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Frequenty asked question - "Die Frage nach den wiederverheiratet Geschiedenen"

Häufig gestellte Fragen - und mögliche Antworten der katholischen Kirche

In der FAQ-Abteilung unserer Site haben wir Fragen und Antworten zusammengestellt, die durch Anfragen (vor allem per eMail) entstanden sind - also, so hoffen wir, aus dem Leben gegriffen.

Hast Du noch eine Frage, die Du hier nicht findest? Dann maile mir! Wenn Du willst, wird Deine Anfrage gerne auch vertraulich behandelt.

1. Warum redet die Kirche immer nur von der Sexualität!?!

Wer sich nur aus der Boulevard-Presse über die katholische Kirche informiert, der könnte den Eindruck haben, die kirchliche Verkündigung hätte kein anderes Thema als die Sexualität. Ein Blick dagegen in den Katechismus der Kirche, eine Dogmensammlung, oder schließlich in die Bibel selbst lässt den gegenteiligen Eindruck entstehen: Wer dort etwas über die Sexualität lesen will, der muss richtiggehend suchen. In der Bibel wird man sogar schneller fündig als im Katechismus.
Woran liegt diese unterschiedliche Wahrnehmung? Die Schuld allein den Medien zuzuschieben, wäre voreilig; denn die Nachrichten-Redaktionen wählen auch nur die Themen aus, die sich gut verkaufen lassen. Die Aussagen der Kirche stoßen offensichtlich auf großes Interesse und Entsetzen gleichermaßen - und zugleich will die Kirche von ihren Aussagen nicht lassen.
Dabei wäre es doch ein leichtes, die Sexualmoral zu ändern und zu modernisieren (in der evangelischen Kirche geht's doch auch) oder - vielleicht noch besser - einfach beiseite zu lassen. "Warum mischt sich die Kirche in mein Sexleben ein?!" ist ein häufiger Protest, der durch eine einfache Streichung der entsprechenden Inhalte aus der Lehre der Kirche zu entkräften wäre.
Nun kann die Kirche die Moral nicht einfach nach ihrem Gutdünken ändern (darauf haben wir in zahlreichen Katechesen ausführlich hingewiesen); genauso wenig kann eine Gesellschaft moralische Grundsätze nach eigenem Belieben aufstellen. Es ist klar: Die Kirche kann nicht einfach den Hexen oder Andersgläubigen das Lebensrecht absprechen - genausowenig wie ein Staat Juden oder Homosexuelle vergasen darf. Die Menschenrechte sind allen Staaten, Kulturen und Religionen vorgegeben.
Aber - so meinen manche - die Sexualmoral gelte eben nicht für alle Staaten, Kulturen und Religionen. Dieser Bereich der Moral sei subjektiv, zeitbedingt und relativ und habe sich eben oft gewandelt; was früher verboten war, ist heute üblich. Die Kirche habe diese Entwicklung nicht mitgemacht, vermutlich aus Unaufmerksamkeit für die wirklichen Belange des Menschen. Das wäre schlimm; noch schlimmer erscheint unseren Zeitgenossen allerdings der wahre Grund für das Festhalten an der überlieferten Moral auch in sexuellen Fragen: Wir Katholiken glauben, die Sexualmoral beschreibt (wie das Recht auf Leben und auf körperliche Unversehrtheit) tatsächlich ein überzeitliches Menschenrecht.

Das allein scheint vielen Zeitgenossen schon bizarr. Sexualität? Das ist doch eine Triebbefriedigung wie das Essen oder Trinken! An einer Sexualmoral festhalten, die sich seit der Antike nicht mehr gewandelt hat, ist so ähnlich, wie an der Ernährungslehre der alten Ägypter festhalten und dafür lieber Mangelernährungen und Krankheiten in Kauf zu nehmen. Ja, noch schlimmer: Die Kirche schließt sogar Menschen aus ihren Reihen aus, die eine abweichende Ansicht zur Sexualität haben! Das ist ja genauso idiotisch wie Vegetarier den Zutritt zur Metzgerei zu verwehren!

Einfach absurd, diese Kirche.

Wie soll ich aus dieser Analyse herauskommen? Wir kann die Kirche überhaupt aus dieser Situation entkommen? - Nun, ich behaupte nicht, den alleinigen Ausweg zu kennen. Es gibt vermutlich vieles, das die Kirche ändern sollte - in ihrer Sprache, in ihrem Denken und in ihrer Verkündigung. Aber eben nicht in ihrer Moral; auch nicht in ihrer Sexualmoral. Erneuern kann sie allerdings, wie sie diese erklärt.

Lange Zeit hatte die Kirche eine Begründung ihrer Normen nicht nötig - sie galten lange genauso unhinterfragt, wie die moralische Feststellung, dass man seine Mutter nicht schlagen darf. Irgendwann hat die Kirche (also: ihre Mitglieder, vom einfachen Christen bishin zu den Priestern und Bischöfen) verlernt, zu begründen, was sie zur Sexualität zu sagen hat. Schließlich hat sie begonnen, über dieses Thema zu schweigen; aus Sprachlosigkeit wurde letztendlich Hilflosigkeit.
"The way back" besteht also darin, die Einsichten wieder auszugraben, die zur christlichen Sexualmoral geführt haben; die Gründe wieder zu sehen; angemessene Worte zu finden und schließlich voller Überzeugung und Warmherzigkeit vom unverzichtbaren Wert der Sexualität zu reden.
Sexualität ist nämlich nicht auf den Sexualtrieb zu reduzieren. Sexualität ist eine Sprache der Liebe; die Umsetzung von tiefer seelischer Zuneigung in einen körperlichen Ausdruck. Gott hat so einen Weg auch gewählt, als er Mensch wurde - der irdische Leib und die Seele Jesu geben uns die Möglichkeit, der himmlischen Liebe Gottes zu begegnen. Sexualität ist eben nicht nur (wie z.B. Essen und Trinken) ein Trieb der Selbsterhaltung, der durch Kultur etwas aufgewertet wird. Aus dem Trieb (der uns Menschen mit dem Tier verbindet) wurde durch die Freiheit des Menschen (die uns vom Tier unterscheidet) unsere Gottebenbildlichkeit. Mann und Frau sind Ebenbild Gottes: Sie lassen die Liebe (ihre größte geistige Freiheit) in einem körperlichen Ausdruck Wirklichkeit werden.
Wir könnten auch darauf verweisen, dass Jesus viele Gebote des Alten Testamentes gebrochen und unnütze Traditionen der Menschen aufgehoben, aber mehr als ausdrücklich gerade die Unauflöslichkeit der Ehe wieder ins Bewusstsein gerufen hat. Die Idee, die Ehemoral (und damit verbunden auch die Sexualmoral in dem Sinne, in dem sie heute angegriffen wird) sei nicht zeitbedingt, sondern "göttlichen Rechts", hat sich die Kirche also nicht selbst ausgedacht; diese Erkenntnis wurde ihr von Jesus eröffnet.
Wir könnten darauf verweisen - aber ich gebe zu, in der Diskussion mit Menschen, die sich schon um einiges von Glauben und Kirche entfernt haben, bewirkt das Argument nicht viel. wenn Jesus für sie kein Maßstab ist. Für die Kirche ist er das natürlich, und daher die Ehemoral auch unaufgebbare Pflicht, die vom Herrn persönlich bekräftigt wurde.
Moral soll dieses hohe Gut schützen. Moral heißt nicht, alles bis ins Kleinste zu regeln; die Kirche will also niemandem bis ins Schlafzimmer hinein vorschreiben, was genau er zu tun hat. Aber - und daran halten wir unvermindert fest - wenn unsere Beziehungsfähigkeit etwas mit dem ewigen Heil zu tun hat (und Sexualität ist nichts anderes als ausgedrückte Beziehung), dann gibt es schon einiges, dass Du nicht darfst. Wenn "Beziehungsfähigkeit" sogar mit "Heiligkeit" umschrieben werden kann, dann ist es unsere Pflicht vor dem zu warnen, was Deine Beziehungsfähigkeit ruinieren kann - oder die Beziehungsfähigkeit derjenigen, die Du verletzt. Wenn wir den ermutigen sollen, der seine irdische Zeit nutzt, um in seiner Beziehungsfähigkeit zu wachsen und zu reifen, dann müssen wir auch den warnen, der seine Beziehungsfähigkeit aufs Spiel setzt. Somit ist die Frage nach Ehe, Familie, Sexualität und Liebe immer auch eine Frage der Moral: Nirgendwo ist der Mensch so verletzlich wie da, wo sein Leib zum Ausdruck von Liebesbeziehungen bestimmt ist. Kaum eine Sünde trifft den Menschen so sehr ins Mark wie sexueller Missbrauch, Vergewaltigung, Ehebruch, sexualisierte Gewalt, Zwangsprostitution und Menschenhandel.

Eine Theologie des Leibes ist nötig, denn die Welt, in der wir leben, zeichnet sich im Gegensatz zur katholischen Theologie nicht durch größere Leibfreundlichkeit aus, sondern durch zunehmende Geringschätzung des Leiblichen. Unsere Zeit ist auf eine hintergründige Weise viel leibfeindlicher, als es frühere Zeiten gewesen sind. Eine neue Wertschätzung des Leibes und eine Aufwertung der Sexualität - auch in der Verkündigung! - ist notwendig. Reden wir wieder von der Liebesbeziehung von Mann und Frau, durch die sie ein Bild unserer Gottesbeziehung ist!

(Siehe dazu die Katechese zur "Sexualität", zur "Ehe" und zum "6. Gebot").

2. Die Lösung aller Probleme wär' so einfach!

Ich werde oft darauf angesprochen, dass es doch seltsam ist, dass gerade in dieser Frage nicht nur die Ansichten von Bischöfen und Kirchenvolk auseinandergehen (das kommt vor, viel häufiger, als man denken mag!), sondern dass sogar die Bischöfe unter sich sehr unterschiedlicher Meinung sind - und sogar Kardinäle sich gegenseitig korrigieren.
Dabei sind sich fast alle Kardinäle, Bischöfe, Priester und Theologen einig: An der Würde und dem Schutz der Ehe soll nicht gerüttelt werden. Was für moralische Konsequenzen aus dem "Schutz der Ehe" folgen, wird dann überraschend kontrovers diskutiert.

Woher kommt das?

Nun - wir sind alle Kinder unserer Zeit. Es gibt offensichtliche Zeiterscheinungen, die wir bemerken, die wir nicht wirklich wollen und deshalb auch klar ablehnen können. Aber manche Entwicklungen sind so hintergründig, dass wir sie kaum wahrnehmen - und uns deshalb nur schwer davon frei machen können.
Für die Frage nach der Ehemoral (also nicht nur für die Frage nach Scheidung und Wiederheirat, sondern auch für die Definition von Ehebruch, die Bewertung von außerehelichem Geschlechtsverkehr und homosexuellen Beziehungen) ist in der katholischen Theologie immer wieder ein Gedanke entscheidend: Der Geschlechtsverkehr soll ehegründend sein; deshalb wird er auch in kirchlichen Texten immer der „eheliche Akt“ genannt.

Einmal angenommen, wir würden das nicht mehr so sehen. Nehmen wir einmal an, der Geschlechtsverkehr sei schon etwas ganz besonderes, aber eben nicht unlösbar mit dem Eingehen einer Ehe verknüpft; angenommen, der einvernehmlicher Sex von ‚consenting adults’ (freien und erwachsenen Menschen) sei nichts anderes als die freie Betätigung zweier Menschen, die einander körperlich genießen wollen, mit mehr oder minder großer Liebe zueinander: dann würde sich die ganze katholische Sexualmoral in Wohlgefallen auflösen. Der strategische Vorteil liegt auf der Hand: Es gäbe keinen Konflikt mehr zwischen Welt und Kirche; keinen Konflikt mehr zwischen Christ-sein und Zeitgenosse-sein - zumindest nicht in dieser Frage.
Es geht hier nicht um eine Strategie, Attraktivität der Kirche zu vergrößern; es geht um eine Sachfrage: Ist eine körperliche Handlung (der Geschlechtsverkehr) von so enormer Bedeutung, dass davon die Beziehungen des Menschen lebenslang beeinflusst werden? Und zwar in rechtlicher, theologischer, spiritueller und gesellschaftlicher Hinsicht? Oder, nochmal: Ist der eheliche Akt ehegründend?
Natürlich kommt nicht bei jedem Geschlechtsverkehr tatsächlich eine Ehe zustande. Aber wenn der "eheliche Akt" ehegründend ist, dann ist der Sex außerhalb der Ehe oder ohne Ehewillen ein Mangel - oder gar eine Lüge. Nicht gut. Gar nicht gut.
Der Vorschlag, dem Geschlechtsverkehr nicht mehr die ehegründende Wirkung zuzumessen, sondern die Ehe nur noch als Vertrag anzusehen, der eben durch den Ehewillen geschlossen wird, mag modern sein - er ist aber nicht katholisch, ja nicht einmal natürlich. Weil (aufgepasst, jetzt kommt eine Überraschung) er leibfeindlich ist. Denn eine Ehe, die nur noch durch einen Willensakt geschossen wird, aber keine leibliche Entsprechung mehr hat, entleert die Sexualität und macht die Ehe zu einer leiblosen Einrichtung.
Das war die Überraschung: Die Kirche, der doch immer Leibfeindlichkeit vorgeworfen wird, ist so, wie sie ist, weil sie eben nicht die unbemerkte, wahre Leibfeindlichkeit der Welt übernehmen kann und will!
Es mag seltsam klingen, dass die Kirche an einer Bedeutung der Sexualität festhält, von der die Zeitgenossen glauben, dass sie dadurch zahlreicher Freuden beraubt werden. Aber damit müssen wir wohl leben. Wer aber erkennt, dass die Kirche nichts anderes möchte, als die Einheit von geistigem Entschluss ("Nur du, und du für immer!") und seinem körperlichem Ausdruck zu schützen, der wird uns verstehen. Selbst, wenn er nicht gläubig und auch nicht katholisch ist.

3. Ist das nicht alles nur unbarmherzige theologische Prinzipienreiterei?

Jemand der (wie ich jetzt) über die leidvolle Situation bestimmter Menschen schreibt und sich dabei Gedanken darüber macht, was "gut" und "böse", "erlaubt" oder "verboten" unter diesen Umständen bedeuten, steht ganz klar unter dem Verdacht, nur theologische Prinzipien zu verteidigen. Mir wird dieser Vorwurf immer wieder gemacht - egal, um welche moralische Frage es sich handelt. Die kirchliche Verkündigung steht leider unter dem grundsätzlichen Verdacht, nur ihre Traditionen verteidigen zu wollen. Und das gehe eben oft genug auf Kosten der Menschen, für die die Kirche doch eigentlich da sei.
Es heißt: manche Theologen bestreiten, dass die Kirche für die Menschen da sei - es gehe doch vielmehr darum, die Lehre Christi zu verkünden und den Anspruch Jesu, uns die Wahrheit zu offenbaren.

