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Predigt zum 5. Sonntag der Osterzeit
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1. Predigtvorschlag
(Pfr. Dr. Axel Schmidt, 2007)
Liebe Gemeinde!
Im Evangelium haben wir von dem neuen Gebot gehört, das Jesus uns
gegeben hat: einander zu lieben, so wie er uns geliebt hat. Über
Liebe zu reden ist leicht, sie zu üben und zu tun aber schwer.
Wir geben zwar ohne weiteres zu, jedenfalls im allgemeinen, daß
es uns an Liebe mangelt. Aber wir lassen uns nicht gern fragen: Und
was willst du daran ändern? Eine solche Frage würde leicht
Ärger auslösen. Denn den Mangel an Liebe empfinden wir nicht
als Makel, unsere Mittelmäßigkeit erschreckt uns nicht.
Hinzu kommt, daß wir uns von anderen nicht sagen lassen wollen,
daß uns ein wenig mehr Liebe wohl anstünde. Schon wenn ein
anderer nur leise andeutet, mich darüber belehren zu können,
was ich denn aus Nächstenliebe zu tun oder zu lassen hätte,
reagiere ich empfindlich mit Abwehr und Zorn. Was bildet der oder die
sich eigentlich ein? Und weil ich das weiß, tue ich mich
auch schwer damit, anderen Empfehlungen zu geben, wie sie das Gebot der
Nächstenliebe konkret umsetzen könnten oder sollten.
Nun sagt aber Jesus, daß unsere Liebe so groß sein soll,
daß sie als Erkennungszeichen dient und eine Empfehlung für
andere ist. Daran werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger
seid, wenn ihr einander liebt. Die Liebe soll anderen zum Motiv
für ihre Bekehrung werden, sie soll unsere Gesellschaft durchsäuern
und menschlicher machen.
Ich kenne Christen hier in unserer Gemeinde, die genau das tun. Sie setzen
sich für ihre Mitmenschen ein, strahlen sie an und schenken ihnen
Zeit und Zuwendung. Das ist wunderbar. Was mich dabei jedoch bedrückt,
ist die Undankbarkeit, die sie vielfach erfahren müssen. Ihre Liebe
wird wie etwas Selbstverständliches erwartet und angenommen, ja geradezu
gefordert. Selten ein Wort des Dankes, noch seltener der spürbare
Erfolg, die Seele des anderen ein wenig zum Besseren umgeformt zu haben,
aus einem Griesgram jedenfalls für eine kurze Zeit
einen frohen Menschen gemacht zu haben. Strahlen Sie mal einen muffeligen
Menschen an es ist fast so wie bei einem Schwarzen Loch: alles
Licht wird aufgesaugt, es kommt nichts zurück. Fragen Sie denselben
Menschen anschließend, ob er sich an etwas Gutes in jüngster
Zeit erinnern kann: ihm wird nichts einfallen.
Wie soll sich da die Verheißung Jesu erfüllen: Daran
werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr einander
liebt? Wie kann man da ein liebender Mensch bleiben? Wie in der
Liebe gar noch wachsen?
Das Geheimnis besteht darin, die wahre Quelle der Liebe aufzusuchen und
von ihr zu trinken. Allein Jesus kann den Durst nach vollkommener Liebe
stillen: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke !
(Joh 7,37) Wer sich von der Liebe Jesu ergreifen läßt, der
wird nach und nach an der Wurzel seiner Seele geheilt und zu einem liebenden
Menschen umgestaltet werden. Es ist ein Geheimnis, das nur demjenigen
offensteht, der sich darauf einläßt, der sich auf die Suche
begibt, weil er sich nicht satt und selbstzufrieden mit Halbheit und Oberflächlichkeit
begnügt. Mutter Teresa zum Beispiel hat dieses Geheimnis entdeckt
und aus ihm gelebt. Sie verrät uns, aus welcher Quelle sie ihre schier
unerschöpfliche Liebe bezieht:
Die Tätigkeit der Schwestern, alles was wir tun, ist einzig
und allein die Frucht des Gebetes, die Frucht unserer Einheit mit Jesus
in der Eucharistie. Dank dieser Einheit ist es uns möglich, uns dem
Dienst an den Aussätzigen, den Sterbenden, den Kindern, denen die
unerwünscht sind, und anderen Menschen hinzugeben. Wenn wir abends
nach Hause kommen, halten wir eine Stunde lang Anbetung. Das ist der größte
Schatz der Missionarinnen der Nächstenliebe.
