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Kleine Anmerkung zum Opfercharakter der Messe
Eine Erklärung des katholischen Glaubens richtet sich normalerweise
an Nicht-Katholiken oder die so genannten "Fernstehenden",
die schon länger keine Einführung in die katholischen Wahrheiten
mehr genossen haben.
Bei der Frage nach dem (Opfer-)Charakter der Eucharistiefeier ist das
allerdings schon fast umgekehrt. Während sich Nicht-Katholiken
eher an der Schönheit der Liturgie erfreuen (falls Nicht-Katholiken
bei uns zu Besuch kommen - und falls die Liturgie, der sie dann begegnen,
tatsächlich ansprechend ist) und intuitiv erfassen, was dort geschieht,
sind gerade die Katholiken selbst mehr als uneins, was denn die Messe
eigentlich ist.
Die Verwirrung hat einen Grund - sie kommt nicht von ungefähr.
Denn bei der Liturgierefom im Anschluss an das II. Vatikantische Konzil
war vielen nicht ganz klar, ob nun nur die liturgischen Riten neu geordnet
werden - und eventuell der ein oder andere Akzent neu gesetzt wird -,
oder ob es nun eine ganz neue Theologie der Eucharistie gibt. Dürfen
wir noch vom Opfer in der Messe reden?
Die Frage ist prinzipiell beantwortet: Kein Konzil kann den Glauben
radikal verändern; jedes Konzil steht in der Tradition und Kontinuität
des Glaubens der Gesamtkirche.
Somit könnten wir also wieder vom "Messopfer" sprechen
- aber es geschieht nicht. Entweder traut man sich nicht mehr
(immerhin gibt es noch ein paar hochbetagte, aber dennoch sprungbereite
Ex-Refomer der "ersten Stunde"), oder heutige Prediger haben
keinen persönlichen Zugang zur Opfertheologie mehr. Vielleicht
haben wir aber auch nur verlernt, was ein "Opfer" überhaupt
ist.
auch als pdf-Datei erhältlich
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Kleine Anmerkung zum Opfercharakter der Messe
Das Opfer Jesu Christi
Selbstverständlich leugnet kaum einer der heutigen katholischen Theologen
das Opfer Jesu Christi am Kreuz. "Jesus ist für uns am Kreuz gestorben
- zu unserem Heil und als Opfer für unsere Sünden." Diese und
ähnlich formulierte Aussagen durchziehen die Schriften des Neuen Testamentes
wie Silberfäden. Eine Leugnung dieser Theologie käme der Ablehnung
der Bibel gleich.
Bei der Frage nach dem Opfercharakter der Heiligen Messe geht es eher um
die Frage, ob wir nur diesem einmaligen Opfers Christi am Kreuz auf Golgotha
- vor nicht ganz 2000 Jahren - gedenken? Oder wird es wiederholt? Oder gar
durch ein eigenes Opfer der Gemeinde ergänzt? Oder opfert der Priester?
Selbstverständlich lehnt die katholische Kirche den Irrglauben radikal
ab, wir würden das Opfer Christi wiederholen. Der entscheidende Begriff
ist: "Vergegenwärtigung". Das Opfer Christi war ja auch schon
am ersten Gründonnerstag im Abendmahlssaal gegenwärtig, ohne
dass Jesus am nächsten Tag sein Opfer am Kreuz wiederholt hätte
(oder - umgekehrt - das geschehen am Donnerstagabend ein anderes Opfer war
als das am Kreuz).
Wenn es sich bei der Messfeier also um eine Vergegenwärtigung
des Opfers Christi handelt, dann ist damit der Sachverhalt allerdings noch
nicht transparenter geworden: Was genau soll die "Vergegenwärtigung"?
Nun, das Geschehen der Erlösung selber ist ja nur der eine Teil, den
Gott uns anbietet. Erst, wenn wir dieses Angebot annehmen, vollzieht sich
Erlösung an uns - erst dann wird Erlösung fruchtbar.
Für viele Evangelikale geschieht das in einem Akt der Bekehrung
- oder durch das Sprechen eines Übergabe-Gebetes.
Für uns Katholiken ist die Annahme der Erlösung ein lebenslanges Geschehen,
das sowohl in Gebeten als auch in der persönlichen Heiligung geschieht
- grundgelegt im Sakrament der Taufe, genährt durch die Eucharistie.
Das Geschehen der Messfeier besteht also in der Gegenwärtigsetzung der
Erlösung - Jesus reicht uns sozusagen vom Kreuz herab die Hand - und
in unserem Annehmen dieses Geschenkes. Dieses Annehmen muss allerdings immer
wieder erneuert werden - nicht aufgrund einer eventuellen Mangelhaftigkeit
des Opfers Christi, sondern aufgrund unserer menschlichen Natur, die sich
immer erneuern bzw. wachsen muss, um zu leben - und die so brüchig ist,
dass sie immer in der Gefahr steht, das einmal für sich angenommene Gnadengeschenk
wieder zu verlieren.