Ich halte diese Gegenüberstellung für fatal. Die Kirche hat von Jesus einen klaren Auftrag erhalten: uns Menschen ein "Leben in Fülle" zu ermöglichen. Glücklicherweise müssen Christen auf dem Weg zu einem "erfüllten Leben" nicht alle möglichen Wege ausprobieren (und währenddessen immer wieder auf falsche Versprechungen selbsternannter Moralapostel hereinfallen); denn der Weg zum Glück ist gut markiert. Weil Jesus von sich sagt: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!", legt die Kirche wert darauf, Seinem Beispiel und Seiner Lehre zu folgen.
Die Kirche darf also nicht eine Moral verkünden, die Dich ins Unglück führt. Sie ist aber auch nicht so frei, Wege als "moralisch unbedenklich" zu bezeichnen, wenn sowohl das Beispiel oder die Predigt Jesu als auch die eigene Erkenntnis vor diesem Weg warnen.

4. Warum lehrt die Kirche immer nur eine Verbotsmoral?!

Sehr häufig tauchen in Argumentationen, Einwänden und Vorwürfen die Sätze auf: "Und dann verlangst Du ernsthaft von jemand, der schuldlos verlassen wurde....?!" - "Dann gewinnt jemand vielleicht nach langer Zeit wieder Vertrauen, und dann verurteilt die Kirche....!" - "Und dann kommt - von oben herab, unglaublich arrogant - das Urteil, dass man das neugefundenen Glück..."
Ja, das kann ich verstehen. So wirkt die Kirche tatsächlich, und so wirkt vermutlich auch das, was ich sage. Mag ich mich im Folgenden noch so vorsichtig ausdrücken, der Eindruck von Herablassung, Arroganz und Verbotsmoral ist nur schwer zu vermeiden.
Aber, das magst Du mir glauben oder nicht, es geht mir nicht um die Verurteilung einer Person und - überraschenderweise - auch nicht einer Handlung. Es geht mir überhaupt nicht um Moral, sondern um ein Ideal. Ein Ideal, das ich in vielen Beziehungen real, verwirklicht und gelebt wiederfinde: Das Ideal einer Beziehung, immer und unter allen Umständen zum Partner zu stehen ("Don't leave Your partner behind!"). Eine Beziehung, die selbst, wenn Du bösartig verlassen wirst, die Hoffnung niemals aufgibt. Das Ideal, sich zwar notfalls vom Partner zu trennen (wenn es Dein Selbstschutz verlangt) und viele neue und gute Freundschaften einzugehen (wenn es Dir geschenkt wird), aber eine Stelle im eigenen Leben freizuhalten, die nur dem Ehepartner zusteht. Ein Zeichen der Hoffnung und des Glaubens selbst unter großem Verzicht zu leben; Freude zu empfinden und zu schenken, obwohl es eine schmerzende Stelle in Deinem Leben gibt; im Verzicht und im Unglück noch einen Sinn zu entdecken: Die Liebe. Und diese gerne zu leben.

Dieses Ideal verkündet die Kirche und hofft, dass die Christen von sich aus danach streben. Darum geht es auch mir. Es geht nicht um die Verkündigung von Strafen, Verurteilungen und Verboten. Indem wir etwas als "gut" bezeichnen, wird zwar das Gegenteil auch als "schlecht" qualifiziert. Aber eigentlich geht es darum, das "Gute" strahlen zu lassen; sich zu wünschen, es auch leben zu können; sich zutrauen, das Große anzustreben - weil Gott uns das Große zutraut.
Als Verbotsmoral empfindet die Verkündigung des Guten und Schönen meist derjenige, der sich bereits anderen Dingen zugewandt hat. Auch die Unauflöslichkeit der Ehe empfinden nicht diejenigen als Zumutung, die frisch verliebt die erste Ehe eingehen wollen; sondern diejenigen, die sich bereits in der zweiten Beziehung befinden. Dennoch ist das Ziel der kirchlichen Verkündigung nicht der Tadel der Verfehlung eine Ideals, sondern Deine eigene, freiwillige und innere Ausrichtung darauf.

5. Wie kann ich das Ideal zurückgewinnen?

Wenn wir also ein Ideal als zu hoch und unerreichbar empfinden, sind wir meistens schon an einer falschen Stelle abgebogen und befinden uns bereits in einer Sackgasse. Wir bedürfen deshalb der Umkehr.
Aber - immer noch: ganz wichtig!!! - auch jetzt geht es nicht um ein Einbläuen von Verboten, sondern um die Rückgewinnung des Ideals. Nur dadurch bekommen wir die Freude und den eigenen Willen, in der Umkehr keinen Verlust zu sehen, sondern ein Zurückgewinnen.

Falls Du von einem Freund zu einem wunderbaren Urlaub eingeladen wirst und im Urlaub entdeckst, dass Dein Freund das Geld für den Urlaub gestohlen hat, so ist es sicherlich ein Verlust, den Urlaub abzubrechen. Und ein Abbruch kostet vielleicht sogar noch zusätzliches Geld. Dennoch ist die Abreise nicht nur ein Verlust, sondern zugleich die Rückgewinnung eines Ideals: Den Menschen, die um ihr Geld betrogen wurden, zu ihrem Recht zu verhelfen und Deinem Freund die Möglichkeit zu bieten, Deinem Beispiel zu folgen.
Wenn Dein Mann Dich verlassen hat und Du einen anderen, guten und treuen Partner gefunden hast, der auch Deinen Kindern ein guter Vater ist, dann ist die Zurückstufung Eurer Beziehung auf das Niveau einer guten Freundschaft und - wenn möglich - einer Erziehungsgemeinschaft sicherlich ein Verlust.
Wenn Du aber Dein Versprechen Deinem ersten Mann gegenüber vor Augen hast, Ihn nicht aufgeben möchtest (obwohl er Dich aufgegeben hat), auf dessen Umkehr und Reue hoffst und auch Gott zutraust, ein Wunder zu wirken - dann ist der augenblickliche Verlust zugleich die Rückgewinnung eines Ideals. Ein Ideal allerdings, das sicher schwer zu leben ist. Vielleicht kehrt Dein erster Mann nicht zurück. Dennoch lebst Du nun eine Hoffnung, die für viele ebenfalls kämpfende Ehepaare ein Vorbild sein kann; zudem für viele glücklich Verheiratete eine Bestätigung und Kraftquelle ihrer Treue und Liebe; für Deinen neuen Partner, der nun die Aufgabe eines guten Freundes übernimmt, für Deine Kinder und für Dich ein Zeichen, dass manche Liebe ihre Erfüllung erst in einem kommenden Leben findet. Du wirst gewinnen: Wenn auch nicht unbedingt einen Ehepartner, so doch einen übernatürlichen Glauben, der sichtbarer kaum gelebt werden kann.

6. Ist es nicht ein Zeichen von Schwäche, das Glück in der Befolgung von Regeln zu suchen?

Vielleicht meinst Du, das Befolgen der Gebote führe Dich nicht zum Glück, sondern ins Unglück. Vielleicht glaubst Du meinen Worten (im letzten Abschnitt) nicht, vielleicht hast Du gute Gründe anzunehmen, dass ein Leben nach der kirchlichen Lehre Dich in unüberwindliche Schwierigkeiten bringen wird, für die Dir die Kräfte fehlen. "Ich kann das nicht mehr...!" - Glaube mir, ich kann das gut verstehen; ich kenne das selbst.
Vielleicht hilft es Dir ein wenig, zu wissen, dass die Bibel und die Offenbarung nicht verkünden, was Gott irgendwann mal als "gut" und "böse" festgelegt hat. Ob nun die Zehn Gebote oder die Bergpredigt: Es handelt sich bei der Verkündigung nicht etwa um die "Promulgation" eines Gesetzes. "Von nun an gilt Folgendes als verboten!" Vielmehr versteht sich als gut und böse das, was den Menschen zum Glück führt.

Okay - manches führt nicht immer zum Glück, manches nur meistens oder nur unter bestimmten Umständen. Aber deshalb unterscheiden wir auch Handlungen, die nur "unter bestimmten Umständen" gut sind, Handlungen, die "nicht angemessen" sind, von Handlungen, die in sich schlecht sind. Nur die letztgenannten widersprechen immer der Natur der Schöpfung, des Menschen und der Gott-Mensch-Beziehung. Wenn wir Dich davor warnen, dann deshalb, weil sie nicht zum Leben führen.
Eigentlich können wir solche Handlungen selbst erkennen. Eine Offenbarung gibt es nur, weil wir in dieser Erkenntnis Nachhilfe brauchen. Unsere natürliche Erkenntnis des Weges zum Glück ist nämlich getrübt; ein paar Hinweise Gottes helfen uns also auf die Sprünge, ersetzen aber nicht unser eigenes Erkennen und Bedenken.
Wenn wir also darauf verweisen, dass bereits Jesus die Unauflöslichkeit der Ehe nachdrücklich in Erinnerung gerufen hat, dann nicht wie jemand, der auf ein Gesetz verweist ("So steht's nunmal da, jetzt können wir auch nichts dran ändern..."); sondern wie jemand, der Dich daran erinnert, was Du vielleicht vergessen hast.
Wie jemand, der Dich vor einer Wanderung auf Gefahren aufmerksam macht - und Du dich später daran erinnerst: "Da hat doch mal jemand gesagt, dass hier ein Abgrund ist - vielleicht sollten wir nur vorsichtig weitergehen...!".
Der Abgrund entsteht nicht erst durch die Warnung, er ist auch unabhängig von den Warnschildern oder Ratschlägen vorhanden. Aber die Hinweise bewahren mich davor, die Gefahr zu übersehen oder zu unterschätzen.
Wir müssen der christlichen Moral nicht unbesehen folgen; sogar Jesus begründet immer wieder das, was er verkündet. Aber wir dürfen den christlichen und kirchlichen Geboten vertrauen.
Damit verbunden ist die sichere Hoffnung, dass die Gebote, die Lehre Jesu und das Beispiel der Bibel uns den Weg zum Leben weisen. Das ist unser Glaube und unser Vertrauen auf die Güte Gottes und Seine väterliche Liebe!
Deshalb sprechen wir von der sicheren Hoffnung, dass es sich in jeder Hinsicht lohnt, die christlichen Gebote zu befolgen. Hoffnung ist eine theologische Tugend; das heißt, sie ist eine Haltung, die auf die Zusage Gottes vertraut. "Wer mein Wort hört und danach handelt, ist wie ein Mann, der sein Haus auf Felsen baut." Die Zusage Gottes, uns den Weg zum Leben zu weisen, gibt größere Zuversicht und sichere Hoffnung.
Das gilt natürlich nicht gleichermaßen für rein menschliche Gebote oder vorübergehende Moralvorstellungen. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass die Frage, die wir hier diskutieren, zu den Dingen gehört, die Gott uns garantiert.
Allerdings sollten wir uns davon verabschieden, in den Geboten einen Weg zu erfolgreichem irdischen Leben zu sehen. Ein Blick auf christliche Märtyrer, auf die Opfer von Gewalt, Terrorismus und organisiertem Verbrechen, zeigt schnell, dass ein ehrliches, aufrichtiges und christliches Ideal für unser irdisches Leben oft genug Nachteile hat - und gelegentlich sogar zum Tode führt. Ich verweise also ausdrücklich darauf, dass gerade die christliche Moral (im Grunde aber auch jede andere Moral) nur denjenigem zu einem erfüllten Leben führt, der im Tod nicht das Ende eines jeden Lebens sieht.
Aber das ist keine Vertröstung (und auch kein Opium, das betäubt und passiv macht), sondern eine Haltung, die jetzt schon in allem, was wir unserem Ideal entsprechend tun, einen Sinn aufleuchten lässt. Es macht Freude, Christ zu sein - nicht erst im kommenden Leben.

Und letztlich ist diese Freude auch das Licht, das anderen leuchtet. Woran sollen denn die Nicht-Christen erkennen, dass wir einen großen Glauben haben, wenn nicht an der Großartigkeit selbst der kleinsten Taten?

Dass Menschen im Nationalsozialismus ihr Leben riskiert (und auch verloren) haben, nur um zum Tode verurteilten Juden ein Stück Brot zu reichen, ist so eine kleine Tat, die an Großartigkeit nicht zu überbieten ist - und die, weltlich gesehen, keinen Sinn ergibt: Sie macht einen Menschen, der sowieso wenig später tot ist, noch nicht einmal annähernd satt - und riskiert dafür das eigene, bislang ungefährdete Leben. Sinnlos! Aber dieses Stück Brot ist wie ein Licht in einer ansonsten trostlosen Welt, das heller strahlt, als alle meine Predigten zusammengenommen. Da bin ich mir sicher.

7. Warum verzeiht die Kirche nicht die Scheidung - oder zumindest das Scheitern der ersten Ehe?

Ich will keinem Theologen, Bischof, Kardinal oder Priester vorwerfen, das Problem der Wiederheirat nach einer Scheidung bewusst zu vernebeln. Aber viele Argumente ergeben sich aus einer falschen Begründung, Darstellung oder Reduzierung des eigentlichen Problems. Der Kern, um den es hier geht, ist nämlich die Wiederheirat - nicht die Scheidung.

Oft heißt es, in der katholischen Kirche seien die Geschiedenen nicht mehr zu den Sakramenten zugelassen. Das ist nicht korrekt: Um von den Sakramenten ausgeschlossen zu werden, muss jemand öffentlich und auf Dauer in "sündigen Verhältnissen" leben (besser wäre die Formulierung: "in objektiv der kirchlichen Moral widerstreitenden Verhältnissen" - aber lassen wir mal das Theologendeutsch). Eine einzelne sündige Tat - und mag sie noch so schwer sein - trennt niemals auf Dauer von Gott, der Kirche und den Sakramenten; jede Sünde kann vergeben werden. Das gilt auch für die Trennung in der Ehe, die Zerrüttung einer Beziehung und die Scheidung einer ehelichen Gemeinschaft. Wer aber eine zweite Ehe eingeht, begibt sich in einen Zustand, der - wie gesagt - öffentlich und auf Dauer angelegt ist. Dieser Zustand - die zweite Ehe - ist das Problem.

