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Was Jesus uns verkündet hat

Es gibt einige Theologen, die bemängeln, dass die Frage, wer Jesus Christus gewesen sei, sich so breit gemacht habe, dass das, was er selbst gepredigt habe, dabei verloren gegangen sei. Wir sollten - so heißt es z.B. bei Hubertus Halbfas - wieder mehr über die Botschaft Jesu nachdenken und nicht zu viel über eine Christologie.
Aber nicht nur deshalb sollten wir also einen Blick auf die Verkündigung Jesu werfen; es stellt sich vielmehr die Frage: Steht die Predigt Jesu tatsächlich in einem Widerspruch zur Christologie und Erlösungslehre?


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Diese Katechese ist auch als gedrucktes Heft (Nr. 114 erhältlich: Kostenlose Bestellung

I. Das Reich Gottes

Im allgemeinen wird die gesamte Verkündigung Jesu mit »Reich-Gottes-Botschaft« umschrieben. Eigentlich könnten wir auch bei dem bleiben, was Jesus selbst über seine Verkündigung sagte: Er verkündete uns das Evangelium. Beide Begriffe haben ihre Berechtigung, denn in allen drei synoptischen Evangelien ist die Ankündigung des Reiches Gottes die erste Aussage, die Jesus macht:
»Von da an begann Jesus zu verkünden: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.« (Mt 4,17)
»Nachdem man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, ging Jesus wieder nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!« (Mk 1,14f)
»Er sagte zu ihnen: Ich muss auch den anderen Städten das Evangelium vom Reich Gottes verkünden; denn dazu bin ich gesandt worden.« (Lk 4,43)

1. Das Reich Gottes

»Das Reich Gottes« ist eine von Jesus gerne und immer wieder benutzte Metapher für die kommende Wirklichkeit; im Griechischem steht dort zumeist der Ausdruck »basileia tou theou«, was mit »Himmelreich«, »Gottesreich«, »Gottes Königsherrschaft« oder ähnlichen Begriffen ins Deutsche übersetzt wird, die alle eine Schwäche haben: Sie lassen an einen Staat oder ein irdisches Königreich denken, das eine bestimmte räumliche Ausdehnung hat. Tatsächlich gab es zur Zeit Jesu auch die Erwartung, dass der kommende Messias mit der Erneuerung des Davidreiches, der Wiederherstellung des Volkes Israel und der Befreiung des Volkes von jeder Fremdherrschaft einen irdischen Staat errichten werde. Aber auch in der jüdischen Tradition gab es Ansätze, dass die erneuerte Gottesherrschaft von einer anderen Qualität sein könnte. Aber von welcher?
Jesus benutzt zwar den zu seiner Zeit bekannten Ausdruck »Reich Gottes«, füllt ihn aber mit einem anderen Inhalt: Das Reich Gottes ist eine neue Wirklichkeit, die sich in dieser Welt auftut. Also nicht bloß eine Veränderung der bekannten Realität (z.B. indem die römische Herrschaft in Israel durch eine jüdische ersetzt würde); vielmehr wird der uns bekannten, irdischen Wirklichkeit eine neue hinzugefügt. Diese neue Wirklichkeit ist unsichtbar - und eine Möglichkeit, die von den Menschen ergriffen werden muss. Aber überall dort, wo sie von Menschen gelebt wird, wird dieses neue Reich lebendig.
Man könnte meinen, dass der Begriff »Reich« zu politisch ist und deshalb durch einen der Sache angemesseneren Begriff ersetzt werden sollte. Aber es gibt einen ähnlichen Begriff in der Biologie: Dort stand lange Zeit in der Systematik zur Klassifikation der Lebewesen (Stamm > Klasse > Ordnung > Familie > Gattung) das »Reich« (regnum) als höchste Kategorie. Die Frage, ob ein Lebewesen ein Tier oder eine Pflanze sei, entschied, zu welchem Reich es gehörte (später kamen noch Bakterien, Pilze und Archebakterien als mögliche Reiche hinzu). So ist das »Reich Gottes« auch eher eine Seinsart - und eben kein abgegrenztes geografisches Gebiet.
Dieses Sein - Reich-Gottes-Sein - ist aber nicht (wie bei den Pflanzen, Tieren und Bakterien) ein mit der Existenz bereits festgelegtes Kriterium, sondern Geschenk einer neuen Lebensweise - und eine freie Entscheidung des Menschen, dieses Geschenk anzunehmen.

Diese Grafik mag recht schematisch erscheinen, sie vermeidet aber zwei Missverständnisse: Auf der einen Seite darf das Reich Gottes nicht als nur eine Ordnung innerhalb dieser Welt gesehen werden (wie zum Beispiel ein politisches Reich, z.B. das »Deutsche Reich«). Es ist aber auch keine rein jenseitige Größe oder eine geistige Dimension, die von allem Irdischen verschieden ist (das Reich Gottes als eine Art »Parallel-Universum«). So, wie die Seele den Leib durchformt, gestaltet und mit neuen Möglichkeiten ausstattet, so durchformt auch die Gnade die ganze Leib-Seele-Wirklichkeit des Menschen, gestaltet sie neu und stattet sie mit neuen Möglichkeiten aus. (Das gilt auch für die Christologie: Wie sich die Seele zum Leib verhält, so verhält sich die Gottheit Jesu zu seiner Menschheit.)

Es gibt jedoch einen wichtigen Unterschied zur Tier- und Pflanzen-Klassifikation: Der Mensch besitzt die Freiheit, sich von der Gnade Gottes durchformen zu lassen, er kann sich jedoch auch gegen eine Zugehörigkeit zum neuen Reich entscheiden - und Gott respektiert diese Freiheit.

2. Eschatologischer Vorbehalt

Wenn die Frage, wer zum Reich Gottes dazu gehört, also nicht durch eine Gen-Untersuchung beantwortet werden kann (wie bei Pflanzen, Tieren und Eukaryonten), sondern eine Entscheidung ist, die in Freiheit getroffen und dann auch vollzogen werden muss, dann gibt es das Reich Gottes nicht nur als »Ja-Nein-Alternative«, sondern sozusagen »im Werden«.

Ein Mensch ist ja auch nicht entweder Musiker oder ein Un-Musiker. Manche fangen an, ein Instrument zu lernen, manche entwickeln ihr Talent durch Übung und Fleiß - andere entdecken ihre Begabung erst spät. Dieses Musiker-Beispiel hinkt allerdings an zwei entscheidenden Punkten: (1) Man kann sein Musik-Talent nur entdecken, wenn es vorhanden ist; im Reich Gottes gibt es aber keine »Untalentierten«. Und (2) ist das Reich-Gottes ein Geschenk im wahrsten Sinne: Es ist uns nicht schon per Geburt mitgegeben wie eine Musikbegabung; das Reich Gottes wird uns erst nach der Geburt als Geschenk angeboten (in der Taufe) und als Geschenk immer wieder erneuert (durch die anderen Sakramente). Geübt werden muss aber in beiden Fällen: Der Musiker durch seine musikalische Praxis, der Christ durch seinen gelebten Glauben.

Deshalb verwendet Jesus »dynamische« Gleichnisse für das Reich Gottes, wie z.B. die Gleichnisse vom Sauerteig oder vom Wachsen der Saat. Das Reich Gottes ist nicht wie eine Münze, die entweder da ist oder eben nicht. Es ist wie die Hefe, die im Mehltrog wächst - oder die Pflanze, die das ihr Innewohnende entfaltet. Das meint der »eschatologische Vorbehalt«: Das Reich Gottes ist schon angebrochen, gleichzeitig aber noch nicht ganz entfaltet; es hat schon begonnen, aber ist noch nicht vollendet.

