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Predigt zum 26. Sonntag im Jahreskreis
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1. Predigtvorschlag
von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink - 30.09.07
Ein Viertel der Menschheit verbraucht drei Viertel der Energie auf dem Globus,
während der Mehrheit der restlichen drei Viertel gerade einmal ein Viertel
der weltweit zu vorhandenen Energie zu Verfügung steht.
Mit den Millionen-Etats der europäischen Fußballclubs ließen
sich die Haushalte zahlreicher afrikanischer Staaten sanieren.
Während Hamilton und Co Milliarden Dollar auf den Rennstrecken dieser
Welt verfahren, haben Abermillionen von Menschen nicht einmal die Möglichkeit,
sich ein kleines Auto zu leisten.
Während bei uns Hunderttausende von Euros ausgegeben werden, damit Frauen
ihre Haut zum x-ten Mal straffen und Männer keine Glatze mehr haben müssen,
entbehren die meisten Menschen dieser Welt einer medizinischen Grundversorgung.
Liebe Schwestern und Brüder,
das sind nur wenige Schlaglichter auf den Zustand unserer Welt.
Es war einmal ein reicher Mann, der sich in Purpur und feines Leinen kleidete
und Tag für Tag herrlich und in Freuden lebte.
Vor der Tür des Reichen aber lag ein armer Mann namens Lazarus, dessen
Leib voller Geschwüre war. Er hätte gern seinen Hunger mit dem gestillt,
was vom Tisch des Reichen herunterfiel.
Unsere Welt ist die Welt dieses Reichen und des Lazarus.
Wir sind die Reichen. Der weitaus überwiegende Teil lebt aber wie Lazarus.
Das sollten wir uns hier in Deutschland immer wieder einmal vor Augen führen,
wenn wir in die aktuellen Klage-Litaneien einstimmen: Wir klagen nämlich
auf ziemlich hohen Niveau.
Oder, wie es mir einmal ein afrikanischer Mitbruder halb im Scherz, halb ernst
sagte: "Wir in Afrika, hätten gerne Eure Probleme. ... Dann ginge
es uns nämlich wesentlich besser als jetzt."
Damit will ich die Krise, in der sich unser Land (trotz Aufschwungbewegung)
befindet, nicht schönreden. Aber etwas relativieren will ich sie schon.
Es liegt eine Art depressiver Schleier auf unserer Gesellschaft: Alles wird
schlimmer. Immer mehr Kürzungen, Einsparungen. Ja, es gibt sogar eine
steigende Tendenz zur Armut.
All das wiegt umso schwerer, weil wir das seit sage und schreibe sechzig
Jahren nicht mehr gewohnt sind. Seit der Stunde Null, also nach Ende des Krieges
1945, ging es ja nur bergauf. Die Bundesrepublik war das Wirtschaftswunderland.
So stark, dass es sogar die neuen Länder im Osten sanieren konnte, ohne
total bankrott zu gehen.
Sage und schreibe sechzig Jahre lang ging es nur aufwärts, gab es immer
nur ein Mehr, ab und zu mal ein Weniger.
Seit einigen Jahren nun ist die Waage hin zum Weniger umgekippt. Das spürt
jeder von uns, nicht nur diejenigen, die von Hartz IV betroffen sein werden.
Auch die Kirche merkt das deutlich.
Wie soll man dieser Entwicklung begegnen? Die einen rufen nach einem Staat,
der eingreift. Die anderen wollen alles dem freien Markt überlassen.
Wenn man so will ist der "kalte Krieg" zwischen Kapitalisten und
Kommunisten nun auf rein sozio-ökonomischer Ebene wieder ausgebrochen.
Was sagt da die Kirche? Sie setzt weder auf die eine noch auf die andere
Seite. Ihr grundlegendes Prinzip heißt auf diesem Feld der Gesellschaft:
Subsidiarität.
Hinter diesem Prinzip verbirgt sich – einfach gesprochen – dass
jeder erst einmal für sich selbst verantwortlich ist. Wenn aber jemand
aus eigenen Kräften seine Situation nicht in den Griff bekommen kann,
hilft ihm die Solidargemeinschaft. Aber erst dann.
Diese Grundlinie katholischer Soziallehre bewahrt den Einzelnen davor, Opfer
eines ungebremsten, kalten Kapitalismus zu werden. Gleichzeitig will sie die
nötige Eigeninitiative gegen einen alles kontrollierenden Staatsapparat
verteidigen.
