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Predigten, Fürbitten und Lieder zum 5. Sonntag in der Fastenzeit
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1. Predigtvorschlag
Liebe Schwestern und Brüder,
im alten Testament gibt es eine Geschichte, die dem heutigen Evangelium
sehr ähnelt: Da wird auch eine Frau vor Gericht gezerrt, Susanna.
Ihr wird ebenfalls Ehebruch vorgeworfen, und ihr droht die Steinigung.
Aber damals haben sie fromme Männer, die Richter des Volkes, gegen
sie verschworen: In Wirklichkeit war sie unschuldig.
Gottseidank wird der Komplott aufgedeckt und Susanna freigesprochen.
Hier aber liegt der Fall anders. Ob wir heute Ehebruch noch als strafwürdiges
Vergehen betrachten, mag unterschiedlich gesehen werden. Aber wenn die
Schuld einwandfrei feststeht - dann wird das Urteil gesprochen und vollzogen.
Das ist doch in Ordnung, oder?
Das Gesetz ist dafür da, die Rechte der Menschen zu schützen.
Wer sich an den Rechten eines anderen schuldig macht, muss die Konsequenzen
tragen. Wo kämen wir denn hin, wenn es keine Gesetze und keine Strafe
mehr gäbe? Das reinste Chaos bräche aus!
Und dennoch stellt sich Jesus vor diese Frau. Er verteidigt sie nicht.
Er hinterfragt nicht den Prozess. Er diskutiert nicht, ob das Gesetz sinnvoll
ist und die Strafe - der Tod - angemessen. Er macht nichts von alledem.
Er fordert sogar noch auf, die Steine zu werfen; allerdings solle der
damit beginnen, der keine Sünde hat.
Genau genommen ist das unerhört. Denn der Ehebruch dieser Frau richtet
sich ja vermutlich gegen einen Ehemann - der muss doch verzeihen. Und
hätte der nicht als erster das Recht gehabt, einen Stein zu werfen?
Jesus fragt nicht nach Recht. Er schaut nicht zurück: Was war? Wer
hat's gesehen? Wer kann etwas bezeugen? Wer ist geschädigt? Wer hat
Ansprüche? - Er fragt nach der Zukunft. Er will nicht den Tod der
Frau, weil er noch einen anderen Sinn im Gesetz sieht: Die Menschen zu
Gott zu führen. Zu heilen.
Der Ehemann mag geschädigt sein und auf Genugtuung sinnen. Jesus
aber erweist sich als derjenige, der die Frau mehr liebt als der Ehemann.
Er fragt nicht nach seinem eigenen Wohl, er fragt: Wie kann ich der Frau
helfen? Wie kann ich sie für das Leben zurückgewinnen?
Jesus ist Gott. Auch Gott kennt Gesetze, Verbote und Gebote. Aber sie
alle dienen nur einem Zweck: Die Menschen zur Liebe zu befreien. Sie mit
Gott zu versöhnen. Einen Ausweg aus dem Hass und der Rache zu finden.
Liebe Schwestern und Brüder, Jesus ist kein Anwalt, der dem Unschuldigen
zu seinen Recht verhilft. Er ist auch kein Anwalt, der für den Schuldigen
eine möglichst milde Strafe herausholt.
Jesus ist Gott - und Gott verzeiht. Das größte Geschenk, dem
alles dienen soll, in der Kirche, im Staat, in den Vereinen und Familien,
ist: Gott lieben zu dürfen.
Lassen sie sich mit Gott versöhnen. Geben sie alles, was rückwärts
gerichtet ist, ab. Jede Beichte bietet dazu eine gute Gelegenheit. Und
dann schauen Sie nach vorn: Gott wartet. Voller Sehnsucht und Liebe.
Amen.
2. Predigtvorschlag
Liebe Schwestern und Brüder, obwohl Jesus die Ehebrecherin nicht
verurteilen will (immerhin sagt er es ja ausdrücklich: "Auch
ich verurteile Dich nicht!"), nennt er sie eine Sünderin. Damit
macht er doch ganz klar, dass diese Frau das ist, wofür sie die Leute
halten: Eine Ehebrecherin.
