1. Predigtvorschlag
von Pfarrer Klaus Klein-Schmeink - 2009
Liebe Schwestern und Brüder!
Das ist mein Leib, das ist mein Blut für euch.
So hat Jesus gestern im Abendmahlsaal über Brot und Wein gesprochen.
Seinen Leib und sein Blut hat er den dort versammelten Aposteln gegeben.
Heute auf Golgotha am Kreuz gibt er wirklich seinen Leib und sein Blut hin.
Hingegeben, ja geschlachtet als Opfer hängt er am Kreuz vor den Toren
Jerusalems, während im Tempel die Lämmer für das Paschafest
geschlachtet werden.
Während das eigentliche Erlösungsopfer geschieht, wird noch immer
der Vorausdeutung dieses Opfers gefeiert.
Jesus gibt seinen Leib, sein Fleisch wirklich hin. Sein Blut läßt
er wirklich vergießen. Das im Abendmahlsaal angekündigte, erfüllt
sich auf dem Kalvarienberg.
Im Film „Die Passion Jesu“ von Mel Gibson wird das plastisch dargestellt.
Als Jesus die Worte über das Brot und den Wein spricht, wird eingeblendet,
wie er ans Kreuz genagelt wird.
Die Eucharistie ist Opfer, sie ist unblutige Vergegenwärtigung des Erlösungsopfers
am Kreuz. Durch seine Wunden sind wir geheilt.
Uns Menschen heute ist es irgendwie unangenehm und unverständlich geworden,
vom Opfer zu sprechen, das erlöst. Die brutale Tat am Kreuz ist uns irgendwie
zuwider, erscheint zu sperrig. Hätte der Herr nicht eine andere Möglichkeit
gehabt seine Liebe zu uns zu zeigen und die Erlösung zu bewirken? So
fragen viele Menschen heute.
Aber gerade im Opfer wird die Liebe deutlich, im Sich-Hingeben mit Leib und
Blut.
Schauen wir auf unseren Alltag:
Verliebte nehmen alle möglichen Opfer auf sich, um einander zu sehen,
zu begegnen, zu beschenken: Anstrengende Reisen, kostspielige Geschenke...
Eltern opfern für ihre Kinder Zeit, Geld, Bequemlichkeit, Schlaf...
Menschen, die sich einer guten Sache verschrieben haben, opfern auch vieles
für eben diese Sache.
Jesus opfert sich ganz, mit Leib und Blut, für uns. Seine Liebe zu uns
kennt keine Grenzen. Bei uns Menschen kommt die Opferbereitschaft oft an Schmerzgrenzen,
an Punkte, wo unsere Liebe vielleicht nicht auszureichen vermag. Jesus überschreitet
sie.
Von jedem Kruzifix herab sagt uns Jesus: „Egal, was passiert: Ich liebe
Dich, ich gebe alles für Dich, ich habe schon alles gegeben für
Dich: Meinen Leib und mein Blut. Meine ausgestreckten Arme zeigen Dir, dass
Du mir bedingungslos kostbar und willkommen bist: Komm, lass Dich erlösen.“
In früheren Zeiten – möglicherweise, weil die körperlichen
Opfer größer, sichtbarer, selbstverständlicher waren, als
in unserer Gesellschaft, die Leiden und Leidende am liebsten abschiebt –
in früheren Zeiten wurde unbefangener, plastischer, ja poetischer über
die Erlösung durch das Opfer Christi am Kreuz gesprochen.
So zum Beispiel in einer Arie der Johannespassion von Johann Sebastian Bach.
Dort wird der von der Geißelung blutige Rücken Jesu mit dem Himmel
verglichen, an dem der Regenbogen des Bundes nach der Sintflut erschien.
In der Arie singt die Tenorstimme:
Erwäge, wie sein blutgefärbter Rücken
In allen Stücken
Dem Himmel gleiche geht,
Daran, nachdem die Wasserwogen
Von unsrer Sündflut sich verzogen,
Der allerschönste Regenbogen
Als Gottes Gnadenzeichen steht!
Uns ist eine solche Sprache fremd geworden. Sie gehört aber zum Schatz
der Christenheit, der Frömmigkeit.
Das ist mein Leib, das ist mein Blut für euch.
Zur christlichen Frömmigkeit gehört der Begriff des Opfers, sofern
er von Liebe getragen ist. Darauf geht Papst Benedikt in seiner Enzyklika
„Spe salvi“ ein, wenn er schreibt:
Noch eine für die Dinge des Alltags nicht ganz unerhebliche kleine Bemerkung
möchte ich anfügen.
Zu einer heute vielleicht weniger praktizierten, aber vor nicht allzu langer
Zeit noch sehr verbreiteten Weise der Frömmigkeit gehörte der Gedanke,
man könne die kleinen Mühen des Alltags, die uns immer wieder einmal
wie mehr oder weniger empfindliche Nadelstiche treffen, "aufopfern"
und ihnen dadurch Sinn verleihen. In dieser Frömmigkeit gab es gewiß
Übertriebenes und auch Ungesundes, aber es ist zu fragen, ob da nicht
doch irgendwie etwas Wesentliches und Helfendes enthalten war. Was kann das
heißen: "aufopfern"?
Diese Menschen waren überzeugt, daß sie ihre kleinen Mühen
in das große Mitleiden Christi hineinlegen konnten, so daß sie
irgendwie zu dem Schatz des Mitleids gehörten, dessen die Menschheit
bedarf. So könnten auch die kleinen Verdrießlichkeiten des Alltags
Sinn gewinnen und zum Haushalt des Guten, der Liebe in der Menschheit beitragen.
Vielleicht sollten wir doch fragen, ob solches nicht auch für uns wieder
zu einer sinnvollen Möglichkeit werden kann.
Vielleicht kann uns diese Anregung in der kommenden Zeit begleiten:
Da, wo mir etwas Unangenehmes widerfährt, wo ich auf Leid und Widerwärtigkeiten
stoße, will ich mich mit Jesus verbinden. Er hat das ganze Kreuz getragen,
gelitten FÜR UNS. Daran hat er immer gedacht, das war sein grundlegendes
Motiv, dazu war er auf die Welt gekommen.
Wir könnten, wenn uns ein Kreuz aufgelegt wird, ein Kreuz widerfährt,
dieses tragen FÜR ANDERE, indem wir versuchen, es gut zu tragen - mit
einem Lächeln vielleicht, nicht griesgrämig, still - und so können
wir es in ein Gebet verwandeln für bestimmte Menschen, bestimmte Anliegen.
„Herr, ich weiß nicht, warum mir dies jetzt so widerfährt,
aber ich will es annehmen für diesen Menschen, so wie Du das Kreuz für
uns angenommen hast.“
So verwandeln wir unangenehme Dinge in Akte der Liebe.
Ein uns vielleicht etwas fremd erscheinender Weg. Aber es ist ein Weg vieler
Heiliger. Es ist auch der Weg Jesu.
Das ist mein Leib, das ist mein Blut für euch.
Jesus hat sich ganz geopfert für alle. Für alle. Für alle wollen
wir nun beten, dass sie sich von der erlösenden Liebe am Kreuz beschenkt
werden und sich beschenken lassen.
2. Predigtvorschlag
Liebe Schwestern und Brüder!
Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. So sagt man. Und es stimmt.
Wir gewöhnen uns tatsächlich an vieles.
