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Predigt zum 30. Sonntag im Jahreskreis - Sonntag der Weltmission
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1. Predigtvorschlag
(Pfr. Dr. Axel Schmidt, 2007)
Liebe Gemeinde!
Der Herr ist der Gott des Rechts. (Sir 35,15) Dieser Satz
aus der heutigen Lesung ist Frohe Botschaft. Frohe Botschaft vor allem
für die, die unterdrückt, ausgebeutet, verfolgt und an den Rand
gedrängt sind. Für die Unterdrücker und Ausbeuter dagegen
ist der Satz eher bedrohlich, denn er bedeutet, dass die von Menschen
errichteten Unrechtsstrukturen in dieser Welt nicht von ewiger Dauer sind,
dass Gott vielmehr dazwischentritt und sein Recht durchsetzt.
Am heutigen Weltmissionssonntag sollten wir die Gelegenheit nutzen, uns
einmal in die Lage der armen und unterdrückten Völker zu versetzen,
die von Bürgerkriegen heimgesucht werden oder in denen eine brutale
Zwei-Klassen-Gesellschaft herrscht. Was kann den Menschen dort echte Hoffnung
geben? Leere Versprechungen haben sie schon zur Genüge gehört.
Der Glaube an das Gute im Menschen ist ihnen gründlich ausgetrieben
worden was bleibt da noch? Nur eins kann ihnen Hoffnung geben:
der Glaube an den gerechten Gott, der ihr Schreien hört und sie aus
ihrem Elend rettet und zwar nicht etwa ein bloß gepredigter
Glaube, sondern ein Glaube, der von den Verkündern durch und durch
gelebt, bezeugt, vielleicht sogar bis zum Blutvergießen bezeugt
wird. Nur die Kirche, die den mächtigen Unterdrückern mutig
entgegentritt, mit ihnen nicht gemeinsame Sache macht, sondern klar und
eindeutig für Gerechtigkeit eintritt, kann in ihrer sonst so hoffnungslosen
Welt Hoffnung geben und den Lebensmut der Menschen neu entfachen und stärken.
Mission ist die Fortsetzung der unermüdlichen Predigttätigkeit
Jesu: Den Armen verkündete er die Botschaft vom Heil, den Gefangenen
Freiheit, den Trauernden Freude. Freilich beschränkt sich die
Frohe Botschaft Jesu nicht auf die Verkündigung einer rein innerweltlichen
Freiheit und Gerechtigkeit. Das heutige Evangelium spricht von einer viel
tiefer gehenden Befreiung, nämlich von der Befreiung von Schuld.
Und auch hier hat die Frohe Botschaft zwei Seiten: Dieser Mann ging
gerechtfertigt nach Hause, jener nicht. Was dem reuigen Sünder
froh- und freimachende Botschaft ist, das ist dem selbstgerechten Pharisäer
Mahnung und Anklage. Nur wer vor Gott eingesteht, dass seine Hände
leer sind, der hört das befreiende Wort von der Sündenvergebung.
Wer sich dagegen in Selbstgerechtigkeit gefällt, der verweigert die
Solidarität mit den andern Menschen und wird genau deswegen von Gott
nicht gerechtfertigt.
Was bedeutet das für uns? Eine Geschichte von Martin Buber kann
uns eine Verstehenshilfe geben: Ein Rabbi sagt von sich selbst: Ich bin
sicher, der kommenden Welt teilhaftig zu werden. Wenn ich vor dem obern
Gericht stehe und sie mich fragen: Hast du nach Gebühr gelernt?,
werde ich antworten: Nein. Dann fragen sie wieder: Hast
du nach Gebühr gebetet?, und ich antworte desgleichen: Nein.
Und sie fragen zum dritten: Hast du nach Gebühr Gutes getan?
Und ich kann auch diesmal nicht anders antworten. Da sprechen sie das
Urteil: Du sagst die Wahrheit. Um der Wahrheit willen gebührt
dir ein Anteil an der kommenden Welt.