Ist das nicht inkonsequent? Zuerst schweigen, die anderen düpieren
und dann selbst dieser Frau in Gesicht sagen: "Geh! Und sündige
jetzt nicht mehr!" - ?
Nicht den ersten Stein zu werfen, nicht zu verurteilen und nicht herabzuschauen,
das lehnt Jesus ab. Aber er scheut er sich nicht, die Pharisäer zu
beschimpfen: "Ihr Natternbrut!" - "Ihr Heuchler!"
Er bezeichnet die Pharisäer sogar als "weißgestrichene
Gräber, außen schön und innen voller Gestank".
Wenn das nicht unehrlich ist! Ist Jesus etwa ein doppelbödiger Pharisäer,
der auf der einen Seite das Verurteilen verbietet, auf der anderen Seite
selbst über andere richtet?
Liebe Schwestern und Brüder, auch wenn wir dieses Gleichnis oft
so verstehen: Es geht hierbei nicht darum, das Urteilen zu verbieten.
Es geht darum, dass wir gerne andere niedermachen, damit wir nicht an
unsere eigene Brust schlagen müssen. Kaum werden wir angegriffen,
finden wir doch immer noch einen anderen, der noch schlimmer ist. Die
Kinder machen es uns doch vor: "...und was ist mit dem da? Der hat
doch noch viel mehr gelogen als ich!" - Als ob dadurch unsere Sünde
kleiner würde, wenn andere mehr Dreck am Stecken haben!
Ja, wir glauben, wir seien doch noch ganz gut dabei, weil wir uns besser
dünken als die Mehrheit, als der Schnitt. Um uns selbst zu rechtfertigen,
zeigen wir mit Fingern auf die anderen: "Und was ist mit denen? Die
sind doch noch viel schlechter! Die hinterziehen noch viel mehr Steuern!
Was mein Nachbar letztens bei der Versicherung rausgeschlagen hat! Und
so regelmäßig wie ich ist doch kaum einer in meinem Alter in
der Kirche! Also, ich gebe mein Geld wenigstens nicht für so einen
Schwachsinn aus wie alle anderen in meinem Freundeskreis..." und
so weiter. Man könnte fast glauben, es stände in der Bibel nur
ein einziges Gebot: "Seid besser als die anderen." Aber, liebe
Schwestern und Brüder, das habe ich nirgendwo gefunden.
Viel mehr steht in der Bibel: "Seid gut!" Von besser sein,
vom vergleichen steht dort nichts. Was uns interessieren sollte, ist nicht,
was andere tun, sondern was Gott möchte. Und dahinter bleiben wir
all derbe zurück. Da haben wir alle, ohne Ausnahme, Dreck am Stecken.
Wir sind Sünder, daran ist nichts zu deuteln. Das ist nicht schön,
weiß Gott nicht. Aber das Schlimmste wäre es, nun mit Steinen
auf andere zu werfen, in der Hoffnung, dass es dann nicht aufallen würde.
Dagegen wehrt sich Jesus. Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.
Das heißt soviel wie: Lenkt nicht ab!
Mit dem, was Jesus dann der Sünderin sagt, macht er auch uns Mut:
"Ihr braucht Eure Sünden gar nicht zu verstecken. Ihr braucht
keinen Sündenbock. Ihr braucht von Euren Sünden nicht abzulenken.
Sagt mir einfach, was ihr getan habt, ich werde Euch verzeihen! Dafür
bin ich doch Mensch geworden! Wenn Ihr mich nur ein klein wenig liebt,
nicht viel, nur ein bisschen, dann kommt zu mir und empfangt meine Verzeihung!
Dafür bin ich doch auf die Welt gekommen, danach sehne ich mich!"
Die Sünderin ist nicht freiwillig gekommen, sie ist von den Pharisäern
und Schriftgelehrten zu Jesus geprügelt worden. Wir dagegen haben
die freie Einladung.
Schade, dass wir davon keinen Gebrauch machen.
3. Predigtvorschlag
Liebe Schwestern und Brüder!