Einige ausgewählte Stellen (den Reich-Gottes-Gleichnisse bei Markus widme ich gleich ein eigenes Kapitel):

»Wenn ich aber die Dämonen durch den Geist Gottes austreibe, dann ist das Reich Gottes schon zu euch gekommen.« (Mt 12,28)
»Der Menschensohn wird seine Engel aussenden, und sie werden aus seinem Reich alle zusammenholen, die andere verführt und Gottes Gesetz übertreten haben« (Mt 13,41)
»Nochmals sage ich euch: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.« (Mt 19,24)
»Wer von den beiden hat den Willen seines Vaters erfüllt? Sie antworteten: Der zweite. Da sagte Jesus zu ihnen: Amen, das sage ich euch: Zöllner und Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr.« (Mt 21,31)
»Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird euch weggenommen und einem Volk gegeben werden, das die erwarteten Früchte bringt.« (Mt 21,43)
»Und wenn dich dein Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus; es ist besser für dich, einäugig in das Reich Gottes zu kommen, als mit zwei Augen in die Hölle geworfen zu werden« (Mk 9,47)
»Als Jesus das sah, wurde er unwillig und sagte zu ihnen: Lasst die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran! Denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes. Amen, das sage ich euch: Wer das Reich Gottes nicht so annimmt, wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.« (Mk 10,14f)
»Da sah Jesus seine Jünger an und sagte zu ihnen: Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen! Die Jünger waren über seine Worte bestürzt. Jesus aber sagte noch einmal zu ihnen: Meine Kinder, wie schwer ist es, in das Reich Gottes zu kommen!« (Mk 10,23f)
»Jesus sah, dass er mit Verständnis geantwortet hatte, und sagte zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und keiner wagte mehr, Jesus eine Frage zu stellen.« (Mk 12,34)
»Da es Rüsttag war, der Tag vor dem Sabbat, und es schon Abend wurde, ging Josef von Arimathäa, ein vornehmer Ratsherr, der auch auf das Reich Gottes wartete, zu Pilatus und wagte es, um den Leichnam Jesu zu bitten.« (Mk 15,44)
Im Lukas-Evangelium taucht der Begriff »Reich Gottes« an dreißig Stellen auf. Im Johannes-Evangelium wird dagegen der Ausdruck »Reich Gottes« nur zweimal - im gleichen Gespräch - erwähnt: »Jesus antwortete ihm: Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen. Nikodemus entgegnete ihm: Wie kann ein Mensch, der schon alt ist, geboren werden? Er kann doch nicht in den Schoß seiner Mutter zurückkehren und ein zweites Mal geboren werden. Jesus antwortete: Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen.« (Joh 3,3f)

3. Präsentische Eschatologie

Die Endzeit vor der Wiederkunft Christi ist mit allerlei Schrecken versehen - so lesen wir es in der Bibel. Auf die oft vorgebrachte Frage, wann denn nun die Endzeit beginne (»Ist es nun soweit«?), werden nun von verschiedenen christlichen Gruppierungen und Sekten halsbrecherische Thesen und sogar Jahreszahlen genannt. Für alle, die sich davor fürchten, in diese Endzeit zu geraten, habe ich eine schlechte Nachricht: Wir sind mitten drin. Aber schon seit 2000 Jahren.
Wir dürfen nämlich nicht glauben, die Ankündigung Jesu »Kehrt um! Das Reich Gottes ist nahe!« sei so etwas wie eine Warnung »Es bleibt euch nicht mehr viel Zeit für eine Umkehr! Bekehrt euch jetzt, bevor das Reich Gottes kommt!«. Jesus macht uns vielmehr eine Verheißung: »Das Reich Gottes ist in greifbarer Nähe! Bekehrt euch jetzt, weil es euch so nahe ist!« Die Ankündigung des Reiches Gottes ist also eine Frohbotschaft (»Jetzt umkehren! Es war nie so günstig wie nun!«) und keine Drohbotschaft (»Letzter Aufruf zur Umkehr, bevor es zu spät ist!«). Das bedeutet aber auch, dass mit dem Anbruch des Reiches Gottes auch die Endzeit begonnen hat. Im Grunde also mit der Menschwerdung Jesu (Gott stellt in Jesus die Schöpfung wieder her: Gott-Seele-Leib-Einheit); offen für alle wird sie durch die Erlösung am Kreuz und die Auferstehung.
Wenn Jesus also vom Anbruch des Reiches Gottes spricht, so ist das kein noch bevorstehendes Ereignis - sondern eine Seinsweise. Eine Möglichkeit, die dem Menschen nun offen steht. Deshalb sprechen wir Theologen gerne von einer »präsentischen Eschatologie«: Die Endzeit (griechisch: »to eschaton«) ist nichts erst in der Zukunft Kommendes (futurische Eschatologie) sondern seit Tod und Auferstehung Jesu in dieser Welt gegenwärtig (präsentische Eschatologie). So kann Jesus auch im Markusevangelium sagen: »Und er sagte zu ihnen: Amen, ich sage euch: Von denen, die hier stehen, werden einige den Tod nicht erleiden, bis sie gesehen haben, dass das Reich Gottes in (seiner ganzen) Macht gekommen ist.« (Mk 9,1) Jesus unterscheidet die Zeit vor dem Anbruch des Reiches (vor seinem Tod und seiner Auferstehung) von der nachösterlichen Zeit: »Amen, ich sage euch: Ich werde nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken bis zu dem Tag, an dem ich von neuem davon trinke im Reich Gottes.« (Mk 14,25)

Wer die Ankündigungen des Reiches Gottes als eine Erwartung eines zukünftigen Ereignisses versteht, das eventuell sogar mit der Wiederkunft Christi identisch ist, der kann auch auf den Gedanken kommen, Jesu spreche von einer baldigen Rückkehr. Diese sogenannte Naherwartung wird zwar auch noch durch andere Bibelstellen nahegelegt; wer aber die Ankündigungen des Reiches Gottes präsentisch versteht, der wird in den Evangelien kaum Hinweise für eine enttäuschte Naherwartung erkennen.

II. Die drei Säulen der Reich-Gottes-Botschaft

Die Grundzüge der Reich-Gottes-Botschaft (RGB) kommen besonders deutlich in den markinischen Wachstumsgleichnissen zum Ausdruck, der Bergpredigt und den Wundern (bzw. Zeichen). Eine gute Gelegenheit, um sich an dieser Stelle auch grundsätzliche Informationen über diese drei Verkündigungsformen anzueignen.

1. Gleichnisse

Ein Gleichnis ist sozusagen eine erweiterte Metapher: Für einen Sachverhalt wird nicht nur ein bildhaft gemeintes Wort verwendet, sondern eine kurze Erzählung erläutert etwas Entscheidendes an diesem Sachverhalt. Ein Gleichnis besteht somit aus zwei Hälften: Der sogenannten Bildhälfte (das, was beschrieben wird) und der Sachhälfte (das, was damit gemeint ist). Jemand, der mir anhand von Blümchen und Bienchen erklären will, wie die menschliche Sexualität vonstatten geht, erklärt mir also mit der Bildhälfte der Blumen und Bienen die Sachhälfte der Sexualität.
Aber es reicht nicht aus, Bild- und Sachhälfte identifizieren zu können. Zu einer korrekten Deutung gehört die Einordnung des Gleichnisses in (mindestens) eine der folgenden Typen (Allegorie, Vergleich, Kontrast); zudem eine ausreichende Kenntnis der Bildhälfte (wer nicht weiß, was Bienen mit Blumen machen, der wird auch nicht mit Hilfe der Bienen-Blumen-Erzählung die Sexualität besser begreifen) und ein gewisses Vorverständnis der Aussageabsicht zur Identifizierung des »tertium comparationis« (d.h. dessen, was der Bild- und Sachhälfte gemeinsam ist).

Die für die Verkündigung des Reiches Gottes zentralen Wachstumsgleichnisse finden sich vor allem bei Markus und Matthäus: In der »Rede über das Himmelreich« (Mt 13,1-53) fasst Matthäus sieben Gleichnisse zusammen, die vom Reich Gottes handeln:

Mt 13, 1-9: Das Gleichnis vom Sämann (bei Markus 4,1-9; bei Lukas 8,4-8)
Mt 13,24-30: Das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen (nur bei Matthäus)
Mt 13,31-32: Das Gleichnis vom Senfkorn (bei Markus 4,30-32; bei Lukas 13,18f)
Mt 13, 33: Das Gleichnis vom Sauerteig (bei Lukas 13,20f)
Mt 13, 44-46: Das Gleichnis vom Schatz und der Perle (nur bei Matthäus)
Mt 13,47-50: Das Gleichnis vom Fischnetz (nur bei Matthäus)

Drei dieser Gleichnisse finden sich auch bei Lukas (Sämann, Senfkorn und Sauerteig), davon zwei auch bei Markus (Sämann und Senfkorn), vier gehören zum Sondergut des Matthäus (Unkraut unter dem Weizen, Schatz und Perle, Fischnetz). Im vierten Kapitel bei Markus (Mk 4,1-34) gibt es drei Saatgleichnisse (Sämann, die selbstwachsende Saat [Mk 4, 26-29] und das Gleichnis vom Senfkorn), wobei das Gleichnis von der selbstwachsenden Saat nur bei Markus zu finden ist. Aus diesen Gleichnissen sind die - im ersten Teil bereits ausgeführten - Erkenntnisse über das Reich Gottes, den eschatologischen Vorbehalt und die präsentische Eschatologie entnommen.

