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Predigt zum 29. Sonntag im Jahreskreis
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1. Predigtvorschlag
von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink - 21.10.07
In jener Zeit sagte Jesus den Jüngern durch ein Gleichnis, dass sie
allezeit beten und darin nicht nachlassen sollten.
Liebe Schwestern und Brüder,
durch die Liturgie der Kirche spricht Jesus auch heute zu uns. Das was er
seinen Jüngern damals sagte ist nicht passé, vorbei, vergangen,
ohne Bedeutung für das Heute.
Jedes Wort des Herrn ist auch an Dich und mich gerichtet. Jetzt, hier in
Grafenwald, in der Kirche Hl. Familie sagt er zu jedem und jeder von uns,
dass wir allezeit beten und darin nicht nachlassen sollten.
Warum sollen wir beten?
Beten heißt, mit Gott reden, Gott preisen, Gott danken, Gott bitten.
Wer betet, lebt sein Leben mit Gott. Er rechnet mit Gott.
Wer betet, sagt letztlich: "Gott ist Gott. Niemand anders. Ich bin nicht
Gott. Ich bin Mensch."
Wer betet, ist also ein Realist, wenn man so will.
Derjenige, der Gott aus dem Blick verliert, macht oft Dinge, Personen oder
sich selbst zum Gott, zum Mittelpunkt und Ursprung des Lebens. Aber damit
täuscht er sich selbst, lügt sich in die Tasche, verdrängt
die Wirklichkeit.
Schlimmer noch: Wenn der Mensch sich selbst zum Gott macht, dann wird er
unmenschlich den anderen gegenüber. Dann wird der barmherzige Vater oft
durch einen grausamen Despoten ersetzt. Das sieht man an den gottlosen Regimes
des Nationalsozialismus oder des Kommunismus.
Wenn der Mensch sich selber zum Gott macht, zum Maß aller Dinge, dann
überfordert er sich gnadenlos selbst. Er stößt an seine Grenzen.
Er läuft ständig Gefahr, diese Grenzen zu überschreiten und
dann die Kontrolle zu verlieren. Denken wir nur an die Möglichkeiten
aber auch Gefahren der Gentechnik. Der Mensch steht heute ständig unter
Strom, weil er immer Angst haben muss, dass eine Maschine stehen bleibt, ein
Kraftwerk in die Luft geht und so weiter.
Da, wo der Mensch sich selbst zum Maß aller Dinge, zum Gott macht,
da verliert er seine Mitte, ja letztlich sich selbst.
Nur mit Gott ist der Mensch wirklich Mensch.
"Nur wer Gott kennt, kennt auch den Menschen" sagte Romano Guardini.
Viele Probleme unserer Welt, unserer Gesellschaft rühren aus einer Gottvergessenheit.
Gerade Westeuropa ist gott-los geworden, wir haben ihn irgendwie verloren.
Und damit auch das richtige Maß.
In jener Zeit sagte Jesus den Jüngern durch ein Gleichnis, dass sie
allezeit beten und darin nicht nachlassen sollten.
Durch das Gebet lernen wir Gott tiefer kennen. Und damit auch uns.
Deshalb ist es auch die Kirche, die vieles über den Menschen sagen kann
und zu sagen hat.
Wohlgemerkt die betende Kirche, nicht diejenige, die sich auf äußerliche
Planungen, Sitzungen und Pastoralpapiere beschränkt.
Einer, der diese betende Kirche repräsentiert ist der Heilige Vater.
Er selbst ist ein großer Beter. Deshalb hat er der Welt auch einiges
zu sagen. Ich durfte das noch vor kurzem erfahren, zusammen mit einigen Pilgern
aus Kirchhellen. Wir waren in Rom. Bei der Audienz.
Man wirft ihm dabei häufig vor, nicht aktuell, nicht up to date zu sein.
Dabei vergessen die Kritiker, dass nicht das aktuell ist, was eine Gesellschaft
gerade will, sondern aktuell ist vielmehr das, was eine Gesellschaft gerade
besonders benötigt.
Der Papst steht im Blick der Weltöffentlichkeit. Er gilt als eine moralische
Autorität. Er wird nicht müde, die Opfer von Krieg, Ungerechtigkeit
und Rücksichtslosigkeit zu benennen und sie so vor dem Totschweigen zu
bewahren. Gerade auch deshalb hat er Paul Josef Cordes zum Kardinal erhoben.