Armut ist keine Schande, so heißt es im Sprichwort. Aber Hand aufs
Herz: Meinen Sie nicht doch insgeheim, dass ein großer Teil der
Armen dieser Welt an seiner Armut immer auch ein bisschen selbst schuld
ist? In einem Brief einer Ärztin, die viel mit Asylbewerbern zu tun
hatte, heißt es: «Wenn ich die Afrikaner so vor mir sehe,
verspielt, oberflächlich, wie Kinder, dann kann ich mir kaum vorstellen,
dass sie in ihrer Heimat richtig arbeiten können; und dann verstehe
ich, dass es in Afrika soviel Armut gibt.» Soweit die Ärztin.
Solche Vorurteile und Pauschalurteile sind schlimm. Sie tun denen, die
ohne ihre Schuld in bitterer Armut hineingeboren sind, unrecht. Jesus
warnt heute im Evangelium eindringlich davor, solche Urteile zu fällen:
Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein. Wie sehe es wohl
in Deutschland aus, wenn die westliche Welt nach dem zweiten Weltkrieg
- wohl auch zurecht - gesagt hätte: «Die Deutschen sind selbst
Schuld an diesem Krieg. Was sollen wir ihnen noch Geld und Pakete schicken?
Die Deutschen müssen am eigenen Leib lernen, was es heißt,
andere Völker in Not und Hunger, in Krieg und Elend zu stürzen.»
Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein, hat Jesus gesagt,
und damit eine einzelne Frau vor der Rachsucht eines Volkes gerettet.
Ihm war es wichtiger, zu helfen, als anzuklagen. Mag sein, dass die Frau
wirklich gesündigt hatte. Aber wichtiger ist es, ihr einen neuen
Anfang zu ermöglichen.
Mag sein, dass vieles in Afrika und in den anderen Entwicklungsländern
selbst verschuldet ist. Aber wichtiger, als die Frage, wer woran Schuld
ist oder nicht, ist die christliche Aufgabe, anderen eine neue Chance
zu geben.
Armut ist keine Schande für die Armen. Aber für die Reichen,
für uns, ist sie eine Schande, wenn wir nichts gegen die Armut unternehmen
und hochmütig auf die Armen herabsehen.
Die Sünde der Ehebrecherin ist ihr vergeben worden. Gedemütigt
aber wurden die, die sie steinigen wollten. Was haben wir in der Hand,
wenn es um die Armen der Welt geht? Den Stein, den wir werfen wollen,
weil sie nicht so wie wir Profit erwirtschaften? Oder das Brot, das wir
ihnen reichen, damit sie einen neuen Anfang wagen können?
Papst Johannes-Paul II. hat bei einem Besuch in der Sahel-Zone gesagt:
«Wie würde die Geschichte über eine Generation urteilen,
die alle Mittel besitzt, um die Bevölkerung des ganzen Planeten zu
ernähren, sich aber in mörderischer Blindheit weigert, dies
zu tun? Was für eine Wüste würde eine Welt sein, auf der
das Elend nicht der Liebe begegnet, die Leben spendet?»
Es ist erwiesen, dass die gesamte Menschheit allein von der Welt-Getreide-Ernte
hätte ernährt werden können, ja, es könnten sogar
noch eine halbe Milliarde mehr Menschen ernährt werden, als auf der
Welt leben. Und neben der Welt-Getreide-Ernte gibt es auch noch eine Welt-Kartoffelernte
und Welt-Gemüse-Ernten und so weiter. Es gibt beispielsweise genügend
Erdbeeren auf der Welt, um damit jeden Menschen jeden Tag 100 Gramm Erdbeeren
zukommen zu lassen!
Das Bild, das wir eingeblendet haben, macht dieses Problem deutlich:
Es gibt genug. Aber es gibt viel zu wenig Gerechtigkeit. Die Waage klagt
uns an.
Was hier auf dem Spiel steht, ist nicht die Würde der Armen. Es
ist unsere Würde, die wir verlieren, weil wir sagen, wir können
nichts tun. Und wenn Armut eine Schande ist, dann ist es eine Schande
für uns.
