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Predigtreihe zum Gebet

1. Predigt: ffnen

Liebe Schwestern und Brüder, die Zeit zwischen Weihnachten und Fastenzeit habe ich schon dreimal für eine Predigtreihe genutzt - zur Eucharistie, zur Seligsprechung von Sr. Euthymia und zum Jahr der Bibel. Immer ging es mir darum, ein wichtiges Element unseres Glaubens neu ins Bewusstsein zu heben und zu beleuchten.

Am letzten Sonntag habe ich von den Früchten des Weltjugendtages gesprochen - und von der neuen Jugendarbeit, die das ABM-System neu entdeckt hat: Anbetung, Beichte, Messe.
Zur Beichte haben Sie von mir schon oft genug Bitten, Drängen, Wünschen und Hoffnungen gehört. Deshalb möchte ich das Augenmerk auf das legen, was die Vorraussetzung dafür ist, der Beginn ist - das A in ABM: Die Anbetung bzw. das Gebet überhaupt.

Von verschiedenster Seite wird dem katholischen Glauben oft eine reine Äußerlichkeit vorgeworfen. Sowohl die strengen evangelikalen und reformierten Christen - als auch die ehemaligen Christen, Atheisten und Nichtglaubende - werfen den Katholiken immer wieder vor, sie hätten zu viele Rituale, Gebetsformen, Regeln, Gebote und Formeln. Über das ganze Händeln dieser zahlreichen Pflichten geht ihnen das verloren, was Kern des Glaubens ist.

Was aber ist der Kern des Glaubens? Worum geht es eigentlich?

Nun, die Antwort ist ziemlich einfach: Das Ziel unseres ganzen Lebens ist es, Gott zu lieben. Eine Beziehung zu ihm aufzubauen. Ihn kennen zu lernen und zu mögen. Eigentlich ist jede menschliche Beziehung, jede Freundschaft und jede Liebesbeziehung nur ein Abbild des Geschehens zwischen Gott und Mensch. Aber wer den Glauben nur kennt als ein verstandesmäßiges Zustimmen zu bestimmten Glaubenssätzen - wer also die Beziehung zum lebendigen Gott nicht kennt - der kann vom zwischenmenschlichen Geschehen meinetwegen auch auf Gott schließen.

Also: Wie fängt man an zu beten?
Schauen wir auf die menschliche Beziehungswelt: Wie fängt man an zu lieben? Wie entstehen Beziehungen? - Indem wir offen sind, schauen, hören und wahrnehmen. Indem wir uns nicht verschließen. Indem wir in aller Bescheidenheit annehmen, dass wir tatsächlich liebenswert sind.

Denn lieben ist nicht in erster Linie ein Geben. Wer offen für eine Beziehung sein will, muss bereit sein, sich ergreifen zu lassen; auf andere zu reagieren - anzunehmen, was geschieht.
Auch das Gebet ist nicht Reden und Reden und nochmals Reden. Gebet ist die Reaktion auf das, was Gott tut. Gebet ist Antwort. Wenn wir morgens beten, dass ist das die Antwort auf Gottes Schutz in der Nacht. Wenn wir vor dem Essen beten, dann danken wir, weil Gott uns nicht hungern lässt. Wenn wir abends beten, dann als Reaktion für das, was wir am Tag erlebt und erfahren haben.

Gebet ergibt sich, wenn wir das, was passiert, auf uns beziehen. Gott lässt die Sonne aufgehen - mir zuliebe. (Können Sie das annehmen?) Gott zeigt mir seine Liebe, indem mir jemand zulächelt. (Meint Gott wirklich mich?!) Gebet beginnt damit, das wir die Augen aufmachen - und seine Liebesbezeugungen entdecken (Bilde ich mir das nicht nur ein?!). Gebet heißt: Das Herz öffnen, hören, schauen und wahrnehmen.