Wir sollten uns nicht von der Nörgelei und vom Griesgram unserer
Zeit beirren lassen. Nach wie vor lassen sich andere Menschen von der
Liebe berühren und verändern. Doch wir müssen immer zuerst
bei uns anfangen und unser eigenes Herz an den Quell der Liebe bringen.
Von anderen Liebe zu fordern, die man selbst nicht bereit ist zu geben,
ist erbärmlich und schnöde.
Noch einmal Mutter Teresa:
Denke nicht, daß Liebe, um wahrhaftig zu sein, außerordentlich
sein muß. Notwendig ist nur, unablässig zu lieben. Wie kann
eine Lampe brennen ohne unablässige Zufuhr kleiner Öltropfen?
Liebe Freunde: Was sind unsere Öltropfen in unseren Lampen? Es sind
die kleinen Dinge des Alltags: die Freude, die Großherzigkeit, die
kleinen guten Taten, die Demut und die Geduld. Ein einfacher Gedanke an
jemand anderes. Unsere Art still zu sein, zuzuhören, zu vergeben,
zu reden und zu handeln. Das sind die wahren Öltropfen, die unsere
Lampen unser ganzes Leben hindurch lebhaft brennen lassen.
2. Predigtvorschlag
Liebe Schwestern und Brüder,
gerne schwelgen wir in den Bildern der Liebe und des Friedens. Gerade
in den Zeiten des Krieges oder der Not ist es so tröstlich, die Worte
der heutigen Offenbarung zu lesen und zu inhalieren - es wird so schön
werden im Himmel!
Seht, ich mache alles neu - heißt es am Schluss der Lesung. Genau
dieser Satz der Hoffnung und der Zuversicht kommt auch an entscheidender
Stelle in dem Film "Die Passion Christi" vor. Jesus fällt
erneut unter dem Kreuz und begegnet dort am Boden, ganz unten, seine Mutter.
Und er sagt zu ihr: "Siehe, ich mache alles neu!"
Ganz unten erhebt Jesus den Blick in die friedliche Zukunft. Nicht nur
deshalb, weil er und wir Menschen die Hoffnung gerade dann brauchen, wenn
es uns ganz schlecht. Sondern deshalb, weil es das Paradies nicht gibt
ohne das Opfer Christi.
Wir glauben gerne, dass all den Luxus, in dem wir leben, selbst verdient
haben, durch unserer Hände Arbeit und unseren eigenen Fleiß.
Wir reden uns ein, dass wir niemanden etwas schuldig bleiben; und wenn,
dann sehen wir zu, dass wir unsere Schulden bald begleichen.
Aber dem ist nicht so. Wir leben immer auf Kosten anderer. Das gilt sogar
für die Weltwirtschaft; das Weltklima oder die Umweltverschmutzung.
Wir leben aber auch von dem, was unsere Vorfahren geschaffen haben; wir
sind Nutznießer der Arbeit und der Mühen der Menschen, die
vor uns gelebt haben und unsere Freiheit, unsere Rechte und vieles mehr
oft genug mit dem Leben bezahlt haben.
Aber noch viel mehr als davon leben wir von dem, was Jesus Christus für
uns getan hat. Wir sind Nutznießer der Früchte seines Leidens.
Im Evangelium heißt es: "Liebt einander!" nachdem es zuvor
hieß: "Als Judas hinausgegangen war." Seine Liebe zu uns
war eine Liebe, die bereit war zum Leiden. Eine, die bereit gewesen ist,
das eigene Leben zu geben. Zu wissen, dass da jemand ist, der mich liebt,
ist schön. Vielleicht das schönste, was wir auf dieser Welt
erfahren könne. Vermutlich ist das sogar im buchstäblichen Sinne
der Himmel auf Erden.
Aber jede Liebesversicherung ist menschlich - brüchig - vielleicht
nicht von Dauer. Zu welchem Opfer ist der bereit, der mich liebt? Wieviel
wir er von mir ertragen? Welcher Fehler wird er mir nicht verzeihen? Liebt
er mich auch noch, wenn ich alt bin? Schwach? Krank? Hilfsbedürftig?