Vieles gibt es, dass wir wie selbstverständlich hinnehmen:
dass die Sonne aufgeht, dass wir zu essen haben, dass wir ein Dach über
dem Kopf haben, dass wir Urlaub machen können...
Wir gewöhnen uns tatsächlich an vieles.
Sogar an das Kreuz gewöhnen wir uns, haben wir uns gewöhnt.
Wir tragen es als Halsschmuck, wir sehen es am Wegesrand, wir betrachten es
in der Kirche, wir hängen es in unsere Wohnzimmer...
Die Darstellung des Kreuzes ist für viele von uns ganz normal, gewöhnlich
geworden. Wir gehen daran vorbei. Wir empfinden es wie Möbelstück,
das zu uns gehört.
Das Kreuz – normal? Gewöhnlich?
Das Kreuz Jesu – normal? Gewöhnlich?
Damit wir uns an das Kreuz nicht gewöhnen, damit wir das Kreuz nicht
als normal hinnehmen, darum sind wir hier.
Die Kirche stellt es uns vor Augen: Das Kreuz Jesu ist keine Selbstverständlichkeit.
Die Worte der Passion lassen nur erahnen, welche Grausamkeit mit dem Kreuzestod
verbunden war, welche Entehrung, welches Leiden.
Der Kreuzestod war die Hölle auf Erden.
Auch für unseren Herrn Jesus Christus.
Er, der Heilige, der Sohn des himmlischen Vaters hat diese Hölle durchleben
müssen. Zwei Welten prallen aufeinander, die unterschiedlicher nicht
sein können.
Wenn eine kalte Wetterfront auf eine heiße Wetterfront stößt,
denn bricht ein Unwetter los: Blitz, Donner, Hagel, Regen. Unsagbar groß
sind die Gewalten, die dann entfesselt werden.
Wie unbeschreiblich gewaltig müssen dann erst die Kräfte gewesen
sein, die sich entfesselten, als am Kreuz Himmel und Hölle zusammentrafen:
Der letzte Aufschrei Jesu am Kreuz vor seinem Tod wird weit über die
Stadt Jerusalem hinaus zu hören gewesen sein. Und niemanden wird dieser
Schrei nicht bis ins Mark erschüttert haben.
Einige Evangelisten berichten von Naturgewalten beim Tod Jesu, von Dunkelheit,
Erdbeben, geöffneten Gräbern...
Vor einem Gewitter ist die Luft schwül, drückend. Man kann schlecht
atmen, kaum arbeiten.
Nach einem Gewitter ist die Luft wieder klar, frisch. Alles lebt auf. Die
Natur, die kurz zuvor noch schwieg, meldet sich wieder zurück. Der Regenbogen
strahlt weithin sichtbar über das Land.
Vor dem Kreuzestod Jesu drückte die Sünde, drückte der Tod
die Menschen nieder. Die Angst vor dem endgültigen Scheitern, vor dem
Unheil schnürte die Seelen zu.
Nach dem Kreuzestod Jesu sind Sünde und Tod zwar noch in der Welt. Doch
sie sind besiegt. Ein für alle mal.
Tod, wo ist Dein Sieg? Du hast verloren am Kreuz.
Denn der, der das Leben ist, ist zwar gestorben, wie auch wir einmal sterben
müssen.
Er ist aber gestorben, damit er lebt, damit wir leben.
Als Himmel und Hölle am Kreuz miteinander rangen, ist der niederdrückende
Schleier der Angst vor dem endgültigen Scheitern zerrissen worden.
Das Heil brach herein in diese Welt. Es richtet uns auf und lässt uns
neu aufleben.
Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Wir gewöhnen uns tatsächlich
an vieles.
Aber an das Kreuz dürfen wir uns nicht gewöhnen.
Denn am Kreuz hängt unser Heil.
Das Kreuz ist die sichre Leiter, darauf man steigt zum Leben.
Das Kreuz ist unsere einzige Hoffnung.
Damit wir uns nicht an das Kreuz zu sehr gewöhnen und daran, dass der
Herr für Dich und mich gelitten hat – jeder Mensch ist das ganze
Blut Jesu wert - , darum hilft uns die Kirche gleich bei der Kreuzverehrung
das Kreuz mit neuen Augen zu sehen: das Verhüllte wir enthüllt.
Liebe Schwestern und Brüder!
Wir dürfen uns nicht an das Kreuz gewöhnen.
Deshalb wollen wir es grüßen, wenn wir eines sehen.
Deshalb wollen wir dem Herrn danken, wenn ein Kruzifix in unser Blickfeld
gerät.
Wir wollen das Kreuz und den Gekreuzigten ehren. Nicht nur heute in der Liturgie.
Sondern immer mehr...
3. Predigtvorschlag
Liebe Schwestern und Brüder!
Soeben haben wir die Leidensgeschichte Jesu gehört. Gleich werden wir
den Herrn, der für uns am Kreuz gelitten hat, verehren.
Das Leiden – für Außenstehende wirkt dieser Umgang der Christen
mit dem Leid fremdartig.
Es gibt Menschen, die die Kreuze aus den Schulklassen und öffentlichen
Gebäuden verbannt wissen möchten, weil sie den Anblick eines Leidenden
nicht mit ansehen können.
Manche werfen den Christen sogar eine leibfeindliche, ja sadomasochistische
Ideologie vor, weil der Gekreuzigte für uns eine so hohe Bedeutung hat.
Was können wir darauf entgegnen?
Nun zuallererst: Wir Christen freuen uns nicht über das Leid. Wir suchen
nicht das Leid. Vielmehr versuchen Christen in aller Welt durch ihren caritativen
und politischen Einsatz unnötiges Leid in der Welt zu verhindern und
zu lindern.
Aber wir Christen wissen auch: Das Leid gehört unweigerlich zum Leben
dazu. Eine leidlose Welt ist ein Hirngespinst.
Ein Hirngespinst einer Gesellschaft, die realitätsfremd geworden ist.
Einer Gesellschaft, die das Leid nicht wahrhaben will.
Einer Gesellschaft, in der Wellness, Fitness und Gesundheitswahn zum Götzen
erhoben werden.
Alles tut sie um das Leid auszumerzen.
Aber das Leid lässt sich nicht endgültig ausmerzen. Das Leid wird
bleiben.
Wenn aber das Leid nicht weggeschafft werden kann, dann müssen eben die
Leidenden weg.
Am besten verhindert man schon vor der Geburt, dass Leid zutage trete. Abtreibung
von kranken Kindern gibt es auch in unserem Land. Zigfach.
Tritt das Leid im Alter auf, dann ist für viele die Euthanasie die Lösung.
Wehe uns, wenn in Deutschland schweizer oder höllandische Verhältnisse
erlaubt werden.
Viele in der Gesellschaft rufen:
„Leiden – das kann man uns doch nicht zumuten.
Leiden – das ist doch viel zu kostspielig für unser Gesundheitswesen.
Leiden – das ist doch kein Leben mehr.“
Wir Christen fragen: „Wann ist Leben kein Leben mehr? Wer bestimmt denn,
wann das Leben noch lebenswert ist und ab wann lebensunwert?“
Wenn wir Menschen uns als Richter aufspielen in diesen Fragen, dann gnade
uns Gott.
