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Grundkurs des Glaubens - Das Wesen der Kirche

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2. Abend zur Ekklesiologie: Die Struktur der Kirche

I. Der lebendige Organismus
1. Die Unfehlbarkeit des Papstes
2. Wo der Geist wirkt
a. Die Eltern
b. Die Theologie
c. Die Kirchenväter
d. Das gemeinschaftliche Lehramt: Konzilien, Synoden, Konklave
e. Die Orden
f. Die Medien und die Politik
3. Das Zusammenwirken der Organe: Hierarchie und Freiheit

II. Das allgemeine Priestertum - die Berufung der Laien
1. Die Laienvergessenheit - eine moderne Krankheit
a. Das allgemeine Priestertum
b. Missverständnisse
c. Das richtige Verständnis
2. Mal konkret
a. Sei ein Transparent
b. Lebe aus den Sakramenten - sei Sakrament
c. Lehrer, Fürsprecher, Pontifex
3. Das auch noch: das »allgemeine Propheten- und Königtum«

III. Der geweihte Priester
1. Die Priester der vorchristlichen Zeit
2. Ein einziger Priester - und seine Vergegenwärtigung
a. Erste Vergegenwärtigung: Das allgemeine Priestertum
b. Zweite Vergegenwärtigung: Die Ehe
c. Die dritte Vergegenwärtigung: Das Priesteramtx
3. Das Wesen des Priesters
a. Weihe und Ehe
b. Das Sakrament der Weihe
c. Berufung
4. Die priesterlichen Aufgaben
a. Die Feier der Eucharistie
b. Die Sündenvergebung
c. Die Leitung der Pfarrgemeinde - Die Predigt
5. »Heiße Eisen«
a. Das Zölibat
b. Das Priestertum der Frau
c. Diener der Diener - nicht der Gemeinden

I. Der lebendige Organismus

Das Evangelium will gelebt werden - nicht nur abgeschrieben. Überliefert wird nicht ein Bild, eine Zeichnung oder ein Gemälde einer Pflanze, sondern der lebendige Organismus selbst gibt sich weiter. Deshalb gibt es im Glauben der Kirche Veränderungen, Entfaltungen und scheinbar Neues. Aber alles, was sich entfaltet, ist bereits vorher angelegt gewesen.

Aus einer Raupe wird ein Schmetterling, aus einem Samenkorn eine Orchidee, aus einem Embryo ein Mensch - und immer erkennen wir im Nachhinein, dass bereits der Embryo schon im umfassenden Sinne Mensch ist; die Orchidee nichts anderes als das entfaltete Samenkorn und der Schmetterling nur eine andere Erscheinungsform der Raupe ist.

Allerdings muss ein Organismus sich auch reinigen und erneuern, denn er ist immer der Gefahr durch »Befall« von fremden Zusätzen oder sogar Parasiten ausgesetzt. Ecclesia semper reformanda sagt der Theologe: Die Kirche muss sich immer erneuern, um sie selbst zu bleiben. Gerade dafür ist aber der Dienst des Petrus unverzichtbar.

1. Die Unfehlbarkeit des Papstes

Um etwas besser zu verstehen, wie der Geist Gottes in der katholischen Kirche die Weitergabe des Evangeliums bewirkt, ist es vielleicht sinnvoll, zunächst mit einem Missverständnis aufzuräumen: Der Papst ist nicht allein unfehlbar.

Zugegeben: Als das Unfehlbarkeitsdogma 1871 verkündet wurde, wurde vor allem deshalb Kritik laut, weil in der Formulierung des Dogmas die beiden Worte ex sese standen: Der Papst sei nicht deshalb unfehlbar, weil er bei einer Festlegung des Glaubens der Zustimmung der Kirche bedürfe - sondern er könne dies aus der ihm verliehenen Vollmacht heraus (das meint ex sese - »aus sich heraus«.)

Aber damit ist nicht gemeint, dass die Kirche bei der päpstlichen Urteilsfindung kein Rolle spielt - im Gegenteil. Vielmehr ist der Papst nur ein Organ im Organismus der Kirche - und dabei auf das Zusammenwirken mit allen anderen Gliedern des Leibes angewiesen. Paulus schreibt ja: »Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich bin nicht auf dich angewiesen. Der Kopf kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht. Im Gegenteil, gerade die schwächer scheinenden Glieder des Leibes sind unentbehrlich.«

Die grundlegende Unfehlbarkeit ist vielmehr der Kirche als Ganzes zugesagt - die Tradition, das Evangelium - lebt eben nicht nur in der Lehre der Kirche, auch nicht in nur einem bestimmten Amt - sondern in der Kirche in all ihren Dimensionen, Vollzügen und Gliedern.

»Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist. Es gibt verschiedene Dienste, aber nur den einen Herrn. Es gibt verschiedene Kräfte, die wirken, aber nur den einen Gott: Er bewirkt alles in allen. Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt. Dem einen wird vom Geist die Gabe geschenkt, Weisheit mitzuteilen, dem andern durch den gleichen Geist die Gabe, Erkenntnis zu vermitteln, dem dritten im gleichen Geist Glaubenskraft, einem andern - immer in dem einen Geist - die Gabe, Krankheiten zu heilen, einem andern Wunderkräfte, einem andern prophetisches Reden, einem andern die Fähigkeit, die Geister zu unterscheiden, wieder einem andern verschiedene Arten von Zungenrede, einem andern schließlich die Gabe, sie zu deuten. Das alles bewirkt ein und derselbe Geist; einem jeden teilt er seine besondere Gabe zu, wie er will.« (1 Kor 12, 4-11).

Die Aufgabe des Papstes ist - normalerweise erst bei Streitigkeiten - im Hinschauen auf den Glauben der ganzen Kirche ein Urteil über eine zu klärende Glaubens- oder Moralfrage zu fällen. Das kann der Papst aus zwei Gründen: Einmal, weil er bei der Klärung der Frage den Beistand des Geistes besitzt, zum anderen aber, weil die Kirche im Ganzen den Beistand des Heiligen Geistes hat.

»Und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll. Es ist der Geist der Wahrheit…« (Joh 14, 16f) - »Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.« (Joh 14, 26) - »Doch ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich fortgehe. Denn wenn ich nicht fortgehe, wird der Beistand nicht zu euch kommen; gehe ich aber, so werde ich ihn zu euch senden.« (Joh 16, 7) - »Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit führen. Denn er wird nicht aus sich selbst heraus reden, sondern er wird sagen, was er hört, und euch verkünden, was kommen wird. Er wird mich verherrlichen; denn er wird von dem, was mein ist, nehmen und es euch verkünden. Alles, was der Vater hat, ist mein; darum habe ich gesagt: Er nimmt von dem, was mein ist, und wird es euch verkünden.« (Joh 16, 13ff)

So arbeitet auch ein Arzt: Der Leib kann zwar hier und da krank sein kann, aber im Hinblick auf den Leib als ganzen erkennt er, was den Leib am Leben erhält.

2. Wo der Geist wirkt

a. Die Eltern. — Wenn von der Weitergabe des Glaubens die Rede ist - von der lebendigen Tradition -, müsste eigentlich die Familie an erster Stelle genannt werden. In ihr wird jede Weitergabe mit Leben gefüllt und grundgelegt, in ihr finden sich alle Momente der Kirche: Die Theologie (»Wenn Kinder fragen…«), die Spiritualität (»Abends wenn ich schlafen geh, vierzehn Englein um mich stehn..«), die gelebte Nächstenliebe (»Gehen wir morgen wieder Opa im Krankenhaus besuchen?«), der Gottesdienst (»…wann darf ich zur Kommunion?«), das Lesen in der Bibel (»Liest Du mir noch mal die Geschichte von dem Wal und dem Propheten vor?«)

Oft wird - auch von politischer Seite - die Frage nach einer Erziehungsleistung der Eltern oder gar einer pädagogischen Überprüfung gestellt. Dabei ist das, was in der Familie geschieht, nicht ausdrücklich praktizierte Erziehung - das, was in den Familien geschieht, ist vor allem das gemeinsame Leben.

Das Schauen der Kinder auf den gelebten, vollzogenen Glauben - gibt es ein schöneres Bild für lebendige Weitergabe des Glaubens? Im Grunde ist Tradition nicht viel anderes (so schreibt der Hebräerbrief: »Denkt an eure Vorsteher, die euch das Wort Gottes verkündet haben; schaut auf den Ertrag ihres Lebens, und ahmt ihren Glauben nach!« (Hebr 13, 7)

b. Die Theologie. — Auch die Theologie spielt eine große Rolle im Organismus der Kirche - aber eben nicht die entscheidende. So wie im Organismus der Verstand funktionieren muss, Gutes von Schlechtem unterscheidet, Bekanntes entfaltet und auf Neues reagiert, ist eine gesunde, lebendige und aktive Theologie für die Kirche unverzichtbar. Dabei muss auch die Freiheit der Theologie gewahrt bleiben: Theologen dürfen auch mal kirchenfremde Theorien und Gedanken aufgreifen und erwägen; neue Wege ausprobieren, von denen nicht immer so ganz klar ist, ob sie sich vielleicht als Sackgassen herausstellen. Sie dürfen unbequeme Fragen stellen und nach neuen Antworten suchen.

Oft können Professoren, Lehrer und Katecheten in einer ehrlichen Diskussion selbst klären, welche Theologien dabei das Fundament des katholischen Glaubens endgültig verlassen haben; falls es jedoch zu einem anhaltenden Streit kommt und sich die Theologie zu spalten droht, ist das Amt des Papstes gefragt.

Die Vermutung, der Papst würde viel zu schnell und viel zu oft diese Diskussionen verbieten und »Maulkörbe« verteilen, ist übrigens nicht wahr. Die Kirche hat einen langen Atem und ihre Mühlen mahlen langsam… viele Irrlehren sind einfach in Vergessenheit geraten, weil sie sich nicht durchsetzen konnten, ohne dass ein Papst dazu etwas sagen musste. Übrigens hat jeder in der Kirche ein Recht, sich an einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung zu beteiligen - nicht nur studierte Professoren oder bücherschreibende Theologen.

c. Die Kirchenväter. — Besonders erhellend ist das Zeugnis der Kirchenväter - so nennt man bestimmte Theologen und Prediger der frühen Kirche. Sie haben - im Gegensatz zu den modernen Theologen - keine große Bibliothek christlicher Autoren zur Verfügung gehabt, sondern ihre Gedanken direkt aus dem Leben und dem gefeierten Glauben der Kirche geschöpft. Daher betrachten wir diese Zeugnisse als besonders klar, ursprünglich und maßgeblich. Zudem sind die Gedanken der Kirchenväter in vielerlei Hinsicht sehr aktuell. (Lies einfach mal nach in irgendeiner Ausgabe der berühmten Bibliothek der Kirchenväter: https://www.unifr.ch/bkv/awerk.htm).