Jesus Christus hat seine Liebe eben nicht nur gezeigt, indem er ein riesiges
rosa Herz an den Himmel gemalt hat. Sondern er hat seine Liebe gezeigt,
indem er für uns gestorben ist. Die Botschaft ist klar: Meine Liebe
erträgt alles, hält alles aus, hält allem stand.
Der Blick in das Paradies ist damit nicht erst etwas Jenseitiges geworden.
Wir haben das Paradies schon hier auf Erden: Gott ist bei uns, er liebt
uns, ohne jedes wenn und aber.
Und somit ist unsere Hoffnung nicht nur eine vage Hoffnung. Sondern Gewissheit.
"Seht, ich mache alles neu!" Hat Christus eben dann gesagt,
als er wirklich alles ertragen hat, was wir einem anderen Menschen antun
konnten. Und er hat es immer noch aus Liebe gesagt.
Nehmen wir seine Zusage ernst, glauben wir wirklich daran, dann ist es
auch für uns ein leichtes, uns gegenseitig Liebe zu schenken. Denn
jetzt kann uns nichts mehr passieren: Was auch geschieht, Gott steht auf
unserer Seite.
Amen.
3. Predigtvorschlag
Liebe Schwestern und Brüder, in der Offenbarung des Johannes ist
viel vom Gericht und Untergang der Welt zu lesen. Ein Buch voller Rätsel
und Andeutungen, dass zu einem Lieblingsbuch christlicher Sekten geworden
ist; weil man in dieses Buch alles mögliche hinein- oder herauslesen
kann.
Nach all diesen Untergangs- und Gerichtsvisionen hebt sich aber zum Schluss
die Stimmung, und es folgt die Vision, die wir vorhin als Lesung gehört
haben: Einen neuen Himmel und eine neue Erde wird es geben, keine Tränen
und keine Trauer; Gott wird in unserer Mitte wohnen und wir werden sein
Volk sein.
Ein herrliche Vision, die allerdings auch seine Kritiker hat: Einige
Philosophen, vor allem Karl Marx und die Kommunisten, haben dem Christentum
vorgeworfen, mit einer solch schönen Vision vom Jenseits die Verwandlung
dieser Welt zu vernachlässigen. Sie glaubten, Christen, die sich
auf den Himmel freuen, würden diese Welt zur Hölle werden lassen.
Viele Menschen, darunter auch eine Schwester Maria Euthymia haben den
Gegenbeweis angetreten. Sie haben diese Welt menschlicher gemacht, wenn
auch manchmal ein ein klein wenig; nicht etwa, weil sie nichts vom Jenseits
erwartet haben. Nein, sie habe diese Welt verändert, gerade weil
sie ein Bild in ihren Herzen getragen haben, wie diese Welt sein könnte.
Hoffnung nennen wir das.
Wir brauchen Visionen, um Hoffnung zu haben. Wir brauchen eine Vision
von einer besseren Welt; damit wir überhaupt beginnen, diese Welt
umzugestalten. Wir brauchen eine Vision von unserem eigenen Leben, wie
es sein könnte, wenn Gott es leitet; und wie es sein wird, wenn wir
es in Gott vollendet sehen. Wir brauchen eine Vision von jedem Menschen,
dem wir begegnen: was noch in ihm steckt, zu was er sich noch entwickeln
kann.
Dabei, liebe Schwestern und Brüder, verwechseln sie nicht Visionen
mit Träumereien. Träumereien sind Utopien, die so hoch und so
weit weg sind, dass wir nur frustriert sind, wenn wir die Wirklichkeit
betrachten.
Vergleichen sie, liebe Schwestern, nur einmal das Bild vom "Traummann"
mit ihrem tatsächlichen Ehemann. (Und umgekehrt).
Vollkommenheitsträume können lähmen. Sie bereiten zwar
Freude, so lange der Traum anhält, erweisen sich aber im Alltag als
wenig hilfreich. Das gleiche gilt z.B. auch für Besinnungstage, die
sich mit dem «Traum von Kirche» beschäftigen, «Wir
träumen unsere Pfarrgemeinde», usw.
