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Predigtvorschläge - 03. Sonntag der Fastenzeit (Lesejahr B)
1. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 1997)

Liebe Schwestern und Brüder!

„Wir verkündigen Christus als den Gekreuzigten.“
So faßt der Apostel Paulus im ersten Brief an die Korinther seine Verkündigung zusammen. So läßt sich die Verkündigung der frühen Kirche zusammenfassen: „Wir verkünden Christus als den Gekreuzigten.“

Die Botschaft vom Gekreuzigten - sie stieß damals auf Widerspruch. Denn diese Botschaft war „für Juden ein empörendes Ärgernis“. Wie konnten diese Christen einen total gescheiterten Weltverbesserer als Messias bezeichnen. Einen, dessen unpolitische, friedfertige Haltung so gar nichts mit der jüdischen Messiasvorstellung zu tun hatte. Einen, der nicht der politische, ja militärische Befreier des Volkes Israel werden wollte. Dieser gekreuzigte Jude ein Messias? - das war für viele Juden ein Stein des Anstoßes, ein Ärgernis eben.

Die Botschaft vom Gekreuzigten - sie stieß damals auf Widerstand.
Denn diese Botschaft war „für Heiden eine Torheit.“ Wie konnten diese Christen nur einen als Schwerverbrecher gehängten Juden als ihren Erlöser bezeichnen. Dieser Gekreuzigte war das Gegenbild des weisen Menschen, wie ihn sich die Antike vorstellte. Ein Gegenbild des Weisen, der die Rätsel des Lebens ergründen konnte, der mit Hilfe innerliche Übungen sein Bewußtsein erweitern konnte, der letztlich sich selbst erlösen konnte. Der Weg des Gekreuzigten als Weg zur Selbstfindung - das war in den Augen der Heiden damals Unsinn, Torheit eben.

Noch heute geben die verschiedenen Darstellungen des Gekreuzigten Zeugnis vom Glauben der Kirche. Wir entdecken vielerorts noch Kreuze und Kruzifixe: in den Kirchen und Kapellen, in den Klassenzimmern und Gerichtssälen, in unseren Wohn- und Arbeitszimmern ... Jedes einzelne Kreuz soll uns als Gläubige der Kirche daran erinnern: „Wir verkünden Christus als den Gekreuzigten.“ Die Botschaft ist dieselbe wie damals, wie zu Beginn des Christentums.

Und auch heute erhebt sich Widerspruch, regt sich Widerstand gegen die Botschaft vom Gekreuzigten. Das Kreuz - noch heute erhitzt es die Gemüter, denken wir nur an die zum Teil sehr lebhaften Reaktionen auf das Kruzifixurteil des Bundesverfassungsgerichtes.

Warum ist für viele das Kreuz zum Stein des Anstoßes geworden?
Das Kreuz erregt Anstoß, weil für viele der Anblick eines halbnackten Hingerichteten schlicht unerträglich ist.

Das Kreuz erregt Anstoß, weil viele durch das Kreuz an ihren eigenen Tod erinnert werden, sie sich aber dem eigenen Tod nicht stellen wollen. Sie werden erinnert an die Erlösung, derer wir alle bedürfen, die sie aber von sich aus und nicht durch eine Tat Gottes erreichen wollen.

Das Kreuz erregt Anstoß, weil heute vielen Menschen ein Gott widerstrebt, der Mensch wird, um dann als Schwerverbrecher zu sterben. Für das Gefühl ist das ein Greuel, für den Verstand eine Sinnlosigkeit. Viele können nicht an einen Gott glauben, der seinen Sohn grausam quälen und töten läßt, um Genugtuung für die Schuld der Menschen ihm gegenüber zu erlangen.
Aber ist das denn das Zentrale der Botschaft vom Kreuz, daß Gott sich nur durch Menschenopfer versöhnen läßt, daß Gott einen „Sündenbock“ braucht, auch wenn das manche verkündet haben sollten. Ist das etwa das Gottesbild, das die Christen, das Sie und ich, im Zeichen des Kreuzes bekennen?

Wofür steht also das Kreuz? Warum verkündigen wir „Christus als den Gekreuzigten?“
Bei Gott ist nichts dem Zufall überlassen. Und erst recht, wenn er sich uns in seinem Sohn offenbaren will, ist alles, was dieser Sohn sagt und tut, ist alles was diesem Sohn widerfährt, nicht das Produkt einer „göttlichen Laune“. Also dürfen wir das Kreuz nicht aus dem Plan Gottes mit uns und der Welt streichen.

