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Das Vaterunser

Ein Gebet ist eine geistliche Begegnung mit Gott, den Heiligen oder unseren Verstorbenen. Zum geistlichem Erleben und zur Erbauung lässt sich dazu unendlich viel schreiben - und so gibt es auch eine unüberschaubare Literatur zum Gebet. Auch zum «Gebet des Herrn», dem Vaterunser.
Gerade weil dieses Gebet aber 2000 Jahre alt ist und selbst in der Übersetzung eine alte Sprache verwendet, bedarf es zur geistlichen Erschließung auch ein Hilfe zum Verstehen der Vater-unser-Bitten. Da zunehmend der Hintergrund eines jeden Gebetes - das Glaubenswissen - verdunstet, das Gebet aber immer in den Rahmen des Glaubens eingebettet ist, begreifen wir manchmal auch dann die Bedeutung der Gebetsbitten nur schwer, wenn wir die Worte verstehen. Es lohnt sich also, eine eigene Katechese zum Vaterunser zu schreiben.

Das Vater unser in der Heiligen Schrift

Das Vaterunser heißt auch «das Gebet des Herrn», weil es direkt auf Jesus zurückgeführt werden kann. Zwei Evangelisten berichten uns von dem Gebet, das Jesus seinen Jüngern aufgetragen hat: Matthäus (Kapitel 6) und Lukas (Kapitel 11). Allerdings unterscheiden sich diese beiden Versionen, da Lukas nur fünf Bitten nennt, während bei Matthäus noch zwei weitere hinzukommen («Dein Wille geschehe» und «erlöse uns von dem Bösen» findet sich nicht bei Lukas, ebensowenig die Ausgestaltung der Anrede Vater «unser, der du bist im Himmel»).

Bei Matthäus ist das Vaterunser Teil der Bergpredigt, während Lukas seine Version außerhalb der Feldrede oder anderer Parallelen zu Matthäus platziert. Vielmehr ist es nach Lukas ein Jünger, der bittet: «Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte!», worauf Jesus dann mit dem Vaterunser antwortet.
Die sieben Bitten

Die heute bekannte und in den Gottesdiensten praktizierte Form des Vaterunser schließt sich der Matthäus-Version an, die lateinische Version ist wörtlich der lateinischen Bibel (Vulgata) entnommen. Wir können sieben Bitten unterscheiden, wobei sie sich in zwei Teile untergliedern: Im ersten Teil (1-3) finden sich drei «Du-Bitten» («Dein Reich komme»), im zweiten Teil (4-7) vier «Wir-Bitten» («Unser tägliches Brot»). Die sieben Bitten gliedern sich wie folgt auf:

  • (1) Vaterunser im Himmel, geheiligt werde dein Name

  • (2) dein Reich komme

  • (3) dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.

  • (4) Unser tägliches Brot gibt uns heute

  • (5) und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern

  • (6) und führe uns nicht in Versuchung

  • (7) sondern erlöse uns von dem Bösen.

Die Doxologie

An die sieben Bitten des Vaterunsers schließt sich oft ein Lobpreis an («Doxologie» genannt), der nicht zum ursprünglichen, biblischen Text des Vaterunsers gehört: «Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.»

Dieser Zusatz stammt aus der Gottesdienstpraxis der frühen Christen. In manchen späteren Handschriften der Evangelien wurde dieser Zusatz nachträglich eingefügt. Dem Inhalt nach stammt dieser Lobpreis aus dem Alten Testament und ist einem Dankgebet des Königs David nachgebildet (1 Chr 29,11). Die Doxologie wird oft auch außerhalb der Messfeier mitgebetet, entfällt jedoch im Stundengebet (in der Laudes und der Vesper) oder beim Rosenkranzgebet.

Der Embolismus

Zwischen dem Vaterunser und der Doxologie wird in den katholischen Messfeiern ein Gebet eingefügt (Embolismus heißt wörtlich das Dazwischen-Geworfene). Dort betet der Priester:

«Erlöse uns, Herr, allmächtiger Vater, von allem Bösen und gib Frieden in unseren Tagen. Komm uns zu Hilfe mit deinem Erbarmen und bewahre uns vor Verwirrung und Sünde, damit wir voll Zuversicht das Kommen unseres Erlösers Jesus Christus erwarten.»

Der Embolismus wird nur in der Eucharistiefeier gebetet (und dort nur vom Priester).