Wenn wir so ehrlich vor Gott sind, dann werden wir solidarisch mit den
anderen Menschen, auch mit denen, die ganz anders sind als wir. Dann können
wir nicht mehr so leicht sagen: Ich danke dir, dass ich nicht wie
die anderen Menschen bin
wie dieser Punkt-Punkt-Punkt
dort. Zöllner gibt es keine mehr, aber es gibt den Jugendlichen,
der eine Riesendummheit begangen hat, das Paar, dessen Ehe zerbrochen
ist, den Arbeitskollegen, der des Diebstahls überführt wurde
usw. Wenn ich auf einen Menschen mit dem Finger zeige, dann zeigen drei
Finger auf mich selbst. Das Gebet des Zöllners kann uns helfen, ehrlicher
uns selbst gegenüber zu werden: Gott, sei mir Sünder gnädig.
So ein Gebet verändert uns selbst und dann auch die Menschen
um uns herum. Wenn heute überhaupt etwas den Lichtstrahl der Frohen
Botschaft in die Herzen der Menschen trägt, dann ist es die tiefe
demütige Ehrlichkeit, die keinen Fehler nur beim anderen sieht, sondern
immer zuerst bei sich selbst, die sich einfühlen kann in die Beschämung
des Überführten und die darum die Fehler anderer nicht aufdeckt,
sondern diskret zudeckt. Wäre die Welt nicht viel schöner
und lebenswerter, wenn die Menschen solche Milde an den Tag legten?
Damit sind wir beim Anliegen des Weltmissionssonntags: Die sanfte Wahrheit
von Gottes Güte und Milde möge sich überall auf der Welt
verbreiten und alle Selbstgerechtigkeit vertilgen, die doch nur Ausgrenzung,
Hass, Fanatismus und sogar Terrorismus zur Folge hat!
Dieses Anliegen kann und soll sich freilich auch in unserer Spendenbereitschaft
ausdrücken. Was wir hier nicht tun können, das tun die Missionare
in den verschiedensten Ländern der Welt. Sie brauchen dafür
Geld das wissen wir , und sie brauchen auch unsere Unterstützung
im Gebet. Wenn unser Gebet nicht zuerst um die eigenen Interessen kreist,
sondern zur Fürbitte für andere wird, ist es Ausdruck unserer
hochherzigen Gesinnung und insofern auch das lebendigste Zeichen unserer
Freiheit als Kinder Gottes, unserer Freiheit, vom eigenen Ich absehen
zu können, um so alles im größeren Horizont der Liebe
zu sehen.
2. Predigtvorschlag
Liebe Schwestern und Brüder,
"das Flehen des Armen dring durch die Wolken, es ruht nicht, bis
es am Ziel ist. Es weicht nicht, bis Gott eingreift und Recht schafft
als gerechter Richter."
Bis Gott eingreift... bis er eingreift? Tut er das denn?
Liebe Schwestern und Brüder, im vergangenen Jahr bin ich des öfteren
bei der Gemeinschaft "Cenacolo" gewesen, die sich um Drogenabhängig
bemüht. In kleinen Gruppen leben dort ehemalige Abhängige zusammen,
beten viel und organisieren ihr alltägliches Leben - und leben dabei
vollkommen von der "Vorsehung". Das heißt: Sie erhalten
keine staatlichen Zuschüsse, keine projektbezogenen Gelder und verdienen
sich auch keinen Unterhalt. Sie haben grundsätzlich kein Geld, um
Lebensmittel zu kaufen, sondern warten darauf, dass ihnen Lebensmittel
geschenkt werden. Und wenn in der Küche mal etwas fehlt - Salz oder
Nudeln oder ähnliches - dann wird die ganze Gemeinschaft zusammengetrommelt,
alle müssen in die Kapelle und um Salz beten. Solange, bis dann wirklich
jemand an der Tür klingelt und eine kleine Fuhre Lebensmittel abgibt
und bis dann darunter auch Salz ist.
Ein solches Leben von der Vorsehung steht übrigens in einer alten,
langen Tradition; schon seit fast tausend Jahren leben z.B. auch die Klarissen
allein von den Spenden der Gläubigen - und viele, die früher
als "Bettelorden" bezeichnet wurden.
Eine gute Übung; Gottvertrauen zu entwickeln. Eine gute Übung
für Menschen, die sich Gott hingeben und spüren wollen, dass
er sie am Leben erhält. Eine gute Übung vor allem für die
Drogenabhängigen, dass sie lernen, anderen zu vertrauen, sich nicht
alles - auch das Glück - nicht selbst machen, sondern schenken lassen.
Und vor allem eine gute Übung, wenn es darum geht, zu erfahren, dass
es Gott wirklich gibt und er "eingreift" - wie es in der Lesung
hieß.