Das Spiel mit den Begriffen „lebenswert – lebensunwert“
hat in unserem Land schon einmal verhängnisvoll geendet. Zwischen 1933
und 1945. Soll das wiederkommen? Soll Hitlers Wahn fröhliche Urständ
feiern?
Wir verehren gleich das Kreuz und den Gekreuzigten.
Wir sehen nicht weg, wo das Leid in unsere Welt bricht. Wir schauen es an.
Wir schaffen die Leidenden nicht fort. Wir stellen DEN Leidenden in unsere
Mitte.
Wir Christen haben das Kreuz zu unserem Erkennungszeichen gemacht, weil wir
wissen,
dass das Leid zu unserem Leben gehört,
dass uns in den Leidenden Christus begegnet,
dass wir durch das Leiden des Gottessohnes erlöst worden sind,
dass in seiner Auferstehung das Leid nicht das letzte Wort hat.
4. Predigtvorschlag - Das Bild des Königs ist das Bild
des Menschen
Pilatus, der römische Statthalter in Jerusalem, hat am Kreuz ein Schild mit
der Aufschrift anfertigen lassen: Jesus von Nazareth, der König der Juden
(vgl. Joh 19,19). Jesus ist der König. So hat er es auch vor Pilatus bezeugt:
„Ich bin ein König“ (Joh 18,38). Für Christus, den König der Menschen, steht
aber als Sinnbild oder Symbol nicht ein Löwe oder ein Adler oder ein anderes
Tier, das Stärke und Überlegenheit ausdrückt. Christus rufen wir an als das
Lamm Gottes. Das Sinnbild für Jesus ist das geopferte Lamm. Ein Lamm wehrt
sich nicht, wenn es zum Schlachten geführt wird. Das Lamm vergießt sein Blut,
das für Israel zum Bundesblut wird (vgl. Ex 12,7.13). Das Lamm, das Christus
ist, wird geopfert, ja opfert sich selbst, damit die Sünde der Welt hinweggenommen
wird (vgl. Joh 1,29.36).
Wie können wir in heutiger Zeit diese zentrale Botschaft vermitteln? Was kann
uns helfen, tiefer zu verstehen, was uns das sagen will: Christus ist König
– und Christus ist das Lamm Gottes? Ist das nicht ein Widerspruch, der sich
selbst aufhebt? Ist das nicht vielleicht ein mythisches oder sogar romantisches
Bild, das man besser hinter sich lassen sollte? Was kann man dazu sagen?
Da ist es gut, wenn es eine Hilfe gibt, sich dieser Wahrheit des Glaubens
neu zu nähern. Eine solche Möglichkeit gab es im Heiligen Jahr 2000. In diesem
Jahr gab es in Turin in Italien eine eigenartige und äußerst seltene Ausstellung:
ausgestellt wurde das sogenannte Leichentuch Jesu. Der Stoff, in den der Überlieferung
zufolge der Leichnam Jesu nach seiner Kreuzigung hineingelegt wurde. Auf bisher
unerklärliche Weise hat sich das Bild eines gekreuzigten Mannes auf diesem
Tuch abgebildet.
Weil mich diese Ausstellung interessierte, bin ich damals nach Turin gefahren.
Was ich da erleben konnte, war anders, als ich es mir vorgestellt hatte.
Von einem Leichentuch Jesu hat man über die ersten Jahrhunderte der Kirchengeschichte
nichts gehört. Doch der Grund dafür ist ziemlich einfach: Man hat zunächst
große Scheu gehabt, dieses Bild, so wie es ist, den Menschen zu zeigen. Es
ist zu direkt, zu offen, zu grausam. Darum hat man das Tuch so gefaltet, daß
nur noch das Haupt zu sehen ist. In einem kunstvollen Rahmen hat man das Antlitz
Christi zur Verehrung ausgestellt.
Als im Heiligen Jahr in Turin die Ausstellung war, durfte ich, wie auch die
anderen, nicht sofort in den Dom hinein, um mir das Tuch anzuschauen, so wie
ich zunächst vermutet hatte. Erst einmal mußte man sich anmelden und dann
nach der Anmeldung zu einem längeren Weg aufbrechen. Am Anfang dieses Weges
war ein großes weißes Zelt. In diesem Zelt war Gelegenheit zur eucharistischen
Anbetung und zur Beichte.
Das war schon ein wichtiges Zeichen: um die Botschaft, die in diesem Bild
enthalten ist, wirklich annehmen zu können, muß man sich innerlich darauf
einstellen, muß ich mich vorbereiten. Gott zwingt niemanden; er setzt meinen
freien Willen und meine menschlichen Möglichkeiten, die ich habe, nicht außer
Kraft. Sondern er traut mir zu, mich zu ändern, meinen Sinn neu zu ordnen.
Er mutet mir die Umkehr zu.
Danach wurde man in kleinen Gruppen auf einen Weg geschickt. Dort konnte man
sich auf die Botschaft vom Leben Jesu und seiner Botschaft einlassen. Wie
viele Menschen haben wohl auf diesem Weg zum ersten Mal oder seit langem wieder
von Jesus gehört? Dann war etwas über die Geschichte des Grabtuches zu erfahren,
und am Schluß wurde man in einer Diaschau mit den Besonderheiten des Grabtuches
vertraut gemacht. –
Alles das diente der Vorbereitung auf die Begegnung mit diesem einzigartigen
Bild. Man wurde also wirklich gut vorbereitet, so daß die Ausstellung kein
Spektakel war, keine Sensation, sondern ein geistlich-geistiges Ereignis.
Und dann stand ich im Halbdunkel des Domes vor diesem Bild, und da kamen mir
die Worte in den Sinn, die Pilatus sprach, als er Christus, als Spott-König
mit Dornenkrone und Purpurgewand ausstaffiert, der haßerfüllten Masse präsentierte:
„Seht da, den Menschen!“ (Joh 19,5). Und ich dachte mir: Genau das ist es.
Das Bild des mißhandelten, getretenen und am Kreuz gestorbenen Christus ist
das Bild des Menschen heute.
Nie zuvor wie in den vergangenen 100 Jahren wurde der Mensch ja so sehr getreten,
mißhandelt und seine Würde in den Schmutz getreten. Und darum, glaube ich,
gibt es kein tieferes und wahreres Bild vom König als dieses Bild auf dem
Leichentuch Christi. Weil es nicht nur ein Bild vom Leiden Jesu vor 2000 Jahren
ist, sondern auch ein Bild vom Leiden und von der Entehrung des Menschen heute.
Dieser Gedanke kann schon bedrücken und den, der darüber nachdenkt, mutlos
machen. Doch eine Sache ist da, die auch wichtig ist im Blick auf diese wertvollste
Ikone, die die Christenheit heute besitzt: der Gedanke nämlich, daß ja im
Laufe der Jahrhunderte all die großen Städte und steinernen Gebäude, all die
wertvollen Gefäße, in denen das Grabtuch aufbewahrt wurde, inzwischen zerstört
und nicht mehr da sind.
Bis dahin, daß vor acht Jahren ein verheerender Brand in der Grabtuchkapelle
wütete und daß dieses Leinentuch erst in allerletzter Minute durch den Einsatz
eines Feuerwehrmannes gerettet werden konnte. Mitten im Rauch und in den Flammen
schlug er mit übermenschlicher Kraft mit seinem Vorschlaghammer immer und
immer wieder auf das fünffache Panzerglas ein, bis er es zerborsten hatte
und das Tuch in letzter Minute vor den Flammen retten konnte. Alle Gebäude
sind dahin, aber dieses dünne Stück Stoff hat alle Zeiten überdauert. - Könnte
das nicht ein Zeichen sein, das Gott uns gibt und in dem er uns zeigen will,
daß nur die Gemeinschaft mit dem leidenden und auferstandenen Christus uns
rettet?
