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Grundkurs des Glaubens - Die Entstehung der Kirche

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1. Abend zur Ekklesiologie: Die Entstehung der Kirche

I. Die Kirche - ein Produkt der Geschichte?
1. Die Kirche als historisches Produkt: Der Mainstream
a. Die Urgemeinde (bis ca. 48 n. Chr.) - Eine Ämterfreie Zone?
b. Das paulinische Gemeindemodell (um 55 n. Chr.) - Hierarchiefreie Zone?
c. Das Gemeindemodell von Antiochien (um 110 n. Chr.) - Der Bischof als Notlösung?
2. Entwicklungsmodell: Papstamt, Sakramente, Hierarchie & Ämter
3. Fazit: Wollte Jesus eine Kirche gründen?

II. Kirchenmodelle und Kirchenbilder
1. Versuch: Hüterin der Offenbarung (»Konservenmodell«)
2. Versuch: Gemeinschaft der Glaubenden (»Vereinsmodell«)
3. Versuch: Heilsgemeinschaft (»Das Heldenmodell«)

III. Die Kirche als Leib Christi

I. Die Kirche - ein Produkt der Geschichte?
1. Die Kirche als historisches Produkt: Der Mainstream

Die Frage, ob Jesus eine Kirche gewollt hat - und sie vielleicht sogar selbst mit einer Struktur versehen hat - oder ob sie sich erst im Anschluss an Leben und Wirken Jesu aus geschichtlichen Notwendigkeiten heraus entwickelt hat, ist hochaktuell. Denn die Forderungen der heutigen Gesellschaft, die »Kirche müsse sich wandeln, um den veränderten Bedingungen unserer Zeit gerecht zu werden«, ergibt nur dann einen Sinn, wenn Ämter und Strukturen der Kirche ausschließlich zeitbedingt sind. Sollte dagegen die Kirche in ihrem Wesen und ihrem Aufbau (und vor allem in der Tatsache, dass es sie überhaupt gibt) von Jesus so eingerichtet worden sein, wäre ein Wandel der Kirche in ihren Grundfesten eine Abkehr vom Gründerwillen Jesu.

Der Blick auf die Geschichte der Kirche ist allerdings nur schwer neutral durchführbar: Je nachdem, ob man ein Verfechter der von Josef Blank (und anderen Theologen) vermuteten Ämterentwicklung ohne Auftrag Jesu ist, oder ob man von einer Stiftung der Kirche im Ganzen (inclusive der Ämter und Strukturen) durch Jesus ausgeht, stellt sich die Entwicklung der Kirche unterschiedlich dar.

Eine Entscheidung in der Frage, ob bzw. inwiefern Jesus die Kirche gestiftet hat, führt nicht zuletzt zurück zu den Schriften des Neuen Testaments. Dort müsste sich doch zeigen, ob sich die Strukturen erst im Laufe der Jahrhunderte entwickelt haben oder schon von Jesus bzw. den ersten Aposteln geschaffen wurden! Leider immunisieren sich die Vertreter der »Ohne-Jesus-Kirche«, indem sie den späteren Jahrhunderten unterstellen, sie hätten ihre Erfindungen rückwirkend Jesus bzw. den Aposteln in den Mund gelegt. Denkbar ist das schon - aber dann eben nicht mehr nachweisbar.

Genau genommen gehört diese Vermutung in den Bereich der »Verschwörungstheorien«. Dazu gehören alle Theorien, die behaupten, ein geheimer Kreis habe nicht nur die Wirklichkeit manipuliert, sondern ebenso auch alle Beweise, Schriftstücke und Funde. Eigentlich gibt es für diese Verschwörungen keine Beweise, aber genau das wird in den Augen der Verschwörungs-Entdecker zum schlagkräftigsten Beweis: »Dass es keinerlei Hinweise auf die Verschwörung gibt, ist doch der beste Beweis, dass es sich um eine geniale und tatsächliche Verschwörung handelt!«.

Dagegen spricht ein einfacher Grundsatz der Historiker: Eine Quelle gilt solange als glaubwürdig, bis die Glaubwürdigkeit durch klare Hinweise widerlegt ist. Wenden wir diesen Grundsatz auch auf das Neue Testament an, so ergibt sich ein doch recht klares und deutliches Bild.

a. Die Urgemeinde (bis ca. 48 n. Chr.): Eine Ämterfreie Zone? — Das Klischee beschreibt die Entstehung der Kirche recht nachvollziehbar: Eigentlich müsste der Urgemeinde als der ersten Phase der Kirche eine Phase Null vorangestellt werden: Die Predigt Jesu. Jesus predigt das Reich Gottes und verwirklicht es ansatzweise in der Berufung der Jünger, der Mahlgemeinschaft mit den Sündern und den Heilungen der Ausgestoßenen. Doch nach seinem Tod (und seiner Auferstehung und Himmelfahrt), gehe die Sache Jesu weiter. Lukas, der Autor der Apostelgeschichte, beschreibt die Urgemeinde (die ersten Christen wenige Tage nach dem Pfingstereignis) auf eine sehr sympathische Weise:

»Und alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam. Sie verkauften Hab und Gut und gaben davon allen, jedem so viel, wie er nötig hatte. Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in Freude und Einfalt des Herzens. Sie lobten Gott und waren beim ganzen Volk beliebt. Und der Herr fügte täglich ihrer Gemeinschaft die hinzu, die gerettet werden sollten.« (Apg 2, 44-47)

Noch schöner klingt es zwei Kapitel weiter:

»Die Gemeinde der Gläubigen war ein Herz und eine Seele. Keiner nannte etwas von dem, was er hatte, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinsam. Mit großer Kraft legten die Apostel Zeugnis ab von der Auferstehung Jesu, des Herrn, und reiche Gnade ruhte auf ihnen allen. Es gab auch keinen unter ihnen, der Not litt. Denn alle, die Grundstücke oder Häuser besaßen, verkauften ihren Besitz, brachten den Erlös und legten ihn den Aposteln zu Füßen. Jedem wurde davon so viel zugeteilt, wie er nötig hatte.« (Apg 4, 32-37)

Das klingt nun wirklich nach einer Gemeinschaft, in der es weder Amt, noch Struktur noch Hierarchie gab. »Klar, die Ämter haben sich erst später gebildet, als die Gemeinde größer wurde..!« behaupten die Vertreter der »Ohne-Jesus- Kirche«. Aber ein zweiter Blick in die gleiche Zeit der Urgemeinde und die gleiche Quelle lässt ein anderes Bild entstehen - das anfängliche Klischee hält nicht stand. Denn bereits vor diesem Bericht besteht Petrus darauf, dass für den Verräter Judas ein Nachfolger gewählt werden muss:

»In diesen Tagen erhob sich Petrus im Kreis der Brüder - etwa hundertzwanzig waren zusammengekommen - und sagte: Brüder! Es musste sich das Schriftwort erfüllen, das der Heilige Geist durch den Mund Davids im voraus über Judas gesprochen hat. (…) Denn es steht im Buch der Psalmen: Sein Gehöft soll veröden, niemand soll darin wohnen! und: Sein Amt soll ein anderer erhalten! Einer von den Männern, die die ganze Zeit mit uns zusammen waren, als Jesus, der Herr, bei uns ein und aus ging, angefangen von der Taufe durch Johannes bis zu dem Tag, an dem er von uns ging und (in den Himmel) aufgenommen wurde, - einer von diesen muss nun zusammen mit uns Zeuge seiner Auferstehung sein. Und sie stellten zwei Männer auf: Josef, genannt Barsabbas, mit dem Beinamen Justus, und Matthias. Dann beteten sie: Herr, du kennst die Herzen aller; zeige, wen von diesen beiden du erwählt hast, diesen Dienst und dieses Apostelamt zu übernehmen. Denn Judas hat es verlassen und ist an den Ort gegangen, der ihm bestimmt war. Dann gaben sie ihnen Lose; das Los fiel auf Matthias, und er wurde den elf Aposteln zugerechnet.« (Apg 1, 15.20-26)

Auch dass gerade Petrus derjenige ist, der im Namen der Apostel die erste Predigt hält (zu Pfingsten, dem Gründungsfest der Kirche durch den Heiligen Geist), ergibt sich nicht aus dessen Begabung, sondern wohl allein aus dessen Amt als erster der Apostel. Im Anschluss an die Predigt des Petrus - direkt vor dem oben genannten Zitat aus dem zweiten Kapitel der Apostelgeschichte - stehen Sätze, die bei der Schilderung der Urgemeinde gerne weggelassen werden:

»Die nun, die sein Wort annahmen, ließen sich taufen. An diesem Tag wurden (ihrer Gemeinschaft) etwa dreitausend Menschen hinzugefügt. Sie hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten. Alle wurden von Furcht ergriffen; denn durch die Apostel geschahen viele Wunder und Zeichen. Und alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam.« (Apg 2, 41-44)

Sie hielten an der Lehre der Apostel fest - nicht etwa an der Lehre Jesu als einziger Richtschnur; die Wunder und Zeichen der Apostel lassen die Gläubigen in (Ehr-)Furcht erschauern - ein deutlicherer Hinweis auf das ganz, ganz frühe Amt der Apostel als Lehrer, Autoritäten und Leiter der Gemeinde ist wohl kaum denkbar. (Weitere Bibelstellen zu den Ämtern in der Urgemeinde - vor allem zur Rolle des Petrus - findet Ihr zuhauf, wenn Ihr nur ein wenig weiter in der Apostelgeschichte lest.)

b. Das paulinische Gemeindemodell (um 55 n. Chr.): Hierarchiefreie Zone? — Wir nennen diese zweite Stufe des Gemeindemodells »paulinisch«, weil uns Paulus in seinem Brief an die Korinther davon erzählt:

»Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist. Es gibt verschiedene Dienste, aber nur den einen Herrn. Es gibt verschiedene Kräfte, die wirken, aber nur den einen Gott: Er bewirkt alles in allen.
Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt. Dem einen wird vom Geist die Gabe geschenkt, Weisheit mitzuteilen, dem andern durch den gleichen Geist die Gabe, Erkenntnis zu vermitteln, dem dritten im gleichen Geist Glaubenskraft, einem andern - immer in dem einen Geist - die Gabe, Krankheiten zu heilen, einem andern Wunderkräfte, einem andern prophetisches Reden, einem andern die Fähigkeit, die Geister zu unterscheiden, wieder einem andern verschiedene Arten von Zungenrede, einem andern schließlich die Gabe, sie zu deuten.
Das alles bewirkt ein und derselbe Geist; einem jeden teilt er seine besondere Gabe zu, wie er will. Denn wie der Leib eine Einheit ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden: so ist es auch mit Christus. Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt.« (1 Kor 12, 4-13)

Und wieder wird ein Klischee gezimmert: In der paulinischen Gemeinde finden sich verschiedene Begabungen; Paulus lege aber Wert darauf, dass die eine Begabung nicht besser oder wichtiger ist als eine andere. Verträgt sich das mit einem gottgewollten Amt? Scheinbar nicht - und so verbreitete sich die klischeehafte Vorstellung, die frühe Gemeinde wäre ämter- und hierarchiefrei gewesen - ähnlich einem chaotischen »Fanclub Jesu«… Aber die zitierte Paulusstelle geht weiter:

»So aber gibt es viele Glieder und doch nur einen Leib. Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich bin nicht auf dich angewiesen. Der Kopf kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht. Im Gegenteil, gerade die schwächer scheinenden Glieder des Leibes sind unentbehrlich. (…) Ihr aber seid der Leib Christi, und jeder einzelne ist ein Glied an ihm. So hat Gott in der Kirche die einen als Apostel eingesetzt, die andern als Propheten, die dritten als Lehrer; ferner verlieh er die Kraft, Wunder zu tun, sodann die Gaben, Krankheiten zu heilen, zu helfen, zu leiten, endlich die verschiedenen Arten von Zungenrede. Sind etwa alle Apostel, alle Propheten, alle Lehrer? Haben alle die Kraft, Wunder zu tun?« (1 Kor 12, 20-22.27-29)

Hierarchiefreie Zone? »Fanclub Jesu«? Im Gegenteil! Das ämterfreie Klischee zerfällt: Das Leib-Modell des Paulus geht von einer Struktur aus und überträgt die Hierarchie des Leibes (Kopf-Auge-Glieder-Füße) auch auf die Kirche. So beschreibt er gerade das Zusammenspiel von Ämter, Aufgaben und Gemeinde - und nicht deren Aufhebung.

c. Das Gemeindemodell von Antiochien (um 110 n. Chr.): Der Bischof als Notlösung? — Und noch einmal wird aus eine historischen Phase ein theologisches Klischee konstruiert: Erst im Gemeindemodell, dass uns durch Ignatius von Antiochien um 110 n. Chr. überliefert ist, habe sich angeblich ein Amt in drei Stufen (Bischof-Presbyter-Diakon) herausgebildet. Die Kirche in der Gestalt einer ausschließlich charismatisch geprägten Gemeinde war bedroht und gefährdet: Von außen bedroht durch erste Anzeichen der Verfolgung, durch Diffamierung und Ausgrenzung; von innen durch Streit, Spaltung, Rivalität und Irrlehren. Daher käme der Ruf nach einem »starken Mann« auf - dem Bischof.

Dagegen finden sich bereits in einigen Schriften des Neuen Testaments, den Pastoralbriefen (das sind bestimmte Paulus-Briefe, die z.T. noch vor den Evangelien entstanden sind), zahlreiche Hinweise auf ein dreifaches Amt:

»Ein Ältester (Presbyter) soll unbescholten und nur einmal verheiratet sein. Seine Kinder sollen gläubig sein; man soll ihnen nicht nachsagen können, sie seien liederlich und ungehorsam. Denn ein Bischof muss unbescholten sein, weil er das Haus Gottes verwaltet; er darf nicht überheblich und jähzornig sein, kein Trinker, nicht gewalttätig oder habgierig. Er soll vielmehr das Gute lieben, er soll gastfreundlich sein, besonnen, gerecht, fromm und beherrscht. Er muss ein Mann sein, der sich an das wahre Wort der Lehre hält; dann kann er mit der gesunden Lehre die Gemeinde ermahnen und die Gegner widerlegen.« (Tit 1, 6-9)
»Das Wort ist glaubwürdig: Wer das Amt eines Bischofs anstrebt, der strebt nach einer großen Aufgabe. Deshalb soll der Bischof ein Mann ohne Tadel sein, nur einmal verheiratet, nüchtern, besonnen, von würdiger Haltung, gastfreundlich, fähig zu lehren.« (1 Tim 3, 1)
»Ebenso sollen die Diakone sein: achtbar, nicht doppelzüngig, nicht dem Wein ergeben und nicht gewinnsüchtig; sie sollen mit reinem Gewissen am Geheimnis des Glaubens festhalten. Auch sie soll man vorher prüfen, und nur wenn sie unbescholten sind, sollen sie ihren Dienst ausüben.« (1 Tim 3, 8ff)

Alle drei Zitate stammen aus der Zeit vor 67 n. Christus. Die Behauptung, das Amt (vor allem des Bischofs) habe sich erst im 2. Jahrhundert entwickelt, hält wiederum einer Überprüfung nicht stand. Die Vermutung, die Kirche sei - zumindest in ihrer frühen Zeit - Verein, Fanclub und hierarchiefrei gewesen, ist eben nur ein Klischee.

2. Entwicklungsmodell: Papstamt, Sakramente, Hierarchie & Ämter

Bleiben wir noch einmal bei dem Klischee, das sich in vielen Köpfen festgesetzt hat: Der Verein der Christen habe sich historisch entwickelt und, um in einer bestimmten geschichtlichen Situation zu bestehen, Ämter und Strukturen entwickelt. Erst das Ausbleiben der Wiederkunft Christi, die von den ersten Christen noch in unmittelbarer Zukunft erwartet wurde, habe die Jüngergemeinschaft Jesu aufgefordert, sich dauerhafter zu organisieren. Vorbild für das Amt des Bischofs (und dem nachgeordnet das Amt der Presbyter und Diakone) sei der römische Familienvater gewesen (pater familias), der in der Antike eine außerordentliche Stellung und Bedeutung hatte. Theologisch wurde der Bischof als Stellvertreter Gottes und direkter Nachfolger der Apostel legitimiert.

Auch das Papstamt habe sich erst in den späteren Jahrhunderten herausgebildet. Während dem Bischof von Rom zunächst ein gewisser Ehrenrang zukam (weil dort die Apostelgräber von Petrus und Paulus verehrt wurden), wuchs dem Nachfolger des Petrus ab 330 n. Chr. eine besondere Bedeutung zu, weil Rom Hauptstadt des römischen Reiches war und der Kaiser sich dem Christentum zuwandte. Es wäre halt praktischer, wenn weltliches und geistliches Oberhaupt in räumlicher Nähe lebten.

