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Predigt zum 11. Sonntag im Jahreskreis
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1. Predigtvorschlag
Liebe Schwestern und Brüder,
geht es ihnen auch manchmal so, dass sie vor der Beichte, bei einem Bußgottesdienst oder bei einer Gewissenserforschung, nicht genau wissen, was Sie überhaupt beichten sollen. Da greifen wir schnell zu den Gebotssammlungen und gehen die Gebote in Gedanken durch, um uns zu fragen, gegen welche wir den verstoßen haben. Und schon sind wir auf dem falschen Weg. Denn die Sünde besteht eben nicht darin, dass wir einfach nur gegen Regeln verstoßen hätten.
Wir glauben das gerne. Aber das würde bedeuten, dass Gut und Böse einfach nur Markierungen sind, die von Gott, einem menschlichen Gesetzgeber, oder mir selbst gesetzt wurden - sozusagen als Wegmarkierungen für einen gewählten, aber im Grunde beliebigen Weg. Ich spreche zum Beispiel von Sünde, wenn ich mich an meinen eigenen Diätregeln nicht gehalten habe. Ob ich aber überhaupt Diät halten will, habe ich selbst festgelegt - und das bleibt meine freie Entscheidung. Oder ich spreche von Sünde im Zusammenhang mit dem Straßenverkehr (einem Verkehrssünder), wenn er sich an die vom Gesetzgeber vorgegebenen Regeln und Gefahreneinschätzungen nicht hält. Wir sprechen gelegentlich auch von Sünde, wenn jemand gegen ein göttliches Gebot verstoßen hat - aber das ist selten.
Kein Wunder dass wir uns an unsere Sünden unter diesen Umständen nicht richtig erinnern können. Denn wir haben unter diesen Umständen nicht automatisch ein schlechtes Gewissen, sondern wir müssen uns das schlechte Gewissen erst anerziehern, in dem wir immer unser Verhalten mit den gegebenen Regeln und Geboten vergleichen. Sehr mühsam. Und auch nicht sehr hilfreich.
In Wirklichkeit ist Sünde aber kein Regelverstoß. In Wirklichkeit ist Sünde immer Lieblosigkeit; mangelnde Liebe, Gehässigkeit, Missbrauch und Benutzen anderer Menschen für meine eigenen Interessen.
Wir wissen nicht welche Sünde die Sünderin im Evangelium begangen hat. Wir denken (aus einem nicht bekannten Grund) schnell an Prostitution. In Wirklichkeit könnte die Frau aber alle möglichen Sünden begangen haben: Sie könnte eine Intrigantin sein; oder eine Grundbesitzerin, die ihre Untergebenen misshandelt. Vielleicht hat sie ein Lügengewebe gesponnen und über die Stadt ausgebreitet. Vielleicht hetzt sie Leute gegeneinander auf und zerstört so Existenzen. In jedem dieser vermuteten Fälle liegt ihre Sünde in ihrerer mangelnden Beziehungsfähigkeit. Darin, dass sie nicht bereit ist, wahre Beziehungen aufzubauen, die darin bestehen, den Anderen gelten zu lassen. Lieb heißt, das Wohl des anderen zu suchen. Sünde heißt, den anderen für sein eigenes Wohl einzuspannen. Pläne zu schmieden, in denen andere nur dann eine Rolle spielen, wenn sie mir nützen.
Die Busse bei Regelverstößen liegt darin, ein Bußgeld zu zahlen, ins Gefängnis zu kommen und uns vor allem demnächst noch viel besser an die Regeln zu halten. Die Konsequenz unserer Lieblosigkeit liegt dagegen darin, dass wir die Beziehungen, die wir zerstört haben, nun wieder aufbauen müssen. Das ist allerdings viel mühsamer als zuvor, denn wir müssen mit viel Vertrauen andern Menschen begegnen, die leider berechtigterweise uns zunächst misstrauen.