In der heutigen Lesung hören wir vom Beginn des Gebets: Gott ruft den kleinen Samuel. Der fühlt sich gar nicht angesprochen; weiß nicht, wer da redet, glaubt gar nicht, dass Gott so etwas tut, meint, er sei nicht gemeint.

Der Meister Eli hilft ihm dabei: »Samuel - Du bist wichtiger als Du denkst. Gott meint Dich. Nicht mich, den Meister. Hör hin - glaube nur, das Gott es ist. Sei nicht zu selbstkritisch - Gott findet dich so liebenswert, dass er ein Gespräch mit Dir beginnt.«

Liebe Schwestern und Brüder - Gebet beginnt mir dem offenen Blick und dem offenen Ohr. Und der Erkenntnis, dass das Gebet nicht nur etwas für Priester, Mönche und Heilige ist - sondern etwas für jeden Menschen.

Nur eine einzige Voraussetzung braucht es: Der Mensch, der Beten möchte, muss auch bereit sein, zu lieben. Vertun Sie sich nicht: Das kann ihr ganzes Leben umkrempeln.
Amen.

2. Predigt: Sehnsucht ist Gebet

Liebe Schwestern und Brüder, noch bevor wir nur ein Wort des Gebets gesprochen haben, hat Gott uns schon längst angeredet - das war die Botschaft der Predigt vom letzten Sonntag. Allerdings ist dieses "Anreden" viel weniger von Worten geprägt, als wir beim Begriff "Gebet" oft glauben.

Schauen wir einmal auf die denkwürdigen Gespräche, die sich zwischen zwei Beinahe-Liebenden entwickeln, zweien, die noch unerfahren sind und nicht wissen, wie so etwas geht. Haben Sie schon einmal einen solchen ersten Annäherungsversuch miterlebt?

"Was machst Du denn hier?" - "Och, nichts besonderes, und Du?" - "Ich habe auch keine Ahnung. Möchtest Du etwas trinken?" - "Weiß nicht. Willst Du denn etwas?"

Merken Sie? Das, was wir sagen, ist zunächst ziemlich belanglos - und doch ist es der Beginn eines unerhörten Geschehens. Wichtiger ist nämlich nicht, was wir sagen, sondern was wir erwarten.

Jesus sagt bei seiner Berufung der Jünger auch nicht viel. Er handelt keinen Vertrag aus, spricht nicht von der Zukunft, die zu erwarten ist. Und die Jünger? Die sagen überhaupt nichts. Die lassen einfach ihre Netze liegen und folgen Jesus.

Manche Exegeten glauben, das muss an der beeindruckenden Ausstrahlung Jesu gelegen haben: Ein Wort - und noch mehr sein Blick und seine Haltung - und schon liegen ihm die Herzen zu Füßen.

Vielleicht ist da etwas dran. Viel wahrscheinlicher scheint mir aber zu sein, dass die Jünger eine bestimmte Ausstrahlung hatten, so dass gerade diese Jünger für Jesus interessant waren. Er hat eben nicht alle Fischer angesprochen. Warum gerade Simon, Andreas, Johannes und Jakobus?

Wohl deshalb, weil sie ansprechbar waren. Weil es suchende Menschen gewesen sind. Sie werden auch schon als Jünger des Johannes erwähnt und haben dort Jesus kennengelernt. Warum waren sie zuvor bei Johannes dem Täufer - wenn nicht als Menschen voller Erwartung?
Diese vier (und vermutlich auch die restlichen acht, die Jesus später noch in seine Nachfolge ruft), waren Sucher - Glauben-wollende. Und Jesus antwortet darauf.

Liebe Schwestern und Brüder: Die Sehnsucht nach mehr ist Gebet. Die Unzufriedenheit mit dem rein Irdischen und die Sehnsucht danach, darüber hinaus glauben zu wollen, ist Gebet. Nicht die Worte, nicht der Akt des Glaubens selber - sondern der Entschluss, zu suchen.