1. Bitte: Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name Vater...

Obwohl Gott nicht nur Vater ist, sondern auch noch Sohn und Geist, sprechen wir (nicht nur) im Vaterunser allein den Vater an. Das führt gelegentlich zu Verwirrungen, so als ob Gott mit dem Vater identisch sei. Grund für dieses Missverständnis ist die ungewohnte Lehre von der Dreifaltigkeit.

Jesus - Gott - Vater - Heiliger Geist: Wer ist wer?

So liefert die unterschiedliche Bezeichnung Gott, Vater, Jesus, Sohn und Kinder Gottes schon seit Anfang der Christenheit Verwirrung: »Wenn Gott ein Vatergott ist, und wir seine Kinder - wer ist dann Jesus?« Vor allem der gutgemeinte Gedanke, dass alle Menschen Kinder Gottes seien - und Gott eben ein väterlicher Gott ist, setzt Jesus nun wirklich zwischen alle Stühle: »Wenn Jesus Gott ist, ist er dann auch ein Vater?« »Wenn Jesus der Sohn Gottes ist - dann ist er doch auch nur ein Kind Gottes, so wie wir Menschen alle.« - »Vielleicht ist er ein privilegierter Sohn? Dann ist er also auch ein privilegierter Mensch«. - »Ist mit Jesus am Kreuz auch Gott gestorben« - Verwirrend. Wie gesagt.

Der allgemeine Fehler, der uns Christen allerdings sprachlich auch immer wieder unterläuft, ist, die Väterlichkeit als eine Eigenschaft Gottes anzunehmen. »Das erste, was von Gott im Credo ausgesagt wird, ist seine Väterlichkeit« heißt es manchmal sogar. Wir haben also einen Gott, und dieser eine Gott ist eben ein väterlicher Typ.

So weit, so falsch.

Kein Wunder, dass da keiner mehr durchblickt, wenn schon die Voraussetzungen so falsch gesetzt sind. Tatsächlich ist die »Väterlichkeit« keine Eigenschaft. Sondern Gott ist »Vater«! Eben in Person, nicht nur in Funktion. Gott ist in sich Vater - aber nicht identisch damit, denn er ist auch noch der Sohn und der Geist.

Wenn wir Christen also Gott reden, dann dürfen wir ihn nicht allein mit dem Vater identifizieren, denn unser Gott ist eben zugleich die Person des Vater und des Sohnes und auch die des Heiligen Geistes.

»Vater« zu sein, ist also nicht eine Eigenschaft des christlichen Gottes; der Vater ist eine Person - neben den anderen beiden, dem Sohn und Geist.

Gott ist familiär

Wir sollten also im gleichen Maße wie von »Gott, dem Vater« auch von »Gott, dem Sohn« und »Gott, dem Heiligen Geist« sprechen. Mal ehrlich: Das fällt uns schwer. Wir haben den Vater so sehr mit dem ganzen Wesen Gottes identifiziert, dass wir bei dessen Erwähnung immer sofort ein abgeschlossenen Bild von Gott vor Augen haben - und Jesus ist dann irgendwie draußen vor.

Besser wäre es, wenn wir - solange wir Gott in seinem Wesen beschreiben wollen - nicht vom »Vater« sprechen. Sondern vom »familiären Gott«, oder - noch besser - vom »liebevollen Gott«. Denn Gott ist in sich ein familiäres, lebendiges und liebevolles Geschehen.

Insider-wissen

Nun mag die Korrektur unserer Gottesanrede mit »Vater« zwar theologisch gerechtfertigt sein, aber Jesus hat uns eben ein anderes Gebet gelehrt. »Wenn ihr betet, dann sprecht: Unser Vater« - und in der Kirche gilt: »lex orandi, lex credendi« - was wir beten, das glauben wir auch.

Auch das ist nur auf den ersten Blick ein Widerspruch. In Wirklichkeit waren das bisher Gesagte nur teilweise richtig: Solange wir über unseren Glauben sprechen und dabei zu Nicht-Christen reden, ist es wichtig, Gott nicht ausschließlich mit dem Vater zu identifizieren, sondern den Sohn und den Geist mitzuerwähnen.

Aber für unsere christliche Existenz rückt der Vater in das Zentrum des Gebetes und der Liturgie (das Hochgebet in der Hl. Messe ist beispielsweise ausschließlich an den Vater gerichtet). Aus einem einfachen Grund: Wir treten in die göttliche Familie - in die Dreifaltigkeit - ein, indem wir den Blickwinkel des Sohnes einnehmen.