Heute feiern wir den Karfreitag und schauen auf das Bild des getretenen,
geschlagenen und gekreuzigten Christus. Christus, der für uns leidet und stirbt,
läßt uns in jedem leidenden, kranken, gedemütigten und hilfsbedürften Menschen
Sein Antlitz erkennen. Christus, dessen Tod wir heute feiern, öffnet aber
auch unseren Glauben an Gott, der nicht zuläßt, daß Leiden und Tod das letzte
Wort haben. Nicht der Tod hat das letzte Wort, sondern die Liebe Gottes. In
dieser Liebe geborgen, gehen wir auf Ostern zu, auf das Ostern der Auferstehung
Jesu und auf das Ostern unserer eigenen Auferstehung, der Auferstehung der
Menschen aus Leid, Schmerz und Tod.
5. Predigtvorschlag - "Ist Gott die Liebe - oder
der strenge Richter?"
Liebe Schwestern und Brüder!
Bei dem Lied "Strenger Richter aller Sünde" habe ich immer
noch ein schlechtes Gefühl. Zu sehr haben wir uns an das Bild des
gütigen Vaters gewohnt, das uns Christen ja auch von allen anderen
Religionen unterscheidet.
Das Wesen Gottes ist die Liebe. Das hat Papst Benedikt in seiner ersten
Enzyklika ausdrücklich betont - und dabei auch einen kurzen Blick
auf die anderen Religionen, vor allem den Islam, geworfen. Ihnen ist dieses
Bild des liebenden Gottes fremd, ja, sogar unangenehm. Denn ein liebender
Gott ist in ihren Augen auch ein schwacher Gott.
Ja, Gott ist in bestimmter Hinsicht schwach. Er verzichtet auf seine
große Macht und wird Mensch; und auch als Mensch verzichtet er auf
das bisschen Gewalt, das er noch hat, und lässt sich willig wie ein
Lamm zur Schlachtbank führen. Gott erscheint nicht mehr als Gott,
ja, noch nicht einmal mehr als Mensch, sondern als Lamm. Wehrlos.
Gott ist wehrlos in seiner Liebe. Denn Liebe bedeutet, den anderen nicht
zu etwas zu zwingen. Auch nicht zum Guten zu zwingen, nicht zur Einhaltung
der Gebote zu zwingen, vor allem nicht zur Liebe zu zwingen. Wer lieben
will, der kann nur werben, nur hoffen und selbst - immer wieder - lieben.
Keine Liebe wirbt mehr, zeigt mehr von ihrer Ernsthaftigkeit, als wenn
sie bereit ist zu leiden. Wer seinem Geliebten oder seiner Geliebten zuliebe
bereit ist, zu verzichten. Ob es das frühe Aufstehen ist, Frühstück
ans Bett zu bringen oder sogar auf eine berufliche Karriere zu verzichten:
Liebe beweist ihre Größe darin, auch das Leid in kauf zu nehmen.
So ist Gott derjenige, der die größte Liebe hat und zeigt:
Er umwirbt uns Menschen und ist bereit, für seine Liebe zu uns zu
sterben. So sehr hat Gott den Menschen geliebt, dass er seinen eigenen
Sohn hingibt, damit wir das Leben haben.
Aber wir dürfen uns nicht täuschen und glauben, dass es nun
egal ist, wie wir sind - Gott liebt uns doch sowieso. "Lach doch,
Gott liebt dich. Bleib ruhig, wie Du bist." ist nicht nur lieblos
- sondern auch gefährlich.
Es ist gefährlich, weil Gottes Liebe ja eine werbende Liebe ist
- ein Liebe, die uns zur Gegenliebe bewegen will. Gott will uns selbst
liebesfähig machen. Er will unseren Blick erheischen, uns erwärmen
und sich ähnlich machen. Wer diesem werben widersteht, so heißt
es, "ist schon gerichtet".
Gott ist in seiner Liebe auch der Richter. Aber wir selber sprechen uns
das Urteil, indem wir antworten oder uns abwenden. Diejenigen, die sich
nicht anrühren lassen, "haben ihren Lohn bereits erhalten",
"sprechen sich selbst das Urteil". Gott in seiner bedingungslosen
Liebe ist so wehrlos und liebevoll, dass es keine Rettung mehr gibt für
den, der dieser Liebe entsagt. Wer sich von diesem Gott nicht anrühren
lässt, ist tot.
Weil Gottes liebe so groß ist, ist auch seiner Gericht endgültig.
Es gibt keine Rettung für den, der sich Gottes Werben gegenüber
auch noch den geringsten Anflug von Sympathie verbietet.
Wer sich davon anrühren lassen kann, dass ein Mensch ihn liebt,
kann gerettet werden. Wer sich erst dann erwärmt, wenn dieser Mensch
seine Liebe beweist - und sei es durch Verzicht, Opfer, oder Leiden -
auch der kann noch zu Leben erweckt werden. Wer aber selbst dann, wenn
Gott selbst liebt, leidet und für ihn stirbt, nur noch Spott und
Verachtung übrig hat, der verfehlt das Leben - für immer. Gott
ist der "strenge Richter", ja, weil er die größte
Liebe ist, die es gibt.
Gott ist die Liebe - er will nicht unser Gehorsam, nicht unseren Dienst
und nicht unser Leben. Er will, dass wir werden wir er: Liebende Wesen.
Amen.
6. Predigtvorschlag - Zum Film "Die Passion Christi"
von Mel Gibson
Liebe Schwestern und Brüder, in letzter Zeit hat der Film "Die
Passion Christi" für viel Aufsehen gesorgt. Neben vielen, die
den Film in den höchsten Tönen loben, gibt es zahlreiche Stimmen,
die sich gegen diesen Film wenden - zum Beispiel in unserer Kirchenzeitung,
«Kirche und Leben».
Dabei werden hauptsächlich drei Vorwürfe laut:
-
Zunächst der Vorwurf, der Film sei Anti-Semitisch (oder besser:
Anti-Judaistisch), - oder zumindest, so Kardinal Lehmann, leicht für
den Antisemitismus zu instrumentalisieren,
-
dann der Vorwurf, der Film sei unnötig brutal und deshalb eher
abstoßend, er schaffe Distanz anstatt Mitleid,
-
und zuletzt der Vorwurf, der Film verkürze die Botschaft des
Glaubens auf das Leiden und Sterben Jesu und blende das Leben und
die Predigt Jesu vollkommen aus.
Nun, die Vorwürfe sind eigentlich schnell entkräftet:
-
Wer einmal in unser Glaubensbekenntnis aufmerksam geschaut hat,
wird feststellen, dass dort anscheinend das Leben Jesu ebenfalls ausgeblendet
wird: Nach dem Glaubenssatz "Empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria" folgt unmittelbar "gelitten
unter Pontius Pilatus". Die Kritiker, die dem Film eine Verkürzung
der Botschaft unseres Glaubens vorwerfen, müssten dann auch unser
Glaubensbekenntnis ablehnen. Tatsächlich ist es aber so, dass
jede Predigt und jedes Wunder Jesu erst durch sein Leiden, Sterben
und Auferstehen gefüllt wird.
