Das Jenseits: Das Katholische und evangelische Modell
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Alternative Jenseitsvorstellungen

In der Katechese „Leben nach dem Tod" wird die katholisch-biblische Sicht dessen beschrieben, was nach dem Tod auf uns wartet. Nun gibt es allerdings in der katholischen Kirche - vor allem aber in anderen christlichen Konfessionen - andere Vorstellungen von dem, was nach dem Tode geschieht. Und auch sie berufen sich auf die Bibel.
Darüber hinaus halten auch Jenseits-Vorstellungen aus dem nicht-christlichen Bereich (vor allem die Vorstellung der Wiedergeburt - Reinkarnation) Einzug in unseren Glauben.

Das alles verwirrt und wirft die Frage auf, was wir von diesen Alternativen halten können? Und wie sicher können wir sein, dass unsere katholische Sicht die richtige ist? Worauf beruft sich diese Sicherheit: Auf die Bibel oder auf andere Erkenntnisse?

Diesen Fragen soll diese Katechese nachgehen, die aus vier Teilen besteht.

 

 

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Diese Katechese ist auch als gedrucktes Heft (Nr. 045) erhältlich: Kostenlose Bestellung

Das katholische Modell

Schön ausführlich und einfühlsam sind die katholischen Jenseitsvorstellungen in der Katechese Leben nach dem Tod" beschrieben und auch erläutert. Hier nur ein kurzer und stichwortartiger Überblick:

1. Tod: Der Tod des Menschen ist die Trennung von Leib und Seele (die Auffassung, dass der Mensch aus Leib und Seele besteht, nennt man Dualismus - und ist für die Christen Bestandteil ihres Glaubens). Das heißt, der Leib (der im Leben auf die Seele angewiesen ist und „Ausdrucksmedium" der Seele ist) zerfällt im Tod; die Seele, nun nicht mehr an den Raum gebunden, findet sich nun Gott gegenüber.

2. Das persönliche Gericht: Im Angesicht Gottes vollzieht die Seele die Entscheidung für oder gegen Gott, die sozusagen eine Quintessenz seines Lebens darstellt. Es handelt sich nicht um eine neue, vom irdischen Leben vollkommen losgelöste Entscheidung. Aber dennoch kann es sein, dass diese Entscheidung im Leben zuvor nur ansatzweise getroffen wurde - und nun endgültig wird.

3. Der Zwischenzustand: Im Grunde gibt es unendlich viele "Wege", die die Seele nun gehen kann. Die Kirche benennt drei davon; aber nicht so, als wenn es sich um Orte handelt, sondern eher um Zustände der Seele: Der Himmel (also die liebende Gemeinschaft mit Gott); die Hölle (die Ablehnung Gottes und Verweigerung der Gemeinschaft mit ihm) - und der „Reinigungsort" - auch Fegefeuer genannt (die bedingte Zustimmung zu Gott, die jedoch noch der Klärung und Läuterung bedarf).

4. Das allgemeine Gericht: Am Ende der Zeiten gibt es nur noch zwei Zustände: Den der Zustimmung zu Gott - und den der Ablehnung Gottes. Gott respektiert diese Entscheidung, auch wenn er sich im Grunde jeden Menschen als liebendes Gegenüber wünscht.

5. Die Auferstehung: Am Ende der Zeiten erhalten alle Menschen wieder einen Leib - wenn auch einen verklärten Leib (was das genau bedeutet, wissen wir nicht; wir können es nur am Auferstehungsleib Jesu erahnen). Die himmlischen Menschen benutzen diesen Leib, um ihre Liebe Gott und den anderen himmlischen Menschen zu zeigen.
Die höllischen Menschen benutzen ihren Leib, um Gott - und vermutlich auch einander - aus dem Weg zu gehen (der Tradition zufolge ist der Leib der gott-ablehnenden Menschen nicht verklärt). Leider ist auch diese Entscheidung endgültig.