In der Taufe werden wir »Kinder Gottes«, so wie Jesus der Sohn Gottes ist. Also nicht nur im übertragenen Sinne, so wie wir auch von den «Kindern der Revolution» sprechen. Wir werden auf den Tod und die Auferstehung Jesu getauft und damit »Christus gleichgestaltet«. Wir sind jetzt also Sohn und Kinder Gottes wie Jesus der Sohn Gottes ist. Nun können wir - wie Jesus - zum Vater reden; denn wir sind jetzt selbst »Söhne«.

An dieser Stelle ist es sinnvoll, einen kleinen Ausflug in die Reform der »inklusiven Sprache« zu machen. In den letzten Jahren wurden viele liturgische Texte daraufhin untersucht und korrigiert, ob sie nur männliche Adressaten haben (indem wir z. B. immer nur von den »Brüdern« sprechen und dabei die »Schwestern« vergessen).
Was für »Brüder und Schwestern« richtig sein mag, lässt sich nicht so ohne weiteres auf die »Söhne und Töchter« Gottes übertragen. Denn wir sind zunächst Kinder Gottes durch den Sohn Jesus Christus; wir treten (zusammen mit Jesus) an Seine Stelle, indem wir Ihm ähnlich werden - egal, ob wir Männer oder Frauen sind.
Wenn wir also das (zugegebenermaßen augenfällige) Ärgernis belassen, von uns als den »Söhnen Gottes« zu sprechen (auch, wenn wir die Frauen mit-meinen), erinnert uns das daran, dass wir alleine durch Christus und durch die Taufe auf ihn in die Dreifaltigkeit aufgenommen worden sind.

Hier schließt sich auch der Bogen zur Katechese über die Taufe und Eucharistie: Durch die Taufe wurden wir wie Christus, durch die Eucharistie bleiben wir es: Teil der Dreifaltigkeit, Kinder des Vaters.

Für die »Außenansicht« ist es also wichtig, von Gott nicht nur als Vater zu sprechen. Für unsere christliche »Innenansicht« ist es dagegen gerade die besondere Gnade, Gott »Vater« nennen zu dürfen. (Siehe die Katechese zur Dreifaltigkeit)

... unser ...

Bei Lukas fehlt der Zusatz "unser". Manche Theologen denken, dass die erweiterte Version bei Matthäus eine spätere Variante ist und schon die Praxis der Gemeinde widerspiegelt, das Vaterunser gemeinsam zu beten. Wir dürfen aber auch ruhig davon ausgehen, dass Jesus diesen Brauch mit im Blick gehabt hat («so sollt ihr beten»). So oder so wird dadurch deutlich, dass das Vaterunser das Gebet der Kirche ist - und wir auch durch das Beten dieses Gebetes Kirche werden.

In der reformierten Kirche werden übrigens die ersten beiden Worte umgestellt: «Unser Vater...», in der Neu-apostolischen Kirche auch noch die Worte der ersten Bitte «Dein Name werde geheiligt.»

Manchmal habe ich Priester gehört, die das Vaterunser mit den Wort eingeleitet haben: «So lasst uns beten, wie auch Jesus selbst gebetet hat...:». Das ist natürlich so nicht richtig; Jesus bittet beispielsweise nicht um die Vergebung seiner Schuld (da er, wie es auch in der Bibel heißt, ohne Sünden gewesen ist - Hebr 4,15). Vor allem übersieht diese Einleitung, dass Jesus als wahrer, einziger und einzigartiger Sohn auf andere Weise mit dem Vater verbunden ist als wir es sind.

An anderer Stelle unterscheidet er ausdrücklich zwischen meinem Vater und eurem Vater («Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.» - Johannes 20,17).

Das «unser» vereint uns also erst einmal untereinander. Dennoch ist es der gleiche Vater und der gleiche Gott, der uns und Jesus im Himmel zugetan ist. Somit verbindet das Vaterunser uns auch mit Christus, obwohl dessen Vater-Beziehung eine wesentlich andere ist.

... im Himmel

Auch dieser Zusatz «...im Himmel» (oder wie es in früheren Übersetzungen korrekt hieß: «der du bist im Himmel») findet sich nur bei Matthäus. Zum einen wird dadurch die Jenseitigkeit Gottes betont (er ist nicht in den Dingen, Bildern und Götzen zu finden); gleichzeitig bedeutet Himmel aber die auch die Gemeinschaft von Gott und Mensch. Gott ist also nicht Teil dieser Welt, wir aber sollen Teil der göttlichen Dreifaltigkeit werden.