Im Sommer hatte ich einen Bulli voll mit gebrauchten Kleidern nach Saluzzo
gebracht. Als wir dann Gelegenheit zu einem Gespräch mit dem Hauptverantwortlichen
des Cenacolo hatten, meinte dieser dann zu uns: "Ihr seid unsere
Vorsehung. Ihr seid diejenigen, die Gott uns immer wieder schickt. Gott
sorgt für uns, indem er Euch erschaffen hat. Danke, dass es Euch
gibt!"
Liebe Schwestern und Brüder - von der Vorsehung leben kann nicht
jeder. Es muss auch Menschen geben, die Vorsehung sind. So wie wir zum
Beispiel für Länder, Bistümer oder Gemeinden in der Dritten
Welt. Die Ärmsten dort leben auch von dem, was ihnen geschenkt wird.
Und wir sind in ihren Augen die Vorsehung Gottes.
Im Grunde müssen wir zugeben, dass auch wir nur einen Teil unseres
Wohlstandes erarbeitet haben - ein viel größerer Teil ist uns
geschenkt. Und auch bei uns gibt es Arme, die von dem leben, was ihnen
gegeben wird.
Aber im Gegensatz zu uns erkennen viele Menschen in der Dritten Welt hinter
den Gebern der vielen guten Gaben - Gott. Sie wissen, dass wir ihnen helfen,
sehen in uns aber auch das Geschenk Gottes. Sie wissen, dass Gott uns
berufen hat, Vorsehung zu sein.
Schauen wir nicht wie der Pharisäer im Evangelium nur auf die Bedürftigen
Menschen herab. Sondern wenden wir uns ihnen auch zu. Und mit den lebensnotwendigen
Dingen geben wir ihnen auch die Botschaft, dass Gott existiert, dass er
ihr Flehen hört und eingreift und ihnen Recht verschafft.
Amen.
3. Predigtvorschlag
Liebe Schwestern und Brüder,
das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner ist uns wohlbekannt;
das Schlechte am Pharisäer ist demnach seine Überheblichkeit,
das Gute am Zöllner seine Bescheidenheit.
Seltsam, dass wir zuvor ausgerechnet die Lesung aus dem Timotheus-Brief
hören, in der Paulus offensichtlich in genau diese Pharisäer-Falle
tappt: «Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet,
die Treue gehalten. Schon jetzt liegt für mich der Kranz der Gerechtigkeit
bereit, den mir der Herr, der gerechte Richter geben wird.»
Wenn das nicht ein Pharisäer ist! Der hält sich wohl wirklich
für einen Heiligen! Pfui.
Nun - Paulus ist ein Heiliger. Der macht sich nicht besser als er ist,
er ist gut. Wir haben eine weit verbreitete christliche Allergie gegen
jeden, der sich als von Gott erleuchtet betrachtet; gegen alle, die glauben,
in der Wahrheit zu stehen; die von sich behaupten, den wahren Weg zum
Leben zu kennen. Aber diese Allergie ist eine Krankheit - keine Tugend.
Dass der Pharisäer ein besserer Jude ist als der Zöllner, wird
nämlich von Jesus gar nicht bestritten. Machen wir uns nichts vor:
Pharisäer sind eifrige Menschen gewesen, oft ehrlich bemüht
und gottesfürchtig. Zöllner dagegen waren Verbrecher, Verräter
am eigenen Volk und Ausbeuter der Armen. Das wusste auch Jesus, und an
dieser Tatsache will er auch gar nicht rütteln.
Natürlich haben wir (und viele, die sich als katholisch bezeichnen)
häufig eine Abneigung gegenüber Personen, Gruppen oder Bewegungen,
die sich in ihrem Beten, Glauben und Leben sicherer sind als wir. Aber
das hat nicht mit Pharisäertum zu tun - selbst dann nicht, wenn die
anderen sich ihrer Sache ein wenig zu sicher sind. Das war Paulus vielleicht
auch. Diese Abneigung lässt sich nicht durch das Gleichnis rechtfertigen,
das wir gerade gehört haben. Oft genug sind die, die wir als Pharisäer
bezeichnen, einfach nur Menschen, die wir beneiden.