Das soll allerdings nicht bedeuten, dass die Scheidung (unabhängig von einer Wiederheirat) kein Problem sei. Es ist immer ein Unglück, wenn Menschen einander nicht mehr ertragen können und sich aus dem Weg gehen - aber es kann unter Umständen nötig sein. Als Beispiel wird oft auf die vom Mann geschlagene Frau verwiesen: Selbstverständlich ist es ihr gutes Recht - ja, sogar ihre Pflicht - sich zu schützen und in Sicherheit zu bringen. Das gilt natürlich auch für physische und psychische Gewalt dem Mann oder den Kindern gegenüber.
Aber auch, wenn eine Trennung notwendig sein sollte: Sie bleibt ein Übel und sollte nur dann erwogen werden, wenn das Fortbestehen der ehelichen Gemeinschaft auch objektiv das größere Übel wäre.

8. Warum verbietet die Kirche denen, die Hilfe brauchen, zur Messe zu gehen?

Manchmal fragen mich Kinder, ob denn ihre Eltern mit zum Schulgottesdienst kommen dürfen - denn immerhin wären diese ja geschieden. Nun, wir haben festgestellt, dass die Scheidung zwar ein Unglück ist, aber nicht von der Gemeinschaft der Kirche ausschließt. Vor allem aber - selbst bei auf Dauer angelegten sündigen Zuständen - wird keiner von den Gottesdiensten ausgeschlossen! Ganz im Gegenteil: Vor allem die Sünder sind eingeladen (weil wir ja auch alle Sünder sind)!
Es mag vielleicht unüblich sein, am katholischen Gottesdienst teilzunehmen, ohne die Kommunion zu empfangen - und so bleiben diejenigen einfach ganz Zuhause, die am Kommunionempfang gehindert sind. Aber das sollte ganz und gar nicht so sein! "Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken" (Mt 9,12) - dieses Wort Jesu verpflichtet die Kirche insgesamt.

Vielleicht sollten auch die Katholiken, die zwar zur Kommunion zugelassen, aber nicht immer mit ganzem Herzen dabei sind, auch ab und zu während der Kommunionausteilung in der Bank bleiben. Deshalb, weil man sich so den unschätzbaren Wert der Hostie vor Augen hält - und man es gleichzeitig anderen, die nicht zur Kommunion gehen können, leichter macht.

9. Warum werden die Wiederverheirateten exkommuniziert? Da gibt es doch schlimmere Sünden!

Wer sich einer schweren Sünde bewusst ist, diese aber noch nicht gebeichtet hat, sollte nicht zum Kommunionempfang gehen. Für uns Katholiken ist das zwar kein guter Zustand - aber auch keine Katastrophe. Wir sind alle Sünder, deshalb gehören wir ja zur Kirche.
Schlimmer ist es schon, wenn es Umstände gibt, die auch das Beichten einer schweren Sünde (vorübergehend) unmöglich machen. Allerdings wird deshalb aus dem Sakramentenausschluss keine Exkommunikation. Als wiederverheiratet Geschiedene(r) bist Du noch immer Mitglied der Kirche und Bestandteil der kirchlichen Gemeinschaft; lass Dir da nichts anderes einreden.

Mag sein, dass Du das eine oder andere Pöstchen nicht übernehmen kannst, solange dieser Zustand andauert. Aber was ist schon so erstrebenswert am Job des stellvertretenden Pfarrgemeinderatsvorsitzenden? (Nichts gegen die Inhaber dieser Posten; sie tun verdienstvolle Arbeit. Aber ich bin mir sicher: Sie wären genauso glücklich ohne diese Aufgabe).

10. Ist das Festhalten an der Unauflöslichkeit der Ehe nicht eine moralische Überforderung? Und das auch noch in Zeiten der persönlichen Krise?

Die Frage, ob eine Ehe denn wirklich und notwendig unauflöslich sein muss - "bis der Tod uns scheidet" - stellt sich häufig erst, wenn die kirchlich geschlossene Ehe scheitert. In diesem Augenblick fühlen sich Menschen, die vom Partner verlassen wurden, durch den Anspruch einer unauflöslichen Gemeinschaft total überfordert: "Muss das sein?!" - "Das kann doch keiner!" Du fühlst Dich vielleicht gezwungen, an einer Ehe festzuhalten, die von Deinem Partner (faktisch oder ausdrücklich) aufgekündigt wurde.
Nun gilt aber, dass keiner, der eine christliche Ehe eingeht, dazu gezwungen wird. Im Gegenteil, zur Voraussetzung für eine christliche Ehe gehört die ausdrückliche Versicherung, dass keinerlei Druck oder Zwang (auch kein innerer Zwang) der Freiheit entgegensteht. Zur christlichen Ehe gehört (neben der "Einheit", der "Offenheit für Nachwuchs" und der "Hinordnung auf das beiderseitige Wohl") die Unauflöslichkeit. Wenn Dich die Kirche also vor einer zweiten Ehe an Dein erstes Versprechen erinnert, so ist das kein plötzlich erhobener Anspruch. Du selbst bist derjenige, der diesen Anspruch und diese Verpflichtung einmal gewollt und Deinem Ehepartner deren Einhaltung zugesagt hat.

Ich könnte also antworten: Wenn die Unauflöslichkeit grundsätzlich eine moralische Überforderung ist - warum heiraten dann die Menschen nach wie vor? Vermutlich, weil sie ein Ideal haben, das nach wie vor gut, schön und erstrebenswert ist. Und: auch lebbar.

11. Kann jemand, der verliebt ist, überhaupt ein so großes Versprechen geben? - "Bis dass der Tod uns scheidet...!"

Manche verweisen darauf, dass sie bei der Eheschließung eine "Rosa Brille" aufhatten, die ihnen die Tragweite von "Einheit und Unauflöslichkeit" verschleiert hatten. Das mag für Dich rückblickend so wirken - denn tatsächlich hattest Du bei der Eheschließung noch nicht vor Augen, welche Entwicklung Deine Ehe nehmen würde.
Aber ich würde eher das Gegenteil behaupten: In Zeiten der Liebe sieht man mehr und eben nicht nur "rosa"; in Zeiten der Krise wird der Blickwinkel enger und das Blickfeld kleiner. Es scheint dann nur noch Schlechtes zu geben, alles spricht für eine Trennung und für ein rasches Ende. Erst, wer eine Krise überwunden gebracht hat, merkt, wie einseitig die Wahrnehmung in dieser Zeit geworden ist. Wer die Liebe zum Partner neu entfachen konnte, erkennt rückwirkend, wieviel er nicht sehen konnte und wollte.

"Liebe macht sehend!" - selbst wenn Du dieser Erfahrung nicht zustimmen solltest: Bei der Vorbereitung auf die Eheschließung bemüht sich der Pfarrer, die Wirklichkeit der Ehe von ihrem rosaroten Schleier (falls vorhanden) zu befreien. Das ist seine Aufgabe. Zu seiner Aufgabe gehört aber auch, darauf zu verweisen, dass die unauflösliche Ehe aus menschlicher Sicht ein unüberschaubares Risiko ist, - aber mit Gottes Zusage, er sei der Dritte im Bunde, wird aus dem Risiko eine Verheißung. Allerdings eine Verheißung, die Dir nicht verspricht, vor allem Leid bewahrt zu bleiben, sondern in allem Leid.

12. Muss die Ehe unauflöslich sein? Kann und soll die Kirche das nicht ändern?

Es bleibt die Frage, ob eine Ehe nun wirklich unauflöslich sein muss. Diese Eigenschaft ist keine beliebige Zutat der christlichen Ehe - sie ergibt sich aus dem, was Liebe eigentlich meint.
Wer zum Beispiel glaubt, Liebe sei ein Gefühl der Zuneigung, der kann selbstverständlich nicht garantieren, dass er diese Zuneigung ein Leben lang empfinden wird. Wer aber unter Liebe den Willen versteht, den geliebten Partner zum Glück zu führen, der hat keinen Grund, damit irgendwann aufzuhören. Und weil es keinen wirklichen Grund gibt, das Versprechen aufzugeben, alles für das irdische und ewige Glück des Partners zu tun, ist die Unbegrenztheit und Unauflöslichkeit eine Wesenseigenschaft. Eine Liebe, die dazu nicht bereit ist, ist keine wirkliche Liebe. Eine Ehe, die nicht die Ewigkeit will, ist keine christliche Ehe.

13. Das kann doch keiner!

Die Frage, ob der Mensch überhaupt zu einer lebenslangen Ehe fähig ist, drängt sich in Krisenmomenten auf. Letztlich kann ich Dir diese Frage aber nicht beantworten - zumindest nicht aufgrund von empirischen Untersuchungen. Es gibt genügend Beispiele für liebevolle Partnerschaften und gelingende Ehen bis ins hohe Alter; es gibt aber auch genügend gescheiterte Ehen, die man als Gegenbeispiele gelten lassen könnte. Haben sich die Partner in gescheiterten Ehen nicht genügend bemüht - oder sind die glücklichen Ehen zufällige Ausnahmen oder gar Illusionen?
"Durchhalten bis zum Schluss" kann vermutlich jeder - irgendwie. Aber genau in diesem "irgendwie" liegt das Problem. In einigen Ehen scheint es wichtig, bis zum Lebensende "durchzuhalten" - koste es, was es wolle. Andere würden solche Ehen als "Hölle" bezeichnen. Ist das durch eiserne Selbstdisziplin zusammengehaltene Paar denn noch eine Ehe? Ist das Liebe? "Wir bleiben zusammen, koste es, was es wolle!" - Ist das Liebe oder nur das Festhalten an einer gesellschaftlichen Norm?

Wir sind wieder bei der Frage angelangt, die ich am Anfang angesprochen habe: Eine Moral, die nur um der Normen und Werte willen gelebt wird, ist hohl - und kann zur Hölle werden. Das heißt aber nicht, dass wir die Moral ablegen müssen - sondern dass wir sie wieder "erden" und erfüllen müssen: Es geht ja um den Menschen, den ich liebe. Ihm zuliebe halte ich an meinem Versprechen fest - nicht um des Versprechens willen.

Erinnern wir uns: Die Ehe ist kein Selbstzweck - sie hat ein Ziel! Das bedeutet zwar, dass wir eine Ehe aufgeben müssten, wenn das ihr übergeordnete Ziel nicht mehr erreicht werden kann. Wir Christen sind jedoch der Ansicht, dass das Ziel einer Ehe - dass zwei Menschen sich gegenseitig liebevoll in den Himmel helfen wollen - niemals aufgegeben werden darf. Wer einem anderen Menschen die Möglichkeit abspricht, sich noch dem Himmel zu öffnen, übergibt ihn der Sinnlosigkeit! Jeder Mensch hat bis zu seinem letzten Atemzug noch die Chance, den Himmel zu erlangen: Das ist eine Glaubenswahrheit. Sie erschließt sich nicht jedem Menschen. Aber wir reden ja auch nicht von der Zivilehe eines säkularen Staates, sondern von der sakramentalen Ehe zweier Getaufter.

Auch das ist nicht neu: So meinten die Jünger auf die Aussage Jesu zur Eheentscheidung: "Wenn das die Stellung des Mannes in der Ehe ist, dann ist es nicht gut zu heiraten. Jesus sagte zu ihnen: Nicht alle können dieses Wort erfassen, sondern nur die, denen es gegeben ist." (Mt 19,10f).

14. Bestraft die Kirche auf diese Weise das Scheitern der ersten Ehe?

"Schuld sind immer beide!" - Wir alle kennen diesen Spruch - und oft genug ist auch etwas daran. Aber wir verkennen die Realität, wenn wir glauben, dass jede Ehe zu retten ist, wenn zumindest einer der Ehepartner guten Willens wäre.
Vor allem verstärken wir die Schuldgefühle von Ehepartnern, die zwar schuldlos verlassen wurden, sich aber nun ständig Vorwürfe machen, sie hätten mit ihrer Güte und Liebe den Bruch der Ehe verhindern können. Das mag in einigen Fällen tatsächlich so gewesen sein. Aber die Wirklichkeit ist oft anders: Es gibt durchaus Opfer, unschuldig Verlassene, die nicht gleichzeitig Täter sind.

Die Meinung der Kirche, eine Ehe würde auch nach einer einseitigen Trennung weiterbestehen, ist also keine Strafe. "Du hast mit Deiner mangelnden Liebe Deine Ehe nicht retten können - nun tue Buße dafür!"
Im Gegenteil. Dass auch eine Ehe weiterbesteht, die von Dir selber gar nicht aufgekündigt worden ist, ist keine Strafe, sondern eine Verheißung: Du kannst Deinem Versprechen immer noch nachkommen. Dein Tun, Glauben und Leiden haben einen Sinn, immer noch, auch für Deinen Ex-Partner. Du kannst Deinem Geliebten immer noch den Himmel offen halten - und wirst dabei selbst wie Christus, der uns darin Vorbild ist.

15. Meint das Versprechen "...bis der Tod uns scheidet!" soviel wie "bis zum Tod der Liebe"?

Manche Theologen (so zum Beispiel Jörg Müller, ein Psychotherapeut und Priester) schlagen vor, die Formel "bis der Tod uns scheidet" so zu interpretieren, dass damit der Tod der Liebe gemeint ist. Man sei also nicht mehr verheiratet, wenn die Liebe stirbt - selbst wenn die Ehepartner noch ein langes Leben vor sich haben.

Man darf diesen Theologen - wie auch allen anderen Priestern, Bischöfen und Professoren, die nach einer Linderung der moralischen Schmerzen suchen - nicht vorwerfen, einen leichten Weg zu konstruieren. Auch der Tod der Liebe sei ein schmerzhafter Prozess, der aber eben nicht durch eine Ehe verlängert werden dürfe, in der die Liebe nicht mehr lebe.
Diese Lösung ist dennoch nur eine scheinbare Lösung. Denn ein Mensch, der stirbt, ist endgültig tot (und dessen Tod ist objektiv feststellbar). Aber selbst, wenn wir unter "Liebe" mehr als nur ein Gefühl verstehen: Auch Regungen und selbst der Wille unterliegen Schwankungen, scheinen zu verschwinden und zu "sterben", können wiederbelebt, neu entfacht oder gefunden werden. Das Urteil "diese Liebe ist tot", ist gar nicht zu fällen; selbst subjektiv kannst Du Dir nicht sicher sein, ob tief in Dir drinnen nicht doch noch Liebe lebt. Und oft genug wächst die Liebe (wie auch der Glaube) zu neuem Leben heran, wenn man ihr entgegen aller realistischen Erwartung Zeit, Raum und Geduld gibt. Hoffnung auf neues Leben gehört seit Ostern zu den christlichen "Basics".

