Predigten zu den kommenden Sonn- und Feiertagen
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Predigtvorschläge - Karfreitag
1. Predigtvorschlag

von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink (erstellt: 2009)

Liebe Schwestern und Brüder!
Das ist mein Leib, das ist mein Blut für euch.

So hat Jesus gestern im Abendmahlsaal über Brot und Wein gesprochen. Seinen Leib und sein Blut hat er den dort versammelten Aposteln gegeben.

Heute auf Golgotha am Kreuz gibt er wirklich seinen Leib und sein Blut hin. Hingegeben, ja geschlachtet als Opfer hängt er am Kreuz vor den Toren Jerusalems, während im Tempel die Lämmer für das Paschafest geschlachtet werden.
Während das eigentliche Erlösungsopfer geschieht, wird noch immer der Vorausdeutung dieses Opfers gefeiert.

Jesus gibt seinen Leib, sein Fleisch wirklich hin. Sein Blut läßt er wirklich vergießen. Das im Abendmahlsaal angekündigte, erfüllt sich auf dem Kalvarienberg.
Im Film „Die Passion Jesu“ von Mel Gibson wird das plastisch dargestellt. Als Jesus die Worte über das Brot und den Wein spricht, wird eingeblendet, wie er ans Kreuz genagelt wird.

Die Eucharistie ist Opfer, sie ist unblutige Vergegenwärtigung des Erlösungsopfers am Kreuz. Durch seine Wunden sind wir geheilt.

Uns Menschen heute ist es irgendwie unangenehm und unverständlich geworden, vom Opfer zu sprechen, das erlöst. Die brutale Tat am Kreuz ist uns irgendwie zuwider, erscheint zu sperrig. Hätte der Herr nicht eine andere Möglichkeit gehabt seine Liebe zu uns zu zeigen und die Erlösung zu bewirken? So fragen viele Menschen heute.

Aber gerade im Opfer wird die Liebe deutlich, im Sich-Hingeben mit Leib und Blut.

Schauen wir auf unseren Alltag:
Verliebte nehmen alle möglichen Opfer auf sich, um einander zu sehen, zu begegnen, zu beschenken: Anstrengende Reisen, kostspielige Geschenke...
Eltern opfern für ihre Kinder Zeit, Geld, Bequemlichkeit, Schlaf...
Menschen, die sich einer guten Sache verschrieben haben, opfern auch vieles für eben diese Sache.

Jesus opfert sich ganz, mit Leib und Blut, für uns. Seine Liebe zu uns kennt keine Grenzen. Bei uns Menschen kommt die Opferbereitschaft oft an Schmerzgrenzen, an Punkte, wo unsere Liebe vielleicht nicht auszureichen vermag. Jesus überschreitet sie.
Von jedem Kruzifix herab sagt uns Jesus: „Egal, was passiert: Ich liebe Dich, ich gebe alles für Dich, ich habe schon alles gegeben für Dich: Meinen Leib und mein Blut. Meine ausgestreckten Arme zeigen Dir, dass Du mir bedingungslos kostbar und willkommen bist: Komm, lass Dich erlösen.“

In früheren Zeiten – möglicherweise, weil die körperlichen Opfer größer, sichtbarer, selbstverständlicher waren, als in unserer Gesellschaft, die Leiden und Leidende am liebsten abschiebt – in früheren Zeiten wurde unbefangener, plastischer, ja poetischer über die Erlösung durch das Opfer Christi am Kreuz gesprochen.

So zum Beispiel in einer Arie der Johannespassion von Johann Sebastian Bach. Dort wird der von der Geißelung blutige Rücken Jesu mit dem Himmel verglichen, an dem der Regenbogen des Bundes nach der Sintflut erschien.
In der Arie singt die Tenorstimme:

Erwäge, wie sein blutgefärbter Rücken
In allen Stücken
Dem Himmel gleiche geht,
Daran, nachdem die Wasserwogen
Von unsrer Sündflut sich verzogen,
Der allerschönste Regenbogen
Als Gottes Gnadenzeichen steht!

Uns ist eine solche Sprache fremd geworden. Sie gehört aber zum Schatz der Christenheit, der Frömmigkeit.

Das ist mein Leib, das ist mein Blut für euch.
Zur christlichen Frömmigkeit gehört der Begriff des Opfers, sofern er von Liebe getragen ist. Darauf geht Papst Benedikt in seiner Enzyklika „Spe salvi“ ein, wenn er schreibt:

Noch eine für die Dinge des Alltags nicht ganz unerhebliche kleine Bemerkung möchte ich anfügen.
Zu einer heute vielleicht weniger praktizierten, aber vor nicht allzu langer Zeit noch sehr verbreiteten Weise der Frömmigkeit gehörte der Gedanke, man könne die kleinen Mühen des Alltags, die uns immer wieder einmal wie mehr oder weniger empfindliche Nadelstiche treffen, "aufopfern" und ihnen dadurch Sinn verleihen. In dieser Frömmigkeit gab es gewiß Übertriebenes und auch Ungesundes, aber es ist zu fragen, ob da nicht doch irgendwie etwas Wesentliches und Helfendes enthalten war. Was kann das heißen: "aufopfern"?

Diese Menschen waren überzeugt, daß sie ihre kleinen Mühen in das große Mitleiden Christi hineinlegen konnten, so daß sie irgendwie zu dem Schatz des Mitleids gehörten, dessen die Menschheit bedarf. So könnten auch die kleinen Verdrießlichkeiten des Alltags Sinn gewinnen und zum Haushalt des Guten, der Liebe in der Menschheit beitragen. Vielleicht sollten wir doch fragen, ob solches nicht auch für uns wieder zu einer sinnvollen Möglichkeit werden kann.
Vielleicht kann uns diese Anregung in der kommenden Zeit begleiten:

Da, wo mir etwas Unangenehmes widerfährt, wo ich auf Leid und Widerwärtigkeiten stoße, will ich mich mit Jesus verbinden. Er hat das ganze Kreuz getragen, gelitten FÜR UNS. Daran hat er immer gedacht, das war sein grundlegendes Motiv, dazu war er auf die Welt gekommen.

Wir könnten, wenn uns ein Kreuz aufgelegt wird, ein Kreuz widerfährt, dieses tragen FÜR ANDERE, indem wir versuchen, es gut zu tragen - mit einem Lächeln vielleicht, nicht griesgrämig, still - und so können wir es in ein Gebet verwandeln für bestimmte Menschen, bestimmte Anliegen. „Herr, ich weiß nicht, warum mir dies jetzt so widerfährt, aber ich will es annehmen für diesen Menschen, so wie Du das Kreuz für uns angenommen hast.“
So verwandeln wir unangenehme Dinge in Akte der Liebe.
Ein uns vielleicht etwas fremd erscheinender Weg. Aber es ist ein Weg vieler Heiliger. Es ist auch der Weg Jesu.

Das ist mein Leib, das ist mein Blut für euch.
Jesus hat sich ganz geopfert für alle. Für alle. Für alle wollen wir nun beten, dass sie sich von der erlösenden Liebe am Kreuz beschenkt werden und sich beschenken lassen.

2. Predigtvorschlag

1. Predigtvorschlag (Zweite von drei Predigten zu Gründonnerstag, Karfreitag und Ostern):

Karfreitag: der Gipfel der Barmherzigkeit

Jesus sagt: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage.“

Damit erinnert Jesus an ein innerstes Gesetz unseres Mensch-seins: Wir werden glücklich, indem wir glücklich machen. Eltern geben ihr Leben, ihre Zeit, ihren Wohlstand, ihre Wünsche dahin, um alles für ihre Kinder zu tun.

Ehepartner opfern all ihre Energie, ihr bisheriges Leben, ihre Ansprüche und Wünsche, um ganz für ihren kranken Partner da zu sein.

Immer wieder geben Menschen ihr Leben dahin. Sie tun es, weil sie darin einen Sinn sehen. Den Sinn erkennen sie in einem Menschen, den sie lieben.

Jesus aber ist weiter gegangen. Er hat sein ganzes Leben hingegeben für Menschen, die ihn gehaßt haben. Sein Tod war ein grauenvoller Tod, voller Qualen und Schmerzen, die wir uns schon deswegen nicht vorstellen können, weil Jesus nicht nur als wahrer Mensch gelitten hat, sondern auch als Gottes Sohn. Als Gottes Sohn war sein Leben und Sterben und so auch sein Leiden von einer ganz besonderen Tiefe, von einer ganz besonderen Intensität. So wie Jesus gelitten hat, hat vor ihm und nach ihm kein anderer Mensch gelitten. – Damit soll nicht das furchtbare Leiden Unschuldiger irgendwie klein geredet werden. Das Gegenteil ist der Fall. In Bezug auf Jesus, in Verbindung mit ihm, hat jedes Leiden, das einer erleidet, jeder Tod, den einer stirbt, ein besonderes Gewicht, einen besonderen Wert. Denn in jedem Menschen, der leidet und stirbt, will Jesus selbst mitleiden und mitsterben.