Interessanterweise wird im Lateinischen vom «Vater in den Himmeln» (Plural!) gesprochen, aber in der Bitte «wie im Himmel so auf Erden» ist der Himmel nun im Singular. Im Französischen findet sich dieser Unterschied auch in der Übersetzung, während es im Deutschen (und z. B. auch im Englischen) beide Male «der Himmel» heißt.
Damit ist wohl angedeutet, dass Gott, der einem mythologischem Bild nach im «letzten der sieben Himmeln» wohnt, in seinem Wesen uns entzogen bleibt. Aber durch Sein und unser Wirken soll Erde und Himmel einander gleichgestaltet werden («Dein Wille geschehe wie im Himmel so auch auf Erden»).

«Vater unser im Himmel» ist somit in vier Worten zusammengefasst der Kern des christlichen Glaubens: Weil wir eins mit Christus werden, dürfen wir mit ihm zusammen Teil der Dreifaltigkeit werden. Der jenseitige Gott öffnet sich, um uns in sich aufzunehmen. Das nennen wir Himmel.

Geheiligt werde...

Heilig ist zunächst nur Gott, ja, wir können heilig schon fast mit göttlich übersetzen. So heißt ein heiliger Mensch deshalb so, weil er für uns zur Erfahrung Gottes wird; wir heiligen uns, weil wir Gott gehören und Ihm ähnlich werden wollen; ein Ort, eine Zeit oder ein Gegenstand gilt als heilig aufgrund der jeweiligen Gott-Zugehörigkeit. Das althochdeutsche Wort «hei-lag» lässt etwas von einem göttlichen Glanz erahnen, der sich auf etwas Irdisches legt.

Mit anderen Worten: Etwas wird geheiligt, indem wir es nicht dieser Welt, sondern Gott zuordnen und uns ihm gegenüber entsprechend verhalten.

...dein Name

Der Name eines Menschen oder eines Dinges wird oft nicht nur als Rufname, sondern als Bezeichnung des inneren Wesens verstanden. So gibt es viele Mythen, Legenden und Märchen (z. B. Lohengrin oder Rumpelstilzchen), in der derjenige, der den geheimen Namen kennt, auch Macht über den Genannten hat.

Gott hat uns seinen Namen geoffenbart und sich damit (in gewisser Weise) in die Hände des Menschen gelegt. Während das «sich den Menschen ausliefern» im Alten Testament eher bildlich gemeint ist, geschieht das in Jesus Christus dann buchstäblich und schließlich in der Eucharistiefeier sakramental. Ein Gott, der sich in unsere Hände legt, gibt uns damit die Aufgabe, ihn gottgemäß zu behandeln. So wie jeder Mensch, der sich in unsere Hände begibt, auf unser Wohlwollen und Respekt vertraut.

Gottes Namen zu heiligen bedeutet also, Gott nicht seine Göttlichkeit abzusprechen (oder zumindest ihn nicht so zu behandeln, als sei er ein Geschöpf wie anderes auch). Wer Gottes Namen heiligt und sich um die Wahrung des göttlichen Geheimnisses bemüht, wird (fast wie nebenbei) selbst immer gottgemäßer.

2. Bitte: Dein Reich komme

Kurz gefasst heißt «Dein Reich komme», dass die Welt wieder so wird, wie Gott sie sich gedacht hat. Dass sie es zur Zeit nicht ist, zeigt uns jedes Leid, jedes Verbrechen und jede Untat.

Allerdings ist mit Reich nicht Herrschaft im weltlichen Sinne gemeint (ein Fehler, der manchmal von Evangelikalen gemacht wird), so als müssten nur alle Gott gehorchen, und schon wäre das Paradies wiederhergestellt. Oder, noch seltsamer, als würden wir Gott auffordern, endlich seine königliche Macht anzuwenden! - Nein, mit dem biblischen Begriff der Königsherrschaft Gottes (basilea tou theou) ist keine Gewaltausübung durch Gott, sondern die Anerkennung der Königswürde durch den Menschen gemeint.

Ein Königreich existiert also überall dort, wo der König als Herrscher akzeptiert wird. Die Leugnung der Königswürde ist gleichbedeutend mit dem Austritt aus dem Reich des Königs.

Mit der Bitte um das Kommen des Reiches wird also nicht etwa Gott aufgefordert, endlich seine Herrschaft auszuüben. Vielmehr geht es bei der Bitte um die Bekehrung der Menschen, Gott als Herr anzuerkennen und sich Ihm vertrauensvoll anzugleichen. So heißt es auch zu Beginn des Markus-Evangelium: «Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!» - Mk 1,14.

