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Wahrheit, Glaube, Glaubwürdigkeit
""Was mich wirklich bewegt und erfüllt, ist die Leidenschaft für die Wahrheit. Auf der ganzen Welt gibt es
nichts Überraschenderes, nichts Interessanteres und nichts Schöneres als die Wahrheit" (H. Poirot bei Agatha
Christi).
"Wie gern würde ich daran glauben..., aber nur, wenn es wahr ist" (Tanja in Boris Pasternak, "Doktor
Schiwago").
"Ich würde nicht glauben, wenn ich nicht einsehen würde, dass es vernünftig ist zu glauben" (Thomas
v. Aquin)
"Die Wahrheit wird euch frei machen" (Joh 8,32).
auch
als pdf-Datei erhältlich
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Wahrheit
Es gibt nur eine Wirklichkeit: Gott kann nicht für dich
existieren und für mich nicht. Entweder es gibt Gott tatsächlich,
und dann gibt es ihn "für dich und für mich und für
alle Menschen aller Zeiten" oder Gott existiert nicht, und dann
gibt es ihn eben für niemanden: weder für mich
noch für dich noch für irgend jemanden sonst. Gott existiert
oder Gott existiert nicht. Da eine dritte Möglichkeit, ein Mittleres
zwischen existieren und nicht existieren, begrifflich ausgeschlossen ist,
kann nur eine dieser beiden Möglichkeiten mit der Wirklichkeit übereinstimmen,
d.h. wahr sein; die gegenteilige Überzeugung ist, wie immer
wo ein Mittleres ausgeschlossen ist, demzufolge zwingend falsch.
Wenn also der eine sagt: "Es gibt Gott; er hat die Welt erschaffen"
und ein anderer: "Es gibt keinen Gott", dann ist notwendigerweise
einer von beiden im Irrtum, so sehr beide auch von der Wahrheit ihres
Standpunktes überzeugt sein mögen. Auch ein noch so fester Glaube
ändert nichts an der Realität der Dinge; er vermag weder einen
nicht existierenden Gott zu erschaffen, noch den wirklich existierenden,
lebendigen Schöpfer des Himmels und der Erde zu beseitigen. Keine
noch so ehrliche und feste Überzeugung lässt aus einem Irrtum
eine Wahrheit werden; sie macht den Irrtum allenfalls entschuldbar.
Es geht also bei der Frage, ob es Gott gibt oder nicht gibt, im Wesen
nicht um subjektive religiöse Einstellungen, Glaubensüberzeugungen,
Gefühle und Meinungen, sondern zuerst einmal um die eine, für
alle gleiche Realität, um die Frage nach der einen, objektiven
Wahrheit.
Weltanschauungen
Alle menschlichen Sehweisen der Welt, alle Weltanschauungen,
lassen sich letztlich auf zwei Grundpositionen zurückführen,
die im Kern absolut unvereinbar miteinander sind. Diese beiden Grundpositionen
sind in etwa folgendermaßen zu beschreiben:
-
(1) Entweder hat das Weltall und die gesamte Entwicklung, einschließlich
der Naturgesetze, des Lebens und des menschlichen Geistes, keine andere
Ursache als sich selbst, d.h. sie ist vollkommen aus sich selbst
und von selbst; es geht ihr keinerlei Planung voraus.
Sie ist demnach das ausschließliche Produkt "blinder",
rein materiell-statistischer Zufälligkeiten,
-
(2) oder der Ursprung der materiellen Welt, der Naturgesetze und
ihre Entwicklung bis hin zum Leben, zur menschlichen Vernunft und
zu meinem Ich war nur deshalb möglich, weil es die Wirklichkeit
einer "schöpferische Vernunft" gibt, die aller Materie
vorausgeht, d.h. einen des Erkennens, Wollens und planenden
Gestaltens fähigen Jemand, der das Universum tatsächlich
gedacht, gewollt und so ins Dasein gerufen hat.
Zwischen diese beiden Grundpositionen gibt es offensichtlich kein Mittleres;
sie schließen sich gegenseitig aus. Das bedeutet aber, um es noch
einmal zu wiederholen, nur eine von ihnen kann mit der Wirklichkeit übereinstimmen,
d.h. wahr sein; die andere ist notwendigerweise falsch. Weder die eine
noch die andere dieser beiden sich ausschließenden Überzeugungen
ist Bestandteil der Naturwissenschaften oder lässt sich mit der Methodik
des naturwissenschaftlich-mathematischen Beweisens erschließen
oder verifizieren. Es handelt sich vielmehr in beiden Fällen um eine
grundlegende menschliche Option, eine Weltanschauung,
im weiteren Sinne: um einen Glauben.
Noch einmal anders ausgedrückt: Letztlich gibt es nur zwei Erklärungsmöglichkeiten
für die Existenz des Kosmos, der Naturgesetze, des Lebens und des
(menschlichen) Geistes, die sich gegenseitig ausschließen:
In diesem Sinne ist also der materialistische Atheist ebenso darauf angewiesen
zu glauben wie der Christ. Das Nein zu Gott, die Ablehnung
eines letzten personalen Ursprungs und Sinnes, der aller Materie voraufgeht,
ist genauso eine menschliche Grundoption, eine Weltanschauung,
ein Glaube, der "jenseits" der Grenzen des (im
naturwissenschaftlichen Sinne) Beweisbaren und Begreifbaren liegt wie
das entsprechende Ja.
