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Grundkurs des Glaubens - Pneumatologie

In den vielen Familien stehen nicht alle Familienmitglieder gleichermaßen im Rampenlicht, einige sind eher zurückhaltend und andere ziehen alle Blicke auf sich. Einer echten Familie macht das nichts aus: Jeder weiß, wie wichtig auch die kleinen und unscheinbaren Kinder sind, wie wichtig der Opa ist, der nur selten ein Wort spricht oder wie wohltuend der schweigsame Onkel ist.

Auch in der Einheit der Dreifaltigkeit gibt es ein solches wenig beachtetes Mitglied: Den Heiligen Geist. Jeder redet von Gott dem Vater, von Seinem Sohn Jesus Christus wird in jedem Gottesdienst ein Teil seiner Geschichte erzählt - nur der Heilige Geist bleibt oft genug unerwähnt.

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3. Abend zur Theologie: Pneumatologie

I. Der Heilige Geist
1. Was ist das: Geist?
2. Gott ist Geist
3. Der Heilige Geist: Göttliche Homöopathie

II. Der Heilige Geist und der Mensch
1. Der Geist, der stets verneint
2. Der Geist, der sich selbst leugnet
3. Die Sünde gegen den Heiligen Geist

III. Der Heilige Geist und das Erlösungswerk Christi
1. Der dreifaltige Gott
2. Die Gaben des Heiligen Geistes
3. Das Wirken des Geistes in den Sakramenten

I. Der Heilige Geist
1. Was ist das: Geist?

Es ist etwas Eigentümliches mit dem Menschen: Er findet sich nicht einfach ab mit dem, was ist und geschieht. Es gehört zum Wesen das Menschen, nach Gut und Böse zu fragen - und das nicht etwa nur aufgrund seiner Erziehung und seiner Kultur - sondern weil er so ist, wie er ist.

Zwei Hunde gehen eine Straße entlang - der eine Hund hat einen riesigen, gut riechenden Knochen im Maul und der andere schaut sehnsüchtig auf diesen Leckerbissen. Und weil der zweite Hund so fasziniert ist von der positiven Aussicht, achtet er nicht auf den Verkehr und wird von einem Lastwagen erfasst und überfahren.
Was macht der erste Hund? Lässt er seinen Knochen fallen und denkt sich »O Gott! Wie konnte das nur passieren? Und das alles nur wegen eines Knochens?« - Nein. Der erste Hund wird vielleicht vom Lärm der quietschenden Reifen etwas erschreckt ein wenig traben und dann in aller Ruhe seinen Knochen genießen. Reue? Schlechtes Gewissen? Trauer? Das gibt es nur in Tierfilmen.
Eine Mutter dagegen wird wohl kaum zu ihrem Mann sagen: »Liebling, heute Mittag darfst Du gerne zwei Portionen essen - unser Sohn ist heute morgen überfahren worden, da habe ich noch etwas übrig.« - Vermutlich wird sie gar nicht mehr ans Essen denken - ganz im Gegensatz zu dem oben genannten Hund.

Der Unterschied zwischen dem Hund und der menschlichen Mutter ist nicht, dass der Hund gefühllos ist - Gefühle hat er auch. Aber er ist nicht in der Lage, sich von seinen Gefühlen zu distanzieren, sie zu bejahen oder zurückzustellen. Wenn er Hunger hat, dann ist der Knochen eben wichtig - und das Leben anderer Hunde spielt in diesem Moment keine Rolle. Der Mensch kann das, was er tut, bewerten, einordnen und hinterfragen. Die Mutter kann eben ihr Hungergefühl zurückstellen, weil sie weiß, dass das Leben ihres Kindes mehr wert ist als eine Mahlzeit. Der Mensch kann sogar - wenn auch nicht in allen Fällen - Gefühle kontrollieren, bewusst verdrängen oder auch erzeugen. Er steht eben seiner eigenen Wirklichkeit gegenüber - er ist ihr nicht ausgeliefert.