Die Alternativen

Entsprechend diesen fünf Schritten des katholischen Modells gibt es (mindestens) fünf Alternativen dazu, die jeweils eine andere Vorstellung haben...

1. Tod: Dass der Tod des Menschen die Trennung von Leib und Seele ist, setzt den Dualismus voraus (die Auffassung, dass der Mensch aus Leib und Seele besteht). Leugnet man dieses und nimmt an, der Mensch bestehe nicht aus Leib und Seele, sondern nur aus einem einzigen Prinzip (das nennt man dann Monismus), ist der Tod logischerweise das vollständige Ende des Menschen.
Diese Theorie nennen wir "Ganz-Tod-Theorie". Vertreter finden sich bei den Zeugen Jehovas, weit verbreitet bei den protestantischen Bekenntnissen, vor allem den Evangelikalen, und auch bei einigen katholischen Theologen (vor allem bei den Exegeten). Zur Ganztodtheorie

2. Das persönliche Gericht: Nach Auffassung des Hinduismus und des Buddhismus (und auch der frühen Griechen wie z.B. Platon) findet nach der Trennung von Leib und Seele das persönliche Gericht in Form einer höheren oder niederen Wiedergeburt statt (Reinkarnation). Ohne dass es dafür einen Richter geben muss (der Buddhismus kennt keinen Gott), bestimmt das vorangegangene Leben die Ausgangsbedinungen für das kommende Leben.
Erlösung bedeutet, diesem ewigen Kreislauf zu entkommen. In der westlichen Variante wird das schließlich für alle Menschen irgendwann der Fall sein. Zur Theorie der Wiedegburt

3. Der Zwischenzustand: Wird der Zwischenzustand geleugnet, bleibt als Alternative entweder die Ganz-Tod-Theorie (die aber wenig frohmachend ist und sich für eine Verkündigung kaum eignet), oder die "Auferstehung im Tod". Demnach gibt es im Jenseits überhaupt keine Zeit - und wir sind endgültig im Himmel (oder auch in der Hölle) im Augenblick des Todes. Zur Auferstehung im Tod

4. Das allgemeine Gericht: Das größte Problem ist und bleibt aber die Frage, ob es am Ende der Zeiten Menschen gibt, deren Leben endgültig als gescheitert angesehen werden muss. Vertreter der All-Erlösung können nicht glauben, dass jemand sich angesichts Gottes gegen diesen Gott entscheidet. Auf Erden mag das vielleicht gelten, aber spätestens im Jenseits werden doch alle Vorbehalte Gott gegenüber fallen, oder?
Diese Theorie wird vor allem durch die End-Entscheidungshypothese vertreten. Zur End-Entscheidungshypothese

5. Die Auferstehung: Andere, die ebenfalls eine ewige Verdammung des Menschen nicht mit der Liebe und Barmherzigkeit Gottes übereinbringen können, gehen zumindest davon aus, dass durch das Fegefeuer schließlich jeder gereinigt wird - und am Ende alle Menschen zu Gott finden.
Jede Theorie, die von der Erlösung aller Menschen ausgeht, nennt man "Apokatastasis". Zur Apokatastasis

Was die Bibel dazu sagt

Klar haben andere Religionen andere Vorstellungen von dem, was nach dem Tod des Menschen geschieht. Denn solche Vorstellungen hängen sehr stark vom Gottesbild der Religion ab. Allerdings verwundert es schon, dass sich die Christen untereinander ebenfalls nicht einig sind. Woher kommt das?