Glaube
Der Begriff "Glaube" wird in der deutschen Sprache
im wesentlichen in drei unterschiedlichen Bedeutungen verwendet:
-
(1) glauben als eine (noch) von Zweifeln durchsetzte, unsichere
Zustimmung zu einem Sachverhalt (also i.S. von meinen, vermuten, für
möglich halten, sich nicht sicher sein);
-
(2) glauben als eine, nach sorgfältiger Prüfung
erfolgte, feste Verstandeszustimmung, für deren Zustandekommen
jedoch -aus der inneren Natur der Sache- eine Mitwirkung des Willens
unbedingt erforderlich ist (so z.B. wenn man sagt: "Ich glaube
dir, ich glaube an deine Wahrhaftigkeit, an deine Treue, an deine
Zuneigung"; "ich glaube an Gott" usw.);
-
(3) glauben -im theologischen Sinne- als eine gottgeschenkte
Haltung (Tugend), durch die man das, was Gott geoffenbart hat,
in freier Entscheidung als absolute Wahrheit annimmt.
In den folgenden Überlegungen wird der Begriff "Glaube"
durchgängig im zweiten Sinne, d.h. in der Bedeutung einer
vom Willen abhängigen Zustimmung des Verstandes gebraucht. In dieser
Form der Verstandeszustimmung, die letztlich von einem Willensentscheid
abhängig, ist es für jeden Menschen unabdingbar
zu "glauben". Es gibt nun einmal nicht nur Sachverhalte, die
aus sich oder einer streng logischen Schussfolgerung heraus vollkommen
einleuchten, die zwingend "evident" sind, für deren
Anerkennung also keinerlei persönliche Entscheidung notwendig wäre.
Es gibt auch viele Wirklichkeiten, die -aus der inneren Natur der Sache-
nicht unmittelbar einleuchtend sein können, sondern die im allgemeinen
(von den Fällen einer starken, vom Gefühl her geprägten
"Intuition" einmal abgesehen) einer gründlichen, oft umfangreichen
Klärung bedürfen. Aber auch dann, wenn man schließlich
genügend "gute Gründe" für eine klare Stellungsnahme
hat, der Sachverhalt am Ende also "klar ist", übt er aber
doch keinen logischen Zwang aus. Die Zustimmung bleibt "frei",
sie kann also nicht zustandekommen, ohne eine bewusste Willensentscheidung
dessen, der das entsprechende Urteil zu fällen hat.
Das ist gerade bei den wichtigsten und folgenreichsten Entscheidungen
im Leben des Menschen der Fall, so z. B. bei allen Urteilen, die die Vertrauens-
und "Liebens-würdigkeit" eines anderen betreffen, oder
die mit der Überzeugung des Menschen zu tun haben, dass es einen
Gott gibt oder nicht usw. Aufgrund der Tatsache, dass sie nicht zwingend
evident sind, also nicht ohne freie Entscheidung zustandekommen, besitzen
diese Glaubenswahrheiten für das Leben des Menschen
weder eine geringere Bedeutung, noch sind sie weniger "gewiss":
Die Gewissheit etwa, geliebt zu werden, oder die Gewissheit, dass Gott
existiert, kann (und wird normalerweise) eine ungleich größere
existenzielle Tiefe, Bedeutsamkeit und Festigkeit besitzen, als alle Ergebnisse
technischer Messungen und mathematischer Beweise.
Das Glauben gehört keinesfalls in eine "realitätsferne",
"gefühlsbestimmte" Welt nicht "begründbarer"
Subjektivismen, die im letzten für einen aufgeschlossenen, naturwissenschaftlich
vorgebildeten Menschen keine wirkliche Bedeutung besitzt. Es ist vielmehr
eine zentral wichtige Form des Zugangs zur Wirklichkeit
(der Wahrheitserkenntnis). Denn wirklich ist nun einmal nicht nur
das Messbare und Berechenbare, d.h. das, was sich letztlich in Zahlen
ausdrücken lässt. Auch und gerade das Schöne, das Wahre,
das Gute, der Glaube und die Liebe gehören zur objektiven Wirklichkeit.
Kein Mensch ist bereit (und letztlich in der Lage) auf ihre "Realität"
und "Wahrheit" zu verzichten. Etwas wird eben nicht erst dadurch
schön, wahr, gut, zu echter Liebe etc. weil ich es so empfinde.
Vielmehr kann ich es (trotz aller Irrtumsmöglichkeit) nur deshalb
so tief erfahren, weil es tatsächlich so ist.
Wenn man die Persönlichkeit eines anderen wirklich kennen gelernt hat,
ist es nur vernünftig zu sagen: Da ich weiß, dass Du mich nicht
belügst, glaube ich Dir. Ich weiß, auch wenn ich es nicht nachprüfen
kann, dass das, was Du mir da so ernst sagst, wirklich so ist. Der hl. Paulus
begründet seine Lebensentscheidung so: "Ich weiß, wem ich
geglaubt habe" (1 Tim 1, 12).
Ohne Zweifel ist es sehr angebracht, einen Tatbestand, der den Anspruch
erhebt (im oben genannten Sinne) "Glaubens-Wahrheit"
zu sein, ernsthaft und kritisch zu überprüfen (ja sogar besonders
kritisch, da hier auch in besonderer Weise die Gefahr besteht, statt Wahrheit
zu erkennen eigenen Wunschvorstellungen, einem Betrug oder einer Ideologie
anheimzufallen). Andererseits wäre es jedoch kein Gewinn, sondern
eine traurige Verarmung des Menschen und jeder wirklich menschlichen Beziehung,
wenn man einer grundsätzlichen Skepsis anheimfiele
hinsichtlich der Realität und Erkennbarkeit jener Wirklichkeiten,
die nicht im Bereich der "Offensichtlichkeit" und Handhabbarkeit
von "Sachen" liegen, sondern die der sinnlichen Wahrnehmung,
dem Ausprobieren, Experimentieren, Berechnen und eigenen Kontrollieren
unzugänglich sind.
