gott selbst als notwendig zu erweisen, will die Formel »Gott um Gottes willen« festhalten: Christen glauben nicht an Gott (wenigstens sollten sie es nicht tun), um etwas zu erreichen, was ihnen nützt, und sie reden auch nicht von ihrem Glauben, um ihn anderen als nützlich aufzureden, sondern sie glauben an Gott und reden davon, weil sie etwas erfahren haben, was für sie wahr ist, was ihnen Freude macht und was sie deshalb auch anderen mitteilen möchten, so wie man eine gute Nachricht eben weitersagt.
So kann der russische Schriftsteller Abram Terz-Sinjawski in seinen »Gedanken hinter Gittern« mit seiner Erinnerung daran, dass es Zeit sei, an Gott zu denken, die Warnung verbinden: »Glauben muss man nicht aus Tradition, nicht aus Todesfurcht, nicht auf jeden Fall, nicht deswegen, weil jemand es befiehlt oder irgend etwas schreckt, nicht aus humanistischen Prinzipien, nicht, um erlöst zu werden, und nicht aus Originalität. Glauben muss man aus dem einfachen Grund, weil Gott da ist.«

(Text aus: "Gotteswende: Christsein zwischen Atheismus und Neuer Religiosität" - Heinz Zahrnt, 3. Aufl. München u. Zürich 1992, S. 102ff)

Der vierte Musketier: Friedrich Nietzsche

Von allen vier Religionskritikern ist Nietzsche am wenigsten argumentativ (Freud, Marx und Feuerbach versuchen sich wenigstens an einer - wenn auch nur psychologischen - Argumentation); dennoch der konsquenteste Denker - wahrscheinlich der konsequenteste Atheist aller Zeiten.

Denn Feuerbach & Co. glaubten, wenn der Glaube an Gott erst einmal aus dieser Welt verschwände, würde alles besser. Nach Feuerbach würd dann der Mensch um seines Menschseins willen geehrt und geliebt (und nicht mehr bloß auf Anweisung Gottes); nach Marx nähme der durch die Religion gelähmte Mensch im nach-religiösen Zeitalter endlich sein Schicksal selbst in die Hand und sorge für das Arbeiterparadies auf Erden; und Freud meint schließlich, dass der Mensch von der Illusion der Religion befreit zumindest eine Quelle für neurotisches Verhalten weniger bekämpfen müsse.

Nur Nietzsche erkennt, dass all diese Hoffnungen nicht wirklich konsequent durchdacht sind: Denn wenn es keinen Gott gibt und auch nie gegeben hat, dann hat allein der Mensch die Verantwortung für alles Leid und Grauen, dass diese Welt bisher erlebt hat - und dann bedarf es für die Hoffnung auf eine bessere Welt eines grundlegend anderen Menschen: Dem Übermenschen, der jenseits aller Moral (jenseits von Gut und Böse) alles abstreift, was wir bislang noch als "human" oder "menschlich" bezeichnen. Der damit lebt, Gott ermordet zu haben - und darin nichts anderes erkennt als einen notwendigen evolutionären Schritt.

Möchtest Du mir schreiben? Für diese Katechese ist Peter verantwortlich.