Wir wundern uns über diese Uneinheitlichkeit, weil oft genug übersehen, dass die Christen gar kein so einheitliches Gottesbild haben, wie wir oft annehmen. Noch unterschiedlicher ist aber das Menschenbild und die Vorstellungen, wie der Mensch an der Erlösung beteiligt ist. (Siehe dazu auch die beiden Katechesen Evangelisch-Katholisch" und Die Evangelikalen").
Weiterhin nehmen wir an, dass alle Christen die gleiche, gemeinsame Grundlage haben: Die Bibel. Was natürlich nicht stimmt: Die katholische Kirche bekennt sich dazu, zwar nur eine Offenbarung (die durch Jesus Christus erfolgt ist) zu haben, die allerdings auf zwei Kanälen zu uns kommt: Durch die Bibel und die Tradition. (Siehe dazu die Katechese: „Tradition und Kirche" und (demnächst): „Offenbarung: Bibel und Tradition"). Die Protestanten bestehen zwar darauf, wirklich nur die Bibel als Grundlage zu haben, übersehen dabei aber, dass sie genauso auf Traditionen zurückgreifen, um diese Bibel zu interpretieren und zu deuten. Da die Protestanten aber diese Tradition nicht so, wie die katholische Kirche, offen diskutieren, sind sie ihnen haltloser ausgeliefert.

Die Bibel allein ist nämlich gar nicht einheitlich; das gilt vor allem für das Alte Testament, das sich ja über mehrere Jahrhunderte hinweg entwickelt hat. Während in dieser Zeit das jüdische Volk unbeirrbar an der Einzigkeit ihres Gottes festgehalten hat, hat sich vor allem der Jenseitsglaube sehr stark verändert und entwickelt.

Es ist ein frommer Irrglaube, dass die Bibel sich jedem, der sie liest, von allein erschließt. Es kommt ja immer darauf an, welche Stellen man liest. Und wenn sich Bibelstellen widersprechen - welcher Idee soll man den Vorzug geben? Hauptsächlich wählt jeder das aus, was zu seinem Vorverständnis passt.
Bereits die Juden zur Zeit Jesu waren sich besonders in der Frage der Jenseitsvorstellung nicht einig: Die Sadduzäer glaubten beispielsweise nicht an ein Leben nach dem Tod („Am selben Tag kamen zu Jesus einige von den Sadduzäern, die behaupten, es gebe keine Auferstehung." Mt 2,22)

Im Judentum hat sich erst spät eine ausgeprägte Jenseitsvorstellung entwickelt. Im Gegensatz zu den anderen Völkern hielten die Juden sich an einen strengen Monotheismus: Es gibt nur einen Gott - und neben diesem einen Gott keine weiteren Götter und keine göttlichen Wesen. Auch die Unsterblichkeit des Menschen wurde als Beeinträchtigung der Einzigkeit Gottes gesehen.
Erst im Laufe der Jahrhunderte wurde aus einem unreflektierten „Sein im Todesreich" eine ausgefaltete Jenseitsvorstellung.

Man kann folgende Phasen unterscheiden:

1. Die Vereinigung mit den Vorfahren: Demnach werden die Verstorbenen mit den „Vorfahren vereint" (Gen 25,8.17; 35,29; 49,33; Num 20,24; 27,13; 31,2; Dtn 32,50) oder „entschlafen zu seinen Vätern" (1 Kön 1,21; 2,10; 11,21; 2 Kön 14,16; 15,38; 21,18; 2 Chr 32,33 und 33,20).
Damit ist zwar zuerst das gemeinsame Grab gemeint; aber oft lagen die Gräber soweit auseinander, dass die „Vereinigung mit den Vätern" eben nicht im räumlichen, sondern eher im geistigen Sinn gemeint war. Der Mensch wird durch den Tod also nicht völlig aufgelöst; allerdings fehlen ihm wesentliche Qualitäten: Kraft, Festigkeit und Freude und die Gemeinschaft mit Jahwe. (vgl. Ijob 3,13; 14,21; 17,16; Ps 6,6.)
Es ist sogar möglich (wenn auch verwerflich), den Geist Samuels aus der Unterwelt heraufzubeschwören: 1 Sam 28,8-19.