Das ist keine Kulturerscheinung, wie zum Beispiel Peter Singer meint. Wir können einen Hund oder ein Pferd niemals dazu erziehen, frei sich selbst gegenüber zu stehen. Dem Menschen ist diese Fähigkeit allerdings angeboren. Der Geist des Menschen ist die Fähigkeit, sich zu verhalten. Die Erziehung eines Menschen ist eben keine Dressur. Der Mensch kann den Werten, die ihm zum Beispiel durch die Eltern vermittelt werden, zustimmen oder sie ablehnen. Er kann »Ja« sagen, oder auch »Nein«. Gerade das ist nicht möglich, wenn der Mensch nicht »Geist« hätte, der ihn von der Materie unterscheidet. Deshalb kann die Geistbegabung des Menschen auch keine genetische Eigenschaft sein - damit wäre sie ja wieder nur eine materielle Voraussetzung. Geistbegabung ist dagegen immateriell - seelisch. Der Mensch hat eine Seele, die geistig ist.

2. Gott ist Geist

Damit ist dem Menschen eine göttliche Gabe gegeben: In der Tradition der Kirche wird gerade in dieser Fähigkeit die Gottähnlichkeit gesehen, von der schon in der Schöpfungsgeschichte die Rede ist. Wenn der Mensch in seiner Fähigkeit, sich positiv und negativ zu verhalten, gottähnlich ist - dann ist Gott natürlich auch geistig. Er ist derjenige, der absolut frei ist, »Ja« oder »Nein« zu sagen. Während der Mensch in seiner Freiheit Gott nur ähnlich ist (denn seine Freiheit wird durch zahlreiche Einschränkungen beeinträchtigt), ist Gott die Freiheit in Person - eben purer Geist.

Die Gottes-kritische Frage, ob es Gott denn überhaupt gibt, wenn man ihn nicht sehen kann, ist natürlich Unsinn: Sehen kann man eben nur die Materie (und noch nicht einmal alle materiellen Dinge, wie z.B. Magnetismus oder Elektronen), der Geist ist logischerweise nicht sichtbar. Aus Sicht eines Menschen, der seine eigene Geistigkeit leugnet und nur das Materielle für real hält, ist diese Frage zwar brennend. Die Antwort ist dagegen ganz einfach: Wer sich selbst als geistiges Wesen erkennt, seine eigene Geistigkeit akzeptiert - beantwortet damit auch die Frage nach Gott.

3. Der Heilige Geist: Göttliche Homöopathie

Homöopathie heißt: Gleiches wird durch Gleiches behandelt. Ob das mit der Homöopathie im medizinischen Sinne funktioniert, weiß ich nicht. Aber der Grundsatz ist korrekt: Körperliche Leiden können mit einer körperlichen Behandlung kuriert werden - seelische Leiden durch seelische Zuwendung. Man kann zwar auch körperlich z.B. an Einsamkeit leiden, es bleibt aber ein Leiden mit einer seelischen Ursache. Heilen kann man Einsamkeit, Trauer oder Schuldgefühle nicht durch Medikamente, sondern nur durch andere Seelen, die sich dem Kranken zuwenden. Homöopathie eben. Dieser wichtige, »homöopathische« Grundsatz allein ist schon ein Hinweis auf die Existenz der Seele: Viele Jahrzehnte lang wurden alle Leiden mit Medikamenten, Elektroschocks und Operationen behandelt - aus dem einfachen Irrglauben heraus, der Mensch sei mit seinem Leib identisch. Wenn es keine Seele gibt, kann ein Leiden auch nur körperlich sein.