Jesus hat uns klar gemacht, worin unsere Würde besteht: In der Vergebung
und in der Bereitschaft, anderen aufzuhelfen, nicht nur einmal, sondern
immer wieder. Und wir brauchen diese Hilfe genauso, wie alle anderen Menschen
dieser Welt. Amen.
4. Predigtvorschlag
von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink - 23.02.97
Sünde – liebe Schwestern und Brüder,
Sünde – dieses Wort scheint es nicht mehr zu geben.
Man sündigt allerhöchstens noch, wenn man gegen die selbstauferlegte
Diät verstößt.
Aber wer benutzt dieses Wort eigentlich noch?
Sünde – das scheint auch keine Bedeutung mehr im Leben der Katholiken
zu haben. Wenn man bedenkt, dass es gerade mal 15% der Katholiken in unserem
Bistum sind, die sonntags zur Kirche gehen, dann sind es vielleicht gerade
mal 2%, die noch zur Beichte gehen. "Herr Kaplan, ich hab doch keinen
umgebracht."
Sünde – liebe Schwestern und Brüder, ist aber einer der zentralen
Begriffe unseres Glaubens. Allein in der Hl. Schrift findet sich 277 mal das
Wort Sünde.
Auch heute, im Evangelium begegnen wir der Realität der Sünde.
Eine Ehebrecherin soll gesteinigt werden. Jesus rettet sie vor dieser schmachvollen
Bestrafung mit den Worten an die Umstehenden:
Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie.
Beschämt geht einer nach dem anderen weg.
Und Jesus entlässt die Frau mit den Worten:
Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr.
Schauen wir uns diese beiden Sätze genauer an.
Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie.
Alle gehen weg. Damals jedenfalls schien sich jeder, jede bewusst geworden
zu sein, dass alle Sünder sind. Du, mein Nachbar und ich – Sünder.
Was ist denn eigentlich die Sünde?
Ein Handeln gegen die Gebote Gottes. Du sollst nicht die Ehe brechen z. B.
Die Gebote Gottes – die Zehn Gebote – sind Wege zu einem gelungenen
Leben. Die ersten drei Gebote beziehen sich auf mein Verhalten Gott gegenüber,
keine Götzen anzubeten, seinen Namen nicht zu missbrauchen, den Sabbat
bzw. den Sonntag zu heiligen. Die restlichen Gebote ordnen das Leben der Menschen
untereinander.
Wer gegen diese Gebote verstößt, schadet sich selbst und den anderen.
Er verlässt die sichere Straße, an deren Rand diese Gebote wie
Leitplanken stehen, und steuert ins ewige Verderben, statt in das Leben in
Fülle.
Diese Gebote enthalten aber einen Geist, der über die eigentlichen Verstöße
hinausgeht.
Es sündigt der, der jemanden ermordet. Es sündigt aber auch die,
die durch Klatsch und Tratsch so etwas wie Rufmord begeht.
Es sündigt der, der mit einer anderen die Ehe bricht. Es sündigt
aber auch die, die den Partner lediglich körperlich gebraucht.
Und so weiter. Dazu finden sich gute Gewissensspiegel im Gotteslob ab Nummer
60.
Wer gegen den Geist der Liebe und Achtung vor Gott, dem Nächsten und
sich selbst verstößt, der nähert sich gefährlich den
Leitplanken der Gebote und droht darüber hinauszuschießen.
Eine Kurskorrektur ist angesagt. Dazu hilft die Beichte, die nach wie vor
von der Kirche zu Ostern sehr empfohlen wird, im Falle einer schweren Sünde
sogar verpflichtend ist.
Ich möchte Sie alle nur dazu ermuntern, dieses Sakrament in Anspruch
zu nehmen. Am Karfreitag wird hier in der Prosperkapelle die Möglichkeit
dazu bestehen.
Was geschieht in der Beichte? Wenn Sie so wollen hören Sie aus dem Munde
des Priesters die Worte, die Jesus zu der Sünderin gesprochen hat:
Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr.