Dennoch sind die Kirchenväter, auch wenn sie manchmal nur wenige Jahrzehnte von den biblischen Autoren getrennt sind, nicht mit der Bibel gleichzusetzen - das gilt auch für Texte, die zwischenzeitlich den Ruf hatten, zur Bibel zu gehören (zum Beispiel der Hirte des Hermas oder der Clemensbrief). Der Unterschied zwischen inspiriert und nicht inspiriert liegt dabei nicht in der Qualität der Schriften, sondern in der Autorität, die die Kirche den Schriften zuerkennt.

d. Das gemeinschaftliche Lehramt: Konzilien, Synoden, Konklave. — Auch in der Kirche gibt es eine gewisse Ähnlichkeit mit der Demokratie. Festlegungen des Glaubens und der Moral erfolgen in den allerseltensten Fällen nur durch eine einzige Person. Aber die Zusammenkünfte der Bischöfe dient nicht der Findung eines Kompromisses (so wie ein Verein eigenmächtig darüber bestimmt, welche Ausrichtung er hat), sondern eine jeweilige Abstimmung dient der Findung einer grundlegenden Übereinstimmung (so auch in der Wahl eines neuen Papstes). Beschlüsse, Texte und Festlegungen erfolgen daher niemals nur mit knapper Mehrheit - selbst eine Zweidrittelmehrheit gilt noch als knapp -, sondern immer mit annähernder Einstimmigkeit.

e. Die Orden. — Auch die Ordensgemeinschaften der katholischen Kirche sind für den Organismus unverzichtbar. Natürlich wurde auch in den großen Orden der Kirche Theologie betrieben; aber noch wichtiger für den Organismus ist das dort gepflegte Gebet und geistliche Leben. Viele fromme Schriften stammen aus den Klöstern, viele wunderbare Gedanken finden sich in ihren Liedern und Hymnen wieder.

Aber am allerwichtigsten ist nicht das, was dort oder anderswo niedergeschrieben wurde - sondern was diese frommen Männer und Frauen gelebt und damit der jeweiligen Zeit bezeugt haben. Denn die Weitergabe des Evangeliums geschieht nicht durch zusätzliche Schriftstücke - sondern durch ein Leben, in dem der lebendige Geist Gottes wirkt.

Deshalb sind auch die tätigen Orden - in neuerer Zeit zum Beispiel die Missionarinnen der Nächstenliebe von Mutter Teresa - ein bedeutendes Glied in der Tradition der Kirche: Auch wenn sie weniger Zeit haben, Theologie zu betreiben - durch ihre Liebe zu den Menschen und ihr persönliches Zeugnis geben sie der Kirche als Leib Christi erst ein Gesicht der Liebe.

f. Die Medien und die Politik. — Ich möchte hier keine vollständige Aufzählung aller Organe der Kirche versuchen - ich würde mit Sicherheit wichtiges vergessen. Aber das Amt der Propheten, die doch im Alten Testament eine so große Rolle spielen, soll nicht verschwiegen werden. Es findet sich eher in den Medien und in der Politik wieder - auch der Kirchenpolitik. Die Aufgabe des Propheten war es, Kritik an den bestehenden Zuständen zu üben - sowohl an den politischen als auch an den innerkirchlichen Missständen. Das war niemals Aufgabe der Priester (Priester und Propheten waren im Alten Testament eher entgegengesetzt), die eher für die Bewahrung des Althergebrachten zuständig waren.

Heute gibt es - wie wohl auch zu den biblischen Zeiten - viele schlechte und selbsternannte Propheten; vermutlich schon eine wahre Inflation von Kritikern an allem Erdenklichen. Aber das soll uns nicht die Augen davor verschließen, dass die Medien und die dort Agierenden eine wichtige Aufgabe übernehmen - auch für die Kirche.

Natürlich sind die Medien und die Politiker zumeist keine Kirchenmitglieder (obwohl auch Bileam als Nicht-Jude zum Propheten berufen war). Deshalb soll die Erwähnung, dass auch heute noch das Prophetenamt existiert, weniger eine Aufforderung zum Kauf der Süddeutschen Zeitung sein, sondern eher eine Ermunterung, aus dem Herzen der Kirche heraus medial tätig zu werden. »Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht.«

3. Das Zusammenwirken der Organe: Hierarchie und Freiheit

Obwohl wir in allen Organen - das heißt ausdrücklich: allen Gliedern des Leibes - ihre unverzichtbare Aufgabe im Leib - bewirkt durch den einen Geist - erkennen, heißt das nicht, dass es keine Ordnung und keine Hierarchie gäbe.

Gerade die Predigt des Paulus im ersten Korintherbrief versucht genau das zu betonen: Nur, weil einer ein hohes Amt innehat, steht ihm nicht mehr Ehre zu als dem, der ein niedriges Amt bekleidet. Aber Paulus hält daran fest: Es gibt diejenigen, die als Apostel lehren - und diejenigen, die darauf hören. Ordnung muss sein.

So ist es ja auch im Leib. Das hat auch schon Otto Waalkes (»Das Wunder des Ärgerns« auf Youtube) erkannt. Hierarchie heißt ja nicht, dass nur noch einer denkt - und alle anderen Befehle ausführen müssen. Im Gegenteil: Für das gute Funktionieren des Leibes ist es wichtig, dass auf allen Ebenen die jeweiligen Aufgaben selbstständig und eigenverantwortlich durchgeführt werden. Es ist letztlich eine Gnade, dass wir das Atmen nicht vergessen können. Keine Sorge!

Der Papst nimmt weder den Eltern die Entscheidung über die richtige Erziehung ab - noch könnte er die Theologie durch Beschluss dazu bringen, etwas Falsches als richtig zu erkennen. Und ich als Pfarrer muss auch erkennen, dass ich den Mitgliedern meiner Pfarrei zwar Mut machen kann, ihren Glauben auch in der Alltagswelt zu bezeugen - aber wie und ob das geschieht, liegt nicht in meiner Verantwortung - und auch nicht in meiner Macht.

Oder nehmen wir ein Beispiel aus der Schule - dem anderen Lebensbereich, den ich gut kenne. Ein schlechter Lehrer, der bei den Kindern keine Autorität und keine Durchsetzungskraft hat, verhindert nicht nur einen erfolgreichen Unterricht - er langweilt auch. Er nimmt den Kindern durch seine Unfähigkeit sogar die Freiheit, die Unterrichtsstunde eigenverantwortlich zu gestalten, weil das Machtvakuum des Lehrers durch den Gruppendruck ersetzt wird.

So ist die Autorität der Eltern, des Pfarrers, des Bischofs und des Papstes immer eine Verwirklichung von Hierarchie, die Freiheit garantieren soll. Dabei ist jeder auf jeden angewiesen - und alle auf das Wirken des Geistes.

Fazit

So wie die Seele zwar den menschlichen Leib über das Gehirn steuert, aber den ganzen Leib durchformt, so wirkt auch der Heilige Geist als »Seele der Kirche«: Er wirkt in allen Gliedern der Kirche - erst dadurch handelt es sich bei der Kirche um einen lebendigen Leib. Die Aufgabe des »Hauptes« (des Bischofs - und analog auch des Papstes und des Priesters) ist es, diese Lebendigkeit zu bewahren.

II. Das allgemeine Priestertum - die Berufung der Laien
1. Die Laienvergessenheit - eine moderne Krankheit

»Die klassische Theologie sagt über Laien nichts anderes aus, als dass sie eben keine Priester sind.« - Mit solchen Statements wird schon seit langem das Fehlen einer eigenständigen Bedeutung der Nicht-Priester bemängelt. Der Theologe Medard Kehl sucht beispielsweise in seinem Buch »Die Kirche« nach etwas, was dem Laien zu eigen ist, aber eben nicht dem geweihten Priester - und findet nichts. Faszinierend daran ist nicht, dass Kehl (wie viele andere) feststellt, dass es keine inhaltlich-positive Bestimmung des Begriffes »Laie« gibt, sondern dass er überhaupt erwartet hatte, eine solche zu finden.

Kehl fragt indirekt, ob es z.B. sinnvoll ist, einen Begriff des »Nicht-Beamten« einzuführen. Mit dem Wort »Bürger« ist dem auch nicht abgeholfen - denn selbstverständlich sind auch die Beamten zugleich Bürger. Einige Bürger sind eben zusätzlich auch noch Beamte. Falls nun aber dennoch der Begriff »Nibea« eingeführt würde (Nibea für »Nicht-Beamte«), um zum Beispiel deutlich zu machen, dass auf einer Ratsversammlung keine Nibeas stimmberechtigt sind, fragt doch auch niemand, ob das eventuell diskriminierend sei, Nibeas nur dadurch zu definieren, dass sie etwas nicht dürfen. Es wird erst dann dramatisch, wenn sich die Nibeas selbst nicht mehr als Bürger verstehen, sondern nur noch über die Tatsache definieren, dass sie eben »Nicht-Beamte« sind. Das kann geschehen, wenn der Staat (oder die Stadt oder die Gemeinde) nur noch mit den Beamten gleichgesetzt wird. Genau das aber ist in der Kirche geschehen.

Es braucht keine gesonderte Definition dessen, was der Laie ist - über Jahrhunderte spielte dieser Begriff keine große Rolle. Man war eben Christ - und einige hatten noch zusätzlich die Beauftragung, Priester (oder, theologisch richtiger: Kleriker) zu sein. Als aber »Kirche« zu einem Gebilde wurde, dass nur noch die »Amtskirche« meinte - und eben nicht mehr alle Getauften umfasste -, verstanden sich die »Nicht-Kleriker« eben nur noch als Laien. Und fühlten sich diskriminiert bzw. ärgerten sich darüber, dass über Laien nicht viel mehr gesagt wurde, als dass sie an Kleriker-Entscheidungen nicht beteiligt sind.

Dass »Kirche« mit »Amtskirche« gleichgesetzt wurde, kann durch die Kleriker selbst verursacht worden sein. Wenn bspw. die Beamten sich für die besseren Bürger halten, entsteht bei den Nibeas erst dadurch ein Minderwertigkeitsgefühl. Aber es kann auch der umgekehrte Fall eintreten: Dass sich die Bürger ihrer Bürgerrechte (und Pflichten) selbst berauben, indem sie ständig auf die Beamten und deren Entscheidungen warten - ohne selbst-tätig zu werden. Obrigkeitsdenken nennt man so etwas.

Es ist allerdings müßig, danach zu fragen, ob die Kleriker in der Kirche selbst für eine »Klerikalisierung« gesorgt haben, oder ob es die Laien waren, die sich zunehmend aus der Verantwortung gestohlen haben. Schuldzuweisungen bringen nichts - es geht jetzt darum, die Begriffe »Priester« und »Getaufte« wieder neu zu füllen und alte Feindschaften zu begraben: So ist es die Aufgabe der ganzen Kirche, den aufgebrachten Laien, die sich ebenfalls zu Protestbekundungen aufgerufen fühlen, ihre Rechte, Würde und Berufung nahezubringen.

Es ist schon auffällig, dass jeder weiß, was ein »Laie« ist, aber kaum einer, was mit dem »Allgemeinen Priestertum« gemeint ist. Wie gesagt: Heute verstehen sich alle als »Nibeas«, aber kaum noch einer als »Bürger«. Es ist tatsächlich so: In der Tauffeier wirst Du im Anschluss an die Taufe vom Taufpriester zum »König, Priester und Propheten« gesalbt - mit der Chrisam-Salbe. Daher haben wir alle unseren Namen: »Christen« heißt nichts anderes als die »Gesalbten«. Chrisam heißt sinnigerweise auch nichts anderes als »Salbe«; »Chrisam-Salbe« ist also eine unnötige Verdopplung. - Du bist also ein Priester. Du bist zwar auch ein König und Prophet, aber vermutlich überrascht Dich das weniger. Aber Priester?

a. Das allgemeine Priestertum. — Wer das Wort »Priester« hört, denkt schnell an die (meist älteren) Herren in schwarz, an Pfarrhäuser und Priesterkragen, an Gottesdienste, Predigten und Gemeindeleitung. Wenn dann davon die Rede ist, dass wir alle (alle Getauften zumindest) teilhaben am Allgemeinen Priestertum, dann schrecken einige zurück: »Sollen wir jetzt alle in schwarz rumlaufen?« - und andere organisieren eine Demo vorm Pfarrhaus und verlangen entsprechende Berücksichtigung bei der Einteilung von Predigtdiensten, Gottesdienstgestaltung und Leitung von Pfarrgemeinderäten. Wer aber begreift, was »Priestertum« wirklich bedeutet, und diesen Begriff von allem befreit, was zwar ein Pfarrer auch so alles tut, was aber nicht zu seinem Priesterwesen gehört, der versteht auch leichter, worin das »Allgemeine Priestertum« besteht.