Inzwischen ist man weiter: In sogenannten psycho-somatischen Kliniken gibt es sowohl den medizinischen, als auch den seelischen Aspekt. Viele seelische Krankheiten lassen sich einfach dadurch heilen, dass es die Zuwendung einer anderen Seele gibt - homöopathisch eben. Einsamkeit wird am besten durch menschliche Nähe geheilt; Trauer durch Trost, der von Zuneigung getragen wird; Liebeskummer durch Bestätigung, dass man immer noch liebenswert ist; Zweifel durch Anerkennung; Langeweile durch geistige Anregung - und so weiter.

Wie kann aber ein seelisches Leiden geheilt werden, dass darin besteht, die Seele zu leugnen? Dazu muss man schon Gott sein. Gottseidank gibt es Gott - und der Heilige Geist ist sozusagen seine medizinische Abteilung. Der Geist ist derjenige, der uns heilt; während in uns alles »Nein« sagt, bejaht er uns; er versucht alles - von Wärmetherapie bis hin zur Infusion - um unsere Geistigkeit wiederzubeleben; unser »Nein-Sagen«, Leugnen und Hassen in »Ja-Sagen«, Anerkennen und Lieben zu wandeln. Nicht umsonst heißt der Heilige Geist: »Heiliger Geist« - er ist der Heiler schlechthin. Der göttliche Homöopath.

Fazit

Gott ist Geist. Der Mensch als Gottes Ebenbild ist ebenfalls geistbegabt, darin aber geschwächt. Der Heilige Geist ist nun die dem Menschen innerlichst zugewandte Person der Dreifaltigkeit - und dadurch für den Menschen auch der »heilende Geist«.

II. Der Heilige Geist und der Mensch
1. Der Geist, der stets verneint

Wer allerdings die Freiheit des Geistes dazu gebraucht, »Nein« zum Guten zu sagen, missbraucht seine Freiheit. Nein zu Gott, Nein zu den Mitgeschöpfen (ob geistbegabt oder nicht) und schließlich Nein zu sich selbst zu sagen, ist das Wesen des Bösen. Gut ist, die gottgeschenkte Begabung zum Zustimmen zu verwenden, Ja zu sagen - zu lieben.

Natürlich müssen wir, die wir schon in einer Umwelt leben, die sich aus Gut und Böse gemischt zusammensetzt, auch zum Schlechten »Nein« sagen - in jeder Taufe wird sowohl dem Bösen widersagt als auch Gott zugestimmt. Aber das Nein hat nur dienende Funktion: Wir sagen dem Bösen ab, um Gott anzuerkennen. Nur ein Nein zum Widersacher allein ist noch kein Glaube an Gott.

Der Widersacher Gottes, der Satan, wird oft als »Geist, der stets verneint« bezeichnet. Davon wendet sich der Christ zwar ab - aber nur, um sich dann uneingeschränkt Gott zuzuwenden. In der Taufe heißt es: »Widersagt Ihr dem Satan, dem Urheber des Bösen, um in der Freiheit der Kinder Gottes leben zu können?« Es geht also darum, Freiheit wiederzugewinnen. Eine Freiheit, die dem zustimmt, was Gott ist - und die dem zustimmt, was in der geschaffenen Welt gottgewollt ist. Freiheit ist im Grunde nichts anderes als die Möglichkeit, das Gute anzuerkennen und zu wählen. Eine Wahlfreiheit allein ist noch keine wirkliche Freiheit: Einmal angenommen, ich wäre ungerechterweise zum Tode verurteilt worden und ich könnte zwischen verschiedenen Formen der Hinrichtung wählen - ich wäre nicht wirklich frei. Ich hätte zwar eine Wahlfreiheit - aber unter den wählbaren Dingen wäre keine, die ich als gut ansehen würde. Umgekehrt wird meine Freiheit, die Frau zu heiraten, die ich liebe, nicht größer, wenn der Pastor mir im Trau-Gottesdienst noch drei Frauen zusätzlich zur Wahl anbieten würde. Bin ich frei, die eine Person zu lieben, dann brauche ich keine möglichen Alternativen.