Die Sünde wird nicht totgeschwiegen, aber sie wird vergeben. So erhält
der Sünder, die Sünderin die Chance von neuem anzufangen. Nichts
ist verloren. Alles kann neu beginnen.
"Die Heiligen haben eine Geschichte. Die Sünder eine Zukunft."
So hat es der verstorbene vietnamesische Kardinal van Thuan einmal wunderbar
ausgedrückt.
"Die Heiligen haben eine Geschichte. Die Sünder eine Zukunft."
Die Beichte, die reuige Umkehr eröffnet neue Wege. Und wer will sich
schon die Zukunft verbauen?
"Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt
und in der Stunde unseres Todes."
"Versöhne uns mit deinem Sohne, empfiehl uns deinem Sohne, stelle
uns vor deinem Sohne."
"Zu dir komme ich, vor dir stehe ich als Sünder."
Liebe Schwestern und Brüder,
diese Zitate aus drei marianischen Gebeten, stellen uns Maria als unsere Fürsprecherin
vor. Maria wollen wir heute auf dem Kreuzweg begegnen, und damit unsere kleine
Predigtreihe beenden.
Wie sehr hat sich Jesus wohl danach gesehnt, seine Mutter auf diesem Weg
zu sehen? Wie schwer mag es Maria gefallen sein, den geliebten Sohn das Kreuz
schleppen, ja an diesem Holz sterben, besser: verrecken zu sehen?
Jesus wird großen Trost gefunden haben, als er sah, dass die Liebe
der Mutter größer ist als die Angst.
Und weil er vollkommen Mensch ist, wird Jesus aus Dankbarkeit seiner Mutter
kaum etwas abschlagen können.
Deshalb rufen die Christen seit fast zwei Jahrtausenden die Fürbitte
Mariens an. Sie möge für uns eintreten vor ihrem Sohn. Maria ist
ein Mensch wie wir. Sie weiß um unsere Schwachheit. Weil sie ein Mensch
ist, ist sie uns so nah. Und wie früher, als wir kleine Kinder waren,
gehen wir zur Mutter, um getröstet zu werden, wenn uns Böses widerfahren
ist,
gehen wir zuerst zur Mutter, wenn wir etwas ausgefressen haben,
gehen wir zur Mutter, wenn wir uns nach etwas sehnen.
Die Marienverehrung ist deshalb etwas ganz natürliches. Wie alle Gebetsformen
kann auch sie deformiert werden. Aber ohne sie, wäre unser Gebetsleben
ärmer, kälter.
Empfehlen wir uns in diesen letzten Tagen der Mutter Gottes, sie hat unter
dem Kreuz ausgehalten. Wir rufen sie an als "Refugium peccatorum",
als Zuflucht der Sünder. Bitten wir sie in diesen letzten Tagen vor Ostern
um die Gnade der Bekehrung, echter Reue. Vielleicht sind wir sogar so kühn,
sie um eine gute Beichte zu bitten. Denn wir wissen:
"Die Heiligen haben eine Geschichte. Die Sünder eine Zukunft."
5. Predigtvorschlag
(Pfr. Dr. Axel Schmidt, 2004)
Liebe Gemeinde!
Die Begebenheit, die wir gerade im Evangelium gehört haben, läßt
zwei Eigenschaften Jesu deutlich werden: zum einen seine staunenswerte
Fähigkeit, den hinterlistigen Fallen seiner Gegner zu entgehen, und
zum anderen seine göttliche Weise, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit
zu einem Ausgleich zu bringen. Für die Sünderin tröstlich,
für die Ankläger beschämend, findet er den einzigen Ausweg
aus dem Dilemma: sich entweder gegen das Gott gegebene Gesetz zu stellen
oder seine Predigt von der Barmherzigkeit Gottes zu verraten. Wer
ohne Sünde ist, werde den ersten Stein! Die Ankläger verstehen:
Auch sie sind Sünder, sie haben kein Recht, die Frau zu verurteilen,
und so gehen sie nacheinander weg. Die Gerechtigkeit, die sie eingeklagt
haben, trifft sie selbst und entlarvt sie als schuldig, das Wort der Barmherzigkeit
dagegen hören sie nicht mehr, nur die Frau: Auch ich verurteile
dich nicht.