Mir scheint, dass sich unsere Gesellschaft zu sehr auf den Staat verlassen
hat. Der konnte – als es ihm noch gut ging – mit Vergünstigungen
um sich werfen von denen andere Nationen nur geträumt haben.
Auch wenn es hart klingt, so meine ich doch richtig feststellen zu können,
dass wir in der Bundesrepublik über unsere Verhältnisse gelebt haben.
Wir haben uns an viele Annehmlichkeiten gewöhnt. Jetzt aber heißt
es auch wieder zurückstecken zu können. Und das tut weh.
In einer gewissen Weise hat sich hier erfüllt, was der Prophet Amos
in der Lesung sehr drastisch ausdrückt.
Weh den Sorglosen und den Selbstsicheren.
Ihr liegt auf Betten aus Elfenbein und faulenzt auf euren Polstern.
Zum Essen holt ihr euch Lämmer aus der Herde und Mastkälber aus
dem Stall. Ihr grölt zum Klang der Harfe, ihr wollt Lieder erfinden wie
David. Ihr trinkt den Wein aus großen Humpen... und sorgt euch nicht
über den Untergang.
Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt. Eine neue Bescheidenheit
täte uns gut. Das ist das, was wir neu lernen müssen.
Das Prinzip der katholischen Soziallehre, die Subsidiarität weist dazu
einen guten Weg – in Deutschland, Europa und für die gesamte Weltwirtschaft,
die aus den Fugen geraten ist.
Noch ist unsere Gesellschaft eher der reiche Mann als der arme Lazarus. Das
sollten wir nicht vergessen.
2. Predigtvorschlag - Zugleich mit Erntedank
(Pfr. Dr. Axel Schmidt, 2007)
Liebe Gemeinde!
Wir haben nichts in die Welt mitgebracht, und wir können auch
nichts aus ihr mitnehmen. Wenn wir Nahrung und Kleidung haben, soll uns
das genügen. Wer aber reich werden will, gerät in Versuchungen
und Schlingen, er verfällt vielen sinnlosen und schädlichen
Begierden, die den Menschen ins Verderben und in den Untergang stürzen.
Denn die Wurzel aller Übel ist die Habsucht. Nicht wenige, die ihr
verfielen, sind vom Glauben abgeirrt und haben sich viele Qualen bereitet.
(1 Tim 6,7-10)
Das sind Worte des alternden Apostels Paulus an seinen Schüler Timotheus.
Paulus hat seine Erfahrungen mit Menschen gemacht, die der verfluchten
Sucht nach dem Geld verfallen sind: Sie werden von ihrer Gier aufgefressen,
verlieren alle Freude an Gott, haben kein Mitgefühl mehr mit ihren
Mitmenschen und stürzen unweigerlich ins eigene Verderben. Dabei
ist es eigentlich so leicht, die entscheidende Einsicht zu gewinnen, die
dem Strudel der Habgier entkommen lässt: Du kannst nichts mitnehmen,
das letzte Hemd hat keine Taschen. Aber irgendwie kann man dieses Wissen
doch auch wieder verdrängen, es wirkt jedenfalls kaum.
Darum ist es von Zeit zu Zeit nötig, die ernsten Aussagen der Bibel
zu den Gefahren der Geldgier neu ins Bewusstsein kommen zu lassen. Die
Habsucht ist ein Götzendienst, sagt der Epheserbrief (5,5). Weh
euch, die ihr reich seid; denn ihr habt keinen Trost mehr zu erwarten.
(Lk 6,24) Und noch drastischer: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr,
als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt. (Mt 19,24) Diese
sprichwörtlich gewordene Warnung stützt sich auf das rätselhafte
Phänomen, dass die Habsucht sich nie begnügen kann, sondern
schier unersättlich immer weiter giert und rafft. Wo das Raffen und
Anhäufen zum Selbstzweck geworden ist, da haben Vermögen und
Besitz ihre ursprünglich positive Rolle verloren und sind zum Mammon
geworden, zum Götzen, der den Habgierigen kontrolliert und schikaniert.
Nicht er besitzt die Dinge, sondern sie besitzen ihn!