a. Drei Gleichnis-Kategorien

Gleichnis / Allegorie: Ein Gleichnis hat normalerweise nur einen zentralen Vergleichspunkt, aus dem sich dann auch die Aussage ergibt; so z.B. beim Gleichnis vom Sauerteig: »Und er erzählte ihnen noch ein Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit dem Sauerteig, den eine Frau unter einen großen Trog Mehl mischte, bis das Ganze durchsäuert war.« (Mt 13,33) Hier will Jesus allein die Eigenschaft des Sauerteigs, der Zeit braucht, um zu wirken, als Aussageabsicht des Gleichnisses verdeutlichen.
Im Gegensatz dazu bietet eine Allegorie zahlreiche parallele Übertragungsmöglichkeiten, die auf zusätzliche Aussageabsichten schließen lassen. So ist z.B. das »Gleichnis vom Sämann« eher eine Allegorie: »Er sagte: Ein Sämann ging aufs Feld, um zu säen. Als er säte, fiel ein Teil der Körner auf den Weg, und die Vögel kamen und fraßen sie. Ein anderer Teil fiel auf felsigen Boden, wo es nur wenig Erde gab, und ging sofort auf, weil das Erdreich nicht tief war; als aber die Sonne hochstieg, wurde die Saat versengt und verdorrte, weil sie keine Wurzeln hatte. Wieder ein anderer Teil fiel in die Dornen, und die Dornen wuchsen und erstickten die Saat. Ein anderer Teil schließlich fiel auf guten Boden und brachte Frucht, teils hundertfach, teils sechzigfach, teils dreißigfach.« (Mt 13,3-8) In dieser Allegorie lassen sich die einzelnen Elemente jeweils für sich in die Wirklichkeit übertragen (wie Jesus es ja selbst den Jüngern gegenüber tut): Der Sämann ist der Verkünder der Botschaft, der Samen das verkündete Wort, die Vögel stehen für die bösen Mächte, felsiger Boden für unbeständige Menschen, die Dornen für die alltäglichen Sorgen und den Reichtum - und so weiter.
Viele Exegeten lehnen allegorische Deutungen der Gleichnisse ab und wollen es auf eine einzige Aussagespitze beschränken; ihre Warnungen vor einer allzu leichtfertigen allegorischen Deutung eines jeden Details ist durchaus berechtigt. Auf der anderen Seite ist es oft Jesus selbst, der eine allegorische Deutung nahelegt; auch die Kirchenväter hatten keine Scheu, die biblischen Texte ausgiebig auf ihre allegorischen Möglichkeiten abzuklopfen. Halten wir fest, dass wir die Allegorie als Quelle der Theologie möglichst vorsichtig bemühen.

Vergleichende Gleichnisse: In diesen Gleichnissen wird anhand einer einleuchtenden Alltagserfahrung auf eine unsichtbare Wirklichkeit geschlossen - um diese ebenso einleuchtend erscheinen zu lassen. In Kurzform könnten wir solche Gleichnisse mit der Formel »So wie im Alltag, so auch bei Gott« umschreiben. Das gilt z.B. für das bereits genannte Gleichnis vom Sauerteig, aber auch für das Gleichnis von der selbstwachsenden Saat: »Er sagte: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät; dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst, und der Mann weiß nicht, wie. Die Erde bringt von selbst ihre Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre, dann das volle Korn in der Ähre. Sobald aber die Frucht reif ist, legt er die Sichel an; denn die Zeit der Ernte ist da.« (Mk 4, 26-29) Das kennt jeder (sogar in nicht-landwirtschaftlichen Kreisen dürfte das bekannt sein) - und so ist es auch bei Gott. Wir verkünden das Wort. Das Wachsen des Glaubens und das Hervorbringen von Früchten ist nicht Angelegenheit des Predigers.

Kontrastierende Gleichnisse: In diesen Erzählungen wird dem Hörer ein Sachverhalt erzählt, der befremdlich, absurd oder doch zumindest ungewöhnlich ist. Mit der Kurzformel »Was im Alltag ungewöhnlich, ist bei Gott selbstverständlich« wird die Andersheit Gottes illustriert. So z.B. beim verlorenen Sohn (Lk 15, 11-32), der entgegen der menschlichen Erwartung wieder in das Vaterhaus aufgenommen wird (die Betrachtung des zweiten Sohnes führt übrigens in eine eher allegorische Deutung). Ebenso seltsam verhält sich der Gute Hirt, der 99 Schafe ungeschützt zurücklässt, um eines zu suchen (Lk 15,4-6), oder die Frau, die eine Drachme verloren hat: »Oder wenn eine Frau zehn Drachmen hat und eine davon verliert, zündet sie dann nicht eine Lampe an, fegt das ganze Haus und sucht unermüdlich, bis sie das Geldstück findet? Und wenn sie es gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt: Freut euch mit mir; ich habe die Drachme wiedergefunden, die ich verloren hatte.« (Lk 15,8) Dass die Freude über eine verlorene Drachme zu einer Feierlichkeit mit Freundinnen und Nachbarinnen führt, ist absurd: Eine solche Feierlichkeit würde mehr als den Gegenwert einer Drachme kosten. Aber - so die Botschaft - im Himmel herrscht eben mehr Freude über einen Sünder, der umkehrt, als wir uns das vorstellen können.

b. Erkennen der Bildhälfte

Nun ist es manchmal schon schwierig, eine Gleichnisrede als solche zu erkennen (»Warum begreift ihr denn nicht, dass ich nicht von Brot gesprochen habe, als ich zu euch sagte: Hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer? Da verstanden sie, dass er nicht gemeint hatte, sie sollten sich vor dem Sauerteig hüten, mit dem man Brot backt, sondern vor der Lehre der Pharisäer und Sadduzäer.« [Mt 16,11]) beziehungsweise sich davor zu hüten, eine reale Handlung der sachlich gemeinte Aussage lediglich bildlich und gleichnishaft zu deuten.
Darüber hinaus ist es oft auch nicht ganz einfach, ein Gleichnis korrekt zu deuten, weil wir über die Bildhälfte zu wenig Informationen haben. Das gilt zum Beispiel für die Eigenschaft von Pflanzen: Wer weiß denn schon, wie winzig das Samenkorn des Senfstrauches wirklich ist und wie ein ausgewachsener Senfbaum (bzw. -strauch) aussieht? (Mk 4,30-32) - Kennen wir die Pflanze, die mit »Unkraut« gemeint ist und die sich in ihrem frühen Stadium nicht von Weizen unterscheidet? (Mt 13,24-40) Vor allem macht sich unser Unwissen negativ bemerkbar, wenn es sich um soziale oder kulturelle Bräuche - wie z.B. die Hochzeitsbräuche - der damaligen Zeit handelt. Hier mögen zwei Beispiele genügen, um deutlich zu machen, wie sehr wir dieses Wissen benötigen:

Das Gleichnis vom königlichen Hochzeitsmahl: Matthäus 22,1-14
Jesus erzählte ihnen noch ein anderes Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem König, der die Hochzeit seines Sohnes vorbereitete. Er schickte seine Diener, um die eingeladenen Gäste zur Hochzeit rufen zu lassen. Sie aber wollten nicht kommen. Da schickte er noch einmal Diener und trug ihnen auf: Sagt den Eingeladenen: Mein Mahl ist fertig, die Ochsen und das Mastvieh sind geschlachtet, alles ist bereit. Kommt zur Hochzeit! Sie aber kümmerten sich nicht darum, sondern der eine ging auf seinen Acker, der andere in seinen Laden, wieder andere fielen über seine Diener her, misshandelten sie und brachten sie um. Da wurde der König zornig; er schickte sein Heer, ließ die Mörder töten und ihre Stadt in Schutt und Asche legen. Dann sagte er zu seinen Dienern: Das Hochzeitsmahl ist vorbereitet, aber die Gäste waren es nicht wert (eingeladen zu werden). Geht also hinaus auf die Straßen und ladet alle, die ihr trefft, zur Hochzeit ein. Die Diener gingen auf die Straßen hinaus und holten alle zusammen, die sie trafen, Böse und Gute, und der Festsaal füllte sich mit Gästen. Als sie sich gesetzt hatten und der König eintrat, um sich die Gäste anzusehen, bemerkte er unter ihnen einen Mann, der kein Hochzeitsgewand anhatte. Er sagte zu ihm: Mein Freund, wie konntest du hier ohne Hochzeitsgewand erscheinen? Darauf wusste der Mann nichts zu sagen. Da befahl der König seinen Dienern: Bindet ihm Hände und Füße, und werft ihn hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen. Denn viele sind gerufen, aber nur wenige auserwählt.