Frere Roger, der Gründe von Taize, war als junger Mann (noch fern vom Glauben und Gebet) ernsthaft erkrankt - an Tuberkulose. In seiner Not versuchte er zu beten - aber es gelang ihm nicht; er konnte keine Worte finden und keine Gedanken festhalten. Nur ein Wort blieb hängen: "Dein Angesicht, Herr, will ich suchen" (Psalm 27). In dieser Zeit erkannte er, dass die Sehnsucht schon Glauben bedeutet. Später hat er das immer wieder den Jugendlichen in Taize gesagt: "Wenn dich verlangt, Gott zu schauen, dann hast Du schon Glauben."
Im Film Sister Act II heißt es so ähnlich: "Wenn Du morgens aufstehst - und Du denkst ans Singen, wenn Du abends einschläfst, und Du denkst ans Singen - dann stellt sich nicht mehr die Frage, ob Du später mal Sängerin werden sollst - dann bist Du schon eine Sängerin."

Wir Christen glauben, dass jeder Mensch im Innersten diese Sehnsucht spürt - oft überdeckt durch alle möglichen Ersatzbefriedigungen. Ja, gerade das ständige Suchen des Menschen nach Spaß, Anerkennung, Harmonie und Ablenkung zeigt, dass unser Herz zutiefst unruhig ist. Gerade deshalb hat unser Glaube den Menschen immer etwas zu sagen. Ach, was rede ich: Gerade deshalb glaube ich, hat Gott immer eine Chance bei allen Menschen.

Alle Menschen warten auf einen Jona, der Ihnen verheißt, wo Erfüllung zu finden ist. Dass Ninive so sündigt - und sich so schnell bekehrt - hat den gleichen Grund: Dort lebten Menschen voller Sehnsucht.

Gebet fängt nämlich früher an, als die Worte sich finden. Wer Gott suchen will, wer sich danach sehnt, ein anderes Leben zu führen, der betet - und Gott wird antworten. Amen.

3. Predigt: Die Liebe

Liebe Schwestern und Brüder,

In der Predigtreihe zum Gebet haben wir nun von der Grundhaltung gesprochen: Beten kann nur der, der sich von Gott angesprochen fühlt und der zu ihm in Beziehung treten will - der sucht, der offen ist und Sehnsucht verspürt.

Nun heißt es, die ersten Formen zu finden. Und wieder hilft uns der Blick auf die Verliebten Menschen - die ja (so sagt es Papst Benedikt in seiner ersten Enzyklika "Deus Caritas est") nicht nur Bilder der göttlichen Liebe sind, sondern in ihrer Liebe auch Anteil haben an Gott.

Was ist Liebe? - Ich weiß, darauf kann ich keine erschöpfende Antwort geben. Aber ein Gedanke hilft uns weiter: Liebe heißt, das Glück im Glück das anderen zu finden. Ich bin froh, wenn mein Geliebter sich freut. Ich suche meine eigene Freude, indem ich IHM Freude mache.

Das mag auch der Schritt von Verliebtheit zur Liebe sein: Verliebtheit sieht noch mehr sich selbst: Mein Bauch kribbelt, wenn ich an ihn denke. Ich fühle mich geborgen in seiner Nähe - deshalb suche ich diese Nähe so oft es geht.

Liebe erkennt nun, dass es auch das Glück des Geliebten ist, mich zu spüren. Ich erfahre nun nicht nur Nähe, ich schenke sie auch. Weil ich weiß, dass dadurch meine Geliebte Glück erfährt. Und das macht wiederum mich froh.

Liebe heißt nicht, dass ich nicht mehr an mich denke. Ich darf sehr wohl auch mein eigenes Glück suchen. Aber mein Glück ist jetzt eben abhängig davon, ob der Mensch, den ich liebe, glücklich wird.

Liebe heißt: Ich genieße es, dem anderen zur Freude zu sein.
Liebe Schwestern und Brüder, so ist es auch im Gebet und im Glauben: Unsere Freude als glaubende Menschen ist es, Gott Freude zu bereiten. So kann Gebet eben nicht nur das stille Verweilen sein - sondern auch das Opfer; die Zeit, die ich anderen schenke. Die Tatsache, dass ich ein Leben aus dem Glauben führe. Letztlich alles, von dem ich Glaube, dass es Gott wohlgefällt.