2. Ewiges Leben der Seele: In der ersten Phase geschah die Belohnung und Bestrafung zwangsläufig nur in der diesseitigen Welt. Aber im dritten Jahrhundert v. Chr. kam diese Sicht in einer Krise. Der diesseitge Vergeltungsglaube wurde brüchig: Unheil trifft den Frommen und den Bösen (Kohelet 8,12; 3,16f). Vor allem aber macht man die Erfahrung, dass gerade der Gesetzestreue und Gerechte wegen seiner Treue Leid und Unrecht erdulden musste - bis hin zum Martyrium.

Ausdruck einer neuen Phase der Jenseitsvorstellung ist Psalm 16: „ Ich sage zum Herrn: «Du bist mein Herr; mein ganzes Glück bist du allein.» An den Heiligen im Lande, den Herrlichen, an ihnen nur hab' ich mein Gefallen. Viele Schmerzen leidet, wer fremden Göttern folgt. / Ich will ihnen nicht opfern, ich nehme ihre Namen nicht auf meine Lippen. Du, Herr, gibst mir das Erbe und reichst mir den Becher; du hältst mein Los in deinen Händen. Auf schönem Land fiel mir mein Anteil zu. Ja, mein Erbe gefällt mir gut. Ich preise den Herrn, der mich beraten hat. Auch mahnt mich mein Herz in der Nacht. Ich habe den Herrn beständig vor Augen. Er steht mir zur Rechten, ich wanke nicht. Darum freut sich mein Herz und frohlockt meine Seele; auch mein Leib wird wohnen in Sicherheit. Denn du gibst mich nicht der Unterwelt preis; du lässt deinen Frommen das Grab nicht schauen. Du zeigst mir den Pfad zum Leben. / Vor deinem Angesicht herrscht Freude in Fülle, zu deiner Rechten Wonne für alle Zeit."
Noch deutlicher wird Psalm 73 (Verse 23-28): „Ich aber bleibe immer bei dir, du hältst mich an meiner Rechten. Du leitest mich nach deinem Ratschluss und nimmst mich am Ende auf in Herrlichkeit. Was habe ich im Himmel außer dir? Neben dir erfreut mich nichts auf der Erde. Auch wenn mein Leib und mein Herz verschmachten, / Gott ist der Fels meines Herzens und mein Anteil auf ewig. Ja, wer dir fern ist, geht zugrunde; du vernichtest alle, die dich treulos verlassen. Ich aber - Gott nahe zu sein ist mein Glück. / Ich setze auf Gott, den Herrn, mein Vertrauen. Ich will all deine Taten verkünden."

3. Leibliche Auferstehung - Gebet für die Verstorbenen: Während in Phase zwei noch „irgendwie" ein Leben nach dem Tod um der Gerechtigkeit willen erwartet wird, wartet das Zweiten Makkabäerbuch mit einer Fülle von eschatologischen Gedanken auf. Neben der seelischen Erhöhung des Menschen wird es nun auch eine leibliche Neuschöpfung geben (vgl. 7,11; 14,46) Weiterhin wird die Fürbitte des Volk Gottes für die Verstorbenen erwähnt und gutgeheißen (12,43); außerdem beten die Frommen, die verstorben sind, für das Gottesvolk. (15,12-16); das Todesleiden wird sogar als Sühneleiden verstanden (7,37f). Allerdings werden nur die Guten auferstehen - die Bösen bleiben im Tod.
In diesem Sinne finden sich auch zahlreiche Stellen im Buch der Weisheit: 3,13-4,6; 2,12-22; 3,1ff; 3,6; 4,10f; 4,19ff;

4. Auferstehung der Guten und Bösen: Erst im Buch Daniel (12,2f) findet sich die Auferstehung mit einem „doppelten Ausgang" - mit der Belohnung der Guten und der Bestrafung der Bösen (siehe auch schon im Buch der Weisheit 4,20-5,18). Weitere Verse, die diesen Glauben zum Ausdruck bringen, finden sich bei Dan 3,24-90; in Tob 13,1f; und bei Jdt 16,17: „In Ewigkeit sollen sie heulen vor Schmerz".