Eines darf derjenige, der einen alten Weg mit neuem Elan geht, allerdings
nicht tun: Sich abfällig über den Zöllner äußern
und ihm die Vergebung Gottes absprechen. Wer das tut, der verspielt seine
eigene Rechtfertigung.
Nicht der ist also ein Pharisäer im schlechten Sinne, der - wie
Paulus - ein Leben führt, das sich wohltuend aus der Masse heraushebt.
Nicht der ist ein Pharisäer im schlechten Sinne, der mehr betet,
frömmer ist, gläubiger oder papsttreuer. Nicht der ist eine
schlechter Pharisäer, der weiß, dass er reich beschenkt wurde
und Gott dafür danken kann.
Vielmehr ist derjenige schlecht, der einem anderen - und sei es ein Zöllner,
ein Verbrecher, ein Verräter oder Krimineller - die Gnade Gottes
abspricht. Mal ehrlich: Da haben wir wohl ziemlich viel von einem Pharisäer,
nicht wahr?
Hüten wir uns davor, schlecht über andere zu sprechen (und
schlecht zu denken!), nur weil deren Frömmigkeit von uns nicht verstanden
wird. Gestehen wir uns ein, dass es viele gibt, die bessere Christen sind
als wir. Gestehen wir neuen Gemeinschaften ruhig zu, dass sie uns voraus
sind im Gebet und in der Heiligkeit.
Umgekehrt schämen wir uns manchmal unserer eigenen guten Taten und
unseres Glaubens. Wir wissen, wie wir über solche Leute denken -
und wollen nicht, dass andere nun mich für einen Pharisäer halten.
Halten sie es mit Paulus, auch wenn es schwer fällt: Reden Sie über
das Gute, das Sie getan haben - im gleichen Atemzug danken sie Gott und
geben Sie Ihm die Ehre. Hören Sie vom Glauben anderer (und sei er
Ihnen selbst fremd und unverständig) - freuen Sie sich mit denen,
die ebenso oder vielleicht sogar reicher beschenkt wurden. Hüten
wir uns aber alle vor dem Teufel des Neides: Eitelkeit ist mit Abstand
seine Lieblingssünde. Amen.
4. Predigtvorschlag
Liebe Schwestern und Brüder!
So schlecht, wie der Pharisäer immer dargestellt wird, ist er gar
nicht. Denn sein beherrschendes Gefühl ist die Dankbarkeit. Er ist
dankbar dafür, dass Gott ihn vor vielen Unannehmlichkeiten bewahrt
hat. Was ist daran so schlecht? Soll er etwa ein schlechtes Gewissen haben,
weil es ihm besser geht und er nicht stehlen und betrügen muss -
so wie die Zöllner es zu der Zeit ganz eindeutig getan haben sind?
Wenn wir am heutigen Weltmissionssonntag den Blick auf die übrigen
Völker dieser Welt richten - vor allem auf die sogenannten Entwicklungsländer
- dann sollte für uns auch nicht das schlechte Gewissen überwiegen.
Zuerst und vor allem sollten wir Gott dankbar sein. Dankbar für alles,
was wir an Annehmlichkeiten haben. Dass es uns offensichtlich besser geht,
ist nichts Verbotenes. Und auch nichts Unmoralisches.
Kardinal Ratzinger hat in einem ausgiebigen Interview einmal gesagt,
dass er nirgendwo so viele lachende und fröhliche Menschen gesehen
hat wie in den Slums und Elendsvierteln der südlichen Großstädte.
Nicht hier bei uns, wo es uns doch gut geht - zumindest materiell. Bevor
wir also auf die anderen schauen, sollten wir erst einmal für das
dankbar sein, was wir haben. Ganz so, wie der Pharisäer.
Nach dem der Pharisäer also seinem Gott in einem leisen Gebet von
ganzem Herzen Dank gesagt hat, und damit bestimmt auch den Gefallen Gottes
gefunden hat, begeht er aber einen Fehler. Er zeigt auf den Zöllner
und fügt seinem Gebet hinzu: Ich danke dir, dass ich nicht bin wie
dieser Zöllner.
Damit macht er alles zunichte.
Denn jetzt maßt er sich an, in das Herz dieses einen, ganz bestimmten
Menschen zu schauen. Und er verurteilt ihn, er siedelt ihn niedriger an.
Anstatt ihm zu helfen, verabscheut er ihn.