Und genau das tut die Sünderin. Sie nimmt das Kostbarste was sie hat - ein Alabastergefäß mit Öl -, und opfert es für Jesus. In aller Öffentlichkeit tut sie etwas, von dem sie nicht den geringsten Nutzen hat. Ganz im Gegenteil: es wird ihr sogar noch angekreidet; die anderen Gäste lästern über sie. Aber es geht ihr nicht um den persönlichen Nutzen. Ganz voller Liebe fragt sie nicht, ob sie etwas von dieser Tat hat. Es geht ihr nur darum, Liebe zu zeigen, weil sie so oft und so häufig Liebe verweigert hat.
Wenn wir also uns vor einer Beichte, in einem Bussgottesdienst oder einer Gewissenserforschung unserer eigenen Sündhaftigkeit nähern wollen, fragen wir: In welchen Beziehungen leben wir? Wo sind wir Liebe schuldig geblieben? Wem gegenüber waren wir lieblos? Zu wem haben wir Beziehungen abgebrochen, oder zumindest Beziehungen geschädigt?
Und wir sollten uns ernsthaft fragen ob es nicht notwendig ist, sowie die Sünderin die Wiedergutmachung öffentlich zu zeigen. Denn unsere Sünden ziehen Kreise des Misstrauens, ermutigen andere ebenfalls zu betrügen und zu lügen, oder schüren in ihnen die Angst betrogen und belogen zu werden. Man erzählt sich davon, dass Beziehungen meinetwegen zerbrochen sind, man hat Angst um seine eigene Beziehung und vielleicht Misstrauen mir gegenüber.
Die Sünderin hat Jesus nicht nachts oder im Privaten aufgesucht, sondern in aller Öffentlichkeit. Sie wollte deutlich machen, dass das, was sie in aller Öffentlichkeit Gott angetan hat, nun auch öffentlich wiedergutmacht. Damit macht sie den Menschen Mut, ihren eigenen Weg der Umkehr zu gehen, das Vertrauen zu den Menschen zurückzugewinnen, von denen sie missbraucht und belogen wurden. "Wenn die Sünderin sich bekehren kann, dann vielleicht auch der, der sich mir gegenüber schuldig gemacht hat."
Wie gewinnen auch Vertrauen in das Unsichtbare zurück. Einem Polizisten ist egal, ob wir uns wünschen über eine rote Ampel zu fahren. Hauptsache ist, dass wir es nicht tun. Einem Polizistengott, der nur nach Geboten und Regeln fragt, ist es egal was wir denken und fühlen. Ihn interessiert nur, was wir wirklich tun.
In einer Liebesbeziehung ist aber nicht unwichtig, ob ich in Gedanken lieber mit jemand anderem verheiratet wäre. Oder ob ich meinen Ehemann oder meine Ehefrau am liebsten tot sähe. In einer Liebesbeziehung ist vielleicht sogar das, was Beweggrund für eine Tat ist und sich vor der Tat im Herzen des Menschen abspielt, viel wichtiger als die Tat selbst. So sind betrogene Liebende viel enttäuschter über die Gefühlswelt dessen, der sie betrügt, als über den Seitensprung selbst.
Gott möchte aber kein Polizist sein, sondern eine Liebesbeziehung zu uns knüpfen. Er möchte nicht, dass wir uns nur einfach an Seine Gebote halten, sondern Er möchte unser Herz. Er schenkt uns die Liebe, die nötig ist, damit wir in unserer Beziehung Ihm gegenüber keine Ängste mehr haben. Er möchte, dass wir Ihm vertrauen - grenzenlos und furchtlos. Deshalb verzeiht er uns schon, bevor wir gesündigt haben und ermöglicht uns so diese Liebe zu erwidern. Ja, er schenkt uns sogar die Liebe, mit der wir ihm selbst wieder begegnen können, um unsere Schuld wiedergutzumachen. Unsere Liebesschuld. Diese Liebe, die er uns schenkt, ist Jesus Christus persönlich. Amen.
2. Predigtvorschlag
(Pfr. Dr. Axel Schmidt, 2007)
Liebe Gemeinde!
Nicht auszurotten ist der Hang des Menschen, über abwesende Dritte
zu reden und insbesondere über deren wirkliche oder vermeintliche
Fehler herzuziehen. Warum tun die Menschen das so gerne? Die anderen?