Gute Gelegenheit für einen kleinen Witz: Eva fragt Adam im Paradies: »Liebst Du mich?« - Da brummt Adam: »Wen denn sonst?«

Wahre Geistigkeit besteht also nicht nur in der Freiheit, zwischen Gut und Böse zu wählen; wahre Freiheit besteht in der Gnade, das Gute ergreifen zu können.

2. Der Geist, der sich selbst leugnet

Leider ist dem Menschen damit auch eine Fähigkeit gegeben, die er gegen Gott, gegen andere und sogar gegen sich selbst richten kann: Wenn er die Freiheit hat, zu lieben und zu hassen, anzuerkennen oder zu leugnen - was hindert ihn daran, Gott zu leugnen? Den Nächsten zu hassen? Aber diese göttliche Gabe kann noch stärker »pervertiert« werden (»pervers« heißt immer soviel wie »ins Gegenteil verkehren«): Der Mensch hat sogar die Fähigkeit, zu seiner eigenen Geistigkeit »Nein« zu sagen. Er kann leugnen, was er ist: Ein moralisches Wesen.

Es gibt nicht nur Philosophen, die den Menschen nur als eine geistlose, hirngesteuerte Bioform ansehen (wobei sich die Frage stellt, ob diese Denker noch die Bezeichnung »Philosophen« verdienen). Es gibt auch die Menschen, die durch ihr Tun faktisch leugnen, fähig zur Gottähnlichkeit zu sein: Ihre einzigen Interessen sind Essen, Trinken, Sex und Ablenkung. Geistlos eben.

Eigentlich ist es ein offener Widerspruch: Wir können z.B. nur behaupten, keine geistige Seele zu haben, wenn wir eine Geistseele voraussetzen. Ohne Geist können wir gar nichts behaupten. Aber dennoch tun Menschen genau das: Menschen behaupten, es gäbe keinen Geist, keine Seele, keine geistige Wirklichkeit und keinen Gott. Mag sein, dass es keinen Gott gibt - aber das zu behaupten, setzt eine geistige, von der Materie unabhängige Wirklichkeit voraus. Vielleicht müssen diese Leute einfach nur etwas mehr Zeit zum Denken haben, um diesen Widerspruch selbst zu entdecken. Das Problem ist darüber hinaus, dass die Menschen, die sogar ihren eigenen Geist leugnen, nicht mehr in Einklang mit ihrer eigenen Wirklichkeit leben - immer und immer wieder ihrer eigenen Geistigkeit zu widersprechen, macht krank.

3. Die Sünde gegen den Heiligen Geist
Vor Jahren, noch vor meiner Priesterweihe, habe ich ein 4-wöchiges Praktikum im Krankenhaus gemacht; auf der HNO-Station. Dort kamen Patienten hauptsächlich nur zur Operation (Mandeln, Polypen usw.), darunter viele Kinder.
Ein Kind hatte gehört, dass man vor der Operation eine Spritze bekommt - und sich prompt versteckt. Es wollte nicht operiert werden - und vor allem keine Spritze bekommen. Alles Zureden, Erklären und Ermutigen half nichts - es wollte nicht. Es war so verrannt in der Vorstellung, dass die Spritze der größte Feind eines Kindes sei, dass nichts mehr half - nur noch rohe Gewalt.

Diese Weigerung, geheilt zu werden, ist - im geistigen Bereich - nichts anderes als die Sünde gegen den Heiligen Geist. Der Geist will heilen, helfen - aber manche Menschen sind in ihrer Ablehnung so verbissen, dass sie auch das Heilungsangebot des göttlichen Geistes weit von sich weisen. »Alles kann vergeben werden«, sagt Jesus, »nicht jedoch die Sünde gegen den Heiligen Geist« - nicht die Weigerung, um Vergebung zu bitten oder Verzeihung anzunehmen. Hier ist Gott in seiner Allmacht wehrlos - weil er liebt und »Ja« sagt zu der schrecklichen Möglichkeit des Menschen, »Nein« zu sagen. Gott wird allerdings nicht aufhören, diese Kinder, die Angst vor der Spritze haben, zu umwerben.