Daher also die Widersprüche in der Bibel: Die (vorsichtige) Ablehnung eines Lebens nach dem Tod stammt also aus der frühesten Zeit des jüdischen Volkes. Die jüngsten Bücher dagegen sprechen von einem Leben nach dem Tod fast genauso wie später die Christen. Leider sind die neuesten Bücher der Juden, die von der Auferstehung aller Menschen reden, auf griechisch verfasst und wurden später - in der Reformation - wieder aus der Bibel der Protestanten gestrichen. (siehe dazu die Katechese zu den Evangelikalen)

 

Evangelische Alternative: Die Ganz-Tod-Theorie

Bei den Zeugen Jehovas, aber auch bei einigen Evangelikalen, Evangelischen und Protestanten findet sich eine Ablehnung des sogenannten „Dualismus". Der Dualismus behauptet, dass der Mensch aus Leib und Seele bestehe - und „Tod" nichts anderes als die Trennung von Leib und Seele sei. Der Leib zerfällt ohne die Seele; die Seele aber lebt weiter und erhält am jüngsten Tag erneut einen Leib.
Die reformatorische Alternative dazu lautet: Der Mensch ist Leib und Seele - und beides stirbt im Augenblick des Todes. Auch die Seele ist nun tot und zerfällt in Nichts.
Erst am „Jüngsten Tag" erschafft Gott den Menschen wieder neu - aus Seiner Erinnerung. In den meisten Varianten beschränkt sich Gott allerdings darauf, nur die „Guten" zurückzuholen. Die „Bösen" bleiben, wo sie sind: Weg. Nicht-existent. Für immer verschwunden.

Besonders deutlich wird das in einem Heft der Zeugen Jehovas ausgedrückt - aber, so sei hier ausdrücklich betont -, diese Auffassung haben die Zeugen Jehovas mit zahlreichen Protestanten gemeinsam:

Der folgende Text stammt aus :"Du kannst für immer im Paradies auf Erden leben", Wachtturm-Verlag Selters 1982, S. 76f (eine Werbeschrift der Zeugen Jehovas):

„Wir können besser verstehen, in welchem Zustand sich die Toten befinden, wenn wir betrachten, was mit Lazarus geschah, einem Mann, der vier Tage tot war (vgl. Joh 11). Jesus hatte seinen Jüngern gesagt: "Lazarus, unser Freund, ist zur Ruhe gegangen, doch begebe ich mich dorthin, um ihn aus dem Schlaf zu wecken." Doch die Jünger erwiderten: "Herr, wenn er zur Ruhe gegangen ist, wird es besser mit ihm." Darauf sagte ihnen Jesus offen: "Lazarus ist gestorben." Warum sagte Jesus, Lazarus schlafe, wenn er doch in Wirklichkeit gestorben war? Wir wollen sehen.

(...) Nun bedenke folgendes: In welchem Zustand befand sich Lazarus während der vier Tage seine Todes? War er im Himmel gewesen? Er war ein guter Mensch. Doch Lazarus sagte nichts davon, daß er im Himmel gewesen sei. Das hätte er bestimmt getan, wenn er dort gewesen wäre. Nein, Lazarus war wirklich tot gewesen, wie Jesus selbst sagte. Warum sagte dann Jesus seinen Jüngern zuerst, Lazarus schlafe?

Nun, Jesus wußte, daß der verstorbene Lazarus ohne Bewußtsein war, so, wie die Bibel sagt: "Die Toten ... sind sich nicht des geringsten bewußt" (Prediger 9:5). Doch ein Lebender kann aus einem tiefen Schlaf geweckt werden. So wollte Jesus zeigen, dass er mit Hilfe der Macht, die Gott ihm gegeben hatte, seinen Freund Lazarus vom Tode auferwecken konnte.