Nur die anderen? Oder sollte ich mich selbst lieber gleich mit einschließen?
Daß solcher ehrabschneiderische Tratsch nicht okay ist, fällt
uns nur selten auf, meistens haben wir dabei sogar ein gutes Gewissen.
Woran liegt das? Ich denke, es liegt daran, weil wir tief in unserem Unterbewußtsein
spüren, daß wir keineswegs völlig okay sind, daß
unser moralischer Zustand ungefestigt ist und daß es viele Schwachstellen
gibt, die besser nicht ans Tageslicht kommen sollten; wir verdrängen
sie. Und eine sehr wirksame Methode der Verdrängung besteht in der
Wegwendung der Aufmerksamkeit auf die Schwächen und Fehler anderer.
So räsonieren wir gerne ungefähr so: Solange es noch Menschen
gibt, die schlechter sind als ich, brauche ich mir um mich selbst keine
Sorgen zu machen, und habe ich keinen Grund, mich zu ändern und zu
bekehren.
Jesus hat im Beispiel vom Pharisäer und Zöllner im Tempel diese
selbstgerechte Denkweise treffsicher auf den Punkt gebracht: Gott,
ich danke dir, daß ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber,
Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort.
(Lk 18,11) Ganz genauso denkt auch der Pharisäer Simon, bei dem Jesus
zum Essen eingeladen ist und der ganz sicher kein schlechter Mensch war,
vielmehr ein zu Recht angesehener Mann. Ihm war gar nicht aufgefallen,
daß er es an den gebührenden Höflichkeitserweisen Jesus
gegenüber hatte fehlen lassen. Da kam ihm die Frau gerade recht,
die vermutlich stadtbekannte Sünderin, die in wunderbarer Weise von
seinen eigenen Versäumnissen ablenken konnte. Ich vermute, daß
in ganz ähnlicher Weise den CSU-Politikern Beckstein und Huber und
die außereheliche Affäre des Gesundheitsministers zupaß
kam, um nur ein aktuelles Beispiel zu nennen.
Aber wichtiger noch als die moralische Frage nach Schuld und Entschuldigung
ist die theologische Frage nach unserem Stand vor Gott. Im Beispiel vom
Pharisäer und Zöllner sagt Jesus: Ich sage euch: Der Zöllner
kehrte als Gerechter nach Hause zurück, der andere nicht. Denn wer
sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt,
wird erhöht werden. (Lk 18,12) Dem Pharisäer Simon gibt
er eine ähnliche Lehre: Deshalb sage ich dir: Ihr sind ihre
vielen Sünden vergeben, weil sie (mir) so viel Liebe gezeigt hat.
Wem aber nur wenig vergeben wird, der zeigt auch nur wenig Liebe.
(Lk 7,47)
Jesus wird nicht müde, ein Bild von Gott zu zeichnen, das es wirklich
verdient, Frohe Botschaft genannt zu werden. Die Sünderin hat Jesus
vermutlich schon vorher erlebt: als wortgewaltigen Prediger, als barmherzigen
Helfer in der Not und als eine Persönlichkeit mit einer Ausstrahlung,
die gerade die in ihrem Selbstwertgefühl zutiefst erniedrigten Sünder
anzog und sie erkennen ließ, daß er ihr Leben grundlegend
wenden konnte. Wir können uns ausmalen, was die Begegnung mit diesem
Mann für sie bedeutete: Endlich einer, der sie annimmt, der sie nicht
wegstößt, der ihr wieder Hoffnung gibt, aus der Verlorenheit
ihrer Existenz herauszukommen! Jedenfalls erfaßte diese Frau in
der Begegnung mit Jesus, daß die Liebe, von der die Schriftgelehrten
in blutleeren Worten und abstrakten Prinzipien redeten, ohne sie in der
Praxis zu üben, wirklich existiert und daß sie tatsächlich
schöner und erhebender ist als die Art von Liebe, der sie sich bisher
hingegeben hatte.