Fazit

Die Sünde des Menschen ist erst durch dessen Geistigkeit möglich: Er kann bejahen und verneinen. Die Sünde des Menschen ist aber auch immer eine Sünde gegen den Geist: Anstatt Gottes Geist zu bejahen, verneint er ihn. Die Sünde des Menschen ist letztlich auch immer eine Sünde gegen seine eigene Geistigkeit: Der Mensch, der sündigt, sinkt zunehmend zur bloßen materiellen Existenz hinab.

III. Der Heilige Geist und das Erlösungswerk Christi
1. Der dreifaltige Gott

Gott ist in seinem ganzen Wesen Geist, Gottvater ist genauso Geist wie der Sohn und der, den wir den »Heiligen Geist« nennen. Denn alle drei sind absolut frei, absolut gut und absolut liebend. Aber die drei sind dennoch von einander verschieden; vor allem ihre Beziehung zu uns Menschen ist dreifach verschieden: Der Vater ist derjenige, der uns als seine Kinder annehmen möchte - nicht nur als Geschöpfe, die er mag, sondern als Kinder, die seinem Sohn gleichgestellt sind; er lädt uns ein, Teil der Dreifaltigkeit zu werden. Der Sohn ist derjenige, der sich an unserer Stelle den Folgen der Sünde gestellt hat und seine Göttlichkeit mit unserem Menschsein verbunden hat. Er hat den Weg zum Vater geebnet und bietet uns seinen Leib an, damit wir mit Ihm Teil der Dreifaltigkeit werden können. Der Geist ist nun derjenige, der uns überhaupt erst in die Lage versetzt, dieses Angebot anzunehmen - »Ja« zur Erlösung zu sagen. Er ist der »Maulwurf« in unserem Herzen, er ist die Arznei, die uns frei macht. Er ist der Beistand, der uns das werden lässt, was Gottvater uns anbietet und Gottsohn an unserer Stelle lebt: Teil der Dreifaltigkeit zu werden.

Das klingt vielleicht sehr poetisch und vergeistigt, mag sein. Aber es gibt innerste Geheimnisse in einer (menschlichen und göttlichen) Liebesbeziehung, die man nur erzählen kann, wenn man den Mut zur Poesie hat.

2. Die Gaben des Heiligen Geistes

In manchen, etwas hilflosen Firmkursen wird die Wirkung des Heiligen Geistes mit «Begeisterung« umschrieben - was ja auch ziemlich nahe liegt, wenn wir auf das Pfingstereignis schauen: Die zuvor ängstlichen Apostel und Jünger trauen sich nach der heilenden Wirkung des Geistes auf die Straße und predigen Jesus Christus. Aber ist diese Wirkung an Pfingsten nicht eher mit »Mut« zu Umschreiben? Und ist die Begeisterung bei einem Fußballspiel wirklich eine Heilung der Seele?

Begeisterung muss nicht laut sein - gerade zwischen zwei Liebenden kann die gegenseitige Begeisterung für einander auch tief und still sein. Mir gefällt zum Beispiel die Schlussszene im Film »Notting Hill« ungemein gut: Während die Reporter sich vor Begeisterung die Seele aus dem Leib fotografieren, stehen die beiden Verliebten absolut still - und schauen sich nur an. Was für eine Begeisterung kann in ruhigen Blicken liegen!

Die Wirkung des Heiligen Geistes mit (lauter) Begeisterung gleichzusetzen, würde der Genialität des Geistes Gottes nicht gerecht werden. Deshalb hat die Kirche immer schon sieben Gaben unterschieden - »mindestens sieben« sollte man hinzufügen.