Eines ist gewiß: Jesus starb am Kreuz. Sein gewaltsamer Tod war die Konsequenz seiner Botschaft, einer Botschaft, die die gestörte Beziehung, die angeschlagene Ordnung zwischen Gott und Mensch, zwischen Schöpfer und Geschöpf heilen wollte. Diese Beziehung, diese Ordnung war und ist un-heil, wo der Mensch nur auf sich schaut und dabei Gott und den Nächsten aus den Augen verliert. Un-heil ist dort, wo die Menschen ihre Freiheit, die sie von Gott ihrem Schöpfer geschenkt bekommen haben, mißbrauchen und mißverstehen. Un-heil ist dort, wo die Menschen Freiheit verwechseln mit einer ichbezogenen Eigenwilligkeit, mit der Möglichkeit egoistischer Selbstverwirklichung.

In diese Welt spricht Gott zu uns als einer von uns: in Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch. Seine Worte und Werke wollen dem auf sich fixierten Menschen den Blick weiten auf Gott und den Nächsten hin. Die Liebe zu Gott und der Dienst an den Menschen - diese befreiende, heilende Botschaft traf auf offene Ohren.. aber auch auf verhärtete Herzen, die Gottes Heils-angebot nicht verstehen konnten oder wollten, die dann unserem Herrn den Prozeß machten und ihn kreuzigen ließen.

Und nun geschieht das schier Unglaubliche: Gott zieht sich nicht beleidigt zurück, wendet sich nicht von uns ab oder vernichtet aus Zorn sogar seine Geschöpfe. Nein vielmehr liefert er sich den Menschen, uns, aus. Ja, er gibt sich den Menschen, uns, ganz hin - aus freiem Willen, aus Liebe.

Der Herr geht den Weg ans Kreuz. Er, der Gottmensch, hat wahrhaftig gelernt und durchlebt, was für uns Menschen leiden heißt, was es für uns heißt körperliche Qualen zu haben, was es für uns heißt von Freunden im Stich gelassen zu werden, mißverstanden und verspottet zu werden. Wir haben einen Gott, der das menschliche Leid kennt, und der so wirklich mit uns mitleiden kann.

Der Herr, geht den Weg ans Kreuz. Für uns Menschen, für uns alle, die wir alle miteinander verbunden sind. Die wir auch miteinander verbunden sind durch die Anfälligkeit, zu sehr auf uns zu schauen, durch die Anfälligkeit, aus Egoismus zu sündigen. Wir sind auch miteinander verbunden durch das gemeinsame Schicksal des Todes.

Für uns Menschen also wird Gott Mensch und teilt mit uns als Gekreuzigter Leid und Tod. Als Auferstander will er uns aber verbinden mit seinem Leben, das heil macht, das freimacht von der Ichbezogenheit, vom Schiksal der Sünde und des Todes, das freimacht für die Liebe zu Gott und zum Nächsten .Christus hat sich so sehr mit unserem Leben verbunden, daß er uns auch mit seinem Leben verbinden will. Deswegen ist Christus für den Kirchenvater Irenäus derjenige, „der wegen seiner unendlichen Liebe das, was wir sind, geworden ist, damit er uns vollkommen zu dem mache, was er ist.“

Christus hat sich hingegeben am Kreuz, damit wir vom Tod zum leben, vom Un-heil zum Heil gelangen.
Wir dürfen an einen Gott glauben, der uns bis zum letzten liebt, der für jeden einzelnen von uns sein Blut vergossen hat, damit wir heil werden. Das ist unser Glaube. Das sagt uns das Kreuz. Das ist gemeint, wenn Paulus sagt: „Wir verkünden Christus als den Gekreuzigten.“

2. Predigtvorschlag

Liebe Schwestern und Brüder, die Vorstellung, ein anderer könnte meine Gedanken lesen, ist uns unheimlich. Zuviel Geheimnisse, Peinlichkeiten und auch unausgegorene Gedanken schießen uns durch den Kopf. Gut, dass da keiner hineinschauen kann.

Natürlich ist die Tatsache, dass wir unserem Gegenüber nicht in den Kopf hineinschauen können, auch die Quelle aller Missverständnisse. Wir reden mit einander, aber verstehen uns oft nicht. Aber das liegt oft nicht daran, dass uns das Denken des anderen verborgen bleibt, sondern dass es uns fremd ist.