-
Der Vorwurf, der Film sei zu brutal, ist natürlich zunächst
Ansichtssache; tatsächlich sind einige Szenen, vor allem die
der Geißelung, fast unerträglich. Aber Fakt ist auch, dass
der Regisseur die Misshandlungen, die durch die Evangelien oder durch
das Grabtuch von Turin belegt sind, deutlich abgemildert hat. Die
Wirklichkeit war noch härter als das, was wir im Film zu sehen
bekommen.
-
Der dritte Vorwurf wird inzwischen kaum noch erhoben: Dass der Film
antijudaistisch sei. An mehreren Stellen hat der Regisseur Szenen
hinzugefügt, die deutlich machen, dass es viele Juden (auch Mitglieder
des Hohen Rates) gab, die sich dem Diktat des Kaiaphas widersetzten.
Trotzdem bleibt beim Betrachten des Filmes ein seltsames Gefühl.
Daher rühren vermutlich die immer wieder vorgebrachten, eigentlich
unpassenden Vorwürfe. Irgendetwas stimmt mit uns nicht, wenn wir
diesen Film anschauen. Eine Jugendliche hat es mit der Frage auf den Punkt
gebracht: "Warum dreht jemand so einen Film?"
Warum dreht jemand so einen Film? Vielleicht meinte Markus Nolte, der
Schreiber in unserer Kirchenzeitung, diese Frage, als er seinen Artikel
titelte: "Viele wichtige Fragen - und keine Antworten".
Dabei ist das, was der Film zeigt, ur-katholisch. Auch wir treffen uns
zu Kreuzwegandachten und Passionsspielen, um die Leiden Christi zu betrachten.
"Betrachten", das heißt anschauen, hinschauen, vor Augen
halten, wie es war. Und es war eben kein Picknick. Aber was antworten
wir, wenn wir gefragt werden, warum wir das tun? Das Leiden Christi betrachten?
Ich habe einmal in den Vorlagen zu den Jugendkreuzwegen oder den Vorschlägen
zu den Kreuzwegandacht von Misereor geblättert und festgestellt,
dass wir genau das nicht mehr tun: Das Leiden Christi betrachten. Vielmehr
wird unsere Aufmerksamkeit immer sofort vom Leiden des Herrn weitergelenkt
- auf die Leiden in dieser Welt, die Ungerechtigkeiten, die Ausbeutungen,
unsere eigenen Verfehlungen und Kreuzwege. Wir haben, angeleitet durch
verfehlte Vorlagen, verlernt, den Sinn im Leiden Jesu zu sehen. Und deshalb
sehen wir auch keinen Sinn darin, wenn Mel Gibson die Leiden Jesu nun
verfilmt hat.
Warum beten wir den Kreuzweg? Und warum ist es - entgegen der Empfehlung
unserer Kirchenzeitung - hilfreich, durch diesen Film das Leiden Jesu
an sich heranzulassen?
Weil Jesus für mich gelitten hat. Alles, was er ertragen
musste, hat er für mich getan. Wäre ich der einzige Mensch
auf der Welt - Jesus hätte alles das dennoch erlitten, um meine
Schuld abzubüßen. Und deshalb, weil es nicht irgendein Leiden
ist, sondern mein Leiden, Leiden für mich, darf ich die Augen
nicht verschließen. Um meine Dankbarkeit zu diesem Jesus nicht erlahmen
zu lassen, um die Größe seiner Tat zu begreifen, um seine Liebe
zu erkennen, muss ich sehen, was er erlitten hat.
Das ist es, was wir verlernt haben, was wir nicht mehr begreifen, was
unsere Kreuzwegandachten nicht mehr hergeben und was in unserer Kirche
nicht mehr gepredigt wird: Ich habe verschuldet, was Jesus gelitten. Und
obwohl ich es verdient hatte, so zu leiden, hat Jesus es an meiner Stelle
getragen - aus Liebe zu mir, freiwillig.
Und weil wir davor die Augen verschließen, erscheint der
Film uns so unerträglich.
"Viele wichtige Fragen - und keine Antworten": So sollte man
sinnvollerweise nicht den Film betiteln, sondern unsere Verkündigung.
Liebe Schwestern und Brüder, wir glauben immer noch mehrheitlich,
Gott würde uns verzeihen, indem er einmal kurz seufzt und dann sagt:
"Na, Kinder, ist schon gut. Ich werde Euch halt noch einmal vergeben."
Und er fügt nicht hinzu: "Aber das ist das letzte Mal!"
weil er eben nicht anders kann - glauben wir.
Aber dass Gott diese Vergebung etwas kostet, nämlich das entsetzliche
Leiden seines Sohnes, das wollen wir nicht wahrhaben.
Kennen Sie den Schmerz, der Sie trifft, wenn jemand, den Sie lieben,
Sie schamlos ausnutzt, Ihre aufrichtige Liebe lächerlich macht und
verachtet? Nun, Gott empfindet viel tiefer, denn seine Liebe ist tiefer
- und wir nutzen sie trotzdem aus, verachten sie, verhöhnen sie und
nehmen seine Angebote zur Versöhnung und Umkehr nicht wirklich wahr.
Könnten wir nur annähernd begreifen, was es für Gott bedeutet,
unsere Lieblosigkeiten zu ertragen und seinen Schmerz immer neu in Liebe
zu wandeln, wir würden eher sterben wollen, als noch einmal zu sündigen.
«... wir würden eher sterben wollen, als noch einmal zu sündigen.»
Das ist die Antwort, die Markus Nolte im Film nicht gefunden hat: Gott
hat lieber sterben wollen, als uns in der Sünde zu belassen.
Ich empfehle allen, die sich dieser Herausforderung stellen wollen, sich
den Film "Die Passion Christi" anzuschauen. Vielleicht sprechen
Zeitgründe, organisatorische oder familiäre Gründe dagegen.
Aber auf keinen Fall sollten wir den Film deshalb meiden, weil wir uns
weigern, das anzuschauen, was wir verschuldet haben.
Amen.
7. Predigtvorschlag
Liebe Schwestern und Brüder!
Wie sehr Jesus Christus wirklich gelitten hat, können wir kaum nachvollziehen.
Überhaupt fällt es uns bei einem anderen Menschen schwer, dessen
Leid zu ermessen.
Trotzdem möchte ich einmal ganz vorsichtig die ungewohnte Frage stellen,
ob nicht andere Menschen, zu anderen Zeiten der Geschichte, mehr gelitten
haben als Jesus Christus.
Wer heute in die Weltgeschichte schaut, die Leidensgeschichten von Kriegsflüchtlingen
betrachtet, auf die Opfer von Hungersnöten und Epidemien schaut,
der sieht oft nicht-enden-wollendes Leid. Und trotz unserer modernen Medizin
leiden Menschen heute immer noch, oft jahrelang, auch in unserer westlichen
Welt, an den neuen Geißeln der Menschheit: Krebs, Unfälle und
andere heimtückische Krankheiten. Wir brauchen uns von diesen Schicksalen
gar nicht einmal die schlimmsten herausnehmen, um zu dem Schluss zu kommen,
dass diese Menschen oft weitaus größeres Leid zu tragen haben,
als der Tod am Kreuz es gewesen ist.