Reflexion
Hinzukommt, dass die Erkenntnisfähigkeit des Menschen sich nicht
auf ihm gegenüberstehende Objekte beschränkt. Vielmehr
vermag er sich selbst als das erkennende Subjekt "reflektierend"
in seinen Erkenntnisprozess einzubeziehen. Dadurch ist der Mensch in der
Lage, ICH zu sagen und über Ursprung, Sinn und Ziel
der eigenen Existenz nachzudenken. Das unterscheidet ihn wesenhaft
vom jedem Tier. Mit dieser, den Menschen bestimmenden Fähigkeit hängt
einerseits untrennbar seine Freiheit und Verantwortung (und damit wiederum
letztlich sein Personsein und seine "Menschenwürde") zusammen.
Andererseits ist auch die Fähigkeit wirklich DU zu sagen, d.h. den
anderen Menschen nicht als handhabbares Objekt, sondern als unaustauschbaren
Jemand, als Person, zu erkennen und anzunehmen unlöslich damit
verbunden.
Ein Mensch, der sich prinzipiell weigern würde, diese in
ihm angelegte Fähigkeit zur Reflexion ernst zu nehmen
und der nicht bereit wäre, alles Zumutbare daranzusetzen, um der
Wahrheit über sein Ich, über Ursprung, Ziel und
Sinn seiner eigenen personalen Existenz (und das heißt letztlich
auch der Frage nach Gott) auf den Grund zu gehen, würde in gewisser
Weise sein wirkliches Selbst aufgeben. Er würde sich in eine Welt
von selbstgemachten, selbsterdachten, austauschbaren und konsumierbaren
"Objekten" einschließen und praktisch in ihr aufgehen.
Ist es gleichgültig, ob Gott existiert oder
nicht?
Es mag zwar psychologisch erklärbar und verständlich sein,
dass jemand in einem bestimmten Lebensabschnitt oder z.B. in einer als
Überforderung erlebten Lebenssituation an den fundamentalen Fragen
seines Lebens vorbeigeht und sagt, das alles sei ihm, zumindest zur Zeit,
"egal". Objektiv "gleich-gültig"
werden die Grundfragen nach Ursprung, Ziel und Sinn des eigenen Ich und
somit letztlich die Frage nach Gott dadurch jedoch in keiner
Weise. Denn, ob man es nun wahrhaben will oder nicht: aus der Antwort
auf diese Fragen ergeben sich für den Menschen -so oder so- entscheidende
Konsequenzen in Bezug auf seine Einstellung gegenüber dem eigenen
Leben und Handeln, in Bezug auf die Mitmenschen, die Umwelt usw.
Diese Behauptung soll in der folgenden Gegenüberstellung näher
begründet werden.
A. Wenn es keinen Gott gibt
Wenn niemand existiert, der dem materiellen Universum und seiner
Entwicklung bis hin zum Menschen wirklich "voraus-geht",
der es gedacht, gewollt und seinem Gedanken entsprechend ins Dasein gerufen
hat:
-
Dann ist die ganze Wirklichkeit eben Materie bzw. Wirkung von
Materie: Da ihr nichts vorausgeht, ist sie die einzige Realität
und folglich auch der einzige denkbare "Ursprung" aller
wirklichen Dinge. Alle sog. "geistigen Phänomene",
so komplex und bisher unerforscht sie auch sein mögen, müssen
letztlich vollkommen aus dieser einzigen Wirklichkeit, der Materie,
ableitbar sein.
-
Da es keine Wirklichkeit und folglich keine Ursächlichkeit außer
dem materiellen Kosmos gibt, ist dieser notwendigerweise aus
sich selbst und seine Höherentwicklung vollkommen von
selbst; mit anderen Worten: unsere Welt kann nur die Konsequenz
einer blinden, rein materiell- statistischen Zufälligkeit
sein. Planen, Handeln und willentliches Gestalten hat es folglich
vor dem Auftreten des Menschen niemals gegeben.
-
Da es nichts gibt als materielle Ursächlichkeiten, kann auch
der Mensch "mit Leib und Seele", mit all seinen Lebensäußerungen,
nichts anderes sein als Materie. Er ist also letztlich restlos auf
seine Physiologie, die Summe seiner Zellen und ihrer
Funktionen zurückführbar. Der biologische Tod ist dann logischerweise
das sichere, absolute Ende dieses Menschen.
-
Dann bestehen die verschiedenen Menschen vollständig aus letztlich
identischen materiellen Bausteinen; sie unterscheiden sich nur in
ihrer "Zusammensetzung". Es gibt folglich nur Individuen
der Spezies Mensch, aber keine einzigartigen, unaustauschbaren Personen.
-
Dann muss logischerweise auch das menschliche Verhalten
aus den in der Materie wurzelnden Faktoren, die ja die einzig real
existierenden Ursachen sind, d.h. aus Erbmasse und Umwelt, Trieb und
Instinkt etc., ableitbar und damit letztlich durch sie vollkommen
festgelegt ("determiniert") sein.