Mit dem kommenden Reich ist nicht die Ausbreitung eines Territoriums oder das zeitliche Kommen der Gottesherrschaft gemeint, sondern eine Verwandlung des Menschen in eine neue Existenz.

3. Bitte: Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden Dein Wille geschehe...

So, wie die Gottesherrschaft auch in christlichen Kreisen oft missverstanden wird, ist auch die Bitte «Dein Wille geschehe» missverständlich. Geht es hier um Gehorsam? Muss ich auf meinen Willen verzichten und forschen, was Gottes Absicht ist?

Tatsächlich sollen wir nicht im eigentlichen Sinne nach dem fragen, was Gott will, sondern nach dem, was Er für uns will. Und das besteht zumeist nicht in konkreten Handlungsanweisungen, sondern im Erreichen der Liebesgemeinschaft mit Ihm. Der Weg dorthin ist für uns Christen klar: Es ist die inneren Einheit mit Christus («Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.» - Gal 2,20). Wir brauchen den Willen Gottes also nicht gesondert zu erfragen; Gott hat Seinen Willen in Christus geoffenbart («Ich will, dass alle eins sind - so wie der Vater und der Sohn eins sind» - Joh 10,30).

Vielmehr geht es darum, dass dieser uns längst bekannte Wille Gottes Wirklichkeit wird. Wie auch in den anderen Bitten, die sich scheinbar nur auf Gott beziehen («Dein Name werde geheiligt») ist der Kern diese Bitte also der Wunsch nach der eigenen Umkehr - und der Hinwendung zu Christus für alle anderen Menschen.
Es wird mit dieser Bitte nicht um eine Unterordnung unter den Willen Gottes erbeten, sondern ein Einklang von Gott und Mensch. Letztlich geht es um Liebe, die immer Freiheit voraussetzt.

Wobei auch der Begriff «Gehorsam» nicht bedeutet, seinen eigenen Willen abzugeben, sondern sich den Willen eines anderen anzueignen. Gehorsam setzt Hören und Hinhören voraus - genauso wie Vertrauen und Freiheit. So heißt es in einem Gebet aus dem Messbuch: «Gib, dass wir lieben, was du befiehlst». Liebe ohne Freiheit ist aber keine Liebe.
...wie im Himmel, so auf Erden

Wenn wir verstanden haben, was wahrer Gehorsam ist - nämlich ein gemeinsames Wollen in Liebe und Freiheit - dann erwarten wir das spätestens für unser jenseitiges Sein bei Gott. Dieses üben wir aber hier auf Erden schon ein und erfahren immer wieder einen Vorgeschmack darauf! In jeder menschlichen Liebe, Verliebtheit, Freundschaft und gelungen Beziehung wird ein Teil davon schon irdische Wirklichkeit. Hoffentlich überall, für jeden! Wie im Himmel, so auch auf Erden.

4. Bitte: Unser tägliches Brot gib uns heute.

Bei der Brotbitte spricht die griechische Urfassung vom artos epiousios, das von der lateinischen Vulgata mit «ausreichend Brot» oder dem Brot für diesen (und den nächsten) Tag übersetzt wird: «Das für uns ausreichende Brot gib uns heute.»

Die Vulgata übersetzt dasselbe Wort epiousios allerdings unterschiedlich: Während es bei Lukas (11,3) «Panem nostrum cotidianum da nobis cotidie» heißt, steht bei Matthäus (6,11) «Panem nostrum supersubstantialem da nobis hodie.»

Tatsächlich ist das griechische Wort «epiousios», das sowohl bei Matthäus als auch bei Lukas im griechischen Urtext steht, einmalig: Es wird in keiner anderen Schrift in altgriechischer Sprache verwendet. Nur in der Vaterunser-Bitte bei Lukas und Matthäus kommt es vor. (Solche Wort-Unikate nennt der Grieche «hapax legomena»). Deshalb können wir nicht anhand anderer Stellen auf den Gebrauch und die Bedeutung von «epiousios» schließen.

Die Bestandteile des Wortes «epi» (über, jenseits) und «ousias» (Sein, Wesen, Natur) lassen aber eher darauf schließen, dass die lateinische Übersetzung des Matthäusevangeliums korrekt ist: «Und gib uns heute das übernatürliche (supersubstantialem) Brot.»