Das Evangelium führt uns diese psychologische Dynamik eindringlich
vor Augen: Der reiche Mann denkt offenbar nicht daran, seinen opulenten
Reichtum mit dem armen Lazarus zu teilen, ja, nicht einmal, ihm wenigstens
etwas von den Resten zu geben. Mit welchen Ausreden mag er sich vor den
Pflichten zu drücken versucht haben, die das Alte Testament allen
Begüterten gegenüber den Armen klar auferlegt hat, denn Eigentum
verpflichtet? Z.B. Wenn bei dir ein Armer lebt,
dann sollst
du nicht hartherzig sein und sollst deinem armen Bruder deine Hand nicht
verschließen. (Dtn 15,7) Oder in prophetischer Warnung bei
Amos: Hört dieses Wort, die ihr die Schwachen verfolgt und
die Armen im Land unterdrückt. Ihr sagt:
Wir wollen den Kornspeicher
öffnen, das Maß kleiner und den Preis größer machen
und die Gewichte fälschen. Wir wollen mit Geld die Hilflosen kaufen,
für ein paar Sandalen die Armen. Sogar den Abfall des Getreides machen
wir zu Geld. Beim Stolz Jakobs hat der Herr geschworen: Keine ihrer Taten
werde ich jemals vergessen. (Am 8,4-7)
Jeder ist sich selbst der Nächste, das Hemd ist
mir näher als der Rock, wer nichts hat, ist selber schuld
und viele andere Sprüche gehen um, um der Verpflichtung des
Eigentums auszuweichen. Aber es sind nur die Ausflüchte des Geizigen,
dem schon der Gedanke ans Teilen weh tut.
Da ist es schon ein Skandal, wenn nicht nur in der Werbung, sondern auch
sonst im öffentlichen Leben der Geiz als Tugend gepriesen wird. Anstatt
den knickrigen Haltefest wenigstens mit Spott zu bedenken, wird sein krankhaftes
Jagen nach Schnäppchen auch noch als nachahmenswert und geil
hingestellt. Doch der Geiz ist Ausdruck einer tief sitzenden Angst, die
das Leben ersticken lässt und schlechte Laune, Missmut und Bosheit
gebiert. Der geizige Mensch ist klein, bitter und hässlich.
Die ökonomischen und politischen Folgen der Habsucht sind keineswegs
rosiger. Gewiss ist es wahr, dass das Besitzstreben die Gesellschaft wohlhabend
gemacht hat. Wenn es um den eigenen Grundbesitz und den eigenen Erfolg
geht, strengen sich die Menschen mehr an, als wenn sie nur für das
Allgemeinwohl arbeiten müssen. Aber es ist ein Irrtum, dass die blanken
egoistischen Interessen der Reichen wie von unsichtbarer Hand
den Wohlstand auch der Armen befördern, wie Adam Smith vor über
200 Jahren behauptet hat und wie der Neoliberalismus es heute wieder behauptet.
In Wahrheit werden im globalisierten Kapitalismus die Reichen immer reicher
und die Armen immer ärmer. Die Verlierer im Kampf ums Dasein werden
immer mehr ausgegrenzt, man nennt sie sogar abfällig den unvermeidlichen
Bodensatz. Eine unbeschreibliche Gefühllosigkeit hat die Menschen
ergriffen, nicht nur die 800.000 Millionäre in Deutschland, sondern
alle sozialen Schichten, soweit sie von der demokratisierten Habsucht
infiziert sind.
Jesus malt im Gleichnis das Schicksal des Habsüchtigen nach dem
Tode aus. Es ist töricht, seine Lehre als Drohbotschaft zu verunglimpfen
und totzuschweigen. Unser Leben auf der Erde ist endlich, nach dem Tod
beginnt das ewige Leben, dessen Unendlichkeit unsere besten Kräfte
jetzt schon mobilisieren sollte. Das letzte Hemd hat keine Taschen. Wir
können nichts mitnehmen. Einzig unsere guten Taten nehmen wir mit.
Sie sind gleichsam die Währung, mit der im Reich Gottes gehandelt
wird. Mit der praktischen Nächstenliebe bauen wir an unserer Zukunft.
Heiko Ernst: Wie uns der Teufel reitet. Von der Aktualität der 7
Todsünden. Berlin: Ullstein, 2006, 121.