-
Da es keine andere Realität gibt, muss sich das konkrete Verhalten
dieses konkreten Menschen daher prinzipiell vollständig
aus diesen materiellen Elementen und ihrem "zufälligen"
Zusammenwirken erklären lassen, auch wenn dabei bisher noch viele
Zusammenhänge unerforscht sind und vielleicht nie restlos aufgehellt
werden.-
Im Rahmen einer wirklich geschlossenen materiellen Kausalkette ist
Freiheit, ist "Selbst-verfügung" des Menschen
(im Sinne eines Verhaltens, das unter Umständen allen äußeren
und inneren determinierenden Faktoren zuwiderlaufen kann), begrifflich ausgeschlossen.
Wenn es aber tatsächlich keine Möglichkeit zu freiem, nicht determiniertem
Handeln gibt, dann entbehren auch alle Inhalte, die mit Liebe,
Schuld und Verantwortung im Zusammenhang stehen einer "objektiven",
seinsmäßigen Grundlage. Es ist dann logisch zwingend, dass sie
gar nichts anderes sein können als eine Fiktion und ein rein subjektives
Gefühl.
Wesen und Schönheit der Liebe bestehen gerade darin, dass zwei
Menschen Ja zueinander sagen und sich vorbehaltlos annehmen, obwohl sie nicht
dazu genötigt sind. Das Beglückende der Liebe ist gerade, dass jemand
aus freiem Willen zu mir Ja sagt, obwohl er auch Nein sagen könnte. Jede
Manipulation der Freiheit führt zum Tod der Liebe. Ohne eine real
existierende Freiheit des Menschen kann das, was man unter Liebe
versteht, gar nichts anderes sein, als das triebhafte, rein hormonal und instinktiv
gesteuerte, zufällige "Zueinanderfinden" von Individuen derselben
Spezies zu einer Paarwirklichkeit, die wesentlich identisch ist mit dem entsprechenden
Geschehen im Tierreich.
Von Schuld zu sprechen setzt notwendigerweise voraus, dass der Handelnde
tatsächlich anders handeln konnte und handeln musste. Wenn
er dazu mangels Freiheit gar nicht in der Lage ist, kann es keine Schuld,
sondern nur Unfälle geben, sowie anerzogene Schuld-Komplexe,
von denen man sich und die anderen bequemerweise befreien sollte.
Verantwortung im eigentlichen Sinne setzt voraus:
-
b) Dass es jemanden gibt, dem man bezüglich seines Handelns
"Antwort" zu geben hat, dem man in letzter Instanz Rechenschaft
schuldet. Von "Verantwortung sich selbst gegenüber"
zu sprechen ist begrifflich falsch, da sich dann ja die angebliche
Verantwortung restlos mit dem eigenen Verlangen und Wollen, mit dem,
was in mir ist, identifiziert. Wenn es keine dem Menschen vorausgehende
und wesenhaft übergeordnete sittliche Instanz gibt, der
man Antwort schuldet und tatsächlich geben wird, gibt es keine
wirkliche Verantwortung.
Wenn der Mensch die (zumindest momentane) Spitze einer blinden Evolution
rein materieller Faktoren ist, dann kann es keinen ihm "vorgegebenen"
und damit für ihn wirklich verbindlichen Maßstab für
Gut und Böse geben. Der höchste sittliche Maßstab
identifiziert sich dann mit dem, was er selbst gerade will (anstrebt,
"haben möchte" etc), bzw. mit dem kollektiven Wollen einer
"Partei" oder dem totalitären Wollen eines "Führers".
Dann sind "Gleichheit" und "Brüderlichkeit"
unter den Menschen nichts als schöne Träume ohne Wirklichkeitsbezug.
Es ist unbestreitbar, dass es unter den Einzelnen, den Familien und den
Völkern in physischer (militärischer), gesundheitlicher, intellektueller
oder wirtschaftlicher etc. Hinsicht nun einmal objektiv Stärkere
und Schwächere gibt. Prinzipiell existiert aber kein einziges Argument,
warum das Recht des Stärkeren, das doch überall
in der Natur das bestimmende Ausleseprinzip ist, allein bei der Spezies
"Mensch" plötzlich seine Gültigkeit verlieren sollte,
und dass statt dessen auch der lebensuntüchtigste und schwächste
Mensch, jeder "unnütze Esser" so etwas wie eine
"unantastbare Menschenwürde" und "unveräußerliche
Menschenrechte" besitzen sollte, deren Verletzung auch (und gerade)
durch den Stärkeren oder die Mehrheit immer und überall
"Unrecht" ist.
Argumente für eine freiwillige Selbstbeschränkung
des Starken in seiner Machtausübung (welcher "fremde Wille"
sollte dem objektiv Stärksten oder der tatsächlichen Mehrheit
auch übergeordnet sein?) lassen sich dann allein ableiten:
-
b) aus dessen (momentaner) Großzügigkeit,
-
c) aus der Angst vor den Nachteilen, die eine uneingeschränkte
Ausnützung seiner Machtmittel auf die Dauer in wirtschaftlicher,
politischer etc. Hinsicht für ihn selbst nach sich ziehen könnte.
Die oben genannten, rein subjektiven Gründe der Selbstbeschränkung
des Mächtigen können (und werden! -wie die Erfahrung der Geschichte
lehrt-) immer dann wegfallen und einem uneingeschränkten "Egoismus"
Platz machen, wenn dieser es auf Grund einer geänderten Situation
so für "notwendig" hält. Objektives Unrecht,
"rechtswidrige Gesetze" oder gar so etwas wie einen "Unrechtsstaat"
kann es jedoch, mangels eines wirklich "allgemeingültigen",
objektiven, (d.h. dem subjektiven Wollen jedes Menschen, auch dem Willen
der Stärksten oder jeder Mehrheit, "vor-gegebenen") Maßstabs
nicht geben.