Liebe Schwestern und Brüder, unser Leben ist kein gleichmäßiger,
ruhiger Fluss, der sich stetig von den Höhen der Jugend bis zu den
Niederungen des Alters bewegt. Unser Leben hat, egal wie lange es dauert,
immer wieder Höhen und Tiefen. Den glücklichen, erfüllten
Momenten, voller Freude und Zuversicht, stehen Zeiten der Niedergeschlagenheit
und Hoffnungslosigkeit gegenüber. Besonders bedrückend ist es,
wenn solche Momente sich sehr abrupt abwechseln; wenn Geburt und Tod nahe
bei einander liegen. Wer kann schon solche Höhenunterschiede in kurzer
Zeit verkraften?
Von Gott allerdings, so glauben wir, gibt es keine Veränderung.
Er ist heute, gestern und in Ewigkeit derselbe. Der «unbewegte Beweger»
so sagen die Philosophen. Der Schöpfer der Welt und allen Menschen
gleich liebevoll gesonnen.
Größer könnte der Unterschied zwischen Gott und Mensch
kaum gedacht werden. Aber unser Gott ist nicht so ferne geblieben. Er
thront nicht auf den höchsten Höhen und blickt mit Mitleid und
Unverständnis auf unsere Sorgen. Gott liebt uns so, dass er seinen
eigenen Sohn gesandt. Und Jesus Christus, Gott an Herrlichkeit gleich,
hielt an dieser Herrlichkeit nicht fest, sondern hat sich zu uns herabgelassen.
Ja, er wurde uns nicht nur gleich, sondern sogar noch viel niedriger als
wir Menschen üblicherweise sind: Er wurde zu den Verbrechern gezählt
und hingerichtet.
Die Größe des Leids, liebe Schwestern und Brüder, liegt
nicht in der Tiefe und in der Dauer des Leides. Auch die Schmerzen können
wir nicht messen. Die Größe des Leides liegt im Höhenunterschied,
den das Leben von uns abverlangt. Der eigentliche Schmerz liegt in der
Talfahrt von den Höhen des Lebens hinab. Ja, das eigentliche Leid
liegt genau darin: Dass Hoffnungen sich zerschlagen; dass Freude so abrupt
enden kann; dass wir uns sagen: Es hätte doch so schön kommen
können, und jetzt das.
In diesem Sinne hat Jesus Christus wirklich mehr gelitten als jeder andere
von uns, ist tiefer gesunken und hat mehr verloren, unendlich viel mehr.
Was heißt dann aber Trost? Worin besteht Trost? Wie geht es, solches
Leid auszuhalten, nicht zu verzweifeln oder zu resignieren?
Das kann nur der, der alles umfangen hält. Der in den Niederungen
des Lebens noch einen Blick für die Höhen hat. Der aufschauen
kann, woher er gekommen ist und wohin es wieder geht. Der sich vorstellen
kann, die nächsten Höhen wieder zu erreichen. Oder der zumindest
die Hoffnung auf die endgültigen Höhen des Himmels nicht verliert.
Wenn wir Leid so sehen und zu begreifen versuchen, dann können wir
wirklich auf diesen Schmerzensmann schauen und darin Trost finden. Jesus
ist von den Höchsten Höhen, von der himmlischen Herrlichkeit
herab in die größte Not, von Gott und den Menschen verlassen
zu sein, gesunken. Er hat mehr verloren und mehr Leid ertragen, als je
ein Mensch dies konnte. Aber er hat alles dies getan, weil er in jedem
Augenblick wusste, wofür er es tut: Für uns. Für jeden
Einzelnen von uns. In jedem Augenblick seines Hinabsteigen wusste er,
dass er uns damit den Weg nach ganz oben eröffnet. Er hat nie den
Blick verloren für die endgültige Höhe Himmels, in die
Gott ihn und auch uns erhöhen wird. Deshalb finden wir Trost in seinem
Leiden, auch wenn wir manchmal meinen, unseres sei größer.
Amen.
8. Predigtvorschlag
Liebe Schwestern und Brüder!
Es ist noch nicht lange her, als durch unser Land die Diskussion um das
Kreuz in den Schulen ging. Ausgelöst wurde diese Diskussion durch
einige Eltern, die ihren Kindern das Kreuz als täglichen Anblick
nicht zumuten wollten; weil das Kreuz als religiöses Abzeichen die
Freiheit der Weltanschauung gefährde.
Nun, die Diskussion will ich hier nicht wieder aufrollen. Viele Argumente
wurden damals genannt und ausgetauscht. Im Nachhinein hat mich allerdings
überrascht, dass der eigentliche Anstoß des Kreuzes überhaupt
nicht wahrgenommen wurde. Denn das Kreuz sollte ja nicht entfernt werden,
weil es zu grausam wäre, zu brutal, für Kinder ungeeignet. Oder
weil der Glaube, der dahintersteht, zu abstrus und zu veraltet ist. Oder
weil die Eltern mit diesem Jesus nichts zu tun haben wollten.
Nein, das Kreuz sollte entfernt werden, weil in ihm ein Symbol für
die christlichen Kirchen gesehen wurde. Mehr nicht. So, wie ein Firmenlogo
für ein Produkt steht. Und mit dieser Firma will man nichts zu tun
haben. In der Schule darf ja keine Firma irgendeine Art von Werbung anbringen.
Und gleiches Recht für alle: Dann darf das die Kirche auch nicht.
Das Kreuz - ein eingetragenen Warenzeichen der Firma Jesus & Co.!
Wenn das auf den ersten Blick etwas seltsam klingt, dann wollen wir einmal
einen zweiten Blick darauf werfen.
Mit Kreuz und Glauben verbinden viele vor allem die Kirche mit ihrem
Bodenpersonal - und nicht den, der daran hängt: Jesus Christus.
Die Kirche als menschliche, fehlerbehaftete Einrichtung ist in aller
Munde, garantiert hohe Einschaltquoten bei heißen Talkrunden und
bietet immer genügend Gesprächsstoff.
Der eigentliche Inhalt unseres Glaubens aber geht verloren. Es nimmt
so gut wie keiner Ärgernis an der Tatsache, dass wir überhaupt
an einen gekreuzigten Gott glauben. Es stößt sich keiner an
unseren Glauben an einen so menschlichen Gott, obwohl das doch eigentlich
gar nicht geht - Gott und Mensch in einer Person.
Nur die wenigsten stören sich an den seltsamen Glauben, dass wir
den Leib und das Blut Jesu zu uns nehmen. Und kaum einer erklärt
den Glauben an den einen - aber dreifaltigen Gott für widersinnig...
und so weiter.
Und weil uns keiner solche Fragen stellt, brauchen wir auf diese Fragen
nicht zu antworten - und wissen dann nach einiger Zeit auch gar nicht,
wie die Antwort denn lauten würde.
Aber gerade in diesen Fragen offenbart sich der Kern unseres Glaubens.
Das Kreuz ist keine Erkennungsmarke eines religiösen Vereins. Das
Kreuz als solches ist wertlos! Wir verehren es, weil Jesus daran gehangen
hat. Er ist wichtig, er ist die Mitte. Auf ihn sollte sich eigentlich
das ganze Interesse richten. Die Kirche ist dagegen ziemlich unwichtig.