Damit hätte sich der Sinn der Brot-Bitte vollständig gewandelt! Es ginge also nicht mehr um das nötige irdische Brot, das wir zum täglichen Überleben brauchen, sondern um das übernatürliche Brot, das wir Christen in der Kommunion empfangen.

Meines Wissens hat zum ersten Mal Papst Benedikt XVI in seinem Buch «Jesus von Nazareth - Erster Teil» diesen Gedanken aufgegriffen (Seite 189), erläutert und für gut befunden. - Ebenfalls gut erklärt diese Übersetzung Eckhard Nordhofen in: Corpora. Die anarchische Kraft des Monotheismus. Herder, Freiburg 2018.

Diese Neu-Deutung der Vaterunser-Bitte um das tägliche Brot wird mittlerweile kaum noch angezweifelt. Dennoch dürfte eine Abänderung des Vaterunser-Textes nicht anstehen: Immerhin hat sich die bisherige Übersetzung über Jahrhundert gehalten und ist in fast allen Sprachen dieser Welt übernommen worden.

5. Bitte: Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Als einzige Bitte im Vaterunser enthält diese Bitte einen Rückbezug zu unserem eigenen Verhalten, weshalb sie manchmal als «Bumerang-Bitte» bezeichnet wird. Wenn wir Gott um eine großzügige Vergebung unserer Sünden bitten, verpflichten wir uns dazu, uns ebenso zu verhalten.

Tatsächlich wird diese Bitte genauso gesehen und von der vollkommenen Barmherzigkeit Gottes auf die Pflicht geschlossen, ebenso barmherzig zu handeln. Bei Lukas heißt es: «Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist.» - Lk 6,36.

Die göttliche, wahre Barmherzigkeit besteht nämlich nicht in einer unterschiedslosen Amnestie, die alles und jeden freispricht. Deshalb darf diese Bitte auch im umgekehrten Sinne verstanden werden: So, wie Ihr bei den Sündern vor jeder Vergebung Reue, Umkehr und Vertrauen erwartet, so vergibt Gott auch Euch. Gottes Vergebungsbereitschaft ist unendlich, wie Jesus in der Geschichte vom verlorenen Sohn (Lk 15,11–32) deutlich macht - oder im Gleichnis in Mt 18,15-22, in der die unvorstellbare Schuld von zehntausend Talenten vergeben wird. Aber aus der unendlichen Vergebungsbereitschaft wird erst dann wirkliche Vergebung, wenn der verlorene Sohn zurückkehrt - oder der Knecht im Gleichnis bei Matthäus sich der Vergebung entsprechend verhält.

Einige Theologen gehen davon aus, dass bei Matthäus das Verb «vergeben» nicht im Futur, sondern im Aorist steht; es hieße dann nicht: «Wie auch wir vergeben werden» sondern «wie auch wir vergeben haben» oder «im Begriff zu sind zu tun». Gott misst also Sein Verhalten an dem von uns zuvor selbst angelegten Maßstab.
Bei dieser Deutung habe ich allerdings leichte «theologische Bauchschmerzen», denn Gott ist «größer als unser Herz» (1 Joh 3,20) und vergilt uns nicht nach dem einfachen «wie du mir, so ich dir»-Schema.

Wie auch immer das «so - wie wir» gedeutet wird: Wir fordern nicht Gott auf, Vergebung anzubieten. Wir bitten darum, dass Gottes Vergebungsbereitschaft uns verwandelt.

6. Bitte: Und führe uns nicht in Versuchung

Manchmal taucht ganz unvermittelt eine Diskussion zu kirchlichen Themen auf, die sogar von den profanen Medien aufgenommen wird. Welche großartige Chance, vom Glauben zu reden! - ist doch das Interesse an religiösen Themen ansonsten eher gering.

So kam 2017 die Frage auf, wie die Vaterunser-Bitte »...und führe und nicht in Versuchung« korrekt übersetzt werden müsse. Ausgehend von einer neuen Übersetzung im Französischen, wurden (auch von Papst Franziskus) die unterschiedlichen Akzente zum Beispiel in der (klassischen) deutschen Übersetzung und der (geglätteten) spanischen Übertragung gegeneinander gehalten. Es ging um die Frage, ob Gott die Menschen gelegentlich aktiv in Versuchung führt und wir deshalb darum bitten sollte, dass er dies lieber nicht tun solle. Oder ob Gott niemanden in Versuchung führt, und es deshalb besser heißen solle, er möge uns in der Versuchung nicht verlassen. (Die italienische Übersetzung ist mittlerweile dahingehend geändert worden und bittet jetzt nicht um Bewahrung vor, sondern Beistand in der Versuchung.)