Da erwacht ihr Glaube und leitet nun die ganze Leidenschaft und Liebeskraft
dieser Frau in ganz neue Bahnen. Sie durchbricht alle Schranken der Zurückhaltung
und nähert sich Jesus beim Gastmahl, um ihm ihre dankbare Liebe zu
zeigen. Obwohl ihr Vorhaben zutiefst peinlich und anstößig
ist, führt sie es aus und nimmt die damit verbundene Demütigung
in Kauf, und Jesus, dessen Freiheit durch keine falschen Rücksichten
gebunden ist, läßt es geschehen, womit er schon wortlos andeutet,
daß er die Liebe dieser Frau annimmt. Jesus bleibt souverän,
obwohl er spürt, was in Simon vorgeht, daß dieser nun auch
über ihn schlecht denken wird. Feinfühlig lenkt er das Gespräch
von der Frau ab und versachtlicht es, und so schützt er sehr geschickt
die Intimsphäre der Frau. Er gibt zu verstehen: Ihre Schuld und Reue
gehen keinen von euch etwas an.
Das Gleichnis von den beiden Schuldnern soll den theologisch geschulten
Pharisäer zur Einsicht führen, daß Gottes Barmherzigkeit
bald größer, bald geringer ist je nach der Größe
der Schuld, daß sie aber immer ein Geschenk ist und als solches
dankbare Gegenliebe erweckt. So lädt er den Pharisäer ein, einzustimmen
in die dankbare Freude der Frau, ähnlich wie der Bruder des verlorenen
Sohns sich freuen soll, daß der Verlorene wiedergefunden wurde.
Aber diese Art zu denken, ist neu und ungewohnt für Simon und neu
auch noch für uns Christen heute. Schadenfreude ist auch für
uns noch die reinste Freude, und Freude über die Umkehr eines Sünders
fast nur aus den Heiligenviten bekannt.
Die Botschaft Jesu ist nie nur theoretisch gemeint. Sie betrifft unser
Handeln, sie appelliert an unsere Liebe. Sucht nicht, vor den anderen
als Gerechte dazustehen, indem ihr mit Fingern auf andere zeigt und euch
an ihrem Schaden freut, sondern handelt wie Jesus, indem ihr die Schuld
der anderen zudeckt und euch nur über das, was gut ist, freut!
3. Predigtvorschlag
Liebe Schwestern und Brüder,
an verschiedenen Stellen im Bericht über das Wirken
Jesu wird davon gesprochen, dass Jesus Sünden vergibt
- und dass dadurch viele Menschen Anstoß an ihm nehmen.
Dass Jesus heilt, er den Menschen von der Liebe Gottes erzählt,
Gutes tut und das Reich Gottes verkündet - okay. Aber
in dem Augenblick, indem er von der Vergebung der Sünden
spricht, gehen oft die Wogen hoch - wer ist der, der sich
in das Privateste der Menschen einmischt? In Ihrer Verfehlungen
Gott gegenüber?
Ist denn die Sünde nicht Privatsache zwischen Gott und
dem Menschen? Was hat sich Jesus dort einzumischen?
Liebe Schwestern und Brüder, wir denken heute auch nicht
viel anders. Unsere Schwäche, unsere Verfehlungen sind
uns peinlich, und deshalb machen wir sie am liebsten direkt
mit Gott ab. Was sollen wir da noch eine Vermittlung suchen?
Das bedeutet ja nur, auch noch jemanden anderem gegenüber
einzugestehen, dass wir etwas getan haben, für das wir
uns schämen. Lieber machen wir das mit Gott aus.
Nur, dass heute noch bei vielen Menschen das Bewusstsein
hinzukommt, dass wir eigentlich gar nicht mehr richtig sündigen.
So schlecht sind wir doch gar nicht. Und die paar Fehler sind
eben nur menschlich.
Wir vergessen dabei aber leicht, dass verzeihen und vergeben
eine der schönsten Formen der Liebe ist. Und mit dem
Verschwinden des Sündenbewusstseins und mit dem Verschwinden
der ehrlichen Aussprache und Vergebung bringen wir uns um
die tiefsten Liebes-Erfahrungen unseres Lebens.