Das ist das innerste Geheimnis des heutigen Karfreitags, der uns den Gipfel der Barmherzigkeit Gottes vor Augen führt und gegenwärtig macht. Gott ist barmherzig, und was das bedeutet, zeigt uns Jesus, der Sohn Gottes, in seinem Leben, in seiner Verkündigung, in seinen Wundern, besonders aber auch in seinem Leiden und Sterben.

Ist ein solches Sterben nicht sinnlos? Von der Hand von Menschen zu sterben, die ganz von Haß erfüllt sind? Für die sogar noch zu beten? Ihnen zu verzeihen? Und – was noch schwerer wiegt – zu glauben, daß das eigene Sterben ihnen zugute kommt, daß der Menschensohn, Jesus, wirklich für diese Menschen, die wir ja als böse bezeichnen können, leidet und stirbt? Wie kann man das verstehen?

Alle, die es verstehen wollten, das heißt mit ihrem eigenen Verstand erfassen und ergreifen, sind enttäuscht worden. Man kann es nicht verstehen, nicht mit dem Verstand ergreifen. Denn unser geistiges Vermögen, das in vielfacher Hinsicht so genial sein kann, so daß es Erfindungen, Entdeckungen, Wege der Heilung und vieles mehr erreichen kann, es kommt hier an seine Grenze. Der Tod, das Leiden, das Böse: da gibt es kluge Denker zu allen Zeiten, die manches erklären und beweisen wollen. Doch am Ende müssen sie alle zugeben, daß ihr Nichtwissen unendlich größer ist als ihr Wissen und ihre Erkenntnis.

Was wir heute tun, ist etwas anderes. Wir hören nicht nur die Botschaft der Passion Jesu, wir folgen ihm nach. Diesen Weg des Glaubens gehen heute die Christen überall auf der Welt, die den Karfreitag als den Todestag des Erlösers feiern. Besonders gehen diesen Weg die verfolgten Christen, deren Schicksal uns gerade heute nicht gleichgültig lassen kann. Für den Besitz einer Bibel in ein Konzentrationslager zu kommen, um dort einen langsamen, qualvollen Tod zu sterben – siehe Nordkorea; wegen angeblicher Schmähung des Korans zu unmenschlicher Haft verurteilt zu werden – siehe Asia Bibi, fünffache Mutter in Pakistan – diese und viele andere Beispiele zeigen, wie gerade in unserer Zeit aus der Qual der Verfolgung und scheinbar sinnlosem Leid eine neue Kirche ersteht, die von dem Zeugnis lebt, daß Jesus, der Schmerzensmann, mit uns geht.

Es steht uns gut an, wenn wir heute am Karfreitag den Blickwinkel dieser Menschen einnehmen, für diese Menschen beten und in den Fußspuren Christi nachfolgen, der uns geliebt hat bis in den Tod. Das ist der Gipfel der Barmherzigkeit.

3. Predigtvorschlag

Liebe Schwestern und Brüder!

„Weg mit ihm, kreuzige ihn!“ haben die Menschen in Jerusalem vor dem Prätorium geschrien. Nur wenige Tage zuvor war noch das „Hosianna“ zu hören. Auch in Jerusalem.
Beide Rufe galten Jesus. Beide Rufe kamen möglicherweise aus den gleichen Kehlen. Binnen kurzer Zeit schlug die Stimmung um.

Das ist nicht nur eine vergangene Erscheinung.
Ich entsinne mich noch, wie gewisse Zeitungen gejubelt haben, dass mit dem geschiedenen und wiederverheirateten Herrn Wulff endlich „die Lebenswirklichkeit Deutschlands“ im Präsidentenpalast eingezogen sei. Und wie süß: die First Lady hat sogar ein Tatoo.
Keine zwei Jahre hat es gedauert, dass Reporter eben der gleichen Blätter nach allem gesucht haben, den Präsidenten als unehrlichen Schmarotzer und bestechlichen Freund der Reichen zu stürzen. Mit Erfolg. Der Hochgejubelte wurde aus dem Amt geworfen.

Ich möchte hier kein politisches Statement zur Bedeutung der Amtszeit oder möglichen Fehlverhalten von Herrn Wulff geben. Ich beschreibe nur ein Phänomen, dass die Stimmung schnell kippen kann unter uns Menschen.
Ja, wir sind beeinflussbar. Keiner und keine ist ausgenommen.

Immer wieder frage ich mich angesichts der Passionsbeschreibungen im Evangelium: Wo waren all die, die Jesus gefolgt waren, die seine Jüngern waren, die seine Predigt froh aufgenommen haben, die von ihm geheilt worden sind? Wo bleibt deren Stimme, deren Rufen vor dem Prätorium? Am Kreuzweg?

Es scheint, als ob sie mundtot gemacht worden sind. Vielleicht waren sie nicht einmal die Minderheit.
Vielleicht aber war das öffentliche Auftreten der Mitglieder des Hohen Rates zu stark, ihre Anstachelung des Volkes gegen Jesus so wirksam, das die andere Seite schwieg.
Aus Angst, selbst verfolgt, selbst angeklagt zu werden. Aus Sorge aus der scheinbar großen, schützenden Masse herauszufallen, ausgegrenzt zu werden. Ein Beispiel dafür war Petrus, der Jesus verleugnet hat, aus Angst, obwohl er für ihn war.

Und ich frage mich selber: Klaus, wärest Du für Jesus eingetreten? Hättest Du damals Deine Stimme in Jerusalem für Jesus erhoben? Und angesichts dieser Frage werde ich sehr nachdenklich.

Es gibt dies Phänomen, dass viele mit ihrer Meinung stumm bleiben, weil wenige die öffentliche Meinung effizient beherrschen. Sie schweigen, um nicht isoliert zu werden. Und weil sie schweigen, wird die andere Meinung immer stärker wahrgenommen und auch übernommen. Die verstorbene Grand Dame der Demoskopie, Elisabeth Noelle-Neumann, hat dieses Phänomen entdeckt, beschrieben und treffend „Schweigespirale“ genannt.

Liebe Schwestern und Brüder,
auch in unseren Tagen wirkt diese Schweigespirale. Wir sehen, lesen, hören immer und immer wieder z. B. wie die klassische Ehe zwischen Mann und Frau, die auf Treue aufgebaut ist, als Auslaufmodell dargestellt wird. Wer diese Ehe aber verteidigen möchte, wird nicht selten als ewiggestrig und als intolerant gegenüber anderen Lebensentwürfen abgestempelt.
Auch die Familie, wo die Eltern das Kind nicht schon mit einem Jahr in eine Krippe geben, scheint doch eigentlich gar nicht mehr up to date zu sein. Wer so leben will, ist doch hoffnungslos altmodisch und meistens frauenfeindlich.
Und wer möchte schon als ewiggestrig, intolerant, altmodisch und frauenfeindlich gelten. Da ist die Angst von den anderen geschnitten zu werden. Also schweige ich lieber.

In der Großzahl der Medien werden alle Lebensformen mittlerweile gleichgestellt, das Wort Familie umgedeutet. Und viele singen in diesem Chor öffentlich mit.
Gleichzeitig zeigen aber immer wieder auch anonyme Umfragen, dass gerade unter jungen Menschen die Sehnsucht nach ehelicher Treue, nach einer Familie mit Vater, Mutter, Kindern groß ist. Das aber spiegelt sich nicht wirklich wieder, wenn man das Fernsehen einschaltet, das Internet anklickt oder die Zeitung aufschlägt.

Liebe Schwestern und Brüder!
Machen wir uns nichts vor. Die Atmosphäre damals in Jerusalem gibt es auch heute noch.
Eine Atmosphäre, die uns manchmal lieber schweigen, denn reden lässt.
Gerade wer sich als gläubiger Christ, dazu noch Katholik und engagiertes Gemeindemitglied bekennt, hat es nicht leicht. Ich weiß, dass z. B. Kinder, die sich als Messdiener outen, von Mitschülern schief angesehen werden. Der Glaube, die christlichen Werte und auch die Kirche sind nicht die Lieblingskinder der veröffentlichten Meinung.
Uns geht es manchmal wie Petrus, der mit sich ringt, als er gefragt wird: Bist nicht auch Du einer von den Jüngern dieses Menschen?
Und manchmal werden wir wie er versagen oder schweigen oder uns verleugnen.

Nach der Auferstehung hat er aber bekannt bis in den Tod. Weil er dann gesehen hatte, wie sehr der Herr uns Menschen geliebt hat, wie groß das Geschenk der Auferstehung ist. All das hat ihn Jesus noch vor seiner Himmelfahrt erklärt und der Hl. Geist ihn an Pfingsten in das Wissen über Jesus tiefer eingeführt. So konnte er bekennen, gegen den Strom. So wurde er der erste Papst und ein Märtyrer.

Diejenige, die das Phänomen der Schweigespirale entdeckt hat, eben Elisabeth Noelle-Neumann, hat auf die Frage, wer denn wohl diese Spirale durchbrechen könne, u. a. geantwortet: „Heilige“.

Also Menschen, die ganz für ihren Glauben einstehen, die ihn auch kennen. Gerade die Unwissenheit im Glauben macht es ja vielen schwer, dem Isolationsdruck standzuhalten. Deshalb wird auch das Jahr des Glaubens von Papst Benedikt ausgerufen, damit wir uns wieder dessen vergewissern, was wir glauben. So wie Petrus es gemacht und durch den Hl. Geist erfahren hat.