"Wenn es keinen gemeinsamen Vater gibt, wird jedes Reden von
Brüderlichkeit zu leerem Gerede" (M. Horkheimer). Auch
die schönsten Ideale werden zu haltlosen Illusionen, wenn sie keine
festere Grundlage besitzen, als den momentanen Willen dessen, der die
Macht besitzt. Dass die Menschen in der Praxis nicht bereit (und wohl
auch unfähig) sind, in ihrem Denken und Fühlen auf Freiheit,
Liebe, Verantwortung und Schuld,
ein objektives Gut und Böse sowie auf Gleichheit
und Brüderlichkeit zu verzichten und sie konsequent
als Illusion zu betrachten, müsste eigentlich für den folgerichtig
materialistisch Denkenden nur bedeuten, dass seine Zeitgenossen (noch)
nicht die intellektuelle Kraft besitzen, die objektive Wirklichkeit der
rein materiellen Welt zu erkennen und (oder) nicht den Mut haben, sich
ihr zu stellen und sie konsequent an-zuerkennen.
Da es niemanden gibt, der sich bei der Welt, bei der Natur der
Dinge, der Tiere und der Menschen,
etwas "gedacht" hat, kann der Natur auch kein "Gedanke",
kein wirklicher "Sinn" zugrundeliegen. Es gibt folglich für
den Menschen auch nichts, was sich durch "Nach-denken"
aus der Natur selbst als "verbindlich" ableiten ließe.
Also ist der Mensch im Prinzip vollkommen frei, mit der Natur, mit seiner
Umwelt zu machen, was er will, sie schrankenlos seinem Nutzen,
seinen eigenen Gedanken Zwecken und Verfügungen zu unterwerfen.
Obwohl es intellektuell gesehen grotesk anmutet, ist es sehr aufschlussreich,
wenn atheistischen Tierschützern in ihrem Bemühen, eine rechtliche
Aufwertung und eine gewisse Unverfügbarkeit des Tieres durch den
Menschen zu erreichen, in dem entsprechenden Gesetzentwurf offenbar nichts
anderes übrig bleibt, als die Tiere als "Mitgeschöpfe"
des Menschen zu definieren, also zu einer übergeordneten Autorität
Zuflucht zu nehmen, die Mensch und Tier gemeinsam ist, und auf die der
Mensch zu hören hat. Ohne den Rückgriff auf einen gemeinsamen
"Schöpfer" ist es offenbar nicht einmal möglich, die
angebliche Rechte des Tieres gegenüber dem Menschen zu schützen.
B. Wenn Gott existiert
Wenn dagegen die andere der beiden sich ausschließenden Möglichkeiten
zutrifft: wenn es GOTT gibt, d.h. Jemanden., der
aller Zeit und aller Materie "voraus" ist und der das All und
die Entwicklung der Welt bis hin zum sich selbst erkennenden Menschen,
ins Dasein gerufen und gestaltet hat:
-
Dann gibt es nicht nur Materie und Wirkung von Materie, sondern
aller Materie und aller materiellen Entwicklung geht eine immaterielle,
rein geistige Wirklichkeit "voraus". Die entscheidende
Kraft, die die Welt trägt, ist also nicht "Etwas",
nicht blinde Materie, sondern ein des Erkennens, des Wollens und damit
der liebenden Zuwendung fähiger Jemand. Dann existiert
-in Gott als rein geistiger Ursache- nicht nur ein überzeugender
Seinsgrund für die Existenz des materiellen Kosmos, sondern auch
eine objektive Seinsgrundlage für die reale Existenz von geistigen,
d.h. nicht auf Materie zurückführbaren und aus ihr abzuleitenden
Wirklichkeiten.
-
Dann ist es also auch real möglich, dass der Mensch entscheidend
mehr ist als die Summe seiner Zellen und ihrer Funktionen;
dass er nicht nur "Leib", sondern auch "Seele"
ist. Wenn es Gott gibt, dann (und nur dann) kann es eine nicht aus
der Materie ableitbare, nicht auf sie zurückführbare (d.h.
eine rein geistige), Seele des Menschen geben, etwas, in dem
ein einzigartiges "Personsein" wurzelt, das diesen konkreten
Menschen von allen Menschen vor ihm und nach ihm unterscheidet und
ihn zu etwas vollkommen Einmaligem und Einzigartigen macht. Damit
erhält nicht nur die Reflexionsfähigkeit des Menschen, sondern
sein ganzes Erkennen, Wollen, Fühlen und Lieben eine reale
(geistige) Seinsgrundlage, die ihn wesensmäßig
vom Tier unterscheidet.
-
Und vor allem gibt es dann tatsächlich Raum für Freiheit,
für wirkliche "Selbstverfügung" des Menschen.
Denn seine Handlungen sind dann nicht notwendigerweise vollständig
von den materiellen Faktoren wie Erbanlage, Trieb und Umwelt etc.
verursacht, d.h. "determiniert", sondern es existiert eine
reale "geistige" Wirklichkeit im Menschen, durch die er
in der Lage ist, dem Gesamt der materiellen, determinieren Einflüsse
Widerstand zu leisten. Dann (und nur dann), wenn im Menschen eine
reale, seinsmäßige Grundlage für echte Freiheit existiert,
ist der Mensch auch wirklich fähig, zu personaler Liebe.
Denn Wesen und Schönheit der Liebe sind ohne wirkliche Freiheit
gegenstandlos.