Das, was die Sünderin im Evangelium tut, geht unter
die Haut. Jesus vergleicht ihr Verhalten mit dem des Gastgebers,
und er macht ganz deutlich, dass ihre Reue ihm viel kostbarer
ist, als die gepflegte Gastfreundschaft des Pharisäers.
Dabei verharmlost Jesus das Sündenregister der Frau
nicht. Ganz im Gegenteil: Er spricht sie an und redet von
den vielen Sünden, die sie begangen hat. Aber er sagt
eben auch: Deine Sünden sind dir vergeben.
Jesus hat nie die Sünde verharmlost; sie war für
ihn immer das größte Übel, die schlimmste
Krankheit. Aber er war gut zu den Sündern und hat ihnen
die Vergebung zugesprochen, die ihnen von anderen verweigert
wurde. Er hat den Sündern nicht gesagt, dass alles nicht
so schlimm sei. Und gerade deshalb mischt er sich ein in das
angeblich private Verhältnis des Sünders zu Gott:
Weil er derjenige ist, der Gottes Liebe den Menschen erfahrbar
macht.
Jesus begnügt sich nicht nur damit, den Armen und Kranken
Menschen Gottes Liebe zu predigen. Er heilt sie.
Jesus begnügt sich nicht nur damit, den Schwachen und
Sündern Gottes Vergebung zu predigen. Er spricht ihnen
diese Vergebung zu.
Wir Menschen brauchen diese Erfahrung. Wer heiratet, begnügt
sich auch nicht mit dem einen Jawort in der Kirche, sondern
für die Ehe ist lebensnotwendig, einander immer wieder
zu sagen: Ich liebe dich.
Wir berauben uns selbst, indem wir unsere Schwäche zur
Privatsache erklären und die Kirche außen vor lassen.
Wenn unser Glaube konkret bleiben soll, muss uns auch jemand
sagen, dass Gott mir die Sünden vergibt.
Wir berauben uns selbst, indem wir unsere Schwäche nicht
wahr haben wollen. Das Wort Sünde kommt vom Wort sich
absondern. Jeder, der sich von Gott oder von den Menschen
absondert, der sündigt. Nur wer liebt, überwindet
diese Spaltung, diesen Graben, der sich auftut; oft genug
in uns selbst.
Wer aber seine Fehler einsieht und erkennt, der kann gerade
dadurch zu noch größerer Liebe heranreifen - sowohl
den Menschen gegenüber, als auch Gott gegenüber.
Berauben sie sich nicht selber dieser Erfahrung, dieser Möglichkeit,
über sich selbst hinauszuwachsen. Und berauben sie sich
nicht der Erfahrung, die Vergebung Gottes - und damit die
Liebe Gottes - ganz persönlich zugesprochen zu bekommen.
Amen.
4. Predigtvorschlag
Liebe Schwestern und Brüder,
liebt Gott eigentlich alle Menschen gleich?
Es gibt das Gerücht, und es hält sich hartnäckig:
Gott liebt auch den größten Sünder; ja, vielleicht
sogar noch etwas mehr als die anderen, die nicht so viel auf
dem Kerbholz haben.
Eigentlich seltsam, finden sie nicht? Da verehren wir große
Heilige, die ihr Leben ganz und gar in Gottes Dienst gestellt
haben; und behaupten gleichzeitig, dass Gott diese Menschen
auch nicht mehr liebt als Verbrecher, Mörder und Vergewaltiger.
Liebt Gott wirklich alle Menschen gleich?
Wenn Gott alle Menschen liebt, warum dann noch Religion?
Warum dann noch Opfer, Gottesdienst und Gebet? Gut - vielleicht
deshalb, damit unsere Liebe zu Gott einen Ausdruck findet.
Aber machen wir uns nichts vor: Wir kommen ja nicht immer
mit frohem, überquellendem Herzen zu Gott und freuen
uns auf den Gottesdienst. Manchmal müssen wir uns selbst
zur Kirche schieben und zum Gebet aufraffen; damit unsere
Liebe zu IHM nicht erlischt.