Der Geist als göttlicher Homöopath will uns heilen, damit wir in das göttliche Liebesgeschehen hineingenommen werden können. Diese Heilung wird oft als Gabe des Geistes bezeichnet - die klassische Theologie unterscheidet sogar sieben Gaben. Die Gabe des Heiligen Geistes ist zunächst nur eine: Er befähigt den Menschen, seine eigene Geistigkeit als Gottes höchste Gabe anzuerkennen und als geistiger Mensch zu leben; wieder frei zu werden und »Ja« zu sagen. Das kann aber verschiedene Konsequenzen haben:

1. Weisheit — Ich hatte vorhin schon die Frage gestellt, ob Denker, die den Geist der Menschen wegdiskutieren wollen, überhaupt noch als Philosophen bezeichnet werden können, denn ein »Philosoph« ist ein »Freund der Weisheit«. Weisheit bedeutet aber, das Gute vom Bösen zu unterscheiden; sich die Freiheit zu bewahren, Gott zu lieben. Denn schließlich ist Gut nur das, was zu Gott führt (denn Gott allein ist gut), und Böse ist das, was von Gott trennt. - Wahre Weisheit drückt sich im Gebet der Kirche aus: »Lehre uns das zu lieben, was Du uns befiehlst; lass uns erkennen, das wir unsere wahre Freiheit finden, wenn wir Dir dienen.« Was nach einem Gegensatz klingt (lieben - gehorchen; Freiheit - Dienen), ist in aller Weisheit der Schlüssel zum Glück.
2. Verstand — Der Geist des Menschen ist nicht nur seine Freiheit. Immerhin muss der Mensch ja auch verstehen, was Gut und Böse ist. Dazu hilft ihm sein Gefühl (seine Intuition), aber auch sein Verstand. Gottes Wort zu ergreifen und zu durchdringen, ist die tiefste Aufgabe des Verstandes. Der Geist Gottes hilft uns den Irrtum zu überwinden, die höchste Freiheit des Verstandes sei es, sich von der Bevormundung Gottes zu befreien. Der Geist Gottes lässt uns begreifen, dass das höchste Glück des Verstandes darin liegt, das Gute in Gott, den Menschen und sich selbst zu entdecken.
3. Rat — Der Entschluss, das Gute zu lieben und das Böse zu meiden, ist schnell gefasst - theoretisch. In der Praxis ist es aber nicht immer leicht, den rechten Weg vom Weg des Unheils zu unterscheiden. Wie sieht es mit der Sterbehilfe aus? In Kriegssituationen? Ist Klonen zu »therapeutischen« Zwecken erlaubt? Darf ich in bestimmten Situationen lügen? Soll ich meinen Freunden gegenüber solidarisch sein - oder ihren Drogenkonsum anzeigen? - Viele Fragen stellen sich, deren Antwort gelegentlich schwer fällt. Wenn Professor Dumbledore im vierten Teil von Harry Potter sagt: »Jetzt ist es an der Zeit, den richtigen Weg zu wählen - nicht den bequemen«, dann braucht man einen guten Berater, um die Wege von einander zu unterscheiden. Der beste Berater ist Gott selbst - und seine diplomatische Vertretung in meinem eigenen Gewissen ist der Heilige Geist.