In diesem Gleichnis verstört vor allem der Schluss: Wenn nun schon alle Gäste aus ihrem Alltag heraus zur Hochzeit geladen wurden, wie kann man dann erwarten, dass diese sich auch noch entsprechend kleideten? Nun, für die Zuhörer Jesu war die Antwort klar, weil ihnen die jüdischen Hochzeitsbräuche bekannt waren, uns aber diese Information fehlt: Zu jeder Hochzeit wurden die Gewänder gestellt, die meist in einem einfachen, poncho-artigen Überwurf bestanden. Solche Hochzeitsgewänder waren oft im Dorfbesitz und standen allen Feiernden zur Verfügung; sie wurden einfach über das Alltagsgewand getragen und sorgten so für eine Aufhebung der Standesunterschiede innerhalb des Dorfes oder der Gesellschaft. Das Nicht-tragen-Wollen eines Hochzeitsgewandes ist also ein bewusster Affront gegen das Brautpaar und nicht etwa durch die persönliche Armut zu entschuldigen. (Nebenbei: Hier hat auch das priesterliche Messgewand seinen Ursprung; die Kasel ist als festlicher Überwurf ein Hochzeitsgewand, das über der Alltagskleidung getragen wird. Die Messfeier ist also bereits eine Andeutung des himmlischen Hochzeitsmahles!)

Das Gleichnis von den zehn Jungfrauen: Matthäus 25,1-13
Dann wird es mit dem Himmelreich sein wie mit zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und dem Bräutigam entgegengingen. Fünf von ihnen waren töricht, und fünf waren klug. Die törichten nahmen ihre Lampen mit, aber kein Öl, die klugen aber nahmen außer den Lampen noch Öl in Krügen mit. Als nun der Bräutigam lange nicht kam, wurden sie alle müde und schliefen ein. Mitten in der Nacht aber hörte man plötzlich laute Rufe: Der Bräutigam kommt! Geht ihm entgegen! Da standen die Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen zurecht. Die törichten aber sagten zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl, sonst gehen unsere Lampen aus. Die klugen erwiderten ihnen: Dann reicht es weder für uns noch für euch; geht doch zu den Händlern und kauft, was ihr braucht. Während sie noch unterwegs waren, um das Öl zu kaufen, kam der Bräutigam; die Jungfrauen, die bereit waren, gingen mit ihm in den Hochzeitssaal, und die Tür wurde zugeschlossen. Später kamen auch die anderen Jungfrauen und riefen: Herr, Herr, mach uns auf! Er aber antwortete ihnen: Amen, ich sage euch: Ich kenne euch nicht. - Seid also wachsam! Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde.

Auch in diesem Gleichnis überrascht die völlig übertriebene Reaktion des Bräutigams - und die Aussageabsicht, die man daraus schließen könnte: Legt Vorräte an, seid wirtschaftlich vernünftig! Selbst, wenn wir das Öl als Vorrat an guten Werken oder Glauben deuten, wird die Aussage nicht wirklich besser - ist denn der Glaube nicht ein Geschenk?
Erst die Kenntnis der jüdischen Hochzeitsbräuche, die ich von Klaus Berger übernommen habe, lässt das Geschehen in einem ganz anderen Licht erscheinen. Es war damals üblich, dass der Bräutigam die Braut in ihrem Elternhaus abholte und vom Brautvater freikaufte. Erst nach Abschluss der Verhandlungen zog der Bräutigam mit seiner Braut in feierlichem Zug zum Hochzeitssaal, in dem er von den Jungfrauen erwartet wurde. - Nun war es eine Tradition, dass der Brautvater mit dem Bräutigam ausführlich verhandelte und von seinen Wohltaten erzählte, die er seinen Töchtern angedeihen ließ, damit sie so liebenswert wurden, wie sie der Bräutigam nun vorfindet. Je ärmer ein Bräutigam nun war, umso schneller waren die Verhandlungen abgeschlossen: Wo nichts zu holen ist, braucht man auch nicht feilschen. Ein sehr vermögender Bräutigam, der zudem eine sehr liebreizende Braut heimführen wollte, konnte allerdings schon einmal die halbe Nacht durch die Verhandlungen mit dem Brautvater aufgehalten werden. Der Fehler der törichten Jungfrauen war also nicht die mangelnde Vorratshaltung ihres Lampenöls - sondern die Geringschätzung von Braut und Bräutigam. Zu wenig Öl mitzunehmen (oder zuwenig Öl zu sammeln oder zu reservieren) hieß davon auszugehen, dass bei Brautleuten von geringem Wert auch keine Verhandlung erfolgt.

c. Das »tertium comparationis«

Nicht ganz unwichtig ist die Abgrenzung des »tertium comparationis« von dem, was zwischen Sach- und Bildhälfte selbstverständlich weiter unterschieden bleiben soll. Vor allem in emotional belasteten Diskussionen liegt in der Missachtung der Aussageabsicht enormer Zündstoff.

Wenn ich zum Beispiel einem Homosexuellen klar machen will, dass eine vermutlich genetische Anlage der Homosexualität keinerlei Bedeutung für deren moralische Bewertung hat, könnte ich diese mit einer anderen Veranlagung vergleichen - beispielsweise mit der genetischen Veranlagung zur Pyromanie. Mein Vergleich wäre dann: »Die Tatsache, dass ein Pyromane von Geburt an einen Hang dazu hat, Brände zu stiften, macht Brandstiftung nicht erlaubt oder zu einer guten Tat. Das gleich gilt auch für die Homosexualität: Nur, weil sie angeboren ist, ist sie deshalb nicht moralisch gerechtfertigt.« Sehr oft bekomme ich dann zu hören, ich könne doch nicht einen Hang zur Straftat (die Pyromanie) mit der sexuellen Ausrichtung vergleichen. Nun heißt es zwar, klug und einfühlsam vorzugehen; sachlich müsste meine Antwort jedoch lauten: »Doch, ich kann beide sehr wohl vergleichen - aber eben nur in der Hinsicht, dass genetische Veranlagung keine Rückschlüsse auf moralische Qualität zulässt.« - Diese bestimmte, sehr eng gefasst Hinsicht ist das »tertium comparationis«.

Natürlich ist es wichtig, Beispiele, Vergleiche und Gleichnisse klug zu wählen, damit ein Sachverhalt verdeutlicht und nicht durch ungewollte Assoziationen verdunkelt wird. Aber es ist eben auch auf Seiten des Hörers notwendig, die Aussageabsicht des Erzählers verstehen zu wollen und dadurch das mit dem Gleichnis angestrebte Ziel zu erkennen.
In der modernen Exegese wird die exakte Identifikation einer Gleichnis-Pointe - also des tertium comparationis - neuerdings abgelehnt, um eine wieder zunehmend allegorische Auslegung der Gleichnisse zuzulassen. Dabei geht es weniger um die Zug-um-Zug-Übertragung der Bildhälfte in die Sachhälfte (wie z.B. beim Gleichnis vom Sämann), sondern eher darum, das Gleichnis als Gesamtkunstwerk auch in Nebenaussagen zu würdigen.
Aber selbst, wenn wir die Eingrenzung des Gleichnisses auf eine Aussageabsicht, eine Pointe oder ein tertium comparationis ablehnen und weitere Vergleichsmöglichkeiten zulassen - eine Pointe bleibt. Und so sollte bei der Deutung eines Gleichnisses immer zuerst nach der Aussageabsicht Jesu gefragt werden.

2. Die Bergpredigt

Etwas zügiger können wir uns nun der Bergpredigt zuwenden. Interessant an den Worten Jesu, die Matthäus in den Kapiteln 5-7 seines Evangeliums zusammengestellt hat, ist nicht nur der Inhalt - sondern auch der Ort, an dem die Predigt gehalten wurde.

a. Der Ort der Bergpredigt

Dass Jesus diese (von Matthäus) wunderbar komponierte Predigt ausgerechnet auf einem Berg gehalten hat (während sie bei Lukas als »Feldrede« in einer Ebene stattfand), ist von größerer Bedeutung, als zunächst anzunehmen ist. Berge sind immer wieder Orte der Gottesbegegnung und Gotteserfahrung gewesen (so auch der Berg der Verklärung und schließlich der Golgota-Hügel); vor allem verbanden die Juden mit dem Sinai-Berg den Ort, an dem Gott mit seinem Volk den Bund geschlossen hat. Im göttlichen Gesetz, den Zehn Geboten, fand dieser Bund seine konkrete Formulierung.
Und nun ist es wieder ein Berg, auf dem Jesus göttliche Autorität in Anspruch nimmt und den Bund »der Alten« korrigiert. An zentraler Stelle heißt es sechsmal: »Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist… Ich aber sage euch…« Das ist mehr als nur eine Gesetzesauslegung, das ist ein erneutes Sinai-Geschehen. Gott macht seinem Volk ein neues Gesetz kund, in Jesus bietet Gott seinem Volk einen neuen Bund an.
Der Ort - ein Berg wie der Sinai - stellt den Schlüssel zum Verständnis dessen dar, was in der Bergpredigt inhaltlich geschieht.