3. Predigtvorschlag - Zugleich mit Erntedank
Liebe Schwestern und Brüder,
an Erntedank sagen wir "Danke" für die Gaben der Natur.
Hier vorne haben wir sie aufgebaut - und es fällt uns leicht, in
Gedanken viele andere Annehmlichkeiten aufzurufen, die uns unser Leben
angenehmer machen lassen: Vom Auto über die Heizung, den Herd zuhause
und den Brotkorb (Supermarkt) um die Ecke.
Aber ein wenig schwerer fällt es uns schon, das alles mit Gott in
Verbindung zu bringen. Aber mit ein wenig Nachdenken gelingt auch das:
Was hätte alles passieren können? Wer hätte alles krank
werden können? Was können wir dankbar sein, dass wir nicht in
den Gegenden der Welt leben, in denen Hunger, Krankheiten, Gewalt und
Krieg zur Tagesordnung gehören? Ja, mit einem bisschen Nachdenken
haben wir guten Grund, auch Gott dankbar zu sein.
Aber noch etwas schwerer fällt es den Menschen, aus der Grundhaltung
der Dankbarkeit auch zum konkreten Danken zu kommen.
Aber wir tun uns sowieso schwer damit, aus einer Einsicht auch zum Handeln
zu kommen. Oft haben wir nach einer hitzigen Diskussion ein schlechtes
Gewissen. Aber nochmal anrufen und um Entschuldigung zu bitten? Muss doch
nicht sein.
Und wenn wir zuhause feststellen, dass der Wirt uns zu viel Wechselgeld
gegeben hat - wer fährt denn dann nochmal los, um es ihm zurückzugeben?
Umgekehrt - wenn wir zu wenig bekommen haben - ist es schon leichter.
Wie sehr freuen wir uns darüber, wenn ein Polizist uns erwischt -
weil wir zum Beispiel nicht angeschnallt waren oder zu schnell gefahren
sind - und es dann nochmal mit einer Ermahnung bewenden lässt! Aber
wer würde der Polizeiwache deshalb einen Dankesbrief schreiben?
Bei www.spick-mich.de können Schüler ihre Lehrer bewerten. Manche
Lehrer werden sogar mit guten Noten bedacht. Aber dem Lehrer einmal selbst
zu danken? Muss doch nicht sein.
Liebe Schwestern und Brüder, wir haben in unserer Gemeinde mit der
Firmvorbereitung begonnen. Zu den Pflichten der Firmlinge gehört
es auch, bis zur Firmung jeden Sonntag an den Gottesdiensten der Gemeinde
teilzunehmen. Nur fragen sich vermutlich schon einige der Jugendlichen,
warum sie hier sind. Und vielleicht können auch die Eltern ihnen
darauf nicht sofort eine Antwort geben.
Dabei ist die Antwort ziemlich einfach: Weil wir danken wollen! Nicht
nur, weil wir dankbar sind, sondern weil wir es auch zeigen wollen. Weil
wir dankbar dafür sind, dass wir Eltern haben, Kinder, die gesund
sind, Freunde, die zu uns halten. Weil wir leben können - und lieben!
Ja, weil es sogar eine ziemlich große Anzahl von Menschen gibt,
die uns mögen. Und das ganz ohne Hintergedanken. Weil wir Gott einfach
unendlich dankbar sind, dass er Gott ist und uns trotzdem liebt.
Wir sind hier, weil wir das Gleichnis im Evangelium verstanden haben:
Nicht nur wissen. Sondern auch tun! Sich aufmachen. Gott antworten. Und
sich einfach freuen, dass wir da sein dürfen.
Manchmal wünschen wir uns lebendigere Gottesdienste; schönere
Lieder und freudigere Gebete. Liebe Gemeinde: Das wünsche ich mir
auch. Aber im Grunde ist jeder Gottesdienst ein Wunder, ein Geschenk und
der Höhepunkt einer Woche - auch dann, wenn daran noch vieles verbesserungsfähig
ist. Allein deshalb, weil ich endlich tue, was ich sonst nur weiß.
Weil ich nicht nur Glaube, sondern auch bete. Weil Gott nicht nur lieb
ist - sondern hier auch liebevoll handelt.
Amen.
4. Predigtvorschlag - Zugleich mit Erntedank
Liebe Schwestern und Brüder!