16. Warum verweigert die Kirche hier jede Barmherzigkeit?

Seelsorgern, die eine zweite Ehe ablehnen, wird oft "Unbarmherzigkeit" vorgeworfen. Hinter diesem Vorwurf steckt auch die (schon erwähnte) Vermutung, es ginge den Seelsorgern mehr um die theologische Korrektheit als um das Heil der Menschen. Zudem klingt in diesem Vorwurf der Gedanke an, Papst, Bischöfe oder Priester könnten eine zweite Ehe zulassen, wenn sie doch nur wollten. Da sie einfach nicht wollen, sind sie unbarmherzig.
Noch wichtiger an diesem Vorwurf der mangelnden Barmherzigkeit ist jedoch der Gedanke, dass sich die Barmherzigkeit auf die Änderung einer Moral richten soll.

Dieser Gedanke ist nicht neu, denn bereits im Alten Testament wurde die Strenge des Ehegebotes abgemildert.
Doch das ist kein Weg der Barmherzigkeit. Barmherzigkeit heißt, ein Herz auch für die Sünder, die Gefallenen und Gestrauchelten zu haben. Wenn ich den Menschen dagegen die Erlaubnis erteile, demnächst auch die Unwahrheit zu sagen, dann bin ich nicht barmherzig, sondern erkläre einfach alle Gefallenen, Gestrauchelten und Sünder zu aufrechten und vorbildhaften Bürgern.
Dass Jesus das Ehescheidungsverbot sogar verschärft hat, ändert nichts daran, dass er mit den Sündern, Prostituierten, Zöllnern und Gefallenen gegessen hat. Hätte Jesus lieber das Scheidungsverbot aufheben und stattdessen mit Herodes speisen sollen? Wäre das barmherziger gewesen?
Klarheit in der Moral ist also keine Unbarmherzigkeit, sondern die Voraussetzung für Vergebung und Erbarmen. Wer die Moral aufhebt und entschärft, entledigt sich dem Anspruch einer Zuwendung zum Sünder - weil es dann einfach keine Sünder mehr gibt. Barmherziger wird er dadurch nicht.
Was Jesus uns vorgelebt hat, ist - nebenbei bemerkt - auch einer meiner persönlichen Wahlsprüche: "fortiter in re - suaviter in modo" - "Klar in der Sache, mild in der Art und Weise". Wir helfen den Menschen - zum Beispiel in der Beichte - nicht dadurch, dass wir ihre Sünden verneinen, leugnen oder abschaffen, sondern indem wir ihnen Vergebung schenken.
Zudem steht jede Barmherzigkeit in Gefahr, zur Ungerechtigkeit zu werden, wenn sie eingeklagt oder organisiert wird. Denn ein grundsätzliches Entgegenkommen den Sündern diffamiert letztlich jeden, der mühsam und halbwegs erfolgreich die Sünde zu vermeiden sucht.
Einmal angenommen, eine Ehe wäre grundsätzlich nur für 50 Jahre verbindlich. Dann kann man schon mal hier und dort eine Ausnahme machen und eine Neuheirat auch nach 48 oder 45 Jahren zulassen - und in extremen Fällen auch schon ab 25 Ehejahren. Hier ist eine graduelle Großzügigkeit deshalb möglich, weil die "Ehescheidung mit Erlaubnis zur Wiederheirat" als möglich gedacht wird. Nur die Grenze dorthin wird flexibel gehandhabt.
Aber eine Ehe, die grundsätzlich unbegrenzt ist, kann nicht durch eine großzügige Barmherzigkeit "ein wenig weniger unbegrenzt" gehandhabt werden. Jede "vorsichtige Aufhebung" bzw. Einschränkung der Ehedauer wäre eine vollständige Absage an die Unauflöslichkeit.
Auch die Einschränkung "bis dass der Tod Euch scheidet" kann nicht flexibel gehandhabt werden: Ein "bisschen tot" oder "ein mehr oder weniger tot" gibt es nicht. Es wäre doch sehr seltsam, Opas Ehe aufzulösen und ihm eine Neuheirat zuzugestehen, weil Oma schon "quasi tot" ist.
So wird bei der Forderung nach der Möglichkeit der Ehescheidung und der Neuheirat oft übersehen, dass es Menschen gibt, die unter größten persönlichen Opfern um den Erhalt ihrer Ehe kämpfen oder - zum Beispiel nach dem Schlaganfall eines Ehepartners - die Ehe ungefragt über Jahre weiter leben. Ihnen zuzugestehen, dass ihr Opfer zwar bemerkenswert und sicher sehr ehrenwert ist, aber moralisch nicht nötig, ist sicherlich wenig barmherzig.

17. Die Kirche sollte verzeihen und einen Neuanfang ermöglichen!

Damit wendet sich der Anspruch der Kirche scheinbar gegen sie selbst: Soll die Kirche nicht vergeben, wenn ein Sünder darum bittet? Darf die Kirche einen Neubeginn verweigern, wenn man doch das Vergangene bereut? Wenn doch die erste Ehe ein Fehler war, sollte man nicht vergeben, vergessen und verzeihen?

Doch die Kirche bleibt sich hier treu: An der Vergebung der Sünden wird kein Abstrich gemacht, sie gilt unbedingt. Aber die Kirche hat eine leicht abweichende Meinung von dem, was denn vergeben werden soll: "Die erste Ehe? Wieso soll sie eine Sünde oder ein Fehler gewesen sein?" - Selbst, wenn der geschiedene (und vielleicht schuldlos verlassene) Ehepartner die erste Eheschließung bereut: Eine Sünde war sie nicht. Die Kirche kann deshalb auch nicht vergeben, was nicht von Übel ist.
Aber auch, wenn Du am Zerbrechen der ersten Ehe sogar überwiegend schuldig sein solltest: Mit dem Verzeihen und Vergeben dieser Schuld ist die Ehe nicht beendet - im Gegenteil, vielleicht hat sie jetzt erst recht eine Chance.

Wenn es im Zusammenhang mit einer Ehescheidung eine Sünde gibt, deren Vergebung schwierig ist, dann ist es die zweite Ehe - nicht die erste; auch nicht das Scheitern der ersten Ehe. Denn vergeben werden kann nur dem, der um Vergebung bittet. Jemandem, der vor Gott die zweite Ehe nicht als Schuld, sondern als gutes Recht ansieht - dem zu vergeben, wäre Anmaßung und ganz sicher nicht Gottes Art.

Ein Neuanfang ist dabei immer auf die erste Ehe bezogen. Ein solcher ist tatsächlich immer und jederzeit möglich - nichts würde die Kirche mehr unterstützen.

18. Das soll die Kirche dem Gewissen eines jeden Menschen überlassen!

Das Gewissen eines jeden Menschen ist für diesen Menschen die letzte und absolut verbindliche Instanz. Das verstehen einige Christen allerdings so, als wenn Deine eigene, persönliche Entscheidung von allen akzeptiert werden muss - falls Du Dich auf Dein Gewissen berufst.

Dagegen ist einzuwenden, dass das Gewissen zwar notwendig ist, um aus allgemeinen moralischen Erkenntnissen ("Du darfst keine unschuldigen Menschen direkt töten!") ganz konkrete und persönliche Handlungsanweisungen ("Dann darfst Du auch Deinen Nachbarn nicht den Gashahn aufdrehen!") zu machen. Die Normen selber entwickelt allerdings das Gewissen nicht - schon gar keine Fakten. Das Gewissen eines Menschen kann weder über die Jungfräulichkeit Mariens urteilen, noch über die Frage, ob das Töten von Kindern gut oder böse sei.

Das Gewissen ist wie ein (unbestechlicher) Richter, der Gesetze auf konkrete Fälle anwendet. Der Richter macht die Gesetze nicht selbst - und er kann auch die konkreten Fälle nicht einfach verändern. Aber ob ein Gesetz auf einen konkreten Fall zutrifft oder nicht: Das entscheidet der Richter.
Das Gewissen entscheidet also nicht über die Unauflöslichkeit der Ehe oder über die Frage, ob eine Wiederheirat nach Scheidung "gut" oder "erlaubt" sei. Das ist keine Aufgabe des Gewissens oder eines Richters. Und da es grundsätzlich keine Ehescheidung gibt, die eine zweite Ehe ermöglicht, kann auch kein Gewissen befinden, dass eine erste Ehe "nun aber nicht mehr besteht".

Vor allem schützt der Verweis auf eine Gewissensentscheidung nicht vor Strafe - im Gegenteil. Derjenige, der im Begriff steht, eine vom Gesetz verbotene Handlung zu begehen, muss sich auch fragen, ob diese Handlung strafbewehrt ist. Kommt er zu dem Schluss, dass diese Handlung trotz der Strafe unbedingt ausgeführt werden sollte, so nimmt er auch den Vollzug der Strafe in Kauf.

Jemand, der seine Parkgebühren nicht zahlt, weil er Geld sparen will, wird in Anbetracht eines möglichen Bußgeldes eher die Gebühren zahlen; ein anderer, der seine Parkgebühren nicht zahlt, weil er seine hochschwangere Frau dringend ins Krankenhaus bringen muss, wird das mögliche Bußgeld als hinnehmbares Übel ansehen - angesichts der Notlage seiner Frau und seines ungeborenen Kindes.
Dass für letztere Fälle nicht grundsätzlich eine Ausnahme gemacht werden darf, leuchtet ein. Es spricht aber nichts dagegen, dass in entsprechenden Einzelfällen Richter (oder Könige, Grafen und Märchenprinzen) die Strafe erlassen.
Diese "Nicht-Zuständigkeit" des Gewissens gilt jedoch nicht für die Frage nach der Gültigkeit der Ehe (dazu mehr im zweiten Teil dieser Katechese). Es kann sein, dass eine Ehe nach der Erkenntnis des eigenen Gewissens niemals gültig zustande gekommen ist, aber ein Erweis der Ungültigkeit in einem Eheannulierungsprozess nicht möglich ist (weil zum Beispiel der entscheidende Zeuge verstorben ist). Die Gültigkeit der Ehe wird aber nicht vom Gewissen deshalb angezweifelt, weil das Gewissen solche Urteile "aus dem Bauch heraus" fällen kann, sondern aufgrund der Anwendung der vorgesehenen Kriterien.

19. Gott will nicht, dass ich leide!

Das stimmt: Gott will nicht, dass Du leidest. Aber er will auch nicht, dass Du das Leid vermeidest, indem Du sündigst.

In dieser Welt geschieht viel Leidvolles, und wir können diesem Leid nicht immer ausweichen. Ja, wir sollen das Leid lindern und abmildern, sobald und sooft wir nur können. Aber dabei sind uns Grenzen gesetzt: Wer sich selbst (oder andere) verrät, nur um einer leidvollen Situation zu entgehen, sündigt.

Das ist schrecklich. Ich möchte wirklich nicht in solche Situationen geraten; aber ein Blick in die Wirklichkeit zeigt, dass sich dieser Wunsch kaum realisieren lässt. In den großen Verfolgungssituationen der Weltgeschichte (der Christenverfolgung, der Hexenverfolgungen, der Judenverfolgung z.B. unter den Nationalsozialisten) bedeutet die Treue zur Wahrheit oft den Tod. Wer Verfolgte nicht verraten will, muss dafür mit dem eigenen Leben bezahlen. Wer seinen Überzeugungen treu bleiben will, musste leiden. Sinnlos, schuldlos und grenzenlos. Und doch wäre eine "Leidvermeidung" oft genug ein Verrat an Menschen, den eigenen Idealen oder an Gott.
Gott will solche Situationen nicht. Aber er will in solchen Situationen auch nicht eine "Leidvermeidung" um jeden Preis.

Wiederum gilt: Ich habe volles Verständnis für jeden, der in solchen Situationen versagt, an seinen eigenen Idealen zerbricht oder sich nicht treu bleiben kann. Die Kirche hat sich immer - nach jeder Welle der Christenverfolgungen in der Antike - gegen eine harte Haltung gegenüber den "Traditores" - den in der Verfolgung schwach gewordenen - gewandt. Barmherzigkeit triumphiert über das Gericht.
Die Verheißung der Kirche ist aber nicht eine Ausnahmegenehmigung für vom Leid Bedrohte - sondern Vergebung. Das Ideal bleibt; wer aber am Ideal scheitert, weiß sich in den Händen Gottes aufgefangen. Die Kirche versagt niemandem Vergebung - außer dem, der keine Vergebung, sondern einen Erlaubnisschein für sein Tun verlangt.

20. Gott will doch, dass ich glücklich werde

Ja, Gott will, dass Du glücklich wirst. Aber er ist kein Wunscherfüllungsautomat. Das Glück eines jeden Menschen (nicht nur Dein Glück) besteht nicht in der Glättung äußerer Umstände, sondern in Deinem Wachsen in der Heiligkeit.
Das sag ich nicht nur Dir, der Du vielleicht an der Last einer gescheiterten Ehe trägst. Das sag ich auch mir, wenn ich ungerecht behandelt werde, aber zur Rechtfertigung das Beichtgeheimnis brechen müsste. Das sag ich mir, wenn ich öffentlich bloßgestellt werden, aber aus Rücksicht auf eine instabile Persönlichkeit nicht zur Verteidigung übergehen kann. Gott möchte, dass ich glücklich werde, und doch lässt er mich durch leidvolle Situationen gehen, in denen ich nicht das tun darf, was ich will. Wenn ich Gott wirklich vertraue, dann muss ich allerdings zugeben, dass ich das, was ich nicht tun darf, auch eigentlich nicht will. Denn das Glück besteht nicht nur in dem, was mir geschenkt wird, sondern vor allem in dem, was ich schenken kann. Mein Glück ergibt sich aus meiner Fähigkeit, das Wohl anderer über mein Wohl zu stellen. Oder mit anderen Worten: Mein Glück liegt in der Fähigkeit zu lieben.

Das ist paradox. Genauso paradox wie "Wer sein Leben verliert, wird es gewinnen!" (Mt 10,23; Mt 16,25; Mk 8,35; Lk 9,24; Lk 17,33 und Joh 12,25) oder: "Wer mir nachfolgen will, nehme sein Kreuz auf sich!" oder: "Die letzten werden die ersten sein." (Mt 19,30; Mt 20,16; Lk 13,30)

Gott will, dass ich glücklich bin. Er will nicht, dass ich "Glück gehabt habe", sondern dass ich es bin. Das Wirken Gottes, das mich glücklich sein lässt, anzunehmen und zu bejahen, kann zeitweise schmerzhaft sein. Aber ich bin mir sicher, Gott hält, was er verspricht. Immer.