4. Stärke (oder: Starkmut, Mut) — Das ist nicht nur die Gabe, die richtige Vorgehensweise zu erkennen, sondern auch den Mut zu haben, das Richtige zu tun (oder auch das Falsche zu lassen - was oft noch viel schwerer ist). Stark zu sein heißt, konsequent in Freundschaft mit Gott, dem Nächsten und seiner eigenen Natur zu leben. Der Geist des Menschen hat zunächst die Möglichkeit, das Gute als Erstrebenswert zu erkennen. Der vom Heiligen Geist geheilte menschliche Geist hat außerdem auch die Fähigkeit, das Gute gegen alle Widerstände auch zu ergreifen.
5. Erkenntnis (oder: Heilige Wissenschaft) ist die schlichte Gabe, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Natürlich hat jeder seine eigene Brille auf, die ihm vor allem das zeigt, was er gerne hätte. Der Materialist z.B. sieht überall Hinweise auf rein natürliche Erklärungsmechanismen, der Wirtschaftswissenschaftler findet immer wieder volkswirtschaftliche Kräfte am Werk, der Wundergläubige erkennt in allem Unerklärliches. Was aber ist wirklich? - Die Fähigkeit, auch dann die Wirklichkeit zu akzeptieren, zu ihr Ja zu sagen, auch wenn es nicht meinen Wünschen entspricht - in Freundschaft mit der Realität zu leben - ist eine Gabe des Geistes.
6. Frömmigkeit ist die Zustimmung zu Gott. Geist ist die Gabe, anzuerkennen und zu lieben. Und welche größere Zustimmung kann es geben, als den Geist schlechthin - Gott - zu mögen? Oft ist Frömmigkeit mit dem Geruch der Frömmelei behaftet; einige schämen sich sogar ihrer Frömmigkeit. Aber ein kleiner Hinweis, dass Frömmigkeit nicht bedeutet, besonders viele Kniebeugen zu machen oder lateinische Gebete aufsagen zu können, sondern Gott zu lieben, klärt das Missverständnis schnell.
Okay - es gibt auch Menschen, die schämen sich, Gott zu lieben. Das ist für junge Menschen in der Pubertät normal: Wer lief nicht im Alter von dreizehn Jahren sofort rot an, wenn ihm ein Verhältnis zu einer Person des anderen Geschlechts nachgesagt wurde? Aber irgendwann muss auch die Zeit der Pubertät einmal vorbei sein. Der Geist hilft dazu, erwachsen zu werden.
7. Gottesfurcht — Die letzte Gabe in der klassischen Aufzählung der Geistesgaben - die Gottesfurcht - ist eigentlich die grundlegende. Zunächst einmal: Mit Gottesfurcht ist nicht etwa Angst gemeint - Furcht ist das alte deutsche Wort für Respekt - oder eben Anerkennung. Wieder ist die Gabe des Geistes die des »Ja-Sagens« - diesmal zur eigenen Geschöpflichkeit. Anzuerkennen, dass wir Geschöpfe sind und eben keine Götter, ist der Anfang der Freundschaft mit sich selbst. Die eigenen Grenzen anzunehmen und Gott als Gott anerkennen - das ist wahre Liebe und Bejahung der eigenen Existenz. Letztlich kommt alles seelische Leid - alle Sünde - aus der Unzufriedenheit des Menschen, nicht Gott zu sein.
Wer aber begreift, dass gerade die Zustimmung: »Ja ich bin ein Geschöpf Gottes!« eine Gabe das Geistes ist, der beginnt sein Glück.
3. Das Wirken des Geistes in den Sakramenten