Träume von Visionen zu unterscheiden, ist nicht immer ganz so einfach.
Manchmal vermischen sich beide. Aber es gibt ein paar Hinweise:
Visionen kommen von Gott, Träume sind nur Phantasie.
Visionen werden uns in Augenblicken des Glücks geschenkt, Träume
machen wir uns meisten dann, wenn wir unzufrieden sind.
Visionen kommen aus dem Gebet oder ermuntern dazu. Träume werden
dadurch nur gestört.
Visionen wecken Hoffnung auf eine bessere Zeit, sie verkennen aber nicht,
dass es bis dahin noch ein mühseliger Weg sein kann. Träume
kennen keinen Weg.
Der wichtigste Unterschied aber ist im Evangelium genannt worden: Visionen
ermuntern zur Liebe, lassen Quellen der Liebe und Freude in uns wach werden
und sprudeln.
Gott hat eine Vision, was aus dieser Welt werden kann. Gott hat eine
Vision, was aus ihrem Leben werden kann. Gott hat eine Vision, was aus
dem Menschen werden kann, den sie lieben. Fragen sie Gott danach. Sie
brauchen diese Visionen zum Leben!
Amen.
4. Predigtvorschlag
von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink - 09.05.04
Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander
lieben.
Liebe Schwestern und Brüder!
Das ist eine der vielen Variationen des Liebesgebotes aus dem Neuen Testament.
Einander lieben. – Das wird für viele wohl die Zusammenfassung
dessen sein, was Jesus gelehrt hat. Wenn man jetzt eine Umfrage auf den Straßen
Recklinghausens machen würde mit der Frage: "Was macht die Botschaft
Jesu aus?" – dann würde wohl ein Großteil antworten:
den Nächsten lieben, einander lieben.
Einander lieben. Da hat kaum jemand etwas dagegen. Alle sind dafür.
Und dennoch: das Christentum steht nicht gerade hoch im Kurs bei unseren
Landsleuten.
Das hat vielfältige Gründe. Einer könnte folgender sein:
Wer sich etwas näher mit der Person Jesu und seiner Botschaft beschäftigt,
merkt das die Liebe von der Jesus spricht anspruchsvoll ist.
Es geht hier nicht um ein "Seid nett zueinander." Nein, es geht
um viel mehr.
Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.
Jesus selber ist der Maßstab, an dem sich die Liebe ausrichten soll.
Und wie hat er geliebt?
Seine Liebe ging bis ans Kreuz. Sie ging bis zur Selbstaufopferung. Sie war
nicht nur nett, sie ging bis aufs Blut.
Man mag über den Film "Die Passion Christi" von Mel Gibson
vieles denken, eins hat er aber deutlich gemacht: Wie unsagbar groß
das Opfer war, das Jesus auf sich genommen hat, um uns zu erlösen. Der
Film führt drastisch vor Augen, was es bedeutete, damals gekreuzigt zu
werden. Wir haben uns vielleicht zu sehr an eine recht zahme Vorstellung gewöhnt,
wie es damals zugegangen ist.
Das Übermaß der Grausamkeit in diesem Film offenbart das Übermaß
der Liebe, die Jesus für uns hat.
Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.
Angesichts der Leidensgeschichte Jesu, heißt das für uns, dass
einander lieben auch mit den Erfahrungen von Schmerz und Leid einhergehen
kann, ja muß.
Im Deutschen haben wir dafür ein sehr tiefes Wort: Wir sagen ja, wenn
zwei sich lieben, dass sie einander leiden mögen.
Die selige Mutter Teresa drückte das häufig in ihren Meditationen
so aus: Lieben bis es weh tut.
Einander lieben. – Einander leiden mögen. – Lieben bis es
weh tut.
Das scheint unserer Gesellschaft verlorengegangen zu sein:
Ehen brechen heute schnell auseinander, wenn Schwierigkeiten auftauchen.
Wenn die romantische Zeit des Verliebtseins aufhört und die Härte
des Alltags anfängt, dann geraten viele Paare in die Krise. Gerade dann
ist die Liebe gefragt, das Einander-Leiden-Können. Doch allzu viele geben
dann vorschnell auf.
Man scheut Konflikte in der Erziehung.