Dieser Deutsche ist seit Jahren Chef von „Cor unum“ und weiß
wie kaum ein anderer Bescheid über die schreckliche Not unzähliger
Menschen. Ich kann mich an eine Begegnung mit ihm entsinnen. Das war vor drei
Jahren. Mit Tränen in den Augen erzählte er von dem was er zwei
Tage zuvor in Dafur sehen musste.
Liebe Schwestern und Brüder.
Damals haben Aaron und Hur dem Mose die Arme gehalten, damit der Kampf gegen
die Amalekiter gewonnen werden kann. Unser Gebet heute soll unserem Heiligen
Vater unter die Arme greifen, damit nicht die Kultur des Todes und des Hasses
obsiegt.
In jener Zeit sagte Jesus den Jüngern durch ein Gleichnis, dass sie
allezeit beten und darin nicht nachlassen sollten.
Vielleicht kann dieses Wort ein Ansporn sein, über Ihr persönliches
Gebetsleben nachzudenken und es möglicherweise neu zu ordnen, zu erweitern.
Das Beten lässt uns Gott erkennen.
Das Beten lässt uns uns selber besser erkennen.
Das Beten ist ein Mittel gegen ein gottvergessenes und damit unmenschliches
Leben.
2. Predigtvorschlag
(Pfr. Dr. Axel Schmidt, 2007)
Liebe Gemeinde!
Das Gleichnis des heutigen Sonntags möchte ich zum Anlass nehmen,
über den Zorn zu sprechen und damit ein vorletztes Mal die sieben
Wurzelsünden zu thematisieren. Der ungerechte Richter muss den Zorn
der Witwe fürchten, und darum gibt er ihr schließlich nach.
Witwen galten im Alten Testament als Inbegriff der Hilflosigkeit, sie
waren arm, isoliert und hatten keine Machtmittel, ihre Interessen durchzusetzen.
Sie konnten höchstens an das Mitleid der Einflussreichen appellieren,
doch das war eine höchst unsichere Stütze. Schon damals waren
die Mächtigen der Gesellschaft der Versuchung zu Korruption und Amtsmissbrauch
ausgeliefert, und keineswegs waren alle gottesfürchtig und fromm.
Jesus wählt ausdrücklich das Beispiel eines Richters, der
Gott nicht fürchtete und auf keinen Menschen Rücksicht nahm
(Lk 18,2).
Nun kommt es ihm im Gleichnis darauf an, zu erörtern, wie barmherzig
und gerecht Gott im Vergleich zu den Menschen ist, die manchmal sogar
trotz ihrer Schlechtigkeit anderen Gutes tun, so wie hier der Richter.
Wenn nun schon ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gebt,
was gut ist, wieviel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben,
die ihn bitten. (Mt 7,11) Mir kommt es heute dagegen darauf an,
den gefürchteten Zorn der Witwe als Auslöser für das Nachgeben
des Richters zu betrachten. Wäre es richtig und in Ordnung, wenn
sie dem ungerechten Richter ins Gesicht schlüge? Gibt es einen gerechten,
gar einen heiligen Zorn? Und warum ist Zorn dann eine Todsünde?
Dass es gerechten Zorn gibt, steht außer Frage. Denn es gibt Unrecht,
empörendes Unrecht, und der angemessene Affekt darauf ist Zorn. Er
kann eine edle Emotion sein, wenn er von einem edlen Menschen ausgeht.
Eins der bekanntesten Beispiele ist die Vertreibung der Händler und
Wechsler aus dem Tempel. Aber auch im Alltag ist manchmal Zorn nötig
und angemessen, denn er verschafft Gehör, wenn man sonst überhört
würde, er wirkt reinigend und klärend, nicht selten etwa im
engen Familienkreis, wo Gefahr besteht, dass einer die Ohren auf Durchzug
geschaltet hat.
Aber wir wissen alle, dass der Zorn sehr häufig ausartet und gänzlich
unangemessene Formen annimmt: als blinde Wut, zerstörerischer Jähzorn
und Aggressivität, ferner als kalter Ärger, schwelender Groll
und giftige Rachsucht. Er kann zu ohnmächtiger Wut ausufern, über
die eigene Machtlosigkeit noch rasender werden als über den eigentlichen
Auslöser. Dann führt er zur Weißglut, in Raserei und sinnloses
Toben. Aber auch wenn er sich äußerlich zügeln lässt,
kann der Zorn den Menschen innerlich vergiften und verbittern, kann krank
machen, vor allem herzkrank oder auch depressiv. Wie viele andere Sünden
hat der Zorn die eigene Strafe im Gepäck.