Jeder Mensch, der glaubt, glaubt auf seine Weise. Jedes Kind, jeder Mann
und jede Frau hat seine eigene Art und Weise, zu glauben, den Glauben
zu leben und mit ihm durchs Leben zu gehen. Trotz aller Unterschiedlichkeit
dürfte aber eins uns allen gemeinsam sein: Dass das Glauben oft Schwierigkeiten
macht.
In diesem Punkt treffen wir uns mit den großen Heiligen und den
kleinen Sündern, den großen Gestalten unseres Glaubens und
den kleinen Kindern: Der Glaube; das Bemühen, zu glauben, zehrt an
unseren Kräften. Glaubensschwierigkeiten, Zweifel oder das Gefühl,
den Roten Faden verloren zu haben, kommen immer wieder. Wer meint, Gott
und die Welt im Döschen zu haben, läuft Gefahr, am Wesen des
Glaubens vorbeizugehen.
Und denen, die darunter leiden, den Roten Faden im Glauben verloren zu
haben, kommt manchmal der Gedanke: «Wenn Gott will, dass ich glaube,
wenn ihm etwas an meinem Glauben liegt, dann soll er mir doch auch mal
unter die Arme greifen.» Ein Glaube an Gott nämlich, der immer
nur durch die Kirche vermittelt wird, durch Menschen, die alle ihre Fehler
haben, fällt selbstverständlich schwer. Wonach sich viele Menschen
sehnen, ist die Unmittelbarkeit: Gott selbst zu erfahren, um dann - fast
wie von selbst - glauben zu können.
Aber Gott zeigt sich nicht im blendenden Licht, unmittelbar - wahrscheinlich
könnten wir es gar nicht ertragen. Genauso wenig, wie wir nicht direkt
in die Sonne schauen können. Aber Er zeigt sich uns in jedem Augenblick
- für den, der hinter die Dinge schaut. Er verbirgt sich, nicht um
sich zu verstecken, sondern um sich von uns finden zu lassen.
Auch das ist eine Aussage des Evangeliums vom armen Lazarus in Abrahams
Schoß, mit dem sich Jesus an die reichen Pharisäer seiner Zeit
richtet - aber auch an den Teil in uns, der sich den Glauben zu bequem
machen will: «Ihr habt die Propheten, ihr habt Mose», hört
auf sie. Wartet nicht darauf, dass Gott extra für euch, die ihr vielleicht
gar nicht glauben wollt, Wunder nach Wunder vollbringt. Ihr würdet
sowieso nicht glauben, selbst wenn es eine Auferstehung geben würde.
Glauben tut letztlich nur der, der sich darum bemüht, der glauben
will.
Vielleicht zeigt uns das heutige Erntedankfest, wo wir stehen. Wer verlernt
hat, hinter die Dinge zu schauen; wer in dem, was uns umgibt, nicht mehr
das liebevoll Wirken Gottes sieht, der fragt sich wahrscheinlich auch,
warum es noch so ein Fest gibt wie Erntedank. Wer im Wachsen der Früchte
nur das Wirken von Naturgesetzen, von Biologie und Chemie, sieht, der
braucht auch nicht zu Danken. Wer in seinem ganzen Hab und Gut nur die
Produktion von perfekten Fabriken und das Ergebnis seiner eigenen Hände
Arbeit sieht, der braucht nicht zu danken - allerhöchsten vielleicht
unserer Wirtschaft.
Wer aber genug Phantasie, genug Wille zum Glauben hat, wer Gott sucht
auch in den kleinsten Selbstverständlichkeiten unseres Lebens, der
kann gar nicht mehr aufhören, Gott zu danken und zu loben. Dann kann
schon der leckere Kaffee am Morgen oder das warme Wasser der Dusche ein
Liebesbeweis Gottes sein. Wer danken will, der braucht gar nicht mehr
nach Gründen zu suchen, zu danken. Wer danken will, braucht nur auf
die kleine Auswahl der Gaben zu schauen, die hier am Altar liegt, um vor
Dankbarkeit stumm zu werden.
Wer glauben will, der braucht nicht nach Gottes Spuren zu suchen. Wer
wirklich glauben will, der findet Gott auf Schritt und Tritt, in jedem
Lachen eines Kindes und in jedem Zuspruch, den ein Mensch gibt. Denn letztlich
sind nicht wir es, die Gott suchen. Letztlich ist es Gott, der uns ständig
sucht, ohne Unterlass. Wir müssen uns nur finden lassen. Amen.