Als kleine niedliche Babys hat man seine Kinder gern. Wenn aber Probleme –
z. B. im Laufe der Pubertät auftauchen – dann gehen viele Eltern
und Erzieher dem Anstrengenden eines Konfliktes aus dem Weg.
Liebe drückt sich auch darin aus, zu streiten und auf Fehler und Fehlverhalten
hinzuweisen.
Nur so kann ein Heranwachsender seine Grenzen kennen lernen, aber auch seine
Fähigkeiten und Möglichkeiten.
Wegschauen, Gewährenlassen, Laizes fair sind nicht Zeichen der Liebe,
sondern eher des Desinteresses und auch einer gewissen feigen Resignation
Man will das Leiden nicht mehr sehen, es aus der Öffentlichkeit herausdrängen.
Der Ruf nach aktiver Sterbehilfe ist ein Zeichen vorgetäuschter Fürsorge.
Man will nicht ertragen, dass man sich um Leidende, Siechende kümmern
soll.
Sicherlich, es ist schwer mit an zu sehen, wie ein lieber Freund oder Verwandter
leiden muß. Das weiß jeder, der in einem Haus wie diesem arbeitet
oder zu Besuch kommt.
Aber diesem Kranken die sogenannte "erlösende Spritze" zu setzen,
ist nichts anderes, als ihm die menschliche Liebe und Zuneigung zu verwehren,
die ihm als Mensch zukommt.
Ein verstärktes Engagement der Christen für eine Kultur des Sterbens,
sei es im Bereich der Hospizbewegung, sei es im Bereich der Palliativmedzin,
ist im letzten ein Ausdruck von Liebe für den Menschen.
Einander lieben. – Einander leiden mögen. – Lieben bis es
weh tut.
Liebe Schwestern und Brüder,
an dieser Stelle möchte ich mit der Predigt aufhören. Nicht, weil
es nichts mehr zu sagen gäbe über die Liebe.
Nein, weil ich spüre, dass man dieses große Gebot Jesu schlicht
zerreden kann, möchte ich nun mit Ihnen gemeinsam innehalten.
Lassen sie uns im Stillen drüber nachdenken, wo unsere Liebe gefragt
ist, wen wir leiden können und wen nicht, wo unsere Liebe an die Grenzen
stößt, wo es wehtut zu lieben.
Und halten wir das dann unserem Herrn hin, der uns geliebt hat bis in den
Tod und uns aufträgt:
Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.
5. Predigtvorschlag
(Pfr. Dr. Axel Schmidt, 2004)
Liebe Gemeinde!
im Evangelium haben wir von dem neuen Gebot gehört, das Jesus uns
gegeben hat: einander zu lieben, so wie er uns geliebt hat. Über
Liebe zu reden ist nicht schwer. Ich bekomme leicht Beifall, wenn ich
über die Liebe predige und sage, daß wir einander lieben sollen.
Gelegentlich werde ich aufgefordert, ich solle doch häufiger über
Liebe und Güte predigen. Wir geben gern zu, jedenfalls im allgemeinen,
daß es uns an Liebe mangelt. Aber wenn wir gefragt werden: Und
was willst du daran ändern? dann reagieren wir mit Achselzucken
oder sogar mit Ärger. Denn den Mangel an Liebe empfinden wir gar
nicht als Makel, unsere Mittelmäßigkeit erschreckt uns nicht.
Doch offenbar ist es, wenn wir Jesus folgen, mit einer nur halbherzigen
Liebe nicht getan, unsere Liebe soll so groß sein, daß sie
als Erkennungszeichen dient und eine Empfehlung für andere ist. Daran
werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr einander
liebt. Die Liebe soll das Motiv zur Bekehrung der Ungläubigen
sein und Kraft zur Durchsäuerung der Gesellschaft. Doch um eine so
große Liebe besitzen zu können, muß man die wahre Quelle
der Liebe aufsuchen und von ihr trinken. Jesus kann diesen Durst nach
vollkommener Liebe stillen: Wen da dürstet, der komme zu mir
und trinke! (Joh 7,37) Wer sich von der Liebe Jesu ergreifen läßt,
der wird nach und nach an der Wurzel seiner Seele geheilt und zur Vollkommenheit
geführt werden.