Gerechtigkeit und Barmherzigkeit: Gott vereinigt beides in sich. Wir
dürfen beide nicht voneinander trennen und der Gefahr nicht erliegen,
die Spannung nach der einen oder anderen Seite aufzulösen. Diese
Gefahr besteht nach beiden Richtungen.
Da sind zum einen diejenigen, die auf die Gerechtigkeit pochen. Sie teilen
die Menschheit auf in Gute und Böse und zählen sich selbst natürlich
zu den Guten. Sie denken wie damals der Pharisäer: Ich danke
dir, Gott, daß ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber,
Betrüger, Ehebrecher... Ich bring ja keinen um und überfalle
auch keine Bank. Und ich zahle ja auch meine Kirchensteuer... Am
letzten Sonntag habe ich schon über diesen Menschentyp gesprochen,
der im älteren Sohn gezeichnet wird, der schön brav zu Hause
bleibt. Die bürgerliche Bravheit entartet leider oft zur Mißgunst
und zur allergischen Wut gegen diejenigen, die vom Pfad der Tugend abweichen,
was wohl daher kommt, daß die Selbstgerechten ihr eigenes Tugendleben
als großes Opfer verstehen und selbst wenig Freude daran haben.
Freudlos, aber wenigstens gerecht so definieren sie sich. Und weil
ihre Gerechtigkeit so wenig mit Liebe zu tun hat, darum haben sie auch
keinen Funken Barmherzigkeit in sich. Die Schuldigen mit Steinen zu bewerfen
darin besteht die einzige Freude, die sie sich verschaffen können.
Und dann sind da zum andern die, die die Barmherzigkeit Gottes einseitig
auslegen, weil sie die Gebote Gottes nicht ernst nehmen wollen. Sie hängen
einfach die Latte tiefer und denken: Gott wird schon nicht so streng
sein. Warum sollte er mir diese Freude nicht gönnen und mir jene
Schwäche nicht verzeihen?
Aber so geht es nicht! Sünde bleibt Sünde, und eine Freude,
die z.B. mit Untreue erkauft ist, kann auf Dauer nicht Bestand haben,
weil sie aus dem Egoismus geboren ist. Jesus sagt denn ja auch zu der
Ehebrecherin: Geh und sündige fortan nicht mehr.
Kann ich mich demgegenüber auf meine Schwäche berufen? Ich
kann ja nichts dafür. Ich bin so schwach. Gewiß! Wir
können Gott unsere Schwäche hinhalten und ihn bitten: Gott
sei mir Sünder gnädig! Dann gestehen wir ja unsere Schwäche
ein und appellieren an Gottes Barmherzigkeit, und ein solches Gebet wird
sicher Erhörung finden.
Wir müssen aber aufpassen, daß sich so ein Gebet nicht unter
der Hand in das eines Pharisäers verwandelt: Ich danke dir,
Gott, daß ich nicht so selbstgerecht bin wie die bösen und
hartherzigen Kirchenleute, die ständig von Sünde reden und den
Menschen Lasten auflegen, die sie nicht tragen können. Dann
leugnen wir ja, daß die Schwäche, für die wir Verständnis
und Barmherzigkeit erbitten, wirklich eine Schwäche, also eine Unvollkommenheit,
ein Mangel ist. Von dieser Geistesart sind heute fast alle Fernsehsendungen:
Sie tragen moralische Unordnung in jeder Form in unsere Häuser und
werben geradezu dafür, es den dargestellten lasterhaften Personen
gleichzutun, ihr Tun zumindest nicht zu verurteilen. Die dahinter stehenden
Macher treten schon lange nicht mehr als Bittende auf, sondern als Fordernde:
Die Hüter des Moralgesetzes sollen endlich zum Schweigen gebracht
werden, damit jeder ungeniert tun kann, wozu es ihn gerade neigt und drängt.
Von der Demut des Zöllners oder der Ehebrecherin des heutigen Evangeliums
ist diese Geistesart meilenweit entfernt!