Wenn jemand tief schläft, erinnert er sich an nichts. Ähnlich verhält es sich mit den Toten. Sie empfinden nichts. Sie existieren nicht mehr. Aber zur gegebenen Zeit werden die von Gott erlösten Toten zum Leben erweckt werden (Johannes 5:28). Gewiß sollte diese Erkenntnis in uns den Wunsch wecken, Gottes Gunst zu gewinnen. Wenn wir das tun, wird Gott unser gedenken, wenn wir sterben sollten, und wird uns wieder zum Leben bringen."

Diese sogenannte Ganz-Tod-Theorie hat einen entscheidenden Vorteil: Es gibt keine Hölle und kein Fegefeuer - nur den Himmel. Dort kommen zwar nicht alle hinein (das würde ja auch jede Bemühung hier auf Erden entwerten), aber ewige Qualen? Mit der Vorstellung einer Hölle käme man ja nur in Konflikt mit der Vorstellung vom lieben, barmherzigen und all-gütigen Gott.

Außerdem spart man sich die ganzen Erklärungsnöte, die sich mit dem »Zwischenzustand« - der Zeit, die zwischen dem persönlichen Tod und dem Tag der Auferstehung liegt -, ergeben. Die Antwort ist einfach: Dazwischen ist nichts.

Und ein dritter Grund spricht für diese Theorie: Der biblische Befund. Es gibt zahlreiche Stellen, die (vor allem im Alten Testament) eine solche Vorstellung nahe legen.

Aber damit sind wir auch schon bei den Gegenargumenten: Aus der oben geschilderten Entwicklung des Jenseitsglaubens im Alten Testament pflücken sich die Vertreter der Ganz-Tod-Theorie nur die Stellen heraus, die davon sprechen, dass der Mensch im Totenreich nichts mehr vermag und nur noch blasse Erinnerung ist. Aber es gibt eben auch andere biblische Stellen, die von einer Zeit bis zur Auferstehung sprechen - und davon, dass die Seelen diese Zeit erleben:

Im Buch der Weisheit, Kapitel 3, Vers 1-11, steht: Die Seelen der Gerechten sind in Gottes Hand, und keine Qual kann sie berühren. In den Augen der Toren sind sie gestorben, ihr Heimgang gilt als Unglück, ihr Scheiden von uns als Vernichtung; sie aber sind in Frieden. In den Augen der Menschen wurden sie gestraft; doch ihre Hoffnung ist voll Unsterblichkeit.
Ein wenig nur werden sie gezüchtigt; doch sie empfangen große Wohltat. Denn Gott hat sie geprüft und fand sie seiner würdig. Wie Gold im Schmelzofen hat er sie erprobt und sie angenommen als ein vollgültiges Opfer.
Beim Endgericht werden sie aufleuchten wie Funken, die durch ein Stoppelfeld sprühen. Sie werden Völker richten und über Nationen herrschen, und der Herr wird ihr König sein in Ewigkeit. Alle, die auf ihn vertrauen, werden die Wahrheit erkennen, und die Treuen werden bei ihm bleiben in Liebe. Denn Gnade und Erbarmen wird seinen Erwählten zuteil. Die Frevler aber werden für ihre Pläne bestraft, sie, die den Gerechten missachtet haben und vom Herrn abgefallen sind. Unglücklich sind alle, die Weisheit und Belehrung verachten; leer ist ihre Hoffnung, vergeblich sind ihre Mühen und wertlos ihre Taten.