Aber glauben sie nicht die fadenscheinige Entschuldigung, die viele anführen, wenn sie genau diese Leben nicht führen: "Wenn ich es widerwillig tue, dann liebe ich nicht - und dann ist es kein Gebet." - Stellen sie sich vor, sie haben zwei Eintrittskarten zu einem Fußballspiel oder fürs Theater. Da bekommen sie den verzweifelten Anruf ihres Freundes oder Ehepartners, dass er am Boden zerstört ist und dringend jemand zum Gespräch braucht. Nun - freudestrahlend sagen sie das Fußballspiel nicht ab. Aber sie wissen, dass sie gebraucht werden - und dass sich der Partner gerade darüber freut, dass Sie zu diesem Opfer bereit sind. Und diese Freude wollen sie schenken.

Das ist Glauben. Das ist Gebet. Die Meinung, "Gebet muss immer gerne getan werden" ist lieblos. Allein schon die Tatsache, dass ich mich aufraffe, den Rosenkranz zur Hand nehme oder zur Kreuzwegandacht gehe, ist Gebet, freut Gott. Und wer wirklich glaubt, wird selbst dadurch von Freude erfüllt.

Liebe Schwestern und Brüder, bevor wir an den nächsten Sonntagen darüber nachdenken, welche Formen es genau gibt und welche Schätze sich darin verbergen: Wichtiger ist, dass wir Gott unsere Nähe schenken wollen. Wie wir diese genau gestalten, ist zweitrangig.

Wer beten will, findet immer Zeit; findet immer eine Form. Beten ist keine Frage des Terminkalenders, sondern der Liebe.

Amen.

Gebet nach der Kommunion

Heilige Maria, Mutter Gottes,
du hast der Welt
das wahre Licht geschenkt,
Jesus, deinen Sohn - Gottes Sohn.
Du hast dich ganz
dem Ruf Gottes überantwortet
und bist so zum Quell der Güte geworden,
die aus ihm strömt.

Zeige uns Jesus. Führe uns zu ihm.
Lehre uns ihn kennen und lieben,
damit auch wir selbst
wahrhaft Liebende
und Quelle lebendigen Wassers
werden können
inmitten einer dürstenden Welt.

Amen.

(Gebet Benedikts XVI.)

4. Predigt: Der Rosenkranz

Liebe Schwestern und Brüder, "In aller Frühe, als es noch dunkel war, stand er auf und ging an einen einsamen Ort, um zu beten." - Liebe Schwestern und Brüder, ich glaube, wir alle kennen den Reiz, irgendwo ganz ungestört zu sein und zur Ruhe zu kommen. Jesus hatte diese Ruhe genauso nötig wie wir: Den ganzen Tag (vermutlich der erste Tag seines Wirkens überhaupt) hat er geheilt, gepredigt und Dämonen ausgetrieben; Menschenmassen kamen und gingen, jeder wollte den neuen, noch unbekannten Wundertäter sehen und hören und vielleicht auch noch ein kurzes persönliches Gespräch führen. Am frühen Morgen flieht Jesus dann - im Dunkeln, in aller Ruhe, um zu beten.

Einen solchen vollen Tagesablauf kennen wir auch; Termine, Pflichten und Besuche, Einkaufen und Telefongespräche - wie oft sind wir auch wie gehetzt. Und anschließend ausgelaugt.
Aber wer von uns schafft es schon, sich - so wie Jesus - einfach davonzustehlen? Wer findet denn wirklich einen Ort der Ruhe?

"Einfach mal nichts tun" reicht oft nicht aus. Denn in unserem Kopf geht der Tag weiter: Kaum zur Ruhe gekommen, fällt uns schon wieder ein, was wir noch erledigen müssen, was dringend getan werden muss oder was wir vergessen haben. Nein - selbst wenn wir einen Ort der Ruhe finden würden, die Unruhe nehmen wir mit dorthin, denn sie steckt uns inzwischen in unseren Gliedern und in unserem Kopf.