Aber warum? Reicht es denn nicht, wenn er uns liebt? Er wird
uns doch all unsere Sünden vergeben, so wie der Sünderin
im heutigen Evangelium. Wenn Gott alle Menschen liebt, dann
brauchen wir doch nur das tun, was wir wollen. Gott liebt
uns.
Anscheinend haben wir da ein Dilemma: Auf der einen Seite
klingt es ungeheuerlich, wenn wir behaupten würden, Gott
liebt nicht alle Menschen. Denn dann käme doch sofort
die Frage: Wenn liebt er denn?
Auf der anderen Seite führt die Behauptung, dass Gott
alle Menschen liebt, in der Konsequenz zu einem Laxismus:
Dann brauchen wir doch nichts mehr tun...
Und wie so oft hilft in diesem Dilemma die genaue Unterscheidung:
Denn es ist ja auch bei uns Menschen so, dass Liebe nicht
immer erwidert wird. Auch wenn ich einem Menschen mit Liebe
begegne, kann nicht immer von einer Liebesbeziehung gesprochen
werden. Würde ich einem Menschen, der meine Liebe nicht
will, trotzdem meine Zärtlichkeiten aufdrängen,
so käme ich ins Gefängnis. Liebe als Grundhaltung
kann ich jedem Menschen entgegenbringen, aber jeder, dessen
Liebe zurückgewiesen worden ist, wird bestätigen,
dass Liebe danach verlangt, ein Geschehen zu sein. Liebe als
ein Geschehen setzt aber die Bereitschaft auf beiden Seiten
voraus.
Gott möchte sehr wohl alle Menschen lieben; er ist die
Liebe und ist jedem Menschen in Liebe zugetan. Aber ein Liebesgeschehen,
eine Liebesbeziehung kommt nur zustande, wenn auch der Mensch
sich öffnet. Auch seine Gnade, die göttlichen Zärtlichkeiten,
wird er uns nur schenken, wenn wir es wollen und ihn darum
bitten. Sonst wäre er kein Gott, und vor allem keine
liebender Gott.
Menschen, die sich von Gott abwenden, seine Liebe und Verzeihung
nicht wollen, werden von Gott weniger geliebt. Es geschieht
einfach weniger. Gott respektiert diese Entscheidung; er leidet
darunter, er sehnt sich danach, dass seine Liebe auch in die
Tat umgesetzt wird. Es gibt keinen größeren Schmerz
für Gott, als wenn diese Liebe zu einem Menschen für
alle Zeiten unerfüllt bleibt.
Aber genauso gilt, liebe Schwestern und Brüder, dass
es für Gott keine größere Freude gibt, als
wenn ein Mensch sich endlich öffnet und mit Gott das
Leben neu beginnt. Glauben Sie mir, Gottes Freude darüber
ist unbeschreiblich.
Amen.
5. Predigtvorschlag
Liebe Schwestern, liebe Brüder,
Das Beispiel, welches die Lesung heute von König David
überliefert, ist ja mal wieder typisch für die Menschen.
Den reichen Mann, der dem Armen ein Schaf stiehlt, verurteilt
er schnell und heftig: er verdient den Tod, sagt David. Doch
daß er selbst dieser Mann ist, der noch viel schlimmeres
getan hat, sieht er nicht. Darauf muß ihn Gottes Prophet
Natan erst aufmerksam machen. Er selbst hat einen Mann umbringen
lassen, damit er dessen Frau heiraten kann. Den Splitter im
Auge des anderen sieht man schnell, doch den Balken im eigenen
Auge übersieht man leicht.
Ganz ähnlich die Geschichte im heutigen Evangelium:
Nur müssen wir da etwas genauer hinschauen, um dieses
Bild in aller Deutlichkeit zu entdecken.
Schauen wir zunächst auf die Sünderin. Es handelt
sich dabei aller Wahrscheinlichkeit nach um eine Prostituierte.