Wenn wir jetzt gleich auf den Gekreuzigten schauen, erhalten wir neue Kraft, uns zu ihm zu bekennen,
weil wir sehen, dass seine Liebe zu uns keine Grenzen kennt.
Weil wir dann spüren, dass es gut ist zu glauben.
Weil wir merken, dass wer glaubt nie allein ist.

Weil wir merken, dass unsere Welt gerade diese Botschaft braucht: Gott liebt Dich bis es wehtut und darüber hinaus. Du bist das ganze Blut Jesu wert. Dein Leben hat Sinn, weil es das ewige Leben gibt.

4. Predigtvorschlag

Liebe Schwestern und Brüder!

Soeben sind wir den Leidensweg Jesu nachgegangen, so wie ihn der Evangelist Johannes aufgeschrieben hat.

Auf diesem Kreuzweg Jesu - den wir in dieser Fastenzeit an jedem Freitag in der Kirche oder heute morgen früh betrachtet haben - begegnen wir unaussprechlichem Leid. Dem Leid eines Unschuldigen, des Unschuldigen schlechthin: dem Leid des Gottessohnes.

Gerade in den letzten Wochen ist uns immer wieder Leid von Unschuldigen vor Augen geführt worden. Ich denke da vor allem an das eine Bild in der Zeitung: Eine junge, dunkelrothaarige Japanerin kauert mit ausgeweinten Augen vor einem riesigen Trümmerfeld aus Holz, Stein und Schlamm nach dem Tsunami.

Aber wir brauchen nicht weit zu gehen. Auch in unserer Pfarrei finden wir zig Beispiele von Leid, das wir nicht verstehen wollen und können. Wie viele leben unter uns – egal welchen Alters -, denen Krankheiten zu schaffen machen, die das Leben bedrohen oder den Alltag absolut durchkreuzen. Wie viele betrauern unter uns nicht früh oder qualvoll Verstorbene.
Angesichts des Leides kann man zu verzweifeln drohen.
Angesichts des Kreuzes kann man zu verzweifeln drohen.

Und doch ist die Botschaft des heutigen Tages: Ja, das Leid ist schrecklich. Aber durch Kreuz und Leiden sind wir gerettet, erlöst worden. Durch seine Wunden sind wir geheilt.

Und wir sehen auch: Da wo das Kreuz aufragt, wo das Leid nicht mehr zu umgehen ist, entspringt oft viel Gutes.

So viele Menschen in unserer Pfarrei, in unserem Dorf pflegen oder besuchen aufopferungsvoll ihre Angehörigen. Zum Teil seit Jahren.
So viele Menschen werden angerührt durch das Leid in der Nachbarschaft, im Bekanntenkreis und bieten Hilfe an, zeigen in kleinen Gesten menschliche Nähe.
Und so viele Kerzen brennen in unserer Kirche oder in den Wohnungen für Kranke, vom Leid Geprüfte, Trauernde, Verstorbene.

Ich weiß, dass es in unserer Gesellschaft auch viel Gleichgültigkeit dem Leid der anderen gegenüber gibt, dass man die Leidenden gerne an den Rand und aus dem Blickfeld abschöbe. Für die vielen Zeichen echter Liebe, Nächstenliebe in unserer Pfarrei dürfen wir deshalb umso dankbarer sein.

Als Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zu seiner Mutter: Frau, siehe, Dein Sohn! Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, Deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.

Liebe Schwestern und Brüder!
Das, was unter dem Kreuz Jesu geschah, geschieht immer wieder auch hier in Kirchhellen oder anderswo. Das Kreuz verbindet zu einer neuen Gemeinschaft, ja zu einer neuen Familie. Das gemeinsame Stehen unter dem Kreuz – es ist oft so schrecklich nichts tun zu können, hilflos dabei zu stehen, wie Maria und Johannes – das gemeinsame Stehen unter dem Kreuz bringt Menschen oft näher zusammen, lässt zusammenrücken, einander den Rücken stärken.

Wenn wir gleich nach den großen Fürbitten das Kreuz enthüllen, werden wir alle gleichsam wie Maria und Johannes unter dem Kreuz stehen und auf Jesus schauen.
Und er wird uns dann einander anvertrauen, damit wir einander stärken, füreinander einstehen – gerade auch im Leid.

Wenn wir auf den Gekreuzigten blicken, sehen wir den, der FÜR uns gelitten hat, der FÜR uns gestorben ist, der FÜR uns auferstand und der FÜR uns Speise zum Leben geworden ist in der Eucharistie.
Papst Benedikt hat einmal gesagt: "Wer den Herrn im Tabernakel kennt, der erkennt Ihn in den Leidenden und Bedürftigen."

So ist diese Feier heute und jede Eucharistie eine Sehhilfe, eine Reinigung der Augen des Herzens.
So werden, so bleiben wir sensibel für die anderen, die unserer Hilfe bedürfen.

So werden wir zu einer tieferen Gemeinschaft in Christus vereint. Für das Heil der Welt.

5. Predigtvorschlag

Liebe Schwestern und Brüder!

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. So sagt man. Und es stimmt.

Wir gewöhnen uns tatsächlich an vieles.
Vieles gibt es, dass wir wie selbstverständlich hinnehmen:
dass die Sonne aufgeht, dass wir zu essen haben, dass wir ein Dach über dem Kopf haben, dass wir Urlaub machen können...

Wir gewöhnen uns tatsächlich an vieles.
Sogar an das Kreuz gewöhnen wir uns, haben wir uns gewöhnt.
Wir tragen es als Halsschmuck, wir sehen es am Wegesrand, wir betrachten es in der Kirche, wir hängen es in unsere Wohnzimmer...

Die Darstellung des Kreuzes ist für viele von uns ganz normal, gewöhnlich geworden. Wir gehen daran vorbei. Wir empfinden es wie Möbelstück, das zu uns gehört.

Das Kreuz – normal? Gewöhnlich?
Das Kreuz Jesu – normal? Gewöhnlich?

Damit wir uns an das Kreuz nicht gewöhnen, damit wir das Kreuz nicht als normal hinnehmen, darum sind wir hier.

Die Kirche stellt es uns vor Augen: Das Kreuz Jesu ist keine Selbstverständlichkeit.

Die Worte der Passion lassen nur erahnen, welche Grausamkeit mit dem Kreuzestod verbunden war, welche Entehrung, welches Leiden.

Der Kreuzestod war die Hölle auf Erden.
Auch für unseren Herrn Jesus Christus.

Er, der Heilige, der Sohn des himmlischen Vaters hat diese Hölle durchleben müssen. Zwei Welten prallen aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein können.

Wenn eine kalte Wetterfront auf eine heiße Wetterfront stößt, denn bricht ein Unwetter los: Blitz, Donner, Hagel, Regen. Unsagbar groß sind die Gewalten, die dann entfesselt werden.

Wie unbeschreiblich gewaltig müssen dann erst die Kräfte gewesen sein, die sich entfesselten, als am Kreuz Himmel und Hölle zusammentrafen:

Der letzte Aufschrei Jesu am Kreuz vor seinem Tod wird weit über die Stadt Jerusalem hinaus zu hören gewesen sein. Und niemanden wird dieser Schrei nicht bis ins Mark erschüttert haben.
Einige Evangelisten berichten von Naturgewalten beim Tod Jesu, von Dunkelheit, Erdbeben, geöffneten Gräbern...

Vor einem Gewitter ist die Luft schwül, drückend. Man kann schlecht atmen, kaum arbeiten.
Nach einem Gewitter ist die Luft wieder klar, frisch. Alles lebt auf. Die Natur, die kurz zuvor noch schwieg, meldet sich wieder zurück. Der Regenbogen strahlt weithin sichtbar über das Land.

Vor dem Kreuzestod Jesu drückte die Sünde, drückte der Tod die Menschen nieder. Die Angst vor dem endgültigen Scheitern, vor dem Unheil schnürte die Seelen zu.
Nach dem Kreuzestod Jesu sind Sünde und Tod zwar noch in der Welt. Doch sie sind besiegt. Ein für alle mal.
Tod, wo ist Dein Sieg? Du hast verloren am Kreuz.
Denn der, der das Leben ist, ist zwar gestorben, wie auch wir einmal sterben müssen.
Er ist aber gestorben, damit er lebt, damit wir leben.

Als Himmel und Hölle am Kreuz miteinander rangen, ist der niederdrückende Schleier der Angst vor dem endgültigen Scheitern zerrissen worden.
Das Heil brach herein in diese Welt. Es richtet uns auf und lässt uns neu aufleben.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Wir gewöhnen uns tatsächlich an vieles.
Aber an das Kreuz dürfen wir uns nicht gewöhnen.
Denn am Kreuz hängt unser Heil.
Das Kreuz ist die sichre Leiter, darauf man steigt zum Leben.
Das Kreuz ist unsere einzige Hoffnung.

Damit wir uns nicht an das Kreuz zu sehr gewöhnen und daran, dass der Herr für Dich und mich gelitten hat – jeder Mensch ist das ganze Blut Jesu wert - , darum hilft uns die Kirche gleich bei der Kreuzverehrung das Kreuz mit neuen Augen zu sehen: das Verhüllte wir enthüllt.