b. Die Form der Bergpredigt

Auch die Formulierungen - noch unabhängig von dem, was sie beinhalten - sind gewaltig. Das »Ich aber sage euch« lässt keinen anderen Schluss zu, als dass sich hier jemand an die Stelle des Gesetzgebers stellt. Jesus korrigiert nicht Mose als Hörer, indem er sagt »Ihr habt gehört, dass gesagt wurde… Ich aber verstehe die Schrift so: …«, sondern er ergänzt den, der Gesprochen hat - also Gott!
Auch die sich daran anschließende Aneinanderreihung von Imperativen (»Hütet euch!« - »Sammelt nicht!« - »Richtet nicht!« - »Gebt nicht preis!« - »Bittet!«) und die Zusammenfassung des ganzen Gesetzes und der Propheten in einem Satz (»Darin besteht das Gesetz und die Propheten!«) sind keine Worte eines Auslegers der Schrift. Jesus ist kein Schriftgelehrter, Jesus ist auch nicht Moses - er ist Gott.

c. Der Inhalt der Bergpredigt

Auch hier möchte ich mich kurz fassen, da ich den entscheidenden Gedanken unter »III. Jesus und Moses« noch entfalten möchte. Meister Eckhart hat den Inhalt der Bergpredigt mit dem Ausdruck der »Wendung von der Gesetzesfrömmigkeit in die Intentionalität« umschrieben. Jesus erlässt keinen neuen Gesetzeskodex oder reinigt und vervollständigt die Vorschriften der Juden; er umschreibt, was das Ziel eines jeden Gesetzes ist: ein neuer Menschen, ein gereinigter und vervollständigter Mensch.

3. Zeichenhandlungen - Wunder

Als dritte Säule der Reich-Gottes-Verkündigung müssen wir auch die Wunder Jesu in den Blick nehmen. Im Johannesevangelium werden sie konsequent »Zeichen« genannt. Tatsächlich sind die Wunder keine zusätzliche Legitimation oder Werbe-Gags, die lediglich die Aufmerksamkeit der Menschen auf Jesus lenken sollen. Wunder sind auch keine nachträglichen Korrekturen eines vergesslichen oder überforderten Gottes, der die Welt nicht richtig geplant hat. Die Wunder Jesu sind Gleichnisse, sie sind Bestandteil seiner Verkündigung.
Dabei müssen wir einem Missverständnis direkt entgegentreten: Nicht die Wundergeschichten sind Gleichnisse, sondern die Wunder Jesu. Oft wird nämlich nach dem Sinn eines Wunders gefragt, als ob uns eine Fabel erzählt wird, die einen Appell an uns richten möchte. Dann fragen wir nach dem, was uns der Autor der Fabel sagen möchte - oder der Evangelist, der sich diese Wundergeschichte ausgedacht hat. Wenn wir uns aber nach der Botschaft oder dem Sinn eines Wunders Jesu fragen, dann heißt das nicht, dass wir den Evangelisten befragen (und damit das Wunder leugnen), sondern dass wir fragen, was uns Jesus mit dem, was er tat, verdeutlichen will.
In der klassischen Fundamentaltheologie wurden die Wunder (vor allem die Auferstehung) als Zeichen der Göttlichkeit Jesu interpretiert. Das mag zwar richtig sein, ist aber noch deutlich zuwenig: Wunder sind keine bloße Machtdemonstration, sondern Selbst-Offenbarung und somit Bestandteil der Predigt Jesu.

Bevor wir uns den Inhalten der Wunder-Verkündigung zuwenden, gestatte ich mir ein paar grundsätzliche Bemerkungen zum Thema »Wunder«.

a. Grundsätzliches zum Thema »Wunder«

Wir gehen zwar davon aus, dass Wunder gleichbedeutend mit Ereignissen sind, die die Naturgesetze durchbrechen und somit eigentlich unmöglich sind. Genau genommen sind Naturgesetze aber keine »Gesetze«, wie wir sie kennen. Denn wenn es heißt, dass das Ballspielen auf den Parkwiesen verboten ist, bedeutet das ja nicht, das es Kindern nicht möglich ist, dort einen Ball zu bewegen - probiert's nur aus, es geht! Im Gegensatz dazu ist ein Naturgesetz (wie z.B. das »Pauli-Verbot für Fermionen« oder das »Energie-Erhaltungsgesetz«) keine Vorschrift, sondern eine Beschreibung, wie sich die Natur tatsächlich verhält. Veröffentlicht ein Forscher seine Forschungsergebnisse, in denen ein Naturgesetz verletzt wird, so werden die Kollegen ihn darauf hinweisen und sagen: Sorry, das kann alles nicht richtig sein, denn die Natur verhält sich, soweit wir wissen, nicht so.
In diesem Sinne verstößt ein Wunder gegen die Naturgesetze - und zwar deshalb, weil dort etwas in der Natur geschieht, das sonst nicht geschieht. Entweder, weil es extrem unwahrscheinlich ist, oder weil dort tatsächlich ein Gesetz verletzt wird (beides liegt sehr nahe beieinander, wie uns die Quantentheorie zeigt; aber darauf will ich hier nicht näher eingehen). Die Behauptung, dass ein Phänomen, das gegen die Naturgesetze verstößt, nicht sein kann, ist nun wieder Ansichtssache: Wenn die sicht- und messbare Natur alles ist, was es gibt, dann liegt es auf der Hand, dass nichts die Natur dazu bewegen kann, sich gelegentlich anders zu verhalten als gewohnt. Gibt es aber eine Wirklichkeit jenseits der messbaren Natur, dann spricht auch nichts dagegen, dass diese Übernatur sich bemerkbar macht. Genausowenig können eindeutig belegte Wunder (wie z.B. in Lourdes, Fatima oder Guadeloupe) die Frage nach Gott klären: Für einen Atheisten handelt es sich dabei nur weitere Lücken zusätzlich zu den bereits vorhandenen in der wissenschaftlichen Erkenntnis.
Es muss also, im Zusammenhang mit einem natürlich nicht erklärbaren Phänomen, einen triftigen Grund geben, die Suche nach einer natürlichen Ursache aufzugeben und eine übernatürliche Ursache anzunehmen. Ein solch triftiger Grund ist zum Beispiel der religiöse Kontext eines Ereignisses. Das mag vielleicht verwundern. Normalerweise vermuten wir, dass der religiöse Kontext eines Berichtes die Glaubwürdigkeit schmälert: »Da hat bestimmt jemand im religiösen Übereifer Halluzinationen gehabt…!» - oder dass der religiöse Kontext eine wissenschaftliche Untersuchung sogar verhindert. Aber nüchtern betrachtet ist das Gegenteil der Fall: Zum Beispiel würde ich den Bericht, unser lieber Bundeskanzler habe am Samstag morgen von 11.23 Uhr bis 11.24 Uhr zweiundzwanzig Zentimeter über dem Boden geschwebt, als völlig abwegig abtun - warum sollte er das tun? In diesem Bericht läge für mich nichts Glaubwürdiges. Da jeder sinngebende Kontext fehlt, würde ich nicht nur jeden, der mir davon erzählt, in seiner Glaubwürdigkeit in Zweifel ziehen. Ich würde sogar, wenn ich es selbst gesehen hätte, mir die Augen reiben und eher an eine Sinnestäuschung glauben. Vermutlich kein ernstzunehmender Wissenschaftler würde daraufhin eine Untersuchung beginnen.
Wird aber von einer Wunderheilung in Lourdes berichtet, so erscheint (zumindest mir als gläubigem Katholiken) dieser Bericht keineswegs als unqualifizierte Meldung, die in den Mülleimer gehört. Und obwohl der religiöse Kontext das Ereignis plausibel erscheinen lässt (da anstelle einer nicht sichtbaren natürlichen Ursache eine übernatürliche Ursache nicht abwegig ist), wird trotzdem jeder Mediziner zu einer neutralen Untersuchung gerne bereit sein. Der religiöse Kontext erschließt die Glaubwürdigkeit des Berichtes und ermöglicht oft erst eine wissenschaftliche Untersuchung. Darin liegt auch der Unterschied der Wunder im Raum des Christlichen zu den Berichten von Spukhäusern, Geistererscheinungen und Botschaften aus dem Jenseits. Während im Christlichen der religiöse Rahmen bereits feststeht und damit Kriterium für die Feststellung eines Wunders sein kann, ist im nicht-religiösen Raum alles möglich. Kein Wunder also, dass in gewissen nichtchristlichen Kreisen der Glaube an Wunder vollkommen gleichberechtigt neben dem Glauben an UFOs, intelligentes Gemüse, Telekinese und Telepathie, Mondkalender, Horoskope, Wünschelrutengänger und Wasserader, Erdstrahlen und die Heilkraft von Edelsteinen, die Entführung durch Aliens, die Kornkreiszeichen und die Kultur von Atlantis steht.
Wer sich entschieden hat, die Vernunft über Bord zu werfen, wird schließlich alles glauben. Wer sich entschieden hat, der Welt eine religiöse Dimension zu geben, erweitert seine Vernunft um das Kriterium des Göttlichen - und wird dadurch einen genaueren Begriff von Wirklichkeit entwickeln und seine Vernunft behalten.
Halten wir schließlich fest: Wunder erschließen sich letztlich nur dem, der bereit ist, eine übernatürliche Ursache zu akzeptieren. Für einen reinen Materialisten, der nicht nur Gott, sondern jede nicht-materielle Existenz ablehnt, sind Wunder zwar auch überprüfbar. Er wird aber nur zu dem Schluss kommen, dass es sich bei den beschriebenen Phänomenen um nicht erklärbare Ereignisse handelt. Erst der religiöse Kontext - die Bedeutung für den, der glauben will oder eine Stärkung seines Glaubens erfährt - lässt das unerklärliche Ereignis zu einem Wunder werden. Denn nicht das Mirakulöse ist das Vergnügen Gottes, sondern unser liebevolles Vertrauen auf seine Wirk-lichkeit.