-
Nur, wenn es Gott gibt, existiert tatsächlich eine Raum und
Zeit transzendierende Ewigkeit. Und nur dann kann es
eine unsterbliche Seele und ein ewiges Leben
geben und damit eine reale Existenz jedes Menschen, die die Grenzen
seiner Biologie, den biologischen Tod, überschreitet. Wenn es
ein auf der unsterblichen Seele beruhendes, ewiges LEBEN gibt, über
das der Mensch mit der unwiederholbaren Zeit seines Lebens auf Erden
entscheidet, dann hat das Leben eines jeden Menschen ein objektives
Ziel und damit einen tiefen letzten Sinn,
der auch durch Unglück, Armut, Hunger, Krankheit, Unrecht und
Tod nicht verloren geht. Dann (und nur dann) sind Leid, Krankheit
und Tod nicht mehr das Letzte, sondern, bei aller Härte und Unbegreifbarkeit,
doch eben nur das "Vor-letzte".
-
Nur wenn es ein ewiges Leben gibt, und vor allem, wenn tatsächliche
jeder Mensch mit seinem Leben auf Erden über dieses sein ewiges
LEBEN entscheidet, kann es eine wirkliche, alles ausgleichende
Gerechtigkeit geben. Nur so wird es erträglich, dass
es auf Erden so oft dem Guten schlecht und dem Schlechten gut geht,
und in unserem zeitlichen Leben auf Erden wohl niemals eine wirkliche
Gleichheit und Gerechtigkeit unter den Menschen zu erreichen sein
wird.
-
Wenn jeder einzelne Mensch persönlich von Gott gewollt ist,
d.h. wenn Gott tatsächlich im Moment der Zeugung die unsterbliche
Seele dieses unaustauschbaren Menschen erschafft und so für alle
Ewigkeit eine einzigartiges DU ins Dasein treten lässt, dann
gibt es kein einziges menschliches Leben, das einfach ein Irrtum
seiner Eltern, ein Betriebsunfall, wäre. Dann besitzt
jeder Mensch, ohne Ausnahme, einen von seinem sozialen Kontext völlig
unabhängigen Wert. Dann (und nur dann) ist seine Menschenwürde,
sein Recht auf Leben und seine übrigen "vor- und überstaatlichen
Menschenrechte" nicht allein im momentanen Rechtsbewusstsein
seiner Mitmenschen, sondern in einer objektiven Realität "begründet".
-
Und deshalb, weil er eben -hinsichtlich seiner Seele- so unmittelbar
ein Geschöpf Gottes ist, wie hinsichtlich seines Leibes Kind
seiner Eltern, ist seine Menschenwürde und sein Recht auf Leben
für alle Menschen, unter allen Umständen und in jedem Lebensalter
(auch und gerade für seine Eltern) absolut "unantastbar";
und sie "zu achten und zu schützen ist die erste Aufgabe
aller staatlichen Gewalt". Dann ist die unausrottbare Anlage
des Menschen, nicht nur nach "praktisch" und "nützlich",
sondern auch nach "gut und böse" zu fragen, das Gewissen,
kein absurder, anerzogener Schuldkomplex, sondern ein zutiefst
sinnvollen Geschenk, durch das der Mensch immer wieder hellhörig
wird für die "Stimme Gottes", des alleinigen Herrn
über Gut und Böse.
-
Dann gibt es auch wirklich "Raum" für persönliche
Verantwortung, da es eine reale Instanz gibt (Gott,
den allmächtigen Vater), dem jeder Mensch "Antwort"
schuldet und, spätestens am Ende seines Lebens, auch tatsächlich
geben wird. Dann besitzen Gleichheit und Brüderlichkeit
unter den Menschen eine objektive Seinsgrundlage und sind nicht nur
im Bereich des subjektiven Gefühls beheimatet. Ob wir es nun
wollen oder nicht: Wir sind nun einmal, über alle Grenzen und
Unterschiede hinweg, Kinder des gleichen Vaters, selbst wenn wir uns
nicht so fühlen und benehmen.
-
Wenn es einen Schöpfer der Welt gibt, dann ist der Mensch nicht
der Herr der Welt, so dass er diese beliebig seiner Planung
und Verfügung unterwerfen könnte, sondern er ist nichts
als ein Verwalter, der dem Schöpfer und eigentlichen Herrn
über seinen Umgang mit der ihm anvertrauten Umwelt Rechenschaft
schuldet. Da der Schöpfer sich bei der Natur der Dinge,
der Tiere und der Menschen etwas gedacht hat, hat die Natur
einen objektiven Sinn, und der Mensch ist verpflichtet, im Nach-denken
der Gedanken des Schöpfers die der Schöpfung innewohnenden
Lebensgesetze zu erkennen und zu beachten.
C. Konsequenzen
Diese Gegenüberstellung sollte die obige Behauptung verdeutlichen,
dass das NEIN oder JA zur Existenz Gottes radikale Konsequenzen
für das Selbstverständnis und die Sinnfrage des Menschen, sowie
für seine Beziehung zu sich selbst, zu seiner Umwelt und seinen Mitmenschen
nach sich zieht. Es ist also alles andere als "gleich-gültig",
ob Gott existiert oder nicht, so sehr auch ein Mensch sich selbst oder
anderen klarzumachen versucht, das alles sei ihm vollkommen egal.
Das bedeutet jedoch nicht, dass man nun eine der beiden sich ausschließenden
Möglichkeiten (Gott existiert - Gott existiert nicht) einfach auswählen
und zur Wahrheit erklären könnte: sei es, weil
sie dem persönlichen Empfinden mehr entspricht, sei es, weil sie
besser im Trend liegt, sei es, weil einem die Konsequenzen der
entgegengesetzten Möglichkeit zu hart und unangenehm erscheinen etc.