Diese Ämter seien also keine Vorgaben durch Jesus, sondern menschliche Einrichtungen, um die jesuanische Botschaft zu bewahren. Es habe nicht in der Absicht Jesu gelegen, eine Kirche zu gründen - diese Frage lag außerhalb des Horizontes Jesu (so Josef Blank). Da aber Jesus eine Bewahrung und Weitergabe der Botschaft gewünscht habe, war es sehr wohl in seinem Sinne, dass Strukturen entwickelt wurden, um den Bestand der Gemeinschaft der Glaubenden zu sichern. Deshalb glaubten die frühen Christen auch, Ämter und Hierarchie auf Jesus zurück führen zu dürfen. In Wirklichkeit seien diese Ämter und Strukturen aber menschliche Entwicklungen zur Bewahrung eines göttlichen Inhaltes - eben zerbrechliche Gefäße.

Wenn diese Gefäße aber nicht mehr taugen, warum sie dann nicht verändern, reformieren oder gar abschaffen? Die jetzige Zeit braucht andere Formen; der Ruf nach dem starken Mann angesichts der Verfolgung ist längst verklungen. Jetzt ist die Zeit der Demokratie. Und nicht wenige (auch theologische) Stimmen rufen nach einer Neuorientierung des Papst-, Bischofs- und Priesteramtes.

Soweit das Klischee. - Entspricht diese Sicht (das Entwicklungsmodell) der Wirklichkeit? Tatsächlich finden sich in den Evangelien keine Amtsbezeichnungen und keine Einsetzung der Sakramente; erst in den Paulusbriefen und der Apostelgeschichte sind diese - dann jedoch zahlreich und deutlich entwickelt - zu finden. Daraus zu schließen, dass Jesus zu diesen Dingen nicht nur nichts gesagt habe, sondern überhaupt kein Interesse an der Struktur der zukünftigen Gemeinden gehabt habe, ist dann doch ein wenig vermessen.

Überhaupt steht und fällt die Frage nach der Kirche mit der Hermeneutik des Neuen Testamentes. Die Annahme, dass die Apostel ihre eigenen Überlegungen als Anweisungen Jesu aufgegeben haben, weil sie glaubten, in seinem Sinne zu handeln, lässt letztlich alles - auch das, was im Evangelium als Worte Jesu beschrieben sind - als Konstruktion der biblischen Redaktoren und Gemeindebildung erscheinen. Aber die Annahme selbst wird von außen an das Neue Testament herangetragen - und hat nicht sonderlich viele Gründe, die dafür sprechen. Viel wahrscheinlicher ist es, dass der Respekt der Jünger, Evangelisten und Apostel eine Veränderung, Erweiterung und Verfälschung der Worte Jesu nicht zuließen. Auch die Klarheit, mit der die Ämterstrukturen in den unterschiedlichen Schriften der frühen Kirche beschrieben werden, spricht nicht für eine langsame Entwicklung und Suchbewegung nach der optimalen Lösung, sondern nach einer klaren Lehre, die auf den Anordnungen des Gründers beruhen.

Wie dem auch sei: Letztlich entscheidet die Kirche aufgrund der ihr anvertrauten Offenbarung selbst, was in der Schrift und an ihr selbst als sicher zu gelten hat. Demzufolge ist sowohl die Ämterstruktur, die Einsetzung der Sakramente und der Vorrang des Petrus auf ein historisches Wirken Jesu zurückzuführen. Hernach hat es eine historische Entfaltung geben, die sich immer an den Stifterwillen gebunden wusste.

3. Fazit: Wollte Jesus eine Kirche gründen?

Wir dürfen allerdings nicht der Versuchung erliegen, den Willen Jesu, eine Kirche zu gründen, nur an der Ämterfrage festzumachen. Jesus hat nicht nur Ämter gestiftet, sondern vor allem auch eine Kirche gewollt. Das zeigen die von ihm persönlich erlassenen Gemeinderegeln, mit denen ich diese Katechese beschließen will:

»Da rief Jesus sie zu sich und sagte: Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein.« (Mt 20, 25)
»Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen. Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei Männer mit, denn jede Sache muss durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werden. Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde. Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner.« (Mt 18, 15ff)
»Weiter sage ich euch: Alles, was zwei von euch auf Erden gemeinsam erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.« (Mt 18, 19f)
»Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben. Verkauft eure Habe, und gebt den Erlös den Armen! Macht euch Geldbeutel, die nicht zerreißen. Verschafft euch einen Schatz, der nicht abnimmt, droben im Himmel, wo kein Dieb ihn findet und keine Motte ihn frisst. Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz.« (Lk 12ff)
»Wer euch hört, der hört mich, und wer euch ablehnt, der lehnt mich ab; wer aber mich ablehnt, der lehnt den ab, der mich gesandt hat.« (Lk 10, 16)
Fazit

Der Versuch, Jesus die Gründung einer Kirche abzusprechen und die Entstehung der kirchlichen Strukturen als eine Reaktion der Christen auf geschichtliche Herausforderungen darzustellen, mag reizvoll sein; aber er steht im Kontrast zu den biblischen Darstellungen.

II. Kirchenmodelle und Kirchenbilder

Neben dem Versuch, dem Wesen der Kirche durch den Nachgang ihrer historischen Entwicklung auf die Spur zu kommen, können wir auch einen anderen Weg gehen und von der Aufgabe der Kirche auf deren Wesen schließen.