21. Soll ich denn ein Leben lang in der Hölle leben?

Nein, auf keinen Fall! - Gott will letztlich ja nichts anderes, als Dich und alle Menschen vor der Hölle zu bewahren; aus keinem anderen Grund ist er Mensch geworden und am Kreuz für uns gestorben. Hinter Deiner Frage steht vermutlich der Gedanke: "Da ein Leben in ständigem Unglück für mich aber die Hölle wäre, will Gott auch nicht, dass ich an meinen ersten Ehepartner gebunden bleibe."
Ich stimme Dir zu, dass Gott Dein Glück will und nicht Dein Unglück, schon gar nicht ein immerwährendes Unglück für den Rest Deines Lebens. (Ich muss ergänzen: Das gilt für Gott - und für die Kirche und auch für mich). Aber wir sind uns oft nicht sicher, wie der Weg zum Glück aussieht, wenn andere Menschen offensichtlich alles daran setzen, uns ins Unglück zu stürzen. Noch schwieriger wird es, den Weg zum eigenen Glück zu finden, wenn andere Menschen, die wir zu lieben gelobt haben, alles daran setzen, sich selbst ins Unglück zu stürzen.
Es gibt immer wieder Krisen in Deinem und meinem Leben, in denen wir ein Unglück nicht vermeiden können, ohne ein größeres Unglück zu riskieren. Aber das ist kein vernichtendes Urteil; es bedeutet nicht, dass wir von da an nur noch unglücklich sein werden.

Wenn wir die große Rose nicht pflücken, so gibt es doch Blumen im Überfluss. Glücklich wird der, der lernt, im Regen zu tanzen, anstatt ein Leben lang auf die Sonne zu warten.
Im Gegenteil: Wahrscheinlich liegt in solchen Krisen die Erkenntnis, dass die eigentliche Seligkeit auch darin bestehen kann, auf ein Glück mühsam und schweren Herzens zu verzichten.

Gott wird Dich auf Deinem Weg zum Glück begleiten - wie Dein Weg auch immer aussehen mag (und, das ist mir sehr wichtig: Du bist in der Gestaltung und Wahl dieses Weges außerordentlich frei!); ja, er lässt Dich sogar Umwege und Sackgassen wählen. Sei Ihm aber nicht böse, wenn er Dir in diesen Fällen den Ratschlag gibt, Dein Glück besser irgendwo anders zu suchen. Und - das erfordert eine große innere Freiheit -: Erlaube Gott auch, für diese Ratschläge die Kirche als Instrument Seiner Wahl zu verwenden.

22. Ich kann das nicht! - Ich kann nicht anders!

Vielleicht waren die Priester und Bischöfe in den vergangenen Zeiten zu sehr Theologen und zu wenig Seelsorger, so dass viele Menschen sich angesichts der großen christlichen Ideale überfordert und trotz der wunderbaren christlichen Spiritualität zu wenig getragen fühlten. Ich kann daher verstehen, dass Du Dich - nicht nur in Fragen der Ehe- und Partnerschaft - überfordert fühlst. Irgendwann kommt dann der Punkt, an dem Du sagst: "Ich kann das nicht mehr; ich schaffe das nicht!"

Die Kirche hat trotz des hohen moralischen Anspruches immer viel Verständnis für das Scheitern des Menschen; selbst an den einfachen Idealen "Du sollst nicht lügen!" scheitern wir Menschen doch täglich. Die Hauptaufgabe der Kirche ist die Zuwendung zum Sünder (das Wort "Sünder" ist für uns Christen immer ein Wort voller Erbarmen und Mitgefühl, kein Stigma wie z.B. "Mörder" oder "Falschparker"); den Sünder zu trösten, aufzumuntern und zum Weiterleben zu motivieren, ist wichtiger als die haargenaue Analyse der Sünde.

Dieser christlichen Pflicht, den Sünder zu lieben, verdankst Du auch diese Katechese; ich schreibe Dir, um Dir Mut zu machen. Filippo Neri - der beliebte Stadtpfarrer von Rom aus der Renaissance-Zeit - hatte als pastorales Motto den Satz: "Seid gut, wenn ihr könnt!" Und Frère Roger aus Taizé hat den Satz geprägt: "Lebe jeden Tag vom Evangelium soviel, wie Du verstanden hast!" - Mehr als Du verstehst, kannst Du auch nicht leben. Mehr als Du kannst, kann auch nicht gefordert werden. Deshalb ist es gelebte Nächstenliebe aller Christen (ob Priester, Eltern, Bischöfe oder Nachbarn), nicht zu verurteilen, sondern zu helfen.
Betrachte es also nicht als Zeichen einer theologischen Arroganz, sondern als Zuspruch und Ermunterung: Du kannst mehr, als Du manchmal glaubst. Wenn Gott ein Gott der liebenden Zuwendung ist, dann erlässt er keine Gebote, die über Deine Kraft gehen. Dann gibt er Dir die Kraft (auch durch den Beistand anderer Menschen, Freunde und Seelsorger), die Du brauchst - spätestens dann, wenn Du sie brauchst. (Gott gibt die Kräfte, die wir brauchen, selten im Voraus. Meistens erhalten wir sie erst, wenn wir zwar glauben, etwas nicht zu schaffen, aber es im Vertrauen auf Sein Wort angehen).

23. Nach dem Scheitern einer Ehe soll ich Übermenschliches leisten? Wie das?

Wichtiger für meinen Zuspruch ist aber der Hinweis, dass von Dir ja nach dem Scheitern einer Ehe keine Heldentat verlangt wird. Im Grunde wird von Dir überhaupt keine Kraftanstrengung erwartet, sondern nur der Verzicht auf etwas. Keiner erwartet von Dir, dass Du nach einer Trennung von Deinem Ehepartner alles wieder ins Lot bringst! Was und wie Du nach dieser Krise leben wirst, muss keinem hohen Ideal entsprechen. So wie im ganzen christlichen Leben wird auch hier nicht erwartet, dass Du eine vorgegebene Leistung erbringst, sondern nur, dass Du die Dinge NICHT tust, die Dich in noch größere Verstrickung führen. Du musst keine vorgeschriebenen Wege gehen, sondern nur die Wege meiden, die wir als Sackgassen erkannt haben.
Dieser Nicht-Anspruch erscheint zwar manchmal als ein schwieriges und doch wieder anstrengendes Ideal - und es ist tatsächlich oft eine regelrechte Anstrengung, einen Weg nicht zu gehen. Das Unterlassen einer Beziehung ist aber keine Überforderung.

24. Was soll ich tun, wenn ich das alles erst erkenne, wenn ich schon seit Jahren in der zweiten Ehe-Beziehung lebe?

Das gilt natürlich nicht mehr, wenn Du bereits in einer zweiten "Ehe" lebst. Für viele Menschen ist die zweite Ehe zur eigentlichen Lebensbeziehung geworden; sie trägt und hält, oft ist das Paar durch Kinder zur Familie geworden. Die Erkenntnis, dass die erste Ehe noch gültig sein soll und deshalb die zweite Ehe "illegitim", erscheint wie eine Nachricht aus einer anderen Welt.
Damit stehen wir vor einem großen Problem - nämlich der Frage, wie Du eine Moral leben kannst, wenn Du nicht vor einer moralischen Entscheidung stehst, sondern zahlreiche Entscheidungen schon längst getroffen hast - vor Jahren, manchmal auch Jahrzehnten. Wie aus einer solchen Situation herauskommen?

Ich gebe zu: das ist schwer. Sehr schwer. Auch ich weiß oft keinen unmittelbaren Rat; manchmal müssen wir lange darüber reden, nachdenken und beten. Und vielleicht gibt es am Schluss immer noch keine glatte Lösung.

Manche Theologen meinen sogar, es gäbe Situationen, aus denen man nicht herauskommen könne, ohne neue Schuld auf sich zu laden. Richtig ist (für solche vertrackten Situationen): Egal was ich tue, es wird ein leidvoller Weg, auch für andere. Aber die Schuld an dem Leid, das noch entstehen wird, liegt nicht in der Korrektur, sondern in der Fehlentscheidung, die zu diesem Dilemma geführt hat.
Zum Beispiel wird ein Drogenhändler, der seine schlechten Berufswahl korrigieren möchte, immer irgendwelche Erwartungen enttäuschen und vielleicht sogar Verträge brechen müssen. Aber die Schuld daran liegt nicht in seinem Entschluss, aus einer sündigen Situation auszubrechen, sondern an seiner früheren Entscheidung, ins Drogenmilieu einzusteigen.

Für eine zweite Ehe gilt ähnliches. Allerdings (wir kommen später darauf zurück), bedeutet "Korrektur der Situation" nicht automatisch, dass die zweite Ehe Hals über Kopf aufgeben wird und alle Verpflichtungen dem zweiten Partner (und vor allem vielleicht vorhandenen Kindern!) gegenüber nun ignoriert werden dürfen. Bewahre Gott!

Aber täuschen wir uns nicht: Durch die einfache Streichung der ersten Ehe und eine Anerkennung der zweiten würden wir die Situation nicht wirklich heilen, sondern nur umbenennen. Denn die Verwicklungen und Verstrickungen sind ja real vorhanden und nicht nur juristische Gedankenspiele. Wenn es ausreichen würde, die Verirrungen und Verwirrungen des Menschen in Sünde, Schwäche und Schuld durch eine Generalamnestie für erledigt zu erklären, hätte Jesus nicht für uns am Kreuz sterben müssen.

25. Aber Priester können doch auch laisiert werden!

Ein Stein das Anstoßes ist die scheinbare Ungleichbehandlung von Eheleuten und Priestern. Denn Priester, die ihr Amt aufgeben, können von der Kirche "laisiert" werden, d.h. sie werden von all ihren Rechten und Pflichten als Priester entbunden. Warum kann ein "gescheiterter" Priester in den Laienstand zurückversetzt werden, "gescheiterte" Eheleute aber nicht in den Ledigenstand?!

Zunächst ist zu bedenken, dass dieser Einwand nur ein indirektes Argument ist; vergiss bitte nicht, dass es nicht darum gehen kann, dass Du nur einfach Recht bekommst und dabei alle Argumente anführst, die Dir zupass kommen. Das kann leicht geschehen, führt aber nur zu Diskussionen auf Nebenkriegsschauplätzen. Denn selbst, wenn es richtig wäre, den laisierten Priestern eine Bevorzugung zu unterstellen - es würde nichts an der bisherigen Argumentation ändern.
Wichtig ist zunächst zu verstehen, dass es sich - auch im Scheitern - um eine echte Parallele zwischen Weihe und Ehe handelt. Denn der laisierte Priester bleibt Priester - er ist für immer zum Priester geweiht (die Theologen nennen dies den "character indelebilis"), wie auch die Ehe bis zum Tod gültig ist. Ein Scheitern der Ehe ändert an dieser Tatsache genauso wenig wie das Scheitern des Priesters an seinem Priestertum.
Aber - so stellt sich die nicht abwegige Frage - wenn der Priester durch eine Laisierung zwar ein Priester bleibt, aber von seinen Pflichten entbunden werden kann, kann dann nicht auch der Verheiratete nach einer Scheidung verheiratet bleiben, aber vom Verbot der Wiederheirat entbunden werden?

Nein. Denn dass jemand, der verheiratet ist, nicht eine zweite Ehe eingehen kann ("Verbot der Vielehe"), ist ein göttliches Gebot. Dass ein Priester keine Ehe eingehen darf, ist jedoch nur ein menschliches Gesetz. Deshalb kann die Kirche ab und zu Ausnahmen vom Zölibat zulassen, sie sieht aber keine Möglichkeit, Ausnahmen vom Eheversprechen zuzulassen.

Um zwischen dem "göttlichen Recht" und einer "menschlichen Tradition" zu unterscheiden, könnten wir Jesus selbst zitieren, der das Verbot der Wiederheirat ausdrücklich und sogar gegen die Bedenken seiner Apostel erneuert. Dabei beruft er sich auf die Schöpfungsgeschichte; die Ehe ist also ein "Naturrecht". Das Zölibat wird in dieser Form nicht erwähnt und ist mit Sicherheit auch kein Naturrecht.
Aber, wie schon eingangs erwähnt, ist der Verweis auf eine noch so ausdrücklich Anweisung Jesu in der Diskussion mit kritischen Katholiken oder distanzierten Christen nicht viel wert. Vielleicht hilft ein Blick auf das Wesen von Ehe und Weihe:
Oder, um es anders auszudrücken: Alle Christen sind zur Liebe dem Nächsten gegenüber aufgerufen - das ist der Weg zu ihrer Heiligkeit; und zugleich der Weg zur Heiligung der Menschen. Viele Menschen widmen sich diesem Weg mit viel Hingabe und Inbrunst, bishin zur Selbstaufgabe.
Das Wesen der Ehe besteht gerade darin, das Gebot der Nächstenliebe im allgemeinen in eine unbedingte Zusage an eine bestimmte Person zu überführen. Das Wesen der Ehe beinhaltet also die Absage an eine zweite Ehe.
Das Wesen des Priestertum jedoch besteht nicht darin, die allgemeine Nächstenliebe in der Auswahl der Personen zu konkretisieren, sondern dadurch, dass er sich in den sakramentalen Dienst nehmen lässt. Nicht der Personenkreis, dem er zur Heiligkeit helfen will, ändert sich, sondern die Art, wie er zur Heiligkeit führt. Diesem Wesen des Priesteramtes ist die Eheschließung unangemessen - aber nicht entgegengesetzt. So kann einem Priester in Ausnahmefällen die Heirat erlaubt werden. (Siehe dazu auch: "Priester - das unbekannte Wesen" oder "Zölibat - Pflicht oder Liebe")

26. Ich werde auf diese Weise zu Unrecht bestraft!

Manchmal wird uns Seelsorgern vorgeworfen, wir hätten nur den "schuldigen Teil" einer zerbrochenen Ehe vor Augen und erwarten, dass er sich bekehrt. Was aber sei mit denen, die unschuldig aus der Ehe geprügelt wurden und deren Partner sich mittlerweile neu verheiratet haben: Sollen diese denn noch mehr leiden, nur um ein Zeichen der Hoffnung zu sein für einen Ehepartner, der diese Hoffnung überhaupt nicht braucht? Der glücklich in zweiter (oder dritter...) Ehe lebt und nur Spott hat für mich, der ich zunächst unter seiner Ehe und jetzt unter der Einsamkeit zu leiden habe?