Beim Propheten Jesaja steht: (Kapitel 25, 8):
„Er beseitigt den Tod für immer" und (Kapitel 26,19) „Deine Toten werden leben, die Leichen stehen wieder auf; wer in der Erde liegt, wird erwachen und jubeln".
Die Ganz-Tod-Theorie: Ein ziemlich junger Hüpfer

Die Ganz-Tod-Theorie findet sich zwar ansatzweise bei schon bei Luther; aber hauptsächlich bezeugt Luther - genauso wie die anderen Reformatoren - seinen festen Glauben an die Unsterblichkeit des Menschen (Luther ist da wie das Alte Testament: Er ist in sich schon ziemlich uneinheitlich). Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wendet sich die reformatorische Theologie davon ab (vor allem durch C. Stange und P. Althaus) - und behauptet munter, das sei schon immer Luthers Auffassung und die der gesamten Reformation gewesen. Und die Evangelikalen, die sowieso eine Entwicklung des Glaubens grundsätzlich ablehnen, sind heute ebenfalls der Meinung, die Ganz-Tod-Theorie wäre nicht nur eine Überzeugung der Reformatoren gewesen, sondern schon seit Jesus Christus Grundüberzeugung der gesamten Christenheit.

Nun ja - mögen sich die Protestanten darüber streiten, wie lange sie schon den „Glauben an die Unsterblichkeit" durch den „Glauben an die Auferstehung" ersetzt haben. Fakt ist, dass die Ganz-Tod-Theorie wohl noch keine 150 Jahre alt ist.

Aber zugegeben: Sie entspricht viel konsequenter der protestantischen Theologie. Es gibt kein Fegefeuer mehr (das passt gut zu dem Gedanken, dass der Mensch sich nicht selbst reinigen und an seiner Erlösung nicht mitwirken kann); es kann und darf keine Heiligenverehrung mehr geben - da oben ist je niemand (Heiligenverehrung haben die Protestanten sowieso immer schon abgelehnt); die hochentwickelte Auferstehungstheologie, die ja von einer Unsterblichkeit und Auferstehung redet, steht erst in den letzten Büchern des Alten Testamentes (diese Schriften waren zwar bis zur Reformation ununterbrochen Bestandteil der Bibel aller Christen, wurden dann aber von den Reformatoren entfernt); und mit der Ablehnung der griechischen Philosophie durch die protestantischen Theologen glaubten diese, die Heilige Schrift von einer Verfälschung befreit zu haben.

Biblische Begründung des „Zwischenzustandes"

Vor allem Lk 16,19-31 ist der Kronzeuge eines doppelten Ausgangs und einer Zeit direkt nach dem Tod. Denn während an vielen anderen Stellen vom Tag der Auferstehung die Rede ist, spielt dieses Gleichnis nach dem Tod des armen Bettlers Lazarus - aber vor der allgemeinen Auferstehung.

Ralf Isau konstruiert seinem ersten Band der Neshan-Trilogie einen Disput zwischen Jonathan, der Gedankengut der Zeugen Jehovas vertritt, und dem katholischen Pastor Garson. Darin weist Jonathan darauf hin, dass es sich hierbei ja um ein Gleichnis handelt - und man deshalb nicht darauf schließen könne, dass es ein Leben nach dem Tod geben könne und schon gar keine Hölle. Alles das sei eben nicht wörtlich zu nehmen.
Klar, ein Gleichnis darf nicht wörtlich genommen werden. Aber ein Gleichnis hat ja eine Aussageabsicht - und so müssen sich die Zeugen Jehovas auch fragen, was denn die Aussageabsicht des Lazarus-Gleichnisses sein soll, wenn nicht der Hinweis auf einen Zwischenzustand mit Lohn und Bestrafung?

Zudem sagt Jesus zu dem reuigen Verbrecher am Kreuz neben ihm: „Ich sage Dir, noch heute wirst Du mit mir im Paradies sein."