b. Zeichenhandlungen

Indem Johannes die Wunder Jesu »Zeichen« nennt, schlägt er einen Bogen zu Handlungen, die zwar nicht in das weite Feld des »Wunderbaren« gehören, die aber ebenso Teil einer Verkündigung sind. Ich möchte an dieser Stelle einfach eine Art »persönliche Bestenliste« erstellen; Zeichenhandlungen der unterschiedlichsten Arten. Ich ermutige aber ausdrücklich, über die hier genannten Beispiel hinaus mit geschärftem Blick die Bibel zu lesen: Es wimmelt in allen Büchern der Bibel von Zeichenhandlungen!

Hosea - Im ersten Kapitel ergeht das Wort Gottes an den Propheten Hosea: »So begann der Herr durch Hosea zu reden: Der Herr sagte zu Hosea: Geh, nimm dir eine Kultdirne zur Frau, und (zeuge) Dirnenkinder! Denn das Land hat den Herrn verlassen und ist zur Dirne geworden. Da ging Hosea und nahm Gomer, die Tochter Diblajims, zur Frau; sie wurde schwanger und gebar ihm einen Sohn. Der Herr sagte zu Hosea: Gib ihm den Namen Jesreel! Denn es dauert nicht mehr lange, dann werde ich das Haus Jehu für die Blutschuld von Jesreel bestrafen und dem Königtum in Israel ein Ende machen. An jenem Tag werde ich den Bogen Israels in der Ebene Jesreel zerbrechen.
Als Gomer wieder schwanger wurde und eine Tochter gebar, sagte der Herr zu Hosea: Gib ihr den Namen Lo-Ruhama (Kein Erbarmen)! Denn von jetzt an habe ich kein Erbarmen mehr mit dem Haus Israel, nein, ich entziehe es ihnen. Mit dem Haus Juda jedoch will ich Erbarmen haben und ihnen Hilfe bringen; ich helfe ihnen als der Herr, ihr Gott, aber nicht mit Bogen, Schwert und Krieg, nicht mit Rossen und Reitern. Als Gomer Lo-Ruhama entwöhnt hatte, wurde sie wieder schwanger und gebar einen Sohn. Da sagte der Herr: Gib ihm den Namen Lo-Ammi (Nicht mein Volk)! Denn ihr seid nicht mein Volk, und ich bin nicht der »Ich-bin-da» für euch.« (Hos 1,2-9)

Jona - Nachdem Jona der Stadt Ninive deren Untergang angedroht hat, beschließt Gott, das Unheil nicht zu vollstrecken. »Das missfiel Jona ganz und gar, und er wurde zornig. Er betete zum Herrn und sagte: Ach Herr, habe ich das nicht schon gesagt, als ich noch daheim war? Eben darum wollte ich ja nach Tarschisch fliehen; denn ich wusste, dass du ein gnädiger und barmherziger Gott bist, langmütig und reich an Huld und dass deine Drohungen dich reuen. Darum nimm mir jetzt lieber das Leben, Herr! Denn es ist für mich besser zu sterben als zu leben.
Da erwiderte der Herr: Ist es recht von dir, zornig zu sein? Da verließ Jona die Stadt und setzte sich östlich vor der Stadt nieder. Er machte sich dort ein Laubdach und setzte sich in seinen Schatten, um abzuwarten, was mit der Stadt geschah. Da ließ Gott, der Herr, einen Rizinusstrauch über Jona emporwachsen, der seinem Kopf Schatten geben und seinen Ärger vertreiben sollte. Jona freute sich sehr über den Rizinusstrauch. Als aber am nächsten Tag die Morgenröte heraufzog, schickte Gott einen Wurm, der den Rizinusstrauch annagte, so dass er verdorrte. Und als die Sonne aufging, schickte Gott einen heißen Ostwind. Die Sonne stach Jona auf den Kopf, so dass er fast ohnmächtig wurde. Da wünschte er sich den Tod und sagte: Es ist besser für mich zu sterben als zu leben.
Gott aber fragte Jona: Ist es recht von dir, wegen des Rizinusstrauches zornig zu sein? Er antwortete: Ja, es ist recht, dass ich zornig bin und mir den Tod wünsche. Darauf sagte der Herr: Dir ist es leid um den Rizinusstrauch, für den du nicht gearbeitet und den du nicht großgezogen hast. Über Nacht war er da, über Nacht ist er eingegangen. Mir aber sollte es nicht leid sein um Ninive, die große Stadt, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen leben, die nicht einmal rechts und links unterscheiden können - und außerdem so viel Vieh?« (Jona 4,1-11)

Johannes - Die Fußwaschung: »Es war vor dem Passahfest. Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen. Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung. Es fand ein Mahl statt, und der Teufel hatte Judas, dem Sohn des Simon Iskariot, schon ins Herz gegeben, ihn zu verraten und auszuliefern. Jesus, der wusste, dass ihm der Vater alles in die Hand gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott zurückkehrte, stand vom Mahl auf, legte sein Gewand ab und umgürtete sich mit einem Leinentuch. Dann goss er Wasser in eine Schüssel und begann, den Jüngern die Füße zu waschen und mit dem Leinentuch abzutrocknen, mit dem er umgürtet war. Als er zu Simon Petrus kam, sagte dieser zu ihm: Du, Herr, willst mir die Füße waschen? Jesus antwortete ihm: Was ich tue, verstehst du jetzt noch nicht; doch später wirst du es begreifen. Petrus entgegnete ihm: Niemals sollst du mir die Füße waschen! Jesus erwiderte ihm: Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir. Da sagte Simon Petrus zu ihm: Herr, dann nicht nur meine Füße, sondern auch die Hände und das Haupt. Jesus sagte zu ihm: Wer vom Bad kommt, ist ganz rein und braucht sich nur noch die Füße zu waschen. Auch ihr seid rein, aber nicht alle. Er wusste nämlich, wer ihn verraten würde; darum sagte er: Ihr seid nicht alle rein.
Als er ihnen die Füße gewaschen, sein Gewand wieder angelegt und Platz genommen hatte, sagte er zu ihnen: Begreift ihr, was ich an euch getan habe? Ihr sagt zu mir Meister und Herr, und ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe. Amen, amen, ich sage euch: Der Sklave ist nicht größer als sein Herr, und der Abgesandte ist nicht größer als der, der ihn gesandt hat. Selig seid ihr, wenn ihr das wisst und danach handelt.« (Joh 13,1-20)
c. Wunder sind Selbst-Offenbarungen

Während der Zeit der Aufklärung galt jemand, der an Wunder glaubte, als im doppelten Sinne rückständig: Zum einen, weil er die Allmacht der Physik anzweifelte - aber auch, weil er einem sehr rückständigen Gottesbild anhing: Dem Gaube an einen Gott, der die Weltmaschine zwar erschaffen und dann in Gang gesetzt habe, aber mal hier und mal dort durch nachträgliche Korrekturen (eben: Wunder) nachbessern musste. Wer damals solches behauptete, wusste es vielleicht nicht besser. Heute können wir aber dem Wunderkritiker einen doppelten Irrtum unterstellen: Wunder verstoßen nicht gegen die Physik - und Wunder sind keine Schöpfungskorrekturen.
Allein schon ein Blick auf die biblischen Wunder macht deutlich, dass deren Sinn nicht die Korrektur einer Wirklichkeit ist, sondern dem Glauben der Menschen dienen soll. Wenn ein Wunder geschieht, dann nicht, weil Gott einsieht, dass die Wirklichkeit korrekturbedürftig ist, sondern weil er Menschen zum Glauben führen will, keimhaft vorhandenen Glauben stärken und festen Glauben krönen möchte.
Wunder geschehen deshalb nicht an fernen, menschenleeren Orten, in vollautomatisierten Stellwerken oder Computerzentralen, sondern sie geschehen am Menschen. Gott wirkt, um uns bei der Suche nach Ihm zu helfen: In seinen Wundern offenbart er sich dem, der glauben will. Deshalb sprechen wir bei den Wundern Gottes von »Selbstoffenbarungen«: Gott zeigt exemplarisch, wer Er ist und was Er tut. Das wird besonders deutlich an den Wundern, die uns von Jesus überliefert sind:

  • Blinde sehen wieder, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören (Mt 11, 5), Jesus heilte jegliche Krankheit und jegliches Gebrechen (Mt 9, 35). Gott schenkt uns Licht der Erkenntnis, er öffnet uns die Augen für das Unsichtbare. Er heilt den Menschen, weil Er unser körperliches und vor allem seelisches Heil will.
  • Er wandelt Wasser in Wein und speist 5000 Männer mit fünf Broten und zwei Fischen (Mk 6, 38) - Gott erhält unser Leben und schenkt uns die Nahrung, er ist der Gott unseres Lebens; ohne ihn verhungern wir.
  • Er stillt den Sturm, der die Jünger bedroht (Mt 8, 26), er gebietet über die Kräfte der Natur und geht über den See Gennesaret (Mt 14, 25) - Gott ist der Herr der Welt, Er hat sie erschaffen und lenkt sie. Keine Kraft der Natur kann Ihn erschüttern.
  • Er weiß, was die Menschen denken, kennt ihre Gedanken und ihr Herz (Lk 5,22) - Gott kennt unsere Gefühle, Ängste, Hoffnungen, er hört, wenn wir zu ihm rufen.
  • Er erweckt Tote wieder zum Leben (Joh 11, 44) und steht nach seinem eigenen Tod drei Tage später zu neuem Leben auf (Mt 28, 7) - Gott ist der Herr des Lebens, nicht einmal der Tod kann uns von ihm trennen. Nach diesem Leben ruft er uns zu einem neuen, anderen Sein.
Wohlgemerkt, Gott will mit seinen Wundern keinen, der nicht glauben möchte, überzeugen. Im amüsanten Buch »Das Wunder des Malachias« erzählt Bruce Marshall die Geschichte eines fliegenden Bordells, mit dem Pater Malachias seinen ungläubigen evangelischen Mitbruder bekehren will (diese Geschichte wurde von Bernhard Wicki 1961 verfilmt). Leider muss er feststellen, dass sogar die Gäste des Bordells, die Augenzeugen des Wunders waren, nicht daran glauben wollen (und übrigens trotzdem Schadensersatz vom armen Pater Malachias fordern). Nein, Wunder überzeugen nicht den, der nicht glauben will.
Aber Wunder können den, der Gott ehrlich sucht, ergreifen. Das ist wie mit dem Blumenstrauß, den ein Mann seiner Frau nach einem Streit schenkt: Die Blumen können jemanden, der nicht verzeihen will, nicht dazu bringen, an die Reue des Partners zu glauben. Bin ich aber bereit, zu vergeben, und suche nach einem Zeichen der Reue, dann ist der Strauß Blumen ein eindeutiges Zeichen.

Was ist also die Botschaft der Wunder Jesu? Jesus sagt es selbst: »Wenn ich aber die Dämonen durch den Finger Gottes austreibe, dann ist doch das Reich Gottes schon zu euch gekommen.« (Lk 11,20) Die Wunder und Zeichen Jesu verkünden, so wie seine Predigt und seine Gleichnisse, dass das Reich Gottes angebrochen ist. Das Reich Gottes bedeutet umfassendes Heil; die Dämonenaustreibungen betonen das Heil, das der Seele zukommt; die Heilungswunder das Heil, das auch den Leib umfasst. Grund einer jeden Heilung ist der Glaube - erst dadurch wird der Seele und durch die Seele dem Leib das neue Leben zugänglich. Und Voraussetzung für den Glauben ist die Vergebung der Sünden.

Das lässt sich gut illustrieren an einer sehr bekannten Heilungsgeschichte: »Als Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben! Einige Schriftgelehrte aber, die dort saßen, dachten im stillen: Wie kann dieser Mensch so reden? Er lästert Gott. Wer kann Sünden vergeben außer dem einen Gott? Jesus erkannte sofort, was sie dachten, und sagte zu ihnen: Was für Gedanken habt ihr im Herzen? Ist es leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Deine Sünden sind dir vergeben!, oder zu sagen: Steh auf, nimm deine Tragbahre, und geh umher? Ihr sollt aber erkennen, dass der Menschensohn die Vollmacht hat, hier auf der Erde Sünden zu vergeben. Und er sagte zu dem Gelähmten: Ich sage dir: Steh auf, nimm deine Tragbahre und geh nach Hause!« (Mk 2,5-11)
Jesus schaut als erstes auf den Glauben der Träger des Gelähmten - eine erste Besonderheit. Offensichtlich ist der Gelähmte selber noch nicht in der Lage dazu. Deshalb ist auch die erste Zuwendung Jesu zum Gelähmten die Vergebung der Sünden - ein zweite Besonderheit. Erst danach geschieht das, womit der Leser schon zu Beginn gerechnet hat: Die körperliche Heilung.
III. Jesus und Moses: Das Neue an der Reich-Gottes-Botschaft
1. Von der Kasuistik zur Moral

Viele Zeitgenossen haben sich - wohl auch verleitet durch einen allgegenwärtigen Evolutionsbegriff - angewöhnt, Menschen früherer Zeit nicht nur technisch, sondern auch philosophisch, kulturell und theologisch deutlich weniger zuzutrauen. Dabei bin ich davon überzeugt, dass sich auch die frühen Menschen (selbst, wenn wir bis in die Steinzeit zurückgehen würden) nicht in den wesentlichen Fragen von uns heutigen Menschen unterscheiden. Deshalb wäre es eine Verkürzung, von der frühen oder alttestamentlichen Moral als einfachem, kasuistischen Denken zu sprechen - und dem die neue Moral der Werte und inneren Güte entgegenzusetzen. Auch das frühe Judentum kennt das Sch'ma Israel: »Höre, Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. Diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen.« (Dtn 6,4-6) Die Liebe als erstes und oberstes Gebot überstrahlt auch im alten Israel jede Kasuistik. Richtig ist viel mehr, dass Menschen zu aller Zeit der kasuistischen Versuchung ausgesetzt sind und ihr immer wieder erliegen.

a. Kasuistik

Die Kasuistik kennt zwar allgemeine Prinzipien (»Ehre Vater und Mutter!«), kann aber konkrete Strafandrohungen nur für ganz konkrete Situationen und deren Rahmenbedingungen formulieren.

Ein typisches Beispiel für eine kasuistische Formulierung finden wir im Buch Exodus: »Wenn Männer in Streit geraten und einer den andern mit einem Stein oder einer Hacke verletzt, sodass er zwar nicht stirbt, aber bettlägerig wird, später wieder aufstehen und mit Krücken draußen umhergehen kann, so ist der freizusprechen, der geschlagen hat; nur für die Arbeitsunfähigkeit des Geschädigten muss er Ersatz leisten und er muss für die Heilung aufkommen.« (Ex 21,18f) Oder: »Wenn Männer miteinander raufen und dabei eine schwangere Frau treffen, sodass sie eine Fehlgeburt hat, ohne dass ein weiterer Schaden entsteht, dann soll der Täter eine Buße zahlen, die ihm der Ehemann der Frau auferlegt; er kann die Zahlung nach dem Urteil von Schiedsrichtern leisten.« (Ex 21,22).