-
Sinn, den man sich selber macht, der nicht auf der
Realität, auf der Wirklichkeit der Dinge beruht, ist Unsinn.
-
Ein "selbstgemachter" Gott nach dem Prinzip
Feuerbachs: "und der Mensch erschuf sich Gott nach seinem
Ebenbild", ist ein Götze.
Nur ein wirklicher, ein lebendiger Gott, kann ein tragender
Seinsgrund des menschlichen Lebens und Zusammenlebens sein. Ein Postulat
"Gott", weil sonst ein geordnetes menschliches
Zusammenleben nicht zu gewährleisten sei, so etwa nach dem Grundsatz
des Soldatenkönigs Wilhelm I.: "Jeder anständige
Mensch muss ein anständiges Gebetbuch" haben, oder als blinder
Willensakt: "Ich glaube einfach, auch wenn es noch so widersinnig
ist, was ich da glaube" (im Sinne eines abgewandelten "credo,
quia absurdum"), wäre ein reiner Mythos, eine Mischung
aus "Opium des Volkes" (Marx) und aus dem Lügenmärchen
des Baron von Münchhausen, der vorgibt, sich und sein Pferd durch
heftiges Ziehen an den eigenen Haaren aus dem Sumpf befreien zu können.
Glaube, Vernunft und Glaubwürdigkeit
Es ist unabdingbar, die Glaub-würdigkeit jedes Glaubensinhaltes,
der den Anspruch erhebt, wahr zu sein, d.h. mit der objektiven Wirklichkeit
übereinzustimmen, kritisch zu untersuchen. Nur so ist eine Glaubensentscheidung,
zumal wenn es um derart zentralen Fragen des Lebens, wie den hier angesprochenen
geht, verantwortbar. Thomas von Aquin formuliert diese Forderung
so: "Ich würde nicht glauben, wenn ich nicht einsehen
würde, dass es vernünftig ist zu glauben"
Der Inhalt einer konkreten Glaubensentscheidung kann zwar "übervernünftig"
sein, d.h. er kann jenseits der Grenzen nicht nur meiner
Wahrnehmung, sondern auch meiner Verstandeseinsicht liegen, (wie es beim
Glauben an Gott und allen übernatürlichen Wirklichkeiten
eben der Fall ist), aber ein Glaube darf niemals widervernünftig
sein (d.h. im Widerspruch zu sicheren Verstandeseinsichten stehen). Es
ist also zwar durchaus möglich, dass ich, "aus guten Gründen",
eine Wirklichkeit im Glauben bejahe, auch wenn sie mir unbegreiflich ist,
ich vermag jedoch niemals etwas wirklich zu glauben, was sich vor meinem
kritischen Verstand, auf Grund gesicherter Erkenntnisse, als "Un-sinn"
darstellt, d.h. von dem mein Verstand einzusehen vermag, dass es nicht
sein kann.
Als intellektuell redlicher, kritisch denkender Mensch darf, will
und kann ich nur das als Wirklichkeit, als wahr, akzeptieren,
was vor meinem nüchternen Verstand eindeutig ein stärkeres Gewicht
besitzt, was "glaub-würdiger" ist, als sein Gegenteil.
Alles andere wäre kein Glaube, sondern würde zu
Recht als Vorurteil, als Aberglaube bezeichnet.
Wenn ein Mittleres ausgeschlossen ist, wie z.B. bei der Frage nach der
Existenz Gottes ("Gott existiert" - "es gibt keinen Gott":
nur eine dieser beiden Möglichkeiten kann mit der Wirklichkeit übereinstimmen,
kann wahr sein), dann stehen die beiden Alternativen nicht
unverbunden nebeneinander, so dass man nach Belieben die eine oder die
andere "wählen" könnte.
Vielmehr trifft hier in vollem Umfang das Bild von der Waage
zu: je mehr sich die eine Waagschale senkt, um so mehr hebt sich die andere;
je begründeter und vernünftiger die eine Alternative ist, um
so unbegründeter und unsinniger ist die andere, entgegengesetzte
Alternative. Der ehrliche, kritische Verstand kann von zwei sich
ausschließenden Möglichkeiten nur diejenige als wahr
akzeptieren, die sich, auf der Basis gesicherter Erkenntnis, gegenüber
ihrem Gegenteil eindeutig als vernünftiger und überzeugender,
als "glaub-würdiger" erweist. Die eindeutig weniger
begründete Alternative zu wählen, käme einem Anlegen von
"Scheuklappen" gleich und wäre nur dann möglich, wenn
man bewusst die Augen vor der glaubwürdigeren Alternative verschließt.
Bei all jenen Wahrheiten, die nicht unmittelbar einleuchtend (evident)
sind, und bei denen nun einmal -der Natur der Sache nach- unbedingt ein
Willensakt notwendig ist, ist es eben auch möglich, dass man die
Wahrheit nicht "wahr-haben" will. Das, was man nicht
an-erkennen will, will man auch nicht erkennen.
Ein solches "dass nicht sein kann, was nicht sein darf" ist
das typische Erkennungszeichen jedes Fanatikers. Keine Angst vor der Wahrheit
zu haben, ist wohl eine der wichtigsten, unaufgebbaren Herausforderungen,
denen sich der Mensch zu stellen hat. Denn ohne den "Mut zur Wahrheit",
kann es keine wirkliche Freiheit geben.
So wäre es z.B. ein derartiges vernunftwidriges Vorurteil,
ein Aber-glaube, die Existenz Gottes auch dann nicht anzuerkennen,
wenn man erkennt:
Dasselbe müsste natürlich im umgekehrten Fall genauso gelten.