Auch hier haben die Zeugen Jehovas eine clevere Antwort: In der Bibel wäre das Komma falsch gesetzt. Es müsse heißen: „Ich sage Dir heute noch, Du wirst mit mir im Paradies sein." - Gut gelöst. Fragt sich nur, warum Jesus am Kreuz betont, dass er etwas „heute noch" sagt, und nicht erst morgen...
Kritik an der Ganz-Tod-Theorie

Das größte Problem der Ganz-Tod-Theorie ist die Frage der Individualität und Kontinuität des Menschen. Wenn der Mensch in seinem Tod vollkommen verschwindet und dann am jüngsten Tag von Gott wieder neu erschaffen wird - was hat der neue Mensch dann noch mit dem alten zu tun? Wie wird dort eine Individualität bewährt? Natürlich kann Gott dem neu erschaffenen Menschen Erinnerungen an-dichten; aber letztlich sind diese Erinnerung eben nicht wahr und wirklich.
Noch drastischer ist es natürlich, wenn Gott am jüngsten Tag Menschen erschafft, denen er Erinnerungen und Wesensarten verleiht, die zu ihrer Verdammung führen. Insofern ziehen diejenigen Ganz-Tod-Theorie-Vertreter den vernünftigen Schluss, dass sich diese Theorie nicht mit der Existenz der Hölle verträgt. Gott erschafft keinen Menschen nur zum Leid.
Aber umgekehrt stellt sich diese Frage genauso (wenn auch nicht so dramatisch): Wie kann Gott einem Menschen nur zur Freude erschaffen, ausgestattet mit positiven Erinnerungen - wenn andere im Tod bleiben müssen. Vor allem aber drängt sich die Frage auf, warum es dann überhaupt diese Erdenzeit gibt, wenn Gott Menschen aus dem Nichts erschaffen kann, die „himmlisch" sind und an der Ewigkeit teilhaben. Mit anderen Worten: Warum erschafft er uns nicht direkt so?

Der Ausweg, nicht von einer Neu-Erschaffung der Menschen zu sprechen, sondern von einer „Erweckung" aus der Erinnerung Gottes ist nichts anderes als eine Worthülse. Genauso gerne wird vom „Seelenschlaf" gesprochen, der irgendwie suggeriert, dass die Seelen doch noch existent sind und irgendwo schlummern.
Falls die Seelen nur „schlafen" und dann am Ende der Zeit zur Ewigkeit „aufstehn", - was geschieht dann mit den schlafenden bösen Seelen? Werden sie noch einmal in einem eigenen Akt vernichtet?

Ein weiteres Manko der Ganz-Tod-Theorie besteht weniger in einem logischem Bruch, sondern in den Konsequenzen, die gerne in Predigten zu Beerdigungen ausgeblendet werden: Es gibt keinen Trost, dass es dem Verstorbenen „nun besser geht"; sie sind eben nicht „im Frieden", sondern im Nichts; es gibt keine Gebete für die Verstorbenen und keine Gebete zu den Verstorbenen; mögliche Erscheinungen, Visionen oder sonstige Erfahrungen sind samt und sonders dämonischer Natur.

Übrigens: Einer der Begründer der Fantasy-Literatur war George McDonald, ein reformierter Geistlicher. Er hat in seinem Buch „Lilith" den Tod auch nur als Schlaf beschrieben - allerdings sehr konsequent. George McDonald war ein großes Vorbild für C.S. Lewis und J.R.R. Tolkien - als Literat, nicht als Theologe.

Schließlich wollen wir den Streit aber nicht zu weit treiben. Ausschlaggebend für uns Katholiken ist schließlich, dass es einen ununterbrochenen, von der Kirche gelehrten Glauben an das Fortleben der Seele nach der Trennung vom Leib gibt.
Schließlich bleibt es jedem Christen unbenommen, andere Vorstellungen zu entwickeln. Allerdings sollten sie uns Katholiken nicht vorwerfen, wir ständen nicht auf biblischem oder christlichem Grund.

Weiterlesen: Der Glaube an die Wiedergeburt (Reinkarnation)

Weiterlesen: Die End-Entscheidungshypothese und die "Auferstehung im Tod"

Weiterlesen: Die All-Erlösung

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