Wenn also neben dem göttlichen Geschehen der "unblutigen Vergegenwärtigung
des Kreuzesopfers" (so die Lehre der Kirche) auch der gläubige Katholik
innerlich tätig ist, dann vor allem im Danken für dieses Opfer ("Eucharistie"
= Danksagung), dem staunenden Beiwohnen, dem innerlich Ergriffen werden (und
sich Ergreifen lassen) und dem sich verbinden mit Christus in seinem
Opfer (da wir ja in der Taufe mit Christus eins geworden sind) und dem Eins-werden
mit dem Auferstandenen in der Kommunion.
Das Opfer der Menschen
Aber es gibt noch ein dreifaches weiteres Opfern, dass vielleicht auch mancher
katholischer Priester aus den Augen verloren hat. Es gab nämlich eine
Zeit, in der das Opfer Christi in der Volksfrömmigkeit an Bedeutung verloren
hatte und das menschliche Opfern (von dem ich gleich reden werde) in den Vordergrund
trat. Seit dem II. Vatikanischen Konzil hat die Rückbesinnung auf das
eigentliche Opfer Christi den Eindruck erweckt, als wenn ein Festhalten an
der menschlichen Opferkomponente vorkonziliar, rückwärtsgewandt
und mittlerweile häretisch sei.
Das erste menschliche Opfern ist das Darbringen der Gaben, früher
auch "Opferung" genannt, heute "Gabenbereitung". Es ist
natürlich nur ein sehr minderwertiges Opfer, indem wir Gott Wein und
Oblaten zur Verfügung stellen. Verglichen mit den opulenten Tieropfern
des AT kein Opfer, auf das wir uns etwas einbilden könnten.
Aber dennoch ist es ein Opfer, das zunächst die Gemeinde und dann der
Priester in Gottes Hände legt. Wir bitten dann, dass Gott uns diese Gaben
"verwandelt und zurückschenkt". Gleichzeitig erkennen wir darin
eine gesamtmenschliche Wirklichkeit: Wir geben uns, unsere ganzen Taten, Gedanken
und Worte als Opfer in das Opfer Christi mit hinein; alles das ist nicht viel
mehr wert im Verhältnis zum Opfer Christi als die Oblaten und der Wein
es sind. Aber immerhin: Es ist das Opfer, das Gott annimmt und mit dem Opfer
seines Sohnes eins werden lässt.
Aber auch im Anschluss an die Vergegenwärtigung des Opfers Christi gibt
es ein zweites menschliches Opfern, das Du vielleicht verstehen kannst,
wenn wir ein Blick auf Maria werfen. Der Mutter Jesu wurde der Überlieferung
nach der Kreuzigung der Leichnam Jesu in den Schoss gelegt. In diesem Augenblick
war sie vor die Wahl gestellt, zum Opfer ihres Sohnes auch ein innerliches
"Ja" zu sprechen. Sie hat den geopferten Herrn noch einmal selbst
wieder "geopfert": Indem sie nach dem "fiat" bei der Menschwerdung
Jesu nun auch ein "fiat" zur Erlösung gesprochen hat, hat sie
ihren Sohn in einem sicherlich schmerzhaften Akt dem Vater dargebracht.
"Ich habe einmal einen Traum gehabt, indem ich auf einer Bergkuppe
stehend sah, wie in der Ebene, die vor mir lag, Jesus sein Kreuz nach Golgotha
trug. Ich schrie laut "Nein! Nicht! Du wirst dort sterben!" Plötzlich
stand Maria neben mir und legt ihre Hand auf meine Schulter und sagte: "Lass
ihn; er tut es deinetwegen; und weil er dich liebt, tut er es gerne".
"
Dabei geht es nicht um Mariologie, auch nicht in erster Linie um das "Opfern
der gewandelten Gaben" - sondern der innerlichen Zustimmung zum Opfer Christi
- einem schmerzhaften Nachempfinden und Nachvollziehen dessen, was Jesus für
uns getan hat. Auch das ist nur ein sekundäres Tun und fügt dem Opfer
Christi nichts hinzu. Aber darin findet sich nichts anderes als die "Annahme
des Opfers Christi" und die "Annahme der Erlösung". Das
Opfer Christi annehmen, dem Opfer zustimmen, ist ebenfalls ein Opfer.