Papst Johannes Paul II. predigt seit 25 Jahren sein Programm, Europa
und die christliche Welt in Amerika neu zu evangelisieren. Welches Motiv
kann jemand haben, andere Menschen zu missionieren und zu evangelisieren?
Welchen Grund kann es geben, nicht nur privat fromm sein zu wollen, sondern
sich unermüdlich dafür einzusetzen, daß auch möglichst
viele andere Menschen zum Glauben an Christus finden? Ganz persönlich
gefragt: Wie wichtig ist Ihnen, die Sie hier sitzen, die Bekehrung derjenigen
Menschen, die keinen Glauben oder keine Beziehung zu Gott haben? Der Apostel
Paulus hat für sich die Antwort gegeben, eine Antwort, die auch für
uns vorbildlich sein sollte: Caritas Christi urget noc! Die Liebe Christi
drängt uns. (2 Kor 5) Die Liebe Christi das ist zum einen
die Liebe, die Jesus zu uns hat, die wir erfahren, wenn wir uns für
ihn öffnen, und es ist zum anderen unsere antwortende Gegenliebe.
Angezogen von der unergründlichen Liebe Christi fühlen wir uns
gedrängt, diese Liebe auszustrahlen und weiterzugeben.
Papst Johannes Paul II. ist von dieser Liebe persönlich ergriffen,
das spürt man diesem charismatischen Mann an. Und in seiner Spontaneität
hat dieser Papst im Jahre 1983 die christlichen Jugendlichen aus der ganzen
Welt nach Rom eingeladen, um das Heilige Jahr der Erlösung mitzufeiern.
Aus dieser Versammlung erstaunlich viele, nämlich mehr als
300.000 Jugendliche folgten der Einladung des Papastes wurde alsbald,
nämlich im Jahre 1985, die Idee der Weltjugendtage geboren
und zwar als eine dauerhafte Einrichtung. Der Papst schrieb damals an
die Jugend: Für diese Generation in ihrer vielfältigen
Form und Ausrichtung sind vor allem die Erwachsenen verantwortlich. Euch
kommt die Verantwortung zu für das, was eines Tages mit euch zusammen
Gegenwart werden wird und zur Zeit noch Zukunft ist. Der Jugend
kommt das Vorrecht zu, Ideale zu haben und voller Eifer nach ihnen zu
streben. Sie bringt den Mut dazu leichter auf. Doch das gilt freilich
nicht exklusiv, denn es gibt auch abschreckende Beispiele unter den Jugendlichen,
solche, die völlig abgeklärt und skeptisch in die Zukunft schauen,
die nichts anderes wollen, als ihre Ruhe zu haben. Als ich neulich eine
Reihe Vorschläge zur Verbesserung der Firmkatechese machte, hatte
eine 25jährige Katechetin nichts Besseres zu tun, als jeden einzelnen
Vorschlag zu kritisieren und niederzumachen. Die Firmlinge auf dem Weg
zu Gott weiterzubringen, war für sie gar kein Ziel, es sollte nur
alles so weitergehen wie bisher - ohne große Anstrengung. Daran
sieht man: Die Fähigkeit, sich zu begeistern, ist nicht vorrangig
vom biologischen Alter abhängig; ein jugendliches Herz kann sich
jeder, der will, bewahren.
Unbeirrt von aller Nörgelei und vom Griesgram unserer Zeit und in
der Zuversicht, daß sich die Jugendlichen nach wie vor begeistern
lassen, hat der Papst die Weltjugendtage ins Leben gerufen. In der Tat
hat er damit bis heute Millionen von Herzen erreicht und bewegt. Ich selbst
war 1993 in Denver, 1997 in Paris, 2000 in Rom und 2002 in Toronto dabei.
In welcher Hinsicht kann man sagen, daß diese Ereignisse
die Liebe der Teilnehmer gefördert haben? Das moderne Leben in der
westlichen Welt ist weitgehend vom Kopf bestimmt, das Gefühlsleben
wird in die Privatsphäre verdrängt. So wird das Gefühl
entrationalisiert und von vielen Menschen für irrelevant erklärt.