Priester sind zunächst Stellvertreter. Sie bringen stellvertretend für andere Gebete und Opfergaben vor Gott (so verstand vor allem das Alte Testament den Priester) oder wirken im Auftrag Gottes das Heil der Menschen (so das sakramentale Verständnis des Priesters - beides gilt auch heute noch).

»Der Priester leiht Gott seine Stimme und seinen Leib. In allem, was er tut, soll er transparent sein für Gott, der durch ihn wirkt - vor allem aber, wenn er Sakramente spendet, die Eucharistie feiert, das Volk lehrt und leitet. In dem, was der Priester tut, wenn er seine Berufung erfüllt, wirkt Gott. (Nicht, weil der Priester das so will oder so gut kann, sondern weil Gott das so will und den Priester in seinen Dienst genommen hat. Das ist ein wichtiger Akzent!) Gleichzeitig nimmt der Priester den Auftrag des Volkes wahr und betet für die Gemeinde, verbindet immer wieder die Menschen mit Gott und schlägt Brücken zwischen den Sündern, die um Verzeihung bitten, und der Gemeinschaft der Heiligen.«

Vermutlich hast du bei dem, was ich gerade geschrieben habe, den Priester im Messgewand vor Augen; den Pfarrer oder den Kaplan. Dabei gilt all das, was im vorangegangenen Abschnitt steht, für alle Priester - sowohl für den geweihten Priester als auch für Dich - weil Du getauft bist und damit am Allgemeinen Priestertum teilhast.

»Die Getauften leihen Gott ihre Stimme und ihren Leib. In allem, was sie tun, sollen sie transparent sein für Gott, der durch sie wirkt - vor allem aber, wenn sie Sakramente spenden, die Eucharistie feiern, das Volk lehren und leiten. In dem, was die Getauften tun, wenn sie ihre Berufung erfüllen, wirkt Gott. (Nicht, weil die Getauften das so wollen oder so gut können, sondern weil Gott das so will und die Getauften in seinen Dienst genommen hat. Das ist ein wichtiger Akzent!) Gleichzeitig nehmen die Getauften den Auftrag des Volkes wahr und beten füreinander und für die Gemeinde, verbinden immer wieder die Menschen mit Gott und schlagen Brücken zwischen den Sündern, die um Verzeihung bitten, und der Gemeinschaft der Heiligen.«

Im Grunde besteht der Unterschied zwischen dem geweihten Priester und dem Allgemeinen Priestertum aller Gläubigen nicht im Auftrag, den Gott ihnen erteilt hat - denn es geht beiden um die Heiligung der Welt und deren Rettung. Der Unterschied liegt darin, dass die Erfüllung dieses Auftrages auf der einen Seite durch das gesamte, alltägliche Leben geschieht (Allgemeines Priestertum), auf der anderen Seite zusätzlich (!) durch die Wahrnehmung besonderer Aufgaben etwa eines seelsorglichen Hirtendienstes, die Leitung der Gemeinde, das Vorstehen bei liturgischen Feiern (Geweihtes Priestertum).

Zusätzlich. Denn ein geweihter Priester ist nicht davon befreit, mit seinem alltäglichen Leben weiterhin Zeuge der Erlösung zu sein. Es wäre ja noch schöner, wenn die Priester nur noch im Gottesdienst im Dienste Gottes stehen - aber nach dem Gottesdienst vor der Kirche Drogen verkaufen würden. Geweihte Priester sind also im doppelten Sinn Priester - allgemein und besonders. Ob man darin eine »Doppelbelastung« oder eine »doppelte« Gnade sehen sollte, mag Ansichtssache sein. Denn in der Weihe wird (im Gegensatz zur Segnung) das oder der Geweihte aus der alltäglichen Bestimmung herausgelöst und für den besonderen, heiligen Bereich bestimmt. Das gilt auch für den geweihten Priester: Alle zum Priesteramt Berufenen sind Zeichen der Gegenwart Gottes in dieser Welt; die Geweihten sind es zusätzlich im Bereich des Sakralen und der Liturgie.

b. Missverständnisse. — Die Tatsache, dass alle Getauften zum Allgemeinen Priestertum berufen sind, berechtigt also nicht zu der Forderung, deshalb müssten jetzt auch alle in der Liturgie predigen und die Wandlungsworte sprechen. Ganz im Gegenteil: Die Befähigung, im sakralen Bereich Gottes Symbol zu sein, ergibt sich nicht aus dem Allgemeinen Priestertum, sondern aus dem der besonderen Teilhabe am spezifischen, sakramentalen Amt in der Kirche.

Dieses Missverständnis stammt aus der reformatorischen Theologie. Luther hat das besondere Priestertum abgelehnt - und abgeschafft. Die Aufgaben des geweihten Priestertums gingen an alle Getauften über, die ja teilhaben am »Allgemeinen Priestertum«. Im Grunde haben aber die Reformatoren auch das Allgemeine Priestertum abgeschafft. Besonders die evangelikalen Kirchen sträuben sich grundsätzlich, eine Stellvertretung und das Wirken Gottes auf dem Weg einer menschlichen Vermittlung zu akzeptieren. Das Heil wirkt Gott - sonst niemand, auch nicht die Getauften. Eine Mitwirkung an der Erlösung gibt es nicht - somit weder ein besonderes noch ein allgemeines Priestertum.

In der katholischen Kirche gibt es aber die deutliche Unterscheidung zwischen den beiden Formen des Priestertums (wohlgemerkt: nicht die Unterscheidung zwischen Laien und Klerikern - die interessiert kaum). Das geweihte Priesteramt ist eine Ausfaltung dessen, was im allgemeinen Priestertum grundgelegt ist. Die Tatsache, dass es dieses allgemeine Priestertum gibt, als Argument dazu zu verwenden, dass jetzt alle auch die Aufgaben des besonderen Priestertums ausüben dürfen, ist so ähnlich, als wenn jetzt alle Deutschen aus der Tatsache, dass »alle Gewalt vom Volke ausgeht« beschließen, Kanzler oder Kanzlerin zu werden. Abgesehen von dem Gedränge im Bundeskanzleramt - von welchem Volk soll dann noch die »Gewalt« ausgehen?

c. Das richtige Verständnis - Abusus non tollit usus. — Nur weil der Begriff vom »Allgemeinen Priestertum« oft missbraucht (bzw. missverstanden) wird, bedeutet das aber nicht, dass es nicht auch ein richtiges Verständnis gibt. Das »Allgemeine Priestertum« ist die zentrale Berufung aller Getauften. Es geht nämlich darum, dass Du für diese Welt ein Priester bist: Du repräsentierst Gott, und die Welt spricht Dich an, obwohl sie Gott meint.

Du repräsentierst Gott! Das ist, genau bedacht, ein sehr erhebender, aber auch furchteinflößender Gedanke. Erhebend, weil Gott dir zutraut, dass du in Deinem Wirkungsbereich (Familie, Schule, Arbeit, Freundeskreis - selbst, wenn Du beim Aldi einkaufen gehst) sein Heil zur Wirkung bringst. Stopp - zutrauen ist richtig, aber noch mehr: Er hat dich dazu beauftragt! Furchteinflößend ist dieser Gedanke, weil wir durch unser Verhalten (und eben auch durch unser Fehlverhalten) Menschen von Gott abbringen können. Unser Leben hat so gesehen sogar unerwartet weitreichende Fernwirkungen: Wie viele Menschen weigern sich, am Glaubensleben der Kirche teilzunehmen, weil es Menschen in der Kirche gegeben hat, die vor Jahrhunderten (!) in ihrer Moral versagt haben; indem sie z.B. Hexen verbrannt, auf Kreuzzügen schreckliche Verbrechen begangen oder sich nicht für die Ärmsten und Verfolgten eingesetzt haben.

Dass du als Getaufter in den Augen dieser Welt mit der Kirche - ja, sogar manchmal mit Gott selbst - verwechselt wirst, ist also kein ganz abwegiges Missverständnis. Du kannst dich also nicht herausreden und sagen: »Aber ich bin nicht die Kirche und auch nicht Gott, also ist es doch egal, was ich tue. Du kannst doch trotz meiner Fehler Gott lieben!« Du kannst dich einmal deshalb nicht auf diese Weise herausreden, weil du als ein Gott-Liebender immer auch Zeugnis ablegst für den Charakter desjenigen, den du liebst. Zum anderen ist eine solche Ausrede aber auch deshalb nicht zulässig, weil Gott dich ja genau dazu bestimmt hat: sein Bote zu sein; sein Außenposten; sein Zeichen - eben sein Priester.

Deshalb ist deine Sünde und dein Versagen immer auch ein Versagen der Kirche, deshalb ist deine Sünde (und sei sie noch so privat) immer auch eine Sünde an der Kirche und vor Gott. Ich zumindest bin froh, wenn ich nach der Beichte meiner Sünden weiß, dass nicht nur Gott, sondern auch die Kirche mir vergibt. Ich würde sonst dringend darum bitten!

2. Mal konkret

a. Sei ein Transparent! — »Du bist mit Deinem Leben ein Realsymbol Gottes« - klingt toll. Aber diese hohe Würdigung erscheint doch recht unkonkret. Was bedeutet das ganz praktisch? »Der Priester leiht Gott seine Stimme und seinen Leib.« Bedenke, was Du sagst, was Du tust. Achte auf die Gebote, achte auf Dein Denken und Dein Reden.

»In allem, was er tut, soll er transparent sein für Gott, der durch ihn wirkt«. Transparent zu sein, also durchsichtig zu werden, ist vielen unangenehm. Das klingt so, als wenn man nicht mehr ganz real wäre, im Verschwinden begriffen.

In dem netten Film »Zurück in die Zukunft« wird Marty McFly zunächst durchsichtig, bevor er sich in ein reines Nichts auflöst. Was für den Buddhisten noch eine tolle Sache wäre, ist für Marty McFly nicht so prickelnd.

Aber es geht nicht darum, »fadenscheinig« zu werden oder »unsichtbar«. Seit der Taufe leben wir nicht mehr allein, sondern Christus lebt in uns. Und auf Christus hin sollen wir durchsichtig werden - nicht unsichtbar, sondern strahlend und leuchtend.

In einer eMail hat mir letztens ein Jugendlicher namens Kai geschrieben, dass er sich Sorgen um seine Freundin macht, die jetzt so »seltsam religiös« geworden sei. Sie geht nicht mehr so oft auf Partys (vor allem nicht mehr so lange am Samstag, weil ja am Sonntag Gottesdienst ist), macht nicht mehr »jeden Scheiß« mit, strahlt die ganze Zeit und betet viel zu viel. Kai meint zwar, sie wäre langweilig geworden. Aber dann hätte er mir nicht geschrieben, sondern sie einfach zunehmend übersehen. Und vergessen. Offensichtlich ist sie jetzt genau das Gegenteil von »langweilig«.