1. Versuch: Hüterin der Offenbarung (»Konservenmodell«)

Zunächst ist die Kirche das, was sie auf den ersten Blick zu sein scheint: Eine konservative Vereinigung. Konservativ meint damit nicht unbedingt »rückständig« oder »zurückgeblieben« (obwohl diese Begriffe gar nicht völlig falsch sind), sondern »bewahrend« (von lat. conservare - auch eine »Konservendose« soll ihren Inhalt bewahren - möglichst frisch.) Die Kirche bewahrt einen Schatz: Die Offenbarung, die uns in Jesus Christus gegeben wurde.

Paulus schreibt: »Wir verkündigen nämlich nicht uns selbst, sondern Jesus Christus als den Herrn, uns aber als eure Knechte um Jesu willen. Denn Gott, der sprach: Aus Finsternis soll Licht aufleuchten!, er ist in unseren Herzen aufgeleuchtet, damit wir erleuchtet werden zur Erkenntnis des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi. Diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen; so wird deutlich, dass das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt.« (2 Kor 4, 5)

Denn das, was Jesus gesagt, getan und gelehrt hat, findet sich nicht ausschließlich in der Bibel. Die Bibel ist eigentlich nur das »Echo« dessen, was Jesus (bzw. Gott, sein Vater) getan hat - in der Heiligen Schrift findet sich schließlich nur das, was Jesu Wirken in den Menschen ausgelöst hat - selbst hat Jesus nichts aufgeschrieben. Allerdings ein Echo ganz besonderer Güte: Ein geistgewirktes Echo. Die Menschen, die die Bibel geschrieben haben, hatten den Beistand des Geistes, der gut aufpasste, dass das Wirken Jesu zwar in menschlichen Worten und Erfahrungen gekleidet wurde (siehe Paulus im Zitat oben: »in zerbrechlichen Gefäßen«), dass aber die eigentliche Botschaft dadurch nicht überdeckt oder verfälscht wurde.

Nun könnte es natürlich so sein, dass damit das »institutionelle Wirken« des Geistes zu Ende ist. Vielleicht hat der Geist sich nach der Vollendung der Bibel darauf beschränkt, jedem einzelnen Christen beizustehen, wenn er darin liest (das wäre eine protestantische Glaubensaussage). Die katholische Kirche nimmt aber eine Stelle aus dem Johannes-Evangelium sehr ernst: Dort heißt es, dass Jesus noch viel mehr gesagt und getan hat - und dass die Welt die Bücher nicht fassen könnte, würde alles aufgeschrieben.

»Dieser Jünger ist es, der all das bezeugt und der es aufgeschrieben hat; und wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist. Es gibt aber noch vieles andere, was Jesus getan hat. Wenn man alles aufschreiben wollte, so könnte, wie ich glaube, die ganze Welt die Bücher nicht fassen, die man schreiben müsste.« (Joh 21, 24f)

Soll das alles etwa verloren sein? Nein - das meint zumindest die katholische Kirche. Sie ist davon überzeugt, dass der Glaube und alles Glaubenswissen, vor allem der lebendige Glaube in der Kirche weitergegeben und (durch den Geist gewirkt) lebendig bleibt. Die Kirche ist also konservativ - klar, muss sie auch.

Fulbert Steffensky schreibt deshalb in »Das Haus, das die Träume verwaltet«: »Auf Dauer gibt es keinen Glauben ohne Kirche. Glaube und Hoffnung sind zu schwer für den Einzelnen… Man muss die Bilder, die Geschichten und die Lieder der Hoffnung teilen, um sie hören und singen zu können… Somit wird Verkündigung und Einführung in die Bilder des Lebens zur zentralen Aufgabe der Kirche. Erinnerung an die Träume und Erinnerung an die Opfer - das schuldet die Kirche sich selber und einer traumlosen Gesellschaft.«.

Wir brauchen also die Kirche als konservative, d.h. bewahrende Gemeinschaft. Ohne sie hätten wir keine Verbindung mehr zu Jesus Christus als ihrem historischen Grund. Aber - das ist natürlich eine ziemlich kalte Bestimmung der Kirche. Tut die Kirche nicht so, als wäre sie viel mehr? Für eine »lebendige Konservendose«, die nichts anderes zu tun hat, als einen Inhalt zu bewahren, feiert sie ziemlich pompös - anscheinend sich selbst. Warum eine Kirche mit Papst, Bischof und Priester? Mit Petersdom und Papamobil? Nein danke!

2. Versuch: Gemeinschaft der Glaubenden (»Vereinsmodell«)

Die Kirche ist keine »kalte Konservendose«. Gut - sie konserviert die Botschaft Jesu. Aber nicht mit künstlichen Konservierungsmitteln oder Tiefkühltemperaturen, sondern durch einen gelebten Glauben. Was Jesus uns aufgetragen hat, bleibt lebendig - und hat deshalb Bestand. Die Beschreibung der Kirche als »Gemeinschaft der Glaubenden« ist eine anerkannte Selbstbezeichnung der Kirche. Und dennoch liegt in ihr der Keim für ein seltsames Missverständnis. Das liegt nicht an diesem Begriff, sondern vor allem daran, dass wir Deutsche immer ganz schnell an einen Verein denken, wenn wir Gemeinschaft hören.