Das Wesen des Bittgebetes

Wenn wir einem Menschen gegenüber eine Bitte äußern, so ist das etwas gänzlich anderes, als wenn wir Gott gegenüber ein Bittgebet formulieren. Einen Menschen müssen wir unter Umständen über unser Bedürfnis informieren (»Mama, ich habe Hunger!«) oder ihn durch unsere Bitte dazu bewegen, auf mich zu achten (»Bitte, hör doch auf meinen Magen!«) oder von seinem ursprünglichen Plan abzusehen und dann doch auf unsere Bitte einzugehen (»Bitte, gib mir doch etwas zu essen; danach kannst Du immer noch Deine Ziele verfolgen!«). Alle diese Motivationen verbieten sich selbstverständlich für das Gebet, das sich an Gott richtet: Er weiß bereits, dass wir ein Bedürfnis haben (Mt 6,8: »...denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet.«), wir müssen Ihn auch nicht durch unser Gebet bewegen oder von Seinen ursprünglichen (bösen?) Plänen abbringen.

Deshalb führt es in die Irre, wenn wir einer jeden Bitte unterstellen, sie ginge von einem jeweils gegensätzlichem Gedanken aus. Wir bitten Gott nicht, uns von dem Bösen zu erlösen, weil er es sonst nicht tun würde. Wir bitten nicht um das tägliche Brot, weil Gott unseren Hunger vielleicht vergessen oder übersehen würde. Wir bitten auch nicht um die Vergebung der Schuld, weil Gott sie uns ohne unsere Bitte belassen würde. Und wir bitten auch nicht darum, dass Gott uns nicht in Versuchung führt, weil das sein ursprünglicher Plan gewesen wäre. Ein solches Verständnis von Bittgebet ist ebenso absurd wie das dahinter liegende Gottesbild.

Vielmehr hat Jesus uns das Vaterunser-Gebet gelehrt, weil er uns zeigen wollte, worum wir »in rechter Weise bitten sollen« (Röm 8,26). Es geht also auch beim Bittgebet um uns. Wir sollen uns durch unser Gebet ändern – nicht wir ändern Gott oder sein Verhalten. In der Bergpredigt, in der Jesus (Matthäus zufolge) uns das Vaterunser beten lehrt, steht der veränderte Mensch im Zentrum der Predigt. Wir sollen uns und unser Verhalten überdenken und ändern. Wenn Jesus also sagt: »So sollt ihr beten: Unser Vater im Himmel, geheiligt werde dein Name...« dann nicht als Gebrauchsanweisung, um Gott effektiv in Bewegung zu setzen, sondern zur Selbst- und Neu-Ausrichtung des glaubenden Menschen.

Die Versuchung der Versuchung

Es mag ein wenig überraschend klingen. Aber sich in der Versuchung zu bewähren, kann selbst eine Versuchung sein. Es liegt in der Natur des Menschen, sich und seine Erkenntnis und Beziehungen der Erprobung auszusetzen.

Jemand, der sich in einer Diskussion befindet und ein neues Argument entwickelt, brennt darauf, es zu erproben: Trägt es? Klärt es den Konflikt? Hält es anderen Argumenten gegenüber stand? - Und so erwartet er sehnlichst den nächsten Streit.
Ein Forscher, der ein Ergebnis eines Experimentes zur Untermauerung seiner eigenen Theorie entdeckt, kann es oft kaum abwarten, diese Entdeckung der Forschergemeinde vorzustellen und zur Diskussion zu stellen. Es soll, ja es muss geprüft werden: Stützt es wirklich die Theorie? Lässt es sich wiederholen? Ist das Ergebnis wirklich aussagekräftig? Können Einwände entkräftet werden?
Jemand, der eine Liebesbeziehung geschenkt bekommt, möchte zeigen, wozu er bereit ist. Die Sehnsucht, sich gegen alle Umstände für den Partner einzusetzen und sogar Leib, Besitz und Leben zu riskieren und dem oder der Geliebten (und auch aller Welt) die eigene Liebe zu beweisen, ist der Grund aller romantischen Literatur. Diese Sehnsucht kann sogar soweit gehen, dass widrige Umstände geradezu gesucht werden, um sich gegen sie zu behaupten: Ein Phänomen nicht nur in der Pubertät.