Nicht umsonst gibt es im Deutschen zwei Bedeutungen des Wortes »Transparent«. Wer nämlich »transparent« (durchsichtig) wird für Gott, der wird wie ein »Transparent« (das Aushängeschild bei einer Demo).

b. Lebe aus den Sakramenten - sei Sakrament! — »... vor allem aber, wenn er Sakramente spendet und die Eucharistie feiert.« - Du bist erst dann für Gott transparent, wenn deutlich wird, woher Du lebst. Aus Gott - okay. Aber das Wort »Gott« kann für alles Mögliche stehen. Für einen (nichtvorhandenen) »Fussball-Gott«, einen »Flanken-Gott«, einen »Wettergott« oder »Wirtschaftsgott« oder für die Glücksgöttin Fortuna, die sich hauptsächlich in Spielkasinos aufhält. Wenn Du Symbol des Mensch gewordenen Christus sein möchtest, dann lebe auch aus seiner fortwährenden Gegenwart - in den Sakramenten. Vor allem aus der Eucharistie. Wer die Sakramente empfängt, wird selbst zum Sakrament.

Aber als Getaufter bist Du nicht nur Empfänger der Sakramente, sondern auch Spender: Zum Beispiel - und vor allem - des Ehesakramentes. Natürlich sind nicht alle Getauften zur Ehe berufen. Aber wer sich dieses Sakrament spendet, wird zu einem besonderen Zeichen Gottes: Gott, der sich an sein Volk bindet, hat die Ehe zu diesem Zeichen erhoben. (Dazu empfiehlt sich die Katechese zur Ehe).

Aber das allerwichtigste ist die Versöhnung. Heil, Segen und Erlösung dreht sich immer nur um diesen Punkt: »Verzeih mir - lass uns wieder Freunde sein.« Sei aber ein echter Versöhner: Warte nicht auf die Entschuldigung, damit Du in aller großherzigen Herablassung dann verzeihen kannst. Verzeih, noch bevor Dich jemand darum bittet. Verzeih auch dem, der Dich wirklich schwer getroffen hat. Versöhne Dich mit dem, der sich gegen Dich versündigt. Ergreif die Initiative und biete dem die Hand an, der zuvor gedroht hat, sie Dir abzuhacken (… naja, das ist kein so gelungenes Bild - aber Du weißt, was ich meine).

Und vor allem: Bitte um Verzeihung. Immer wieder; geh mit gutem Beispiel voran und meine es trotzdem ehrlich. Keiner, der nicht um Verzeihung bitten kann, kann auch vergeben.

c. Lehrer, Fürsprecher, Pontifex — »... wenn er das Volk lehrt ...« - In der Liturgie stellt der Priester, wenn er predigt, Christus als Lehrer dar. Das gilt - außerhalb der Liturgie - auch für Dich: Sei einer, der etwas zu erzählen hat. Und Du hast etwas zu erzählen. Nicht Theologie, Kirchenrecht oder Liturgiegeschichte, sondern von Deiner Liebe zu Gott. Von dem, was ihr beide erlebt habt. Was Du gelernt hast, seit Du in dieser Beziehung lebst. Sei kein Lehrer der Gott-Information - sondern ein Lehrer der Liebe. Dazu gehört natürlich Mut - gottseidank ist er Dir in der Firmung geschenkt worden. Mach einfach davon Gebrauch!

Als Priester bist Du auch dazu berufen, die Anliegen der Menschen vor Gott zu tragen. Dazu reicht es schon, einen Blick in die Zeitung zu werfen. Betest Du für die Opfer einer Katastrophe? Eines Familiendramas? Auch für die Täter? Betest Du für die Kinder, deren Geburt in der Zeitung steht? Und für die Verstorbenen, die oft auf der gleichen Seite betrauert werden? Bete für die Politiker, die Medienstars und die Sportler (nicht für deren Erfolg - sondern für deren Heil!).

Was mit dem Lesen der Zeitung beginnt, nimmt kein Ende, wenn Du mit offenen Augen durch den Tag gehst. Ein Fürsprecher zu sein, ist ein Fulltime-Job. Eben eine Berufung. Und wenn dann abends ein Anruf kommt - weil eine Freundin morgen eine Klausur schreibt und sie um Dein Gebet bittet - na, dann hat sich sogar schon herumgesprochen, dass Du jemand mit »Vitamin B« bist. Herzlichen Glückwunsch!

»... und schlägt Brücken zwischen den Sündern, die um Verzeihung bitten, und der Gemeinschaft der Heiligen.« - Brückenbauer (auf Latein: »Pontifex«). Brücken sind Gelegenheiten, Gräben zu überwinden. Gräben zwischen den Menschen und Gott, zwischen Menschen und der Kirche und zwischen den Menschen selbst.

Brückenbauer müssen Menschenkenner sein - oder, noch besser, Menschenmöger. Schau, wo sich Gutes im »Sünder« entdecken lässt (bedenke, auch Du bist ein Sünder!); knüpfe daran an und baue eine Brücke zu Gott. Fast alle Menschen sehnen sich nach bedingungsloser Liebe, nach Heimat und Zukunft, nach Geborgenheit und Anerkennung. Ideale Brückenköpfe.

Baue vor allem Brücken, die begehbar sind. Menschen müssen selber die Brücke betreten und hinübergehen. Du kannst niemanden zwingen, schieben oder schubsen. Zeige, dass die Brücke sicher, stabil und einladend ist. Gehe selbst voran. »Die Menschen werden aufgeschlossener sein, wenn sie das Gefühl haben, geführt zu werden und nicht geschubst« (Filmzitat aus »Glauben ist alles«).

3. Das auch noch: das »allgemeine Propheten- und Königtum«

Nun, wir haben uns ausführlich mit dem »Allgemeinen Priestertum« auseinandergesetzt. In der Taufe wirst Du allerdings auch zum Propheten gesalbt. Ein Prophet ist kein Wahrsager - wie manche meinen, wenn sie z.B. vom »Unheilspropheten« reden. Propheten sind wie Priester - sie reden zu den Menschen im Auftrag Gottes, und sie reden zu Gott im Auftrag der Menschen. Ein Super-Beispiel für einen Propheten bietet der Dialog zwischen Gott und seinem Volk in der Vermittlung durch Samuel (1 Sam 8,4 - 8,22). Das kannst Du auch - nein, das ist auch Dein Auftrag. Sei einer, der mit seinen Ratschlägen, Ermahnungen und Ermutigungen für andere zum Propheten wird. Ein Für-Sprecher in beide Richtungen.

Und als drittes Amt der Getauften wird Dir in der Taufe die Königswürde verliehen. Ein König - das ist jemand, der dem Volke dient, aber nur Gott allein gehorcht. Diese Kombination aus hoher Würde und der Bereitschaft, sein Leben in den Dienst des Einfachsten der Menschen zu stellen, macht den König aus. Dienen kann letztlich nur der, der sich seine Würde nicht erstreiten oder erkämpfen muss. Wer weiß, dass er königlichen Blutes ist (und das sind wir Christen seit unserer Taufe alle), vergibt sich nichts, wenn er auf allen äußeren Schein verzichtet und sich klein macht, um den Menschen zu dienen. Nicht klein machen vor Geld, Autos, McDonalds. Der König beugt vor niemandem die Knie. Außer vor Gott.

Fazit

Jedes Glied der Kirche - ob Laie oder geweiht - ist Priester, König und Prophet und hat Anteil am Priestertum Christi. Das allgemeine Priestertum aller Getauften ist die erste Weise des Wirkens Gottes in der Kirche. Die Ämter sind als Dienste diesem Wirken zugeordnet.

III. Der geweihte Priester

Viele der heutigen kirchlichen und weniger kirchlichen Diskussionen (und Kirchen-Reform-Forderungskataloge) drehen sich direkt oder indirekt um den Priester und sein Amt: Warum kann eine Frau nicht Priester werden? Warum dürfen Priester nicht heiraten? Warum darf nur ein Priester die Wandlungsworte sprechen? Warum kann nicht auch ein Laie predigen? ...

Das Schöne ist, dass wir stundenlang über diese Fragen diskutieren können, ohne zu einem Ergebnis zu kommen; eine echt publikumswirksame und unterhaltsame Beschäftigungstherapie. Jeder ist dabei willkommen und darf mitdiskutieren und seine Meinung äußern. Falls aber jemand nicht nur seine eigene Zeit und die der anderen totschlagen möchte, sondern wirklich Antworten auf seine Fragen sucht, wird er feststellen, dass eine andere Frage der Schlüssel ist: Was ist das eigentlich - ein Priester?

Es fällt schwer, jemanden zu finden, der uns kurz und knapp erzählt, was ein Priester von seinem Wesen her ist. Und wenn wir in einem amtlichen Dokument der Kirche nachlesen - beispielsweise im Katechismus der katholischen Kirche - finden wir zwar kurz und knapp: »Der Priester (des Neuen Bundes) handelt in der Person Christi« (so auch bei Thomas v. Aquin). Was aber soll das bedeuten?!?

1. Die Priester der vorchristlichen Zeit

Der Priester wurde nicht in der christlichen Religion erfunden; Priester gibt es (zumindest dem Namen nach) in Religionen aller Zeiten und aller Kulturen. Manchmal nennen sich die religiösen Amtsträger anders (Geistliche, Rabbi, Schamane, Medizinmann, Imam), aber in vielen Religionen heißen sie sich tatsächlich Priester (oder in anderen Sprachen: priest, prete, sacerdote, prêtre, ieros - usw.).

Die Aufgaben der Priester in den verschiedenen Religionen sind zwar unterschiedlich, aber wenn man die verschiedenen Ausformungen auf Gemeinsamkeiten hin untersucht, so kann man das, was den Priester ausmacht, als doppelte Vermittlung beschreiben: Der Priester ist beauftragt, (1) stellvertretend für das Volk vor Gott zu treten und Opfer, Gebete und Bitten darzubringen; (2) stellvertretend für Gott vor das Volk zu treten und dem Volk Heil und Gnade, aber auch Ermahnung und Belehrung zu geben.

Das ist natürlich sehr stark verallgemeinert. In einigen Religionen und Kulturen bestand die Aufgabe des Priesters darin, Gott und Menschen zu verbinden - in vielen anderen Kulturen dagegen sollten sie die Menschen vor launischen Göttern schützen oder hatten lediglich die Aufgabe, für schönes Wetter und eine gute Ernte zu sorgen. Priester dienten bisweilen einem Orakel, andere kurierten kranke Menschen, indem sie geheimes Wissen anwendeten um Dämonen zu binden, wieder andere versahen einen bestimmten Dienst (z.B. Opfer) in einem lokalen Heiligtum. Aber was auch immer die Aufgabe der Priester im Einzelnen beinhaltete: Sie waren stets Mittler zwischen der göttlichen und der irdischen Welt.

Gerade für das jüdische Priesterbild sind nun zwei miteinander verflochtene Grundbestimmungen prägend: Das Heil des Menschen liegt in der Gemeinschaft mit Gott - aber von dieser Gemeinschaft wissen sie sich durch die Sünde getrennt, die sie selbst nicht überwinden können.

Gott und Mensch finden nicht automatisch zueinander. Es bedarf einer Umkehr - eines versöhnenden Geschenkes, einer Wiedergutmachung. Versuche hat es gegeben: Opfertiere als Zeichen der Wiedergutmachung; Weihegeschenke, die nun ganz Gott gehören; Buße in Sack und Asche; Speiseopfer, Trankopfer … Nur - wer sollte diese Opfer vor Gott bringen, wenn doch alle Menschen durch ihre sündige Distanz zu Gott dazu gar nicht in der Lage waren? Und welches Opfer wäre groß genug? Also wurden Menschen zu Priestern bestimmt, das zu tun, was das Volk sich selbst nicht traute: Vor den allmächtigen Gott zu treten. Natürlich mussten es besonders fromme Menschen sein, die im Rufe standen, einen besonderen Draht zu Gott zu haben oder die sich besonderer Reinigungsrituale unterzogen und deshalb - zumindest so einigermaßen - rein waren vor Gott.