»Die Kirche - ein Verein wird gegründet«. — Es treffen sich zwei Menschen zufällig im Park von Antiochien und kommen über ihren Glauben ins Gespräch. Nach vorsichtigen Bekenntnissen zum Glauben an einen Gott erkennen beide, dass sie auch ein sehr gutes Verhältnis zu Jesus Christus haben - ja, überrascht finden sie heraus, das beide heimlich Jesus für Gottes Sohn halten (über einen solchen unpopulären Glauben haben sie natürlich noch mit keinem anderen wirklich gesprochen). Beide glauben auch, dass Jesus Wunder gewirkt hat und eine ganz tolle Botschaft verkündet hat - und in großen Teilen stimmen sie auch darin überein, diese Botschaft inhaltlich zu beschreiben.
»Wow«, sagt der eine zum anderen, »wir sollten uns öfter treffen. Wer hätte gedacht, dass noch mehr Leute den gleichen Glauben haben wie ich! Das tat richtig gut, ihn mit Dir geteilt zu haben!« - Darauf erwidert der andere: »Warum warten? Lass uns doch eine Gemeinschaft gründen. Wir könnten sie Freunde Jesu nennen. Oder - noch besser - wir nennen uns nach ihm Jesuaner!« - »Klingt aber nicht gut. Wir wäre es mit Christen? Eine Gemeinschaft der Menschen, die an Jesus als den Christus glauben, sollte so heißen. Und wir könnten uns jede Woche treffen!« - »Sehr gut. Übermorgen ist Sonntag, da habe ich Zeit. Vielleicht bringe ich noch jemanden mit - ich kenne da jemanden, den habe ich schon länger im Verdacht, ein Jesuaner - ach nee, ein Christ! - zu sein…«

So war es natürlich nicht. Aber einige Christen denken sich, es könnte genau so gewesen sein: Die Menschen, die einen gemeinsamen Glauben haben, bilden einen Verein: Die Gemeinschaft der Glaubenden. Die Christen. Ein Fanclub. Und da jeder Verein eine Organisation braucht, hat sich so etwas wie ein Vorstand gebildet. Dessen Präsident wurde Presbyter genannt - den Ober-Präsidenten für viele Fanclubs nennen wir dann »Aufseher«, auf griechisch »Episcopus« (heute: Bischof). Und damit es keinen Streit gibt, ist einer der Bischöfe dann Papst geworden.

Natürlich, so denkt man konsequent weiter, brauchen wir die Priester, Bischöfe und Päpste nicht wirklich. Jesus hat sie ja auch nicht gewollt. Das hat sich ja alles erst später entwickelt und kann durch Mehrheitsbeschluss wieder abgeschafft werden. Zumindest, wenn eine stimmberechtigte Vollversammlung aller Christen stattfinden würde. Wer Ämter schafft, kann sie auch wieder abschaffen, wenn sie ihren Zweck nicht erfüllen. Sogar Theologen sind dieser Vereins-Versuchung erlegen, so z.B. auch Josef Blank (1926–1989):

Josef Blank schreibt: »Wir dürfen uns von der Themenstellung 'der historische Jesus und die Kirche' nicht dazu verführen lassen, den Kirchengedanken unbesehen in die Wirksamkeit Jesu einzutragen. Denn wir haben ja alle eine gewissen Vorstellung davon, was Kirche ist oder sein sollte, und heben dann gewöhnlich jene Momente hervor, die mit dieser Vorstellung übereinstimmen, um dann eine Entwicklung aufzuzeigen, die von der Botschaft Jesu kontinuierlich zu dieser Kirchenvorstellung führt. [...] Historisch wird man die Frage einer Kirchengründung durch Jesus weder mit einem glatten Ja noch mit einem ebenso entschiedenen Nein beantworten dürfen, und zwar deshalb nicht weil diese Frage außerhalb des Horizontes Jesu lag. Wir kommen vielleicht weiter, wenn wir fragen: Was hat Jesus gewollt? [...]
Das wichtigste Moment liegt ohne Zweifel in der Bildung des Jüngerkreises. Aber auch hier handelt es sich nicht um Kirchengründung, sondern darum, die engagierten Anwärter für die kom­mende Basileia zu sammeln. Die Ablehnung der Jesus-Botschaft und der Jesus-Be­wegung durch den Großteil des Judentums kommt als ein wichtiger negativer Fak­tor hinzu. Durch diese Ablehnung in erster Linie wurde die Jesus-Gruppe in die Si­tuation gedrängt, sich als eine besondere »jüdische Sekte«, nun auch im Sinne des »wahren Israel« konstituieren zu müssen. [...]
Geht man von den Evangelien aus und versucht, von dorther zu sagen, was unter Kirche zu verstehen sei, dann ist Kirche nichts anderes als die Jüngerschaft Jesu, deren Sinn und Aufgabe ganz wesentlich darin besteht, die Botschaft von Jesu Wir­ken und Lehre auszubreiten.« (Josef Blank)

Nach Josef Blank ist Kirche also Nachfolge Jesu; die Ämter und Strukturen haben sich nicht aus den Anweisungen Jesu ergeben, sondern sind Reaktionen auf die Notwendigkeit, die Botschaft Jesu und die gelebte Jüngerschaft lebendig zu erhalten. Das entspricht zwar dem (oft unterschwelligem) Wunschdenken viele kritischer Christen, aber entpuppt sich bei näherem Nachdenken als ziemlich hohl und geistlos (im göttlichen Sinne des Wortes). Außerdem wären demnach alle Stellen im Neuen Testament, in denen Jesus Ämter schafft, eine nachträgliche Verfälschung durch die Kirche. (Dazu mehr im zweiten Hauptteil dieser Katechese). Deshalb hat die katholische Kirche zwar das Bild der »Gemeinschaft der Glaubenden“ als wunderbare Beschreibung des sozialen Charakters der Kirche akzeptiert, aber mit einem wesentlichen Inhalt gefüllt: Dem vom Geist geschenkten Heil.