Ob die Kirchensteuer abgeschafft werden soll oder Priester heiraten dürfen
ist absolut uninteressant für den, der zum Glauben finden will. Aber
davon reden viele Christen am liebsten. Was macht das für einen Eindruck
auf wirklich suchende Menschen?
Eigentlich ist die Kirche unwichtig. Aber die Leute schauen nunmal auf
die uns, die Christen - und eben nicht in die Bibel. Wir, in dem, was
wir reden, sind die Bibel der fast 70 % Nichtkatholiken in Deutschland.
Reden wir also bitte weniger von dem Verein, dem wir mit der Taufe beigetreten
sind. Reden wir doch bitte mehr von der Person, mit der wir uns - hoffentlich
- verbunden fühlen. Von Jesu Leben, von seinem Tod, seiner Auferstehung.
Vom Kreuz, das die Brücke zum Leben ist. Vom guten Vater, der seinen
eigenen Sohn für uns hingegeben hat. Von der Großartigkeit,
Jesus in der Messe leibhaftig (!) zu begegnen. Von meiner eigenen Erlösung.
Amen.
9. Predigtvorschlag
Ein zwanzigjähriger junger Mann hat folgenden Traum gehabt:
»Ich befand mich in einem Zimmer, in dem nichts war außer
einem Regal voller Kästen mit Karteikarten. Sie ähneln den Karten,
die man in Büchereien findet, auf denen Titel, Autor und Sachgebiet
alphabetisch aufgelistet sind. Aber die Kästen hier, die vom Fußboden
bis zur Decke reichten und zu rechten und linken kein Ende nahmen, waren
in ganz unterschiedliche Rubriken eingeteilt. Als ich mich dem Regal näherte,
erregte eine Box mit der Aufschrift "Mädchen, in die ich verliebt
war" meine Aufmerksamkeit. Ich öffnete den Kasten und begann
ein bisschen herumzublättern. Schnell schlug ich ihn wieder zu. Erschrocken
stellte ich fest, dass mir all die Namen bekannt vorkamen.
Ohne, dass es mir jemand sagen musste, wusste ich genau, wo ich war.
Dieser düstere Raum mit seinen Akten beinhaltete ein Katalogsystem
über mein Leben. Hier war alles aufgeschrieben, Wichtiges und Unwichtiges,
mit allen Details, an die ich mich gar nicht mehr erinnern konnte.
Verwunderung und Neugier überkamen mich gleichzeitig, als ich mit
Schaudern anfing, planlos die Kästchen zu öffnen, um ihren Inhalt
zu inspizieren. Einige brachten Freude und schöne Erinnerungen, bei
anderen schämte ich mich so sehr, dass ich mich vorsichtig umdrehte,
um zu sehen, ob mich jemand beobachtete. Der Kasten "Freunde"
stand neben dem Kasten "Freunde, die ich enttäuscht habe".
Die Aufschriften waren zum Teil ganz normal, zum Teil ziemlich absurd.
"Bücher, die ich gelesen habe"; "Lügen, die ich
erzählt habe"; "Ermutigungen für andere"; "Witze,
über die ich gelacht habe".
Einige waren in ihrer Exaktheit schon fast witzig: "Worte, die ich
meinem Bruder an den Kopf warf". Über andere konnte ich gar
nicht lachen: "Dinge, die ich aus Wut getan habe"; "Beleidigungen,
die ich im stillen meinen Eltern gegenüber aussprach". Immer
wieder war ich über die Inhalte überrascht. Häufig fand
ich viel mehr Karten vor, als ich erwartete, manchmal weniger, als ich
erhoffte.
Die unglaublich Menge der Kästen überwältigte mich. Konnte
es möglich sein, dass ich mit meinen 20 Jahren all diese Karten,
bestimmt Tausende, wenn nicht sogar Millionen, ausgefüllt hatte?
Jede Karte bestätigte diese Annahme. Sie wiesen alle meine Handschrift,
sogar meine Unterschrift auf.
Der Kasten "Lieder, die ich angehört habe" war viel größer
als alle anderen, fast drei Meter breit. Die Karten waren eng hintereinander
angeordnet. Ich schloss ihn beschämt, nicht so sehr wegen der Qualität
der Musik, sondern weil ich mir der immensen Zeitverschwendung bewusst
wurde, die diese Rubrik deutlich machte.
Als ich die Aufschrift "erotische Gedanken" entdeckte, lief
mir ein Schauder über den Rücken. Ich zog den Kasten nur ein
Stück heraus, denn ich wollte die Größe gar nicht erst
sehen, und nahm schnell eine Karte heraus. Innerlich zuckte ich zusammen
bei den genauen Angaben darauf. Mir wurde schlecht, als ich daran dachte,
dass auch solche Momente festgehalten waren.
Die Aufschrift eines anderen Kasten lautete: "Personen, denen ich
von Gott erzählt habe". Die Griff dieses Kästchens war
sauberer als die anderen drumherum, neuer, fast unbenutzt. Ich zog, und
ein Kasten nicht länger als sein paar Zentimeter kam zum Vorschein.
Ich konnte die Karten darin an einer Hand abzählen.
Mir kamen die Tränen. Ich fiel auf die Knie und weinte laut. Niemand,
wirklich niemand darf jemals von diesem Raum erfahren! Ich muss ihn abschließen
und den Schlüssel verstecken.
Dann, als die Tränen versiegt waren, sah ich ihn. Oh nein, bitte
nicht er! Nicht hier. Nein, alles, aber bitte nicht Jesus!
Hilflos nahm ich war, dass er die Kästen öffnete und die Karteikarten
durchlas. Als ich mich überwand und ihm ins Gesicht schaute, bemerkte
ich, dass es ihn noch viel mehr schmerzte als mich. Intuitiv schien er
die peinlichsten Kästen herauszunehmen. Warum musste er jede einzelne
Karte lesen?
Schließlich drehte er sich um und sah zu mir herüber. Mitleid
spiegelte sich in seinen Augen. Ich senkte meinen Kopf, hielt mir die
Hände vors Gesicht und fing wieder an zu heulen. Er kam zu mir und
legte den Arm um mich. Er hätte soviel sagen können - aber er
schwieg. Er weinte mit mir.
Dann stand er auf und ging zurück zu dem Regal. Er begann an einer
Seite des Zimmers, nahm jeden Kasten raus und fing an, meinen Namen durchzustreichen
und ihn mit seinem eigenen zu überschreiben - auf jeder Karteikarte.
"Nein", schrie ich und rannte zu ihm herüber. Das einzige,
was ich sagen konnte, war "nein, nein", als ich ihm die Karte
aus der Hand zog. Sein Name sollte nicht auf dieser Karte stehen. Aber
da stand er schon, mit blutroter Farbe. Nur sein Name war zu lesen, Jesus,
nicht mehr meiner. Er hatte mit seinem Blut unterschrieben.
Schweigend nahm er die Karte zurück. Er lächelte traurig, während
er weiter die Karten unterzeichnete. Ich weiß nicht, wie er das
so schnell gemacht hatte, dann schon im nächsten Augenblick hörte
ich den letzten Kasten zuklappen. Er legte seine Hand auf meine Schulter
und sagte: "Es ist vollbracht".
(diese "Predigt" ist eine Kurzfassung der Geschichte
"Die Lebensdaten-Kartei" von Joshua
Harris)
10. Predigtvorschlag
Liebe Schwestern und Brüder!