Fremd - das heißt, wir wollen es nicht verstehen. Wir wollen es noch nicht einmal wirklich wahrhaben. Es würde unsere schönen Ansichten zerstören. Wir könnten nicht mehr so leicht über andere urteilen, herziehen und uns besser dünken. Wir unterhalten uns nicht gerne mit denen, die wir abgestempelt haben. Natürlich deswegen, weil wir uns lieber mit denen abgeben, die uns sympathisch sind. Aber auch deshalb, weil wir nicht verstehen wollen - sonst müssten wir uns ja entschuldigen.

Natürlich täuschen wir uns auch manchmal in die andere Richtung: Wir halten jemanden für aufrichtig, ehrlich und selbstlos, der das gar nicht ist. Aber da sind wir nicht so schnell blauäugig: Da lassen wir uns sehr leicht eines besseren belehren - immerhin wollen wir uns ja nicht blamieren.

Es sei denn, es geht um uns selbst. Es gibt da dunkle Stellen in unseren Herzen, in unserem Verstand und Denken. Aber da schauen wir nicht so genau hin. Da sind wir froh, dass wir vergesslich sind. Und sind natürlich heilfroh, dass niemand unsere Gedanken lesen kann. Es sei denn...

"Jesus wusste, was im Menschen ist..." - Gott kennt uns. Auch unsere geheimsten Gedanken. Sogar das, was uns selbst verborgen bleibt oder schon wieder vergessen ist. Vor allem das, was wir selbst nicht wahrhaben wollen. Gott kennt uns besser als wir selbst; Jesus weiß, was im Menschen ist.

Eigentlich müssten wir jetzt hochrot anlaufen. Denn es kommt noch schlimmer: Am jüngsten Tag wird das alles offenbar werden. Alles.

Es gibt Menschen, die jetzt die Kirche verlassen würden. Die jetzt sagen: Ich habe Angst vor diesem Allwisser. Ich möchte keinen Polizistengott. Es gibt Menschen, die aus Scham Gott ablehnen, sogar beginnen, Gott zu hassen.

Aber Gott begnügt sich ja nicht nur, alles zu wissen. Er zieht seine Schlüsse daraus und handelt... und das ist schließlich das Entscheidende.

Zum einen hören wir in der Lesung: "Ich bin der Herr, der Dich befreit. Der Dich herausgeführt hat aus dem Sklavenhaus." Es geht um Befreiung: Zehn Gebote - aber keine Strafandrohung. Nur eine Verheißung. Gott zeigt uns nicht im Spiegel, wie schrecklich wir sind. Er zeigt uns einen Weg, den wir gehen können.

Gott kennt uns innerstes - aber er wendet sich nicht ab, sondern wendet sich zu und führt uns - wie das Volk Israel: Aus der Sklaverei in das gelobte Land.

Und Jesus im Evangelium? Er weiß, was im Menschen ist. Er weiß, dass unser Leib ein Tempel Gottes sein soll - und er sieht, was für eine Räuberhöle wir in Wirklichkeit sind. Aber er flieht nicht - er packt an. Er reißt ein, was an Fassaden und Versuchungen existiert, er säubert und reinigt.

Das tut weh. Das bedeutet, Liebgewordenes aufzugeben. Seine eigene Schuld anzuschauen.
Aber erstens ist das immer noch besser, als von einem Polizistengott zur Rechenschaft gezogen zu werden (wir würden es nicht überleben).
Und zweitens es gibt die Verheißung für den Tempel, der unser Leib ist: "In drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten."

Lassen wir uns von Gott renovieren. Das Ergebnis wird herrlich sein. Amen.

Fürbitten

Herr, unser Gott, Deine Weisungen vor Augen und im Ohr tragen wir dir unsere Fürbitten vor:

  • Für alle, die sich um Gottes Weisungen nicht kümmern und sich leichtfertig darüber wegsetzen.

  • Für alle, die am Buchstaben der Gebote kleben und niemanden finden, der ihnen den Sinn erschließt.

  • Für alle, die sich in ihrem Tun und Lassen an der Botschaft Jesu ausrichten wollen.

  • Für alle, die voreilig und leichtfertig Gewalt anwenden und zulassen.

  • Für uns alle, dass wir uns neu an Gottes Weisungen orientieren und immer wieder Menschen finden, die uns ermutigen, umzukehren.

  • Für unsere Verstorbenen, dass sie aus dem Dunkel des Todes zum ewigen Leben auferstehen. Wir feiern diesen Gottesdienst...

Herr, erbarme dich unser aller, damit wir den Weg zu dir finden. Darum bitten wir dich durch Christus, unseren Herrn. Amen.