Nun, ich habe versucht, diese Katechese gerade aus Sicht eines unschuldig Verlassenen zu schreiben. Alles, was ich gesagt habe, dient nicht einem heimlichen Zweck: "Ich will Dir, der Du die Ehe missbraucht und Deinen Ehepartner ins Unglück gestürzt hast, Dein jetziges Leben möglichst vermiesen, damit Du Dich bekehrst!" Falls Du dieses Ideal der unauflöslichen Liebe als Strafe empfindest, kann ich verstehen, dass Du Dich wehrst und betonst, dass Du keine Strafe verdient hast.
Aber keiner will Dich bestrafen; und der Hinweis, dass Deine Ehe, in der Du nur leiden musstest, immer noch besteht, ist keine Folter, keine Buße oder Rache. Vielleicht empfindest Du es als Bestrafung, dass Du, der Du ein Gewissen hast und Dich danach richten möchtest, nicht wieder heiraten kannst, während Dein gewissenloser Ehepartner glücklich und in Freuden mit einem neuen Partner lebt. Verstehen kann ich Deine Gefühle durchaus. - Aber das Leben ist nicht gerecht; was geschieht, hast Du nicht verdient. Zu glauben, jeder bekäme bereits in dieser Welt, was ihm zustehe, führt ins Absurde. Nein: Das, was geschieht, ist manchmal sehr, sehr ungerecht - und in unseren Augen vielleicht sinnlos.
Gerade deshalb glauben wir an Gott und hoffen auf den Sinn seiner Gebote: weil uns ein Sinn verheißen ist! Wir können daran mitwirken und den Sinn in allem wecken; wir müssen aber damit rechnen, dass sich "Leid-Lindern, Leid-Annehmen und Leid-Vermeiden" manchmal erst im kommenden Leben auszahlen.

27. Will die Kirche denn, dass ich leide?

José Garcia bemängelt in seiner Filmkritik zu "The Wolf of Wallstreet", dass die geschädigten Anleger, die ausgenützten Frauen, verspotteten Kleinwüchsigen und ausgebeuteten Mitarbeiter keine Rolle spielen: Weder im Film noch in den geweckten Emotionen. "Für die geschädigten Menschen zeigt Scorseses Film überhaupt kein Interesse." Das passiert.

Es hilft denen, die unter einer Scheidung und Wiederheirat leiden, natürlich nicht viel, wenn eine bereits gelebte zweite Ehe als Sünde klassifiziert wird. Aber es wäre falsch, der Kirche und uns Seelsorgern böswillig zu unterstellen, das wäre unser einziges Anliegen: Sünden zu klassifizieren. Noch vor allem anderen haben wir die Hoffnung (wie bereits eingangs beschrieben), ein Ideal so zum Leuchten zu bringen, dass es erst gar nicht bis zur Sünde kommt. Die Aufgabe eines Seelsorgers ist es, sich um die Seelen möglicher Leidtragender auch schon vorbeugend zu bemühen.

Die Leidtragenden (I): Die Kinder

Kardinal Schönborn schreibt: »In der Sichtweise Jesu, im Evangelium geht es immer an erster Stelle um die Ärmsten, die Kleinen, die Wehrlosen. Wer sind die Armen in den Lebensumständen dieser "Patchwork-Familien"? Es sind nicht die Wiederverheirateten, denn die haben ja einen neuen Partner gefunden; menschlich gesehen, abgesehen von den Regeln der Kirche, befinden sie sich bereits in einer Situation, wo sie sich "erfangen" haben. Die ersten Opfer unserer Scheidungen sind die Kinder. Denen, die kritisch meinen: "Ach, die Kirche ist so hart gegenüber geschiedenen Wiederverheirateten", ist entgegenzuhalten: "Nein! Die Kirche ist mitfühlend gegenüber den Kindern." Wo gibt es eine Lobby für Kinder von Geschiedenen? Wo ist die Stimme der öffentlichen Meinung, die sagen würde: "Die ersten Opfer sind die Kinder"? Sie haben einen Papa und eine Mama, und dann haben sie plötzlich noch dazu einen "Onkel", eine "Tante", die Freundin von Papa, den Freund von Mama, und wie oft tragen die Geschiedenen die Last ihres ehelichen Konflikts auf dem Rücken ihrer Kinder aus? Wer bekommt den häuslichen "Rosenkrieg" am meisten zu spüren?

Oft wird hier schwer gesündigt, und daran muss erinnert werden: "Belastet mit euren persönlichen Konflikten nicht eure Kinder! Eure Kinder dürfen nicht die Geiseln eurer Streitereien werden. Wenn ihr sie zu euren Geiseln macht, ist das ein Verbrechen gegenüber den Seelen der Kleinen." Wenn ich das vor versammelter Gemeinde sage, tritt immer große Stille ein: Wo gibt es Barmherzigkeit für die Kinder? Also ist meine erste Frage an geschiedene Wiederverheiratete: "Wie ist die Lage eurer Kinder? Habt ihr sie wegen eurer Konflikte leiden lassen? Welchen Schaden habt ihr ihnen zugefügt? Habt ihr Reue geübt und Gott und eure Kinder um Verzeihung gebeten für das Unrecht, das ihr getan habt? " Die meisten Kinder träumen - bewusst oder unbewusst - davon, dass das Zuhause ihrer Eltern wiederhergestellt wird (ich weiß, wovon ich spreche*) , selbst wenn sie mit ihrem Verstand begreifen, dass das nicht mehr geschehen wird.«

* Kardinal Schönborn war 8 Jahre, als sich seine Eltern scheiden ließen.

Die Leidtragenden (II): Die Übriggebliebenen

Der Blick für die Wiederverheirateten und ihre Not mit der kirchlichen Moral übersieht aber auch, dass es zahlreiche Geschiedene gibt, die keinen neuen Halt finden. Schuldig oder unschuldig Verlassene - das mag offen bleiben. Aber neben den Kindern gibt es auch bei den Ehepartnern Opfer, die sich nicht mehr aufrappeln können; keinen Weg zurück in glückliche Beziehungen finden; manchmal sogar noch bestehende Beziehungen aufgeben müssen, weil der Verlust des Ehepartners Kreise zieht und den Verlust von Freundeskreisen (manchmal sogar von Arbeitsstellen) nach sich zieht. Schönborn schreibt: »Nein. Die Kirche ist nicht erbarmungslos, denn sie schenkt den Kindern und den Partnern Aufmerksamkeit, die die Opfer sind. Hat es zumindest einen Versuch der Aussöhnung mit dem Partner gegeben, der "übrig" geblieben ist? Was kann der Zugang zu den Sakramenten für einen Sinn haben, wenn dieser ganze Schmerz ohne Versöhnung bleibt, ohne wenigstens das Bemühen um Versöhnung?«

Die Leitragenden (III): Die Treuen

»In den Pfarren und Gemeinden gibt es Familien und Ehen, die heroisch zusammenhalten, allen Stürmen und Unwettern trotzend, weil sie sich Treue versprochen haben und weil sie fest zum Sakrament stehen. Welches Zeichen geben Priester und Seelsorger ihnen, wenn die ganze Zeit von den "armen geschiedenen Wiederverheirateten" geredet wird? Gewiss muss man für Letztere Mitgefühl aufbringen, aber Achtung: vergessen wir dabei nicht, Ermutigung, Anerkennung und Dankbarkeit für jene Ehen zu äußern, die halten, denn sie halten im Glauben.« (Schönborn)
Dabei geht es nicht nur um ein Aufmerksamkeitsdefizit - die Treuen in Ehe und Familien können wahrscheinlich ganz gut ohne mediales Interesse und Kirchenvolkspetitionen leben. Aber jede Forderung nach Erbarmen mit den Wiederverheirateten ist ein Nadelstich für die, die aus Erbarmen mit ihrem Partner und aus Liebe zu ihren Kindern einander verzeihen, aufeinander zugehen und wieder zueinander finden.

Die Leidtragenden (IV): Die Suchenden

Eine letzte Gruppe möchte ich hier - über Kardinal Schönborn hinausgehend - noch nennen, die vermutlich in hundert weitere Gruppen untergliedert werden könnte: Die Gruppe jener Menschen, die hoffnungsvoll auf das Leben der Christen schauen, um dort eine Botschaft zu entdecken, die über die Enge der irdischen Welt hinausweist. Nicht die Bibel, nicht die kirchliche Verkündigung und nicht die Predigt im Gottesdienst erreicht sie - "Das Leben der Christen ist die einzige Bibel, die die Welt noch liest".
Für viele Menschen wäre die christliche Botschaft der rettende Anker in einer Welt, die scheinbar nur nach kurzfristigem Spaß und Wellness giert. Für viele junge Menschen wäre ein Leben in Beziehung zum liebenden Gott der fehlende Sinn, der ihrem ansonsten sinnlos erscheinenden Leben die depressive Note nehmen würde. Für viele Eheleute spräche das katholische Eheverständnis von einem Ziel, für das es sich lohnt, die Ehe zu leben. Für viele wäre... ist aber nicht, weil viele Katholiken selbst nicht das leben, was ihre Kirche verkündet.

Das Schlimmste an der katholischen Kirche sind die Katholiken - das galt zu allen Zeiten. Nun aber, wo es eine so breite Öffentlichkeit gibt, in der wir so leicht all die suchenden Menschen erreichen könnten - nun verdunkeln die Christen selbst das Licht, das doch eigentlich auf den Leuchter gehört, mit dem "Scheffel" der Halbherzigkeit.
Ich werde oft von zweifelnden Katholiken gefragt, ob man nicht auch ein guter Katholik sein könne, wenn man nicht alles glauben und leben wolle, was "so dazugehört". Nun: Wer nicht alles lebt, weil er eben nicht alles schafft, sich aber nach Kräften bemüht, ist sicher ein vorbildhafter, vielleicht sogar heiliger Mensch; wer aber seine Ideale aufgegeben hat und lauthals betont, dass er nicht mehr katholisch leben will und nicht mehr alles glauben möchte - der will auch kein Katholik sein. Schlimmer: Er wirbt für seine fragwürdige Haltung - indem er sie lebt.

28. Wieso schließt die Kirche vom Kommunionempfang aus, wenn doch Jesus der Gastgeber ist?

Einige Theologen und Priester geben zu bedenken, dass der "Herr der Kirche" nicht der Priester, Bischof oder Papst sei, sondern allein Jesus Christus. Und dass der Einladende im Gottesdienst ebenfalls Jesus selbst sei. Und dass kein Mensch das Recht habe, einen anderen im Namen Gottes von der Gemeinschaft mit Gott auszuschließen.

Dem stimme ich voll und ganz zu. Niemals würde Gott einen Menschen von sich weisen!

Allerdings ist das nur die halbe Wahrheit. Nicht nur Gott, auch der Mensch kann sich abwenden. Und im Gegensatz zu Gott tut er es auch. Leider. Manchmal ganz und gar, manchmal nur indirekt, manchmal wissentlich und willentlich.

Dass wir einen Menschen, der sich von Gott entfernt, auf die Konsequenzen hinweisen sollten, ist einleuchtend. Weniger offensichtlich ist, dass wir einen solchen Menschen davon abhalten sollten, sich selbst zu betrügen; indem er zum Beispiel eine Beziehung zu Gott weiter simuliert, die eigentlich schon gekündigt wurde.

Es gibt solche selbstgewählten Illusionen - auch wenn sie uns skurril erscheinen. Da kündigt jemand einen Mietvertrag und zieht dennoch nicht aus; ein anderer zahlt seine Stromrechnung nicht und erwartet dennoch, dass der Strom weiter geliefert wird. Mancher beleidigt seinen Chef und klagt darüber, dass er dadurch Nachteile erfährt.
Wir müssen allerdings vorsichtig sein: Der Mensch sieht nur das, was außen ist; allein Gott sieht in das Herz. Deshalb kann es nicht die Aufgabe aller Christen sein, inkonsequente Gottesdienstbesucher am Empfang der Kommunion zu hindern; aber dem Pfarrer, Pastor oder Seelsorger muss es schon gestattet sein, diese darauf anzusprechen (am besten natürlich außerhalb des Gottesdienstes). Oder zumindest grundsätzlich darauf hinzuweisen, dass eine Sünde, die nicht gebeichtet wird, am Kommunionempfang hindert.

Schönborn schreibt zudem: »Es gibt immer Schuld bei Scheidungsfällen. Haben die Partner wenigstens den Versuch unternommen, einander zu verzeihen, zumindest ansatzweise Vergebung zu erreichen, oder auch nur den Scheidungskrieg zu beenden? Wie kann man eine neue Beziehung, eine neue Verbindung auf dem oft erbitterten Hass aufbauen, der von der ersten Ehe geblieben ist? Seelsorger, die Geschiedene begleiten, müssen diesen Versuch mit ihnen unternehmen: "Sind Sie nach der Scheidung wenigstens mit einem Schritt auf Ihren Partner, Ihren Mann, Ihre Frau, zugegangen? " Was soll der Wunsch nach den Sakramenten bedeuten, wenn der alte Hass und Streit noch schwelt?«

29. Warum vergibt eine Beichte diesmal diese Sünde nicht?

Eine Lossprechung in der Beichte kann nur dann erfolgen, wenn die Sünde auch als solche erkannt wird und der Beichtende sie bekennt. Allerdings ist die innere Schwierigkeit nicht die Sünde der ersten Eheschließung ("Sorry, lieber Gott, ich hatte damals einfach den falschen Mann geheiratet! Verzeih mir...") - und auch nicht die Schuld am Scheitern der ersten Ehe ("Tut mir leid, lieber Gott, ich habe meine Frau nicht genug geliebt..."). Falls dort Schuld liegt und sie bekannt und bereut wird, ist diese selbstverständlich mit der Lossprechung vergeben.
Vielmehr geht es um die permanente Sünde, die in der zweiten Ehe besteht; in dieser Beziehung zu verharren ist ein öffentlicher Widerspruch, der - falls nicht bereut, korrigiert und gebeichtet - vom Kommunionempfang ausschließt...

Das ist in anderen Fällen doch sehr einleuchtend: Dass ich Drogenhändler geworden bin, kann mir in einer Beichte vergeben werden. Dass ich immer noch mit Drogen handle, kann mir aber doch erst dann vergeben werden, wenn ich damit aufhören will.
Dass ich meinen besten Freund über meine vergeigte Führerscheinprüfung angelogen habe, kann mir ebenso vergeben werden; dass ich aber immer noch ohne Führerschein Taxi fahre, wird erst dann wirklich bereut, wenn ich damit aufhöre (oder den Führerschein mache).
Wohlgemerkt: Hier wird niemand vor die Tür gesetzt (weder bildlich noch tatsächlich). Vermutlich wollen einige der wiederverheiratet Geschiedenen schon sehr gerne beichten und zur Kommunion gehen; sie empfinden den Hinweis auf den inneren Widerspruch durchaus als "Ausgrenzung" oder "Ausschluss". Aber der so empfundene und sogenannte "Ausschluss von Kommunionempfang und Beichte" ist ein Selbstausschluss, wenn auch nur ein indirekter.

Damit - mit Beichte, Reue und Bekenntnis - ist ein guter Übergang angesprochenen, der zu dem wichtigeren Teil dieser Katechese führt: Zu den möglichen Lösungen der Situation.