Und zuletzt bleibt noch das dritte menschliche Opfer - das priesterliche
Tun. Das ist vermutlich das Haupt-Missverständnis. Denn wenn man früher
ohne Scheu davon sprach, dass der Priester "zur Darbringung des Hl. Messopfers
schreite", so ist man heute geneigt, dem Priester gar keine aktive Rolle
mehr zuzugestehen. "Nur einer ist Euer Hohepriester: Jesus Christus"
(Hebr 4,14 - 5,10). Aber das würde nicht nur den geweihten Priester am
Altar zu einer Marionette eines göttlichen Geschehens machen - sondern
auch die Gemeinde, die im allgemeinen Priestertum auch mitbeteiligt ist.
In der Katechese
"Der Priester - das unbekannte Wesen"
gehe ich darauf näher ein; ebenso in der Katechese
"Das allgemeine Priestertum".
Der entscheidende Gedanke ist (typisch katholisch) der "sowohl - als
auch"-Gedanke (lateinisch: "et - et"). Selbstverständlich
halten wir daran fest, dass im Neuen Bund nur noch Jesus Christus der Hohepriester
ist - und nur Er allein das einzig-wahre Opfer zu unserer Versöhnung
mit Gott ein für alle mal dargebracht hat.
Aber wir Menschen sind in der Taufe mit Christus eins geworden - und haben
Anteil nicht nur an der Erlösung als Frucht, sondern auch an der Erlösung
als Geschehen. Wir dürfen (das ist eine Gnade!) miterlösen, mitopfern
und mitauferstehen.
Das priesterliche Tun (des Weihe-Priesters am Altar und der Vollzug des allgemeinen
Priestertums der Gemeinde) ist also nicht ein Zweites Tun neben dem, was Jesus
tut. Wenn wir aber zusammen mit Christus handeln - dann opfern wir auch. Würden
wir das bestreiten, müssten wir auch das Opfer Christi leugnen.
Allerdings ist das Tun des Weihe-Priesters am Altar noch unterschieden
vom Tun der Gemeinde. (Nur der Priester am Altar konsekriert die Gaben - nicht
die Gemeinde). Aber dennoch ist es bleibende Lehre der Kirche, dass durch
die Taufe auch die Gemeinde zum Mit-Opfer aufgerufen ist. Das nennt man "participatio
actuosa" - tätige Anteilnahme.
Warum? Damit das "Gegeben-sein" des Opfers Christi auch im Messopfer
gegeben ist.
Was ist das überhaupt: Ein "Opfer"?
Vielleicht ist die moderne "Opfervergessenheit" nur ein Missverständnis,
weil der Begriff "Opfer" nicht mehr richtig verstanden wird. Denn
die meisten Menschen denken dabei an "Menschenopfer", "Tieropfer"
oder - wenn sie christlich sind - an den Opfertod Jesu. Alle diese Assoziationen
sind nicht sehr ansprechend; kein Wunder, dass sich Widerstand regt, wenn
nun erwartet wird, dass der "Opfercharakter" der Messe neu akzentuiert
werden soll. Da hilft es auch nicht, wenn das Messopfer die "unblutige"
Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers Jesu ist.
Aber dahinter steht ein viel zu enger, auf blutige Hinrichtungen eingeschränkter
Opferbegriff. Natürlich ist es richtig, dass in der frühen biblischen
Zeit - und in vielen archaischen Kulturen heute - Tiere geopfert werden; sicherlich
kein schöner Anblick. Aber es ging den Menschen dabei nicht um das Blutvergießen;
das geopferte Tier war ein Geschenk an Gott - ein sehr wertvolles Geschenk,
denn Tiere waren für Nomaden ein wertvoller Besitz. Ja, es kann ohne
Übertreibung gesagt werden, dass Tiere Symbol des eigentlichen Reichtum,
des materiellen Besitzes schlechthin waren. (Kein Nomade schleppte das schwere
und unpraktische Gold mit sich herum - der Goldreichtum war erst eine Erfindung
derjenigen, die in Palästen wohnten).
Aber, was auch immer in verschiedenen Kulturen der Opfergedanke war: Für
uns Christen ist Opfer immer auch "Hingabe" - vor allem aus Liebe.
Schon in der alttestamentlichen Opferkritik spricht Gott: (Jer 7,
21ff): So spricht der Herr der Heere, der Gott Israels: Häuft nur Brandopfer
auf Schlachtopfer, und eßt Opferfleisch! Denn ich habe euren Vätern,
als ich sie aus Ägypten herausführte, nichts gesagt und nichts befohlen,
was Brandopfer und Schlachtopfer betrifft. Vielmehr gab ich ihnen folgendes
Gebot: Hört auf meine Stimme, dann will ich euer Gott sein, und ihr sollt
mein Volk sein. Geht in allem den Weg, den ich euch befehle, damit es euch
gut geht.