Liebe Schwestern und Brüder, wir dürfen dankbar sein, für
das, was wir haben. Wir dürfen dankbar sein, dass wir nicht in den
Kriegsgebieten dieser Welt leben, in den Überschwemmungsgebieten
oder in den Dürrezonen dieser Welt. Wir dürfen sogar dankbar
sein, dass wir nicht irgendwelchen brutalen oder zumindest oft grausamen
Stammesreligionen angehören, nicht durch Hunger zum Verbrecher werden
und es uns leisten können, moralisch zu leben.
Aber wir dürfen uns niemals über einen anderen Menschen erheben.
In keines Menschen Herz können wir hineinschauen. Aber darauf kommt
es alleine an: Auf das, was im Herzen vorgeht.
Vielmehr sollte aus unserer Dankbarkeit im fließenden Übergang
Hilfsbereitschaft erwachsen: Die anderen sollen die gleichen Chancen haben,
wie ich sie habe. Ich möchte den ärmsten Verbrechern dieser
Welt über eine Linderung ihrer Not die Chance geben, zum Heiligen
zu werden.
Wer sich guten Gewissens seines Lebens freut, der gibt auch. Wer dankbar
ist, kann auch schenken.
Liebe Schwestern und Brüder,
hüten wir uns davor, aus Unzufriedenheit mit unserem Leben auch anderen
das Leben zu erschweren. Aber geben wir aus unserem Überfluss auch
nicht nur deshalb, um unserem materiellen Glück noch das gute Gewissen
hinzuzufügen. Auch der Spender kann - wie der Pharisäer, der
ja auch seinen Zehnten gibt - hochmütig werden.
Halten Sie sich ruhig an die alte Regel, die einmal ein weiser Priester
empfohlen hat: Geh immer davon aus, dass alle anderen Menschen besser
sind als du. Und geh immer davon aus, dass du selbst besser bist als du
denkst.
Amen.
5. Predigtvorschlag
Liebe Schwestern und Brüder!
«Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden, und wer sich
selbst erniedrigt, wird erhöht werden.»
Dieser Satz, der das soeben gehörte Gleichnis zusammenfasst, ist
uns genauso geläufig wie "Die ersten werden die Letzten sein"
oder "Wer nicht wird wie ein Kind, kann das Reich Gottes nicht gewinnen."
Damit ist die Demut gemeint, das wissen wir. Aber wie sieht demütiges
Verhalten eigentlich aus? «Wer sich selbst erniedrigt» - das
klingt danach, als wenn wir uns vor anderen schlecht machen sollten: «Kümmert
Euch nicht um mich, ich bin es nicht wert.» «Ich habe noch
nie etwas großartiges auf die Beine gebracht» - oder so ähnlich.
Aber das kann es ja auch nicht sein. Wir alle sind ja keine Fehlprodukte
Gottes. Gott hat, indem er uns erschaffen hat, Meisterwerke vollbracht.
Warum sollen wir dann die unendlichen Gaben Gottes verheimlichen und verstecken?
Es geht doch vielmehr darum, zu erkennen, das alles, was uns ausmacht,
Gottes Geschenk ist. Wir sind Wunderwerke, bestaunenswert. Aber nicht
wir selbst sollen uns bestaunen lassen, sondern den, der uns geschaffen
hat. Der uns das alles ermöglicht hat. Vor einigen Jahren hat man
mir zum Geburtstag eine CD der Backstreet-Boys geschenkt - nicht gerade
mein Geschmack. Aber im Booklet dieser CD danken die Backstreet-Boys nicht
als erstes ihrem Produzenten oder ihren Kollegen - sondern jeder einzelnen
dankt zunächst Gott. Dafür, dass sie überhaupt begabt wurden.
Das macht die Musik zwar auch nicht besser, aber zumindest sympathischer.
Das hat der Pharisäer in dem Gleichnis zumindest schon einmal richtig
gemacht: Er dankt Gott für alles, was ihm geschenkt wurde. Leider
führt er es auf sein eigenes Tun zurück; auf sein Fasten und
Gebet. Fasten und Gebet sind aber nicht die Ursache dafür, dass Gott
uns beschenkt, sondern nur Ausdruck des Danken. Der Pharisäer allerdings
begeht einen zweiten Fehler: Er ist nicht nur von seiner eigenen Gerechtigkeit
überzeugt; er schaut auch auf die anderen herab und verachtet sie.