In der modernen Gesellschaft scheint der Zorn eine ganz besondere Verbreitung
gefunden zu haben: die Kriminalitätsrate steigt weiterhin bedrohlich,
Gewaltausbrüche gegen Kinder lassen uns erschrecken, Schulhöfe
werden zu Schauplätzen von Mobbing und Gewalt, bis dahin, dass Amokläufer
sie in blutige Schlachtfelder verwandeln; auf Straßen und Autobahnen
grassiert die Aggression, Road-Rage genannt, der Terrorismus
ist ein weltumspannendes Problem geworden, das tagtäglich Hunderte
von Menschenleben fordert. Und nicht zu vergessen: die Grundstimmung in
unserem Land ist mürrisch und missmutig, die Leute kriegen beim geringsten
Anlass einen dicken Hals, sie ärgern sich über alles
und sie verklagen einander, was das Zeug hält.
Allein diese kurze Aufzählung dürfte einen weiteren Beweis
unnötig machen, dass der Zorn wirklich eine schlimme Sünde ist
und die Wurzel von Elend und Grauen in der Welt. Doch was ist der Grund
für die Zunahme der Aggression, und was kann der einzelne dagegen
machen? Der Apostel Jakobus schreibt dazu: Woher kommen die Kriege
bei euch, woher die Streitigkeiten? Doch nur vom Kampf der Leidenschaften
in eurem Innern. Ihr begehrt und erhaltet doch nichts. Ihr mordet und
seid eifersüchtig und könnt dennoch nichts erreichen. Ihr streitet
und führt Krieg. (Jak 4,1f) Neid, Begehren, Eifersucht, ja
auch die übrigen Wurzelsünden sind oft Auslöser von Aggression,
also vor allem auch Hochmut und Habgier. Kaum ein Krieg wurde geführt,
ohne dass die fehlgeleitete Leidenschaft eines einzelnen oder einer Gruppe
am Anfang stand.
Diese psychischen Ursachen werden zum Teil durch bestimmte Erscheinungen
des gesellschaftlichen Lebens verstärkt. So haben wir unser Leben
in den letzten Jahrzehnten zunehmend verrechtlicht und dadurch ein sehr
hohes Anspruchsdenken geschaffen. Was man früher als unvermeidlichen
Schicksalsschlag hingenommen hat, das wird heute als ungerecht empfunden,
und man sucht immer einen Schuldigen und einen, der für das Unglück
bezahlt. Meistens ist dies der Staat, manchmal auch ein einzelner Mensch:
der Arzt, die Krankenschwester, der Kollege oder wer immer. Auch der verbreitete
Groll gegen Gott kommt aus einem übersteigerten Anspruchsdenken.
Ein zweites kommt hinzu: Der moderne Mensch ist in vieler Hinsicht zum
Einzelkämpfer geworden, herausgelöst aus den engen Bindungen
an eine Gemeinschaft, hochgradig individualisiert und auf sich selbst
zurückgeworfen. Das führt zu verzerrter Wahrnehmung der Wirklichkeit,
wie man am Beispiel des Autofahrers gut sehen kann. Da er in seinem Fahrzeug
aus Blech und Glas eingekapselt ist und nicht wissen kann, was in den
anderen Fahrern vor sich geht, neigt er leicht dazu, diese anderen als
Feinde anzusehen, die ihm absichtlich die Vorfahrt nehmen, oder als Idioten,
die nicht Auto fahren können. Diese Neigung, über die anderen
zu urteilen und ihnen alles Mögliche, vor allem Schlechtes zu unterstellen,
ist nicht nur beim Autofahren anzutreffen, sondern auch sonst im Alltagsleben.
Paul Watzlawik hat diese Unterstellungsmanie in seinem Bestseller Anleitung
zum Unglücklichsein meisterhaft karikiert:
Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht
aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann,
hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel:
Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon
grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile.
Aber vielleicht war die Eile nur vorgeschützt, und er hat etwas gegen
mich. Und was? Ich habe ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein.
Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort.
Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen
Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben.
Und da bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß
weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht's mir wirklich. - Und so stürmt
er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch bevor er «Guten
Tag» sagen kann, schreit ihn unser Mann an: «Behalten Sie
sich Ihren Hammer, Sie Rüpel!»