Liebe Schwestern und Brüder, ich komme gerade wieder von Tagen Religiöser Orientierung; und zu diesen Tagen gehören auch immer Entspannungsübungen wie zum Beispiel Meditationen. Vielleicht haben sie schon einmal davon gehört: Man legt sich hin, schließt die Augen, hört irgendeine (meist ziemlich nichtssagende, nahezu psychedelische) Musik und gibt sich einer ruhig erzählten Geschichte hin; fantastischen Bildern und schönen Gedanken. Eine halbe Stunde, die uns wirklich zur Ruhe kommen lässt, weil sie nicht einfach nur leere Stille ist, sondern erfüllte Stille.

So etwas kennen wir Christen schon seit Jahrhunderten: Den Rosenkranz. Der ist nichts anderes als eine Meditation, eine Fantasiereise. Eine halbe Stunde lang erfüllte Stille.
Die Rolle der Musik, die während der jugendlichen Meditation für einen gleichbleibenden Rhythmus sorgt und unliebsame Geräusche überdeckt, übernimmt das immer wieder vor uns her gesprochene "Gegrüßet seist Du Maria". So sind unseren vordergründigen Gedanken beschäftigt; wir schweifen nicht ständig ab, weil uns noch einfällt, was wir tun müssen oder hätten tun können. Unser Geist kommt zur Ruhe, weil er sich in den Rhythmus des immer gleichen beschäftigen muss.

Darüber aber erhebt sich eine andere Welt, eine ruhig erzählte Geschichte und fantastische Bilder: Maria, die dem Heiligen Geist ihre Dienst versichert; Jesus, der geboren wird; Jesus, der für uns leidet und stirbt; Auferstehung und Himmelfahrt - schließlich sogar die Krönung im Himmel. Kurzurlaub der Gedanken - einmal nicht bei sich sein. Außer sich sein!

Liebe Schwestern und Brüder, der Rosenkranz ist DAS Wellness-Angebot für die Seele. Wie ein Gebet im dunklen in aller Einsamkeit. Und das feine ist: Wir können den Rosenkranz beten, wo immer wir sind und wo immer wir wollen: Beim Autofahren oder im Stau; beim Ein- und Ausräumen der Spülmaschine oder beim Pflügen eines Ackers. Sogar vor dem Fernseher oder abends zum Einschlafen.

Es geht nämlich auch ohne Kranz: Die allermeisten von uns haben noch zehn Finger - die anderen sind dann halt schneller fertig.

Probieren sie es aus! Schließlich ist der Rosenkranz kein Gebet zu Maria, sondern mit Maria - sie werden es merken: Wer erst einmal damit anfängt, spürt schnell ihre Hilfe.

Amen.

5. Predigt: Das Bittgebet

Liebe Schwestern und Brüder, wenn wir die Formen des Gebets erläutern wollen, dürfen wir selbstverständlich nicht das Gebet vergessen, dass mit Abstand das zahlreichste und naheliegendste ist: Das Bittgebet.

Vor allem Menschen, die insgesamt wenig beten - selten bis gar nicht - richten ihre Bitten schließlich doch an Gott, wenn sie in Not sind; einen großen Fehler gemacht haben oder vor den Prüfungen oder manchmal auch den Katastrophen unseres Lebens stehen. »Lieber Gott, bitte, bitte mach, dass...« - so fangen sie meistens an.

So schön es ist, sich an Gott zu erinnern, wenn man nicht mehr weiter weiß, so seltsam ist es doch, dass wir oft die wenigen Gelegenheiten, in denen wir beten, nur mit Bitten füllen.