Da nicht immer genügend Menschen mit einem besonders hochstehenden Lebenswandel und einem Draht zu Gott bereit waren, sich diesem Dienst zu stellen, gab es auch das Amtspriestertum oder die Priesterkasten. Hierbei konnte im Grunde jeder geweiht werden - die Befähigung zum Dienst hatten diese entweder von Geburt an oder erhielten sie mit der Weihe.

Priester traten stellvertretend für das Volk vor Gott, um Vergebung, Gnade und Huld zu erbitten und diese Bitten durch Opfer zu bekräftigen. Der Priester nahmen es dem Volk ab, sich selbst zu heiligen und sich im Lebenswandel Gott anzugleichen; wer Sünden begangen hatte, ging halt zum Priester und bat um ein Opfer (und bezahlte den Priester dafür).

So gab es im frühen Judentum die Opfer-Priester, deren bekannteste Vertreter auch heute noch einen Namen haben: Aaron, der Bruder des Mose, oder Melchisedek. Die Priester des Alten Bundes hatten ihren Dienst vor allem in den diversen Heiligtümern zu verrichten, bevor durch den Bau des Tempels Jerusalem zum Hauptort des priesterlichen Wirkens wurde.

Zahlreiche Bestimmungen in den jüdischen Gesetzestexten (vor allem im Buch Exodus) beschäftigen sich mit den Priestern, ihren Gewändern, Ritualen, Opfern und Gebeten. Mit der Zerstörung des Tempels in Jerusalem kam allerdings auch das Ende der Opfergottesdienste und der jüdischen Priester. Heute kennt das Judentum nur noch die Aufgabe des Rabbis - der kein Opferpriester, sondern Schriftgelehrter ist.

Die Aufrechterhaltung des Kultes war zwar eine machtvolle Aufgabe, dennoch hatten die Priester (und Leviten) keinen nennenswerten Einfluss auf die Geschichte des Volkes Israel - das war den Propheten und Königen vorbehalten. Während die Propheten im Namen Gottes das Volk, die Herrschenden und auch die Priester ermahnten und damit immer wieder für Aufruhr sorgten, weil sie auf eine Änderung bestehender Missstände pochten, sahen die Priester ihre Aufgabe eher in der Aufrechterhaltung des status quo.

Interessant ist die Priester- und Kultkritik der Propheten bis heute: Zum einen betonten sie immer wieder, dass Gott gar nicht damit zufrieden war, dass die Priester stellvertretend für das Volk taten, was jeder einzelne hätte tun sollen: Sich durch ein Leben nach den Geboten selbst zu heiligen.

»Schlachtopfer willst du nicht, ich würde sie dir geben; an Brandopfern hast du kein Gefallen. Das Opfer, das Gott gefällt, ist ein zerknirschter Geist, ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verschmähen« (Psalm 51, 18f; s. auch Dan 3, 39)

Die Kritik an den Priestern kam aber auch von den Menschen, die spürten, dass jedes Opfer, so groß es sein mag (selbst, wenn es die Tempelpriester opferten), für Gott doch viel zu wenig ist. Zwar haben sich die Priester, bevor sie zum Opferaltar schreiten durften, selbst durch zahlreiche Rituale gereinigt und würdig gemacht - ganz besonders galt dies vor dem Betreten des Bundeszeltes oder des Allerheiligsten im Jerusalemer Tempel - aber auch diese (vom Volk auserwählten) Priester waren und blieben sündige Menschen und hatten als solche vor Gott und vor den Menschen letztlich nur eine eingeschränkte Glaubwürdigkeit; weil sie ja immer noch anders lebten, als sie sollten.

Neben der Frage: »Herr, wer darf Gast sein in deinem Zelt, wer darf weilen auf deinem heiligen Berg?« (Psalm 15, 1; Psalm 24, 3) und der Frage, was denn ein für Gott angemessenes Opfer sei (Ein Stier? Eine Turteltaube? Oder ein zerschlagenes, reumütiges Herz? Oder ein mächtiger Lobgesang?), bewegte auch der angemessene Ort die Gemüter. Noch zu Lebzeiten Jesu stritten sich die Juden mit den Samaritern, ob ein Opfer außerhalb des Tempels vor Gott überhaupt Wohlgefallen findet (Joh 4, 20).

2. Ein einziger Priester - und seine Vergegenwärtigung

Da erlöst Gott uns Menschen, indem er uns selber die Brücke baut. Jesus kommt in unsere Welt, Jesus, der Gott selbst ist. Er ist nun gewissermaßen der Priester in einem eigentlichen Sinn, der vor Gott treten darf und die Anliegen der Menschen vertritt, an ihrer Stelle betet und sich selbst als Weihegeschenk und Opfer anbietet. So steht es im Hebräerbrief:

»Christus aber ist gekommen als Hoherpriester der künftigen Güter; und durch das erhabenere und vollkommenere Zelt, das nicht von Menschenhand gemacht, das heißt nicht von dieser Welt ist, ist er ein für allemal in das Heiligtum hineingegangen, nicht mit dem Blut von Böcken und jungen Stieren, sondern mit seinem eigenen Blut, und so hat er eine ewige Erlösung bewirkt. Denn wenn schon das Blut von Böcken und Stieren und die Asche einer Kuh die Unreinen, die damit besprengt werden, so heiligt, dass sie leiblich rein werden, wieviel mehr wird das Blut Christi, der sich selbst kraft ewigen Geistes Gott als makelloses Opfer dargebracht hat, unser Gewissen von toten Werken reinigen, damit wir dem lebendigen Gott dienen. Und darum ist er der Mittler eines neuen Bundes; sein Tod hat die Erlösung von den im ersten Bund begangenen Übertretungen bewirkt, damit die Berufenen das verheißene ewige Erbe erhalten.« (Hebr 9, 11-15)

Die Opfer des Alten Bundes waren Vorbereitung und Vor-Zeichen, allesamt ungenügend - aber doch gottgewollt, weil sie ein Voraus-Bild dessen waren, was Gott für den neuen Bund schon beschlossen hatte: Dass anstelle der vielen Opfer ein für allemal auf Golgatha Jesus das Opfer vollzieht, durch das wir erlöst und geheiligt werden. Die Frage: »Wer opfert was an welchem Ort?« ist damit ein für allemal beantwortet: Christus ist der Priester, der Altar und die Opfergabe. Durch seinen Tod haben wir das Leben.

Dieses alles entscheidende, die Welt verwandelnde Opfer am Kreuz geschah nur einmal. Allzu viele Personen waren allerdings nicht dabei; von den Jüngern und Aposteln waren die meisten geflohen. Von den Generationen danach - und den Völkern, die am anderen Ende der Welt leben - ganz zu schweigen. Jesus stirbt für alle Menschen, und keiner kriegt es mit?

Nun, unser Herr hat das vorausgesehen und deshalb schon am Abend vorher den Auftrag gegeben, dieses Opfer zu vergegenwärtigen: in der Eucharistie. Dazu braucht es bevollmächtigte Menschen: die Priester. Aber jetzt sind das nicht die von den Menschen ausgewählten (und vorgeschobenen) Stellvertreter des Volkes. Jetzt sind sie nichts anderes als die sichtbare Verkörperung des wirklichen, einzigen und wahren Hohenpriesters: Jesus.

Seltsamerweise hat sich (unter anderem) an dieser Sichtweise der konfessionelle Streit der Reformation entzündet; nach evangelisch-lutherischem Verständnis ist und bleibt Jesus Christus der allereinzigste Priester überhaupt.

Das ist der rheinische Superlativ: Der einzige Priester - der einzigste Priester - der allereinzigste Priester - der allereinzigste Priester überhaupt!

Luther lehnte mit Verweis auf den Hohenpriester Jesus jeden weiteren geweihten Priester ab; er selbst predigte fortan nicht mehr im Messgewand, sondern nur noch im Talar - die damalige Professorenkleidung. Aus den Priesterseminaren wurden Predigerseminare; sogar bei wikipedia findet sich der (ziemlich tendenzielle) Eintrag, im ersten christlichen Jahrhundert habe es überhaupt keine Priester gegeben, da allein Christus der allereinzigste Hohepriester (überhaupt!) gewesen sei. (Allerdings kennt Luther schon das priesterliche Amt - aber eben nur im allgemeinen, gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen.)

Interessanterweise teilen die katholischen und orthodoxen Kirchen diese Sichtweise uneingeschränkt. Ebenso wenig, wie das Opfer Christi wiederholt wird, gibt es Opferpriester neben dem einzigen Priester Jesus Christus (beides sind verurteilte Häresien). Und dennoch gibt es sie: Die katholischen (wie auch die orthodoxen) Priester.

Dieser scheinbare Widerspruch ist Quelle zahlreicher Auseinandersetzungen mit evangelischen und evangelikalen Kritikern; ebenso gibt es auch innerhalb der katholischen Kirche Stimmen, die allein schon die Existenz des katholischen Priesters als Verrat an Jesus Christus betrachten. Manche Katholiken weisen deshalb dem katholischen Priester eher weltliche Aufgaben zu - vom Management der Gemeinde bis hin zur Moderation diverser Versammlungen. Das Zentrum dieser Katechese liegt also darin, das mittlerweile unbekannte Wesen des katholischen Priesterverständnisses zu verdeutlichen - ohne dem Priestertum Jesu Christi etwas hinzufügen oder zu nehmen.

a. Erste Vergegenwärtigung: Das allgemeine Priestertum. — Das Opfer Jesu Christi am Kreuz wird nicht wiederholt - sondern in jeder Messfeier vergegenwärtigt. Das gleiche gilt auch für das Priesteramt in der katholischen Kirche. Der katholische Priester handelt in persona Christi - er ersetzt nicht das Handeln Jesu, sondern vergegenwärtigt es. Das gilt aber auch für jeden Getauften - und das wird oft vergessen.

Wir alle sind berufen, im Namen Gottes zu wirken. Er beauftragt uns in der Taufe, an seiner Stelle zu handeln. Wenn wir Christen reden, schlafen, essen, arbeiten und feiern, sind wir in allem, was wir tun, die Außenseite Gottes - sein Leib. Unser Auftrag ist es, die Sünder mit Gott zu verbinden - durch unser Leben. Wir erinnern die Welt an ihren Schöpfer - durch unser Leben. Wir wirken das Heil für die Menschen - durch unser Leben. Alles das tun wir nicht aus eigener Kraft, sondern immer ist es Jesus Christus, der das alles in uns und durch uns bewirkt. Wir sind lebendiges Bild Christi, die erfahrbare Seite Gottes. Wir sind die einzige Bibel, die die Menschen heute noch lesen. (Ansonsten gilt, was wir schon zuvor zum allgemeinen Priestertum unter II.1.a ausgeführt haben).

b. Zweite Vergegenwärtigung: Die Ehe. — Es mag für viele Menschen enttäuschend sein, dass Gott sich ihnen nicht in Glanz und Glorie offenbart und sie durch seine überwältigende Erscheinung zum Glauben führt. Aber Gott hat einen anderen Weg gewählt: Er nimmt uns Menschen in den Dienst; auch in den Dienst, Ihn selbst zu erfahren. Dieses In-Dienst-nehmen geschieht für alle Menschen in der Taufe, in der wir zum Allgemeinen Priestertum berufen und befähigt werden.