Das gilt auch für die religiöse Überzeugung - in jeder der vorgenannten Hinsichten. Sowohl Argumente für den Glauben, die eigene gläubige Weltsicht als auch die liebevolle Beziehung zum menschgewordenen Gott drängen dazu, sich der Probe auszusetzen. In Zeiten der frühen Christenverfolgungen haben sich ganze Dörfer frisch bekehrter Christen aufgemacht, um in den Städten den Christenverfolgern zu begegnen (siehe J. H. Newman, »Callista«).

So sollt ihr beten: Führe uns nicht in Versuchung!

In diese historische und allgemeingültige Wirklichkeit hinein spricht Jesus also davon, nicht um Versuchung zu bitten. Vielmehr sollt ihr beten: »und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen!« Die Weise der christlichen Existenz ist nicht die Konfrontation mit den Widerständen und die Bestätigung der eigenen Größe (der Argumente – der Weltsicht – der Gottesbeziehung). Sucht nicht die Probe Eurer Argumente (»Wenn man euch vor Gericht stellt, macht euch keine Sorgen, wie und was ihr reden sollt; denn es wird euch in jener Stunde eingegeben, was ihr sagen sollt.« Mt 10,19); sucht überhaupt nicht die Versuchung! Bittet vielmehr darum, dass Ihr erlöst werdet. Das soll der Inhalt Eures Gebetes sein!

Klärung des Inhaltes oder Klärung der Übersetzung?

Nun haben natürlich diejenigen recht, die darauf hinweisen, dass alles dies den Hörern und Betern des Vaterunsers nicht immer klar ist. Moderne Menschen hören bei dieser Vaterunser-Bitte heraus, Gott möge uns nicht zum Bösen verführen; so mancher Beter wird diese Bitte vielleicht als Abwehr vor bösen und verführerischen Tendenzen Gottes verstehen. Aber die Frage, ob das nicht Grund genug sei, die Bitte treffender zu übersetzen, führt dennoch in die Irre. Eine Neu-Übersetzung der Bitte mag das Missverständnis, wir wollten Gott mit unsere Bitte davor bewahren, Böses zu tun, zwar umgehen. Ausgeräumt ist dieser Gedanken dadurch ja noch lange nicht; noch weniger wird die Gelegenheit genutzt, ein grundlegende Kurzkatechese zum Gebet zu formulieren. Genau das aber ist die Chance aller »Stolpersteine« unseres Glaubens (wie z.B. auch das »pro multis« im Hochgebet): Wir können auf Fragen hoffen, deren Antwort erwartet wird. Ein kostbares Gut in heutiger Zeit; denn allzuoft wird Falsches ungefragt geglaubt und Gutes fraglos verworfen.

7. Bitte: sondern erlöse uns von dem Bösen.

In der letzten Bitte geht es wiederum nicht darum, Gott aufzufordern, dem Bösen in der Welt nun endlich ein Ende zu bereiten. Vor allem nicht deshalb, weil wir Menschen der nicht endenden Versuchungen müde sind. Und auch nicht mit dem Verweis auf das Leid, das viele Menschen zu Unrecht trifft und das Gute in der Welt immer wieder niederringt.

Auch in dieser Bitte geht es um den Menschen und seine innere Neuausrichtung. Herr, erlöse uns von dem Bösen in uns - damit wir in der Versuchung standhaft bleiben. Herr, verwandle mich mit Deiner Gnade, damit ich dem Bösen nicht nachgebe und den Leidenden helfe, Ungerechtigkeit entgegentrete und das Übel beim Namen nenne. Und selbst diese Bitte um das Handeln setzt voraus, dass ich mit Gottes Wirken in mir mitwirke. Gott wird mich weder mit einem Fingerschnippen in einen Heiligen verwandeln - ohne mein Zutun. Noch wird er Unrecht verhindern, während ich mir nicht die Hände schmutzig machen will. Es gibt ein Heilmittel gegen das Böse in der Welt: Das bin ich und mein freier Wille, Gutes zu tun.

Natürlich vollbringt Gott auch Wunder. Er fügt die nicht nur Dinge, die Schlimmes verhindern, er setzt sich auch gelegentlich über die Kräfte der Natur hinweg. Aber immer auch mit dem Ziel, das Böse in mir - zusammen mit meinem eigenen Mühen - niederzuringen, den Glauben zu stärken und die Liebe zu entzünden.

Um nichts anderes beten wir in jeder Bitte des Vaterunsers.