Liebe Schwestern und Brüder!
Wir dürfen uns nicht an das Kreuz gewöhnen.
Deshalb wollen wir es grüßen, wenn wir eines sehen.
Deshalb wollen wir dem Herrn danken, wenn ein Kruzifix in unser Blickfeld gerät.

Wir wollen das Kreuz und den Gekreuzigten ehren. Nicht nur heute in der Liturgie. Sondern immer mehr...

6. Predigtvorschlag

Liebe Schwestern und Brüder!

Soeben haben wir die Leidensgeschichte Jesu gehört. Gleich werden wir den Herrn, der für uns am Kreuz gelitten hat, verehren.

Das Leiden – für Außenstehende wirkt dieser Umgang der Christen mit dem Leid fremdartig.
Es gibt Menschen, die die Kreuze aus den Schulklassen und öffentlichen Gebäuden verbannt wissen möchten, weil sie den Anblick eines Leidenden nicht mit ansehen können.
Manche werfen den Christen sogar eine leibfeindliche, ja sadomasochistische Ideologie vor, weil der Gekreuzigte für uns eine so hohe Bedeutung hat.

Was können wir darauf entgegnen?
Nun zuallererst: Wir Christen freuen uns nicht über das Leid. Wir suchen nicht das Leid. Vielmehr versuchen Christen in aller Welt durch ihren caritativen und politischen Einsatz unnötiges Leid in der Welt zu verhindern und zu lindern.

Aber wir Christen wissen auch: Das Leid gehört unweigerlich zum Leben dazu. Eine leidlose Welt ist ein Hirngespinst.
Ein Hirngespinst einer Gesellschaft, die realitätsfremd geworden ist.
Einer Gesellschaft, die das Leid nicht wahrhaben will.
Einer Gesellschaft, in der Wellness, Fitness und Gesundheitswahn zum Götzen erhoben werden.
Alles tut sie um das Leid auszumerzen.
Aber das Leid lässt sich nicht endgültig ausmerzen. Das Leid wird bleiben.
Wenn aber das Leid nicht weggeschafft werden kann, dann müssen eben die Leidenden weg.
Am besten verhindert man schon vor der Geburt, dass Leid zutage trete. Abtreibung von kranken Kindern gibt es auch in unserem Land. Zigfach.
Tritt das Leid im Alter auf, dann ist für viele die Euthanasie die Lösung. Wehe uns, wenn in Deutschland schweizer oder höllandische Verhältnisse erlaubt werden.

Viele in der Gesellschaft rufen:
„Leiden – das kann man uns doch nicht zumuten.
Leiden – das ist doch viel zu kostspielig für unser Gesundheitswesen.
Leiden – das ist doch kein Leben mehr.“
Wir Christen fragen: „Wann ist Leben kein Leben mehr? Wer bestimmt denn, wann das Leben noch lebenswert ist und ab wann lebensunwert?“
Wenn wir Menschen uns als Richter aufspielen in diesen Fragen, dann gnade uns Gott.
Das Spiel mit den Begriffen „lebenswert – lebensunwert“ hat in unserem Land schon einmal verhängnisvoll geendet. Zwischen 1933 und 1945. Soll das wiederkommen? Soll Hitlers Wahn fröhliche Urständ feiern?

Wir verehren gleich das Kreuz und den Gekreuzigten.
Wir sehen nicht weg, wo das Leid in unsere Welt bricht. Wir schauen es an.
Wir schaffen die Leidenden nicht fort. Wir stellen DEN Leidenden in unsere Mitte.

Wir Christen haben das Kreuz zu unserem Erkennungszeichen gemacht, weil wir wissen,
dass das Leid zu unserem Leben gehört,
dass uns in den Leidenden Christus begegnet,
dass wir durch das Leiden des Gottessohnes erlöst worden sind,
dass in seiner Auferstehung das Leid nicht das letzte Wort hat.

7. Predigtvorschlag

Das Bild des Königs ist das Bild

Pilatus, der römische Statthalter in Jerusalem, hat am Kreuz ein Schild mit der Aufschrift anfertigen lassen: Jesus von Nazareth, der König der Juden (vgl. Joh 19,19). Jesus ist der König. So hat er es auch vor Pilatus bezeugt: „Ich bin ein König“ (Joh 18,38). Für Christus, den König der Menschen, steht aber als Sinnbild oder Symbol nicht ein Löwe oder ein Adler oder ein anderes Tier, das Stärke und Überlegenheit ausdrückt. Christus rufen wir an als das Lamm Gottes. Das Sinnbild für Jesus ist das geopferte Lamm. Ein Lamm wehrt sich nicht, wenn es zum Schlachten geführt wird. Das Lamm vergießt sein Blut, das für Israel zum Bundesblut wird (vgl. Ex 12,7.13). Das Lamm, das Christus ist, wird geopfert, ja opfert sich selbst, damit die Sünde der Welt hinweggenommen wird (vgl. Joh 1,29.36).
Wie können wir in heutiger Zeit diese zentrale Botschaft vermitteln? Was kann uns helfen, tiefer zu verstehen, was uns das sagen will: Christus ist König – und Christus ist das Lamm Gottes? Ist das nicht ein Widerspruch, der sich selbst aufhebt? Ist das nicht vielleicht ein mythisches oder sogar romantisches Bild, das man besser hinter sich lassen sollte? Was kann man dazu sagen?

Da ist es gut, wenn es eine Hilfe gibt, sich dieser Wahrheit des Glaubens neu zu nähern. Eine solche Möglichkeit gab es im Heiligen Jahr 2000. In diesem Jahr gab es in Turin in Italien eine eigenartige und äußerst seltene Ausstellung: ausgestellt wurde das sogenannte Leichentuch Jesu. Der Stoff, in den der Überlieferung zufolge der Leichnam Jesu nach seiner Kreuzigung hineingelegt wurde. Auf bisher unerklärliche Weise hat sich das Bild eines gekreuzigten Mannes auf diesem Tuch abgebildet.
Weil mich diese Ausstellung interessierte, bin ich damals nach Turin gefahren. Was ich da erleben konnte, war anders, als ich es mir vorgestellt hatte.
Von einem Leichentuch Jesu hat man über die ersten Jahrhunderte der Kirchengeschichte nichts gehört. Doch der Grund dafür ist ziemlich einfach: Man hat zunächst große Scheu gehabt, dieses Bild, so wie es ist, den Menschen zu zeigen. Es ist zu direkt, zu offen, zu grausam. Darum hat man das Tuch so gefaltet, daß nur noch das Haupt zu sehen ist. In einem kunstvollen Rahmen hat man das Antlitz Christi zur Verehrung ausgestellt.
Als im Heiligen Jahr in Turin die Ausstellung war, durfte ich, wie auch die anderen, nicht sofort in den Dom hinein, um mir das Tuch anzuschauen, so wie ich zunächst vermutet hatte. Erst einmal mußte man sich anmelden und dann nach der Anmeldung zu einem längeren Weg aufbrechen. Am Anfang dieses Weges war ein großes weißes Zelt. In diesem Zelt war Gelegenheit zur eucharistischen Anbetung und zur Beichte.

Das war schon ein wichtiges Zeichen: um die Botschaft, die in diesem Bild enthalten ist, wirklich annehmen zu können, muß man sich innerlich darauf einstellen, muß ich mich vorbereiten. Gott zwingt niemanden; er setzt meinen freien Willen und meine menschlichen Möglichkeiten, die ich habe, nicht außer Kraft. Sondern er traut mir zu, mich zu ändern, meinen Sinn neu zu ordnen. Er mutet mir die Umkehr zu.
Danach wurde man in kleinen Gruppen auf einen Weg geschickt. Dort konnte man sich auf die Botschaft vom Leben Jesu und seiner Botschaft einlassen. Wie viele Menschen haben wohl auf diesem Weg zum ersten Mal oder seit langem wieder von Jesus gehört? Dann war etwas über die Geschichte des Grabtuches zu erfahren, und am Schluß wurde man in einer Diaschau mit den Besonderheiten des Grabtuches vertraut gemacht. –
Alles das diente der Vorbereitung auf die Begegnung mit diesem einzigartigen Bild. Man wurde also wirklich gut vorbereitet, so daß die Ausstellung kein Spektakel war, keine Sensation, sondern ein geistlich-geistiges Ereignis.
Und dann stand ich im Halbdunkel des Domes vor diesem Bild, und da kamen mir die Worte in den Sinn, die Pilatus sprach, als er Christus, als Spott-König mit Dornenkrone und Purpurgewand ausstaffiert, der haßerfüllten Masse präsentierte: „Seht da, den Menschen!“ (Joh 19,5). Und ich dachte mir: Genau das ist es. Das Bild des mißhandelten, getretenen und am Kreuz gestorbenen Christus ist das Bild des Menschen heute.