Aber wir können uns in diesem Dienst selbst überbieten; indem wir beschließen, zum Realsymbol für die Liebe Gottes zu werden. Indem wir Priester werden oder heiraten. Im Gegensatz zu den Eingangssakramenten stärken diese beiden Standessakramente nicht nur die persönliche Gottesbeziehung der Empfänger, sondern versetzen diese vor allem in die Lage, andere zu stärken. Wie der Priester (aus Liebe zu den Menschen) bemüht ist, seiner Gemeinde in den Himmel zu helfen, nehmen die Eheleute genau diesen Dienst - wiederum aus Liebe - füreinander an. Die Standessakramente verleihen die dazu nötige Gnade. Durch diese Sakramente sind Priester und Eheleute nun »im Stande«, einander die Liebe Gottes zu schenken.

Exkurs: Ehe und Priestertum

Die Ehe und das Priestertum sind also nicht zwei entgegengesetzte Berufungen, wie mancher glaubt, der sich zwischen beiden entscheiden muss. Beide sind überraschend identisch: In beiden Berufungen geht es um eine Liebesbeziehung, in der man dem Geliebten den Himmel schenken will. Nur ist in der Ehe der (oder die) Geliebte eine einzelne Person - während der Priester sich wie Jesus Christus der »göttlichen Braut«, also der Kirche vermählt - die nunmal aus vielen Personen besteht. (Aber dieser Unterschied ist geringer, als man glaubt; eine Gemeinde zu lieben ist genauso eine Herausforderung mit Höhen und Tiefen, wie die Liebe zum immer auch unvollkommenen Ehepartner).

Daher erklärt sich auch der Zölibat des Priesters, der seinen Leib in den Dienst der göttlichen Liebesvermittlung an die Gemeinde stellt (in Segen, Predigt, Gottesdienst und Sakramentenspendung), während der Verheiratete seinen Leib ebenfalls hingibt - aber zur Vermittlung der Liebe an den einen, geliebten und liebesbedürftigen Ehepartner.

c. Die dritte Vergegenwärtigung: Das Priesteramt. — Der katholische Priester ist also keine Fortführung des alttestamentlichen Priesters, sondern gründet sich im neuen Priesteramt Jesu Christi und Seinem Wunsch, bei allen Menschen - an allen Orten - durch alle Zeiten - gegenwärtig zu sein. Dabei wird - das haben die Kirchen der Reformation ganz gut erkannt - dieser Auftrag durch alle Getauften erfüllt - dem allgemeinen Priestertum. Um das zu gewährleisten - die Getauften zu bestärken und zu befähigen - gibt es aber noch besondere Berufungen. Aber Vorsicht! Mit »besonders« ist nicht etwa »besser« oder »höherwertig« gemeint, sondern eher »speziell«.

So ist zum Beispiel jeder Bürger für die Reinhaltung seiner Straße verantwortlich. Dennoch gibt es den besonderen Dienst der Müllabfuhr oder der Straßenreinigung. Diese besonderen Dienste wollen die Menschen unterstützen - sie erheben sich nicht über den allgemeinen Dienst, sondern dienen ihm. Und selbstverständlich sind auch die Bürger, die bei der Müllabfuhr und Stadtreinigung arbeiten, weiterhin wie jeder andere Bürger für die Reinerhaltung seiner Straßen verantwortlich.

So ist auch die Ehe eine besondere Berufung, die das allgemeine Priestertum konkretisiert. Das gleiche gilt auch für den geweihten Priester: Er ist und bleibt ein Getaufter und damit auch ein zum allgemeinen priesterlichen Dienst Berufener.

Darüber hinaus stellt er sich jedoch in den besonderen - d.h. also speziellen - Dienst, allen Getauften in der Ausübung ihres gemeinsamen Priesteramtes zu Diensten zu sein.

3. Das Wesen des Priesters

a. Weihe und Ehe. — Der geweihte Priester ist also kein Gegensatz zum gemeinsamen Priestertum aller Getauften, sondern dessen Ausfaltung. Der Priester dient allein dem Zweck, allen Christen die Ausübung des allgemeinen Priestertums zu ermöglichen - und dadurch selbst heilig zu werden.

Das ist das Wunderbare am priesterlichen Wirken: Es ist zunächst ein Wirken für den anderen - niemand sollte Priester werden, um dadurch etwas für sich zu gewinnen. Wenn er aber in diesem Sinne zu einer wirklichen Pro-Existenz wird - also zu jemandem, der nicht mehr für sich lebt, sondern für die anderen - heiligt er sich selbst.

Ich habe im Zusammenhang mit dem Beichtsakrament den Priester mit einem Telefonhörer verglichen - der Beichtende spricht hinein und die Antwort, obwohl sie aus dem Hörer kommt, stammt von Gott. Noch schöner wäre es, den Priester mit einem Wasserrohr zu vergleichen; denn obwohl der Priester nur den Wasserfluss ermöglichen soll - also den Gnadenfluss - wird er selbst dadurch gereinigt.

Das gilt ja auch schon für die Ehe: Wer versucht, ein wirklich Liebender zu sein und sogar bereit ist, sein Leben für den Ehepartner hinzugeben, wird gerade dadurch sein Leben erst gewinnen. Diese Parallele zur Ehe ist nicht zufällig: Der Priester ist in einem ganz hohen Maße Abbild der ehelichen Liebe.

Wenn wir im Alltag Mönchen oder Nonnen begegnen, so hört man manchmal als Antwort auf die Frage, warum diese denn nicht heiraten, dass sie »mit Gott verheiratet« seien. Nun - in einem mystischen Sinne gilt das für jeden Christen; Gott hat einen eheähnlichen Bund mit uns geschlossen; Glauben heißt deshalb nichts anderes, als in diese Beziehung zu Gott einzutreten. Allerdings steht die Vollendung der Hochzeitsfeier noch aus. Wir sind die Braut, die Jesus Christus sich erwählt hat und die er sich bewahrt und bereitet bis zu dem Tag, an dem wir zum himmlischen Hochzeitsmahl geladen sind. An unzähligen Stellen im Alten und Neuen Testament wird dieses Bild aufgegriffen; vor allem Jesus freut sich sehr, uns immer wieder auf das vollendete himmlische Hochzeitsmahl einzustimmen.

Mönche und Nonnen leben nun die allgemeine Berufung aller Christen in einem ausdrücklicheren und radikaleren Sinne, der dazu führt, dass sie sich ausschließlich der Vorbereitung auf dieses Hochzeitsmahl widmen wollen. Der Priester gehört natürlich, weil er getauft ist, ebenfalls zu denen, die von Gott zur Braut erkoren wurden - aber das ist nicht der Grund, weshalb er (wie die Mönche und Nonnen) auf die Ehe verzichtet. Im Gegenteil: Der Priester geht - wie die Eheleute - eine lebendige Liebesbeziehung in dieser Welt ein. Während ein Ehemann sich an seine Frau bindet (und umgekehrt), um diese zu lieben und zu heiligen und so in den Himmel zu führen (und ganz nebenbei sich auch dadurch selbst zu heiligen), so bindet sich der Priester an die Kirche, um diese zu heiligen.

Der Priester lebt im wahrsten Sinne des Wortes »in Ehe mit der Kirche« (in der speziellen Erscheinung seiner Gemeinde oder geistlichen Gemeinschaft). So, wie ein Ehepartner die Ehe nicht als Job ansieht, sondern als Lebensform, so ist der Priester auch nicht nur ein Kirchenfunktionär, sondern der Ehemann der Gemeinde. (Natürlich dürfen wir nicht vergessen, dass der Bräutigam der Kirche Jesus Christus bleibt; der Priester vergegenwärtigt Ihn - und Seine Liebe, Fürsorge und Zuwendung.)

So unterscheidet sich das Arbeitsverständnis des Priesters wesentlich von dem eines Sozialarbeiters. Dieser wird es immer noch als Arbeitszeit betrachten, wenn er am Abend mit dem ihm anvertrauten Jugendlichen ins Kino fährt oder Gespräche führt. Ein Priester wird jedoch - wie ein Vater oder eine Mutter - das Mitleben mit den Gemeindemitgliedern nicht als »Job« betrachten, sondern als Lebensinhalt. Und auch wenn der Priester noch nach Mitternacht zu einem Kranken oder Sterbenden gerufen wird, so gleicht auch das der Mutter, die mitten in der Nacht noch am Bett des kranken Kindes sitzt.

Ein Seelsorger, der sein Leben auf diese Art versteht, wird nicht von einem 16-Stunden-Tag reden; er wird die Stunden gar nicht zählen. Er lebt mit der Gemeinde, mit Anvertrauten, so wie der Ehemann oder die Ehefrau die Zeiten mit dem Partner nicht nach Stunden zählt, sondern als erfülltes Leben mit dem ihr Angetrauten (oder der ihm Angetrauten).

Ein emeritierter Bischof hat einmal betont, dass er seine Priester nicht für ihre Arbeit bezahlt, sondern dass er sie bezahlt, damit sie nicht arbeiten gehen müssen. Priester genießen das Privileg, in ständiger »Elternzeit« zu leben. Sie müssen sich ihren Unterhalt nicht durch diverse Jobs verdienen, sie sind dank der finanziellen Absicherung durch den Bischof frei, sich ganz ihrer Gemeinde zu widmen.

Der Priester als pater familias scheint im Urteil heutiger Theologen ein antiquiertes Modell, das als überwunden gilt - oder zu überwinden ist. Vermutlich liegt das daran, dass der Begriff des pater familias uneingeschränktes, oft autoritäres Herrschen zu implizieren scheint. Aber ein guter Vater, ein wirklich liebender Ehemann, wird vielleicht leiten - aber nicht herrschen. Alles, was zum Gelingen einer guten Ehe gesagt werden kann, muss auch vom Priester in seiner Gemeinde gesagt werden: Es ist seine Aufgabe, Charismen zu entdecken - nicht zu erzeugen; Fähigkeiten zu fördern - nicht zu beschneiden; Schwache zu stärken - nicht beiseite zu drängen; den Starken Barmherzigkeit zu lehren - nicht zu bekämpfen.

Der Dienst des Priesters ist es, dem gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen zu dienen, ein Amt, dass nur gemeinsam, in Gemeinschaft mit der Kirche gelebt werden kann, weshalb der Priester immer auch ein Diener an der »Auferbauung der Gemeinde« (1 Kor 14,12) ist. Darin liegt seine einzige Existenzberechtigung. Er dient den Getauften aber nicht wie ein Dienstbote, sondern wie ein Ehepartner; denn im Unterschied zum Dienstboten kann ein Dienst der Liebe auch in der Leitung bestehen. Dazu gleich mehr unter Priesterliche Aufgaben.

Aber auch wenn zum Dienst des Priesters die Leitung (zum Beispiel der Pfarrgemeinde oder in der Seelenführung) gehört, ist der Priester genauso wie der Ehemann jemand, der selbst Heiligung erfahren muss und durch seine Liebesbeziehung erfährt. Er wird sich ohne Zweifel in Geduld und Nachsicht üben müssen; er darf das Zuhören nicht verlernen und muss sich immer wieder auf die Herausforderungen, Bereicherungen, Überraschungen und Perspektivenwechsel einlassen, die seine Gemeinde für ihn bereit hält. Jeder Priester lernt von seiner Gemeinde, denn dort gibt es Gnadengaben, die er selbst nicht besitzt. Nicht zuletzt ist jede Gemeinde und jedes Gemeindemitglied für sich schon ein Geschenk für den Priester, der sich (hoffentlich) allein schon an der Gnade erfreut, die Gemeinde lieben zu dürfen und von ihr getragen zu werden. Und selbst bei widerspenstigen Gemeinden (solche soll es geben) gilt es, die verborgene Schönheit ans Tageslicht zu holen - und sich an ihr zu erfreuen.