Niemals dürfen wir die Barmherzigkeit Gottes als etwas auffassen,
das gleichsam der Job Gottes wäre. Sie ist immer ein Geschenk, das
er den Demütigen gewährt, während er es den Hochmütigen
verweigert. Die Barmherzigkeit hebt nicht die Geltung der Gebote auf.
Es ist ein leider weit verbreitetes Mißverständnis, daß
Gott seine eigene Gebote nicht ernst nimmt. Oder wie man es heutzutage
immer wieder hört: Die Zeiten haben sich eben geändert.
Jesus sagt: Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen,
wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen... Wer auch
nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend
lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält
und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich.
Liebe Schwestern und Brüder! Ich habe mich oft gefragt, welche Sünde
schlimmer ist: die Umbarmherzigkeit der Pharisäer oder die Treulosigkeit
etwa eines Ehebrechers bzw. allgemein die Verfallenheit an ein irgendein
Laster. Das ist vermutlich nicht allgemein zu entscheiden, sondern von
Fall zu Fall anders. Die Unbarmherzigkeit ist gegen das Leben gerichtet,
ihre Steine treffen zu allen Zeiten den in Schande geratenen Menschen,
wenn da nicht ein Mutiger mit dem Finger in den Staub schreibt und an
das Wort aus dem Propheten Jeremia erinnert: Alle, die dich verlassen,
werden zuschanden, die von dir sich wenden, werden in den Staub geschrieben
(Jer 17,13), was soviel heißt, daß Gott der Richter ist, dessen
Urteil alle trifft, die sich von ihm und seiner Barmherzigkeit abwenden.
An solchen Mutigen, die das Leben auch der Gestrauchelten verteidigen,
mangelt es leider, ebenso wie an prophetischen Existenzen, die glaubhaft
aufzeigen, daß unsere Gesellschaft sich durch den krassen Libertinismus
langfristig selbst zerstört.
Jesus Christus hat den doppelten Mut bewiesen und sich nicht in das Dilemma
führen lassen, entweder die Barmherzigkeit oder die Gesetzestreue
zu verraten. Seine Botschaft in Wort und Tat ist die einzige, die zum
Leben führt, Leben in Fülle spendet, weil sein Urteil freispricht
und neue Möglichkeiten für die Liebe öffnet. Lassen wir
uns von dieser Liebe ergreifen und zu größerer Barmherzigkeit
und gleichzeitig größerer Gesetzestreue führen!
Fürbitten
Menschfreundlicher Gott, überall auf der Welt gibt es Not und Elend,
Armut und Unterdrückung in vielfältigen Formen. Unsere Kräfte
reichen nicht aus, die Welt zum Guten zu verändern. Deshalb bitten wir
dich:
-
Wehre Du dem Hunger, und lass uns füreinander sein wie stärkendes
Brot.
-
Wehre der Unterdrückung, und lass uns füreinander sein wie
lebendiges Wasser.
-
Wehre der Krankheit, und lass uns füreinander sein wie eine helfende
Hand.
-
Wehre der Gewalt, und lass uns füreinander sein wie eine versöhnende
Brücke.
-
Wehre jeder Not, und lass uns füreinander sein wie ein helles Licht.
-
Wehre dem Tod und schenke uns ewiges Leben. Wir feiern diesen Gottesdienst...
Guter Gott, Du bist unser liebender Vater. Vor Dir brauchen wir uns mit
keinem Fehler zu verstecken. Verzeih uns all unsere Halbherzigkeiten und
führe uns auf den Weg zu Dir, durch Christus unsern Herrn. Amen.
Liedvorschläge (GL Bistum Münster)
Einzug: 183, 1 - 5 (ohne Wiederholung der 1. Zeile)
Kyrie: sprechen
1. Lesung: Jes 43, 16-21
Zwischengesang: 848, 1 + 2
Evangelium: Joh 8, 1 - 11
Credo: 883, 1 + 2
Gabenbereitung: 889
Sanctus: 469
n.d. Friedensgruß: 895 (2x)
Agnus Dei: sprechen
Danksagung: 885
Schluss: 179, 1 - 3