Eine interessante Aufgabe bestände demnach darin, so ehrlich und
vorurteilsfrei wie möglich, zu untersuchen, welche Gewichte
-im Fall der Frage nach der Existenz Gottes- in der einen und in der anderen
Waagschale liegen, und nach welcher Seite sich die Waage neigt.
Vorab mag nur gesagt werden, dass ein sog. wissenschaftlicher Atheismus,
d.h. der Versuch, aus gesicherten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, die
Nicht-Existenz Gottes zu beweisen, oder zumindest einen Widerspruch zwischen
der Naturwissenschaft und dem Glauben an einen Schöpfergott aufzuweisen,
von kaum einem führenden Naturwissenschaftler mehr für ernsthaft
diskutabel gehalten wird: so z.B. ausdrücklich v.Braun, Dessauer, Edison,
Flemming, Jordan, Jung, Kelvin, Marconi, Pasteur, Planck, Rutherford, Sabatier,
Schrödinger, Spemann und viele andere.
Zweifel
Da es sich bei der Frage nach Gott nicht um eine nebensächliche,
theoretische Spekulation handelt, sondern um die für Zeit und Ewigkeit
des Menschen folgenreichste Entscheidung schlechthin, ist es für
jeden Menschen eine unaufgebbare Herausforderung, sich mit allen Kräften
um die Erkenntnis der Wahrheit und um eine konsequent ehrliche Glaubensentscheidung
zu bemühen. Eine Haltung des Zweifelns ist nur dann
und nur solange ehrlich, wie der unbedingte Wille besteht, alles Zumutbare
an Zeit und Studium aufzuwenden und alle verfügbaren Hilfen in Anspruch
zu nehmen, um aus dem Zweifel herauszukommen und zur Wahrheit zu finden.
Eine Grundhaltung prinzipiellen Zweifelns, das zur Haltung
gewordene skeptische Schulterzucken gegenüber der Wahrheit schlechthin
- jenes "Was ist Wahrheit?" des Pilatus (vgl.
Joh 18,38)-, führt, auch wenn man noch so sehr versucht, "seine
Hände in Unschuld zu waschen", notwendigerweise in die einzige
sicher falsche Position: das Sitzen "zwischen den Stühlen".
Ein "Ich weiß nicht, ob ich dir glauben soll" wird
übrigens mit der Zeit ganz von selbst zum "Nein, ich glaube
dir nicht".
Willkürliches Vor-sich-Herschieben der entscheidenden Wahrheitsfragen
(und dazu gehört ohne Zweifel die Frage nach Gott) führt auf
die Dauer zu immer häufigerer Inkonsequenz im Handeln und schließlich
zur Abstumpfung des Gewissens (dessen Wesen ja gerade im
ehrlichen, allen eigenen Wünschen übergeordneten, Fragen nach
dem Wahren und dem Guten besteht). Das Nicht-wahrhaben-Wollen,
die uneingestandene Angst vor der Wahrheit, die sich verfestigt
und zur (oft als Pragmatismus getarnten) Lebenshaltung wird, ist die wohl
"verheerendste" aller menschlichen Katastrophen: denn eine Verhärtung
in Irrtum und Lebens-Lüge lassen mit der Zeit jede Freiheit verkümmern.
Die durchaus auch auf die menschliche Persönlichkeit beziehbare
Analyse des hl. Paulus lautet: "Sie gehen verloren, weil sie sich
der Liebe zur Wahrheit verschlossen haben, durch die sie gerettet werden
sollten" (2 Thess 2,10); oder, mit Worten Jesu positiv ausgedrückt:
"Die Wahrheit wird euch befreien" (Joh 8, 32).
Glaube als Beziehung zwischen Personen
Der Glaube an Gott ist, im Gegensatz zum atheistischen Glauben
an die aus sich seiende Materie, kein Sachproblem, keine Frage
einer Beziehung von mir zu "etwas". Da Gott nicht etwas sein
kann, sondern "jemand" ist, besteht der Glaube an ihn letztlich
in der zutiefst personalen Beziehung zwischen Ich und Du.
Das Zustandekommen und Sich-Entfalten einer lebendigen persönlichen
Beziehung jedoch immer auch an ganz bestimmte Voraussetzungen geknüpft.
Auch wenn die die Existenz einer Erstursache, eines allmächtigen
höchsten Wesens, dem schlussfolgernden Denken des Menschen nicht
unzugänglich ist, so sprengt jeder persönliche, glaubensmäßige
Zugang zu dem DU Gottes, zu seinem Leben, zu seinem Wesen und damit zu
seiner Liebe, die Grenzen intellektueller Anstrengung vollkommen. Zu einem
solchen, wirklichen Zugang zu Gott bedarf es notwendig der gnadenhaften
Selbstmitteilung Gottes an den Menschen. So ist dieser lebendige
Glaube (genau, wie es bei der menschlichen Liebe der Fall ist) nicht machbar,
ausdenkbar, erfühlbar oder ertrotzbar. Er ist
letztlich reine Gnade. Man muss ganz aufrichtig bereit sein,
sich ihm zu öffnen, sich ihn schenken zu lassen, ihn zu er-beten.
"Wir wollen nicht mehr wie unmündige Kinder sein, ein Spiel
der Wellen, hin und her getrieben von jedem Widerstreit der Meinungen,
dem Betrug der Menschen ausgeliefert, der in die Irre führt. Vielmehr
wollen wir uns, von der Liebe geleitet an die Wahrheit halten, bis wir
Ihn erkannt haben" (Eph 4,14).