Das muss er sich auch noch abgewöhnen.
Genauso wie wir. Denn Gott hat einen jeden von uns reich beschenkt; er
hat keinen vergessen. Selbst das junge Mädchen aus unserem Dorf,
das nicht sonderlich klug und wenig attraktiv gewesen ist, keine nennenswerte
Begabung hatte und dazu noch krank war, war von Gott so reich beschenkt
worden, dass sie sogar selig gesprochen wurde.
Wenn der Pharisäer, anstatt auf die anderen herabzuschauen, ihnen
geholfen hätte, ihre eigenen Begabungen zu entdecken! Was könnten
wir in dieser Welt verändern, wenn wir die Gaben Gottes, die in anderen
Menschen noch unentdeckt schlummern, zur Entfaltung bringen könnten!
Das, liebe Schwestern und Brüder, ist nicht nur die Aufgabe von Eltern,
Lehrern oder Priestern, sondern eines jeden Christen.
Die Gaben anderer entdecken, das ist etwas, worauf wir stolz sein dürfen.
Anstatt uns über die Fehler anderer auszutauschen, könnten wir
doch viel besser über die verborgenen Talente anderer reden. Wir
brauchen keine Angst zu haben, dass uns dann hier im Dorf der Gesprächsstoff
ausgehen würde. Es ist ja nicht verboten, über andere Leute
zu reden. Nur über deren schlechten Eigenschaften sollten wir besser
schweigen - weil wir selbst auch genug davon haben.
Die schlechten Seiten der Menschen gehen nur Gott etwas an. Das macht
uns der Zöllner vor. Reden wir mit Gott auch darüber, sonst
tun es die anderen.
Reden wir mit Gott aber nicht nur über unsere schlechten Seiten.
Reden wir mit ihm auch über die Schätze, die wir in anderen
Menschen entdecken. Es gibt kaum ein schöneres Gebet. Amen.
6. Predigtvorschlag
(Pfr. Dr. Axel Schmidt, 2004)
Liebe Gemeinde!
Von MISSION UND PHARISÄERTUM möchte ich heute sprechen. Zwei
Thesen werde ich dabei entfalten: 1. Mission ergibt sich als logische
Konsequenz eines Glaubens, der durch die Liebe wirksam ist (Gal 5,6) gemäß
dem einfachen Wort des Herrn: Wovon das Herz voll ist, davon spricht
der Mund. (Mt 12,34) Und 2.: In den modernen westlichen Ländern
besteht das größte Hindernis gegen die Mission in einer pharisäischen
Grundhaltung, die im sarkastischen Reim von Wilhelm Busch zum Ausdruck
kommt: Ein guter Christ gibt gerne Acht, ob der andre was Böses
macht.
Beginnen wir beim zweiten. Scheinbar ist es leicht, den Pharisäer
zu erkennen, und ebenfalls leicht, ihn nicht zu spielen. Doch müssen
wir sehr vorsichtig sein, denn sobald wir über einen anderen urteilen,
er sei ein eingebildeter und selbstgerechter Mensch (und ein Heuchler
noch dazu), finden wir uns schon selber im Kreise der Pharisäer wieder.
Nur Jesus, der ohne Sünde war, steht ein solches Urteil zu. Wenn
wir uns seinem Urteil anschließen, dann gleichen wir einem Dackel,
der andere ankläfft und sich wohlweislich zwischen den Beinen seines
Herrn in Deckung bringt. Das negative Werturteil über einen anderen
Menschen ist fast immer geprägt von einer gewissen Selbstgerechtigkeit;
Jesus charakterisiert sie prägnant durch den folgenden Ausruf: Gott,
ich danke dir, daß ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber,
Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort.
(Lk 8,11) Der Pharisäer lebt vom Vergleich, vom Schielen nach unten,
damit er sein Gewissen beruhigen kann. Er findet es letztlich sogar ganz
gut, daß es schlechte Menschen gibt jedenfalls solange sie
ihm nichts Böses tun , denn diese machen es ihm möglich,
vom hohen Roß der Moral auf sie niederzuschauen Selbstachtung
zu gewinnen durch Verachtung des anderen. Ein guter Christ gibt
gerne Acht, ob der andre was Böses macht.