3. Versuch: Heilsgemeinschaft (»Das Heldenmodell«)

Die Kirche ist nämlich kein bloßer Zusammenschluss von Glaubenden. Sie ist nämlich schon gegründet worden, bevor sie überhaupt Mitglieder hatte. Nicht die Mitglieder haben die Kirche ins Leben gerufen - die Kirche hat ihre Mitglieder ins Leben gerufen. Das klingt natürlich unlogisch. Wie soll denn eine Kirche existieren können, die noch keine Mitglieder hat? Eine Gemeinschaft ohne Mitglieder gibt es nicht. Richtig. Die Kirche ist eben mehr als eine Gemeinschaft von Mitgliedern, die die Botschaft Jesu in ihren Mittelpunkt stellen: Jesus Christus selbst ist der Mittelpunkt und Ausgangspunkt der Kirche. Als Jesus Christus Mensch wurde, begann bereits die Zeit der Kirche. Die Kirche ist der Leib Christi.

So beginnt Johannes sein Evangelium: »Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die … aus Gott geboren sind.« (Joh 1, 9-13)

Seit der Geburt Jesu begann die göttliche Familie zu wachsen. Alle, die Jesus aufnahmen, konnten Kinder Gottes werden. Nicht zunächst ein Glaubensverein, sondern eine Familienzugehörigkeit kennzeichnete den Beginn eines Kreises, den wir später »Kirche« nennen werden. Der Kreis der Familienangehörigen Jesu war zunächst auf den engsten Familienkreis beschränkt: Auf Maria und Josef. Dieser Kreis wurde zum ersten Mal erst dreißig Jahre später erweitert, als Jesus zwölf Jünger (in Anlehnung an die zwölf Stämme Israels) in seine Nachfolge berief.

Matthäus schreibt: »Dann rief Jesus seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben und alle Krankheiten und Leiden zu heilen. Die Namen der zwölf Apostel sind: an erster Stelle Simon, genannt Petrus, und sein Bruder Andreas, dann Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und sein Bruder Johannes, Philippus und Bartholomäus, Thomas und Matthäus, der Zöllner, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Thaddäus, Simon Kananäus und Judas Iskariot, der ihn später verraten hat.« (Mt 10, 1-4)

Jesus gab diesen Zwölf Anteil an seiner Mission. Von seiner eigenen Vollmacht gab er ihnen mit - bzw. ließ sie mitwirken an seiner eigenen Macht. Auch die Zwölf konnten nun heilen und Dämonen austreiben. Im Laufe seines Wirkens begann Jesus, den Zwölf immer mehr seiner ur-eigenen Aufgaben und Vollmachten zu übertragen: Nach der Wunder- und Heilungsvollmacht erteilte er ihnen schließlich die göttlichste aller Fähigkeiten: Die Sündenvergebung.

Im Johannesevangelium heißt es nach der Auferstehung Jesu: »Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert.« (Joh 20, 20-23)
Er sendet nicht nur die Jünger, er befiehlt es ihnen geradezu: »Da trat Jesus auf sie zu und sagte zu ihnen: Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.« (Mt 28, 18-20)

Die Jünger insgesamt sind allerdings mehr: Nicht nur Boten und Gesandte, Stellvertreter des Herrn wie die Apostel. Sie bilden buchstäblich Jesus selbst: »Wer euch hört, der hört mich, und wer euch ablehnt, der lehnt mich ab; wer aber mich ablehnt, der lehnt den ab, der mich gesandt hat.« (Lukas 10, 16) — Jesus vertraut also nicht nur darauf, dass seine Botschaft durch die Jünger weitergetragen wird (»Die Sache Jesu braucht Begeisterte…!«), sondern er selbst lebt in Seinen Jüngern. Nur wer an Jesus Anteil hat, kommt zum Vater: »Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.« (Joh 14, 6) — Wir müssen also »Jesus« werden, um zum Vater zu gehören. Wir müssen »Sohn« werden, dann gehören wir mit zur engsten Liebesgemeinschaft überhaupt - der Dreifaltigkeit. »An jenem Tag werdet ihr erkennen: Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir und ich bin in euch.« (Joh 14, 20) — Augustinus hat uns gesagt, wie wir das werden: »Empfangt, was ihr seid: Leib Christi. Damit ihr werdet, was ihr empfangt: Leib Christi«.

Fazit

Die meisten Kirchenbilder (Hüterin der Offenbarung, Gemeinschaft der Glaubenden, Heilsgemeinschaft mit dem Erlöser) sind zwar korrekt, aber nicht ausreichend. Diese Elemente sind wesentlicher Bestandteil der katholischen Kirche - ergeben aber für sich noch kein vollständiges Bild.

III. Die Kirche als Leib Christi

Die Kommunion - die Eucharistie - ist also das Sakrament, das uns zu einem zweiten Christus werden lässt. Wir werden »Leib Christi«, wenn wir seinen Leib empfangen - und sind dann Kirche. Wir werden also in die Kirche - den Leib Christi - aufgenommen, indem wir uns durch den Leib Christi umgestalten lassen und selbst »Leib Christi« werden. Die Kirche als Leib Christi ist also tatsächlich eher gewesen als die, die daran Anteil haben. Zunächst ist Christus Mensch geworden und hat uns dann die Möglichkeit gegeben, an seiner eigenen Person und seiner Gemeinschaft mit dem Vater im Heiligen Geist Anteil zu erhalten.