Und im Markusevangelium heißt es: (Mk 12,32f): Da sagte der Schriftgelehrte
zu ihm: Sehr gut, Meister! Ganz richtig hast du gesagt: Er allein ist der
Herr, und es gibt keinen anderen außer ihm, und ihn mit ganzem Herzen,
ganzem Verstand und ganzer Kraft zu lieben und den Nächsten zu lieben
wie sich selbst, ist weit mehr als alle Brandopfer und anderen Opfer.
Das größte Opfer ist nicht das, was ich unter Schmerzen und Leid
mir abringe, sondern das, was ich aus Liebe tue - und was ich gerne tue. (Joh
15, 13: Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben
für seine Freunde hingibt.) So ist jede Hingabe, mit der ich z.B.
Kranke pflege, auch gleichzeitig Opfer - selbst wenn ich es gerne tue.
Gerade, weil ich es gerne tue - voller Freude, aus Liebe - ist es eine um
so größere Liebe und Opfergabe.
Ja, auch die Ganzhingabe z.B. in der Ehe ist Opfer, Hingabe und Liebe zugleich.
Und so kann auch der Kommunionempfang - selbst wenn er die Form eines
Mahles hat - als Hingabe verstanden werden: Ich gebe mich in
die Liebe (in das Opfer) Jesu Christi hinein und bin doch der Beschenkte.
So, wie sich auch Eheleute einander hingeben und zugleich Beschenkte sind.
Vielleicht hilft diese notwendige Erweiterung des Opferbegriffes, um deutlich
werden zu lassen, dass der Opfergedanke in der Messe hochaktuell und zutiefst
beglückend ist (und gar nicht legalistisch und antiquiert). Die Wiederentdeckung
des Opfercharakters ist daher kein Rückschritt in der Liturgieentwicklung
- weil der Verlust des Opfergedankens kein Fortschritt gewesen ist. Eine Verkleinerung
der Liebe und ihrer Auswirkungen ist niemals ein Fortschritt.
Ist die Messe ein Mahl?
Die Kommunion ist sicherlich ein Mahl - das kommt zwar beim Kommunionempfang
durch die modernere Form des "Schlange-Stehen" oft weniger zum Ausdruck
als anderswo durch das gemeinsame Hintreten an die Kommunionbank. Der "Tisch
des Mahles" ist dabei die Kommunionbank, an der sich die Gemeinde zum
Mahl zusammenfindet und gemeinsam kommuniziert (früher war es üblich,
die Kommunionbank zum Kommunionempfang mit weißen Tüchern zu decken).
Aber die ganze Messe deshalb als "Mahl" zu bezeichnen, ist schon
etwas schwieriger; vor allem dann, wenn dadurch der Opfercharakter verdrängt
wird. Der Kommunionempfang ist ja nicht das eigentliche Geschehen der Messe,
sondern eher dessen Frucht. Das, was in der Messe geschieht, ist ein Tun Gottes
- und nicht das menschliche "Miteinander essen". Eine Überbetonung
des Mahlcharakters läuft heute wieder Gefahr, das menschliche Tun in
den Vordergrund zu rücken - was ja auch der Zeit vor dem Konzil
vorgeworfen wird.
In einem anderen, tieferen Sinne ist natürlich die ganze Messe
eine Mahlfeier: So, wie das Korn gemahlen werden muss, damit es zum Brot werden
kann, so lassen wir uns im Gottesdienst "mahlen" - und feiern das!
Denn so werden wir vom geschlossenen Korn in eine neue offenere Form gebracht:
Die Form des Brotes.
"Aus vielen Körnern ist ein Brot geworden: So führ auch uns,
o Herr, aus allen Orten zu einer Kirche durch dein Wort zusammen in Jesu Namen.
" (Gotteslob)
"Weizenkörner, Trauben, hört von unserm Glauben. Wer nicht
aufgerieben wird, wer sich das erspart, der bleibt hart, bleibt hart. Weizenkörner,
Trauben, hört von unserm Glauben: Wer nicht in die Mühle fällt
und leidet keine Not, wird kein Brot, wird kein Brot." (NGL, Peter Janssens)
In unserer Kirche hat sich seit jeher die Vermeidung von Vereinseitigungen
bewährt: Das "et-et", das "sowohl - als auch" sollten
wir immer gut im Auge behalten; auch dann, wenn es um die Frage nach Opfer
bzw. Mahl, göttlichem Tun bzw. menschlichem Mitwirken oder besonderem
Priestertum bzw. allgemeinem Priestertum geht.
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