Wir dürfen aber keineswegs glauben, dass wir dadurch die Denkweise der Menschen selbst erfasst hätten; lediglich die Formulierung der Gesetze und die Feststellbarkeit einer Schuld geschieht fast ausschließlich über konkrete Fall-Formulierungen.
Wir erliegen der kasuistischen Versuchung auch heute noch, es handelt sich also nicht um eine historisch längste abgeschlossene Erscheinung, sondern um eine allgegenwärtige Verkürzung. So suchen wir beispielsweise bei juristischen Vorgängen, Angaben fürs Finanzamt oder Verhandlungen mit Versicherungen immer noch gerne nach Lücken in den Vorschriften - und glauben uns auf der legalen Seite, obwohl wir wissen, dass wir einer gerechten Verpflichtung dadurch entkommen wollen. Der Versuch, Legitimität durch Legalität zu ersetzen, ist bleibend aktuell. Zugleich bleibt auch heute jede weltliche Gerichtsbarkeit in gewisserweise defizitär, weil sie nur die Legalität (also einen Gesetzesverstoß) und nicht die Moralität (die moralische Geisteshaltung eines Angeklagten) beurteilen kann.

b. Reinheit

Wenn es einen wesentlichen Unterschied zwischen heutiger und früherer Begrifflichkeit gibt, dann in der Frage der kultischen Reinheit. Diese ist (bis heute) im Judentum sehr stark von Äußerlichkeiten geprägt; entgegen unserem christlichen Verständnis hat Reinheit und Unreinheit im Judentum nämlich nichts (oder zumindest nicht primär) mit Sünde und Schuld zu tun. Nach dem Gesetz des Mose kann jemand auch durch Zufall oder aus Versehen kultisch unrein werden (z. B. durch Berührung einer Leiche oder eines Tierkadavers), oder auch durch biologisch ganz natürlich Vorgänge wie Pollution oder Menstruation. Deswegen war eine kultische Unreinheit auch kein schuldhafter Makel, sondern führte lediglich zu dem Verbot, nicht zum Tempel (bzw. zum Bundeszelt) hinzutreten zu dürfen. Erst mit Jesus (vor allem mit den Formulierungen der Bergpredigt) wurde die Frage der kultischen Reinheit mit der persönlichen Schuld verknüpft.
Es führt zu allerlei Fehldeutungen, wenn wir dieses Verständnis auf die frühjüdische Zeit zurück projizieren. Für das altjüdische Verständnis war es nämlich durchaus denkbar, dass ein bekannter Verbrecher Zugang zum Tempel hatte, während einer, der unschuldig mit einer Leiche in Berührung gekommen war, ausgeschlossen wurde. Wir dürfen daraus aber nicht schließen, dass Verbrecher allgemein geachtet wurden und im kultischen Sinne Unreine verachtet - die überprüfbare kultische Reinheit war schlicht von jeder Moral abgekoppelt.

c. Verbindung von Kult und Leben, Legalität und Moralität

Mit Jesus wird nun zum einen die deutliche Trennung von Feststellbarkeit einer äußerlichen Tat und unsichtbarer Intention aufgehoben (»…und dein Vater, der das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.« - Mt 6,18) und zugleich die Unterscheidung zwischen kultischer Reinheit und Moralität (»Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe.« - Mt 5,23f). Erst mit Jesus wird die deutliche Trennung von Kult und Leben aufgehoben. Schuld vor Gott besteht nicht mehr allein darin, einen Gesetzesverstoß tatsächlich begangen zu haben, sondern bereits darin, bewusst moralisch verwerfliche Absichten zu hegen.
Die »Verlagerung der Moralität in die Intention« (Meister Eckart) bedeutet aber nicht automatisch eine Verschärfung der Moral, denn nicht nur die bösen Absichten, die (Gott sei Dank) nicht zur Ausführung kamen, sondern auch die guten Absichten, die (leider) nicht umgesetzt wurden, haben nun ein Gewicht vor Gott. Es handelt sich also tatsächlich um eine Verlagerung, nicht um eine Verschärfung.

2. Vom Alten zum Neuen Testament: Die Moral

Das Alte Testament verkündet zunächst eine auf äußerlichen Handlungen beruhende (»sichtbare») Gerechtigkeit vor Gott, die im Halten der Gebote besteht. Dabei dürfen wir den Juden im allgemeinen und den Pharisäern im besonderen keinen primitiven Kadavergehorsam unterstellen. Es ist schon eine echte Frömmigkeit, die aus einer guten und erfüllten Gottesbeziehung heraus versucht, diesem Gott zu Gefallen zu sein und deshalb die Gebote hält. Auch die Häresie des Pelagius (»Ich verdiene mir den Himmel durch ein heiliges Leben«) lässt sich nicht aus der vorchristliche-jüdische Gesetzesfrömmigkeit ableiten; denn auch den Juden ist klar, dass vor Gott keiner gerecht ist und es auch nicht durch das Halten der Gebote wird. Die Gebote sind vielmehr Ausdruck und Schutz der Gottesbeziehung. Sie verändern den Menschen, nicht Gott.
So gibt es schon im AT bei den Propheten die Gesetzeskritik, die auf eine Herzensbildung hinwirkt, nicht etwa weil sie das Gesetz des Mose grundsätzlich kritisieren, sondern weil ein Ausdruck (sei es Brandopfer, Sündopfer oder das Halten der Gesetze) ohne die innere Haltung (Gottesliebe, Ehrfurcht und Freude an der Gerechtigkeit) zum Theater oder zur hohlen Phrase verkommt. Eine Erneuerung der inneren Haltung geschieht aber auch im Judentum durch eine erneuerte Orthopraxie, also eine neue Lebenspraxis der Gesetze.
Die Predigt Jesu (deren Herzstück die Bergpredigt ist) betont zwar die Innerlichkeit und Unsichtbarkeit der Rechtfertigung vor Gott. »Jesus verlegt den Gehorsam Gott gegenüber in die Intentionalität« (Meister Eckart). Der Unterschied zwischen AT und NT besteht aber nicht in der Aufhebung der Gebote (»Ich bin nicht gekommen, aufzuheben, sondern zu erfüllen« - Mt 5,17) und auch nicht in einer reinen Betonung der Innerlichkeit (»Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe.« - Joh 15,10). Der Unterschied zwischen AT und NT liegt vielmehr in der Person Jesu: Denn die Beziehung zwischen Volk und Gott, die im jüdischen Volk durch das Leben der Juden und deren Bemühen um permanente Heiligung lebendig gehalten werden muss, ist mit der Menschwerdung und Erlösung Jesu endgültig Wirklichkeit geworden. Der »Himmel steht nun offen« (so in zahlreichen Kirchenliedern) - weil in Jesus alles geschehen ist, was für die Juden (ja, für die Menschheit insgesamt) zu tun noch ausstand.
Die Frömmigkeit und das Streben nach Heiligkeit besteht nun für die Christen in der Annahme dieser neuen Wirklichkeit; die Wirklichkeit selbst, das Reich Gottes, ist nicht mehr abhängig vom Tun der Menschen. Während für die Juden der Bund in dem Maße zum Wohl des Volkes beitrug, in dem die Gebote gehalten wurden, gibt es in Jesus kein Maß mehr (»Wenn euer Glaube nur so groß wäre wie ein Senfkorn…« - Mt 17,20).
Um es an dieser Stelle vorwegzunehmen: Die Verlagerung auch der Heilsrelevanz in die Intentionalität bedeutet auch weiterhin, dass das Äußerliche als Mittel zur Heilung (Sakramente) und als Konsequenz der Innerlichkeit (Gebote) heilsrelevant bleibt.

3. Das Neue am Neuen Testament: Die Erlösung

Das Entscheidende ist geschehen: Das ist die wesentliche Botschaft Jesu. Und das verweist auf die Soteriologie (die Erlösungslehre), die mindestens den gleichen Raum einnehmen sollte wie die Christologie, weil beide innerlich zutiefst verbunden sind. Das stört einige Theologen: So gibt es eine »Zurück zur Predigt«-Bewegung, die jede Rede von der Göttlichkeit und der Erlösung Jesu als Verfälschung der Botschaft Jesu ablehnt.

So schreibt Claus Petersen: »Ganz neue Chancen böten sich den Kirchen, wenn sie sich der Theologie Jesu selbst zu öffnen begännen, wirklich ganz bis zum jesuanischen Urgrund vorstießen, zu ihren jesuanischen Wurzeln zurückfänden, sich zur Botschaft Jesu bekehrten, eine einschneidende, sicher schmerzliche, aber auch befreiende Kurskorrektur vollzögen. Sie würden endlich wieder verstanden und könnten der Gesellschaft plausibel machen, warum Kirche, warum Religion unabdingbar sind, nämlich um den Traum von einer Welt wirklichen Friedens zu bewahren und seine Realisierung immer wieder anzuregen und anzustoßen. Und das wären die Konsequenzen aus diesem neu verstandenen Wesen des Christentums:
Nicht die Person Jesu steht im Mittelpunkt kirchlicher Verkündigung, sondern seine Botschaft vom Reich Gottes. Alle theologische Energie, die bisher auf die Christologie gerichtet war, wäre nun der »Basileiologie« zu widmen, der Kunde vom Bauen des Gottesreiches. Der Basissatz eines jesuanischen Credos lautete ja nun: Ich glaube wie Jesus von Nazaret an das Reich Gottes auf Erden.« (Publik-Forum, Nummer 22 vom 17. November 2000)

Diese Sätze verkennen ganz fundamental, dass Jesus eben kein Prophet war, der eine Lehre zu verkünden hat (Claus Petersen nennt sie Basileiologie), in der der Himmel auf Erden angekündigt wird - sondern der Sohn Gottes, der die Menschheit erlöst und so den Himmel auf die Erde bringt. Gerade der Befund der Christologie (»Wer war Jesus?«) und seiner Verkündigung (»Was hat Jesus gepredigt?«) verweisen auf die Erlösungslehre, so dass wir sogar sagen können, dass die Soteriologie die eigentliche Christologie ist.

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