Jesus hat sich selbst geopfert und ist für uns gestorben. Er allein ist also der Gerechtgewordene - und er hat nun einen Leib, der gottfähig ist. Wir haben da ersteinmal nichts von. An ihm selbst d.h. an dem einen Leib, der die Kirche ist, können wir Anteil erhalten. Was zu unserem Heil vor 2000 Jahren geschah, ist nicht aus, vorbei und vergangen; Leid, Tod und Auferstehung Jesu bleiben in der Kirche gegenwärtig. Wer in den Raum der Kirche tritt, der hat Anteil an Jesus Christus. Es ist tatsächlich die Kirche - und nicht meine eigene Vorstellung - die mir diesen Anteil schenkt. Gott gab alles, was er für uns getan hat, in die Hände der Kirche: »Was ihr bindet, ist gebunden« sagte er - und allein die Kirche verbindet uns nun mit dem, was an uns geschehen soll.

Weil es in der evangelischen Kirche keinen wirklichen Begriff von Kirche gibt, ist dort auch die Kirche nicht der Raum des Heils, in dem all das gegenwärtig ist, was Christus bewirkt hat. - In der katholischen Kirche ist die Kirche aber mehr: Sie ist Leib Christi. Das Opfer Christi lebt in der Kirche - wie ein Duft, der in der Luft liegt, der bleibt und nicht vergeht und der unsere Sünden überdeckt und aufhebt.

Das einzige, was wir nun tun müssen, ist diesen Duft einzuatmen, in uns aufzunehmen. Anteil erhalten am Leib Christi. Um mit Ihm zu sterben und mit Ihm aufzuerstehen. Das geschieht durch die Sakramente - vor allem durch das Sakrament der Taufe (als Eingang in die Kirche) und dem Sakrament der Eucharistie (als ständige Rückbindung und Erneuerung - wir empfangen den Leib Christi, damit wir selbst Leib Christi bleiben).

Dazu reicht es nicht, an Palmsonntag ein paar Palmwedel in die Hand zu nehmen - dadurch wird kein Mensch erlöst. Am Karfreitag das Kreuz zu verehren ist ein Ausdruck unserer Erlösung - aber die Kreuzverehrung bewirkt sie nicht. Das Gleiche gilt für das Entzünden der Kerzen in der Osternacht oder für den Empfang des Taufwassers. Es reicht nicht, die Schrift zu lesen und sich innerlich mit dem zu verbinden, was dort geschrieben ist. Denn nicht wir schaffen die Erlösung - Gott gibt uns den Anteil daran. Durch das, was Jesus am Gründonnerstag der Kirche geschenkt hat: Die Fußwaschung wird von Petrus zunächst abgelehnt. »Du, Herr willst mir die Füße waschen?!« ruft er, und Jesus verrät ihm das Geheimnis der Eucharistie: »Wenn Du Dir nicht die Füße waschen lässt - wenn Du nicht die Eucharistie empfängst - hast Du keinen Anteil an mir.« Der Gründonnerstag, die Eucharistie, ist die Feier der Anteilnahme: Durch jeden Kommunionempfang werden wir hineingenommen in die Wirklichkeit der Kirche. »Dann Herr, (wasche) mir nicht nur die Füße, sondern auch die Hände und das Haupt!« meint Petrus, als er versteht, worum es in der Eucharistie geht. Doch Jesus wehrt ab: »Wer vom Bade kommt, ist ganz rein und braucht sich nur noch die Füße zu waschen.« - Vom Bade - das ist die Taufe. In der Taufe sind wir in die Kirche aufgenommen worden - nicht nur in die Gemeinschaft der Kirchensteuerzahler, sondern vor allem in die Teilhabe am Erlösungsgeschehen Jesu. Wir sind Leib Christi geworden - durch die Kirche.

Erneuert, am Leben erhalten wird diese Wirklichkeit durch den Empfang der Eucharistie: Der Leib, der verhöhnt wurde, geschunden und getötet, wird uns in der Kommunion angeboten. Wenn der Priester spricht: »Der Leib Christi!«, so ist das eher eine Frage: »Das ist der Leib, der gestorben ist für die Sünden der Welt. Willst Du den Leib empfangen und mit ihm eins werden?« Und unsere Antwort lautet: »Amen, ja ich will!«

Vertun wir uns nicht: Es verlangt eine Entscheidung von uns, die Konsequenzen hat. Wenn uns der Priester im Karfreitag den Leib Christi zeigt und fragt: »Der Leib Christi!?«, dann bedeutet unser »Amen!«: »Ja, ich will Teil dieses Leibes werden. Ich will Anteil haben an dem Leib, der verhöhnt, verspotten, gequält und misshandelt wurde. Ich will Anteil haben an Jesu Leiden und Tod.“

Wir feiern in jeder Messe Tod und Auferstehung. Wir haben Anteil durch die Messe nicht nur am gekreuzigten Leib Jesu, sondern auch (und noch viel mehr) an seinem Auferstehungsleib: Der Leib, der herrlich, auferstanden und mächtig über Zeit und Raum ist, der Leib des Auferstandenen. Und wieder fragt uns der Priester: »Der Leib Christi!?« Überlege dir wiederum gut, ob du »Amen!« sagst. Denn das bedeutet, dass du für diese Welt gestorben sein willst - und nun für Gottes Welt lebst. Anders sein willst. Neu geschaffen, mit anderen Dimensionen und Werten. »Amen! Ich will teilhaben an dem Leib der Auferstehung!« wird unser Leben verändern.

Fazit

Fazit Wenn Paulus von der Kirche als »Leib« spricht, dann ist das nicht nur ein Beispiel für Ordnung, Differenzierung und Hierarchie (analog zu den Organen eines Leibes). »Leib Christi« ist die Umschreibung der angenommenen Erlösung, der Wirklichkeit gewordenen Einheit von Gott und Mensch.