In allen sieben Sakramenten wirkt der Heilige Geist, in allen sieben Sakramenten ist die Wirkung die gleiche: Sie heilt uns - bzw. heiligt uns, was auf das Gleiche hinausläuft. Wie eine Salbe, die zwar immer gleich aussieht, aber auf verschiedenen Wunden aufgetragen wird, kann die Wirkung der Sakramente allerdings unterschiedlich sein:

Taufe — In der Taufe bietet Gott uns seine Vaterschaft an und fragt uns, ob wir als sein Kind leben wollen (sozusagen als sein eigener Sohn): Wenn wir zustimmen, ist das die heilende Wirkung des Geistes.
Firmung — In der Firmung bietet Gott uns an, selbst zu heilenden Menschen zu werden: Der Heilige Geist nimmt uns in seinen Dienst der Verkündigung und Heiligung der Welt. Während die Taufe noch eine ziemlich persönliche Sache war, bietet sich der Firmling an, Zeugnis vor der Welt abzulegen. Mit der Firmung werden wir zu Mitarbeitern des Heiligen Geistes.
Eucharistie — Das größte und wichtigste Sakrament ist die Eucharistie: Jesus ist an unserer Stelle gestorben und mit seinem neuen Leib von den Toten auferstanden. Jetzt bietet er uns diesen Leib als Speise an, damit wir Teil seines Leibes werden - und damit auch Anteil an der Auferstehung haben. Dem Leib nach werden wir Christus ähnlich - dem Geist nach werden wir durch Jesus Christus Teil der göttlichen Familie. Der Heilige Geist ist dabei das »grüne Band der Sympathie«.
Beichte — Im Grunde ist die Beichte die Kehrseite der Eucharistie. Während die Eucharistie uns in die Liebesgemeinschaft Gottes hineinnimmt, löst uns die Beichte aus der Sklavengemeinschaft der Gottfernen. Dabei ist die Beichte nicht nur eine »Verneinung der Sünde« - wer nur beichtet, um fortan nicht mehr zu sündigen, wird rückfällig. Neinsagen - auch zur Sünde - ist immer die schwächste Form der geistigen Tätigkeit. Der Geist kann mehr - er kann zustimmen, lieben und anerkennen. Wer also nicht nur beichtet, um zu sich von der Sünde abzuwenden, sondern wer beichtet, weil er Gott neuer und reiner lieben will als je zuvor, erfährt den Beistand des Heiligen Geistes.
Ehe — In welchem Sakrament spielt das »Jawort« eine größere Rolle als in der Ehe? Nicht nur am Altar sagen die Eheleute »Ja« zu einander (und, wer die Katechese zur Sexualität gelesen hat, weiß, dass sich die Ehepartner auch noch im Hochzeitsbett das »Ja« schenken) - eine wirklich heilige Ehe sagt immer wieder, jeden Tag, jede Minute, »Ja« zu dem, was im Partner gut ist. Noch mehr: Eine Ehe ist vor allem dann geist-erfüllt, wenn sich die Eheleute mit der Unterstützung durch den Heiligen Geist gegenseitig dazu befähigen, nicht nur zu einander »Ja« zusagen, sondern ihre Liebe auf die Kinder, die Welt und auch auf Gott auszudehnen. Sich wahrhaft zu lieben heißt, sich gegenseitig in den Himmel zu verhelfen.
Weihe — Ein Priester ist das Lieblingswerkzeug des Heiligen Geistes. Er leiht seine ganze Existenz (vor allem aber seinen Leib) dem Heiligen Geist zur Heiligung der Menschen. Durch seine Worte und Gesten findet der Geist Gottes den Zugang zu den Menschen, die doch so sehr auf leibliche Zuwendung angewiesen sind. Christus hat einen menschlichen Leib angenommen, damit wir Zugang zum Heiligen Geist erlangen können. Und so ist der Priester die Fortsetzung der Menschwerdung: Der Geist nimmt sich dieser (eigentlich ziemlich unvollkommenen) Menschen an, um den Christen Zugang zum Heiligen Geist zu schenken.
Krankensalbung / Letzte Ölung — »Ja-Sagen« und Zustimmen müssen wir auch zu unseren Grenzen und Übergängen. Wir leben auf dieser Welt nicht ewig, unser Leib ist sterblich und begrenzt. Das Anzunehmen ist vielleicht die größte Herausforderung. Angesichts des nahen Todes brauchen wir eine besondere »Anschubfinanzierung« durch den Heiligen Geist. In der Krankensalbung werden wir fähig, alles fahren zu lassen (auch unseren eigenen Leib), um alles zu gewinnen.

Fazit

Der Heilige Geist kommt in unserem Reden, Bekennen und Glauben deutlich seltener vor als Gottvater und Jesus Christus. Vermutlich, weil er der »Undercover Agent« Gottes ist, der unsere Gottesbeziehung eröffnet und erhält: In den Sakramenten und den Sieben Gaben des Geistes.