Nie zuvor wie in den vergangenen 100 Jahren wurde der Mensch ja so sehr getreten, mißhandelt und seine Würde in den Schmutz getreten. Und darum, glaube ich, gibt es kein tieferes und wahreres Bild vom König als dieses Bild auf dem Leichentuch Christi. Weil es nicht nur ein Bild vom Leiden Jesu vor 2000 Jahren ist, sondern auch ein Bild vom Leiden und von der Entehrung des Menschen heute.
Dieser Gedanke kann schon bedrücken und den, der darüber nachdenkt, mutlos machen. Doch eine Sache ist da, die auch wichtig ist im Blick auf diese wertvollste Ikone, die die Christenheit heute besitzt: der Gedanke nämlich, daß ja im Laufe der Jahrhunderte all die großen Städte und steinernen Gebäude, all die wertvollen Gefäße, in denen das Grabtuch aufbewahrt wurde, inzwischen zerstört und nicht mehr da sind.
Bis dahin, daß vor acht Jahren ein verheerender Brand in der Grabtuchkapelle wütete und daß dieses Leinentuch erst in allerletzter Minute durch den Einsatz eines Feuerwehrmannes gerettet werden konnte. Mitten im Rauch und in den Flammen schlug er mit übermenschlicher Kraft mit seinem Vorschlaghammer immer und immer wieder auf das fünffache Panzerglas ein, bis er es zerborsten hatte und das Tuch in letzter Minute vor den Flammen retten konnte. Alle Gebäude sind dahin, aber dieses dünne Stück Stoff hat alle Zeiten überdauert. - Könnte das nicht ein Zeichen sein, das Gott uns gibt und in dem er uns zeigen will, daß nur die Gemeinschaft mit dem leidenden und auferstandenen Christus uns rettet?

Heute feiern wir den Karfreitag und schauen auf das Bild des getretenen, geschlagenen und gekreuzigten Christus. Christus, der für uns leidet und stirbt, läßt uns in jedem leidenden, kranken, gedemütigten und hilfsbedürften Menschen Sein Antlitz erkennen. Christus, dessen Tod wir heute feiern, öffnet aber auch unseren Glauben an Gott, der nicht zuläßt, daß Leiden und Tod das letzte Wort haben. Nicht der Tod hat das letzte Wort, sondern die Liebe Gottes. In dieser Liebe geborgen, gehen wir auf Ostern zu, auf das Ostern der Auferstehung Jesu und auf das Ostern unserer eigenen Auferstehung, der Auferstehung der Menschen aus Leid, Schmerz und Tod.

8. Predigtvorschlag

"Ist Gott die Liebe - oder?"

Liebe Schwestern und Brüder!

Bei dem Lied "Strenger Richter aller Sünde" habe ich immer noch ein schlechtes Gefühl. Zu sehr haben wir uns an das Bild des gütigen Vaters gewohnt, das uns Christen ja auch von allen anderen Religionen unterscheidet.

Das Wesen Gottes ist die Liebe. Das hat Papst Benedikt in seiner ersten Enzyklika ausdrücklich betont - und dabei auch einen kurzen Blick auf die anderen Religionen, vor allem den Islam, geworfen. Ihnen ist dieses Bild des liebenden Gottes fremd, ja, sogar unangenehm. Denn ein liebender Gott ist in ihren Augen auch ein schwacher Gott.

Ja, Gott ist in bestimmter Hinsicht schwach. Er verzichtet auf seine große Macht und wird Mensch; und auch als Mensch verzichtet er auf das bisschen Gewalt, das er noch hat, und lässt sich willig wie ein Lamm zur Schlachtbank führen. Gott erscheint nicht mehr als Gott, ja, noch nicht einmal mehr als Mensch, sondern als Lamm. Wehrlos.

Gott ist wehrlos in seiner Liebe. Denn Liebe bedeutet, den anderen nicht zu etwas zu zwingen. Auch nicht zum Guten zu zwingen, nicht zur Einhaltung der Gebote zu zwingen, vor allem nicht zur Liebe zu zwingen. Wer lieben will, der kann nur werben, nur hoffen und selbst - immer wieder - lieben. Keine Liebe wirbt mehr, zeigt mehr von ihrer Ernsthaftigkeit, als wenn sie bereit ist zu leiden. Wer seinem Geliebten oder seiner Geliebten zuliebe bereit ist, zu verzichten. Ob es das frühe Aufstehen ist, Frühstück ans Bett zu bringen oder sogar auf eine berufliche Karriere zu verzichten: Liebe beweist ihre Größe darin, auch das Leid in kauf zu nehmen.

So ist Gott derjenige, der die größte Liebe hat und zeigt: Er umwirbt uns Menschen und ist bereit, für seine Liebe zu uns zu sterben. So sehr hat Gott den Menschen geliebt, dass er seinen eigenen Sohn hingibt, damit wir das Leben haben.

Aber wir dürfen uns nicht täuschen und glauben, dass es nun egal ist, wie wir sind - Gott liebt uns doch sowieso. "Lach doch, Gott liebt dich. Bleib ruhig, wie Du bist." ist nicht nur lieblos - sondern auch gefährlich.

Es ist gefährlich, weil Gottes Liebe ja eine werbende Liebe ist - ein Liebe, die uns zur Gegenliebe bewegen will. Gott will uns selbst liebesfähig machen. Er will unseren Blick erheischen, uns erwärmen und sich ähnlich machen. Wer diesem werben widersteht, so heißt es, "ist schon gerichtet".

Gott ist in seiner Liebe auch der Richter. Aber wir selber sprechen uns das Urteil, indem wir antworten oder uns abwenden. Diejenigen, die sich nicht anrühren lassen, "haben ihren Lohn bereits erhalten", "sprechen sich selbst das Urteil". Gott in seiner bedingungslosen Liebe ist so wehrlos und liebevoll, dass es keine Rettung mehr gibt für den, der dieser Liebe entsagt. Wer sich von diesem Gott nicht anrühren lässt, ist tot.

Weil Gottes liebe so groß ist, ist auch seiner Gericht endgültig. Es gibt keine Rettung für den, der sich Gottes Werben gegenüber auch noch den geringsten Anflug von Sympathie verbietet.

Wer sich davon anrühren lassen kann, dass ein Mensch ihn liebt, kann gerettet werden. Wer sich erst dann erwärmt, wenn dieser Mensch seine Liebe beweist - und sei es durch Verzicht, Opfer, oder Leiden - auch der kann noch zu Leben erweckt werden. Wer aber selbst dann, wenn Gott selbst liebt, leidet und für ihn stirbt, nur noch Spott und Verachtung übrig hat, der verfehlt das Leben - für immer. Gott ist der "strenge Richter", ja, weil er die größte Liebe ist, die es gibt.

Gott ist die Liebe - er will nicht unser Gehorsam, nicht unseren Dienst und nicht unser Leben. Er will, dass wir werden wir er: Liebende Wesen. Amen.

9. Predigtvorschlag

Zum Film "Die Passion Christi"

Liebe Schwestern und Brüder, in letzter Zeit hat der Film "Die Passion Christi" für viel Aufsehen gesorgt. Neben vielen, die den Film in den höchsten Tönen loben, gibt es zahlreiche Stimmen, die sich gegen diesen Film wenden - zum Beispiel in unserer Kirchenzeitung, «Kirche und Leben».

Dabei werden hauptsächlich drei Vorwürfe laut:

  • Zunächst der Vorwurf, der Film sei Anti-Semitisch (oder besser: Anti-Judaistisch), - oder zumindest, so Kardinal Lehmann, leicht für den Antisemitismus zu instrumentalisieren,

  • dann der Vorwurf, der Film sei unnötig brutal und deshalb eher abstoßend, er schaffe Distanz anstatt Mitleid,

  • und zuletzt der Vorwurf, der Film verkürze die Botschaft des Glaubens auf das Leiden und Sterben Jesu und blende das Leben und die Predigt Jesu vollkommen aus.

Nun, die Vorwürfe sind eigentlich schnell entkräftet:

  • Wer einmal in unser Glaubensbekenntnis aufmerksam geschaut hat, wird feststellen, dass dort anscheinend das Leben Jesu ebenfalls ausgeblendet wird: Nach dem Glaubenssatz "Empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria" folgt unmittelbar "gelitten unter Pontius Pilatus". Die Kritiker, die dem Film eine Verkürzung der Botschaft unseres Glaubens vorwerfen, müssten dann auch unser Glaubensbekenntnis ablehnen. Tatsächlich ist es aber so, dass jede Predigt und jedes Wunder Jesu erst durch sein Leiden, Sterben und Auferstehen gefüllt wird.

  • Der Vorwurf, der Film sei zu brutal, ist natürlich zunächst Ansichtssache; tatsächlich sind einige Szenen, vor allem die der Geißelung, fast unerträglich. Aber Fakt ist auch, dass der Regisseur die Misshandlungen, die durch die Evangelien oder durch das Grabtuch von Turin belegt sind, deutlich abgemildert hat. Die Wirklichkeit war noch härter als das, was wir im Film zu sehen bekommen.

  • Der dritte Vorwurf wird inzwischen kaum noch erhoben: Dass der Film antijudaistisch sei. An mehreren Stellen hat der Regisseur Szenen hinzugefügt, die deutlich machen, dass es viele Juden (auch Mitglieder des Hohen Rates) gab, die sich dem Diktat des Kaiaphas widersetzten.