Was ist es, nach dem wir, nach dem sich alle Menschen im Grunde ihres
Herzens zutiefst sehnen? Was ist eigentlich unser tiefster, eigener Wunsch?
Wenn wir in uns selber einmal tief graben und all die oberflächlichen,
vorübergehenden Antworten beiseite lassen, was finden wir dann? Das
ganze Sehnen der Menschen dürfte darauf hinauslaufen, dass sie leben
wollen. Zutiefst leben, erfüllt leben.
Alle Menschen sind, ob gläubig oder nicht, auf der Suche nach der
Quelle des Lebens. Dort, wo sie dem in Reinform begegnen, unverdorben
und lebendig.
Die Antwort, die wir Christen den Menschen geben, ist das Bild des Gekreuzigten.
Ist ein Evangelium, in dem die Hauptperson qualvoll am Kreuz stirbt. Für
die, die das Leben schlechthin suchen, eine unsinnige Antwort. Der moderne,
aber sehnsuchtsvolle Mensch kann damit nichts mehr anfangen.
Klar zum Ausdruck gebracht hat das Hermann von Veen in einer kleinen
Geschichte, in der Gott in ein Dorf kommt und dort das Gebäude einer
Kirche entdeckt. Er besucht sie kurz, kann aber mit dem unerträglichen
Bild des Gekreuzigten nichts anfangen, verwirft Kirche, Bücher und
Kreuze und setzt sich lieber zu den Nicht-Christen auf die Parkbank in
die Sonne. Eine Geschichte, die sich inzwischen in vielen Büchern
und Heften findet. So denkt der moderne Mensch, so muss Gott sein. Voller
Lebensfreude, abgewandt von allem Leid, das reine Vergnügen. Am liebsten
würden wir uns auch in die Sonne auf eine Parkbank setzen, nicht
in die dunklen, kalten Kirchen, und darauf warten, dass Gott sich zu uns
setzt.
Gerade der unbändige Willen zum Leben, die rastlose Suche nach dem,
was uns erfüllt, macht uns blind für die eine Wahrheit: Die
einzige Brücke in den Himmel, der einzige Weg zum Leben, zur Erfüllung,
zur Lebensfülle ist das Kreuz.
Der Mensch, der sich selbst von Gott, dem Spender allen Lebens entfernt
hat um sich an andere, selbstgemachte Götter zu klammern, wird immer
den Weg zurück zu Gott als schmerzlich erfahren. Es gibt keinen anderen
Weg zur Freude: Wir müssen unsere Umklammerung von den trügerischen
Wirklichkeiten lösen, so schmerzlich und wenig lebenserfrischend
uns das scheint. Wie schwer das ist, die bloß vergänglichen
Werte loszulassen, und wie viel Leid das kostet, sehen wir Tag für
Tag in den Nachrichten: Krieg, Raub, Eifersucht, Mord und so weiter. Seit
wir Gott aus den Augen verloren haben, klammern wir uns mit einer Brutalität
an die kleinsten Nebensächlichkeiten, dass wir uns gegenseitig erdrücken.
Und hier geschieht, was Erlösung meint: Gott selbst ergreift die
Initiative, nimmt uns das Leiden ab, erträgt es selbst. Wir sind
es, die sich lösen müssen, um für Gott frei zu werden,
aber Er ist es, der das Leid, das damit verbunden ist, und die Not und
die Angst auf sich nimmt. Er zerreißt, wie auf dem Hungertuch zu
sehen ist, den Vorhang zu Gott. Sichtbar ist der Gekreuzigte, der Gestorbene,
der Gequälte, der unsere Qualen trug. In Ihm aber könne wir
uns von unserer Vorliebe für das Vordergründige befreien lassen,
in Ihm finden wir plötzlich das Leben in seiner bisher unerfahrenen
Fülle. So seltsam es klingen mag: Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist
Leben.
Für die lebensdurstige, aber oberflächlichen Menschen ist dieses
Bild des Gekreuzigten vielleicht Grund genug, um sich abzuwenden. Für
uns ist es Bild der Erlösung. Es gibt keinen anderen Weg zum Leben,
als den, den Jesus für uns gegangen ist. Und für uns ist es
zum leichten Weg geworden, weil unser Gott ihn schon mit seinem Kreuz
geebnet hat. Wer sich durch das Kreuz befreien lässt, der findet
hier schon einen Vorgeschmack auf das Leben schlechthin, der all unsere
Hoffnungen übersteigt.
Wer wirklich Ostern finden will, Ostern, das Fest der Auferstehung und
des Lebens, findet es nur über Karfreitag. Und wer im Bild das Gekreuzigten
bereits den Auferstandenen sieht, der ist bereits befreit mit Blick durch
die Oberfläche hindurch auf die Fülle des Lebens.
11. Predigtvorschlag
Liebe Schwestern und Brüder, die Liturgie vom Karfreitag stellt
ein ganz besonderes Merkmal des Christlichen heraus: Die Aufnahme des
Leides in die Feier der Liturgie.
Leid, so sollte man eigentlich meinen, kann man nicht feiern. Wenn Feiern
etwas mit Freude zu tun hat, dann passen Feier und Leid nicht zusammen,
denn das Leid ist doch das Gegenteil von Freude.
Leid und Krankheit meinen, dass etwas nicht mehr in Ordnung ist. Wenn
unser Körper nicht mehr so ist, wie er sein sollte, dann sprechen
wir von Krankheit. Die Ordnung, die das Leben ermöglicht, ist gestört;
wir suchen den Arzt auf, damit er uns wieder in Ordnung bringt. Leider
ist das nicht immer möglich.
Aber das gilt nicht nur für unseren Körper, sondern auch für
unser ganzes Leben: Wenn Freunde sich nicht wie Freunde verhalten, wenn
Familien zerbrechen, wenn Beruf oder Geld verloren gehen, dann wird dem
Leben die Grundlage verwehrt. Die Ordnung geht verloren, wir sprechen
vom Leid.
Leid und Krankheit haben gemeinsam, dass Ihnen der Sinn fehlt. Leben
- das macht Sinn. Wir können Gutes tun, Freude empfinden, sind tatkräftig
und frohgestimmt. Leid dagegen macht keinen Sinn: Wir sind zum Nichtstun
verdammt, verlieren die Freude und die Tatkraft.
Leid macht keinen Sinn, und bis heute weiß kein Mensch, warum es
Leid gibt in dieser Welt. Unordnung ist sinnlos, beeinträchtigtes
Leben ist geschmälerter Sinn. Daraus gibt es kein Entrinnen.
Und tatsächlich ist dieser Gottesdienst von einer ganz eigenartigen
Atmosphäre: Festlich, aber nicht freudig. Still, fast traurig, aber
doch nicht trostlos.
Gerade darin liegt die Kraft des christlichen Leidens: Es ist getröstetes
Leiden. Kein sinnloses Leiden mehr, das uns überfällt und lähmt.
Christus nimmt das Leid an und trägt es.
Das Kreuz ist seit Jesus Christus kein Kreuz mehr, das unsere Pläne
und Hoffnungen durchkreuzt, das Leben vernichtet und verhindert. Das Kreuz
hat jetzt eine andere Bedeutung:
Es ist zur Brücke geworden, die uns mit Jesus verbindet.