Wenn man die Ursachen einer Verfehlung kennt, dann kann man sie auch
leichter vermeiden. Gegen den zuletzt erwähnten Unterstellungswahn
hilft das Gespräch, vor allem das eigene Zuhören. Zuhören
ist vielleicht die wichtigste Fertigkeit, um Ärger vorzubeugen. Wer
zuhört, weiß: Die anderen haben auch ihre Probleme, und sie
sind keineswegs alle bösartig und streitsüchtig. Die Besserwisser,
die nicht zuhören können, sind in hohem Maße herzinfarktgefährdet.
Dem entspricht der Rat des Apostels Jakobus: Denkt daran, meine
geliebten Brüder: Jeder Mensch soll schnell bereit sein zu hören,
aber zurückhaltend im Reden und nicht schnell zum Zorn bereit.
(Jak 1,19) Ein zweites Heilmittel gegen die Aggressivität
sind Toleranz und Vergebungsbereitschaft: Die anderen so lassen können,
wie sie sind, sie nicht anders haben wollen das spart sehr viel
Ärger. Und wenn sie uns tatsächlich einmal etwas Böses
angetan haben, dann wird der Zorn am besten durch Vergebung abgebaut.
Wer Vergangenes vergangen sein lassen kann, der hat mehr Kraft für
die Gegenwart und Zukunft. Das empfiehlt auch der Apostel Paulus: Lasst
euch durch den Zorn nicht zur Sünde hinreißen! Die Sonne soll
über eurem Zorn nicht untergehen. (Eph 4,26)
Paul Watzlawick: Anleitung zum Unglücklichsein. Vom Schlechten des
Guten oder Hekates Lösungen. München: Piper Verlag, München,
1986, 40f.
Vgl. Heiko Ernst, 166.
3. Predigtvorschlag
Liebe Schwestern und Brüder!
Vor wenigen Tagen fand sich in den Zeitungen die Meldung
wieder, dass Papst Johannes Paul II. ein neues Rundschreiben
an die Bischöfe und Priester veröffentlicht hat.
Das Thema war diesmal eine philosophische Frage: Das Verhältnis
von Vernunft und Glauben. (Daher blieb der sonst übliche
Entsetzensschrei der Medien aus.)
Meiner Meinung nach aber sind dort Fragen angesprochen, die
nicht nur für Philosophen, sondern für unseren Glauben
ganz konkret von Bedeutung sind.
«Glaube und Vernunft sind wie die beiden Flügel
des Geistes» lautet der erste Satz. Glaube und Vernunft,
Glauben und Wissen sind keine Dinge, die sich ausschließen.
Gut - das hört man immer so: «Weißt Du das
- oder glaubst du das nur?» Aber dass Glaube - vor allem
der Glaube an Gott - soviel bedeutet wie «sich nicht
ganz sicher sein», ist einer der größten
Denkfehler des letzten Jahrhunderts - sagt der Papst.
Wenn wir vom Glauben sprechen, dann ist damit gemeint, dass
ich nicht etwas selbst erfahren habe, sondern auf die Angaben
anderer angewiesen bin. Wissen Sie, ob es einen Mount Everest
gibt? Oder glauben sie das nur? Glauben Sie, dass Halverde
etwas über 1000 Einwohner hat? Oder haben sie die selbst
nachgezählt?
In der Schule wird oft so getan, als sei das alles Wissen
- und die Frage nach Gott eine Glaubensfrage - «weil
man sich da nicht sicher sein kann.»
Aber das stimmt nicht. Alles, was wir für wahr halten,
weil es uns jemand sagt, dem wir vertrauen, ist Glauben. Je
vertrauenswürdiger derjenige, der es uns sagt, um so
sicherer unsere eigene Überzeugung.
Das darf allerdings kein blinder Gehorsam sein. Wir müssen
alles überprüfen, vor unserem eigenen Denken verantworten.
Nur, weil eine vertrauens- würdige Person uns von fliegenden
Kühen erzählt, werden wir wohl kaum unsere Weiden
überdachen. Das, was wir glauben, müssen wir überprüfen.
Nachfragen, ob das denn wohl sein kann. Ordnen, Abwägen
und Hinterfragen. Das sind die beiden Flügel des Geistes
- der Glaube und die Vernunft.
Und das gilt natürlich auch von unserem christlichen
Glauben. Dass Sie Gott nicht sehen und nicht messen können,
spielt keine Rolle. Oder haben sie schon einmal ein Elektron
gesehen? Oder gemessen? Und trotzdem glauben sie, dass es
sie gibt. Worauf es ankommt, ist, wie glaubwürdig derjenige
ist, der Ihnen davon erzählt.