 

Trotzdem bleibt beim Betrachten des Filmes ein seltsames Gefühl. Daher rühren vermutlich die immer wieder vorgebrachten, eigentlich unpassenden Vorwürfe. Irgendetwas stimmt mit uns nicht, wenn wir diesen Film anschauen. Eine Jugendliche hat es mit der Frage auf den Punkt gebracht: "Warum dreht jemand so einen Film?"

Warum dreht jemand so einen Film? Vielleicht meinte Markus Nolte, der Schreiber in unserer Kirchenzeitung, diese Frage, als er seinen Artikel titelte: "Viele wichtige Fragen - und keine Antworten".

Dabei ist das, was der Film zeigt, ur-katholisch. Auch wir treffen uns zu Kreuzwegandachten und Passionsspielen, um die Leiden Christi zu betrachten. "Betrachten", das heißt anschauen, hinschauen, vor Augen halten, wie es war. Und es war eben kein Picknick. Aber was antworten wir, wenn wir gefragt werden, warum wir das tun? Das Leiden Christi betrachten?

Ich habe einmal in den Vorlagen zu den Jugendkreuzwegen oder den Vorschlägen zu den Kreuzwegandacht von Misereor geblättert und festgestellt, dass wir genau das nicht mehr tun: Das Leiden Christi betrachten. Vielmehr wird unsere Aufmerksamkeit immer sofort vom Leiden des Herrn weitergelenkt - auf die Leiden in dieser Welt, die Ungerechtigkeiten, die Ausbeutungen, unsere eigenen Verfehlungen und Kreuzwege. Wir haben, angeleitet durch verfehlte Vorlagen, verlernt, den Sinn im Leiden Jesu zu sehen. Und deshalb sehen wir auch keinen Sinn darin, wenn Mel Gibson die Leiden Jesu nun verfilmt hat.

Warum beten wir den Kreuzweg? Und warum ist es - entgegen der Empfehlung unserer Kirchenzeitung - hilfreich, durch diesen Film das Leiden Jesu an sich heranzulassen?

Weil Jesus für mich gelitten hat. Alles, was er ertragen musste, hat er für mich getan. Wäre ich der einzige Mensch auf der Welt - Jesus hätte alles das dennoch erlitten, um meine Schuld abzubüßen. Und deshalb, weil es nicht irgendein Leiden ist, sondern mein Leiden, Leiden für mich, darf ich die Augen nicht verschließen. Um meine Dankbarkeit zu diesem Jesus nicht erlahmen zu lassen, um die Größe seiner Tat zu begreifen, um seine Liebe zu erkennen, muss ich sehen, was er erlitten hat.

Das ist es, was wir verlernt haben, was wir nicht mehr begreifen, was unsere Kreuzwegandachten nicht mehr hergeben und was in unserer Kirche nicht mehr gepredigt wird: Ich habe verschuldet, was Jesus gelitten. Und obwohl ich es verdient hatte, so zu leiden, hat Jesus es an meiner Stelle getragen - aus Liebe zu mir, freiwillig.

Und weil wir davor die Augen verschließen, erscheint der Film uns so unerträglich.

"Viele wichtige Fragen - und keine Antworten": So sollte man sinnvollerweise nicht den Film betiteln, sondern unsere Verkündigung.

Liebe Schwestern und Brüder, wir glauben immer noch mehrheitlich, Gott würde uns verzeihen, indem er einmal kurz seufzt und dann sagt: "Na, Kinder, ist schon gut. Ich werde Euch halt noch einmal vergeben." Und er fügt nicht hinzu: "Aber das ist das letzte Mal!" weil er eben nicht anders kann - glauben wir.
Aber dass Gott diese Vergebung etwas kostet, nämlich das entsetzliche Leiden seines Sohnes, das wollen wir nicht wahrhaben.

Kennen Sie den Schmerz, der Sie trifft, wenn jemand, den Sie lieben, Sie schamlos ausnutzt, Ihre aufrichtige Liebe lächerlich macht und verachtet? Nun, Gott empfindet viel tiefer, denn seine Liebe ist tiefer - und wir nutzen sie trotzdem aus, verachten sie, verhöhnen sie und nehmen seine Angebote zur Versöhnung und Umkehr nicht wirklich wahr.

Könnten wir nur annähernd begreifen, was es für Gott bedeutet, unsere Lieblosigkeiten zu ertragen und seinen Schmerz immer neu in Liebe zu wandeln, wir würden eher sterben wollen, als noch einmal zu sündigen.

«... wir würden eher sterben wollen, als noch einmal zu sündigen.» Das ist die Antwort, die Markus Nolte im Film nicht gefunden hat: Gott hat lieber sterben wollen, als uns in der Sünde zu belassen.

Ich empfehle allen, die sich dieser Herausforderung stellen wollen, sich den Film "Die Passion Christi" anzuschauen. Vielleicht sprechen Zeitgründe, organisatorische oder familiäre Gründe dagegen. Aber auf keinen Fall sollten wir den Film deshalb meiden, weil wir uns weigern, das anzuschauen, was wir verschuldet haben.

Amen.

10. Predigtvorschlag

Liebe Schwestern und Brüder!

Wie sehr Jesus Christus wirklich gelitten hat, können wir kaum nachvollziehen. Überhaupt fällt es uns bei einem anderen Menschen schwer, dessen Leid zu ermessen.
Trotzdem möchte ich einmal ganz vorsichtig die ungewohnte Frage stellen, ob nicht andere Menschen, zu anderen Zeiten der Geschichte, mehr gelitten haben als Jesus Christus.
Wer heute in die Weltgeschichte schaut, die Leidensgeschichten von Kriegsflüchtlingen betrachtet, auf die Opfer von Hungersnöten und Epidemien schaut, der sieht oft nicht-enden-wollendes Leid. Und trotz unserer modernen Medizin leiden Menschen heute immer noch, oft jahrelang, auch in unserer westlichen Welt, an den neuen Geißeln der Menschheit: Krebs, Unfälle und andere heimtückische Krankheiten. Wir brauchen uns von diesen Schicksalen gar nicht einmal die schlimmsten herausnehmen, um zu dem Schluss zu kommen, dass diese Menschen oft weitaus größeres Leid zu tragen haben, als der Tod am Kreuz es gewesen ist.

Liebe Schwestern und Brüder, unser Leben ist kein gleichmäßiger, ruhiger Fluss, der sich stetig von den Höhen der Jugend bis zu den Niederungen des Alters bewegt. Unser Leben hat, egal wie lange es dauert, immer wieder Höhen und Tiefen. Den glücklichen, erfüllten Momenten, voller Freude und Zuversicht, stehen Zeiten der Niedergeschlagenheit und Hoffnungslosigkeit gegenüber. Besonders bedrückend ist es, wenn solche Momente sich sehr abrupt abwechseln; wenn Geburt und Tod nahe bei einander liegen. Wer kann schon solche Höhenunterschiede in kurzer Zeit verkraften?

Von Gott allerdings, so glauben wir, gibt es keine Veränderung. Er ist heute, gestern und in Ewigkeit derselbe. Der «unbewegte Beweger» so sagen die Philosophen. Der Schöpfer der Welt und allen Menschen gleich liebevoll gesonnen.

Größer könnte der Unterschied zwischen Gott und Mensch kaum gedacht werden. Aber unser Gott ist nicht so ferne geblieben. Er thront nicht auf den höchsten Höhen und blickt mit Mitleid und Unverständnis auf unsere Sorgen. Gott liebt uns so, dass er seinen eigenen Sohn gesandt. Und Jesus Christus, Gott an Herrlichkeit gleich, hielt an dieser Herrlichkeit nicht fest, sondern hat sich zu uns herabgelassen. Ja, er wurde uns nicht nur gleich, sondern sogar noch viel niedriger als wir Menschen üblicherweise sind: Er wurde zu den Verbrechern gezählt und hingerichtet.

Die Größe des Leids, liebe Schwestern und Brüder, liegt nicht in der Tiefe und in der Dauer des Leides. Auch die Schmerzen können wir nicht messen. Die Größe des Leides liegt im Höhenunterschied, den das Leben von uns abverlangt. Der eigentliche Schmerz liegt in der Talfahrt von den Höhen des Lebens hinab. Ja, das eigentliche Leid liegt genau darin: Dass Hoffnungen sich zerschlagen; dass Freude so abrupt enden kann; dass wir uns sagen: Es hätte doch so schön kommen können, und jetzt das.

In diesem Sinne hat Jesus Christus wirklich mehr gelitten als jeder andere von uns, ist tiefer gesunken und hat mehr verloren, unendlich viel mehr.

Was heißt dann aber Trost? Worin besteht Trost? Wie geht es, solches Leid auszuhalten, nicht zu verzweifeln oder zu resignieren?

Das kann nur der, der alles umfangen hält. Der in den Niederungen des Lebens noch einen Blick für die Höhen hat. Der aufschauen kann, woher er gekommen ist und wohin es wieder geht. Der sich vorstellen kann, die nächsten Höhen wieder zu erreichen. Oder der zumindest die Hoffnung auf die endgültigen Höhen des Himmels nicht verliert.