Katechismus der Katholischen Kirche - Nr. 1650 / 1651:

„1650. In vielen Ländern gibt es heute zahlreiche Katholiken, die sich nach den zivilen Gesetzen scheiden lassen und eine neue, zivile Ehe schließen. Die Kirche fühlt sich dem Wort Jesu Christi verpflichtet: ‚Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. Auch eine Frau begeht Ehebruch, wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet‘ (Mk 10,11-12). Die Kirche hält deshalb daran fest, dass sie, falls die Ehe gültig war, eine neue Verbindung nicht als gültig anerkennen kann. Falls Geschiedene zivil wiederverheiratet sind, befinden sie sich in einer Situation, die dem Gesetze Gottes objektiv widerspricht. Darum dürfen sie, solange diese Situation andauert, nicht die Kommunion empfangen. Aus dem gleichen Grund können sie gewisse kirchliche Aufgaben nicht ausüben. Die Aussöhnung durch das Bußsakrament kann nur solchen gewährt werden, die es bereuen, das Zeichen des Bundes und der Treue zu Christus verletzt zu haben, und sich verpflichten, in vollständiger Enthaltsamkeit zu leben.“

„1651. Den Christen, die in dieser Situation leben und oft den Glauben bewahren und ihre Kinder christlich erziehen möchten, sollen die Priester und die ganze Gemeinde aufmerksame Zuwendung schenken, damit sie sich nicht als von der Kirche getrennt betrachten, an deren Leben sie sich als Getaufte beteiligen können und sollen.

‚Sie sollen ermahnt werden, das Wort Gottes zu hören, am heiligen Messopfer teilzunehmen, regelmäßig zu beten, die Gemeinde in ihren Werken der Nächstenliebe und Unternehmungen zur Förderung der Gerechtigkeit zu unterstützen, die Kinder im christlichen Glauben zu erziehen und den Geist und die Werke der Buße zu pflegen, um so von Tag zu Tag die Gnade Gottes auf sich herabzurufen‘.“

Bibelstellen zur Ehescheidung

Markus, 10,2-11: "Da kamen Pharisäer zu ihm und fragten: Darf ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen? Damit wollten sie ihm eine Falle stellen. Er antwortete ihnen: Was hat euch Mose vorgeschrieben? Sie sagten: Mose hat erlaubt, eine Scheidungsurkunde auszustellen und (die Frau) aus der Ehe zu entlassen. Jesus entgegnete ihnen: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben. Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie als Mann und Frau geschaffen. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen, und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Zu Hause befragten ihn die Jünger noch einmal darüber. Er antwortete ihnen: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. Auch eine Frau begeht Ehebruch, wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet."

Lukas 16,16-18: Jesus sprach "Bis zu Johannes hatte man nur das Gesetz und die Propheten. Seitdem wird das Evangelium vom Reich Gottes verkündet, und alle drängen sich danach, hineinzukommen. Aber eher werden Himmel und Erde vergehen, als dass auch nur der kleinste Buchstabe im Gesetz wegfällt. Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht Ehebruch; auch wer eine Frau heiratet, die von ihrem Mann aus der Ehe entlassen worden ist, begeht Ehebruch.

Matthäus 5, 31f: Ferner ist gesagt worden: Wer seine Frau aus der Ehe entläßt, muß ihr eine Scheidungsurkunde geben. Ich aber sage euch: Wer seine Frau entläßt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, liefert sie dem Ehebruch aus; und wer eine Frau heiratet, die aus der Ehe entlassen worden ist, begeht Ehebruch.

Matthäus 19,3-12: Da kamen Pharisäer zu ihm, die ihm eine Falle stellen wollten, und fragten: Darf man seine Frau aus jedem beliebigen Grund aus der Ehe entlassen? Er antwortete: Habt ihr nicht gelesen, daß der Schöpfer die Menschen am Anfang als Mann und Frau geschaffen hat und daß er gesagt hat: Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden, und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Da sagten sie zu ihm: Wozu hat dann Mose vorgeschrieben, daß man (der Frau) eine Scheidungsurkunde geben muß, wenn man sich trennen will? Er antwortete: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat Mose euch erlaubt, eure Frauen aus der Ehe zu entlassen. Am Anfang war das nicht so. Ich sage euch: Wer seine Frau entläßt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, und eine andere heiratet, der begeht Ehebruch. Da sagten die Jünger zu ihm: Wenn das die Stellung des Mannes in der Ehe ist, dann ist es nicht gut zu heiraten. Jesus sagte zu ihnen: Nicht alle können dieses Wort erfassen, sondern nur die, denen es gegeben ist. Denn es ist so: Manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht, und manche haben sich selbst dazu gemacht - um des Himmelreiches willen. Wer das erfassen kann, der erfasse es.

1 Korinther 7,1-15: "Nun zu den Anfragen eures Briefes! «Es ist gut für den Mann, keine Frau zu berühren». Wegen der Gefahr der Unzucht soll aber jeder seine Frau haben, und jede soll ihren Mann haben. Der Mann soll seine Pflicht gegenüber der Frau erfüllen und ebenso die Frau gegenüber dem Mann. Nicht die Frau verfügt über ihren Leib, sondern der Mann. Ebenso verfügt nicht der Mann über seinen Leib, sondern die Frau. Entzieht euch einander nicht, außer im gegenseitigen Einverständnis und nur eine Zeitlang, um für das Gebet frei zu sein. Dann kommt wieder zusammen, damit euch der Satan nicht in Versuchung führt, wenn ihr euch nicht enthalten könnt. Das sage ich als Zugeständnis, nicht als Gebot. Ich wünschte, alle Menschen wären (unverheiratet) wie ich. Doch jeder hat seine Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so. Den Unverheirateten und den Witwen sage ich: Es ist gut, wenn sie so bleiben wie ich. Wenn sie aber nicht enthaltsam leben können, sollen sie heiraten. Es ist besser zu heiraten, als sich in Begierde zu verzehren. Den Verheirateten gebiete nicht ich, sondern der Herr: Die Frau soll sich vom Mann nicht trennen - wenn sie sich aber trennt, so bleibe sie unverheiratet oder versöhne sich wieder mit dem Mann -, und der Mann darf die Frau nicht verstoßen.

30. Gibt es denn keinen Ausweg?

Ich unterstelle allen Kritikern an der kirchlichen Ehemoral, dass sie genauso wie ich nach vorne schauen und nach einer lebbaren Lösung für das drängende Problem der Zweit-Ehen suchen. Wir unterscheiden uns nicht in der Frage, wem wir Priorität zuordnen: Es ist der Mensch, der im Mittelpunkt unserer Sorge steht.
Wir unterscheiden uns allerdings schon in der Beantwortung der Frage, welche Wege wirklich helfen und welche Wege Sackgassen sind - oder Wege, die auf Kosten anderer zum Ziel führen.
Daraus resultieren natürlich auch unterschiedliche Einschätzungen über die Wege, die aus den Beziehungskrisen herausführen. Ich sehe zur Zeit nur zwei grundsätzliche Lösungsansätze; es mag aber sein, dass sich noch weitere Wege auftun werden, die zwischen "Annullierung" und "zurückgestufter zweiter Beziehung" liegen. (Ich habe aber keine Ahnung, was das sein könnte).

31. Die Annullierung der ersten Ehe

Die kirchliche Ehe kennt (falls sie sakramental ist) keine Scheidung - wohl aber eine Annullierung. Während eine Ehe im staatlichen Recht geschieden wird, weil sich z.B. die eheliche Beziehung auseinandergelebt hat, spielt der Ist-Zustand der Ehe für die Annullierung gar keine Rolle. Eine Annullierung schaut nur auf den Zeitpunkt der Eheschließung und fragt, ob es damals schon Umstände gegeben hat, die eine Ehe gar nicht erst haben zustande kommen lassen.
So kann es sein, dass einer der Ehepartner gar nicht heiraten wollte - oder zumindest nicht die christliche Ehe wollte; weil er z.B. falsche Vorstellungen vom Partner, vom Eheleben oder einer möglichen Scheidung hatte; oder psychisch gar nicht in der Lage war, eine Ehe wirklich zu leben... und so fort. Eine Annullierung stellt fest, das eine Ehe gar nicht existiert hat. Eine Scheidung (die es so nur beim Staat gibt), löst eine real-existierende Ehe auf.
Es ist klar, dass eine großzügigere Annullierungsgrundlage kein Allheilmittel ist. Denn wenn größere Ansprüche an das gültige Zustandekommen einer Ehe gestellt werden, dann werden eben viel mehr Ehen als ungültig angesehen - selbst die, die glücklich gelebt und später noch gereift sind.
Aber es wäre durchaus viel gewonnen, wenn die kirchlichen Ehe-Annullierungsverfahren gestrafft und vereinfacht wird; die lange Wartezeiten sind genauso ärgerlich wie unnötig. Auch sollten Ehepartner, die sich außerstande sehen, eine gescheiterte Ehe noch zu retten, besser über die Annullierungsverfahren informiert werden. Manchmal sind selbst Pfarrer und Pastoralreferenten über diese Verfahren nur sehr unzureichend im Bilde.

Der Vorwurf, solche Verfahren seien nur etwas für reiche katholische Adelsfamilien, ist dagegen unberechtigt: Das Verfahren steht allen Katholiken offen und es fallen grundsätzlich nie mehr Kosten an als 100,- Euro für die erste Instanz und 50,- Euro für die zweite. Und selbst diese Beträge werden in Notlagen auch von den Pfarrgemeinden übernommen.
Bereits Papst Benedikt XVI. und Papst Franziskus haben dem zentralen Ehegericht im Vatikan - der "Rota Romana" - aufgetragen, das Annullierungsverfahren und dessen Voraussetzung zu überprüfen und sich immer auch als Seelsorger zu verstehen. Dabei sollten sie selbstverständlich den Schutz der Verheirateten und ihrer Ehen genauso vor Augen haben wie die Not derer, die nach einer ersten, vielleicht ungültigen Ehe eine zweite eingehen wollen.

Beide Päpste haben vorgeschlagen, ob nicht der mangelnde Glaube eines Ehepartners als Annullierungsgrund geprüft werden könne. Ein nichtgläubiger Ehepartner könne wahrscheinlich nicht verstehen und vielleicht auch nicht ermessen, was Kinderwunsch und Unauflöslichkeit wirklich mit der Gültigkeit einer Ehe zu tun haben.
Allerdings gilt auf der anderen Seite, dass auch weiterhin die kirchliche Heirat zwischen christlichen und atheistischen Partnern möglich sein soll. Ein Entgegenkommen für die eine Seite bedeutet immer auch die Gefahr einer zunehmenden Ungerechtigkeit auf der anderen Seite.

32. Die klandestine Annullierung

Es gab im Mittelalter eine "klandestine Ehe" - eine Ehe, die nicht öffentlich oder sogar heimlich geschlossen wurde und manchmal auch auf Dauer geheim bleiben sollte ("klandestin" heißt "unbeobachtet, im Verborgenen befindlich, geheim gehalten"). Eine "klandestine Eheannullierung" hat es jedoch nie gegeben. Ich habe mir den Begriff ausgedacht.
Wir haben nämlich noch kein eigenes Wort für ein Phänomen, dass es heute häufiger gibt: Die subjektive Überzeugung, dass eine geschlossene Ehe ungültig war - aber die Unfähigkeit, diese Überzeugung objektiv zu beweisen.
Ein Eheannullierungsverfahren erwartet aber einen solchen Beweis; auch hier gilt der Grundsatz "im Zweifel für den Angeklagten", nur dass der "Beklagte" hier die Ehe ("das Eheband") ist. Die Ehe wird im Zweifelsfall für gültig gehalten, ihre Ungültigkeit muss erwiesen werden (alles andere wäre auch unvernünftig).
Nun gibt es aber zunehmend Fälle, in denen die Ungültigkeit einer Ehe nicht (oder nicht hinreichend) durch Zeugenaussagen aufgezeigt werden kann, obwohl sie subjektiv als sicher angesehen wird.

Entweder weil Zeugen verstorben sind, oder weil den an einer Annullierung desinteressierten Zeugen der Aufwand einer Aussage zu groß ist, oder weil Namen nicht mehr bekannt, Freundschaften nicht mehr existent oder Erinnerungen nicht mehr präsent sind.
Diese Fälle sind nicht gleichzusetzen mit der angeblich autonomen Gewissensentscheidung über die Legitimität einer ersten oder zweiten Ehe: Die Kriterien einer Annullierung sind ja objektiv bekannt und werden akzeptiert. Der Sachverhalt wird nach diesen objektiven Kriterien bewertet. Nur sind die mangelnden Voraussetzungen für eine gültige Ehe manchmal nicht dokumentierbar.

33. Die zurückgestufte Beziehung ("Josefsehe")

Der Begriff "Josefsehe" klingt nicht gut... Gar nicht gut: »Maria und Josef waren heilig, und Heiligkeit ist so ziemlich das Gegenteil von lebensfroh. Außerdem war Maria ihr Leben lang Jungfrau - der arme Josef!« - Und, was in unserem Fall hinzukommt: Das, was wir heute unter dem Begriff "Josefsehe" verstehen, ist ja gar keine wirkliche Ehe. Und genau deshalb ist sie so interessant; zumindest für unsere Frage.
Aber halten wir erst einmal fest, was eine Josefsehe ist: Die Josefsehe ist tatsächlich keine wirkliche Ehe im vollumfänglichen Sinne. Sie umfasst alles - vom gemeinsamen Leben und füreinander Dasein, der Sorge für evtl. vorhandene Kinder, dem miteinander Leiden bishin zur gegenseitigen Hingabe -; sie ist Lebens- und Liebesgemeinschaft. Aber sie vollzieht nicht den ehelichen Akt. Insofern ist sie als Ehe unvollkommen; gleichzeitig kann sie aber in anderer Hinsicht sehr viel intensiver oder reichhaltiger sein als andere, vollgültige Ehen.