Vielleicht haben Sie schon einmal einen Stromschlag bekommen
und sind deshalb zu der Überzeugung gekommen, dass es
Elektronen gibt. Oder es hat zumindest ihre Überzeugung
bekräftigt. So haben auch einige Menschen - ähnlich
wie ein Stromschlag - Gott erfahren. Die sind dadurch zum
Glauben gekommen, oder zumindest darin gestärkt worden.
Aber vernünftig und sicher ist der Glaube der Kirche
- nicht unbedingt mein persönlicher Glaube - deshalb:
weil Gott sich selbst dafür verbürgt.
Ich weiß ja, Gott täuscht sich nicht, er kann
auch nicht von jemandem anderen getäuscht worden sein.
Ich weiß, er liebt mich und er offenbart sich uns nicht,
damit seine Botschaft anschließend verdreht und verdunkelt
wird. Also sorgt er dafür, dass der Glaube der Kirche
ein sicherer Glaube, ein wahrer Glaube bleibt. Und damit ist
der christliche Glaube ein verbürgteres Wissen als, als
das angebliche Wissen um die Elektronen.
Ich kann mich also - wenn es um die Wahrheit im Glauben geht
- nicht damit herausreden: Das muss jeder selbst für
sich entscheiden. Das ist Ansichtssache. Das weiß keiner
so genau. Im Glauben darf ich mir ebenso sicher sein, wie
im Physikunterricht.
Natürlich - es ist mein freier Entschluss, den Glauben
an Gott abzulehnen. Ich kann auch die Existenz des Mount Everest
bestreiten und das elektrische Licht als ein Wunder der Leuchtzwerge
ansehen.
Aber mit der Wahrheit hat das dann nichts mehr zu tun.
Und das ist eine der Hauptaussagen der Enzyklika: Der Glaube
der Christen hat den Anspruch, wahr zu sein. Denn Glaube heißt
nicht, unsicher zu sein.
Wäre dem anders, ich würde als erster kündigen.
Ich würde niemals mein Leben vergeuden - nur für
Vermutungen. Amen.
4. Predigtvorschlag
Liebe Schwestern und Brüder, sind wir noch Christen?
Nichts anderes meint die Frage Jesu, die am Ende des heutigen
Evangeliums steht: "Wird jedoch der Menschensohn, wenn
er kommt, auf der Erde noch Glauben vorfinden?"
Dabei formuliert Jesus diese Frage überraschend skeptisch:
"Wird es wohl bei meiner Wiederkunft noch Christen geben?"
Christsein wird von Jesus in diesem Zusammenhang mit "Beten-Können"
gleichgestellt. Darf Jesus das denn? Verkürzt er unseren
Glauben nicht, wenn er mangelndes Gebet mit mangelndem Christsein
vergleicht? Ob wir Christen sind oder nicht, entscheidet sich
doch auch an unserem Glauben und unserem Verhalten in der
Welt! Reicht es denn nicht, wenn wir besonders feste Glauben?
Können wir denn nicht einfach besonders aktiv die Nächstenliebe
üben?
Liebe Schwestern und Brüder, die drei Vollzüge
unseres Christseins (die praktische Nächstenliebe, das
Feststehen im Glauben und das Gebet) sind nicht zu vergleichen
mit einem Guthaben, das wir auf drei verschiedene Konten verteilen.
Wenn das eine in Gefahr ist, dann wird eben ein anderes Konto
bevorzugt. Vielmehr ist unser göttliches Leben mit unserem
biologischem Leben zu vergleichen: Wir brauchen zum Leben
Wasser, Nahrung und Luft. Geht uns einmal die Luft aus, können
wir das nicht ausgleichen, indem wir besonders viel Trinken;
und umgekehrt können wir mangelnde Nahrung nicht durch
schnelleres Atmen wettmachen.
Unser Christsein ist nur so groß, wie die schwächste
der drei Säulen, auf denen es ruht. Und, das legt die
Frage Jesu nahe: Offensichtlich hat er damals schon gewusst,
dass das Gebet als Vollzug unseres Glaubens immer als erstes
auf der Strecke bleibt. Wird der Menschensohn, wenn er wiederkommt,
noch betende Menschen vorfinden?
Diese Frage soll uns schockieren, denn jede Messe, die wir
hier feiern, ist doch schon die Wiederkunft des Herrn. Sind
wir so, wie wir hier sitzen, betende Menschen?