Nun habe ich behauptet, diese selbstgefällige Haltung sei der Hauptgrund
dafür, daß in unseren westlichen Ländern der Missionsgeist
gewichen ist. Das klingt ungewohnt. Uns wird heute doch viel eher eingeredet,
die Missionierung stamme selbst aus einem Denken, das von Besserwisserei,
Selbstgerechtigkeit und Intoleranz geprägt ist, so daß der
Verzicht auf Verbreitung des eigenen Glaubens eine Folge von neu erwachter
Demut und Toleranz sei. Wir müssen schon genauer hinsehen,
um die Zusammenhänge zu erfassen. Das gibt es freilich: Werbung für
das eigene Denken aus einer besserwisserischen, ja fanatischen Haltung
heraus, die sofort aggressiv wird, wenn der andere sich nicht gefügig
zeigt. Doch die Frage ist, ob ein solches Tun zurecht Mission
genannt werden darf und ob der christliche Missionsgedanke mit der geschilderten
Haltung vereinbar ist. Fest steht, daß es solcherart verfehlte Proselytenmacherei
immer gegeben hat. Jesus hat sie überaus heftig kritisiert: Weh
euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr zieht
über Land und Meer, um einen einzigen Menschen für euren Glauben
zu gewinnen; und wenn er gewonnen ist, dann macht ihr ihn zu einem Sohn
der Hölle, der doppelt so schlimm ist wie ihr selbst. (Mt 23,15)
Paulus hat vor seiner Bekehrung die Christen aus eben diesem Geist heraus
blutig verfolgt. Aber nachdem er durch Gottes Gnade seine pharisäische
Haltung abgelegt hatte, da zog er sich nicht in seinen privaten Glauben
zurück, sondern wurde zum Missionar, zum größten der Geschichte
überhaupt. Darüber schreibt er an die Gemeinde von Korinth:
Als ich zu euch kam, Brüder, kam ich nicht, um glänzende
Reden oder gelehrte Weisheit vorzutragen, sondern um euch das Zeugnis
Gottes zu verkündigen. Denn ich hatte mich entschlossen, bei euch
nichts zu wissen außer Jesus Christus, und zwar als den Gekreuzigten.
Zudem kam ich in Schwäche und in Furcht, zitternd und bebend zu euch.
Meine Botschaft und Verkündigung war nicht Überredung durch
gewandte und kluge Worte, sondern war mit dem Erweis von Geist und Kraft
verbunden, damit sich euer Glaube nicht auf Menschenweisheit stützte,
sondern auf die Kraft Gottes. (1 Kor 2,1-5)
Der Unterschied zu seinem vorherigen Wüten gegen die Christen läßt
sich auf die Frage bringen: Woher empfange ich meinen Frieden? Lasse ich
ihn mir durch Gott schenken, so daß ich ihn gerne weiterschenke,
oder will ich ihn dadurch erreichen, daß ich die Konkurrenten bezwinge?
Anfangs wollte Paulus im zweiten Sinne anderen sein Denken aufzwingen,
um sich so die satte Ruhe der Selbstzufriedenheit zu sichern. Nachdem
Christus ihm gezeigt hatte, daß es auf diesem Wege keinen wahren
Frieden gibt, empfing er im Glauben das himmlische Geschenk des Friedens,
um es sogleich segensreich an die Völker des römischen Weltreichs
weiterzugeben.
Dennoch hat es nach Paulus immer wieder auch die Fehlform einer Mission
mit dem Schwert in der Hand gegeben. Denn zu jeder Zeit laufen echte Frömmigkeit
und Verirrung Hand in Hand. Um aber erkennen zu können, was Verirrung
ist, braucht man einen Maßstab, eine Lehre. Und diesen Maßstab
stellt uns Christus vor Augen, indem er die Selbstgerechtigkeit des Pharisäers
kritisiert und die Demut des Zöllners lobt. In diesem Zusammenhang
ist der Hinweis angebracht, daß einzig das Christentum eine solche
Anleitung zur Selbstkritik gibt, während sie im Koran und auch im
Judentum fehlt.
Aber das kann ich jetzt nicht weiter verfolgen. Vielmehr möchte
ich nun zeigen, warum das pharisäische Denken nicht nur einen blutigen
Fanatismus fördern, sondern auch den echten Missionsgeist ersticken
kann. Um das zu verstehen, müssen wir uns bewußt machen, daß
jede echte Mission, jede Bemühung um Weitergabe des Glaubens aus
einem Herzen fließt, das voller Freude ist über ein empfangenes,
unerwartet kostbares Geschenk, das Jesus geradezu einen Schatz nennt (vgl.