Im Gespräch zwischen Menschen kommt das viel seltener vor. Wenn Menschen miteinander reden, dann erzählen sie gerne. Die meisten Menschen warten eigentlich nur auf ein Stichwort, um dann selbst eine Geschichte beizusteuern. »Apropos Spinat - wisst ihr, was mir letztens passiert ist?« Jemanden um etwas zu bitten, ist dagegen relativ selten. Das hieße ja auch, sich vom anderen abhängig zu machen. Außerdem wollen wir ja unterhalten - und andere nicht belasten. Wenn es nicht unbedingt sein muss.

In unserem Verhältnis zu Gott ist das anders. Da erzählen wir selten. Warum auch? Gott weiß doch schon alles.

Aber: Warum bitten wir dann? Gott weiß doch auch schon, was wir brauchen und was uns fehlt! Können wir Gott durch unser Gebet etwa dazu bewegen, etwas zu tun, was er ohne unser Gebet nicht getan hätte?

Wenn kleine Kinder etwas brauchen, dann besteht ihre Bitte oft darin, dass sie lediglich über ihren Zustand informieren. »Mama, ich habe Hunger.« »Papa, mir ist langweilig.« - »Opa, ich will jetzt nach Hause«.

Aber Gott brauchen wir nicht zu informieren. Er weiß schon, was uns fehlt. Warum also bitten?

Schauen wir auf das heutige Evangelium. Ein Aussätzige kommt zu Jesus. Er fällt vor ihm auf die Knie. Mit Sicherheit wird er jetzt Jesus bitten, ihn zu heilen.
Nein - tut er nicht. Er sagt: »Wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde.« Er bittet nicht, er informiert Gott nicht darüber, dass er in Not ist. Im Grunde tut er nichts anderes, als sich in die Hände Jesu zu geben. »Du kannst es, ich weiß es.« Mehr nicht.

Gott will gebeten werden, weil er uns nichts gegen unseren Willen tun will. Wir brauchen ihn nicht zu überreden oder ihn zu informieren. Wir müssen uns nur in seine Hände geben - uns abhängig zu machen. Gott wird uns alles schenken - wenn wir alles, was wir sind, was uns lieb und teuer ist und was wir haben IHM schenken.

Bittgebet ist also Hingabe, Opfer. Und deshalb ist es gut, Gott zu bitten. Dass wir unter uns Menschen mehr erzählen und wenig bitten, ist nämlich nicht der Maßstab. Wir sollten auch anderen Menschen viel häufiger eingestehen, dass wir sie brauchen. Dass wir von ihnen abhängig sind. Dass wir auf sie angewiesen sind.

Natürlich freut sich Gott auch darüber, wenn wir das, was wir erlebt haben, erzählend in seine Hände legen. Und wenn wir ihn loben; anbeten und danken. Aber er achtet unser Bittgebet nicht gering: Im Gegenteil, er fordert uns ausdrücklich dazu auf: »Bittet, so wird Euch gegeben werden! Klopfet an!« - »Wo zwei oder drei in meinem Namen bitten...!« - »Bittet, worum immer ihr bitten wollt!«

Denn im Bittgebet steckt immer auch das Vertrauen, dass Gott es erfüllen kann. Und dieses Vertrauen ist nichts anderes als Glauben, Liebe und Hoffnung.

Was will Gott mehr? Amen.

6. Predigt: Das Lied als Gebet

Liebe Schwestern und Brüder, es ist schön, wenn man vor lauter Freude "außer sich ist". Das kommt zwar nicht häufig vor - vielleicht ist es aber gerade deshalb so schön.

Außer sich sein (bei uns am Niederrhein sagt man auch, er ist vor Freude ganz aus dem Häuschen - und meint damit das Gleiche) heißt, dass es Zustände gibt, die uns manchmal vergessen lassen, wer wir eigentlich sind. Fassungslos - aus der Fassung geraten - das können wir, wenn großes Leid uns trifft - oder aber auch, wenn unerwartetes Glück über uns hereinbricht.