5. Predigtvorschlag - Zugleich mit Erntedank
(Pfr. Dr. Axel Schmidt, 2004)
Liebe Firmlinge, liebe Gemeinde!
In der letzten Woche war ich in Exerzitien in Meschede. Bei einem Spaziergang
sah ich in einem Garten ein Kreuz stehen. Auf diesem Kreuz war der Satz
zu lesen: Rette deine Seele! Der Ruf Rette deine Seele!
war früher oft das Motto von Missionspredigten, die manchmal sehr
moralingesäuert waren. Die Älteren unter Ihnen werden sich noch
daran erinnern. Solche Predigten sind schon lange aus der Mode gekommen.
Vor etwa zwanzig Jahren während meines Theologiestudiums hörte
ich einmal in einer Vorlesung, das Motto Rette deine Seele!
enthalte gleich drei Irrtümer: Erstens Rette: Du kannst
gar nicht dein Leben, deine Seele retten, dazu bist du gar nicht in der
Lage. Das kann nur Gott. Du kannst nur die Rettung, die Gott dir anbietet,
im Glauben annehmen. Und der zweite Irrtum: deine:
so als wärest du nur für deine eigene Seele verantwortlich.
Dabei ist doch jeder Mitglied einer Gemeinschaft, weshalb es eher heißen
sollte: Rette die Seele anderer, engagiere dich für andere!
Und schließlich der dritte Irrtum: Seele - so
als gäbe es im Menschen zwei Teile, den Leib und die Seele, der Leib
sei unwichtig und nur die Seele wäre zu retten.
Ich muß zugeben: diese Ausführungen haben mir damals nicht
wirklich eingeleuchtet und leuchten mir bis heute nicht ein. Sicherlich,
ein Professor findet immer etwas zu kritisieren. Aber ich habe mir damals
gedacht und ich denke mir auch heute, der Satz Rette deine Seele!
ist nicht falsch, er ist vielleicht einseitig, aber gerade dadurch ist
er markant und unüberhörbar. So auch das heutige Evangelium.
Auch hier könnte ein kritischer Professor selbstverständlich
viele Fehler finden, die Jesus da unterlaufen sind, etwa verfehlte Jenseitsvorstellungen.
Aber das Gleichnis wirft hellstes und schärfstes Licht auf eine unüberbrückbare
Kluft, die damals bestand und auch heute besteht: auf die Kluft nämlich
zwischen dem Schlemmerleben der Reichen und dem Elend der Armen. Eine
Kluft, die aus dem Mißbrauch der Freiheit entsteht, aus Nichtliebe,
Egoismus. Eine Kluft, die zu einer ewigen Trennung führt, zum Verlust
der Seele, zum Getrenntsein von Gott, der doch der Quell der Glückseligkeit
ist. Das helle Licht des Gleichnisses ruft uns, die wir zuhören,
zu: Rette deine Seele! Begib dich nicht auf die falsche Seite! Bzw.
wenn du auf der falschen Seite bist, dann verlasse so schnell wie möglich
die falschen Wege des Egoismus! Und selbstverständlich geht
es hier um jeden Einzelnen persönlich: Du deine Seele
steht auf dem Spiel! Du allein hast es in der Hand, kein anderer. Und
ganz gewiß geht es um deine Seele, nicht um den irdischen Leib,
denn der wird ohnehin sterben. Den kannst du nicht retten. In 100 Jahren
wird das Fleisch von allen, die hier in dieser Kirche sitzen, unter der
Erde liegen.
Nun ist heute zugleich der Eröffnungsgottesdienst der Firmvorbereitung.
Eine solche Vorbereitung steht vielleicht nicht unter dem markanten Leitwort:
Rette deine Seele!, aber sie hat doch sehr viel mit Orientierung
zu tun. Woran richte ich mein Leben aus? Was ist höchster Wert und
letztes Ziel, und was ist vergleichsweise zweitrangig? Was eignet sich
als Mittel zum Ziel, was ist ungeeignet und hinderlich? Firmvorbereitung
bedeutet: neue Konfrontation mit Jesus und seiner Botschaft. Sie fordert
eine Entscheidung heraus, die fest firm sein soll. Wir sollen
uns einmal für immer entscheiden, nicht wie ein Blatt im Wind hin
und her flattern.