Eigentlich gilt die Liebe des Priesters der Kirche und nicht nur einer einzelnen Gemeinde (daran müssen sich einige Priester manchmal schmerzlich erinnern lassen). Deshalb ist ein Gemeindewechsel - um im Vergleich zu bleiben - nicht mit einer zweiten oder dritten Ehe zu vergleichen. Auch in der Ehe ist der Ehepartner nicht nur eindimensional und unveränderlich. In den jeweiligen Gesichtern der Gemeinden und jedes einzelnen Gemeindemitgliedes spiegelt sich, wie im sich in den jeweiligen Lebenssituationen entwickelnden Ehepartner und den unterschiedlichen Charakteren der Kinder, die gleiche Herausforderung wider wie in der Ehe: Den zu lieben und ihm treu zu bleiben, dem man die Liebe versprochen hat - auch wenn sein Erscheinungsbild sich ändert. Die Treue des Priesters zu seinem Dienst an der Kirche ist auch wie bei den Eheleuten gültig »in guten wie in schlechten Tagen«:

Das »Ehe-Versprechen« des Priesters. — Bischof: Willst Du die Kirche und alle in ihr eingegliederten Menschen lieben und achten und ihnen die Treue halten alle Tage deines Lebens? - Priester: Ja. - Bischof: Bist Du bereit, die Kinder anzunehmen, die Gott der Kirche schenken will, und sie im Geist Christi und seiner Kirche zu erziehen? - Priester: Ja. - Bischof: Bist Du bereit, als Priester der Kirche zum Diener der Getauften zu werden, damit diese ihre Mitverantwortung in der Kirche und in der Welt übernehmen können? - Priester: Ja. — Priester: Vor Gottes Angesicht nehme ich dich, meine Kirche und meine Gemeinde, als mir anvertraut an. Ich verspreche dir die Treue in guten und bösen Tagen, in Gesundheit und Krankheit, bis der Tod uns scheidet. Ich will dich lieben, achten und ehren alle Tage meines Lebens.
Natürlich ist das nicht das original Weiheversprechen der Priester, sondern das (von mir) umformulierte Trau-Versprechen der Eheleute. Aber: Das passt doch wunderbar, oder?

Wie auch im Trauungsgottesdienst werden die Eheleute und die Priester durch die Spendung eines Sakramentes »in den Stand versetzt«, dieses Versprechen zu leben. Beim Priester sprechen wir von der Priesterweihe.

b. Das Sakrament der Weihe. — Ein deutscher Adliger sagte einmal: »Abgesehen von seinen heiligen Weihen ist unser Pfarrer ein Esel« - offensichtlich lagen hier die menschlichen Fähigkeiten des Priesters (in den Augen des Barons) im Argen. Aber der Baron wusste um eine andere Eigenschaft des Priesters: Seine heiligen Weihen. - Weihen? Was ist das und wofür soll das gut sein?

Ein Priester wird eben nicht vom Volk als dessen Stellvertreter vor Gott gewählt. Gott erwählt sich seine Priester, denn der Priester soll ja Stellvertreter Gottes sein, also Jesus und Sein Handeln vergegenwärtigen. Deswegen gibt es keine alljährliche Priesterwahl, sondern eine Priesterweihe.

Die Weihe ist keine demokratische Wahl, aber auch keine bloße Beauftragung durch das Volk oder den Bischof. Denn es geht nicht um eine Funktion, die der Priester übernimmt, sondern um ein Sein. Der Priester wird ganz und gar, mit Leib und Seele, in das hineingenommen, was Jesus getan hat. Wir nennen das auch die »besondere Teilhabe an Christi Priestertum«. Denn das, was der Priester da tun soll, kann er nicht aus eigener Kraft. Priestersein übersteigt die menschlichen Kräfte, Priestersein braucht besondere Gnade. Darum ist die Weihe ein Sakrament; das Hauptzeichen der Weihe ist die Handauflegung, zu der das Weihegebet des Bischofs kommt.

Das Sakrament der Weihe ist dreigestuft: Diakon, Priester, Bischof (jede Weihestufe setzt zwingend den Empfang der vorangegangenen Stufe voraus). Die katholische Kirche gliedert sich in Teilkirchen (die Bistümer). Der Bischof ist, da er einer solchen Teilkirche zugeordnet ist, Priester im Vollsinn. Wenn die Kirche oder das Kirchenrecht gelegentlich von der Ortskirche sprechen, so ist damit nicht die Pfarrgemeinde gemeint, sondern das Bistum. Und das Bistum ist nur in dem Maße eine echte Teilkirche, wie die Einheit der Kirche gewahrt wird. Wenn der Bischof (und zusammen mit ihm auch der Priester) im rechten Geist Christi handelt, ist er als echte Teilkirche mit allen anderen Teilkirchen (also Bistümern) gleichberechtigt ein Bild der Kirche.

In der Diakonenweihe bekommt der Weihekandidat bestimmte Aufgaben und Amtsvollmachten hierfür übertragen (z.B. zur Predigt und zur Assistenz bei der Eheschließung); in der Priesterweihe erhält er weitere bestimmte Vollmachten (z.B. zur Leitung einer Pfarrgemeinde, der Eucharistiefeier vorzustehen oder die Beichte zu hören); mit der Bischofsweihe wird schließlich die Fülle der Vollmachten verliehen (z.B. die Vollmacht, das Firmsakrament und die Weihe zu spenden und das Bistum zu lehren und zu leiten).

Bevor der Bischof kraft seines Amtes diese Vollmachten verleiht (»kraft seines Amtes« heißt soviel wie: »In persona Christi« - also als Seine Vergegenwärtigung), geben die Weihekandidaten ihre Weiheversprechen ab.

In der Weihe bekommt der Diakon, Priester oder der Bischof, den Auftrag, der Kirche - also der Gemeinschaft der Getauften - zu dienen und sie dazu zu befähigen, ihr Allgemeines Priestertum zu verwirklichen, sie darin zu bestärken und zu befähigen. In diesem Dienst, in dem Jesus persönlich zugegen ist und wirkt, bringen Diakon, Priester und Bischof auch die heutige Gemeinde mit Jesus in Berührung. Nicht nur »fast so, als wenn er wirklich anwesend wäre«, sondern so, dass er wirklich anwesend ist.

Das ist so, als wenn du den Auftrag bekommt, einem Asthma-Kranken »Gute Besserung!« zu sagen. Wenn das eine wirkliche Zusage ist, wird dir der Auftraggeber auch die nötigen Mittel mitgeben, damit die »gute Besserung« auch eintritt: Medikamente, zum Beispiel. Wenn der Auftraggeber wirklich perfekt sein will (oder ist), macht er dich zum Arzt. Dann kannst du nicht nur hingehen und gute Besserung wünschen und die Medikamente abgeben, die dir mitgegeben worden sind, sondern du kannst auch noch selbst schauen, was jetzt zu tun ist und eine Therapie vorschlagen. Beides gehört zusammen: Was nutzen die Medikamente, wenn der Asthma-Kranke nicht mit dem Rauchen aufhört? Oder immer noch im Kohlebergwerk arbeitet? Er sollte nicht nur die Medikamente nehmen, sondern auch noch auf deine Ratschläge zur Lebensführung hören.

Genauso bekommt der Priester also nicht nur die geistliche Vollmacht, die nötigen Medikamente (sprich: Sakramente) zu spenden, sondern auch noch die Leitungsaufgaben der Gemeinde zu übernehmen. Beides gehört zusammen.

Der Priester sollte aber aufpassen, dass er Priester bleibt - und nicht Leitung übernimmt, wo er gar keine Vollmacht hat. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Gott (trotz seiner unendlichen Vorsehung) dem Priester nicht mit der geistlichen Vollmacht die Fähigkeit zur Errichtung von einsturzsicheren Pfarrheimen und lebensfrohen Pfarrfamilienfesten gegeben hat. Da haben andere von Gott vielleicht eher eine Begabung geschenkt bekommen. Wenn es aber um die Planung von Katechesen oder die Gestaltung von Gottesdiensten geht, ist er in seinem Amt gefordert.

c. Berufung. — Ein Priester lebt nicht anders, damit er dann vom Volk aufgrund dieser Eigenschaften zum Priester gewählt wird. Wir sollten nicht vergessen, dass Gott sich seine Priester ruft und (durch den Dienst des Bischofs) weiht. Gott ist es, der beruft, die Kirche prüft lediglich. Der Einzelne erfährt die Berufung auf geistliche Weise: Er fühlt sich innerlich angezogen von dem Dienst des Priesters; er betet gerne und ist gerne für Menschen da.

Bei mir ist das entscheidend gewesen für die Frage, ob ich zum Priester berufen bin. Ich brauche die Nähe Gottes und der Menschen. Würde mir die Nähe Gottes genügen, so habe ich mir gesagt, könnte ich auch ins Kloster gehen. Eine feine Sache, finde ich. Aber mir würden die Menschen fehlen, deren Leben ich teilen möchte. Wäre ich auf der anderen Seite mit der Nähe der Menschen zufrieden und brauche Gott nicht so sehr, hätte ich auch Sozialarbeiter werden können. Aber beides verbindet sich (zumindest für mich) auf eine einmalige Art und Weise in der Aufgabe des Priesters. Das, so bin ich mir sicher, ist meine Berufung.

Die Frage der Berufung, wie man sie entdeckt und sich irgendwann sicher sein kann, bedarf einer eigenen Katechese zur Berufung (dabei geht es ja nicht nur um die Berufung zum Priestertum!). Ich kann sie jedem zur Lektüre empfehlen - denn jeder Getaufte hat eine Berufung.

4. Die priesterlichen Aufgaben

Der Ehepartner wird seine ehelichen Pflichten normalerweise nicht als Aufgaben ansehen, die es zu erledigen gilt; wer wirklich und wahrhaft liebt, kennt keine lästigen Pflichten, sondern nur Liebesdienste, die er mit Hingabe erfüllt. Aber es sind auch in der Ehe Verwirrungen denkbar, dass nicht mehr klar ist, was dem Ehepartner vorbehalten ist - und was eventuell auch die beste Freundin oder der Hausfreund darf. Ich will nicht näher darauf eingehen - aber mir sind durchaus eklatante Ehebrüche bekannt, bei denen alle Beteiligten irgendwie glaubten, Gutes zu tun und im Recht zu sein.

Das gleiche gilt natürlich auch für den Dienst des Priesters. Im Normalfall wird der Priester gerne und leidenschaftlich seine Aufgaben erfüllen - er ist ja deshalb Priester geworden, weil er diesen Dienst zu seiner Lebensaufgabe machen will. Deswegen halten wir uns zunächst die priesterlichen Aufgaben selbst noch einmal vor Augen.

a. Die Feier der Eucharistie. — Der Dienst des Priesters besteht zu allererst in der Feier der Eucharistie. Dadurch werden die Getauften, die an der Feier teilnehmen, nicht nur für ihren Dienst gestärkt - sondern durch den Empfang des Leibes Christi werden sie selbst zum Leib Christi. So werden die Getauften durch den Empfang des Leibes Christi in ihrem gemeinsamen Priesteramt bestärkt; denn Leib werden meint ja nichts anderes als die Vergegenwärtigung Jesu in der Welt: So wie der Leib die Außenseite der Seele ist, sind die Christen (mit Leib und Seele) die Außenseite Gottes.