Auch im Gebet gibt es so etwas: Dass wir vergessen, wer wir sind; dass wir unsere Fassung verlieren, dass wir außer uns sind vor Glück. Zugegeben: Wenn wir hier im Gottesdienst umherschauen, wirkt wohl kaum einer so. Hier haben wir uns alle im Griff.
Aber es gibt Gemeinschaften - wir nennen sie "charismatische Gemeinschaften" - bei denen die Mitglieder in jedem Gottesdienst aus der Fassung geraten; sich selbst vergessen und ganz bei dem sind, der sich ihnen zuwendet.
Wir, die wir uns so gut im Griff haben, schütteln dann gerne den Kopf. Muss das denn sein? Geht das nicht auch eine Nummer kleiner? In der Kirche macht man nicht so einen Terz.

Ich gebe zu: Wenn die Ekstase - das außer sich sein - zur Gewohnheit wird, dann verliert sie auch ihre Ausstrahlung. Aber wäre es nicht zumindest ab und zu ganz gut, wenn wir nicht immer nur im eigenen Saft schwimmen würden, immer nur gramgebeugt und sorgengefaltet?

Gott will uns nicht alle als laut schreiende und tanzende Menschen haben; das kann nicht jeder, und hier bei uns will das ja auch nicht jeder. Man kann auch in Ruhe und Stille, ganz in Gedanken versunken, nicht mehr bei sich selbst, sondern bei Gott sein.
Aber es tut uns gut, jede Gelegenheit zu nutzen, um einmal wirklich aus sich heraus zu gehen. Etwas mehr zu zeigen von dem, was in mir steckt. Andere teilhaben zu lassen. Dazu müssen wir nicht nach Afrika in eine Gospel-Messe und auch nicht zur charismatischen Bewegung: Wir brauchen nur ein wenig mehr den Mund aufzumachen, wenn es um das nächste Lied geht.

Wer singt, der ist außer sich. Der zeigt sich und etwas von seinen Gefühlen. Wer singt, der lobt nicht nur Gott mit lauter Stimme, sondern reißt auch den Nachbarn aus seinen Gedanken. Wer laut und schön singt, der lobt Gott und lasst ein wenig von Gottes Herrlichkeit spüren. Und wer laut und falsch singt, der zeigt, dass es ihm nicht auf Anerkennung ankommt. Er singt für Gott, nicht für uns. Gott hört schon die richtigen Töne heraus.

Ein Lied ist ein doppeltes Gebet: Denn im Lied dienen wir Gott, loben und preisen ihn, und gleichzeitig dem dem Nächsten, indem wir ihn mitreissen. Wer singt, betet doppelt.

Wer singt, verlässt die stummen Sorgen und Gedanken, die uns nicht loslassen wollen. Raus aus unserem kleinen Schädel: Wir beginnen mit unserem Gebet, eine ganze Kirche zu füllen. Und obwohl es sonst heißt: "Psst, wir sind hier in der Kirche! Mach nicht so einen Lärm!" - dürfen wir Terz machen, soviel wir wollen.

Liebe Schwestern und Brüder, nicht jeder Gesang ist ein Gesang der Freude. Trauer und Flehen finden auch ihre Lieder. Aber im Gesang können wir abgeben und loslassen, was uns sonst von innen her vergiften würde - und uns mitreißen lassen von dem, was uns Leben schenkt: Die Freude, ein Lachen und die Gewissheit, dass Gott nur zu gerne in unseren Gesang einstimmt.

Amen.

7. Predigt: Der gelebte Glaube

Liebe Schwestern und Brüder, es ist eine weit verbreitete Meinung, dass es doch wichtiger sei, »Armen zu helfen und sich für Randgruppen einzusetzen, als immer nur in die Kirche zu rennen.«

Einmal abgesehen davon, dass die meisten von uns nicht in die Kirche "rennen", ist dieser Satz wohl auch ein bewusste Trick, die beiden Dinge gegeneinander zu setzen:
Hier die Nächstenliebe - und da die Gottesliebe. Letztlich kann keiner das eine vom anderen abkoppeln. Entweder bin ich ein liebender Mensch - ein Mensch, der seine Erfüllung darin findet, nicht für sich zu leben, sondern sein Leben als Dienst zu verstehen. Dann werde ich für Gott ebenso da sein wie für die in Not geratenen Menschen.
Oder ich bin ein (mehr oder weniger) nicht-liebender Mensch. Dann wird mir das Gebet und die Gottesliebe genauso schwer fallen wie der Dienst am Menschen.