Wenn wir Leid so sehen und zu begreifen versuchen, dann können wir wirklich auf diesen Schmerzensmann schauen und darin Trost finden. Jesus ist von den Höchsten Höhen, von der himmlischen Herrlichkeit herab in die größte Not, von Gott und den Menschen verlassen zu sein, gesunken. Er hat mehr verloren und mehr Leid ertragen, als je ein Mensch dies konnte. Aber er hat alles dies getan, weil er in jedem Augenblick wusste, wofür er es tut: Für uns. Für jeden Einzelnen von uns. In jedem Augenblick seines Hinabsteigen wusste er, dass er uns damit den Weg nach ganz oben eröffnet. Er hat nie den Blick verloren für die endgültige Höhe Himmels, in die Gott ihn und auch uns erhöhen wird. Deshalb finden wir Trost in seinem Leiden, auch wenn wir manchmal meinen, unseres sei größer. Amen.

11. Predigtvorschlag

Liebe Schwestern und Brüder!

Es ist noch nicht lange her, als durch unser Land die Diskussion um das Kreuz in den Schulen ging. Ausgelöst wurde diese Diskussion durch einige Eltern, die ihren Kindern das Kreuz als täglichen Anblick nicht zumuten wollten; weil das Kreuz als religiöses Abzeichen die Freiheit der Weltanschauung gefährde.

Nun, die Diskussion will ich hier nicht wieder aufrollen. Viele Argumente wurden damals genannt und ausgetauscht. Im Nachhinein hat mich allerdings überrascht, dass der eigentliche Anstoß des Kreuzes überhaupt nicht wahrgenommen wurde. Denn das Kreuz sollte ja nicht entfernt werden, weil es zu grausam wäre, zu brutal, für Kinder ungeeignet. Oder weil der Glaube, der dahintersteht, zu abstrus und zu veraltet ist. Oder weil die Eltern mit diesem Jesus nichts zu tun haben wollten.

Nein, das Kreuz sollte entfernt werden, weil in ihm ein Symbol für die christlichen Kirchen gesehen wurde. Mehr nicht. So, wie ein Firmenlogo für ein Produkt steht. Und mit dieser Firma will man nichts zu tun haben. In der Schule darf ja keine Firma irgendeine Art von Werbung anbringen. Und gleiches Recht für alle: Dann darf das die Kirche auch nicht.

Das Kreuz - ein eingetragenen Warenzeichen der Firma Jesus & Co.! Wenn das auf den ersten Blick etwas seltsam klingt, dann wollen wir einmal einen zweiten Blick darauf werfen.

Mit Kreuz und Glauben verbinden viele vor allem die Kirche mit ihrem Bodenpersonal - und nicht den, der daran hängt: Jesus Christus.

Die Kirche als menschliche, fehlerbehaftete Einrichtung ist in aller Munde, garantiert hohe Einschaltquoten bei heißen Talkrunden und bietet immer genügend Gesprächsstoff.

Der eigentliche Inhalt unseres Glaubens aber geht verloren. Es nimmt so gut wie keiner Ärgernis an der Tatsache, dass wir überhaupt an einen gekreuzigten Gott glauben. Es stößt sich keiner an unseren Glauben an einen so menschlichen Gott, obwohl das doch eigentlich gar nicht geht - Gott und Mensch in einer Person.
Nur die wenigsten stören sich an den seltsamen Glauben, dass wir den Leib und das Blut Jesu zu uns nehmen. Und kaum einer erklärt den Glauben an den einen - aber dreifaltigen Gott für widersinnig... und so weiter.

Und weil uns keiner solche Fragen stellt, brauchen wir auf diese Fragen nicht zu antworten - und wissen dann nach einiger Zeit auch gar nicht, wie die Antwort denn lauten würde.

Aber gerade in diesen Fragen offenbart sich der Kern unseres Glaubens. Das Kreuz ist keine Erkennungsmarke eines religiösen Vereins. Das Kreuz als solches ist wertlos! Wir verehren es, weil Jesus daran gehangen hat. Er ist wichtig, er ist die Mitte. Auf ihn sollte sich eigentlich das ganze Interesse richten. Die Kirche ist dagegen ziemlich unwichtig.

Ob die Kirchensteuer abgeschafft werden soll oder Priester heiraten dürfen ist absolut uninteressant für den, der zum Glauben finden will. Aber davon reden viele Christen am liebsten. Was macht das für einen Eindruck auf wirklich suchende Menschen?

Eigentlich ist die Kirche unwichtig. Aber die Leute schauen nunmal auf die uns, die Christen - und eben nicht in die Bibel. Wir, in dem, was wir reden, sind die Bibel der fast 70 % Nichtkatholiken in Deutschland.

Reden wir also bitte weniger von dem Verein, dem wir mit der Taufe beigetreten sind. Reden wir doch bitte mehr von der Person, mit der wir uns - hoffentlich - verbunden fühlen. Von Jesu Leben, von seinem Tod, seiner Auferstehung. Vom Kreuz, das die Brücke zum Leben ist. Vom guten Vater, der seinen eigenen Sohn für uns hingegeben hat. Von der Großartigkeit, Jesus in der Messe leibhaftig (!) zu begegnen. Von meiner eigenen Erlösung. Amen.

12. Predigtvorschlag

Ein zwanzigjähriger junger Mann hat folgenden Traum gehabt:

»Ich befand mich in einem Zimmer, in dem nichts war außer einem Regal voller Kästen mit Karteikarten. Sie ähneln den Karten, die man in Büchereien findet, auf denen Titel, Autor und Sachgebiet alphabetisch aufgelistet sind. Aber die Kästen hier, die vom Fußboden bis zur Decke reichten und zu rechten und linken kein Ende nahmen, waren in ganz unterschiedliche Rubriken eingeteilt. Als ich mich dem Regal näherte, erregte eine Box mit der Aufschrift "Mädchen, in die ich verliebt war" meine Aufmerksamkeit. Ich öffnete den Kasten und begann ein bisschen herumzublättern. Schnell schlug ich ihn wieder zu. Erschrocken stellte ich fest, dass mir all die Namen bekannt vorkamen.

Ohne, dass es mir jemand sagen musste, wusste ich genau, wo ich war. Dieser düstere Raum mit seinen Akten beinhaltete ein Katalogsystem über mein Leben. Hier war alles aufgeschrieben, Wichtiges und Unwichtiges, mit allen Details, an die ich mich gar nicht mehr erinnern konnte.

Verwunderung und Neugier überkamen mich gleichzeitig, als ich mit Schaudern anfing, planlos die Kästchen zu öffnen, um ihren Inhalt zu inspizieren. Einige brachten Freude und schöne Erinnerungen, bei anderen schämte ich mich so sehr, dass ich mich vorsichtig umdrehte, um zu sehen, ob mich jemand beobachtete. Der Kasten "Freunde" stand neben dem Kasten "Freunde, die ich enttäuscht habe". Die Aufschriften waren zum Teil ganz normal, zum Teil ziemlich absurd. "Bücher, die ich gelesen habe"; "Lügen, die ich erzählt habe"; "Ermutigungen für andere"; "Witze, über die ich gelacht habe".
Einige waren in ihrer Exaktheit schon fast witzig: "Worte, die ich meinem Bruder an den Kopf warf". Über andere konnte ich gar nicht lachen: "Dinge, die ich aus Wut getan habe"; "Beleidigungen, die ich im stillen meinen Eltern gegenüber aussprach". Immer wieder war ich über die Inhalte überrascht. Häufig fand ich viel mehr Karten vor, als ich erwartete, manchmal weniger, als ich erhoffte.
Die unglaublich Menge der Kästen überwältigte mich. Konnte es möglich sein, dass ich mit meinen 20 Jahren all diese Karten, bestimmt Tausende, wenn nicht sogar Millionen, ausgefüllt hatte? Jede Karte bestätigte diese Annahme. Sie wiesen alle meine Handschrift, sogar meine Unterschrift auf.

Der Kasten "Lieder, die ich angehört habe" war viel größer als alle anderen, fast drei Meter breit. Die Karten waren eng hintereinander angeordnet. Ich schloss ihn beschämt, nicht so sehr wegen der Qualität der Musik, sondern weil ich mir der immensen Zeitverschwendung bewusst wurde, die diese Rubrik deutlich machte.

Als ich die Aufschrift "erotische Gedanken" entdeckte, lief mir ein Schauder über den Rücken. Ich zog den Kasten nur ein Stück heraus, denn ich wollte die Größe gar nicht erst sehen, und nahm schnell eine Karte heraus. Innerlich zuckte ich zusammen bei den genauen Angaben darauf. Mir wurde schlecht, als ich daran dachte, dass auch solche Momente festgehalten waren.

Die Aufschrift eines anderen Kasten lautete: "Personen, denen ich von Gott erzählt habe". Die Griff dieses Kästchens war sauberer als die anderen drumherum, neuer, fast unbenutzt. Ich zog, und ein Kasten nicht länger als sein paar Zentimeter kam zum Vorschein. Ich konnte die Karten darin an einer Hand abzählen.

Mir kamen die Tränen. Ich fiel auf die Knie und weinte laut. Niemand, wirklich niemand darf jemals von diesem Raum erfahren! Ich muss ihn abschließen und den Schlüssel verstecken.