Die Feier der Eucharistie ist Quelle und Höhepunkt des christlichen Lebens und Zentrum der Gemeinde. Im Empfang der Eucharistie nehmen wir die Erlösungstat Jesu für uns an; das in der Taufe begonnene Leben in Christus wird durch die Eucharistie genährt und lebendig erhalten. Schon von Anfang an hatte die Kirche den Auftrag Jesu: »Tut dies zu meinem Gedächtnis!« (Lk 22,19) als Auftrag an die Priester verstanden; auch wenn dieser Auftrag zunächst an die Apostel gerichtet und von ihnen wahrgenommen wurde.

b. Die Sündenvergebung. — Aber Jesus hat die Apostel nicht nur mit der Aufgabe betraut, das Opfer Jesu in jede Gegenwart hineinzuholen (auch in unsere), sondern auch das, was das Opfer Jesu bewirkt hat: Unsere Versöhnung mit Gott, vermittelt im Sakrament der Beichte. »Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert.« (Joh 20, 22f) Diese beiden Dinge sind Kern des priesterlichen Wesens: Die Eucharistie zu feiern und die Sünden zu vergeben. (Damit verbunden ist auch die Pflicht, eine entsprechende Hinführung zu den Sakramenten zu gewährleisten).

Ebenfalls dem Priester vorbehalten ist die Spendung des Sakramentes der Krankensalbung, weil in der Regel mit diesem Sakrament die sakramentale Vergebung der Sünden verbunden ist. Das Sakrament der Taufe sollte zwar der Pfarrer einer Gemeinde spenden, kann aber im Notfall von jedem Menschen gespendet werden; auch das Sakrament der Ehe spendet nicht der Priester, sondern spenden sich die Eheleute gegenseitig. Die Spendung der Sakramente der Weihe und der Firmung sind dagegen dem Bischof vorbehalten.

c. Die Leitung der Pfarrgemeinde - Die Predigt. — Dem Priester vorbehalten ist außerdem die Leitung einer Pfarrgemeinde und die Predigt in der Messe (die Predigt kann allerdings auch einem Diakon übertragen werden). In beiden Aufgaben übt der Priester nicht nur seinen Dienst an den Getauften aus, indem er sie leitet und lehrt. Er vergegenwärtigt in der Gemeindeleitung und der Predigt auch Christus als Haupt der Kirche, so dass die Getauften durch die Annahme der Leitung (oft nicht ganz unzutreffend mit Gehorsam umschrieben) ihre Einordnung in Christus erneuern.

Besonders in dieser Frage regt sich mancherorts massiver Widerstand. Angesichts des Priestermangels wird gefordert, dass auch Laien die Gemeindeleitung und den Predigtdienst übernehmen dürfen. Es mag sogar ganz richtig sein, dass viele Laien für den einen oder den anderen Dienst besser qualifiziert sind als andere, eventuell minderbegabte Priester. Aber ...:

Es geht sowohl bei der Gemeindeleitung als auch bei der Auslegung des Evangeliums nicht um eine Informationsweitergabe von oben nach unten; dann könnte man tatsächlich die besten Redner und Lehrer mit der Predigt beauftragen. Nein, es geht vielmehr um ein Zusammenfinden von Hirt und Herde, Verkündiger und Hörer des Wortes. Die Getauften, die im gemeinsamen Priestertum der Welt gegenüber zu Großem berufen sind, erinnern sich daran, dass sie ihre Gabe und ihren Auftrag durch Christus empfangen haben - und fügen sich im Hören der Predigt wieder in die Reihe der Empfangenden ein. Wir ordnen uns in der Pfarrgemeinde, in der Feier des Wortes und in der Eucharistiefeier (ja, sogar im Kommunionempfang) wieder dem Herrn unter und ein. Es ist für manche Laien - aber auch für manche Priester - nicht leicht, diesen Platz einzunehmen und auszufüllen. Aber auch hier handelt es sich um einen priesterlichen Dienst in persona Christi capitis an den Getauften; denn allzu schnell vergisst der in Christus handelnde Christ, dass er nicht der Herr selbst ist - sondern Diener der Freude.

Leider gibt es Priester, die im Gegenüber zur Gemeinde der gleichen Versuchung erliegen und sich zum Herrscher der Gemeinde und zum Herren des Glaubens aufspielen - und ebenfalls vergessen, sich im Gehorsam und Dienen zu üben. Dafür - für Priester, die das Dienen verlernen - gibt es gottseidank den Bischof. Auf den muss auch der Priester hören. Wenn er es nicht mehr kann, muss er es halt wieder lernen.

Wahre Leitung ist ein echter Dienst - kein Machtgeschenk. Denn Leitung bedeutet ja, andere zur Geltung zu bringen, ihnen Mut zu machen, ihre eigene Berufung zu entdecken und zu leben. Berichte von herrschsüchtigen Ehemännern (oder Ehefrauen) und Priestern lassen immer wieder erkennen, dass diesen Fehlformen kein Übermaß an Leitung, sondern ein Leitungsmangel zugrunde liegt. Eine gute Leitung ist ein oft mühsamer und aufopferungsvoller Dienst - und es bedarf großer Geduld und einer starken Persönlichkeit, um diesen Dienst gerecht zu werden.

Leitung bedeutet vor allem auch: Verantwortung tragen. So wie der Abt eines Klosters muss auch der Priester als Hirte Gott Rechenschaft ablegen über seinen Dienst. So kann ich auch dem Priester, der zwar kein Abt ist, aber in der Pfarrgemeinde wirkt, die Lektüre der Regel des Hl. Benedikt empfehlen!
5. »Heiße Eisen«

a. Das Zölibat. — Auch wenn wir auf unserer Seite eine ausführliche Katechese zum Zölibat anbieten, in der diese Frage von allen Seiten beleuchtet wird, ist der eigentliche Grund schon deutlich geworden: Der Priester kann deshalb nicht heiraten, weil er (quasi) bereits verheiratet ist: Mit der Kirche. Für sie lebt er, wie auch ein Ehemann für seine Frau und seine Familie lebt. In ihr erkennt er Christus - wie auch die Eheleute im anderen Christus erkennen.

Das ist nicht nur ein pragmatisches Argument (»Ein Priester verbringt soviel Zeit mit seiner Gemeinde, dass für eine Ehe keine Zeit mehr bleibt« - »Ein Priester ist mit seinem Beruf verheiratet«); denn auch andere Berufe (z.B. ein Hausarzt oder ein Feuerwehrmann) stehen in der Spannung zwischen Berufsausübung (vor allen in Notfällen) und Familie. Der Priester ist nicht nur aus Zeitgründen unverheiratet, sondern aus Neigung; er ist nicht mit seinem Beruf verheiratet, sondern mit den Menschen seiner Kirche - weil er in ihnen Christus erkennt und liebt.

b. Das Priestertum der Frau. — Vor allem ist es wichtig, sich und den Kritikern einzugestehen, dass es in dieser Frage keine logisch-theologische Beweisführung gibt, die aus allgemeinen Prinzipien stichhaltig das Priestertum der Frau als unmöglich erweist. Vielmehr ist die Unmöglichkeit des Priestertums der Frau (seit 1994 übrigens »einstweilen entschieden«) nur mit Analogien und dem Traditionsargument nachvollziehbar.

Zu den Analogien gehört ebenfalls die Parallele zwischen Priestertum und Ehe. Der Priester, der den Bräutigam Christus repräsentieren und die Erinnerung an ihn wach halten soll, um die Kirche insgesamt an ihre Stellung als »die Hochzeit erwartende Braut« zu erinnern, vergegenwärtigt Jesus Christus nicht nur in einem allgemein menschlichen Sinne - so, als wenn es nur auf Jesu Anwesenheit ankommt -, sondern die Vergegenwärtigung umfasst gerade und ganz besonders seine Rolle als Bräutigam. Deshalb (u.a.) hat die Kirche schon von Anfang an, durch alle Zeiten, daran festgehalten, dass nur Männer zu Priestern geweiht werden können (das ist dann das Traditionsargument).

c. Diener der Diener - nicht der Gemeinden. — Noch ein letzter Gedanke sei mir hier erlaubt - sozusagen in eigener Sache. Ein Kollege an der Schule hat mir vor Jahren, als ich dort meinen Dienst antrat, die Weisheit mit auf den Weg gegeben: »Lehrer und Priester werden fürs Bemühen bezahlt - nicht fürs Erreichen.« Wir Priester stellen nichts her (auch, wenn viele Priester gerne bauen, umbauen oder pflanzen) und wir produzieren nichts. Unsere Aufgabe ist es nicht, möglichst viele Menschen in die Kirche zu locken, die Gottesdienste zu füllen - und die Kirchenkassen nebenbei auch. Unsere Aufgabe ist es nicht, Gemeindestrukturen am Leben zu erhalten - sondern denen zu Diensten zu sein, die glauben und ihren Glauben leben möchten.

Das ist ein großer Unterschied. Auch wenn zuvor immer vom Priestertum wie von einer Ehe zwischen dem Priester und der Kirche gesprochen wurde - die Gemeinde selbst ist nur ein Hilfskonstrukt. In Wirklichkeit besteht die Gemeinde ja aus vielen einzelnen Gotteskindern, die alle liebenswert sind und für die der Priester alles geben wird, um in ihnen die Gottesbeziehung lebendig zu erhalten. Das muss aber nicht immer gleichbedeutend mit der Erhaltung von kirchlichem Vereinsleben sein.

In dem (unter filmischen Gesichtspunkten höchstens mittelmäßigen) Film »Briefe an Gott« (Letters to God) schreibt ein krebskranker Junge seine Sorgen und Nöte in Briefen an Gott, die letztlich dazu führen, dass die Mutter und der Bruder, die halbe Nachbarschaft, der Postbote, ein Schulkamerad und die beste Freundin sich gegenseitig im Glauben zur Seite stehen. Ach ja - der Pfarrer kommt auch kurz vor. Aber er spielt keine entscheidende Rolle (in einer Szene, in der sich eine plötzliche Geburt ankündigt, macht er sogar eine eher hinderliche Figur).
Auch wenn dieser Film im evangelikalen Amerika spielt, ist damit etwas ganz Wesentliches auch für uns Katholiken ausgedrückt: Der Priester stärkt in der Gemeinde alle Getauften - was diese dann jedoch aus ihrem Gemeindeleben und den gespendeten Gnadengaben machen, ist deren Aufgabe.

Wir Priester fragen uns selbst - und werden auch oft von außen gefragt - ob dieser Weltjugendtag oder jene Nightfever-Veranstaltung, ob diese Katechese oder jene Predigt wirklich etwas nützt - und meinen mit Nutzen, ob sich an den messbaren Zahlen in der Gemeinde etwas zeigt. Wer so fragt, ist schon auf dem Holzweg.

Viele Wege der Heiligkeit werden als lange Wegstrecken im Verborgenen gegangen; Worte, die Leben verändern können, wirken manchmal erst Jahrzehnte, nachdem sie gesprochen wurden; die Wunder der Bekehrung und Umkehr bleiben manchmal bis zur Ewigkeit unentdeckt. All das soll uns ermutigen, bei allem priesterlichen Wirken nicht auf den Effekt, sondern auf das Tun selbst zu schauen. Wir Priester sollen nicht zählen und nicht rechnen - wir werden fürs Bemühen bezahlt, nicht fürs Erreichen.

Fazit

Das Weihepriestertum unterscheidet sich nicht dem Grade nach vom allgemeinen Priestertum aller Getauften: der Priester wirkt nicht mehr oder besser. Der Unterschied ist ein wesentlicher: Der Priester ist dient dem Volk und hält es durch die ihm verliehene Vollmacht und Gnade im Dienst des allgemeinen Priestertums lebendig.