Warum beginnen wir die Firmvorbereitung mit einem Gottesdienst? Darauf
gibt es mindestens zwei Antworten. Zum einen empfangen wir Kraft für
diesen Weg vor allem von den Mit-Glaubenden, von der Gemeinschaft der
Kirche. Alleine kann niemand glauben, selbst der Stärkste nicht.
Und zum andern: Glaube ist keine Theorie, die man mit dem Kopf lernt.
Glaube ist eine Praxis, ein Tun, ein Dialog zwischen Gott und den Menschen.
Gott spricht zu uns, er handelt an uns, und er sendet uns. Genau das geschieht
hier im Gottesdienst.
Wir haben gerade die vier Symbole der Firmfeier bedacht, den Chrisam,
das Kreuz, das Siegel und die Handauflegung. Nur einige Gedanken zum Symbol
der Handauflegung: Es bedeutet, unser Glaube soll handfest sein, d.h.
er soll sich in Taten bewähren und Bestand haben in der Anfechtung.
Er soll nicht unsichtbar sein, kein geistiger Überbau, sondern vielmehr
das Zusammenleben der Menschen bestimmen und färben. Ein Beispiel
dafür haben wir in der Aktion 1 plus gesehen, bei der
Jugendliche Lebensmittel gesammelt haben für die Münster-Tafel.
Dieses Projekt, von dem auch in der Zeitung berichtet wurde, steht als
ein Beispiel für viele andere Projekte, bei denen die Firmlinge lernen
sollen, daß der Glaube handfest ist, die Hand, das Handeln betrifft.
Das erinnert mich an ein Gebet aus dem Mittelalter, in dem es heißt:
Christus hat nur unsere Hände, um seine Arbeit heute zu tun.
Wir sind Gottes letzte Botschaft. Gott spricht nicht nur durch
die Bibel, sondern auch durch die Menschen, die sein Wort verstanden und
im Glauben angenommen haben. Die Bibel liest heute kaum noch jemand, aber
an den Gesichtern und den Taten der Christen können andere lesen,
was Gott ihnen sagen will. Herz und Hand gehören zusammen, der Glaube
bezieht sich auf das Herz und die Hand auf das Handeln. Das heißt,
wir können und dürfen die Verantwortung nicht auf andere abschieben,
auch wenn wir dazu immer versucht sind. Es ist so leicht, die Schuld bei
den anderen zu suchen, aber wir sind selbst gefragt: Was hast du
getan?, lautet die Frage, nicht: Was hast du zu meckern gehabt?
Wir sollen unsere eigene Verantwortung sehen und ergreifen. Dann haben
wir verstanden, daß der Glaube handfest ist, dann retten wir unsere
Seele und stehen nicht auf der falschen Seite der Kluft, nicht auf der
der egoistischen Schlemmer.
Ich wünsche euch, liebe Firmlinge, daß ihr in den kommenden
Wochen am lebendigen Glauben eurer Katechetinnen seht, daß Gott
durch sie auf euch zugeht und an euch handelt. Dann könnt ihr in
2½ Monaten bei der Firmfeier Ja zum Glauben sagen und Gottes Geist
empfangen, der euch firm macht.
Fürbitten
Herr Jesus Christus, Du schenkst uns Deine Gegenwart in allem, was uns
begegnet. Dich bitten wir:
-
Öffne unsere Herzen für die Menschen, die in Not und Hunger
leben müssen.
-
Öffne unsere Ohren für das Klagen der Menschen, die einsam,
krank oder in Trauer sind.
-
Öffne unseren Mund zum Lob und Dank für alles, was Du uns
in Deiner Schöpfung schenkst.
-
Öffne unsere Hände, dass wir denen geben, die unsere Hilfe
brauchen.
-
Öffne Deine Arme für unsere Verstorbenen und nimm sie auf
in Dein Reich. Wir feiern diesen Gottesdienst...
Herr Jesus, Du schenkst uns immer wieder genug zum Leben. Lass uns in
Dankbarkeit Dir gegenüber zu teilenden und schenkenden Menschen werden.
Darum bitten wir Dich, Christus, unseren Herrn. Amen.
Liedvorschläge (GL Bistum Münster)