Dann, als die Tränen versiegt waren, sah ich ihn. Oh nein, bitte nicht er! Nicht hier. Nein, alles, aber bitte nicht Jesus!

Hilflos nahm ich war, dass er die Kästen öffnete und die Karteikarten durchlas. Als ich mich überwand und ihm ins Gesicht schaute, bemerkte ich, dass es ihn noch viel mehr schmerzte als mich. Intuitiv schien er die peinlichsten Kästen herauszunehmen. Warum musste er jede einzelne Karte lesen?

Schließlich drehte er sich um und sah zu mir herüber. Mitleid spiegelte sich in seinen Augen. Ich senkte meinen Kopf, hielt mir die Hände vors Gesicht und fing wieder an zu heulen. Er kam zu mir und legte den Arm um mich. Er hätte soviel sagen können - aber er schwieg. Er weinte mit mir.

Dann stand er auf und ging zurück zu dem Regal. Er begann an einer Seite des Zimmers, nahm jeden Kasten raus und fing an, meinen Namen durchzustreichen und ihn mit seinem eigenen zu überschreiben - auf jeder Karteikarte.

"Nein", schrie ich und rannte zu ihm herüber. Das einzige, was ich sagen konnte, war "nein, nein", als ich ihm die Karte aus der Hand zog. Sein Name sollte nicht auf dieser Karte stehen. Aber da stand er schon, mit blutroter Farbe. Nur sein Name war zu lesen, Jesus, nicht mehr meiner. Er hatte mit seinem Blut unterschrieben.

Schweigend nahm er die Karte zurück. Er lächelte traurig, während er weiter die Karten unterzeichnete. Ich weiß nicht, wie er das so schnell gemacht hatte, dann schon im nächsten Augenblick hörte ich den letzten Kasten zuklappen. Er legte seine Hand auf meine Schulter und sagte: "Es ist vollbracht".

(diese "Predigt" ist eine Kurzfassung der Geschichte "Die Lebensdaten-Kartei" von Joshua Harris)

13. Predigtvorschlag

Liebe Schwestern und Brüder!

Was ist es, nach dem wir, nach dem sich alle Menschen im Grunde ihres Herzens zutiefst sehnen? Was ist eigentlich unser tiefster, eigener Wunsch? Wenn wir in uns selber einmal tief graben und all die oberflächlichen, vorübergehenden Antworten beiseite lassen, was finden wir dann? Das ganze Sehnen der Menschen dürfte darauf hinauslaufen, dass sie leben wollen. Zutiefst leben, erfüllt leben.

Alle Menschen sind, ob gläubig oder nicht, auf der Suche nach der Quelle des Lebens. Dort, wo sie dem in Reinform begegnen, unverdorben und lebendig.

Die Antwort, die wir Christen den Menschen geben, ist das Bild des Gekreuzigten. Ist ein Evangelium, in dem die Hauptperson qualvoll am Kreuz stirbt. Für die, die das Leben schlechthin suchen, eine unsinnige Antwort. Der moderne, aber sehnsuchtsvolle Mensch kann damit nichts mehr anfangen.

Klar zum Ausdruck gebracht hat das Hermann von Veen in einer kleinen Geschichte, in der Gott in ein Dorf kommt und dort das Gebäude einer Kirche entdeckt. Er besucht sie kurz, kann aber mit dem unerträglichen Bild des Gekreuzigten nichts anfangen, verwirft Kirche, Bücher und Kreuze und setzt sich lieber zu den Nicht-Christen auf die Parkbank in die Sonne. Eine Geschichte, die sich inzwischen in vielen Büchern und Heften findet. So denkt der moderne Mensch, so muss Gott sein. Voller Lebensfreude, abgewandt von allem Leid, das reine Vergnügen. Am liebsten würden wir uns auch in die Sonne auf eine Parkbank setzen, nicht in die dunklen, kalten Kirchen, und darauf warten, dass Gott sich zu uns setzt.

Gerade der unbändige Willen zum Leben, die rastlose Suche nach dem, was uns erfüllt, macht uns blind für die eine Wahrheit: Die einzige Brücke in den Himmel, der einzige Weg zum Leben, zur Erfüllung, zur Lebensfülle ist das Kreuz.

Der Mensch, der sich selbst von Gott, dem Spender allen Lebens entfernt hat um sich an andere, selbstgemachte Götter zu klammern, wird immer den Weg zurück zu Gott als schmerzlich erfahren. Es gibt keinen anderen Weg zur Freude: Wir müssen unsere Umklammerung von den trügerischen Wirklichkeiten lösen, so schmerzlich und wenig lebenserfrischend uns das scheint. Wie schwer das ist, die bloß vergänglichen Werte loszulassen, und wie viel Leid das kostet, sehen wir Tag für Tag in den Nachrichten: Krieg, Raub, Eifersucht, Mord und so weiter. Seit wir Gott aus den Augen verloren haben, klammern wir uns mit einer Brutalität an die kleinsten Nebensächlichkeiten, dass wir uns gegenseitig erdrücken.

Und hier geschieht, was Erlösung meint: Gott selbst ergreift die Initiative, nimmt uns das Leiden ab, erträgt es selbst. Wir sind es, die sich lösen müssen, um für Gott frei zu werden, aber Er ist es, der das Leid, das damit verbunden ist, und die Not und die Angst auf sich nimmt. Er zerreißt, wie auf dem Hungertuch zu sehen ist, den Vorhang zu Gott. Sichtbar ist der Gekreuzigte, der Gestorbene, der Gequälte, der unsere Qualen trug. In Ihm aber könne wir uns von unserer Vorliebe für das Vordergründige befreien lassen, in Ihm finden wir plötzlich das Leben in seiner bisher unerfahrenen Fülle. So seltsam es klingen mag: Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben.

Für die lebensdurstige, aber oberflächlichen Menschen ist dieses Bild des Gekreuzigten vielleicht Grund genug, um sich abzuwenden. Für uns ist es Bild der Erlösung. Es gibt keinen anderen Weg zum Leben, als den, den Jesus für uns gegangen ist. Und für uns ist es zum leichten Weg geworden, weil unser Gott ihn schon mit seinem Kreuz geebnet hat. Wer sich durch das Kreuz befreien lässt, der findet hier schon einen Vorgeschmack auf das Leben schlechthin, der all unsere Hoffnungen übersteigt.

Wer wirklich Ostern finden will, Ostern, das Fest der Auferstehung und des Lebens, findet es nur über Karfreitag. Und wer im Bild das Gekreuzigten bereits den Auferstandenen sieht, der ist bereits befreit mit Blick durch die Oberfläche hindurch auf die Fülle des Lebens.

14. Predigtvorschlag

Liebe Schwestern und Brüder, die Liturgie vom Karfreitag stellt ein ganz besonderes Merkmal des Christlichen heraus: Die Aufnahme des Leides in die Feier der Liturgie.

Leid, so sollte man eigentlich meinen, kann man nicht feiern. Wenn Feiern etwas mit Freude zu tun hat, dann passen Feier und Leid nicht zusammen, denn das Leid ist doch das Gegenteil von Freude.

Leid und Krankheit meinen, dass etwas nicht mehr in Ordnung ist. Wenn unser Körper nicht mehr so ist, wie er sein sollte, dann sprechen wir von Krankheit. Die Ordnung, die das Leben ermöglicht, ist gestört; wir suchen den Arzt auf, damit er uns wieder in Ordnung bringt. Leider ist das nicht immer möglich.
Aber das gilt nicht nur für unseren Körper, sondern auch für unser ganzes Leben: Wenn Freunde sich nicht wie Freunde verhalten, wenn Familien zerbrechen, wenn Beruf oder Geld verloren gehen, dann wird dem Leben die Grundlage verwehrt. Die Ordnung geht verloren, wir sprechen vom Leid.

Leid und Krankheit haben gemeinsam, dass Ihnen der Sinn fehlt. Leben - das macht Sinn. Wir können Gutes tun, Freude empfinden, sind tatkräftig und frohgestimmt. Leid dagegen macht keinen Sinn: Wir sind zum Nichtstun verdammt, verlieren die Freude und die Tatkraft.

Leid macht keinen Sinn, und bis heute weiß kein Mensch, warum es Leid gibt in dieser Welt. Unordnung ist sinnlos, beeinträchtigtes Leben ist geschmälerter Sinn. Daraus gibt es kein Entrinnen.

Und tatsächlich ist dieser Gottesdienst von einer ganz eigenartigen Atmosphäre: Festlich, aber nicht freudig. Still, fast traurig, aber doch nicht trostlos.

Gerade darin liegt die Kraft des christlichen Leidens: Es ist getröstetes Leiden. Kein sinnloses Leiden mehr, das uns überfällt und lähmt. Christus nimmt das Leid an und trägt es.
Das Kreuz ist seit Jesus Christus kein Kreuz mehr, das unsere Pläne und Hoffnungen durchkreuzt, das Leben vernichtet und verhindert. Das Kreuz hat jetzt eine andere Bedeutung:

Es ist zur Brücke geworden, die uns mit Jesus verbindet.

Fürbitten

    Für diese Gottesdienste haben wir leider keine eigenen Vorschläge für Fürbitten.