Es gibt sehr unterschiedliche Gründe, warum es in einer Ehe nicht zum Geschlechtsverkehr kommen kann - von physischer Unfähigkeit bishin zur spirituellen Rücksichtnahme. Eine solche Ehe defizitär oder unvollkommen zu nennen, ist keine Verurteilung: Jede Ehe ist immer in irgendeiner Hinsicht mit Mängel behaftet, wir Menschen sind nun einmal nicht vollkommen. Aber damit darf kein Urteil über die Qualität der Ehe selbst gesprochen werden: Denn eine Ehe, die in einer Hinsicht einen Mangel hat, kann in einer anderen Hinsicht vorbildlich sein.
Mir wäre es lieber, wenn wir den Begriff der "Josefsehe" meiden und stattdessen von einer "Rückstufung der Beziehung" sprechen. Das kann vielleicht für den, der nach einer ersten Ehe bereits in einer zweiten (oder dritten oder...) Ehebeziehung lebt, ein gangbarer Weg sein, der Gültigkeit der ersten Ehe Anerkennung zu schenken und gleichzeitig die Realität der zweiten Beziehung zu respektieren.
Die "Rückstufung einer Beziehung" ist dabei nicht "weltfremd" oder "künstlich", sondern geschieht in allen Beziehungen immer wieder. Sehr oft erkennt man nämlich erst im Nachhinein, dass eine Beziehung (oder deren sexueller Ausdruck) zu weit gegangen ist; ob nun im vorehelichen oder außerehelichen Bereich. Das schmerzt immer und ist nicht leicht; dafür die richtigen Worte zu finden bzw. sie angemessen aufzunehmen, ist eine Charakterstärke, die wir im Laufe unseres Lebens erst gewinnen müssen. Einer guten Freundin zu sagen, dass sie eben nur eine gute Freundin ist und nicht mehr - aber auch nicht weniger -, ist vielleicht sogar das Reifezeugnis für eine echte Beziehungsfähigkeit.
...so wie "Spiderman" am Ende des ersten Teils der Sam-Rami-Verfilmung.
Es ist natürlich etwas sehr viel Schwierigeres, eine solche Rückstufung in einer Beziehung dem Partner vorzuschlagen (oder sich gemeinsam vorzunehmen), wenn die Beziehung den Anschein einer guten und echten Ehe hatte. Das wirkt nicht wie eine "Neujustierung auf einem angemessenen Niveau", sondern sieht klar nach einer "Reduzierung" aus. Seien wir ehrlich: subjektiv ist sie das. - Aber sie kann auch ein Gewinn sein; so wie andere ehe-ähnliche Beziehungen, die auf die Sexualität verzichten müssen, in einer anderen Hinsicht gewinnen können.
Klar: Vielleicht siehst nur Du diese Möglichkeit als denkbar an, aber Dein Partner nicht. Vielleicht bist Du Dir sogar sicher, dass er das nicht mitmachen wird und Eure Beziehung bei einer "Rückstufung" nicht nur reduziert, sondern zerbrechen wird. Das kann durchaus sein. Die Möglichkeit der Rückstufung ist vielleicht nicht für alle eine wirkliche Lösung - zumindest keine glatte Lösung.

34. Die offene Tür

Aber vielleicht ist die Rückstufung für Euch beide ja ein möglicher Weg. Dann denk aber bitte daran, dass es nicht nur darum geht, einfach auf Sex zu verzichten - weder aus Prinzip noch aus Gehorsam oder Gesetzesfrömmigkeit. Es geht um Deinen ersten Ehepartner und darum, für ihn eine Tür offen zu halten. Und zwar sichtbar.

Mag sein, dass Dein erster und aktueller Ehepartner davon niemals etwas mitbekommen wird (wobei: Weiß man's?). Aber Zeichen, die Du setzt, bewirken auch in Dir etwas. Und gute Zeichen bewirken in Dir Gutes.
Und noch mehr: Nicht unterschätzen solltest Du auch die Wirkung, die Du mit diesem Zeichen auf alle anderen Menschen ausübst: Auf die Verliebten, die sich Deine Treue zum Vorbild nehmen; auf die Verheirateten, die durch Dich hoffen, auch selbst die Treue so leben und erfahren zu dürfen; auf die in eine Krise geratenen Eheleute, die sehen, was es heißt, sich von einem Ehepartner abzuwenden, der sein Eheversprechen ernstnimmt; auf die Nicht-Christen, die Nicht-Glaubenden; die ebenfalls Verlassenen und Gescheiterten; die, die ihren Partner vorsätzlich und rücksichtslos verlassen haben - usw.
Ein solches Zeichen ist mehr als nur Enthaltsamkeit. Es kann bedeuten, dass Du mit Deinem zweiten Partner nicht in einer Wohnung lebst - weil dieser Platz reserviert bleiben soll. Oder dass Ihr zumindest auf den gemeinsamen Urlaub verzichtet; oder dass Ihr nicht standesamtlich heiratet und keinen gemeinsamen Namen führt; oder dass Ihr Euch auch in der Öffentlichkeit wie Freunde und nicht wie Ehepartner verhaltet... Das sind nur Vorschläge: Nicht alles ist möglich, wenn man schon seit längerem in der zweiten Beziehung lebt. Und nicht alles, was möglich ist, ist wünschenswert. Aber bedenkt bei allem, was ihr tut: Ihr seid ein Zeichen für andere. Immer.

Vielleicht ist es nicht möglich, die zurückgestufte Beziehung in allen Bereichen nach außen sichtbar zu machen - für andere Menschen, die nur das Äußere sehen, wird es weiterhin wie eine Ehe aussehen. In solchen Fällen kann eine Wiederzulassung zur Kommunion für Ärgernis sorgen. Wenn nach außen hin die "Zurückstufung" nicht sichtbar gemacht werden kann, so gilt das, was Erzbischof Jean Jérôme Hamer, der Sekretär der Glaubenskongregation, bereits 1971 schreibt:
»Diesen Ehepaaren kann unter zwei Voraussetzungen erlaubt werden, die Sakramente zu empfangen: dass sie bemüht sind, den Anforderungen christlicher Moralprinzipien gemäß zu leben und dass sie die Sakramente in Gotteshäusern empfangen, in denen sie niemand kennt, sodass sie keinerlei Ärgernis hervorrufen.«

35. Das ist aber sehr, sehr schwer!

Ja, das ist schwer. Vielleicht ist die zurückgestufte Beziehung sogar eine noch größere Herausforderung, als die "zweite Ehe" aufzugeben. Über die zahlreichen Fähigkeiten, die Du dabei herausbilden musst, will ich hier nicht reden - Selbstbeherrschung und Kreativität sind nur zwei davon. Ich bin mit einigen Paaren darüber schon seit Jahren im Gespräch; und wir lernen immer noch dazu.

Letztlich ist es Deine Entscheidung (natürlich in Abstimmung mit Deinem Partner und evtl. Deiner Familie). Ich schreibe Dir nichts vor. Aber ich möchte auch keinen Etikettenschwindel betreiben:
Weg eins: Eine (zweite) Ehe zu leben, die keine ist, belastet: Dein Verhältnis zu Gott, zur Kirche und Dich selbst - und auch diejenigen, die auf ein unbedingtes Versprechen Deinerseits bauen.
Weg zwei: Eine (zweite) Ehe aufzugeben, obwohl sie glücklich ist und Wunden geheilt hat, ist ebenfalls eine schwere Last. Sie zu tragen, kann neue Wunden reißen.
Weg drei: Eine (zweite) Ehe zurückzustufen auf eine "freundschaftliche Lebenspartnerschaft" ist wiederum eine Last - aus einer unbeschwerten sexuellen Beziehung wird nun ein ständiger Kampf mit den eigenen Leidenschaften. Aber es kann sich lohnen - ja, es kann sogar eine Bereicherung der zweiten Partnerschaft sein.

36. Ist eine Beziehung ohne Sexualität nicht immer ärmer?

In einer eheähnlichen Partnerschaft auf Sex zu verzichten, kann eine Bereicherung sein?! Ich kann mir vorstellen, dass Du den Kopf schüttelst... und vielleicht denkst, dass für einen schwärmerischen Prediger alles "irgendwie" eine Bereicherung sein kann.
Aber ich habe die konkrete Erfahrung gemacht, dass manchmal ein "bester Freund" oder eine "beste Freundin" der eigenen Seele näher sein kann als der Ehepartner - vielleicht auch gerade, weil er/sie kein Sexpartner ist. Überhaupt spielt die gelebte Sexualität mit der zunehmenden Reife einer Beziehung oft eine immer geringere Rolle. Das mag ein seltsamer oder gar verstaubter Blickwinkel sein. Aber vielleicht hilft Dir einfach die Erfahrung anderer, dass eine Beziehung ohne Sex nicht unbedingt eine schlechtere Beziehung sein muss.

37. "Dann geh doch beichten" - Ist das nicht der Gipfel der Unehrlichkeit?!

»Und - wenn Du in einer "zurückgestuften Beziehung" den Reizen Deines Freundes (Deiner Freundin) unterliegst und es dann doch wieder zum Geschlechtsverkehr gekommen ist - dann kannst Du es ja beichten.«

Wieder so eine Aussage, bei der ich wetten möchte, dass sie bei vielen Lesern ein lautes Lachen gepaart mit einem kleinen Wutanfall auslöst. Ist das nicht scheinheilig? Um der seelischen Reinheit willen Dinge beichten, die man gar nicht bereut? Oder aus religiösen Gründen etwas zu bereuen, dass man doch eigentlich genießt?! Heuchelei! Pharisäer! Grauenhaft!

Naja - vielleicht reagierst Du gar nicht so. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich mit diesem Vorschlag fast nur auf Hohn und Spott stoße - meistens bei Menschen, die keine eigene Beichtpraxis mehr pflegen. Schön, wenn das bei Dir nicht der Fall ist!
Dabei sind mehrere Dinge zu bedenken: (1) Viele erwarten die Freigabe der zweiten Ehe als ein gutes Recht des in der ersten Ehe Gescheiterten; sie empfinden den Vorschlag, das (nach christlich-kirchlichem Verständnis) Sündige in der zweiten Ehe zu beichten, als Zumutung und Arroganz. Leider kann ich aber an diesen Vorgaben nichts ändern: Die erste Ehe mag gescheitert sein, aber sie besteht noch. Die zweite Ehe ist selbst dann nicht in Ordnung, wenn sie wunderbar erscheint.

(2) Du sollst ja nicht den Sex mit einem Menschen bereuen, weil er (der Sex) schlecht gewesen ist. Vermutlich genießt Du es - die Sexualität und die sexuellen Freuden sind ja schließlich von Gott gewollt und geschaffen. Dennoch kann etwas, das sich wunderbar anfühlt, nicht in Ordnung sein.

Auch ein Wellness-Urlaub ist wunderbar, selbst wenn er mit gestohlenem Geld bezahlt wird. Du solltest - falls Du der Dieb bist - nicht den Urlaub bereuen (der war wirklich schön!), sondern den Umstand, ihn auf Kosten anderer zu genießen.
So sollte auch jemand, der fremdgeht und damit seinen Ehepartner betrügt, nicht den Sex als solchen bereuen, sondern die Tatsache, dass die an sich gottgewollten Freuden der Sexualität entgegen dem Treueversprechen und Vertrauen des Ehepartners genossen werden.

Jede Sünde, die Du begehst, hat immer etwas, das Du genießt - sonst würdest Du ja nicht sündigen. Das gilt auch für eine Freundschaft mit einem wunderbaren Menschen, der Dir zur Seite steht, während Du Dich von Deinem eigentlichen Ehepartner entfremdet hast: Wenn diese Freundschaft zum Sex führt, musst Du weder die Freundschaft noch den Sex bereuen.

(3) Und ja, Du kannst auch etwas bereuen und beichten, von dem Du Dir sicher sein kannst, dass Du auf Dauer wieder schwach wirst. Auch das ist bei allen unseren Sünden so: Ich beichte, dass ich gelogen habe - und ich weiß, dass ich es auf Dauer nicht schaffen werde, bei der Wahrheit zu bleiben. Aber das ist nicht entscheidend, wichtig ist, dass Du Dir wünschst, es zu schaffen. - So ist es schon entscheidend, ob Du wirklich verstehst und zustimmst, eine "zurückgestufte Beziehung zu leben". Auch dann, wenn Du Dich nach den Berührungen und sexuellen Zuwendungen sehnst - und auch dann, wenn Du davon ausgehst, dass die Attraktivität Deines Freundes/Freundin auf Dauer stärker ist als Dein Wille.
Letztlich müssen wir uns immer Sünden abgewöhnen und uns dem Guten nach und nach immer mehr öffnen. Das gilt noch viel mehr für einen so tiefen Einschnitt wie eine "zurückgestufte Beziehung".

38. Will Gott, dass ich eine gute Beziehung beende?

Gott will, dass Du weiterhin in Beziehungen lebst! Unterscheide deshalb immer zwischen den Handlungen, die der Ehe vorbehalten sind, und der vertrauensvollen Beziehung selbst. Gott will keinen Abbruch von Beziehung, sondern die Vertiefung und Einordnung in ein größeres Ganzes!

Die Hindernisse dazu legt Dir nicht die Kirche in den Weg - sie ergeben sich leider aus den Schwächen der Menschen. Vielleicht akzeptiert Dein Partner Deinen Entschluss nicht; vielleicht musst Du die Beziehung ganz aufgeben, weil eine Rückstufung für Dich oder den Partner offenbar nur Schmerzen bereitet. Das wäre bitter und sicherlich nur eine Notlösung. Besser wäre es, wenn Du mit den Menschen, denen Du vertraust und die schon so viel für Dich getan haben, in einer weiterhin guten Beziehung bleibst!

39. Ist die Kommunion und die Beichte also eine Belohnung für eine Elite - anstatt ein Heilmittel für die Strauchelnden zu sein?

Die Beichte (ebenso wie der Kommunionempfang) ist kein Sakrament, das Dir erst gespendet wird, wenn Du zuvor alle Probleme Deines Lebens gelöst hat. Deshalb ist die Aussage, dass die Kommunion keine "Belohnung für eine Elite" ist, eine Selbstverständlichkeit.
Aber die Sakramente sind auch keine Heilmittel, die Dir ganz unabhängig von Deinem eigenen Bemühen gespendet werden können und dann - quasi in göttlichem Alleingang - Deinen Lebensknoten entwirren.
Dazwischen, in der Mitte, liegt der Weg der Mitwirkung: Die im Sakrament vermittelte Gnade kann nur dort ansetzen und wirken, wo Du Dich um einen Ausweg bemühst. Das Bemühen wiederum beginnt mit der Sehnsucht, Dein Leben gottwohlgefällig zu gestalten und deshalb wenn nötig zu korrigieren.
Beides - das Bemühen und die Sehnsucht - sind allerdings ganz kleine Pflänzchen, die im Verborgenen keimen und wachsen; eine Verborgenheit, die vielleicht nur Dein Beichtvater kennt. Er kann feststellen, dass Du zwar noch weit entfernt von einer "Neuordnung Deiner Lebensverhältnisse" bist, aber schon auf einem guten Weg dorthin. Und dass Du für diesen Weg die Stärkung und Nahrung der Sakramente benötigst.

Überhaupt sind die Fälle größter geistlicher Not in dieser Katechese nicht annähernd so treffend zu umschreiben wie in einer geistlichen Begleitung mit einem erfahrenen Seelenführer. Ich kann Dir also abschließend den wichtigsten Ratschlag dieser Sammlung überhaupt geben: Such Dir einen guten Priester und vertrau Dich ihm mit Deinen Lebensumständen und Sehnsüchten an. Er wird mit Dir sicherlich einen Weg finden, Dir und Deinen Kräften angemessen und gleichzeitig offen für Gott an Deiner Seite.