Umgekehrt wird tendenziell alles, was für bedeutend gehalten wird,
vom Affekt getrennt, auch der Glaube. Doch ein lediglich auf den Kopf
zugeschnittener Glaube verliert seine Anziehungskraft und Überzeugung;
immer weniger Menschen fühlen sich angesprochen. Denn das Herz wird
allein von der Liebe berührt.
Wahre evangelisierende Kraft besitzt allein der Glaube, der in der Liebe
wirksam ist (vgl. Gal 5,6), d. i. ein Glaube, der von der Liebe Jesu Christi
ergriffen ist, so daß das Herz zu brennen anfängt, wie es die
Emmaus-Jünger erfahren haben: Brannte nicht unser Herz, als
er zu uns redete und uns den Sinn der Schriften erschloß?
Die Frucht solchen Glaubens ist eine überschäumende Freude,
so daß der ganze Mensch strahlt und die Augen leuchten. In der Tat
kann man bei den Weltjugendtagen dies erleben: frohe Menschen mit lachenden
Gesichtern, die zum Ausdruck bringen, daß die Teilnehmer in der
Tiefe des Herzens ergriffen und nicht nur oberflächlich gekitzelt
wurden. Gewiß stimmt dies nicht für alle und jeden Teilnehmer,
aber doch in einer überraschend großen Zahl, denn nur wer sich
für Gottes Liebe geöffnet hat, kann sie im Herzen spüren
und nach außen ausstrahlen. Darum ist es kein Zufall, daß
die Weltjugendtage ganz wesentlich vom Bußsakrament bestimmt sind;
Tausende und Abertausende Jugendliche fanden in der Beichte zu einer echten
Erneuerung ihres Lebens und wurden dadurch mit einer ungeahnten Freude
beschenkt. In einigen Ländern ist jetzt schon zu spüren, daß
dieses Geschenk Kreise zieht und bisher skeptische Menschen für den
Glauben öffnet.
Das Motto des Weltjugendtages 2005 lautet: Wir sind gekommen, um
ihn anzubeten. (Mt 2,2) Nicht der Mensch steht im Mittelpunkt des
Weltjugendtags, weder die vielen jungen Menschen, die erwartet werden,
noch der Papst, sondern unser Herr Jesus Christus. IHN zu suchen, zu finden
und anzubeten, bringt Licht und Sinn in unser Leben und überrascht
uns mit einer Freude, die ohne Ende ist.
Fürbitten
Herr Jesus Christus, du bist für uns gestorben und vom Tode auferstanden,
um uns in die Freiheit der Kinder Gottes zu führen. Dich bitten wir:
-
Befreie deine Kirche von allen Ängsten, Zwängen und Spaltungen,
damit sie im Zeugnis deiner Liebe wachse.
-
Befreie die notleidenden Menschen, Völker, und Nationen; schenke
ihnen die Freiheit, deinen Frieden zu leben.
-
Befreie die Politiker und Machthaber zur Verantwortung und Klugheit;
gewähre ihnen die Freiheit zur Güte und Großzügigkeit.
-
Befreie die Armen, Schwachen und Kranken, erhalte ihnen die Freiheit
zu lieben, zu verzeihen und zu danken.
-
Befreie uns selbst von allen Engheiten und Kleinkrämereien,
bleibe bei uns mit deiner unermesslichen Größe.
-
Befreie unsere Verstorbenen von ihrer Schuld und ihren Fehlern, führe
sie zu endgültigen Freiheit der Kinder Gottes. (Wir feiern diesen
Gottesdienst...)
Herr und Gott Jesus Christus, du erhältst uns die Freiheit und schenkst
die Kraft, sie zu meistern. Lass nicht zu, dass wir sie gegen dich und
gegen andere richten, sondern erfülle uns mit deiner Liebe. Darum
bitten wir dich, Christus, unseren Herrn. Amen.
Liedvorschläge (GL Bistum Münster)
Einzug: 929, 1 - 3
Kyrie: sprechen
Gloria: 263, 1 + 2
Lesung: Offb 21, 1-5a
Zwischengesang: 937, 1 + 2
Evangelium: Joh 13, 31-33a.34-35
Credo: sprechen
Gabenbereitung: 933
Sanctus: 987
Agnus Dei: 989
Danksagung: 994
Schlusslied 840, 1 + 2