Die Gefahr des heutigen Glaubens liegt darin, die Liebe am Menschen als real anzusehen - und die Liebe zu Gott als etwas unwirkliches. Viele sind davon überzeugt, dass man Gott gar nicht wirklich lieben kann - nicht so, wie wir einen Menschen lieben. Wir glauben an Gott - okay. Aber mehr geht einfach nicht.

Wer so glaubt, der reduziert Gott auf einen Glaubenssatz - und steht einer ganz gefährlichen Glaubensrichtung nahe, der GNOSIS. Dort kommt es allein darauf an, dass wir die richtige Überzeugung haben. Schauen wir auf eine moderne gnostische Gemeinschaft: Die Zeugen Jehovas. Sie feiern keine Gottesdienste mit Gebet und Gesang, keine Anbetung und keine Andachten. Sie studieren, lernen und wissen Bescheid. Sogar an der Haustüre diskutieren sie gerne - verweigern aber das gemeinsame Gebet. Probieren sie es mal aus - selbst das biblische Vater unser wollen sie nicht beten.
Kein Wunder, dass sie auch keine wirkliche Nächstenliebe praktizieren: Sie unterhalten keine Armenspeisung, keine Waisenhäuser und Altenheime, keine Entwicklungsprojekte und keine Sozialstationen. Sie leben für eine Lehre.

Gerade an Ihnen erkennen wir, in welcher Gefahr wir uns auch selbst befinden: Wer Glauben an Gott mit "Fürwahrhalten" übersetzt, aber nicht glaubt, Gott lieben zu können, verliert schnell jede Liebe - nicht nur die Nächstenliebe, sondern irgendwann auch die Liebe zum Ehepartner, zu den Kindern und zur Familie.

Dabei ist es durchaus möglich, Gott zu lieben. Den Liebe ist nicht nur ein zärtliches Gefühl, sondern das, was ich tue. Eine Liebe ist vor allem daran zu erkennen, dass ich die Nähe des Geliebten suche - und bereit bin, um meiner Liebe willen Opfer zu bringen.

Und genau darum geht es in der vor uns liegenden Fastenzeit. Gottes Nähe suchen und um unserer Liebe willen Opfer bringen: Nichts beschreibt die Fastenzeit besser.
Suchen wir Seine Nähe. Nehmen wir uns für die Fastenzeit vor, zu beten, Gottesdienste aufzusuchen (vielleicht nicht nur am Sonntag), zu Beichten und anzubeten.
Leben wir aber auch unseren Glauben. Fasten wir - IHM zuliebe. Stehen wir zu unserem Glauben, auch wenn es Nachteile mit sich bringt. Damit ist nicht nur Spott und Hohn gemeint, sondern auch die Zeit, die wir Gott schenken, obwohl wir dann das Gefühl haben, in der Welt etwas zu verpassen. Im Fernseher, im Freundeskreis, beim leckeren Essen oder bei der nächsten Fete: Wir verpassen eine ganze Menge, wenn wir den Glauben ernst nehmen. Aber: Das ist Liebe.

Ob ich ein liebender Mensch bin, zeige ich nicht nur durch das, was ich tue. Sondern durch mein Tun, meine Sehnsucht nach Nähe und meine Opfer, werde ich zu einem Menschen der Liebe.

Wer Gott in den Mittelpunkt der 40 Tage bis Ostern stellt, verpasst eine ganze Menge in dieser Welt. Wer der Welt zuliebe aber Gott zurückstellt, der verpasst vor allem sich selbst - und alles, wofür es sich lohnt, zu leben.
Amen.