Mt 6,21; 13,44). Paulus drückt die Erfahrung dieses Beschenktwerdens
in folgenden Worten aus: Gott ... ist in unseren Herzen aufgeleuchtet,
damit wir erleuchtet werden zur Erkenntnis des göttlichen Glanzes
auf dem Antlitz Christi. Und er fährt fort: Diesen Schatz
tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen. (2 Kor 4,6f) Es
gehört wesentlich zu diesem geistigen Gut, daß wir es uns nicht
selber verschaffen können. Wir haben es nicht verdient und können
es nicht verdienen. Das einzige, das wir tun können, um uns sozusagen
zu revanchieren, ist, diesen Schatz nun unsererseits anderen Menschen
zu übergeben, an ihr Herz zu appellieren, sich für die Annahme
des Glaubens zu öffnen. Wir müssen aber erkennen, daß
beides dem pharisäischen Denken im Wege steht: die Unverdientheit
des Geschenks wie auch die dem anderen zugewandte Dienstbereitschaft.
Die augenblicklich herrschende satte Selbstzufriedenheit hindert das Herz
daran, sich vom göttlichen Frieden erfüllen zu lassen, und macht
den Mund stumm, so daß nur noch von Dingen geredet wird, die so
banal und leer sind, daß einem übel wird. Ganz typisch für
den Pharisäismus dieser Geisteshaltung ist die immer wieder geäußerte
Aggression gegen die Kirchenbesucher, die Unterstellung, sie gingen nur
aus äußerlichen Gründen dorthin. Nochmals zur Erinnerung:
Ein guter Christ gibt gerne Acht, ob der andre was Böses macht.
Wessen Herz nur mit Eigenliebe erfüllt ist, der wird die Rede verbreiten,
man könne seine Kinder doch nicht in die Kirche zwingen
um zu verschleiern, daß er nicht die geringste Lust hat,
ihnen einen Dienst zu leisten, der für ihre geistliche Entwicklung
schlechthin unabdingbar ist.
Freilich ist jedes Schwarz-Weiß-Denken verfehlt. In unseren Herzen
sind gute und böse Motive fast unentwirrbar vermischt. Dies weiß
Wilhelm Busch, den ich nochmals zitieren möchte:
Man kennt, es sind allhier der Dinge gleich viel, ob große, ob
geringe,
im wesentlichen so verpackt, daß man sie nicht wie Nüsse knackt.
Wie solltest du dich unterwinden, kurzweg den Menschen zu ergründen?
Du kennst sie nur von außenwärts; du siehst die Weste, nich
Fürbitten
Jesus liebt die Menschen. Er wünscht nichts sehnlicher, als dass
diese Liebe Kreise zieht. Darum bitten wir:
-
Für unsere Priester: Dass sie ihr Amt freudig und glaubwürdig
ausüben.
-
Für alle, die sich auf das Priesteramt vorbereiten: Dass sie
in Dir Kraft und Ausdauer finden.
-
Für die Gemeinden: Dass sie in ihrer Liebe zum fruchtbaren Boden
für geistliche Menschen wird.
-
Für die Familien: Dass sie in Geduld und gegenseitigem Verständnis
zu einander stehen.
-
Für die Christen in aller Welt: Dass Sie ein glaubwürdiges
Zeugnis für Deine Liebe und Vergebung sind.
-
Für unser Verstorbenen: Nimm sie auf in deine Gemeinschaft der
Liebe. Wir feiern diesen Gottesdienst...
Herr Jesus Christus, du bist der gute Hirt. Du lässt uns nicht allein.
Erhöre unsere Bitten, der du mit dem Vater lebst und regierst in
Ewigkeit. Amen.
Liedvorschläge (GL Bistum Münster)
Einzug: 622, 1-5
Kyrie: sprechen
Gloria: 977
1. Lesung: Sir 35,15b-17.20-22a; 2. Lesung: 2 Tim 4, 6-8.16-18
Zwischengesang: 266, 1 - 3
Evangelium: Lk 18, 9-14
Credo: sprechen
Gabenbereitung: 868
Sanctus: 469
Agnus Dei: 470
Danksagung: 472
Schluss: 595, 1 + 4