Mit betenden Menschen sind nicht diejenigen gemeint, die
in oder außerhalb der Messe alle Antworten können
und mitsprechen. Auch das Vaterunser kann man aufsagen wie
ein auswendig gelerntes Gedicht. Aber richten wir es auch
an Gott? Füllen wir die Bitten mit unseren Anliegen,
unserem Lob?
In der Lesung steht Mose auf dem Berg und betet, während
Josua unten im Tal kämpft. Beten und kämpfen sind
hier miteinander verknüpft. Bringen wir unser Leben ins
Gebet? Unser Ringen und Kämpfen?
Mose braucht am Abend Helfer, die ihn im Gebet stützen.
Mose, der Führer, Befreier und Wegweiser seines Volkes,
braucht Hilfe im Gebet. Wenn sogar er auf andere angewiesen
ist, wieviel mehr dürfen dann auch wir uns eingestehen,
dass wir Hilfe im Gebet brauchen. Es ist keine Schande, jemanden
um Hilfe zu bitten, wenn wir nicht mehr beten können.
Und doch, wie schwer fällt uns das! Wie schwer fällt
es uns, anderen überhaupt einzugestehen, dass wir beten
möchten; geschweige denn, das wir Schwierigkeiten haben
und Hilfe brauchen! Sogar Eheleuten vor einander und Eltern
vor ihren Kindern trauen sich nicht mehr, als nur Morgen-,
Abend- und Tischgebete aufzusagen.
Wird Jesus noch Glauben finden, wenn er wiederkommt? Es gibt
Oasen, an denen wir uns trauen, zu beten. Das Grab von Schwester
Maria Euthymia in Münster ist eine solche Oase. Dort
braucht sich keiner zu schämen.
Ich wünsche mir, liebe Schwestern und Brüder, dass
unsere Gemeinde hier in Halverde ebenfalls eine solche Oase
wird. Nicht nur vor dem Bild, dass an das Grab von Schwester
Maria Euthymia erinnert, sondern in den Familien, in den Freundeskreisen
und Vereinen. Bei Hochzeiten und bei Feierlichkeiten; wenn
sie trauern oder sich freuen; in unserem Gasthof vor Essen
oder unterwegs auf den Nachhauseweg. Trauen Sie sich, zu betenden
Menschen zu werden. Sonst kommt eines Tages der Menschensohn
auf diese Welt, und keiner hat ihn gerufen. Amen.
Fürbitten
Herr Jesus Christus, wir wissen uns in der Gemeinschaft mit
allen, die auf Gott vertrauen. In deinem Namen sind wir zum
Dienst in deiner Kirche berufen. Dich bitten wir:
-
Für alle, die in den Dienst der Kirche gerufen sind,
Bischöfe, Priester, Helfer und Helferinnen: Lass
sie die Nöte und Sehnsüchte der Menschen sehen
- und ihnen bei ihren Schwierigkeiten helfend zur Seite
stehen.
-
Für alle, die unsicher oder verzweifelt sind, die
keine Freunde haben, bei denen sie sich Rat holen können:
Bewahre sie vor irreführenden Patentrezepten, - sondern
führe sie zu großzügigen Menschen.
-
Für alle, die ihr Heil in Sekten und falschen Religionen
suchen, weil sie mit ihren Sorgen alleingelassen worden
sind: Erleuchte sie mit dem Blick für die Herzen
der Menschen und bewahre sie vor den gefährlichen
Methoden falscher Propheten.
-
Für alle, die durch Verführung ins Unglück
gestürzt wurden: Für die Opfer von Alkohol und
Drogensucht, von Vergewaltigung und Entführung: Schenke
ihnen Hoffnung und uneigennützige Hilfe.
-
Für unsere Verstorbenen: Lass sie nach einem Leben
voller Bemühen und Sorge Ruhe und Vollkommenheit
finden bei Dir. Wir feiern diesen Gottesdienst...
Darum bitten wir, durch Christus unseren Herrn. Amen.
Liedvorschläge (GL Bistum Münster)
Einzug: 639, 1 - 3
Kyrie: 848, 1 - 4
Gloria: 978
2. Lesung: 2 Tim 3, 14 - 4, 2
Zwischengesang: 521, 1 + 2
Evangelium: Lk 18, 1 - 8
Credo: 467
Gabenbereitung: 882
Sanctus: 481
Agnus Dei: 482
Danksagung: 248, 1 + 2
Schluss: 577, 1 - 4