Sie betritt heimlich von hinten das Haus des angesehenen Pharisäers,
was ihr als Sünderin nicht erlaubt ist. Doch sie riskiert
alles, um zu Jesus zu gelangen. Sie schleicht sich von hinten
heran. In seiner Gegenwart, also vor Gottes Angesicht, beginnt
sie einfach zu weinen. Sie findet keine Worte, sondern ihr
wird ihre Schuld so bewußt, daß ihr die Tränen
kommen. Dann wäscht sie Jesus mit ihren Tränen die
Füße, ein Zeichen äußerster Demut, wie
wir es ja auch von der Fußwaschung Jesu beim letzten
Abendmahl her kennen. Dann trocknet sie seine Füße
mit ihrem Haar. Dazu muß sie ihr Haar öffnen, was
Frauen damals nur für ihren Liebsten taten. Sie schenkt
Jesus also ihre ganze Liebe, was auch durch ihr unablässiges
Küssen seiner Füße deutlich wird. Und schließlich
salbt sie ihn noch mit kostbarem Öl, ein Zeichen der
höchsten Verehrung.
Lassen sie uns nun einen tieferen Blick auf den Pharisäer
Simon werfen. Er ist ein angesehener Mann, der regelmäßig
in die Synagoge geht, regelmäßig sein Gebet verrichtet,
den zehnten Teil seines Einkommens für soziale Zwecke
gibt. Kurz gesagt: er ist sich keiner Schuld bewußt
und hat es sich erlaubt diesen viel gefragten Jesus einzuladen,
den er nun anständig bewirtet.
Und da kommt ihm nun diese Frau dazwischen, die es wagt,
seinen Gast zu belästigen, wo sie doch eine schwere Sünderin
ist.
Und nun kommt Jesus ins Spiel. Er erkennt die Gedanken des
Simon und weist ihn zurecht. Diese Frau, die sicherlich eine
große Sünde getan hat, bittet durch ihr Verhalten
um Vergebung. Er jedoch, der sich keiner Schuld bewußt
ist, hat nichts dergleichen getan. "Als ich in dein Haus
kam, hast du mir kein Wasser zum Waschen der Füße
gegeben;" wie es damals bei verehrten Persönlichkeiten
durchaus üblich war, " sie aber hat ... Deine Sünden
sind dir vergeben."
Die Sünderin zeigt durch ihr Verhalten Reue, und erlangt
Vergebung. König David bittet Gott um Vergebung und bekommt
diese sofort zugesprochen. Und wir? Sitzen wir nur dumm herum,
wie Simon, der Pharisäer, der sich keiner Schuld bewußt
ist? Oder wagen wir das Wort des König David "Ich
habe gegen den Herrn gesündigt"?
Wenn wir dieses Wort wagen, wenn wir Reue zeigen, ist Gott
sofort bereit, uns zu vergeben. Amen.
Fürbitten
Guter Gott, Du hast Deinen Sohn, unsern Herrn Jesus Christus,
zu uns gesandt, damit wir zu Dir gelangen können. Dich
bitten wir:
-
Erhalte in unserer Heimat die Kraft des Glaubens und
die Treue zur Kirche lebendig.
-
Schenke unserem Land Zusammenhalt und inneren Frieden.
-
Mache den Sonntag für unsere Gemeinden und unsere
Familien zu einem Tag des Aufatmens und des Friedens.
-
Bewahre die ganze Welt vor Haß und Ungerechtigkeit
- und stärke den Frieden zwischen den Völkern.
-
Verschone uns vor Not und Katastrophen; lass die Früchte
des Landes gedeihen - und segne unsere tägliche Arbeit.
-
Erbarme dich unserer verstorbenen Angehörigen und
schenke ihnen die ewige Heimat, - besonders beten wir
für...
Allmächtiger, ewiger Gott, blicke gütig auf diese
Gemeinde, die sich um den Herrn Jesus Christus versammelt
hat, das Opfer des Lobes und der Versöhnung zu feiern.
Erhöre unsere Bitten durch Christus, unseren Herrn. Amen.
Liedvorschläge (GL Bistum Münster)
Einzug: 474, 1 - 4
Kyrie: 485
Gloria: 486
Zwischengesang: 168, 1 - 4
Credo: gesprochen
Gabenbereitung: 622, 1 - 5
Sanctus: 986
Agnus Dei: 989
Danksagung: 269, 2 + 3
Schluss: 474, 5 - 7